Taoistische Reflektionen

31.10.2009 um 20:54 Uhr

Tao Te King 1 (37)

von: tao

 

Wenn du das Gegenteil verneinst,

kannst du perfekt werden

aber du wirst nicht ganzheitlich sein,

dir wird etwas fehlen.

Wie schön auch immer Buddha ist,

ihm fehlt etwas.

Lao-tse ist nicht so schön, nicht so perfekt;

Lao-tse wird gewöhnlich erscheinen

und Buddha außergewöhnlich, superb.

Aber in Lao-tse existieren

tausende von Buddhas.

Er ist tief verwurzelt in der Erde --

er ist eingewurzelt in die Erde

und er ragt bis in den Himmel;

er ist beides, Himmel und Erde,

ein Sich-Begegnen der Gegensätze.

Es gibt drei Schlüsselworte:

Das eine ist Abhängigkeit,

das andere Unabhängigkeit,

das dritte wechselseitige Abhängigkeit.

Buddha ist unabhängig. Du bist abhängig.

Ein Ehemann ist abhängig von seiner Frau;

ein Vater ist abhängig von seinem Sohn;

ein Individuum ist abhängig

von der Gesellschaft --

tausenderlei Abhängigkeiten.

Lao-tse steht für Interdependenz.

Sonstige

30.10.2009 um 23:59 Uhr

Tao 564

von: tao

Beschäftigt
Yoga sagt "nach oben", Lao-tse sagt "nach unten". Die Dualität des Lebens ist evident durch die Unterschiede zwischen Yoga und Taoismus. Also mach dir damit keine Probleme. Was auch immer dich anspricht, für das entscheide dich. Denke immer daran: Was dir gefällt, das ist dein Pfad. Egal, wie sehr  andere etwas befürworten, wenn es dich nicht interessiert oder bei dir Anklang findet, dann ist dieser Weg nichts für dich. Es ist besser, auf seinem eigenen Weg in die Irre  zu gehen, als korrekt auf dem Pfad eines anderen voranzukommen; denn der erstere führt dich ungeachtet aller Fehlschläge letztendlich ans Ziel; wohingegen der letztere trotz aller Fürsorglichkeit dich nirgendwohin führt.

Es gibt einen Grund dafür. Unsere eigene Natur, unsere eigene Veranlagung, spielt eine große Rolle in unseren Leben. Wenn dich also der Weg, dem eine andere Person folgt, sogar anzieht und beeinflußt, dann frage dich innerlich, ob er zu dir paßt. Es passiert oftmals, dass  unvorteilhafte Dinge  attraktiv erscheinen, sogar obwohl sie ungünstig sind. Die Anziehung liegt  in ihrer exakten Gegenteiligkeit zu unserer Natur und weil diese Dinge uns unbekannt und nicht vertraut sind. Sei dir immer deiner eigenen Natur, deines So-und-nicht-anders-Seins, bewußt.

29.10.2009 um 23:18 Uhr

Tao 563

von: tao

Im Zug kannst du einfach sehen,
wer ohne ein Ticket gekommen ist --
er erzeugt seine eigene Schwierigkeit um sich herum.
Und manchmal passiert es, dass du eine Fahrkarte gelöst hast
und sie ist dir aus der Tasche gefallen,
aber du hast es nicht bemerkt,
du weißt nicht, dass du kein Ticket mehr hast.
Dann schlenderst du herum und sitzt da,
als wenn du die Fahrkarte hättest.
Niemand kann es dir anmerken, niemand kann dich erwischen;
sogar der Fahrkartenkontrolleur
wird gar nicht erst zu dir kommen.
Er weiß, dass du ein Ticket haben mußt.
Die Leute sind immer überrascht,
wenn sie Fahrkarten haben,
kommt niemand, um sie zu kontrollieren,
und wenn sie kein Ticket haben
dann kommt plötzlich der Fahrkartenkontrolleur,
weil er auf diese kleine Gesetzmäßigkeit aufmerksam geworden ist
wie du ohne Schwierigkeit beurteilen kannst,
wer der Schwarzfahrer ist:
Er kann sich nicht natürlich geben,
er sendet seine eigenen unnatürlichen Schwingungen aus.
und sofort steuert der Fahrtkartenkontrolleur auf ihn zu.
Mach dir keine Sorgen.
Du bist hier und das Leben ist eben jetzt das Phänomen,
das vibriert, das zu dir spricht, dich durchdringt, dir hilft.
Du genieße es einfach. Und wenn du es genießen kannst
und wenn du selbst innerlich zu einem hellen Phänomen wirst,
werden andere dich genießen können.
 
