Taoistische Reflektionen

30.09.2009 um 23:37 Uhr

Tao 552

von: tao

 
Plötzlich -- und es ist immer plötzlich --
ohne irgendeinen graduellen Prozess --
ist man wach.
Der Morgen ist gekommen.
Du bist zurück, du bist daheim.
Sollte man denn dann Glückseligkeit
all dem anderen Mist vorziehen?
Du solltest das vermeiden, sonst wirst du nur Mist machen.
Schwierig, ganz gewiß.
Die Schwierigkeit besteht darin,
dass es unmöglich ist,
kein Verlangen nach dem Tao zu erzeugen,
dass es unmöglich ist,
wenn du erkennst, dass etwas schön und glückselig ist,
nicht sich danach zu sehnen.
Aber nach und nach
wirst du den Dreh daran herausbekommen.
Denn immer wenn du es dir wünschst,
wirst du es verpassen.
Dann wirst du verstehen müssen,
dass du es dadurch verfehlst, dass du dich danach sehnst.
 
Fröhlich

29.09.2009 um 14:41 Uhr

Südliches Blütenland 232/2 (9)

von: tao

Warum
werden Adam und Eva aus dem Garten vertrieben?
Weil sie die Frucht des Wissens gegessen haben,
und die Frucht des Wissens ist die giftigste.
Wenn du die Diskrimination hinauswerfen willst,
die überlegte absichtliche Teilung,
wirst du das Wissen hinauswerfen müssen;
du wirst wieder Kind werden müssen.
Nur dann kann die Rüstung aufgebrochen werden.
Aber es wird zu Beklemmungen kommen
wenn du es wirklich versuchen
und diesen Panzer zerbrechen willst
denn diese Rüstung ist dein ganzes Ego.
Du fühlst dich deswegen gut, denn du hast Moral --
du hast das Gefühl, dass du anderen etwas voraus hast
denn du hast sittliche Werte.
Wenn du diese Rüstung zerbrichst,
wird ein Chaos folgen.
Zuerst wirst du verrückt werden müssen
und dann kommt die Furcht,
und wenn du Angst hast, wirst du wieder unterdrücken,
du wirst wieder die Rüstung anlegen --
du wirst die Panzerung sogar noch verstärken.
Und jetzt hast du Angst davor,
aus der Rüstung herauszukommen.
Sie schützt dich.
 

28.09.2009 um 17:47 Uhr

Tao Te King 45 (22)

von: tao

 
Die anderen Menschen mögen
in gewisser Weise besser sein als du,
aber sie sind genau wie du.
Du magst zorniger sein,
sie sind weniger wütend --
der Unterschied
besteht in der Quantität,
nicht in der Qualität.
Du bist ein Sünder, sie sind Heilige.
Ein Heiliger bedeutet nur jemanden,
der all das als Sünde verurteilt,
was du verurteilst
und es konsequent
in sein eigenes Unterbewußtsein verdrängt.
Dann lebt er halbherzig
an der Oberfläche,
immer in Angst vor den Wurzeln
im Innern,
immer am Zittern und Beten,
betend zu Gott,
er möge ihn vor Versuchungen bewahren.
Du kannst ihn verstehen,
er ist dir sehr nahe;
der Unterschied, die Demarkationslinie
ist nicht sehr dick oder ausgeprägt,
sie ist vage.
Aber wirkliche Perfektion,
ein realer Mensch der Vollkommenheit
ist so transzendental für dich,
so verschieden von dir,
dass du ihn nicht verstehen kannst.
Mißverstehen
wird dein einziges Verstehen sein,
was ihn betrifft.
"Die höchste Perfektion
ist wie Unvollkommenheit,
Und ihr Nutzen
ist niemals eingeschränkt."

