Taoistische Reflektionen

11.07.2009 um 23:23 Uhr

Tao 526

von: tao

Wenn du leer bist,
bist du besessen
von der göttlichen Kraft. Was auch immer dann geschieht,
ist schön.
Manchmal ist es möglich, dass du hilfreich
und zu Diensten sein wirst, und manchmal
mag es vorkommen,
dass du einfach vorbeigehen wirst.
Man weiß das nie vorher. Manchmal machst du vielleicht
einen großen Bogen
um die Menschen,
die auf Hilfe warten.
 
 

10.07.2009 um 23:55 Uhr

Tao Te King 45 (20)

von: tao

Das englische Wort für Kloster, "monastery",
ist schön,
es kommt von einer griechischen Wurzel, "monos",
was "allein sein" bedeutet.
Von derselben Wurzel kommt
Monopol, Monogamie, monoton;
es ist dieses "mon", das "Mönch" wird.
Mönch bedeutet einen, der alleine leben möchte.
Kloster, lateinisch "monasterium",
bedeutet einen Platz, wo Leute alleine leben;
sogar wenn andere da sind, lebt jeder alleine
in seiner eigenen Zelle.
Warum so viel Furcht vor der Welt?
Die Furcht vor der Welt
ist die Furcht vor dem Unbewußten,
denn wenn du hier bist, auf dem Marktplatz
wer weiß,
jeden Moment kann die Versuchung zu groß sein.
Aber wenn du in ein Kloster gegangen bist,
weit weg, im Himalaya,
sogar wenn dich dann der Gedanke an eine Frau,
die Fantasie, verstört,
dann kannst du gar nichts tun --
da ist keine Frau.
Und in der Zeit,
in der du wieder zurückgekommen bist,
wird diese Fantasie schon tot sein,
und du wirst dich wieder unter Kontrolle haben.

09.07.2009 um 21:18 Uhr

Goldene Blüte 4/9-15 (4)

von: tao

Und unglücklich ist der Mensch, der mit einem Gott aus zweiter Hand lebt, denn Gott kann nur aus erster Hand sein. Die Erfahrung muss authentisch die deine sein. Die Erfahrung von niemand anderem kann zur Grundlage eines wahren Lebens werden. Buddha mag etwas gesehen haben, aber dann zum Buddhisten zu werden, wird dir nichts helfen. Buddha war kein Buddhist -- gewiß nicht. Jesus mag gesucht, begegnet, realisiert haben, aber ein Christ zu werden ist äußerste Stupidität. Bevor du nicht ein Christus wirst, wirst du niemals Gott kennenlernen. Der wirklich religiöse Mensch vermeidet Traditionen, der wirklich  religiöse Mensch vermeidet Götter aus zweiter Hand, vermeidet Glaubenssysteme, hält sich stattdessen offen, zugänglich, damit sich die Wahrheit für ihn ereignen kann. Gewißlich arbeitet er an sich -- nur er arbeitet an sich. Der Gläubige arbeitet niemals an sich; der Glaubende hat es nicht nötig, an sich zu arbeiten. Der Erforscher, der Untersucher, der Sucher der Wahrheit arbeitet hart an sich selbst, weil es viele Dinge gibt, die losgelassen werden müssen, viele Unreinheiten, die aufgegeben werden müssen, viele Hindernisse und Blocks, die aufgelöst werden müssen. Die Augen müssen geöffnet werden und die Ohren müssen entstöpselt werden, und das Herz muss zum Fühlen gebracht werden.

08.07.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 17/3 (19)

von: tao

Meditation ist eigentlich nichts, was getan werden kann,
sie ist etwas, das verstanden werden muss.
Sie ist keine Anstrengung,
sie ist nichts, was kultiviert werden muss,
sie ist etwas, das tiefgehend verstanden werden muss.
Verstehen gibt Freiheit.
Das Wissen vom ganzen Mechanismus des Denkens
ist Transformation.
Dann bleibt die Uhr stehen, verschwindet die Zeit;
und mit dem Stehenbleiben der Uhr verschwindet das Denken;
und mit dem Anhalten der Zeit, wo bist du dann?
Das Boot ist leer.
Nun gehe ich auf diese Verse von Dschuang Dsi ein:
"Der Mensch des Tao handelt ohne Hindernis.
verletzt kein anderes Wesen durch seine Aktionen,
doch kennt er sich selbst nicht als freundlich und sanft."
"Der Mensch des Tao agiert ohne Behinderung."
Du handelst immer mit Einschränkungen,
der Gegensatz ist immer da und erzeugt eine Behinderung,
du bist nicht im Fluss.
Wenn du liebst, ist der Hass immer da als Einschränkung.
Wenn du dich bewegst, gibt es etwas, was dich zurückhält;
du bewegst dich niemals total,
etwas hält sich immer zurück, die Bewegung ist nicht ganzheitlich.
Du bewegst dich mit dem einen Bein,
aber das andere Bein bewegt sich nicht mit.
Wie kann es sich bewegen? Es existiert ein Hindernis.
Und diese Einschränkung,
dieses ständige Sich-Bewegen der einen Hälfte
und das Sich-nicht-Bewegen der anderen Hälfte
ist deine Beklemmung, deine Angst.
Warum bist du so sehr in der Klemme?
Was erzeugt so viel Angst in dir?
Was auch immer du tust,
warum entsteht dadurch keine Wonne für dich?
Glückseligkeit kann nur dem Ganzen geschehen,
niemals nur dem Teil.
Wenn sich das Ganze ohne irgendeine Einschränkung bewegt
ist eben diese Bewegung Glückseligkeit.
 