 

28.10.2009 um 23:54 Uhr

Südliches Blütenland: Die Flucht vor dem Schatten (21)

von: tao

 
Wohin willst du vor dir selbst davonlaufen?
Sogar wenn du in die Berge fliehst,
der Ärger wird dir folgen,
er ist dein Schatten;
der Sex wird dir folgen, er ist dein Schatten.
Wo immer du hingehst,
dein Schatten wird mit dir sein.
"Die Methode, auf die er stieß. war,
vor ihnen wegzurennen.
Also stand er auf und rannte los.
Aber jedes Mal,
wenn er mit dem Fuß auf dem Boden aufsetzte
mußte er wieder einen Schritt machen,
während sein Schatten mit ihm Schritt hielt
ohne die geringste Schwierigkeit."
Er war erstaunt, er rannte doch schon so schnell,
aber für den Schatten war das keine Schwierigkeit.
Der Schatten folgte ihm so mühelos,
er schwitzte nicht einmal, ohne heftig zu atmen.
Seitens des Schattens gab es keine Schwierigkeit
denn ein Schatten ist nicht substantiell,
ein Schatten ist niemand.
Der Mann mag geschwitzt haben,
er hatte vielleicht schon Atemschwierigkeiten,
aber der Schatten hielt immer Schritt mit ihm.
Der Schatten kann dich auf diese Weise
nicht verlassen.
Weder Kämpfen noch Flüchten wird helfen.
Wohin willst du gehen?
Wo immer du hingehst,
du wirst dich selbst mit dir nehmen
und dein Schatten wird da sein.
"Er schrieb sein Versagen der Tatsache zu,
dass er nicht schnell genug rannte.
Also rannte er schneller und schneller,
ohne anzuhalten,
bis er schließlich tot umfiel."
Man muss die Logik des Denkens verstehen.
Wenn du das nicht verstehst,
wirst du ihm zum Opfer fallen.
Das Denken hat eine üble Logik,
es ist ein Teufelskreis --
es läuft im Kreis.
Wenn du auf es hörst, dann wird dich jeder Schritt
mehr und mehr in diesen Kreislauf hineinführen.
Dieser Mensch ist völlig logisch,
du kannst in seiner Logik
keinen Fehler, keinen Makel finden.
Da ist keine Lücke,
er ist ein perfekt logisch denkender Mensch,
wie irgendein Aristoteles.

27.10.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 41 (19)

von: tao

Man hat Jesus "Sohn Gottes" genannt --
nicht dass er kein Menschensohn ist,
er ist ein Sohn von Menschen,
aber man wollte eine Unterscheidung treffen.
Wenn man Jesus Mensch nennt,
wie will man dann die gewöhnliche Menschheit nennen?
Dann würden wir für die gewöhnliche Menschheit
etwas Untermenschliches finden müssen.
Wenn wir uns selbst menschlich nennen,
müssen wir Jesus übermenschlich nennen,
müssen wir Buddha einen Avatar nennen,
und Krischna einen Gott. 
Das sind bloß symbolische Gesten
um zu zeigen, dass der erste Typ Mensch,
der Mensch des Sattwa,
sogar über den Menschen hinausgeht, 
wenn er alle Anstrengung sein läßt
und sich im Einklang mit der Natur bewegt.
Schließlich mußt du Anstrengung zurücklassen --
und plötzlich paßt alles, du bist im Einklang.
Dann gibst du keine Richtung mehr vor,
dann bist du kein Dirigent mehr;
dann sagst du nicht zu den Winden:
Weht nun gen Süden,
denn ich bin auf einer Reise in den Süden.
Dann hast du keine Bestimmung mehr;
dann ist das Schicksal des Ganzen deine Bestimmung;
dann bist du nicht mehr getrennt.