27.09.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 43 (17)

von: tao

Wütend
Alexander mag ein großartiger Soldat sein
außerhalb seines Hauses
aber wenn er sein Haus betritt,
ist er bloß eine ganz gewöhnliche Maus.
Keine Frau glaubt dir, dass du ein großer Soldat bist;
sogar wenn sie das so sagt,
sogar wenn sie dich dazu bringt, dass du glaubst,
dass du der wirkliche Herr im Haus bist, du bist es nicht.
Das ist nicht möglich,
nicht weil die Frau sich gegen dich verschworen hat, nein.
Es ist bloß ein natürliches Phänomen --
das Weiche gewinnt,
und die Frau ist ein weicheres Element als der Mann.
Harte Elemente haben ihren eigenen Nutzen,
aber so weit, wie es den Endsieg angeht,
ist es das Weiche, das sich durchsetzt.
Natürlich kannst du einen Mann nicht besiegen,
wenn er auch feminin ist --
ein Mensch des Tao
kann von einer Frau nicht besiegt werden, unmöglich,
denn ein Mensch des Tao ist weiblicher als jede Frau.
Lao-tse kann nicht besiegt werden,
er ist bescheidener als jede Frau.
Wenn du gewinnen willst
solltest du, wenn es nach Lao-tse geht,
weich sein, demütig und widerstandslos.
 

26.09.2009 um 23:58 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (20)

von: tao

Du denkst, dass du durch Meditation
stiller werden würdest!
Und dann passiert genau das Gegenteil!
Zu Beginn geschieht das notwendigerweise
weil dir eine falsche Grundlage gegeben worden ist.
Die ganze Gesellschaft
deine Eltern, deine Lehrer, deine Universitäten, deine Kultur,
haben dir eine falsche Basis gegeben.
Du bist schon korrumpiert, deine Quelle ist vergiftet.
Das ist das Problem -- wie kann man dich entgiften.
Das braucht Zeit, und eine der schwierigsten Sachen
ist, all das loszuwerden, was du kennengelernt hast, das wieder zu verlernen.
Dschuang Dsi sagt:
"Wo kann ich einen Menschen finden
der die Worte vergessen hat?
Er ist derjenige
mit dem ich gerne reden würde."

25.09.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 19/13 (35)

von: tao

 
Wenn du als Soldat einen Menschen töten sollst
und dabei denkst -- das wird nicht gehen.
Wenn du denkst:
Warum soll ich diesen Menschen töten?
Er hat mir nichts getan.
Ich weiß nicht einmal, wer er ist, er ist ein Fremder.
Wenn du also erst einmal denkst,
wirst du auch das Gefühl haben
dass du eine Mutter zuhause hast,
eine Frau, ein kleines Kind, die auf dich warten,
und das gleiche wird bei dem anderen
wohl auch der Fall sein.
Eine Mutter muss irgendwo auf ihn warten,
eine Frau dafür beten,
dass ihr Mann zurückkommen wird,
ein Kind hoffen, dass sein Vater zurückkehren wird.
Warum soll ich diesen Mann töten
und damit diese Hoffnungen eines Kindes,
einer Frau,einer Mutter, eines Vaters,
eines Bruders und von Freunden?
Warum soll ich diesen Menschen töten?
Und er hat nichts falsch gemacht, was dich betrifft,
bloß zwei Politiker sind durchgedreht.
Sollen die doch losziehen und mit einander kämpfen und die Angelegenheit entscheiden.
Warum es durch andere entscheiden lassen?
Verrückt

24.09.2009 um 20:11 Uhr

Tao Te King 70 (13)

von: tao

 
Das Leben ist da, in all seinem Offensein --
spring hinein,
tanz mit ihm,
tauch tief in es hinein,
werde eins damit.
Und das ist die Schönheit --
dass diejenigen, die mit Problemen anfangen
niemals am Ende mit Lösungen dastehen,
und diejenigen, die nie mit Problemen beginnen,
haben immer schon die Lösung.
Diejenigen, die Problemlösungen versuchen,
sind niemals zu Lösungen fähig,
und diejenigen,
die niemals an einer Problemlösung interessiert waren,
haben es schon gelöst.
In Wirklichkeit
war nichts verborgen von allem Anfang an.
Alles ist offen,
es ist ein offenes Geheimnis!
Es schaut nur wie ein Geheimnis aus,
weil  du verschlossen bist.
Es geht also nur darum
wie du dem Leben
eine andere Seinsqualität entgegenbringen kannst;
nicht diese mentale Fragestellung,
sondern ein staunendes Herz.