07.07.2009 um 19:41 Uhr

Tao 525

von: tao

Lao-tse sagt: Rede über Ordnung
und es wird Unordnung herrschen;
versuche, die Leute moralisch zu machen
und es wird Unmoral herrschen;
versuche, die Menschen gut zu machen
und sie werden schlecht sein.
Und ihr alle wißt, dass dies so abläuft.
Wenn du versuchst,
dein Kind zu einem Heiligen zu machen,
wirst du die erste Revolte gegen dich
in ihm erzeugen.
Es wird gegen dich gehen;
es wird genau das tun,
was du nicht wolltest, dass es tut.
Bei Lao-tse ist das nie so passiert
denn er machte sich darüber niemals Sorgen.
Wenn es geschieht, ist es in Ordnung,
was kannst du schon tun?
Wenn ich weg bin, bin ich weg.
Was auch immer geschieht,
es geht mich nichts an.
Also mach dir darüber keine Sorgen.
Wenn es geschieht, mußte es passieren.
Wenn es nicht geschieht, gut;
wenn es geschieht, ist das auch gut.
Wer sind wir, dass wir die Verantwortung
für die Zukunft übernehmen könnten?
Wer sind wir,
dass wir über die Zukunft entscheiden könnten?
Nein, das kann man nicht tun.
Gib einfach diese Idee auf
und mach dir keine Sorgen.
Lass diesen Gedanken ganz und gar fallen
und kümmere dich nicht mehr darum.

06.07.2009 um 23:11 Uhr

Tao Te King 43 (15)

von: tao

In dem Manifest von SCUM (Society to Cut up Men)
steht geschrieben, dass alle Männer zerstört werden sollten;
sie sollten getötet, ermordet, von der Erde weggefegt werden,
sie werden nicht benötigt.
Und wenn den Frauen nach Liebe zumute ist
sollten sie sich niemals in einen Mann verlieben,
sie sollten lesbisch werden --
sie sollten sich in eine andere Frau verlieben.
Die Frau, die dieses Manifest schrieb, Valerie Solanas,
beging 1988 Selbstmord --
sie konnte die Männer nicht töten, aber sie tötete sich selbst.
Wenn du mit Männern kämpfst,
mit den Methoden, die Männer begründet haben,
werden sie deine Weiblichkeit komplett austrocknen,
etwas Weiches in dir wird verschwinden.
Sie passen zu Männern, denn Männer sind hart,
Männer sind Granitfelsen --
sie passen überhaupt nicht zu Frauen.
Versuchst du es erst einmal mit diesen Methoden,
wirst du wie Männer sein.
Natürlich wirst du das Gefühl haben, dass du machtvoller bist,
aber du bist töricht, weil du nicht weißt,
dass letztendlich Macht niemals gewinnt.
Am Ende gewinnt nur Demut.
 

05.07.2009 um 23:14 Uhr

Tao 524

von: tao

Du bewegst dich wie ein Betrunkener --
der Betrunkene fällt auf die Straße,
stößt sich sein Bein, sein Kopf liegt in der Gosse --
nichts geschieht.
Wenn er bewußt wäre,
würde das schmerzlich gewesen sein.
Ein Buddha leidet unendlich,
Buddha freut sich grenzenlos.
Bedenke immer,
immer wenn du einen hohen Gipfel erreichst,
dann wird gleichzeitig neben dem hohen Gipfel
ein tiefes Tal erschaffen.
Wenn du die Himmel erreichen willst,
dann werden deine Wurzeln
bis ganz runter in die Hölle reichen müssen.
Weil du Angst hast vor dem Schmerz
kannst du nicht bewußt werden --
und dann kannst du gar nichts lernen.
Das ist genau wie
wenn du so sehr Angst hast vor Feinden,
dass du die Türen deines Hauses verschlossen hast.
Nun kann sogar der Freund nicht eintreten,
sogar der Geliebte bleibt draußen.

