Taoistische Reflektionen

11.01.2009 um 21:46 Uhr

Tao 468

von: tao

Wenn du dich total hilflos fühlst, ist das gut, dann bist du gesegnet. Total hilflos sein heißt, in Gottes Hand zu sein. Wenn du immer noch das Gefühl hast, dass durch deine eigene Anstrengung ein bißchen Hilfe möglich ist, dann wird Gott unerreichbar sein.
Da gibt es eine schöne Geschichte:
Krischna war gerade dabei, sein Mittagessen einzunehmen, er hatte damit begonnen, er hatte einen Bissen genommen und kaute noch -- aber plötzlich sprang er auf und rannte zur Tür.
Rukmani, seine Frau, sagte: "Was tust du denn, mein Herr? Wohin gehst du? Was soll die Eile? Das ist so plötzlich!"
Da blieb Krischna an der Türe stehen, wartete einen Moment, kam zurück, schaute sehr traurig, setzte sich wieder hin und begann zu essen.
Rukmani war jetzt noch mehr durcheinander. Sie sagte: "Nun hast du mich noch mehr durcheinander gebracht. Warum sprangst du so plötzlich auf, um zur Türe zu gehen und warum kamst du zurück? Du sprangst auf, als wenn das Haus in Flammen stehen würde. Ich sehe nicht, dass irgendwo irgendetwas passiert ist. Und warum bist du zurückgekommen, wenn tatsächlich doch etwas passiert ist?"
Krischna sagte: "Da war etwas. Einer meiner glühenden Verehrer geht gerade auf der Erde durch eine bestimmte Stadt. Und er singt dabei mein Lied, spielt auf seiner Laute dazu und tanzt auf der Straße -- aber Leute werfen Steine auf ihn und Blut fließt ihm von der Stirne. Er hatte überhaupt nicht darauf reagiert, er war absolut still, völlig zentriert, ganz und gar hilflos. Ich wurde gebraucht, es war nötig, dass ich ihm sofort zur Hilfe komme."
Und Rukamani sagte: "Warum bist du denn dann von der Türe zurückgekommen, wenn du so dringend benötigt wurdest?"
Krischna sagte: "Es war dann nicht mehr nötig. In dem Moment, in dem ich die Türe erreichte, hatte er schon einen Stein in die Hand genommen. Nun hilft er sich also selbst. Meine Hilfe ist nicht mehr nötig."
Das ist ein schönes Gleichnis.

10.01.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 45 (16)

von: tao

Traurig
Ein junger Mann sagte
er sei von seiner Stiefmutter aufgezogen worden
und er fühle immer noch sehr viel Wut auf sie.
Er könne ihr nicht vergeben,
er könne sie nicht vergessen,
und bevor dieser Konflikt nicht gelöst sei
wäre er nicht imstande,
sich in Meditation zu versetzen --
denn sogar in den Meditationen denke er
an seine Stiefmutter
wie schlecht sie sich ihm gegenüber verhalten habe,
wie tief verletzt er sich immer noch fühle.
Er trage eine Wunde mit sich herum und frage sich, wie er diese Wunde heilen könne.
Erstaunlicherweise geschieht dies immer,
wenn eine Person bei einer Stiefmutter gelebt hat,
aber keine Stiefmutter scheint zorniger zu sein
als andere Mütter;
wirkliche Mütter sind sogar wütender als Stiefmütter
und reale Mütter schlagen ihre Kinder mehr
als Stiefmütter.
Sie können sich das leisten.
Warum dann dieser große Unterschied?
Es gibt einen Unterschied:
Die wirkliche Mutter liebt auch,
und diese Liebe transformiert die Qualität der Wut.
Wenn sie wütend ist und zuschlägt, weiss das Kind, dass sie auch liebt.
Tatsächlich kommt das Kind nach und nach
zu der Überzeugung
dass sie nur hart zuschlägt, weil sie liebt.
Wenn eine Stiefmutter schlägt,
ohrfeigt oder beschimpft,
dann geht das sehr tief und tut weh,
und wird das ganze Leben lang
wie eine Wunde bleiben.
Was ist da los?
Die Beleidigung, die Rage, die Wut einer Stiefmutter ist kalt. Sie liebt nicht.
Nur das Fundament ist da;
es steht kein Gebäude darauf.

