Taoistische Reflektionen

11.10.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 48 (14)

von: tao

 
"Der Student des Wissens strebt danach, Tag für Tag zu lernen,
der Student des Tao ist darauf aus, Tag für Tag zu verlieren."
Wer an Wissen interessiert ist,
dessen ganze Anstrengung ist darauf gerichtet, mehr und mehr und mehr zu wissen.
Man akkumuliert in einem fort,
und je mehr man anhäuft, desto beladener wird man.
Du brauchst dich nur umschauen --
jeder scheint solch eine schwere Last mit sich herumzutragen,
zerquetscht unter seinen eigenen Wissensbergen;
er leidet, aber trotzdem klammert er sich daran
denn er denkt, es wäre etwas Wertvolles.
Wenn du dich selbst beobachtest
wirst du überrascht sein:
Du klammerst dich ständig an deine Agonie;
du hoffst in einem fort darauf
dass eines Tages, irgendwie, irgendwo,
sich die Ekstase ereignen wird,
aber du klammerst dich immerzu an deine Quälerei,
du läßt sie niemals los.
Verrückt

10.10.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (30)

von: tao


 

Mit dem Geld, das Amerika für die Mondlandung vergeudet hat

 hätte ganz Asien ernährt werden können,

all die Entwicklungsländer hätten entwickelt werden können.

Und was hast du erreicht, indem du den Mond erreicht hast?

Die amerikanische Flagge ist nun auf dem Mond -- das ist der Gewinn.

Und da ist niemand, der sie auch nur sehen könnte!

Und nun sind andere Planeten das Ziel.

Der Mond ist bezwungen worden --

nun muss der Mars erobert werden.

Warum dieser Mars-Wahnsinn? Warum die lunare Verrücktheit?

Das englische Wort "lunatic" ist sehr gut und bedeutet irre.

Es kommt von lateinisch "luna", der Mond.

Ein Verrückter ist immer mondsüchtig, vom Mond in den Wahnsinn getrieben.

09.10.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (29)

von: tao

Mulla Nasrudins Frau lag in ihrem Sterbebett

und der Arzt sagte: Nasrudin, ich muss aufrichtig mit dir sein,

in solchen Momenten ist es besser, die Wahrheit zu sagen.

Deine Frau ist nicht mehr zu retten.

Die Krankheit ist schon zu weit fortgeschritten, und du mußt dich darauf vorbereiten.

Quäle dich nicht, akzeptiere es, es ist dein Schicksal.

Deine Frau wird sterben.

Nasrudin sagte: Mach dir keine Sorgen.

Wenn ich mit ihr zusammen so viele Jahre leiden konnte,

dann kann ich es auch noch ein paar Stunden länger aushalten!  

08.10.2008 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (13)

von: tao

Warum reden die Sufis immer vom Wein,

warum reden die Sufis immer von Frauen?

Ihre Frau ist nicht die Frau, die du kennst --

Gott ist die Frau.

Und ihr Wein ist nicht der Wein, den du kennst --

Gott ist der Wein.

Omar Khayam ist mißverstanden worden,

gewaltig mißverstanden worden.

Wegen Fitzgerald

ist er überall in der Welt mißverstanden worden.

Omar Khayams "Rubaiyat"

scheint zum Lob von Wein, Weib und Gesang geschrieben worden zu sein;

aber das ist es überhaupt nicht.

Omar Khayam ist ein Sufi, ein Mystiker.

Er redet von dem Wein, der durch Tao kommt;

er redet von dem Wein, in dem du verloren gehst,

für immer und ewig.

07.10.2008 um 23:59 Uhr

Tao 437

von: tao

Weil er erwidert, deswegen

wird ein Mensch mit Verständnis

immer widersprüchlich empfunden

werden,

inkonsistent, ungereimt,

denn, was kann er schon tun?

Er trägt die Vergangenheit nicht mit

sich herum,

seine Antworten kommen nicht aus

seiner Vergangenheit,

seine Antworten kommen

eben jetzt in genau diesem Moment

aus seinem Sein.

Und jeden Moment ändert sich eben

die Welt,

sie ist im Fluss,

wie kann also eine alte Antwort noch

einmal gegeben werden?

Sogar wenn die Worte alt zu sein

scheinen

kann doch die Antwort nicht alt sein.

06.10.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 1 (30)

von: tao

Fröhlich
 
Versuche nicht, ein Heiliger zu sein
sonst wird deine Heiligkeit nicht wirkliche Heiligkeit sein --
dein Stolz darüber wird alles häßlich machen.
Viele Male haben Sünder das Göttliche erreicht
und Heilige haben es verfehlt. Denn Sünder sind immer bescheiden;
weil sie sich selbst für Sünder halten, können sie nichts für sich beanspruchen.
 
