Taoistische Reflektionen

11.10.2009 um 23:38 Uhr

Tao Te King 67 (17)

von: tao

Und nun versuch doch mal
dem sehr gewichtigen und bedeutungsvollen Vers von Lao-tse zu folgen.
"Die ganze Welt sagt: Meine Lehre, das Tao,
sieht sehr nach Torheit aus."
Liebe sieht immer töricht aus:
idiotisch für diejenigen
die irgendwo steckengeblieben sind,
dämlich für diejenigen
die nichts Höheres als ihren Körper kennengelernt haben,
närrisch für diejenigen
die nichts Wertvolles außer Geld
kennengelernt haben,
blöd für diejenigen
die nichts kennengelernt haben,
was paradox ist,
die tatsächlich nichts Mysteriöses
kennengelernt haben,
die mit der Logik gelebt haben,
die aristotelisch sind.
Es wird gesagt
dass der Meister von Aristoteles, Platon,
Aristoteles "den Leser" zu nennen pflegte.
Das war sein Name für Aristoteles -- "der Leser",
der Kopf, das Denken.
Immer wenn er fragen wollte:
Wo ist Aristoteles?,
sagte er: Wo ist "Der Leser"?

10.10.2009 um 20:44 Uhr

Tao 558

von: tao

Würdest du dich bei der Sonne
für ihren Kampf gegen die Dunkelheit bedanken,
würde die Sonne sagen:
Ich weiß gar nicht, was Dunkelheit ist.
Ich bin ihr nie begegnet.
Ich habe sie nie zerstört,
denn wie kann ich etwas zerstören,
das mir niemals über den Weg gelaufen ist?
Aber nichtsdestotrotz ereignet es sich:
Das Licht kommt und die Dunkelheit verschwindet.
Wenn du die Präsenz eines Menschen des Tao zuläßt,
ist viel möglich, die Dunkelheit kann verschwinden,
aber nicht durch sein Zutun. Er zwingt dir nichts auf
denn das wäre gewalttätig,
und sogar wenn es gewaltlos wäre
könnte er es nicht tun, weil der Macher nicht mehr da ist.
Wenn du in einen Menschen des Tao hineinkämst,
würdest du dort niemandem begegnen,
der Tempel steht absolut leer.
Ein wirklicher Tempel ist immer leer.
Wenn du im Innern einen Gott findest, der dort herumsitzt,
dann ist es ein von Menschen gemachter Tempel.
Nichts-Sein ist der einzige Tempel.
Ja, der Mensch des Tao tut nichts mit dir, aber viel passiert.
Denk bloß nicht, dass dies Imagination sein kann
denn dies könnte ein Trick des Denkens sein,
weil dann das Denken zumachen kann.

09.10.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (18)

von: tao

 
Taoismus ist
wie eine Kunstfertigkeit. Kein Maler
kann dir erzählen,
wie man malt,
du mußt es schon
dem Meister abschauen. Wenn du zu Picasso gehst und sagst: "Wie malst du? Erzähl mir was, gib mir
ein paar Richtlinien",
kann er dir keine Leitlinien geben, denn er ist sich selbst nicht darüber bewußt.
Sonstige

08.10.2009 um 23:59 Uhr

Tao 557

von: tao

Rollen sind bloß dazu da, benutzt zu werden,

und wenn du nicht auf sie fixiert

und in ihnen eingesperrt bist,

behältst du die Freiheit und das Fließen bei

und du erhältst dir die Kapazität,

das Leben in seiner Totalität zu genießen.

Weisheit ist gut, Torheit auch.

Arithmetik ist schön, Poesie auch.

Das ist das Paradox.

Verwende den Kopf, benutze das Herz,

und wenn du beides nutzen kannst

wird sich eine gewaltige Revolution ereignen.

Wenn du beides benutzen kannst

wird dir bewußt werden,

dass du die dritte Kraft bist -- weder noch;

du bist weder der Kopf noch das Herz;

denn wenn du dich so leicht

vom einen zum anderen bewegen kannst,

kannst du weder das eine noch das andere sein;

du mußt getrennt von beidem sein --

dann entsteht das Zeuge-Sein;

dann ist die Identifikation gebrochen.

Und dieses Zeuge-Sein

ist das, was Meditation ausmacht.