26.10.2009 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 4/4 (5)

von: tao

Noch etwas zum Taoismus: Wenn Taoismus in dein Leben tritt, bist du auf natürliche Weise moralisch, Moralität kommt wie ein Schatten.
Ein Schüler kam zu Liä Dsi and fragte Liä Dsi: "Meister, was sollte ich tun, um erleuchtet zu werden?" Und Liä Dsi sagte: "Stell dich in die Sonne, geh spazieren, und beobachte deinen Schatten."
Der Mann ging hinaus, stand in der Sonne, ging herum und schaute seinem Schatten zu, kam zurück, verneigte sich, dankte dem Meister und sagte: "Du hast mir den Weg gezeigt."
Die anderen Schüler waren völlig durcheinander. Was hatte sich zwischen dem Meister und diesem neuen Mann abgespielt? Sie fragten Liä Dsi und er lachte. Er sagte: "Es ist so einfach. Ich sagte ihm, er solle raus in die Sonne gehen, herumspazieren und seinen Schatten beobachten. Und er verstand, worum es ging. Wenn der Körper geht, folgt ihm der Schatten. Der Schatten kann nicht von selbst gehen. Und sogar wenn du es fertigbringen könntest, dass der Schatten von selbst geht, würde der Körper ihm nicht folgen, dafür besteht keine Notwendigkeit."
Moral ist wie der Schatten, Taoismus ist die reale Gestalt. Wenn Taoismus da ist, kommt Moralität von selbst - sie muss dazukommen, es gibt keine andere Möglichkeit.  Aber wenn Moral da ist, besteht keine Notwendigkeit, dass Taoismus sich auch dazugesellt.
Fröhlich

25.10.2009 um 23:44 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (22)

von: tao

Traurig
"Wer Menschen regiert, lebt in Konfusion."
Und nicht nur, dass er in Verwirrung lebt,
er stiftet auch laufend Durcheinander in anderen an.
Aus Wirrwarr wird nur Kuddelmuddel geboren.
Wenn du also vernebelt bist, bitte denke daran --
hilf niemandem,
denn deine Hilfe wird giftig sein.
Wenn du durcheinander  bist,
dann beschäftige dich nicht mit anderen,
denn du wirst einfach nur Schwierigkeiten machen,
deine Krankheit wird ansteckend werden.
Gib niemandem gute Ratschläge,
und wenn du auch nur über ein wenig
Klarheit des Denkens verfügst,
dann nimm von niemandem einen guten Rat an,
der selbst durcheinander ist.
Bleibe achtsam, denn verwirrte Leute
geben immer allzu gerne gute Ratschläge.
Und sie geben sie unentgeltlich,
sie geben sie äußerst großzügig!
Bleibe wachsam!
Aus Konfusion wird nur Verwirrung geboren!
 

24.10.2009 um 15:11 Uhr

Tao 562

von: tao

Wenn ein Mensch unglücklich ist
und die Ganzheit nicht will,
weil das Ganze seine eigenen Pläne hat,
wird der Mensch des Tao
sich nicht einmischen.
Wenn dieser Mensch sein Unglück braucht,
wenn diese Misere
ein wachsender Schmerz
in ihm werden wird,
wenn dieses Leiden
ihm eine Neugeburt geben wird,
dann wird ihm Gott nicht helfen.
Er wird dadurch reifen --
Hilfe würde schädlich sein.
Also zwinge dich ihm nicht auf,
lass ihn in Ruhe.
Wenn Gott
und mit Gott meine ich die Ganzheit,
nicht irgendeine Person, bloß das Ganze
wenn dieses Ganze ihn
aus seinem Unglück herausholen möchte
wird es durch deine Hände hindurch
zu arbeiten beginnen --
aber bitte, bring dich nicht ein.
Du weißt eben nicht
was sich abspielt, was geschehen wird.
Warum ist dieser Mensch unglücklich?
Dafür muss es einen Grund geben.
Er mag wegen etwas leiden,
was er getan hat,
es mag ein Karma für ihn sein;
oder er geht vielleicht
durch Geburtswehen hindurch
aus denen er erneuert hervorgehen kann.
Manchmal ist eine Operation nötig,
manchmal ist Indifferenz nötig,
manchmal ist Mitgefühl nötig,
aber du solltest das nicht entscheiden.
 