 

05.10.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 48 (13)

von: tao

Man kann immer weiterkämpfen,
aber es ist und es bleibt unmöglich, dass man jemals das Ganze bezwingen könnte. Man wird immer den Kürzeren ziehen, und das ist die Hölle,
immer besiegt zu sein, immer zu verlieren,
immer ein Versager zu sein.
Und Lao-tse sagt:
Wissen ist die einzige Sünde.
Und all diejenigen, die erwacht sind
sagen aus ihrer inneren Unschuld heraus das gleiche.
Gib das Wissen auf,
und werde unschuldig,
wieder kindgleich.
Gewinne deine verlorene Kindheit wieder,
und plötzlich bist du ein Weiser geworden, ein Mensch des Tao.
Nichts fehlt mehr.
Außer dieser Sehnsucht, etwas anderes zu werden.
Nichts versperrt dir deinen Weg.

04.10.2008 um 23:08 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (14)

von: tao

Es hat schon Juden gegeben, die gingen nachts ins Bett
in der Hoffnung, dass dies die letzte Nacht sein würde,
dass nämlich am Morgen der Messias da sein würde.
Ich habe von einem Rabbi gelesen, der zu seiner Frau zu sagen pflegte:
Wenn er in der Nacht kommen sollte, dann warte keine einzige Minute,
wecke mich sofort auf.
Der Messias ist immerzu im Kommen, er kann jeden Moment kommen.
Ich habe von einem anderen Rabbi gelesen
dessen Sohn dabei war, sich zu verheiraten,
also verschickte er Einladungen zur Hochzeitsfeier an Freunde
und auf die Einladungen schrieb er:
Mein Sohn wird in Jerusalem heiraten
an dem und dem Tag,
aber wenn der Messias bis dahin noch nicht gekommen ist,
wird mein Sohn in diesem Dorf, Korz, heiraten.
Wer weiß? Bis es soweit ist, dass die Heirat stattfinden soll,
mag der Messias schon gekommen sein. Dann werde ich nicht mehr hier sein,
ich werde natürlich in Jerusalem sein, und feiern.
Wenn er also noch nicht gekommen ist, wenn das Datum der Hochzeit herangerückt ist, nur dann wird sie hier in diesem Dorf abgehalten werden,
ansonsten wird sie natürlich in Jerusalem stattfinden.
So haben sie gewartet und gewartet, und geträumt.

03.10.2008 um 17:57 Uhr

Südliches Blütenland 1 (17)

von: tao

Wenn du dich nach außen begibst
wird sich dein inneres Wesen wie ein Niemand anfühlen.
Wenn du nach innen gehst
wirst du das gleiche Niemand-Sein spüren, als ob es alles wäre.
Das ist der Grund, warum Buddha sagt:
Shunya, die absolute Leere, ist Brahman.
Niemand zu sein bedeutet, zu realisieren, dass du alles bist.
Die Erkenntnis, dass du jemand bist
entspricht der Feststellung, dass du nicht alles bist.
Und nichts, was weniger als alles ist, wird dir helfen.
Also geht der taoistische Weg nach innen,
man kämpft nicht mit diesem Niemand-Sein,
man versucht nicht, dieses Leer-Sein zu füllen,
sondern man verwirklicht es und wird eins damit.
Sei das leere Boot und dann sind all die Meere dein.
Dann kannst du dich in das Unerforschte hineinwagen,
dann gibt es kein Hindernis für dieses Boot,
niemand kann seinen Weg blockieren. Keine Seekarten sind nötig.

02.10.2008 um 22:34 Uhr

Tao Te King 47 (24)

von: tao

Geh zu einem Menschen mit Bildung
und du wirst den Staub um ihn herum schmecken.
Er mag sehr sehr alt aussehen, uralt, fast schon im Grab,
aber du wirst nicht die Frische finden
die Teil des Lebens ist.
Du wirst ncht sehen
dass ein lebender Fluss ihn durchströmt
fließend, immer in Bewegung in das Unbekannte hinein.
Wissen ist eine Beschränkung,
wie weit es auch immer geht, trotzdem eine Begrenzung.
Das ist der Grund, warum Sokrates sagt:
Als ich jung war
dachte ich, ich wüßte alles.
Als ich ein wenig reif wurde
begann ich, argwöhnisch zu werden,
und dann kam ich zu der Erkenntnis,
dass ich doch nicht so viel weiß.
Als ich wirklich alt wurde
realisierte ich, dass ich überhaupt nichts weiß.
 
 

01.10.2008 um 13:38 Uhr

Tao 437

von: tao

Ein Bettler sitzt auf der Straße, du gehst vorbei;
und irgendetwas in dir zieht sich zusammen.
Das ist das Ego,
das sich verletzt fühlt.
Du empfindest Mitgefühl -- oder du spürst kein Mitgefühl,
du ignorierst ihn bloß.
Ignorieren ist Ego, Mitgefühl empfinden ist auch Ego;
in beiden Fällen ist das Ich da.
Natürlich ist Mitgefühl ein besseres Ego,
polierter, in gewisser Hinsicht vergoldet,
aber es ist auch ein Ego.
Der Mensch, der den Bettler ignoriert, mag ein sehr sehr gewöhnliches Ego haben,
nicht fromm,
nicht religiös,
unkultiviert,
aber er hat ein Ego,
und die Egos sind die gleichen,
ob du Mitgefühl empfindest oder ob du wegschaust,
du als Ego bist da.