Taoistische Reflektionen

11.12.2008 um 18:14 Uhr

Tao Te King 9 (21)

von: tao

Wenn ein Mensch total ist, ist er alles
links, rechts, Mitte
und alle anderen Positionen dazwischen.
Er ist alles,
die ganze Bandbreite.
Er ist ein Regenbogen. Das ganze Spektrum
der Farben ist in ihm,
aber er ist mehr als dieses Spektrum --
er ist eine Harmonie davon.

10.12.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 15 (19)

von: tao


Ein alter Mensch ist wie ein schneebedeckter Gipfel im Gebirge, schweigsam.
Der Sturm hat sich gelegt. Alles, was zu wissen nötig war,
hat er kennengelernt,
nichts ist mehr übrig, was er wissen sollte.
Das Ego ist irgendwo unterwegs abgefallen
denn es wurde zur Last,
und mit dem Ego und dieser Bürde kannst du solch einen Gipfel
nicht erreichen.
Wenn man sich Richtung Gipfel bewegt
muss man alles nach und nach zurücklassen, Stück für Stück,
und der letzte Gipfel ist, wenn du dich selbst auch zurückläßt.
Du erreichst den Gipfel als ein Nicht-Sein
denn sogar das Sein wird zur Last auf den letzten Stufen des Lebens.
Der Osten respektiert das Alter.
Und wenn du das Alter respektierst,
respektierst du die Vergangenheit,
also hat der Osten eine nostalgische Beziehung zur Vergangenheit.
Nun zum Text:
"Die Weisen des Altertums hatten subtile Weisheit
Und ein tiefes Verstehen."
"Die weisen Menschen in alter Zeit...."
Im Osten sind es immer die Alten, die Uralten, die weise sind,
und man empfindet eine Bescheidenheit
sich selbst und der Gegenwart gegenüber.
Wie kannst du weiser als dein Vater sein?

09.12.2008 um 21:49 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (16)

von: tao

Was tut so ein Buddha eigentlich?
Er ist ein Kunsthandwerker, er macht Götter aus Menschen.
Genau wie ein Bildhauer hämmert er ständig an dem Stein herum,
schneidet dieses und jenes Stück weg,
wirft alles weg, was unwesentlich ist --
dann ist nach und nach ein Bild zu entdecken.
Es war schon da gewesen.
Bevor der Künstler mit seinem Meißel und Hammer begann
war es schon da, aber das Unwesentliche war auch noch da.
Das Unwesentliche muss abgebrochen und weggeworfen werden
so dass das Wesentlich herauskommt und entdeckt wird.
Was macht ein Buddha also?
Du  bist wie ein Stein;
er wird ständig mit seinem Meißel und Hammer an dir arbeiten,
er wird das Unwesentliche wegmeißeln,
und dann kommt das Wesentliche hervor in seiner ganzen Glorie.
Dann wird das Wunderbare geboren,
dann dringt die andere Welt in diese Welt ein.

08.12.2008 um 23:38 Uhr

Südliches Blütenland 24/8 (19)

von: tao


Man sagt: Wenn ein Politiker Ja zu etwas sagt,
heißt das Vielleicht; wenn er vielleicht sagt, bedeutet das Nein.
Und wenn er Nein sagt, ist er überhaupt kein Politiker.
Was auch immer ein Politiker sagt, das meint er nie und nimmer;
was auch immer er meint, das sagt er niemals.
Und durch einen Politiker kannst du dich selbst verstehen
denn er ist bloß ein vergrößertes Bild von dir.
Der Führer ist bloß ein vergrößertes Bild des Mitläufers
und es ist immer leicht,
die Dinge in einem Vergrößerungsbild zu sehen.
Mit einem Vergrößerungsglas kannst du es sehen.
Es ist gut, den Versuch zu unternehmen,
die Anführer der Menschen zu verstehen
denn sie sind die großen Affen.
Und du denkst, du folgst ihnen?
Grundsätzlich, tief untergründig, folgen sie dir.
Ein Anführer ist immer ein Nachfolger seiner eigenen Nachfolger
denn er muss immer ein Auge darauf haben,
wohin du gerade gehst,
was du gerade tust.
Er muss es schon schon vorher wissen,
wohin der Wind gerade weht
so dass er dir immer einen Schritt voraus sein kann.