23.09.2009 um 23:59 Uhr

Tao 551

von: tao

Wie konnte solch ein reines,
solch ein unschuldiges Kind
wie Jesus von Maria geboren werden?
Sie war Jungfrau.
Sie muss sehr, sehr unschuldig gewesen sein,
absolut unschuldig, als wenn sie niemals
irgendeinen Mann kennen gelernt hatte.
Das ist der Sinn. Die Bedeutung ist "als wenn".
Als wenn sie nicht gewußt hätte, was Sex ist,
als ob sie nicht wußte, was gewöhnliche Kopulation ist
aber das ist immer ein "als ob".
Beginnst du erst einmal,
dem allem eine Faktizität aufzuzwingen,
bist du töricht.
Alle Theologien sind närrisch:
Sie versuchen beispielsweise zu beweisen:
Ja, sie war eine Jungfrau,
und Gott ließ in diesem historischen Moment
eine Ausnahme zu.
Dabei ist es eigentlich ein Weg,
etwas bestimmtes Schönes mitzuteilen,
das anders nicht ausgedrückt werden kann.
Dies besagt dann eben bloß,
dass Jesus von einem jungfräulichen Ursprung,
aus einer reinen Unschuld kommt,
die keine Unreinheit der Welt und des Körpers kennengelernt hat.
Das ist alles.
Bestehe nicht darauf, dass es erklärt werden sollte
denn eine Erklärung tötet genau das,
was vermittelt werden soll,
den Geist, der dahintersteht.
 

22.09.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (19)

von: tao

Sonstige
Wenn du meditierst, dann wird dir bewusst,
dass du zuviel denkst,
sogar mehr, als du es normalerweise spürst.
Warum? Was geht da vor sich?
Wenn du still bist, dann gehst du nach innen
und du wirst sensibler für den inneren Unsinn
der dort immer weiter abläuft.
Wenn du nicht in Meditation bist,
bist du extrovertiert, gehst nach außen,
du bist mit der Welt involviert
und du kannst nicht auf den inneren Lärm hören,
der immer weiter geht.
Dein Denken ist zu abgelenkt.
Der Lärm ist ständig da
aber du kannst ihn nicht hören, du bist beschäftigt.
Aber immer wenn du deine Augen schließt
und nach innen schaust,
dann öffnet sich das Irrenhaus.
Du kannst es sehen, spüren und hören
und dann bekommst du Angst und erschrickst.
Was spielt sich da ab?
 

21.09.2009 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (17)

von: tao

In dem Moment,
in dem das Kind
das Gefühl bekommt, dass es abgetrennt ist,
ist die natürliche Einheit zerbrochen,
und dann wird
sein ganzes Leben
ein Kampf und ein Streit.
 

20.09.2009 um 13:57 Uhr

Südliches Blütenland 17/3 (21)

von: tao

Baal Schems Schüler
pflegten alles aufzuschreiben,
was auch immer er sagte,
und Baal Schem sagte dann immer:
Ich weiß schon, dass alles,
was immer ihr da aufschreibt
nicht das ist,
was von mir gesagt worden ist.
Ihr habt eine Sache gehört,
ich habe etwas anderes gesagt,
und ihr schreibt dann immer noch etwas anderes auf.
Und wenn ihr auf denn Sinn schaut,
ist die Bedeutung dahinter
wieder etwas anderes.
Ihr werdet niemals das auch tun,
was ihr aufgeschrieben habt,
ihr werdet dann wieder
etwas anderes tun.
Fragmente, kein integriertes Wesen --
warum sind diese Fragmente da?
Das Denken tritt auf,
wenn du geteilt bist.
Das Denken nährt sich von Teilung,
darum sagte Krishnamurti ständig
dass du in Meditation bist
wenn der Beobachter
das Beobachtete geworden ist.
Dem Hundertfüßer (siehe 12.09.2009) passierte das Gegenteil.
Das Ganzsein war verlorengegangen, er war entzweit:
Der Beobachter und das Beobachtete, geteilt voneinander;
das Subjekt und das Objekt,
der Denker und das Gedachte.
Dann war alles durcheinander,
dann war die Glückseligkeit weg
und der Energiefluß blockiert.
Dann war er wie eingefroren.
Immer wenn das Denken
ins Spiel kommt,
tritt es als eine kontrollierende Kraft, als ein Manager auf.

