Taoistische Reflektionen

10.09.2008 um 12:39 Uhr

Südliches Blütenland 18/10 (15)

von: tao

 
Wenn ein Kind geboren wird,
hat es noch kein Denken, mit dem es argumentieren kann.
Es weiß nicht, was ein Argument ist.
Was auch immer du sagst, für das Kind ist es wahr --
und wenn du es wiederholst, ist das Kind hypnotisiert.
Auf diese Weise haben all die Religionen die Menschheit ausgebeutet.
Das Kind muss dazu gezwungen werden, sich an eine Struktur anzupassen,
und ist dieses Muster erst einmal tiefverwurzelt, kann man nichts mehr machen.
Sogar wenn das Kind dann später seine Religion wechselt, wird sich doch nicht mehr viel ändern.
Schau dir einen Hinduisten an, der ein Christ geworden ist,
nichts hat sich verändert. Im Gegenteil,
sein Christentum wird genau wie sein Hinduismus sein, wegen seiner Basiskonditionierung.
Bekehre einen Hindu zum Christentum
und sein Christsein wird genau wie sein Hinduismus sein.

09.09.2008 um 14:22 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (11)

von: tao

Dschuang Dsi sagt: Natur ist ultimativ,
und diese ultimative Natur nennt er Tao.
Tao bedeutet, dass die Natur ultimativ ist und nicht verbessert werden kann.
Wenn du versuchst, sie zu verbessern, wirst du sie verkrüppeln --
auf diese Weise verkrüppeln wir jedes Kind.
Jedes Kind wird im Tao geboren, dann verkrüppeln wir es
durch die Gesellschaft, die Zivilisation, die Kultur, die Moral und die Religion...
wir verkrüppeln es von jeder Seite her.
Dann lebt es zwar noch, aber es ist nicht mehr lebendig.
Ein kleines Mädchen war auf dem Weg zu einer Party,
das Geburtstagsfest ein Freundin.
Sie war noch sehr klein, erst vier Jahre alt.
Sie fragte ihre Mutter:
Gab es solche Parties und Tänze schon, als du noch lebendig warst?
Je kultivierter und zivilisierter, desto mehr tot.
Wenn du völlig tote Menschen sehen willst, die doch noch leben
dann geh zum Mönch in die Klöster,
geh zu den Priestern in die Kirchen,
geh zum Papst in den Vatikan.
 

08.09.2008 um 22:26 Uhr

Tao 432

von: tao

Wenn du endlich mit einer Frage dastehst, die nicht einmal in dir verbalisiert worden ist
denn wer wird sie noch verbalisieren, wenn das Denken beiseite gestellt worden ist,
dann ist deine ganze Existenz ein Fragezeichen.
 Und wenn diese fundamentale Frage gestellt worden ist
nur dann kann Tao sich dir in seiner Totalität erschließen,
es kann sich in dein Wesen ergießen.
Wenn du eine oberflächliche Frage stellst,
kann natürliche keine fundamentale Antwort gegeben werden,
denn sie wird auf taube Ohren stoßen, auf tote Herzen fallen.
Wenn du eine Frage stellst,
ist die Qualität der Antwort schon dadurch vorherbestimmt.
Ihr seid sehr folgerichtig, konsequent.
Das Tao erschließt sich nur durch etwas Inkonsequenz.
Es bleibt dir verschlossen, wenn du keinen Sinn für Humor hast,
wenn du keinen Witz verstehen kannst.
Die taoistischen Geschichten sind bloß symbolische Erzählungen, an sich schon schön, aber wenn du beginnst, sie in Frage zu stellen, dann werden sie häßlich. Auf diese Weise geht das ganze Mysterium und die Poesie einer Sache verloren; und genau das hat man mit ihnen gemacht. Die ganze Theologie dreht sich ausschließlich um solch unsinnige Fragen.
 
 
 
 

07.09.2008 um 16:22 Uhr

Tao Te King 67 (12)

von: tao

Zuerst, im Sex,
verschwindet der Körper, aber das Denken bleibt.

In der Liebe

verschwindet das Denken, aber der Geist bleibt.

In der Andacht verschwindet auch der Geist

aber das andere, das Tao, bleibt.

Im vierten, dem Turiya, verschwindet sogar Gott.

Nichts bleibt -- oder nur nichts bleibt.

In diesem totalen Leer-Sein

wo alle Dualitäten sich auflösen,

ist Liebe absolut erfüllend.

Liebe ist der Schlüssel zu allen Schätzen.

Liebe ist keine Emotion.

Liebe ist kein Gefühl.

Liebe ist Energie.

 

06.09.2008 um 16:00 Uhr

Südliches Blütenland 17/11 (16)

von: tao


Als der Premierminister
hörte, von der Geheimpolizei,
dass Dschuang Dsi im Kommen war,
dachte er, er müsse wohl in die Hauptstadt kommen, um ihn zu verdrängen. Warum sonst sollte er kommen? Die Leute reisen doch nur deswegen in die Hauptstadt. Wegen nichts anderem geht man in die Hauptstadt. Wegen ihres Ehrgeizes kommen die Leute in die Hauptstädte, auf der Suche nach mehr Ego, nach Identität.Warum sonst sollte er kommen - ein Bettler, ein Aussteiger? Wofür hat er es nötig, in die Hauptstadt zu kommen? Er muss wohl kommen, um sich den Posten des Premierministers zu schnappen, er wird wohl zum König gehen, um ihm zu sagen: Ich bin der richtige Mann für dich. Mach mich zum Premierminister, und ich werde alles, was falsch ist, richtig stellen. Ich werde all deine Probleme lösen. Und dieser Mensch hatte eine Gloriole um sich herum, ein Charisma. Da bekam es der Premierminister mit der Angst zu tun. Premierminister sind immer minderwertig, sie fühlen sich nicht nur so.

