Taoistische Reflektionen

11.03.2009 um 22:59 Uhr

Südliches Blütenland 19/13 (29)

von: tao

Fröhlich
Jeder wird von Musik umgebracht.
Diese Musik kommt von guten Vorsätzen,
von Menschen, die uns Gutes wünschen
und Gutes tun.
Die ganze Sache scheint so absurd
und geisteskrank zu sein.
Wenn du eintausend Bäume pflanzt
und nur einer gelangt bis zur Blüte
und neunhundertneunundneunzig sterben,
wird dich dann irgendjemand
einen Gärtner nennen?
Wird dir irgendjemand
irgendeine Anerkennung zollen
für den einen Baum, der erblüht ist?
Sie werden sagen, er muss trotz dir
und nicht wegen dir geblüht haben
weil du neunhundertneunundneunzig
getötet hast.
Du kannst dir den einen
nicht als deinen Verdienst anrechnen lassen,
er muss dir irgendwie ausgekommen sein!
Er muss deiner Geschicklichkeit,
deiner Erfahrung und deiner Weisheit entkommen sein.
Von Millionen von Menschen
wird einer ein Buddha und erblüht.
Was geht da vor sich?
Warum müssen soviele Bäume
ohne Blüten leben?

10.03.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 22 (22)

von: tao

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Jesus sagt:
Wenn dich jemand zwingt, mit ihm eine Meile lang zu gehen, gehe zwei Meilen.
Das ist das,
was Nachgeben bedeutet.
Jesus sagt:
Wenn dich jemand
deines Mantels beraubt, präsentiere ihm
auch dein Hemd.
Das ist es,
was Nachgeben bedeutet.
Er muss auf irgendein "lao-tzuisches" Verstehen gestoßen sein, denn von
der jüdischen Tradition hätte er diese Konzepte nicht bekommen können.

09.03.2009 um 22:51 Uhr

Tao 487

von: tao

Es ist sehr selten,

dass man einen Menschen der fünften Kategorie findet.

Der fünfte wird ein Zuschauer, ein Beobachtender.

Ouspensky, Gurdjieffs größster Schüler,

gehört zu der fünften Kategorie.

Aber er ist nur bewußt --

manchmal wird Bewußtheit da sein

und manchmal wird sie verlorengehen.

Er kann nicht ständig bewußt sein

denn für eine konstante Bewußtheit

ist ein integriertes Zentrum nötig,

was beim fünften Menschentyp noch fehlt.

Das ist der Grund, warum Ouspensky in die Irre ging.

Er wurde bewußt,

aber er hatte in sich keine integrierte Mitte,

also war er nur manchmal bewußt.

Wenn er bewußt war, war er der eine Mensch,

aber wenn er nicht bewußt war,

war er ein total anderer Mensch.

Er wurde ein guter Lehrer,

aber er konnte kein Meister werden

denn ein Meister benötigt totale Bewußtheit,

vierundzwanzig Stunden Bewußtheit, sogar im Schlaf.

 

 

08.03.2009 um 20:46 Uhr

Südliches Blütenland 19/13 (28)

von: tao

 
Ein Meister kann dir keine Regeln geben.
Wenn ein Meister dir Regeln gibt, wisse wohl,
er ist ein Pseudo-Meister.
Lauf weg von ihm!
Ein Meister kann dir nur Verstehen geben,
und dir zeigen, wie du dich selbst verstehen kannst --
dann werden Regeln folgen
aber die werden aus deinem Verstehen heraus kommen.
"Wie solltest du einen Seevogel behandeln?
Wie dich selbst,
oder wie einen Vogel?
Sollte nicht ein Vogel im tiefen Wald nisten
oder über Wiese und Moor fliegen?
Sollte er nicht im Fluss und im Teich schwimmen,
sich von Aalen und Fischen ernähren,
in Formation fliegen mit anderem Wassergeflügel
und im Schilf rasten?
Schlimm genug für einen Seevogel
von Menschen umringt zu sein
und von ihren Stimmen geängstigt zu werden.
Doch das war nicht genug!
Sie töteten ihn mit Musik."

07.03.2009 um 23:47 Uhr

Tao 486

von: tao

Die Vorstellung,

dass das Leben um dich herum böse ist,

ist sehr gefährlich.