19.09.2009 um 23:27 Uhr

Tao Te King 15 (22)

von: tao

Vom Brahma aus beginnt der Ganges.
Dann folgt Lehrer auf Lehrer auf Lehrer,
eine lange Prozession
und jeder sagt: Ich habe es bloß gehört.
Das ist ein schönes Phänomen.
Es besagt einfach,
dass kein Mensch eine Insel ist,
dass wir gegenseitig voneinander abhängig sind,
dass die ganze Vergangenheit
an dir beteiligt ist.
Das ist der Sinn davon.
Du bist nicht alleine hier,
du bist nicht plötzlich hochgeblubbert,
die ganze Vergangenheit
wird von dir mitgetragen --
dein Bewußtsein ist wie in einer Kette
mit der ganzen Vergangenheit verbunden.
Von ganz von Anfang an bis jetzt ist alles,
was geschehen ist,
dir zugestoßen
und du bist der Träger
der ganzen Vergangenheit.
Auf diese Weise entsteht eine Beziehung,
das Gefühl einer Beziehung, mit der Zeit.

18.09.2009 um 22:54 Uhr

Südliches Blütenland 26/7 (27)

von: tao

Schau nicht auf die Dinge, den Luxus,
sonst wirst du dich täuschen lassen.
Schau auf die Person, all ihrer Besitztümer beraubt,
schau direkt auf sie
und dann wirst du die Armut spüren.
Dann mag sogar ein Bettler ein armer Mann sein.
Dann kann sogar ein armer Mensch reicher sein,
soweit wie es das Leben betrifft.
Der Erfolg versagt, und nichts geht so fehl wie Erfolg.
Denn der Mensch, der Erfolg hat
verliert damit seinen Griff aufs Leben, auf alles.
Der Mensch, der erfolgreich ist,
macht in Wirklichkeit einen Tauschhandel,
er wirft das Wirkliche weg für das Unwirkliche,
er wirft die inneren Diamanten weg
für farbige Steine am Strand;
er sammelt die Kiesel,
während er die Diamanten dabei verliert.
Ein reicher Mensch ist ein Verlierer,
ein erfolgreicher Mensch ist ein Versager.
Aber weil du mit ehrgeizigen Augen schaust
siehst du auf die Besitztümer.
Du schaust dir niemals den Politiker an,
du schaust auf den Posten,
auf den Sessel des Bundeskanzlers.
Du schaust auf die Macht.
Du schaust dir niemals die Person an, die dort sitzt
absolut machtlos, der alles fehlt,
die nicht eimal einen Schimmer von dem hat,
was Glückseligkeit ist.
Sie hat sich Macht erworben
aber indem sie das erreicht hat,
hat sie sich selbst verloren.
Und das alles ist ein Kuhhandel.
Am Ende wird jeder erfolgreiche Mensch spüren
dass er betrogen worden ist.
Das muss so passieren,
das ist zwangsläufig so, es ist unausweichlich.
Denn was gibst da dafür her
und was bekommst du dafür?
Das innere Selbst ist verloren gegangen
für nichtigen Besitz, für sinnlosen Luxus.
 

