Taoistische Reflektionen

11.08.2009 um 23:59 Uhr

Tao 538

von: tao

Im Osten ist Satsang eine der wertvollsten Methoden für das Erwachen gewesen. Der Osten hat gesagt: Wenn du in der Gegenwart des Meisters bist, ist nichts sonst nötig. Sei bloß in seiner Präsenz, sitze bloß still bei ihm, sei bloß mit ihm und das Erwachen wird sich um sich selbst kümmern. Wann immer der richtige Moment kommt, wird es geschehen. Du brauchst dir keine Sorgen darum machen, du brauchst es nicht zu planen, sonst wirst du in Schwierigkeiten sein: "Wann wird sich dieses Erwachen denn ereignen?" Dann ist Erwachen auch eine Sehnsucht geworden, ein Verlangen, eine Gier, ein Ziel.
Erst wenn du aufs Äußerste verwirrt bist, kann man dich nicht mehr verwirren. Ein Mensch des Tao ist absolut konfus.
 
 

10.08.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (40)

von: tao

Die Ehe existiert als eine Institution der Ausbeutung,
sie ist kein Zusammensein.
Darum blüht sie nicht auf zum Glücklichsein.
Das kann sie nicht.
Wie kann aus den Wurzeln der Ausbeutung
Ekstase geboren werden?
Da sind deine sogenannten Heiligen, die ständig sagen
dass du unglücklich bist
weil du in einer Familie bist, weil du in der Welt lebst.
Sie sagen: Lass alles hinter dir, entsage!
Und ihre Logik scheint richtig zu sein,
nicht weil sie richtig ist,
sondern weil du das Zusammensein vermißt hast.
Sonst würden all diese Heiligen
als absolut verkehrt erscheinen.
Jemand, der Zusammensein kennengelernt hat,
hat das Göttliche kennengelernt;
jemand, der wirklich verheiratet ist,
hat Tao kennengelernt,
denn Liebe ist das größte Tor.
Aber das Zusammensein ist nicht da
und ihr lebt zusammen ohne zu wissen,
was Zusammensein ist;
ihr lebt auf diese Weise siebzig, achtzig Jahre lang
ohne zu wissen, was Leben ist.
 

09.08.2009 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 3/8 (8)

von: tao


 
Alles ist neu. Darum greifen deine Reaktionen immer zu kurz. Du agierst aus der Vergangenheit heraus und die Sache, um die es geht, ist absolut neu, das ist niemals zuvor passiert, du hast keine Erfahrung damit. Du magst mit etwas Ähnlichem deine Erfahrungen gemacht haben, aber es kann keine Erfahrung mit exakt derselben Sache sein. Es ist keine Wiederholung, die Situation wiederholt sich nie. Vielleicht war es etwas Ähnliches -- jemand hat dich reingelegt, etwas Ähnliches. Du wurdest von jemandem betrogen, etwas Ähnliches. Du wurdest von jemandem bedroht, etwas Ähnliches. Aber es war nicht genau dasselbe. Wenn du also beginnst, in deinem Gedächtnis herumzukramen, zeigst du damit, dass du keine Geistesgegenwart hast. Das ist ein Paradox: Ein Mensch, der nicht denkt, ist ein Mensch mit Geistesgegenwart; und ein Mensch, der nachdenkt, ein Mensch, der sein Gedächtnis bemüht, ist ein Mensch, der geistesabwesend ist. Er schaut in die Vergangenheit. Die Situation ist hierjetzt, du bist mit ihr konfrontiert; es ist eine Begegnung. Antworte gleich jetzt, wie ein Spiegel. Ein Spiegel spiegelt wider, wer auch immer vor ihm steht. Der durchleuchtet nicht sein Gedächtnis: Dieser Mensch ist schon mal hier gewesen, hier vor mir gestanden, wie sollte ich ihn also widerspiegeln? Er reflektiert einfach. Wenn es keine Erinnerung gibt, dann gibt es auch keine Geistesabwesenheit, der Spiegel ist einfach klar, er hat keine Staubschicht, der Staub stellt keine Verzerrung dar. Die Spiegelung wird klar sein und aus dieser Reflexion heraus wird die Tat erfolgen. Wenn du aus dem gegenwärtigen Moment heraus handelst, ist dein Tun immer ganzheitlich. Du wirst dich niemals frustriert fühlen.
Fröhlich

08.08.2009 um 16:17 Uhr

Quellender Urgrund 1/4 (7)

von: tao

 

Der Taoismus sagt also,

dass Theologie

nichts helfen wird,

dass Philosophie

nichts helfen wird,

dass Logik nicht helfen wird,

dass Vernunft nicht helfen wird.

Du kannst ständig denken

und denken,

und es wird nichts als

Erfindung sein --

die pure Erfindung

des menschlichen Denkens,

um seine eigene

Stupidität zu verbergen.