Diese Idee wird dir mehr schaden

als all die wilden Tiere

all die Moskitos und all die Ameisen zusammengenommen,

denn dieser Gedanke

wird dir ein Gefühl des Getrenntseins

vom Leben geben,

diese fixe Idee wird dir eine Feindseligkeit 

dem Leben gegenüber geben,

diese Zwangsvorstellung wird dir niemals gestatten

dich der Ganzheit zu ergeben.

 

 

06.03.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 1 (19)

von: tao

Wenn du beweisen möchtest, dass du jemand bist,
dann werden alle versuchen, dir zu beweisen,
dass du nichts bist.
Bevor du sie nicht umbringst,
bevor du sie nicht erfolgreich vernichtest,
werden sie ständig sagen, dass du nichts bist.
Was, wer denkst du denn, dass du bist?
Das mußt du schon beweisen,
und das ist ein sehr harter Weg,
sehr gewalttätig, sehr destruktiv.
Dagegen gibt es keine Barriere, ein Diogenes zu sein.
Alexander spürte damals die Schönheit,
die Anmut dieses Menschen.
Er sagte: Wenn Gott mir eine weitere Geburt gewährt
würde ich gerne Diogenes sein --
aber erst das nächste Mal.
Diogenes lachte und sagte:
Wenn ich gefragt werde, ist nur eines gewiß.
Ich würde niemals Alexander der Große sein wollen!
In den Augen des Diogenes
hätte Alexander keine Anerkennung für seine Siege gesehen haben können.
Er muss plötzlich das abstürzende Gefühl,
die todesgleiche Empfindung gespürt haben,
dass er niemand war.
Er muss davongelaufen sein,
von Diogenes so bald wie möglich weggerannt sein,
der war ein gefährlicher Mann.
Es wird gesagt, dass Diogenes Alexander
sein ganzes Leben lang verfolgte.

05.03.2009 um 23:00 Uhr

Südliches Blütenland 17/3 (17)

von: tao


Schau dir die Absurdität des Denkens an:
Du mußt weg gehen, um näher zu kommen,
du mußt verspannt sein, um meditativ zu werden.
Aber dann ist das nicht Meditation,
dann ist das wieder ein Trick des gleichen Denkens --
auf einem neuen Level geht das gleiche Spiel weiter.
Im Taoismus versteht man unter Meditation
über das Spiel der polaren Gegensätze  hinauszugehen,
aus dem ganzen Spiel auszusteigen,
sich seine Absurdität zu betrachten
und es zu transzendieren.
Das Verstehen an sich wird zur Transzendenz.
Das Denken wird dich dazu zwingen,
zum Gegenteil zu gehen --
geh nicht zum Gegenteil.
Bleibe in der Mitte stehen und sieh
dass dies immer schon
der Trick des Denkens gewesen ist.
Auf diese Weise hat dich das Denken dominiert --
durch den Gegensatz.
Hast du das schon gespürt?
Verrückt

04.03.2009 um 23:53 Uhr

Südliches Blütenland 17/10 (18)

von: tao

 
Ich werde nun versuchen,
auf diese schöne Geschichte einzugehen
(s. 16.01.2006).
"Dschuang Dsi mit seinem Bambusstab
war Fischen im Fluss Pu." 
Kannst du dir Buddha vorstellen,
wie er im Fluss Pu fischt?
Kannst du dir Mahavir vorstellen, wie er fischt? Unmöglich.
"Dschuang Dsi mit seinem Bambusstab
fischte im Fluss Pu."
Was bedeutet das?
Es bedeutet: Dschuang Dsi ist ein gewöhnlicher Mensch,
er beansprucht nichts für sich, was auch immer,
er genießt es einfach, gewöhnlich zu sein.
Er lebt nicht nach Prinzipien, er lebt instinktiv.
Er stülpt sein Ego nicht über seine Natur,
er fließt einfach mit ihr --
er ist bloß ein gewöhnlicher Mensch.
Das ist der Sinn des Fischens im Fluss Pu;
 nur ein gewöhnlicher Mensch kann das tun.
Wie könnten außergewöhnliche Menschen dies tun?