07.12.2008 um 16:26 Uhr

Tao Te King 16 (16)

von: tao

In einer Beziehung kommt man durch den anderen dazu,
seine Wut, seine Gier, seine Eifersucht, seinen Ärger
und seinen Besitzanspruch kennenzulernen,
aber auch sein Mitgefühl, seine Liebe
und tausende von Stimmungen seines Wesens.
Vielen Klimaschwankungen begegnet er durch den anderen.
Nach und nach kommt ein Moment,
wo er nun allein sein kann;
er kann seine Augen schließen
und sein eigenes Bewußtsein direkt kennenlernen.
Das ist der Grund, warum Meditation für Leute,
die niemals geliebt haben, sehr, sehr schwierig ist.
Wer intensiv geliebt hat
kann tiefgehend meditieren;
wer in einer Beziehung geliebt hat
ist nun in einer Position, durch sich selbst zu sein.
Nun ist er reif geworden,
nun ist der andere nicht mehr nötig.
Wenn der andere da ist, dann kann er sich mitteilen,
aber die Notwendigkeit dafür ist verschwunden;
nun gibt es keine Abhängigkeit mehr.

06.12.2008 um 23:28 Uhr

Tao 458

von: tao

Selbstmörder begehen ihren Selbstmord
in einer Form von Wahnsinn.
Sie haben so die Nase voll, sie tun das in einem einzigen Moment,
und sie haben keine Chance,
noch einmal ihre eigene Entscheidung zu revidieren.
Es bleibt ihnen keine Zeit. Sie springen.
Im Ozean mögen sie dann noch leiden
und vielleicht fangen sie dann an zu weinen, zu schluchzen
und zu schreien: "Rettet mich!"
aber nun ist es zu spät.
Ihr ganzes Wesen würde gerne zum Leben zurückkehren.
Und bald werden sie zurück sein, in einem Mutterleib.
Das ist kein Selbstmord,
ein temporärer Selbstmord ist kein Selbstmord.
Du wirst wieder zurück sein in einem anderen Mutterschoß,
und, schlimmer als das,
das Begehen eines Selbstmords wird um dich herum sein,
es wird ein Karma werden. Es wird wie ein dunkler Schatten sein,
eine Düsternis um dein Gesicht herum, um dein Wesen herum.
Du wirst im Leben umhergehen, eingehüllt in Tod.
Das würde nicht gut sein.
Der Taoismus kann dir totalen Selbstmord erlauben,
er gestattet ihn dir;
das ist alles, worum es geht, das ist alles, was er tut --
er propagiert totalen Selbstmord.

05.12.2008 um 23:46 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (14)

von: tao


Wenn du die Natur zerstören willst
dann verdamme den Sex, verurteile die Liebe,
erzeuge Moralkonzepte um das Leben herum.
Diese Moralvorstellungen,
wie schön sie auch immer ausschauen,
werden wie Marmorgräber sein
und du wirst in ihnen begraben sein.
Irgendein Trunkenbold mag denken,
dass du weißt, was Leben ist,
dass du zu leben weißt, nur wegen deiner prächtigen Gruft,
aber jeder, der bei Sinnen, in seinem Bewußtseinszustand ist
ist nicht imstande, dich auch nur lebendig zu nennen.
Deine Moral ist eine Art von Tod:
Bevor der Tod dich erwischt,
tötet dich schon die Gesellschaft.
Das ist der Grund,
warum Dschuang Dsis Botschaft höchst gefährlich ist,
höchst revolutionär, höchst rebellisch --
denn er sagt:
Lass der Natur ihren Lauf! Und setze der Natur kein Ziel.
Wer bist du, dass du Ziele und Zwecke aufstellst?
Du bist bloß ein winziger Teil, eine klitzekleine Zelle.
Wer bist du, dass du die Ganzheit zwingen willst,
nach deiner Pfeife zu tanzen?
Dies ist höchst gefährlich für Leute, die religiös sind,
für Leute, die moralistische Puritaner sind.
Dies ist eine höchst gefährliche Botschaft.
Dies bedeutet, all die Barrieren zu zerbrechen,
der Natur den Ausbruch zu gestatten -- gefährlich ist das.

04.12.2008 um 23:43 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (15)

von: tao

Das ganze jüdische Denken ist besessen gewesen vom Kommen
des Messias.
Aber immer,
wenn der Messias kommt,
verneinen sie ihn sofort.
Dies muss
verstanden werden.
Auf diese Weise funktioniert das Denken:
Du wartest auf
die Glückseligkeit,
auf die Ekstase,
und immer,
wenn sie kommt,
verneinst du sie,
dann drehst du ihr einfach den Rücken zu.