07.10.2009 um 12:07 Uhr

Tao 556

von: tao

 
Warum haben die Inder Krischna
den totalen Gott genannt?
Weil er sündigen konnte wie ein Sünder,
der größte Sünder,
und er bleibt wie ein Heiliger --
der größte je gekannt.
Zwei Polaritäten begegnen sich in ihm.
Er ist total.
Wenn ein Heiliger einfach ein Heiliger ist
und niemals gesündigt hat, ist er einpolig.
Etwas fehlt.
Wenn ein Mensch bipolar ist,
und beide Polaritäten vorhanden sind,
ist der Mensch ganzheitlich und lebendig.
Er ist beides, Nacht und Tag,
Leben und Tod,
Chaos und Kosmos.
Verdient es ein Sünder also, erleuchtet zu sein?
Ja.
Nur ein Sünder verdient es.
Aber Bewußtheit muss noch dazukommen.
Der Taoismus verurteilt also keine Sünde.
Er gibt dir nur den Hinweis: Sündige,
aber sündige bewußt,
achtsam und aufmerksam.

06.10.2009 um 13:16 Uhr

Tao 555

von: tao

Der Mensch des Tao kann gar nichts tun,
aber seine Präsenz kann.
Wenn ich schreibe: Er kann gar nichts tun, meine ich nur
dass kein "Ich" in ihm existiert,
der Macher ist aufgelöst.
Wie kannst du also ohne den Macher irgendetwas tun?
Aber Dinge ereignen sich
und wenn der Macher aufgelöst ist,
dann passieren fantastische Sachen.
Der Mensch des Tao kann dafür nicht
die Autorenschaft oder die Urheberschaft beanspruchen
er ist nicht der Tuende.
Tatsächlich ist er nicht.
Er ist bloß eine Anwesenheit,
ohne dass ihm ein Etikett angehängt ist,
bloß eine Offenheit.
Viel ist möglich, wenn du in seiner Gegenwart bist
und wenn du seiner Präsenz erlaubst
in dich hineinzukommen, in dir zu schmelzen,
Teil von dir zu werden.
Viel ist möglich, sogar das Unmögliche ist möglich --
aber er ist nicht der Macher, es geschieht.
Er tut es nicht gezielt.
Er ist auch ein Zuschauer, wie du ein Zuschauer bist, und es ereignet sich.
Wenn du zur Sonne gehst und der Sonne sagst,
dass du ihr sehr dankbar ist,
weil sie für dich die Dunkelheit auf der Erde
schon seit so langer Zeit zerstört hat,
wird die Sonne erstaunt sein.
Fröhlich

05.10.2009 um 18:34 Uhr

Tao Te King 45 (23)

von: tao

 

Der Gebrauch höchster Perfektion

wird niemals beeinträchtigt,

denn ein Mensch der Totalität ist niemals am Ende.

Er wächst immer und wächst und wächst weiter.

Seine Vollkommenheit ist

keine tote, abgestandene Sache.

Seine Perfektion ist ein Prozess,

seine Vollkommenheit ist ein Kontinuum,

er wächst ständig weiter und weiter und weiter.

Da ist kein Ende abzusehen.

Im realen Leben gibt es kein Ende

Anfang und Ende sind falsche Worte.

Nichts beginnt und nichts endet.

Im wirklichen Leben wächst alles immer weiter...

und weiter und weiter und weiter.

Deine Perfektion ist eine tote Sache,

ein Mensch endet in einer Sackgasse.

Dann ist er bloß wie eine Steinstatue,

kein Mensch mehr.

Du kannst eine Schicht erschaffen

von steinharter Unflexibilität um dich herum:

Das ist das, was du Charakter nennst.