09.01.2009 um 23:59 Uhr

Tao 467

von: tao


Totaler Selbstmord bedeutet nicht mehr zurückzukommen,
und das ist nur möglich durch tiefe Meditation.
Ein Punkt kommt, wenn alles Verlangen wirklich verschwindet.
Wenn du nicht mehr das Verlangen hast, irgendetwas zu tun,
dann ist das nicht wahr.
Wenn jemand dir den Posten des Präsidenten
der Vereinigten Staaten von Amerikan anbietet
-- ohne irgendeine Anstrengung von deiner Seite,
ohne eine aufwändige Wahlkampagne,
ohne Wahlkampf, bloß eine Offerte --
dann wirst du es akzeptieren.
Du hast das Leben noch nicht satt, du bist nur des Kämpfens müde.
Es ist nicht so, dass du in einem Zustand der Wunschlosigkeit bist,
du bist bloß in einem Zustand der Frustration.
Du wolltest es und du konntest es nicht erreichen,
also bist du jetzt frustriert.
Wenn es irgendwie möglich wäre
dass ein Engel Gottes vor dir erscheinen
und zu dir sagen könnte: "Nun bin ich hier und bereit,
jeder Wunsch, den du hast, welcher auch immer, wird erfüllt werden,
sag ihn mir einfach",
dann werden tausend Wünsche sich darum balgen,
dir in den Sinn zu kommen.
Und wenn er dann sagt, dass du nur drei Wünsche auswählen kannst
wirst du in Verlegenheit sein,
für was du dich entscheiden und was du weglassen sollst.
Es wird dich verrückt machen.
Frustration ist nicht Wunschlosigkeit --
denke immer daran, dass alles Negative gefährlich ist.
Jeder empfindet Frustration.
Du kannst keinen Menschen treffen
der nicht zur einen oder anderen Zeit daran gedacht hat,
Selbstmord zu begehen --
das Leben ist solch ein Kampf.

08.01.2009 um 16:29 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (22)

von: tao

 Eines Tages besuchte der König ein Irrenhaus.

Der Leiter des Irrenhauses eskortierte ihn zu jeder Zelle.

Der König war sehr interessiert

an dem Phänomen des Wahnsinns, er wollte es studieren.

Jeder sollte sich dafür interessieren

denn es ist jedermanns Problem.

Und du brauchst nicht in eine Irrenanstalt gehen,

geh irgendwo hin und studiere die Gesichter der Leute.

Dann studierst du schon in einem Irrenhaus!

Ein Mann schrie und weinte,

und schlug seinen Kopf gegen die Gitterstangen.

Sein Kummer war so tiefgehend,

sein Leiden so herzerweichend,

dass der König darum bat,

die ganze Geschichte erzählt zu bekommen 

wie  es dazu gekommen war,

dass dieser Mann verrückt geworden war. 
Der Anstaltsleiter sagte: 

Dieser Mann liebte eine Frau und konnte sie nicht bekommen,

also verfiel er dem Wahnsinn.

Dann gingen weiter zu einer anderen Zelle.

In ihr stand ein Mann und spuckte auf ein Bild von einer Frau.

Der König fragte: Und was ist die Geschichte dieses Mannes?

Er scheint auch mit einer Frau involviert  zu sein.

Der Superintendent sagte: Es geht um dieselbe Frau.

Dieser Mann verliebte sich auch in sie, und er bekam sie.

Das ist der Grund, warum er wahnsinnig wurde.

Wenn du das bekommst, was du willst, schnappst du über;

wenn du das nicht bekommst, was du möchtest,

drehst du durch.

Das Endergebnis bleibt das gleiche.

Was auch immer du tust, du wirst es bereuen.

Ein Fragment kann niemals erfüllend sein.

Das Ganze ist so groß und das Bruchstück ist so klein

so dass du die Ganzheit

nicht aus dem Fragment ableiten kannst.

Und wenn du dich auf das Bruchstück verläßt

und dein Leben demgemäß ausrichtest,

wirst du immer fehlgehen.

Dein ganzes Leben wird vergeudet sein.

07.01.2009 um 15:54 Uhr

Tao Te King 64 (13)