 

07.08.2009 um 14:16 Uhr

Tao Te King 67 (16)

von: tao

Was auch immer du bist
und was auch immer du gerade tust,
bleib dort nicht stecken.
Geh weiter.
Bevor du nicht zu
totalem, absoluten Schweigen gelangst,
wo du verschwunden bist,
der andere verschwunden ist,
und nur Liebe fließt,
ohne dass es noch
einen Liebenden oder eine Geliebte gibt --
nur dann ist es soweit:
Das ultimative Erblühen des Lotus:
Die Liebe erblüht,
ohne eine Liebende, ohne einen Geliebten;
beide Ufer sind verschwunden,
nur der Fluß ist geblieben.
Und wenn die Ufer verschwinden --
dann wird der Fluss zum Ozean.

06.08.2009 um 16:02 Uhr

Südliches Blütenland 19/13 (34)

von: tao

Wenn ein menschliches Wesen verschwindet,
wird dieser Platz, den es einnahm
für immer und ewig unausgefüllt bleiben.
Niemand kann ihn besetzen, es ist unmöglich, ihn auszufüllen,
denn niemand kann exakt dasselbe sein, was dieser Mensch war.
Jeder ist einzigartig, also können keine Regeln festgelegt werden.
"Die weisen Menschen des Altertums..."
aber wenn du zu den weisen Menschen von heute gehst
wirst du Regeln, Regulationen und alles finden --
ein ganzes Rahmenwerk.
Die werden dich zu einem Soldaten machen,
aber nicht zu einem Taoisten.
Ein Soldat ist ein toter Mann
denn seine ganze Funktion ist es, Tod in die Welt zu bringen.
Ihm kann nicht erlaubt werden, sehr lebendig zu sein,
wie würde er sonst den Tod bringen?
Der Tod kann nur durch einen toten Menschen kommen.
Er muss dann töten. Und bevor er andere tötet
muss er selbst komplett getötet werden, durch Regeln.
Also zielt das ganze militärische Trainung auf das Töten ab
das Abtöten der Lebendigkeit der Person,
der Bewußtheit des Menschen --
um ihn zu einem Automaten zu machen.
Also sagen sie laufend zu ihm:
"Rechts um, links um, rechts um, links um", jahrelang!
Was für ein Unsinn geht da vor sich?
Warum die Drehung nach links, warum die Drehung nach rechts?
Aber das hat schon seinen Sinn --
sie wollen dich zu einem Automaten machen.
Rechts um -- und jeden Tag tust du das stundenlang.
Es wird zu einem körperlichen Phänomen.
Wenn sie brüllen: "Rechts um!",
brauchst du gar nicht mehr nachzudenken,
der Körper bewegt sich einfach. Wenn sie brüllen: "Links um!"
bewegt sich der Körper einfach,
das Bewußtsein mischt sich nicht mehr ein.
Der ganze Sinn der militärischen Ausbildung überall auf der Welt
ist, das Bewußtsein von deinen Handlungen abzutrennen
so dass die Handlungen automatisch werden,
damit wirst du effizienter und gut ausgebildet.
Denn das Bewußtsein macht immer nur Probleme....
 

05.08.2009 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 2/12 (14)

von: tao

Ein koan ist ein Rätsel, das nicht gelöst werden kann. Wenn es gelöst werden kann, ist es kein koan. Wenn das Denken es lösen kann, dann kann das Denken weitermachen. Aber das Denken kann es nicht lösen, es kann es einfach nicht lösen; immer wieder erweist sich das Denken als impotent, wieder und wieder ohnmächtig. Immer wieder Frustration. Wieder und wieder endet das Denken in: "Ich kann gar nichts tun. Ich kann nichts mehr tun." Und diese Spannung geht weiter, immerzu, und erreicht einen Gipfel: Donnernd, röhrend, wie ein Sturm; ein Wahnsinn baut sich auf. Und der Schüler denkt immerzu: "Was der Klang von einer klatschenden Hand?" Und er gibt die Frage ständig an sein Denken weiter. Zuerst versucht das Denken, Antworten zu liefern: Linguistische, wörtliche, angelesene Antworten und der Meister lehnt ständig ab. Sogar wenn der Schuler nur den Raum betritt und noch gar nichts zum Meister gesagt hat, sagt der Meister: "Nein, das ist nicht die Antwort." Weil es ja tatsächlich gar keine Antwort gibt, weiß der Meister, dass ihm keine Antwort gegeben werden kann. Und dann, eines Tages -- aus reiner Erschöpfung heraus, aus schierem Ermüdetsein, totaler Ermüdung -- setzt das Denken aus, verschwindet die Sprache. Und wenn die Sprache verschwindet, wenn das Denken verschwindet, dann verschwindet auch die Frage. Wer ist noch da, um sie zu stellen? Und wenn es keine Sprache mehr gibt, wie kannst du dann  noch die Frage formulieren: "Was ist der Ton einer klatschenden Hand?"