04.10.2009 um 16:40 Uhr

Tao 554

von: tao

 
 Dem Tag muss die Nacht folgen,
eine Ruhe, eine Entspannung.
Liebe ist Aufregung.
Du kannst nicht für immer aufgeregt bleiben.
Du mußt dieselbe Person lieben und du mußt sie hassen,
und nichts ist falsch am Hass, wenn du liebst.
Bedenke, das ist der springende Punkt, um den es geht:
Wenn du liebst, dann ist nichts verkehrt.
Liebe heiligt alles, sogar Hass.
Liebe reinigt alles, sogar Hass.
Liebe macht alles heilig, sogar Hass.
Du liebst deine Frau und dann haßt du sie,
sie liebt dich und dann haßt sie dich.
Das macht das Leben zu einem Rhythmus. 
Es ist keine tote Montonie.
Es gibt Stimmungswechsel,
so wie es den Wechsel der Jahreszeiten gibt.
Und der Wechsel ist gut,
denn Veränderung ist ein lebendiges Phänomen;
ansonsten, wenn dich jemand liebt und dich liebt und liebt,
wird sogar Liebe langweilig werden.
Und niemand kann so lieben,
eine vierundzwanzigstündige Liebe
kann nur vorgetäuscht werden.
Versuch, dies zu verstehen:
Wenn du Liebe vortäuschst,
dann kannst du vierundzwanzig Stunden lang so tun, als ob;
aber dann ist es falsch.
Nur eine Plastikblume wird nicht welken,
nur eine Plastikblume wird nicht sterben.
Wenn du wirklich lebendig bist, wirst du auch sterben;
das ist Teil des Lebens.
Wenn du wirklich einen Menschen liebst,
wirst du auch wütend sein,
das ist ein Teil davon und da ist nichts falsch daran,

03.10.2009 um 15:02 Uhr

Tao 553

von: tao

Was bedeutet es, wenn der Taoismus von "höchstem Nicht-Tun" spricht? Es ist Untätigkeit, doch es ist nicht Lethargie; Inaktivität, doch voll Ausstrahlung; gar nichts tun, aber pulsierend mit Energie. Tatsächlich, ein Mensch, der gar nichts tut, sollte in gewaltiger Energie schwingen, weil er seine Energie nirgendwo hinsteckt; also sammelt sich die Energie an: Er wird zum Reservoir -- strahlend, lebendig, vibrierend und strömend. In diesem großartigen Energie-Moment, der doch inaktiv ist, ereignet sich Wahrheit -- daher nennt man es "höchstes Nicht-Tun".
 
 

02.10.2009 um 16:07 Uhr

Goldene Blüte 3/10 (9)

von: tao

 

Und noch einmal: Wenn du meditieren willst, wirst du die Gestalt, also die Gestaltwahrnehmung, ändern müssen. Bloß deine Augen zu schließen und in das Ego zu schauen, wird nicht helfen.

Der große englische Philosoph David Hume schrieb: "Nachdem ich wieder und wieder die große Maxime und den Ratschlag all der großen Meister hörte und las: "Erkenne dich selbst, meditiere", versuchte ich auch zu meditieren. Ich fand nichts in mir außer Gedanken, Erinnerungen, Imagination und Träumen. Aber ich habe nichts sonst gefunden."

Er hat recht, weil er nicht weiß, was Meditation ist. Er war ein Philosoph, und einer der talentiertesten Philosophen der Welt -- sehr, sehr logisch, konsistent -- aber bloß ein Philosoph, kein Meditierender. Er muss es probiert haben, wenn er das so schreibt, und er muss auf viele Gedanken gestoßen sein, die in ihm unherwandern, Und dann schrieb er: "Aber ich sehe kein Selbst, ich sehe kein Schweigen, ich sehe keinen Gott. Es ist alles zwecklos."

Er scheiterte, weil ihm nicht bewußt war, dass er zuerst die Gestaltwahrnehmung ändern muß.

 

Beschäftigt

01.10.2009 um 17:16 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (21)

von: tao

 
Nur ein Weiser ist der Rede wert, die man an ihn richtet.
Nur ein Weiser ist hörenswert.
Nur ein Weiser ist es wert, dass man mit ihm lebt.
Was ist ein Weiser?
Ein leeres Boot -- innen ohne Worte,
der leere Himmel ohne die Wolken.
Kein Ton, kein Lärm, niemand verrückt, innen kein Chaos,
ein kontinuierliche Harmonie, ein Gleichgewicht, eine Balance.
Er lebt, als wenn er nicht ist.
Er ist, als wenn er abwesend ist.
Er bewegt sich, aber nichts bewegt sich in ihm.
Er spricht, aber da ist das innere Schweigen.
Er ist niemals verstört;
er benutzt Worte, aber diese Worte sind nur Vehikel --
durch diese Worte
sendet er dir etwas, was jenseits von Worten ist.
Und wenn du dir die Worte schnappst und begreifst,
wirst du fehlgehen.
Wenn du einem Weisen zuhörst, höre nicht auf seine Worte,
die sind sekundär, die sind oberflächlich,
die sind nur nebensächlich.