04.07.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 24/8 (22)

von: tao

 

"Der Fürst schoß einen Pfeil auf den Affen ab."

Und unsere Fürsten sind auch nicht so anders.

Für den Fürsten war dies beleidigend,

dieser Affe verhielt sich ehrverletzend.

Es war natürlich,

dass all die Affen Reißaus genommen hatten.

Aber nun ein großer Fürst auf der einen Seite,

und hier, auf der anderen Seite,

war bloß ein gewöhnlicher Affe,

der versuchte, sich zur Schau zu stellen,

der zeigte, dass er aus anderem Holz geschnitzt ist.

Nein, das konnte nicht hingenommen werden,

denn der Fürst hatte ja sein eigenes Gefolge dabei.

Der Fürst hatte die anderen Männer zu berücksichtigen,

was die sich denken würden,

wenn sogar ein Affe sich nicht um ihn scherte,

wenn sogar ein Affe dem Prinzen gegenüber

Gleichgültigkeit demonstrierte.

Der Affe mußte getötet werden.

Die Logik bleibt die gleiche,

ob du ein Mensch oder ein Affe bist.

Wütend

03.07.2009 um 22:55 Uhr

Südliches Blütenland 27/20 (19)

von: tao

 
Beim Sterben sollte man still sein,
man sollte respektvoll sein,
man sollte nicht unschlüssig sein,
denn es wird in einem einzigen Moment passieren
und du könntest ihn verpassen.
Und Dschuang Dsis törichte Schüler
sprachen über das Begräbnis
und dachten daran,
daraus eine grandiose Sache zu machen!
Und die grandioseste Sache ereignete sich gerade,
die großartigste Sache geschah gerade,
aber sie dachten an die Show.
Das Denken denkt immer an die Zurschaustellung.
Es ist exhibitionistisch.
Warum an ein grandioses Begräbnis denken?
Warum grandios?
Du machst auch aus dem Tod eine Zurschaustellung.
Ist das wirklich respektvoll?
Oder ist der Tod auch kommerziell,
eine Handelsware, ein Marktprodukt?
Unser Meister ist gestorben,
also gibt es nun einen Wettbewerb,
und wir müssen beweisen,
dass er das großartigste Begräbnis hatte --
kein anderer Meister hatte je etwas Vergleichbares
und kein anderer wird jemals wieder
etwas derartig Grandioses bekommen.
Sonstige

02.07.2009 um 23:31 Uhr

Tao 523

von: tao

 
Es lohnt sich, das Lauwarm-Sein aufzugeben,
aber das braucht Mut.
Größter Mut ist nötig,
um ein Leben mit Totalität zu leben
denn dann  weiß man nie, was passieren wird.
Du hast doch immer Angst. Du liebst eine Person
aber du hast Angst, auf ihn oder sie wütend zu sein
denn du weißt nicht, ob du wirklich liebst oder nicht.
Du weißt nicht wirklich,
ob die Liebe imstande sein wird,
der Wut zu widerstehen.
Wird es möglich sein,
dass die Liebe den Zorn überlebt?
Du mußt also den Ärger unterdrücken,
denn du hast Angst,
du bist dir nicht wirklich sicher,
dass deine Liebe noch da ist.
Du hast so ein gewisses Gefühl --
vielleicht ist es so, vielleicht ist es nicht so --
ein vages Gefühl.
Du lebst in einem Nebel,
immer von Qualm und Rauch umgeben:
Nichts ist jemals klar,
deine Wahrnehmung ist immer umwölkt.
Also hast du Angst:
Dieser viele Ärger
könnte die ganze Beziehung zerstören,
könnte die ganze Beziehung zersetzen.
Nein!  Das darf nicht sein!
Lieber die Wut hinunterschlucken.
Also unterdrückst du den Zorn
und der Ärger wird ein Teil von dir --
wenn du dann liebst,
mischt sich in deine Liebe auch der Zorn ein.
Sonstige

01.07.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 18 (4)

von: tao

 