05.09.2008 um 14:49 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (26)

von: tao


 

Zum Mars zu fliegen

scheint wichtiger zu sein

als die Armen zu speisen.

Was hat es für einen

Nutzen, den Mars zu

erreichen? Was wirst du

dann tun?

Aber das ist

der ganze Trend des

Denkens.

 

 

04.09.2008 um 15:11 Uhr

Tao 431

von: tao

Um böse zu sein, ist viel Denkkapazität nötig.
 Um bösartig zu sein, muss man an die Zukunft denken,
 man muss mit der Zukunft rechnen.
 Um boshaft zu sein, muss man sehr, sehr viel an die Vergangenheit denken
 -- vergangene Erfahrungen, Möglichkeiten, Unmöglichkeiten --
 und an die Zukunft.
Man muss schlau sein, und clever.
 Um gemein zu sein, muss man ein Schüler von Machiavelli oder Chankya sein.
 Machiavelli schreibt in seinem "Fürst":
 Bevor jemand dich angreift, solltest du ihn attackieren,
 denn das ist die einzige Verteidigung.
 Sogar wenn der andere dich noch nicht attackiert hat, solltest du mißtrauisch sein, und bevor er angreift, greife ihn zuerst an,
 denn das ist die einzige funktionierende Verteidigung.
 Wenn du zuerst angreifst, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass du gewinnst; wenn er zuerst angreift, ist es weniger wahrscheinlich, dass du gewinnen wirst.
Machiavelli sagt: Traue niemandem,
 nicht einmal einem Freund, denn wer weiß,
 der Freund mag am nächsten Tag schon ein Feind werden.

03.09.2008 um 15:35 Uhr

Südliches Blütenland 26/7 (23)

von: tao

Stell dir vor, der ganze Erdboden ist weggenommen worden
 und dir bleibt nur noch der Teil
auf dem du gerade sitzt oder stehst.
Dir wird schwindlig.
 Überall um dich herum siehst du den Abgrund und die Gefahr;
 und die Erde, auf der du noch stehst, kannst du nicht benutzen,
 denn du kannst sie nur verwenden, wenn das Nutzlose damit verbunden bleibt. Das Nutzlose muss da bleiben.
 Was heißt das?
 Dein Leben ist nur Arbeit und kein Spiel geworden.
 Das Spiel ist das Nutzlose, die ungeheure Weite.
 Die Arbeit ist das Nützliche, das Triviale, das Geringfügige.
 Du hast dein Leben komplett mit Arbeit ausgefüllt.
 Immer, wenn du etwas zu tun beginnst 
 ist das Erste, was dir durch den Kopf schießt:
 Was hat das für einen Nutzen?
 Und wenn da irgendein Nutzen ist, dann tust du es.

02.09.2008 um 14:05 Uhr

Südliches Blütenland 17/3 (11)

von: tao


Man sagt: Zuviel Vertraulichkeit schadet nur,

aber es ist nicht so, dass Vertrautheit Verachtung erzeugt --

Vertrautheit macht dich gelangweilt,

die Verachtung ist schon immer da gewesen, nur eben versteckt.

Sie kommt hoch, sie wartete nur auf den richtigen Moment

die Saat war da.

Das Denken trägt immer den Gegensatz in sich,

und dieser Gegensatz geht in das Unbewußte hinein

und wartet auf seinen Moment, um hochzukommen.

Wenn du genau hinschaust, wirst du das in jedem Augenblick spüren.

Wenn du zu jemandem "Ich liebe dich" sagst,

dann schließe deine Augen, sei meditativ und spüre nach --

gibt es da irgendeinen versteckten Hass? Du wirst ihn fühlen.

Sonstige

01.09.2008 um 22:53 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (25)

von: tao



Dies ist die einzig mögliche Existenz. 
Es gibt keine andere Existenz.
Blühe wie die Lilien auf dem Feld,
singe wie die Vögel in den Bäumen,
sei wild wie Wildtiere!
Und höre nicht auf die Vergifter, genieße einfache körperliche Bedürfnisse.
Wie viele Bedürfnisse hast du schon?
Man braucht Essen, man braucht Wasser, man braucht ein Dach über dem Kopf,
man braucht ein liebendes Herz -- das ist alles.
Und wenn da nicht so viele Sehnsüchte wären,
würde die ganze Welt ein Garten Eden werden
in eben diesem Moment.
Wegen dieser Wünsche können wir einfachen Bedürfnissen keine Aufmerksamkeit schenken. Und schau...sogar Tiere können ihre Bedürfnisse erfüllen
aber der Mensch kann sich seine Bedürfnisse nicht erfüllen.
Warum ist der Mensch so armselig?
Nicht weil die Erde arm ist, sondern weil der Mensch verrückt ist,
er steckt mehr Energie in sein Verlangen.