17.09.2009 um 23:59 Uhr

Tao 550

von: tao

Die Mafiosi trafen sich mit dem Paten, und was der große Boss sagte, das wurde getan. Der Türsummer ertönte und der Bedienstete ging hin, um die Türe zu öffnen. Er spähte durch den Schlitz am Türrahmen und ließ die Tür wieder zu fallen, nachdem er den Besucher erkannt hatte. "Lass deinen Schirm vor der Tür", sagte der Bedienstete zum Besucher. "Ich hab gar keinen", antwortete der Besucher. "Dann geh zurück nach Hause und hol dir einen. Der Boss sagte zu mir, jeder muss seinen Schirm vor der Tür lassen. Andernfalls werde ich dich nicht reinlassen."
Eine Regel ist nun mal eine Regel.
Es war eine verzweifelte Verfolgungsjagd, aber der Polizeiwagen holte gegenüber den Bankräubern auf, als er plötzlich in eine Tankstelle ausscherte, von wo aus der Polizist, der am Steuer saß, seinen Chef anrief. "Hast du sie gefaßt?", fragte der Chef aufgeregt. "Die hatten Glück", erwiderte der Polizist. "Wir kamen immer näher, bis auf 500 Meter, als ich bemerkte, dass wir die 750-Kilometer-Marke erreicht hatten, also mußten wir einen Halt einlegen und unser Öl wechseln lassen."
Was kannst du schon machen, wenn das Öl jedes Mal nach 750 Kilometern gewechselt werden muss und die 750 Kilometer gefahren worden sind? Du mußt zuerst das Öl wechseln.
 
 

16.09.2009 um 21:05 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (23)

von: tao


Das Leben bewegt sich

in einem perfekten Kreis,

das Leben läuft

vollkommen,

 

da gibt es kein Problem.

Dschuang Dsi

sagt von Chui,

dass er freihändig

perfektere Kreise

zeichnen konnte

als mit einem Zirkel.

Du brauchst einen Zirkel,

weil du dem Leben

nicht vertraust.

 

15.09.2009 um 23:17 Uhr

Tao 549

von: tao

Ein Tag kommt,
wenn sich die Fähigkeit zum Staunen
in das Mysterium auflöst --
und mit diesem Sinn fürs Wundern
löst du dich auch auf.
Ja, Jesus hat recht:
Nur Kinder,
diejenigen, die noch staunen können,
kindgleiche Menschen,
nur die werden dazu fähig sein,
in das Königreich Gottes hineinzugehen.
Da wird die Versuchung groß sein, zu denken,
dein Denken würde nur zu gerne
dein Erstaunen zum Nachdenken reduzieren,
aber es wäre besser,
dieser Versuchung zu widerstehen.
Wenn du das tun kannst,
dann hast du den Schlüssel.
Wenn du ein wenig existentiell wirst,
dann löst sich das Fragezeichen auf.

14.09.2009 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 2/20 (21)

von: tao

Für jemanden, der dahin gekommen ist,

das Innere, das Unsterbliche, das innerste Ewige zu verstehen,

für den gibt es keine Furcht,

und dann gibt es auch keine Tapferkeit mehr,

denn Mut ist bloß eine Vertuschung.

Dieser Mensch ist weder ein Narr

noch ist er weise,

denn Weisheit ist einfach nichts

als eine Verschleierung.

Und dieser Mensch ist nicht geteilt

in Gegensätze,

dieser Mensch ist eine Einheit, er ist eins,

er ist ein einzigartiges Phänomen,

darum kann man ihn nicht definieren.

Es ist unmöglich,

einen Menschen des Tao zu definieren.

Wie willst du ihn definieren?

Wirst du ihn einen Feigling nennen?

Das kannst du nicht!

Wirst du ihn weise nennen? Nein!

Denn Weisheit ist der Gegensatz zur Torheit

und Tapferkeit ist der Gegensatz zur Feigheit.