Menschliche Wesen sind menschliche Wesen; das ist keine Frage des Werdens. Menschlich zu werden impliziert, dass wir begonnen haben, von der Menschlichkeit abzufallen. Lao-tse sagt, dass die großartige Doktrin von Menschlichkeit und Gerechtigkeit während des Niedergangs der Menschheit geboren wurde. Ansonsten ist der Mensch menschlich von Natur aus. Das Gerede über Gerechtigkeit beginnt nur, wenn die Ungerechtigkeit entsteht. Das gilt es zu verstehen: Das Wissen kommt mit seinem Gegensatz. Wenn wir sagen, es sollte keine Ungerechtigkeit geben, es sollte nur Gerechtigkeit geben, dann ist die Bedeutung klar: Die Ungerechtigkeit hat schon begonnen. Je mehr wir nach Gerechtigkeit rufen, desto mehr verbreitet sich die Ungerechtigkeit. Wir sagen, es sollte Wissen vorhanden sein, denn die Unwissenheit geht so tief. Je mehr wir danach streben, das Wissen zu vermehren, desto tiefer wird die Unwissenheit. Der Westen hat nun begonnen, Lao-tse zu verstehen. Es gibt nun viele nachdenkliche Leute im Westen, die spüren, dass ihr Sinn für Werte umorientiert werden sollte gemäß den Leitlinien des Lao-tse; sie sollten umorientiert werden auf der Grundlage der Lehren des Lao-tse. All die Gesetze, die bis jetzt für die Menschheit konstruiert worden sind, stehen im Widerspruch zu Lao-tses Lehren. Wir haben auf diejenigen gehört, die sagten: "Das Gute sollte überwiegen. Es sollte Gerechtigkeit herrschen, es sollte Gleichheit vorhanden sein." Der Mensch hörte auf diejenigen, die predigten, dass es Menschlichkeit, Freiheit und Gleichheit geben sollte. Aber was sind die Resultate? Wenn wir auf die Ergebnisse sehen, werden die Dinge klar für uns werden. Das Ausmaß des Wissens, das heute vorherrscht, hat es nie zuvor in dieser Welt gegeben und doch war der Mensch niemals vorher so ignorant, wie er es heute ist. Das erscheint paradox. So viel Wissen und so viel Unwissenheit zur gleichen Zeit! Lao-tse würde nicht erstaunt gewesen sein, denn er sagte: "Je mehr du das Wissen vermehrst, desto mehr wird Ignoranz sich ausbreiten." Das wird uns trotzdem unweigerlich verblüffen, denn wir haben das Gefühl, dass um so mehr Unwissenheit ausradiert wird, je mehr wir Wissen verbreiten. Das ist unsere Logik: Wenn das Wissen anwächst, sollte die Ignoranz abnehmen. Aber die Geschichte gibt uns nicht recht; sie liefert keinen Beweis für unsere Theorie. Ohne Zweifel hat sich die Masse des Wissens vergrößert. Fünftausend nene Bücher werden jede Woche veröffentlicht. Fünftausend neue Bücher zirkulieren in unseren Büchereien. Unsere Universitäten und unsere Bibliotheken expandieren laufend weiter. Das Wissen in jedem Fachgebiet treibt neue Sprossen und Ableger. Allein die Oxford-Universität bietet Kurse in 360 Unterrichtsfächern an! Überall sind wir dabei, das Wissen zu vermehren. Jeden Tag müssen wir ein paar Äste vom Baum des Wissens abbrechen, die nicht mehr imstande sind, die schwere Bürde zu tragen. Wenn ein Mensch heute alles über eine kleine Sache wie das Auge wissen möchte, dann reicht seine Lebenszeit dafür nicht aus, auch wenn er jeden Tag studieren sollte. Wir müssen also jetzt die Dinge unterteilen und aufteilen. Es gab eine Zeit, da konnte ein Arzt unseren ganzen Körper behandeln -- das Wissen darüber war so gering. Dann wuchs das Wissen an, und Spezialisten übernahmen den Platz des praktischen Allgemeinarztes. Nun haben wir für die verschiedenen Teile des Körpers jeweils einen anderen Arzt. Aber nun ist das Wissen über jeden einzelnen Teil so ausgedehnt,  dass ein einziger Spezialist nicht mehr in der Lage ist, mit all dem fertig zu werden. Deswegen kommt man in Amerika jetzt zunehmend zu dem Schluß, dass es nicht mehr sicher ist, sich auf einen menschlichen Arzt zu verlassen. Nur Computer können uns noch helfen. In der Zukunft wird der Stand der Dinge so sein, dass ein ein weiser Mensch jemand sein wird, der am Computer arbeiten kann. Dann wird es für einen Arzt nicht mehr notwendig sein, Medizin zu studieren. Alles, was er tun müßte, wäre, den Computer sachgerecht zu bedienen, um eine Antwort zu erhalten.

BeschäftigtBeschäftigt