Tao 526
"Der Fürst schoß einen Pfeil auf den Affen ab."
Und unsere Fürsten sind auch nicht so anders.
Für den Fürsten war dies beleidigend,
dieser Affe verhielt sich ehrverletzend.
Es war natürlich,
dass all die Affen Reißaus genommen hatten.
Aber nun ein großer Fürst auf der einen Seite,
und hier, auf der anderen Seite,
war bloß ein gewöhnlicher Affe,
der versuchte, sich zur Schau zu stellen,
der zeigte, dass er aus anderem Holz geschnitzt ist.
Nein, das konnte nicht hingenommen werden,
denn der Fürst hatte ja sein eigenes Gefolge dabei.
Der Fürst hatte die anderen Männer zu berücksichtigen,
was die sich denken würden,
wenn sogar ein Affe sich nicht um ihn scherte,
wenn sogar ein Affe dem Prinzen gegenüber
Gleichgültigkeit demonstrierte.
Der Affe mußte getötet werden.
Die Logik bleibt die gleiche,
ob du ein Mensch oder ein Affe bist.
Menschliche Wesen sind menschliche Wesen; das ist keine Frage des Werdens. Menschlich zu werden impliziert, dass wir begonnen haben, von der Menschlichkeit abzufallen. Lao-tse sagt, dass die großartige Doktrin von Menschlichkeit und Gerechtigkeit während des Niedergangs der Menschheit geboren wurde. Ansonsten ist der Mensch menschlich von Natur aus. Das Gerede über Gerechtigkeit beginnt nur, wenn die Ungerechtigkeit entsteht. Das gilt es zu verstehen: Das Wissen kommt mit seinem Gegensatz. Wenn wir sagen, es sollte keine Ungerechtigkeit geben, es sollte nur Gerechtigkeit geben, dann ist die Bedeutung klar: Die Ungerechtigkeit hat schon begonnen. Je mehr wir nach Gerechtigkeit rufen, desto mehr verbreitet sich die Ungerechtigkeit. Wir sagen, es sollte Wissen vorhanden sein, denn die Unwissenheit geht so tief. Je mehr wir danach streben, das Wissen zu vermehren, desto tiefer wird die Unwissenheit. Der Westen hat nun begonnen, Lao-tse zu verstehen. Es gibt nun viele nachdenkliche Leute im Westen, die spüren, dass ihr Sinn für Werte umorientiert werden sollte gemäß den Leitlinien des Lao-tse; sie sollten umorientiert werden auf der Grundlage der Lehren des Lao-tse. All die Gesetze, die bis jetzt für die Menschheit konstruiert worden sind, stehen im Widerspruch zu Lao-tses Lehren. Wir haben auf diejenigen gehört, die sagten: "Das Gute sollte überwiegen. Es sollte Gerechtigkeit herrschen, es sollte Gleichheit vorhanden sein." Der Mensch hörte auf diejenigen, die predigten, dass es Menschlichkeit, Freiheit und Gleichheit geben sollte. Aber was sind die Resultate? Wenn wir auf die Ergebnisse sehen, werden die Dinge klar für uns werden. Das Ausmaß des Wissens, das heute vorherrscht, hat es nie zuvor in dieser Welt gegeben und doch war der Mensch niemals vorher so ignorant, wie er es heute ist. Das erscheint paradox. So viel Wissen und so viel Unwissenheit zur gleichen Zeit! Lao-tse würde nicht erstaunt gewesen sein, denn er sagte: "Je mehr du das Wissen vermehrst, desto mehr wird Ignoranz sich ausbreiten." Das wird uns trotzdem unweigerlich verblüffen, denn wir haben das Gefühl, dass um so mehr Unwissenheit ausradiert wird, je mehr wir Wissen verbreiten. Das ist unsere Logik: Wenn das Wissen anwächst, sollte die Ignoranz abnehmen. Aber die Geschichte gibt uns nicht recht; sie liefert keinen Beweis für unsere Theorie. Ohne Zweifel hat sich die Masse des Wissens vergrößert. Fünftausend nene Bücher werden jede Woche veröffentlicht. Fünftausend neue Bücher zirkulieren in unseren Büchereien. Unsere Universitäten und unsere Bibliotheken expandieren laufend weiter. Das Wissen in jedem Fachgebiet treibt neue Sprossen und Ableger. Allein die Oxford-Universität bietet Kurse in 360 Unterrichtsfächern an! Überall sind wir dabei, das Wissen zu vermehren. Jeden Tag müssen wir ein paar Äste vom Baum des Wissens abbrechen, die nicht mehr imstande sind, die schwere Bürde zu tragen. Wenn ein Mensch heute alles über eine kleine Sache wie das Auge wissen möchte, dann reicht seine Lebenszeit dafür nicht aus, auch wenn er jeden Tag studieren sollte. Wir müssen also jetzt die Dinge unterteilen und aufteilen. Es gab eine Zeit, da konnte ein Arzt unseren ganzen Körper behandeln -- das Wissen darüber war so gering. Dann wuchs das Wissen an, und Spezialisten übernahmen den Platz des praktischen Allgemeinarztes. Nun haben wir für die verschiedenen Teile des Körpers jeweils einen anderen Arzt. Aber nun ist das Wissen über jeden einzelnen Teil so ausgedehnt, dass ein einziger Spezialist nicht mehr in der Lage ist, mit all dem fertig zu werden. Deswegen kommt man in Amerika jetzt zunehmend zu dem Schluß, dass es nicht mehr sicher ist, sich auf einen menschlichen Arzt zu verlassen. Nur Computer können uns noch helfen. In der Zukunft wird der Stand der Dinge so sein, dass ein ein weiser Mensch jemand sein wird, der am Computer arbeiten kann. Dann wird es für einen Arzt nicht mehr notwendig sein, Medizin zu studieren. Alles, was er tun müßte, wäre, den Computer sachgerecht zu bedienen, um eine Antwort zu erhalten.