23.10.2009 um 15:49 Uhr

Tao Te King 2 (11)

von: tao

Traurig

Lao-tse sagt: "Eins ist nicht getrennt von Zwei. Es ist Teil von Zwei." Er sagt: Wenn wir die Höhen entfernen, was wird dann mit den Tiefen werden? Wenn wir die Berge entfernen, werden die Täler dann bleiben? Wie? Und doch sehen die Täler genau wie der Gegensatz zu den Bergspitzen aus. Die Gipfel der Berge scheinen den Himmel zu berühren, wohingegen die Täler sich tief in die Ebenen schmiegen.

Aber Lao-tse sagt: "Die Täler bilden sich neben den Bergen und nur wegen der Berge." Tatsächlich ist das Tal der andere Teil des Berggipfels -- seine andere Dimension. Zerstöre das eine und du zerstörst das andere. Wenn wir die Gipfel zerstören, werden die Täler zerstört. Aber wir sehen sie immer entgegengesetzt zu einander.

Lao-tse sagt: "Die Täler unterstützen die Gipfel. Die Gipfel sind die Schöpfer der Täler. Diese beiden sind miteinander verbunden -- eins -- und es gibt keinen Weg, sie voneinander zu trennen." Und Lao-tse sagt: "Wie können wir das entgegengesetzt nennen, was wir nicht auseinanderreißen können?"

22.10.2009 um 15:48 Uhr

Quellender Urgrund 2/20 (22)

von: tao

Wie willst du
einen Menschen des Tao nennen?
Wie auch immer du
einen Menschen des Tao bezeichnest,
es wird falsch sein.
Du mußt einfach still sein
vor einem Menschen des Tao.
Wirst du ihn einen Sünder
oder einen Heiligen nennen?
Nein, er ist weder noch.
Wie kannst du ein Heiliger sein,
ohne Sünde in dir zu tragen?
Der Heiligenschein ist nichts als
eine Dekoration, eine Vertuschung.
Das ist das Problem.
Immer wenn ein Mensch des Tao auftaucht,
ist dies das Problem:
Wir können ihn nicht definieren,
wir können ihn nicht
in irgendeine Kategorie stecken.
Du kannst ihn nicht etikettieren,
es gibt keine Möglichkeit,
ihn irgendwo einzuordnen.
Entweder gehört er überall hin
oder er gehört nirgendwo hin.

21.10.2009 um 15:44 Uhr

Tao 561

von: tao

 
Taoismus ist
das ultimative Spiel -- das letzte,
das Endspiel.
Darüber hinaus
gibt es kein Spiel.
Es muss
sehr bunt sein.
Der Hauseigentümer, der grihasth,
spielt auch ein Spiel, aber es ist in schwarzweiß. Armselig.
Ein Taoist
spielt ein Spiel,
aber nicht in
schwarz und weiß.
Es ist farbenprächtig. Ein Taoist
muss zu einem Regenbogen werden, denn in dem Moment,
in dem du weißt,
dass alles leer ist,
wird alles möglich;
denn diese Leere
beinhaltet
alles in sich.

20.10.2009 um 21:21 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (19)

von: tao

 
Das Kind fühlt, lebt, ist voll lebendig,
aber niemals spürt es, dass es getrennt ist.
Die Mutter und das Kind sind eins.
Dann wird das Kind geboren.
Die erste Trennung ereignet sich, und der erste Schrei.
Nun ist es in Bewegung,
die Welle bewegt sich nun weg vom Ozean.
Die westlichen Psychologen sagen:
Wir werden das Kind trainieren,
damit es unabhängig wird, damit es individuell wird.
Die Jungsche Psychologie
ist als der "Weg der Individuation" bekannt.
Es muss ein Individuum werden, absolut getrennt.
Es muss kämpfen.
Darum ist da im Westen
soviel Rebellion in der jüngeren Generation.
Diese Rebellion
wurde nicht von der jüngeren Generation erzeugt,
diese Rebellion wurde
von Freud, Jung, Adler und Konsorten erschaffen.
Sie haben die Grundlage gelegt.
Der Kampf wird dir ein stärkeres Ego geben.
Er wird dich profilieren.
Also bekämpfe die Mutter, bekämpfe den Vater,
bekämpfe den Lehrer, bekämpfe die Gesellschaft.
Beschäftigt

19.10.2009 um 23:01 Uhr

Tao Te King 9 (28)

von: tao

Sonstige

Wenn du laufend Erfolg hast,

wirst du zwangsläufig scheitern,

es gibt für alles ein Limit.