04.08.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (39)

von: tao

Wenn eine Mutter ihr Kind bedroht,
muss das Kind folgen, es muss sich darauf einstellen,
es muss falsch werden und Masken tragen.
Es muss Rollen spielen --
sogar wenn ihm nicht nach Lächeln zumute ist.
Wenn die Mutter kommt, muss es lächeln.
Es muss zum Politiker werden und darauf achten
welche Gefühle es bei anderen hervorruft,
sonst würde es sich unsicher fühlen.
Nun wird es niemals mehr so sicher sein
wie damals im Mutterschoß. Was soll es tun?
Sollte es sich in der Gebärmutter festhalten?
Und es scheint, dass das Kind sich irgendwie sperrt,
es möchte nicht herauskommen.
Oftmals ist die Hilfe eines Arztes nötig,
das Kind herauszuholen --
sein ganzes Wesen sperrt sich dagegen.
Es leistet Widerstand; es möchte dort bleiben, wo es ist, im Bekannten.
Und kannst du dir irgendetwas Unbekannteres denken,
etwas Fremdartigeres für das Kind als die Welt?
Es öffnet seine Augen und alles ist ihm fremd,
überall um es herum sind Geräusche. Es erschreckt sich.
Und es wird wachsen, und wie es heranwächst, erwächst ihm auch mehr Unsicherheit.

03.08.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 71 (19)

von: tao

Sonstige 
Wenn einer einfach auf der vierten Stufe,
in der Todesschicht, stirbt,
wird er das Leben eines Zombies leben.
Er wird sich in der Welt bewegen
als wenn er fest schlafen würde,
als ob er sich in einem
tiefen hypnotischen Schlaf befinden würde.
Betrunken.
Leer.
Das Kreuz wird da sein, in ihm,
aber die Auferstehung hat sich nicht ereignet.
Wenn man achtsam bleibt --
und es ist sehr schwierig, wach zu sein,
wenn sich der Tod ereignet;
aber wenn er sich mit Hilfe eines Meisters
langsam durcharbeitet, ist es möglich.
Wenn du einschläfst,
dann funktioniert der Meister wie ein Wecker.
Er macht dich achtsam und wach.
Er verpaßt dir einen Schock, macht dich umsichtig,
und wenn du aufmerksam und bewußt werden kannst,
während sich der Tod überall um dich herum ereignet,
wirst du todlos.
Dann beginnt die fünfte Stufe.
Die fünfte ist die Schicht des Lebens.
Die Energie wird absolut frei, ohne Blocks.
 
 

02.08.2009 um 23:06 Uhr

Quellender Urgrund 1/6 (5)

von: tao

Da ist etwas in dir, das schon da war, bevor du jemals geboren wurdest, das noch da sein wird, auch dann, nachdem du für immer vergangen sein wirst. Nachdem du gestorben bist, wird das noch bleiben, was vor deiner Geburt schon war -- das, was ohne Ursache ist.
Darum glauben die Taoisten nicht, dass Gott die Welt erschuf, dass Gott den Menschen erschuf, dass Gott Seelen erschuf. Wenn Gott Seelen erschaffen hätte, dann wären sie verursacht worden und eines Tages würden sie dann verschwinden -- wie weit weg auch  immer dieser Tag sein mag, ist unwesentlich. Wenn die Welt verursacht worden wäre und der Mensch erschaffen worden wäre, dann würde die Welt eines Tages wieder abgebaut und entmaterialisiert werden und die Erschaffung des Menschen würde wieder rückgängig gemacht werden. Die Taoisten sagen: "Das, was ewig, ohne Ursache und unerschaffen ist" -- sie haben keinen Schöpfer. Tatsächlich hat niemand sonst jemals diesen Gipfel erreicht, diese höchste Höhe des Verstehens, die die Taoisten erreicht haben. Alle anderen Religionen wirken kindlich dagegen. Die taoistische Reife ist so gewaltig, ist von solchem Glanz, ist von solcher Höhe und Tiefe, dass keine andere Religion damit verglichen werden kann; sie sehen alle wie Kindergarten-Schulen aus -- speziell für Kinder gemacht.

01.08.2009 um 21:03 Uhr

Tao Te King 9 (26)

von: tao

Bei allem sollte dies die goldene Regel sein:
Halte immer ein Gleichgewicht.
Ein unausgeglichenes Wesen
kann im Leben nicht existieren;
das Leben erlaubt kein Ungleichgewicht.
Je ausgeglichener du bist,
desto mehr gibt dir das Leben;
je unausgeglichener du bist,
desto weniger kann das Leben dir geben.
Du wirst freiwillig zum Bettler.
"Spanne einen Bogen bis zum Geht-nicht-mehr
Und du wirst wünschen,
du hättest rechtzeitig damit aufgehört."
Ein deutscher Dichter schrieb einmal
in der Einleitung zu seinem Buch:
Hitler hätte diesen Satz von Lao-tse kennen sollen:
"Spanne einen Bogen bis zum Äußersten
Und du wirst wünschen,
du hättest rechtzeitig Halt gemacht."
Hitler war erfolgreich, aber er kannte Lao-tse nicht.
Leute wie Hitler tun das niemals.
Bis vor kurzem noch hatte George W. Bush
den Bogen zu sehr überspannt.
Sei nicht zu erfolgreich, sonst wirst du scheitern.
Du hast das Sprichwort gehört:
Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg.
Das ist nicht wahr.
Der Taoismus verkündet dir das richtige Sprichwort:
Nichts versagt so sehr wie der Erfolg.