von: tao

Buddha machte Atembewußtheit zu der einzigen Meditation.
Er nannte sie Anapana-Sati-Yoga:
Das Yoga der Beobachtung
des hereinkommenden und herausgehenden Atems.
Und er sagte: Nichts sonst ist nötig, das genügt.
Und das hat Millionen von Leuten genügt, die Buddha folgten.
Sie wurden immer achtsamer, indem sie den Atem beobachteten.
Wenn du den Atem beobachten kannst,
kannst du alles beobachten,
denn der Atem ist ein sehr subtiles Phänomen.
Du wirst lebendig mit dem ersten Atemzug --
das ist Leben. Die Hindus nennen es Prana
denn es ist das fundamentalste Leben;
ohne das kannst du nicht existieren.
Zuerst kommt das Atmen --
das ist die erste Handlung, die sich ereignet.
Dann folgen viele Dinge.
Und dann der letzte Akt, der hängt auch mit dem Atem zusammen --
wenn das Atmen den Körper verläßt.
Die Geburt beginnt mit Atmen,
das Leben endet mit Atmen -- der Kreis ist komplett.
Wenn du das Atmen beobachten kannst
wirst du über beides hinausgehen, über Geburt und Tod.
Der Beobachter wird das sehen:
Ich bin nicht der Atem, der das Leben begann;
ich bin nicht der Tod,
der Atem, der das Leben stoppte;
ich bin jenseits davon.
"das, was sich noch nicht manifestiert, ist leicht zu verhindern;"
Was auch immer du also in deinem Leben
verändern und transformieren möchtest,
statt solange zu warten, bis es zu spät ist,
sei wachsam, wenn es anfängt.

06.01.2009 um 19:32 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (15)

von: tao

Eine Oberschwester gab gerade einer neuen Krankenschwester,
die gerade von der Fachhochschule gekommen war,
eine Einweisung in das Krankenhaus.
Sie führte sie im Krankenhaus herum, um es ihr zu zeigen.
Sie gab ihr eine Einführung in die verschiedenen Stationen:
Dies ist eine Krebsabteilung,
dies ist eine Tuberkulose-Abteilung, und noch viele andere.
Dann kam sie zu einer großen Halle, und sagte:
Schau, und merke es dir gut,
das ist die gefährlichste Station von allen,
das ist die gefährlichste Abteilung.
Die neue Krankenschwester
schaute sich um,
aber sie konnte nicht sehen,
wo da die Gefahr war.
Also fragte sie:
Was ist los? Warum ist dies die gefährlichste Station?
Sogar in der Krebs-Station
hast du nicht gesagt,
dass sie gefährlich sei.
Die Oberschwester lachte
und sagte:
Diese Leute
sind fast gesund,
darum ist das die
gefährlichste Station.
Also pass auf --
Gesundheit ist immer gefährlich.

05.01.2009 um 22:23 Uhr

Tao 466

von: tao


Du solltest nicht da sein,
dann lass geschehen, was auch immer geschieht.
Wenn du spürst, wie Mitgefühl in dir aufsteigt,
dann wirst du nicht mehr da sein,
nur das Mitgefühl wird da sein,
dann wirst du nicht sagen:
Ich empfinde Mitgefühl für diesen Bettler,
denn dieses Ich kann kein Mitgefühl empfinden.
Ich -- wie kann es Mitgefühl spüren?
Und ein Mitgefühl, das durch das Ich fließt
ist schon korrumpiert.
Es hat nicht diese Unschuld, diese Schönheit,
die da sein sollte.
Es ist schon Teil des Egos,
es wird das Ego stärken,
es wird in dir Barrieren aufbauen,
auf deinem Weg zum Einssein.
Du wirst ein mitfühlender Mensch sein,
du wirst ein großartiger Mann sein,
oder eine großartige Frau,
ein großartiger Diener seiner Mitmenschen,
und große Menschenfreunde
haben solchen Schaden angerichtet
in all den Jahrhunderten.
Die brauchen wir nicht mehr. Das sind Unheilstifter.
Tatsächlich,
wenn du dein Ego in Form von Mitleid genießt,
würdest du tief in dir wünschen,
dass es Bettler in den Straßen gibt,
wie würdest du sonst Mitleid fühlen?
Tief in dir würdest du gerne Aussätzige, Bettler, Krüppel
und Blinde überall um dich herum sehen wollen,
so dass du eine gute Zeit mit deinem Mitleid haben
und den Menschen dienen kannst.