Wenn du ständig Erfolg hast,

kommt plötzlich ein Moment und --

Flop, alles ist außer Kontrolle.

Nimm alles in Maßen.

Wenn du Erfolg hast, sei nicht in Eile,

und geh nicht bis zum bitteren Ende,

denn nach dem Erfolg bleibt nichts mehr,

außer Versagen.

Nimm immer alles

in homöopathischen Dosierungen.

Allopathie ist gut,

aber allopathische Dosierungen sind nicht gut.

Und sei wachsam.

Gehst du bis ganz ans Limit bei einer Sache?

Wenn du bis hart an die Grenze gehst,

bist du tatsächlich schon auf dem Weg

zum Gegenteil.

18.10.2009 um 22:30 Uhr

Tao 560

von: tao

Fröhlich

Es gibt einen Ersatz für Intelligenz. Schlauheit ist ein Ersatz für Intelligenz -- ein sehr armseliger Ersatz, bedenke das. Und es ist nicht nur ein erbärmlicher Ersatz, es ist auch genau das Gegenteil davon. Der intelligente Mensch ist nicht schlau; sicherlich intelligent, aber seine Intelligenz bewahrt ihm seine Unschuld. Er verkauft sie nicht für profane Dinge. Der schlaue Mensch ist bereit, seine Seele für Kleinigkeiten zu verkaufen.

Judas verkaufte Jesus für nur dreißig Silberlinge -- bloß dreißig Silbermünzen. Und ein Jesus kann verkauft werden. Judas muss gedacht haben, dass er sehr intelligent sei, aber er war bloß verschlagen. Wenn du das Wort "verschlagen" nicht magst, kannst du ihn clever nennen, das ist ein genauso gutes Wort für dieselbe Sache, für dieselbe häßliche Angelegenheit.

Die Gesellschaft bereitet dich darauf vor, listig und verschlagen zu sein, so dass du fähig bist, in diesem Existenzkampf mitzuhalten, dem Wettkampf ums Überleben. Es ist ein mörderischer Wettbewerb, jeder ist hinter jedem her, jeder gegen jeden. Die Leute sind bereit, alles zu tun, nur um Erfolg zu haben, um berühmt zu werden, um die Erfolgsleiter emporzusteigen, um sich einen Namen zu machen und Prestigegewinn zu erzielen. Sie sind bereit, dich als Sprungbrett dafür zu verwenden. Bevor du nicht auch so schlau bist, wirst du einfach benutzt und manipuliert werden. Daher trainiert die Gesellschaft jedes Kind dafür, clever zu sein und diese Schichten der Schlauheit verbergen deine Unschuld.

Unschuld muss man nicht erreichen, sie ist schon da. Daher ist es keine Frage des Werdens, sie ist dein Sein. Sie muss nur entdeckt werden -- oder wiederentdeckt werden. Du mußt all das loslassen, was du von anderen gelernt hast, und du wirst augenblicklich unschuldig sein.

Daher der Antagonismus des Taoismus gegen alles Wissen, das aus zweiter Hand ist. Zitiere nicht die Bibel, zitiere nicht die Bhagavad-Gita. Verhalte dich nicht wie ein Papagei. Lebe nicht ständig bloß von Information aus zweiter Hand. Beginne nach deiner eigenen Intelligenz zu suchen und zu forschen.

Ein  negativer Prozess ist nötig; er muss durch via negativa, den negativen Weg,erreicht werden. Das ist der Weg des Buddha. Du mußt all das negieren, was dir gegeben worden ist. Du mußt sagen: "Das gehört nicht mir; daher habe ich keinen Anspruch darauf. Es mag wahr sein, es mag nicht wahr sein. Wer weiß? Andere sagen, es ist so; bevor es nicht zu meiner Erfahrung wird, kann ich weder zustimmen noch anderer Meinung sein. Ich werde kein Katholik und kein Kommunist sein, ich werde kein Hindu und kein Mohammedaner sein. Ich werde einfach gar keiner Ideologie folgen." Denn, wem immer du folgst, du wirst ganz staubig davon werden. Hör auf, zu folgen. Das verstaubt nur deinen Spiegel.