03.12.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland: Die Flucht vor dem Schatten (17)

von: tao

Leute, die etwas unterdrückt haben
sitzen also immer auf diesen unterdrückten Sachen
und sie haben immer Angst.
Sie können sich nicht entspannen.
Warum ist Entspannung so schwierig geworden?
Warum kannst du nicht schlafen?
Warum kannst du dich nicht entspannen?
Warum kannst du dich nicht gehen lassen?
Weil du so viele Dinge unterdrückt hast.
Du  hast Angst, dass sie, wenn du dich entspannst, hochkommen werden.
Deine sogenannten religiösen Menschen
können sich nicht entspannen.
Sie sind verspannt, und die Spannung kommt so zustande:
Sie haben etwas unterdrückt, und du sagst: Entspanne dich!
Sie wissen, wenn sie sich entspannen,
wird der Feind nach oben kommen.
Sie können sich nicht entspannen.
Sie haben Angst vor dem Einschlafen.
Geh zu deinen Gurus,
die haben mehr Angst vor dem Schlaf
als vor irgendetwas sonst.
Und sie denken insgeheim, dass sie eines Tages
fähig sein werden, überhaupt nicht zu schlafen.
Sie reduzieren ihren Schlaf ständig
von acht Stunden auf sechs,
von sechs auf fünf, von fünf auf drei, und dann auf zwei.

02.12.2008 um 23:59 Uhr

Tao 457

von: tao


Lies die taoistischen Reflektionen,
als wenn du ein Gedicht lesen würdest,
eine andere Dimension;
versuche nicht, es zu interpretieren,
übersetze es nicht in dein Denken, lies einfach.
Versuche, achtsamer zu sein,
versuche nicht, intelligenter zu sein.
Versuche bewußter zu sein,
so fehlt dir gar nichts.
Und eines Tages --
und dieser Tag ist nicht unvorhersagbar,
niemand kann sagen, wann --
wirst du eingestimmt sein.
Und plötzlich,
verschwindet die Nacht.
Sie ist niemals da gewesen.
Sie war bloß illusorisch.
Als  Buddha ankam, wurde er gefragt: Was hast du erreicht?
Er sagte: Nichts.
Ich habe gar nichts erreicht.
Traurig

01.12.2008 um 23:59 Uhr

Nan Huan 3

von: tao

Zielorientierte Leute können nicht einfach nur religiös sein -- Taoismus ist unverständlich für sie, Tao ist nicht ihre Freude, taoistisch ist nicht ihre Seinsweise; es ist allenfalls ihre Sehnsucht, es ist wieder tief drinnen ein Egotrip. Es ist das Ego, das das Paradies erzeugt.
Die Chinesen sind niemals spirituell in dem Sinn gewesen, wie die Inder spirituell waren. Sie sind niemals sehr zielorientiert gewesen, in dem Sinn, wie Juden immer zielorientiert gewesen sind, immer auf der Suche nach dem verheißenen Land. Das verheißene Land ist hierjetzt und seit dreitausend Jahren haben sie gesucht und gesucht. Die Suche begann mit Moses und sie dauert immer noch an, und sie wird weitergehen. Sie warten immer auf das Kommen des Messias. Es ist wegen ihres Wartens und Suchens, dass sie Jesus nicht als den Messias akzeptieren konnten, denn wenn er der Messias ist, was  wird dann mit ihrem Warten und Suchen? Wenn er der verheißene Messias ist, was dann? Was werden sie dann tun? Ihr ganzes Lebensmuster ist in der Suche nach einem verheißenen Land verwurzelt, in der Suche nach einem Erretter, Wenn er der Retter ist, dann verschwindet die ganze Freude. Sie können ihn nicht akzeptieren aus dem einfachen Grund, dass sie ihr Sehnen und ihr Träumen und ihr Werden fortsetzen möchten. Die Chinesen sind in gewisser Weise ein ganz anderes Volk gewesen.
Das erste, was es beim Taoismus zu verstehen gibt, ist: Er ist nicht zielorientiert. Er ist ein Weg, das Leben hierjetzt zu leben; er hat nichts mit einem zukünftigen Leben zu tun, mit irgendeinem Paradies. Er ist im gewöhnlichen Sinn kein weiterer Zweig der Spiritualität. Er ist weder spirituell noch materialistisch; er ist eine Transzendenz von beidem. Er ist nicht jenseitsorientiert, er ist auch nicht diesseitsorientiert, sondern er ist eine großartige Synthese.