04.01.2009 um 15:01 Uhr

Tao 465

von: tao

Als Alexander auf dem Weg nach Indien war, begegnete er Diogenes -- der war ein Mensch mit inaktivem Denken. Der lag gerade am Ufer eines Flusses und ruhte, er nahm nackt ein Sonnenbad. Alexander war tief beeindruckt: Der Friede, der diesen nackten Mann umgab, das Schweigen; die Schönheit dieses Menschen, die Würde, die Anmut, die natürliche Einfachheit, die Spontaneität. Alexander empfand Neid. Es wird gesagt, dass Alexander niemals irgendjemand anderen beneidet hatte, weil er mehr hatte, als jeder sonst - warum sollte er neidisch sein. Aber auf diesen nackten Menschen war er neidisch -- der hatte etwas, von dem Alexander niemals sich auch nur hätte träumen lassen. Und er sagte zu Diogenes: "Wenn ich das nächste Mal in die Welt zurückgeschickt werde, werde ich dafür beten und zu Gott sprechen: "Nun mach mich zu Diogenes, mach mich nicht wieder zu einem Alexander." Diogenes lachte. Er sagte: "Warum so lange darauf warten? Du kannst eben jetzt ein Diogenes werden. Wer hält dich davon ab? Du kannst hier entspannen und ein Sonnenbad nehmen, so wie ich das gerade tue." Worum es ging, war klar -- so klar, wie es nur sein kann. Alexander schämte sich und sagte: "Ja, eines Tages hoffe ich auch...wenn ich die ganze Welt erobert habe, dann werde ich auch ausruhen und das Leben genießen wie du." "Aber", sagte Diogenes, "das verstehe ich nicht. Warum? Wenn ich mich jetzt freuen kann, ohne die Welt erobert zu haben, warum kannst du das Leben nicht gleich jetzt genießen? Warum schiebst du das auf, was sich schon jetzt ereignen kann? Und dieses Flussufer ist groß genug für viele Leute. Du wirst meinen Platz nicht einengen müssen -- er ist groß genug; niemand kommt jemals hierher." Man sagt, Alexander wurde sehr traurig, nachdem er Diogenes getroffen hatte, und blieb viele Tage lang traurig und sprach immer wieder über Diogenes. Die Wirkung, die Diogenes auf Alexander ausgeübt hatte, war gewaltig.

 

03.01.2009 um 23:56 Uhr

Quellender Urgrund 1/5 (8)

von: tao


Wer auch immer ein Mensch des Tao
geworden ist,
ist auf den gleichen
Geschmack gekommen. Gesundheit hat den gleichen Geschmack.
Wenn das Kind gesund ist,
der junge Mensch
gesund ist
und der alte Mensch gesund ist,
auch dann hat dies
den gleichen Geschmack. Wenn die Frau gesund ist, der Mann gesund ist --
der gleiche Geschmack.
Aber die Krankheiten,
die sind verschieden,
die unterscheiden sich.

02.01.2009 um 17:26 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (15)

von: tao


 
Der Titel dieses (s.o.) Kapitels (09.07.2006) lautet:
"Ganz-Sein".
Du hältst dich selbst für ein Individuum.
Du irrst dich. Nur das Ganze existiert.
Dies ist falsch -- diese Erscheinung,
jenes "Ich denke, ich bin".
Das ist das Falscheste auf der Welt.
Und wegen dieses "Ich bin" kommt Kampf auf.
Wenn "ich bin", dann scheint dieses Ganze feindlich zu sein;
dann scheint alles gegen mich zu sein.
Es ist nicht so, dass irgendetwas gegen dich ist.
Das kann nicht sein!
Die Bäume haben dir geholfen, der Himmal hat dir geholfen,
das Wasser hat dir geholfen, die Erde erschuf dich.
Dann ist die Natur deine Mutter.
Wie kann die Mutter gegen dich sein?
Du bist aus ihr herausgekommen.
Aber du denkst: "Ich bin", als ein Individuum.
Und dann beginnt der Streit. Der ist einseitig.
Du beginnst den Kampf,
und die Natur lacht immerzu, Gott freut sich ständig.
Verrückt

01.01.2009 um 23:12 Uhr

Tao 464

von: tao


Jesus muss wie ein Hippie ausgesehen haben --
rebellisch, all die Regeln brechend.
So sollte man leben!
Denn solange du nicht total frei lebst,
solange du nicht aus eigener Entscheidung heraus leidest,
wirst du gar nichts transzendieren.
Du wirst ein Säulen-Schein-Heiliger bleiben.
Hat ein Sünder es verdient, zu erwachen?
Wer sonst?
Er hat es sich verdient.
Durch seine Sünden hat er gelitten.
Durch seine Sünden ist er reif geworden.
Aber damit ist nicht gemeint, dass du. bloß dadurch dass du sündigst
dies erreichen wirst.
Sonst hätten es ja wohl schon alle erreicht!
Sünde plus Bewußtheit --
das sollte die Formel sein.
Sünde plus Bewußtheit.
Dann geh, wohin immer du willst,
und tu, was auch immer du möchtest --
diese Bewußtheit wird dich zurückbringen,
diese Bewußtheit wird immer die Leiter sein
auf der du jegliche Erfahrung transzendieren kannst.