Der Taoismus ist nicht dafür da, dir etwas beizubringen, sondern dir zu helfen, dich selbst zu entdecken. Gib bloß alles Wissen auf. Das tut weh, denn du hast dieses Wissen schon so lange mit dir herumgetragen und du hast schon so sehr mit diesem Wissen angegeben -- mit deinen Studienabschlüssen, Magister, Diplom, Doktor, und du hast mit all deinen akademischen Titeln angegeben. Und plötzlich sagt der Taoismus: Lass all diesen Unsinn sein.

Sei genau so einfach wie ein Kind. Sei einfach wieder ein Kind, so wie du geboren wurdest, wie Gott dich in diese Welt hineinschickte. In diesem spiegelgleichen Zustand wirst du imstande sein, das zu reflektieren, was ist. Unschuld ist das Tor zum Erkennen. Wissen ist die Barriere und Unschuld ist die Brücke.

 

17.10.2009 um 22:56 Uhr

Tao 559

von: tao


Bevor sich nicht gelassene Ruhe einstellt, als eine Auswirkung von Bewußtheit, hüte dich davor. Sie ist falsch, sie ist völlig sinnlos. Die ganze Anstrengung, die du in ihre Kultivierung gesteckt hast, ist eine reine Verschwendung gewesen. Die gleiche Anstrengung hätte dazu genutzt werden können, bewußt zu werden.

Das ist der Unterschied zwischen Moral und Taoismus. Moral ist ein soziales Phänomen; die Gesellschaft braucht sie, denn die Gesellschaft besteht aus Millionen von Leuten. Sie muss eine bestimmte Ordnung halten, eine gewisse Disziplin; sonst würde Chaos herrschen. Die Moral hält diese Ordnung aufrecht. Die Moral erzeugt ein Gewissen in dir. Das Gewissen funktioniert als ein innerer Polizist, der es dir nicht erlaubt, irgendetwas zu tun, was gegen das Gesetz oder gegen die Regeln oder gegen die Tradition verstößt. Die Gesellschaft hat gewisse Ideen in dein Herz eingeprägt. Selbst wenn du diesen Ideen zuwiderhandelst, werden sie dich quälen, sie werden zum Albtraum für dich. Wenn du ihnen folgst, wirst du das Gefühl haben, dass du nicht so sehr geplagt werden wirst.

16.10.2009 um 18:45 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (21)

von: tao

 
Wenn du dich für die Krankheit von jemand anderem interessierst
vergißt du deine eigene,
daher soviele Therapeuten, soviele Gurus, soviele Meister.
Das gibt dir eine Beschäftigung.
Wenn du mit anderen Leuten beschäftigt bist,
wenn du ein Therapeut bist, ein Sozialarbeiter,
wenn du anderen hilfst,
wirst du deine eigene Konfusion,
deinen inneren Aufruhr vergessen,
weil du so beschäftigt bist.
Psychiater werden niemals verrückt --
nicht weil sie immun dagegen sind,
sondern weil sie so beschäftigt sind
mit dem Wahnsinn anderer Leute, den sie kurieren,
denen sie helfen.
Viele Sozialarbeiter, Leiter, Politiker und Gurus
bleiben bloß gesund
weil sie sich mit anderen beschäftigen.
Aber wenn du andere anleitest, andere dominierst,
wirst du aus deiner Verwirrung heraus
in deren Leben Verwirrung erzeugen.
Das mag für dich selbst eine Behandlung sein,
es mag eine gute Ausflucht für dich sein,
aber verbreitet die Krankheit weiter. 