 

 

13.09.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 16 (19)

von: tao

Mit Plastikblumen
kannst du dir es bequem machen
denn sie geben dir ein Gefühl
der Unsterblichkeit.
Sie können bei dir bleiben für immer und ewig.
Eine wirkliche Rose --
am Morgen ist sie so lebendig,
am Abend ist sie verwelkt,
die Blütenblätter sind abgefallen
und liegen auf der Erde,
sie ist zurückgekehrt zur selben Quelle.
Von der Erde kommt sie,
blüht für eine Weile,
und versendet ihren Duft an die ganze Existenz.
Dann ist ihre Mission erfüllt,
ihre Botschaft hat sie abgegeben,
sie fällt still zurück auf die Erde
und verschwindet
ohne eine einzige Träne, ohne jeden Kampf.
Hast du gesehen,
wie Blütenblätter von einer Blüte
auf die Erde herabfallen?
Wie schön und anmutig sie abfallen,
ohne sich noch anzuklammern;
auch nicht einen einzigen Moment lang
versuchen sie, sich festzuhalten.
Da kommt bloß ein Windhauch
und die ganze Blüte
ist auf die Erde gefallen,
zum Ursprung zurückgekehrt.
 

12.09.2009 um 21:51 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (22)

von: tao


 
Kennst du die Geschichte vom Hundertfüßer?
Ein Hundertfüßer geht mit seinen einhundert Füßen spazieren. Ein Frosch, ein Philosoph, sah den Hundertfüßer, schaute ihm zu und beobachtete ihn und wurde sehr beunruhigt; es ist so schwierig, auch nur mit vier Beinen zu laufen, aber dieser Hundertfüßer, der ging mit einhundert Beinen umher. Das war ein Wunder! Wie entscheidet sich der Hundertfüßer, welches Bein er als erstes bewegt, und welches dann als nächstes und dann, welches danach? Und einhundert Beine! Also hielt der Frosch den Hundertfüßer an und stellte ihm eine Frage: Ich bin ein Philosoph und bin ganz durcheinander wegen dir. Da ist ein Problem aufgetaucht, das ich nicht lösen kann. Wie gehst du? Wie schaffst du das überhaupt? Mir erscheint das unmöglich! Der Hundertfüßer sagte: Ich bin mein ganzes Leben schon gelaufen, aber ich habe nicht darüber nachgedacht. Nun, da du mich fragst, werde ich darüber nachdenken und dir dann Bescheid geben. Zum ersten Mall kam ein Gedanke in das Bewußtsein des Hundertfüßers. Tatsächlich, der Frosch hatte recht -- welches Bein sollte zuerst bewegt werden? Der Hundertfüßer stand ein paar Minuten da, konnte sich nicht mehr bewegen, schwankte und wankte, und fiel dann um. Und zum Frosch sagte er: Bitte stelle keinem anderen Hundertfüßer mehr diese Frage, erst recht keinem Tausendfüßer. Ich bin mein ganzes Leben lang gelaufen und niemals war es ein Problem gewesen, und nun hast du mich komplett umgehauen! Ich kann mich nicht mehr bewegen. Und es gilt, einhundert Beine zu bewegen! Wie soll ich das nur bewerkstelligen?

11.09.2009 um 23:50 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (41)

von: tao

Aber es gibt kein Zusammensein
und ihr lebt zusammen
ohne zu wissen, was Zusammensein ist;
du lebst auf diese Weise
siebzig, achtzig Jahre lang
ohne zu wissen, was Leben ist.
Du driftest dahin,
ohne irgendwelche Wurzeln im Leben.
Du gehst bloß von einem Moment zum anderen
ohne zu schmecken, was das Leben dir gibt.
Und das ist dir nicht von Geburt an gegeben.
Das Leben zu kennen ist nicht erblich.
Das Leben kommt durch die Geburt
aber die Weisheit, die Erfahrung, die Ekstase, muss gelernt werden.
Daher die Bedeutung von Meditation.
Du mußt es dir verdienen,
du mußt da hineinwachsen,
du mußt eine gewisse Reife erreichen;
nur dann wird du imstande sein,
es kennenzulernen.
Das Leben kann sich dir nur
in einem bestimmten Moment der Reife eröffnen.
Aber die Leute leben und sterben kindisch.
Sie wachsen niemals wirklich,
sie gelangen niemals zur Reife.