03.03.2009 um 23:52 Uhr

Tao Te King 22 (21)

von: tao

Nun zum Text.
"Nachgeben heißt ganz und gar bewahrt zu sein."
Dir ist genau das Gegenteil beigebracht worden --
gib niemals nach, kämpfe hart,
leiste Widerstand so viel wie du kannst,
denn es geht ums Überleben.
Wenn du nicht kämpfst, wirst du nicht überleben,
du wirst von denen gefressen werden, die stärker sind,
du wirst von denjenigen zerstört werden, die stärker sind.
Gewalttätigkeit ist dir gelehrt worden.
Aber Lao-tse sagt:
"Nachgeben heißt ganz verschont zu werden."
Kümmere dich nicht um das Kämpfen,
denn das Ganze ist nicht der Feind,
es ist deine Mutter,
es ist die Quelle, von wo du herkommst.
Warum kämpfst du unnötigerweise?
Mit wem kämpfst du überhaupt?
Jesus muss ein paar Einsichten
in das "lao-tsesche" Verstehen gehabt haben,
er hätte diese Einsichten
von nirgendwo sonst her gehabt haben können.
In der jüdischen Tradition gibt es keine Wurzeln dafür, denn die Juden sagen:
Ein Auge für ein Auge ist das Gesetz.
Wenn jemand dir dein Auge genommen hat,
nimm du sein Auge.
Auge um Auge ist das Gesetz --
das Konzept steht für Kampf und Streit.
Aber Jesus sagt:
Schlägt dich jemand auf die eine Backe deines Gesichts,
dann halte ihm auch die andere Backe hin.
Das ist es, was Nachgeben bedeutet.

02.03.2009 um 23:33 Uhr

Tao 485

von: tao

 
Warum hast du gelacht?
Das ist ein subtiles Phänomen.
Wie kommt es dazu?
Wenn jemand einen Witz erzählt,
dann bewegt sich der Witz auf zwei Ebenen,
auf diese Weise wird das Lachen erzeugt.
Auf der einen Ebene ist alles
einfach und gewöhnlich,
nichts Besonderes,
dann plötzlich gibt es eine Wendung am Ende, die Pointe;
am Ende gibt es plötzlich eine Umkehrung, einen Dreh --
du hast niemals erwartet,
dass dies sich so ereignen würde.
Das ist der Grund, warum es,
wenn du den Witz schon gehört hast
unmöglich ist, wieder darüber zu lachen,
denn dann ist dieser Dreh nicht mehr da,
du kennst ihn schon.
Wenn eine plötzliche Wendung kommt
und du sie niemals erwartet hast,
noch nicht einmal eine einzige Sekunde davor,
als alles noch auf ebenem Gelände war
und plötzlich bist du auf dem Everest
und alles hat sich geändert,
dann explodierst du vor Lachen,
weil diese Änderung so lächerlich,
unlogisch und irrational ist.
Wenn du einen Witz verstehst,
dann verstehst du ihn sofort
ohne jegliche Anstrengung auf deiner Seite.
Das ist genau wie Satori oder Samadhi.
Dieses erste Lachen ist so tief, dass,
wenn es wirklich geschieht,
ein Witz zu einem Satori werden kann.
In diesem Lachen kann das Denken
komplett verschwinden.
Ganz im Gegenteil dazu,
wenn die Leute den Witz nicht verstanden haben,
aber schließlich trotzdem lachen,
um nicht für dumm gehalten zu werden,
weil sie den Witz nicht verstanden haben.
Wenn sie sehen, dass jeder lacht,
dann müssen sie eben auch lachen.

01.03.2009 um 18:09 Uhr

Tao Te King 9 (22)

von: tao

Die Harmonie eines Menschen des Tao
ist ein sich ständig änderndes Phänomen;
du mußt sie wieder und wieder und wieder erlangen.
Das ist die Schönheit daran,
denn dann ist sie niemals alt,
niemals langweilig, niemals flau,
niemals abgestanden.
Jeden Moment entsteht sie aus dem Nichts heraus;
jeden Moment ist sie frisch wie der Morgentau.
Sie ist stets frisch.
Ein Lao-tse lebt in einem Ständig-Frisch-Sein,
einem Immer-Grün-Sein.
Wenn er etwas erreicht hätte,
etwas für immer erlangt hätte, mit einer Garantie,
dann würde das abgenutzt werden.
Dann würde sich Staub darauf absetzen,
dann würde die Vergangenheit sich darauf sammeln
und früher oder später würde man sich damit langweilen
und man würde es gerne wegwerfen.
Sogar Erleuchtung
wird ein langweilendes Phänomen werden.
wenn du sie nicht immer wieder gewinnst.
Du würdest immer das gleiche empfinden -
und bekämst es satt.
"Spanne einen Bogen bis zum Maximum
Und du wirst wünschen, du hättest rechtzeitig angehalten."