15.10.2009 um 19:20 Uhr

Südliches Blütenland 17/1 (20)

von: tao


151009.JPG
Und wenn du dich an den Brunnen klammerst,
wie kannst du dann den Ozean erreichen?
Und wenn du die Konditionierungen
des Brunnens in dir trägst,
würdest du, sogar wenn das Meer vor dir liegt
es nicht glauben, du würdest es gar nicht sehen,
denn deine Augen werden verschlossen sein
für diese ungeheure Weite.
Sie können dann nur das erkennen,
was eng ist, wie ein Brunnen.
Was dann noch dazukommt, ist
dass das Denken immer
mit Schwächeren, die ihm unterlegen sind,
leben möchte,
es hat immer Angst vor dem Höherwertigen.
Also sucht jeder ständig nach dem Minderwertigen
-- Freunde, Ehefrau, Ehemann --
eben bloß dir unterlegen,
so kannst du dich überlegen fühlen.
In Indien haben sie ein Sprichwort:
Ein Kamel möchte niemals
zum Himalaja kommen.
Darum lebt es in Wüsten --
dort ist es der Himalaja.
Wenn es in die Nähe des Himalaja kommt
was wird dann mit dem Ego passieren?
Darum läufst du immer weg, wenn es
für das Ego irgendetwas zu befürchten gibt.

14.10.2009 um 22:06 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (18)

von: tao

 

Verrückt

 

Die westliche Psychologie besteht darauf

dass das Ego gestärkt werden sollte.

Das ist der Unterschied

zwischen der östlichen Einstellung und der westlichen.

Die westliche Psychologie legt Wert darauf

dass das Ego genährt werden sollte.

Das Kind muss ein starkes Ego haben,

es muss kämpfen und sich durchsetzen,

nur dann wird es heranreifen.

Das Kind ist im Mutterschoß,

eins mit der Mutter,

nicht einmal sich bewußt darüber, dass es ist --

es ist, aber ohne irgendein Bewußtsein.

Tiefer gesehen ist alles Bewußtsein Krankheit.

Nicht dass es unbewußt ist. Es ist bewußt.

Sein Wesen ist da,

aber ohne irgendein Selbst-Bewußtsein.

Das "bin" ist da,

aber das "Ich" ist noch nicht geboren worden.

 

 

13.10.2009 um 22:01 Uhr

Tao Te King 15 (23)

von: tao

 
Es kann zwei Arten des Vernetztseins geben:
die eine ist "räumlich" --
du stehst in Beziehung zu einem Baum,
dieser Baum steht in Beziehung zum Menschen von Heute,
die Sonne steht in Beziehung zu größeren Sternen;
alles bezieht sich räumlich aufeinander.
Das ist die eine Art der gegenseitigen Abhängigkeit.
Die andere Art des Vernetztseins ist eine,
die sich in der Zeit abspielt:
Die ganze Vergangenheit ist an dir beteiligt.
Du bist gekommen als Ergebnis der ganzen Vergangenheit,
und die ganze Zukunft wird aus dir herauskommen;
du bist die Frucht der ganzen Vergangenheit
und du wirst der Samen für die ganze Zukunft werden.
Dann sind Zeit und Raum beide gegenseitig voneinander abhängig,
in beide Dimensionen bist du eingebunden.
"Die Weisen des Altertums besaßen subtile Weisheit
Und tiefes Verstehen."
Was ist subtile Weisheit?
Sie wußten direkt, sie erkannten unmittelbar,
sie kannten die Wahrheit von Angesicht zu Angesicht,
es war kein Wissen aus zweiter Hand.

12.10.2009 um 20:49 Uhr

Südliches Blütenland 17/1 (19)

von: tao

Alle Interpretationen kommen von Konditionierungen --
und nur einer, der unkonditioniert ist
kann das Reale erkennen,
kann das Wahre kennenlernen.
Ein Hindu kann Gott nicht kennen,
ein Christ kann ihn nicht kennen,
ein Jude kann ihn nicht kennen --
denn das sind Denksysteme.
Nur jemand, der zu der Realisation gekommen ist
dass er weder ein Hindu noch ein Deutscher
noch ein Mohammedaner noch ein Christ ist --
nur der kann erkennen.
Ein Inder kann die Wahrheit nicht kennenlernen,
ein Japaner kann die Wahrheit nicht erkennen,
eine chinesische Person kann die Wahrheit nicht wissen,
denn Wahrheit hat keine Grenzen.
Nationalitäten erzeugen Konditionierungen,
die müssen losgelassen werden.
Man muss absolut nackt werden vor der Wahrheit,
ohne Kleider, keine Konditionierungen;
weder ein Hindu noch ein Inder
noch ein Mohammedaner noch ein Chinese --
bloß ein reines Wesen
mit nichts, an was es sich klammert.
Dann bist du aus dem Brunnen heraus.