Taoistische Reflektionen

10.11.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (42)

von: tao

 
Was ist Reife?
Bloß sexuell reif zu werden bedeutet nicht,
dass du schon reif bist.
Frag die Psychologen,
die sagen, dass das durchschnittliche
mentale Alter eines Erwachsenen
bei dreizehn oder vierzehn stehen bleibt.
Dein physischer Körper wächst ständig weiter
aber dein Denken bleibt
ungefähr im Alter von dreizehn stehen.
Da ist es kein Wunder,
dass du dich so töricht verhältst,
warum dein Leben
zur kontinuierlichen Torheit wird!
Ein Bewußtsein, das nicht erwachsen ist
muss zwangsläufig jeden Moment
etwas Falsches tun.
Und das unreife Denken
schiebt immer dem anderen
die Verantwortung zu.
Du fühlst dich unglücklich und du denkst
dass das so ist,
weil jeder andere dir
die Hölle auf Erden erschafft.
"Der andere ist die Hölle."
Diese Äußerung von Sartre ist sehr unreif.
Wenn du reif bist,
kann der andere auch zum Himmel werden.
Der andere ist, was auch immer du bist
denn der andere ist bloß ein Spiegel,
er reflektiert dich.
Reife bedeutet eine innere Integrität.
Und diese innere Integrität kommt nur,
wenn du aufhörst,
andere verantwortlich zu machen,
wenn du aufhörst, immer zu sagen,
dass der andere dein Leiden verursacht,
wenn du zu realisieren beginnst,
dass du der Schöpfer deines Leidens bist.
Dies ist der erste Schritt zur Reife:
Ich bin verantwortlich.
Was auch immer geschieht,
es ist aufgrund meines Zutuns.
Du fühlst dich traurig. Ist das durch dein Tun?
Du wirst dich äußerst beunruhigt fühlen,
aber wenn du bei diesem Gefühl bleiben kannst, wirst du früher oder später imstande sein,
damit aufzuhören, viele Dinge zu tun.
Das ist es,
wobei es bei der Theorie des Karma geht.
Du bist verantwortlich.

09.11.2009 um 02:33 Uhr

Quellender Urgrund 3/8 (9)

von: tao

 

Zwei Engländer waren in London.

"Hör mal, Derrick!", rief Quincy.

"Wie geht es dir, alter Bursche?"

"Gut. Ganz gut", sagte Derrick.

"Hab viel zu tun.

Geschäft läuft großartig,

Kinder in Ordnung,

Wetter angenehm

und all der sonstige Unsinn."

"Prima. Sonst noch was?"

"Laß mal sehen -- oh ja --

hab meine Frau begraben."

"Wirklich?"

"Ich mußte. Tot, weißt du..."

Dieser Mensch, Derrick, ist ein

geistesabwesender Mensch.

Es ist nicht so, dass

er sein Gedächtnis verloren hat,

er hat ein lausiges

Erinnerungsvermögen.

Bedenke den Unterschied

zu einem, der seine

Erinnerung verloren hat,

weil er sein Denken verloren hat.

Manchmal mögen sie

gleich aussehen,

aber sie sind es nicht.

Verrückt

08.11.2009 um 02:30 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (20)

von: tao


Das Leben ist Kampf.
Und Darwin startete
den ganzen Trend, als er sagte:
Nur die Angepasstesten überleben;
Leben bedeutet
das Überleben der Tauglichsten.
Je stärker du also in deinem Ego bist,
desto bessere Überlebenschancen wirst du haben.
Der Westen lebt durch Politik,
der Osten hat
eine total andere Einstellung...
und der Taoismus ist der Kern,
die eigentliche Essenz
des östlichen Bewußtseins.
Er sagt: Keine Individualität,
kein Ego, kein Kampf;
werde eins mit der Mutter;
da ist kein Feind,
es geht nichts ums Erobern.
Sogar ein Mann wie Bertrand Russell,
ein sehr kenntnisreicher Mensch,
ein sehr gründlich logischer Mann,
dachte in Begriffen wie Eroberung --
die Natur bezwingen,
die Eroberung der Natur.
Die Wissenschaft scheint
ein Streit zu sein,
ein Kampf mit der Natur:
Wie kann man das Schloß aufbrechen,
wie kann man
die Geheimnisse entschlüsseln,
wie kann man
die Geheimnisse der Natur entreissen.
Wütend

07.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 568

von: tao

 
Im Westen
ist die Zeit sehr kurz,
denn Christenheit und Judaismus glauben beide nur an ein einziges Leben.
Das hat diese Beklemmung erzeugt.
Es gibt nur ein einziges Leben,
siebzig Jahre, wenn es hoch geht;
ein Drittel geht im Schlaf verloren --
wenn du sechzig Jahre lebst,
gehen zwanzig Jahre durch Schlafen verloren,
zwanzig der verbleibenden Jahre
gehen durch Erziehung und Ausbildung
verloren, durch dies und das;
die verbleibenden zwanzig Jahre --
da ist der Job, der Beruf, die Familie,
Heirat und Scheidung,
und wenn du das wirklich durchrechnest
wirst du feststellen,
es bleibt keine Zeit zum Leben mehr!
Wann werde ich leben?
Furcht ergreift das Herz,
und das Leben verstreicht,
die Zeit fließt dir aus deinen Händen
und der Tod steuert jeden Moment auf dich zu
mit solch einer konstanten Geschwindigkeit --
jeden Moment kann er schon
an die Türe klopfen.
Und die Zeit ist unwiederbringlich,
du kannst sie nicht wieder zurückgewinnen,
sie ist weg -- für immer vergangen.
Furcht,
Angst,
eine Zeit-Neurose --
das wird schon chronisch,
es ist fast so,
als wenn es für den westlichen Menschen
zur zweiten Natur geworden wäre,
dass er sich ständig bewußt ist,
dass die Zeit vergeht,
und dass ihm das Angst macht.
Sonstige

06.11.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 24/8 (23)

von: tao

 
"Der Fürst schoß einen Pfeil auf den Affen ab,
aber der Affe fing den Pfeil geschickt mitten im Flug.
Daraufhin befahl der Fürst seinem Gefolge
einen konzertierten Angriff zu starten."
Denn dieser Affe schien entschieden zu arrogant zu sein,
sehr egoistisch.
Schau... der Fürst kann das Ego des Affen sehen
aber er kann nicht sein eigenes Ego sehen.
Und dies geschieht ständig überall auf der Welt.
In jeder Beziehung
kannst du immer das Ego des anderen sehen,
aber du kannst nicht dein eigenes sehen --
Dies ist eine Geschichte,
die von einem Menschen geschrieben wurde,
denk bloß mal,was wäre,
wenn ein Affe die Geschichte geschrieben hätte,
dann würde sie absolut anders gewesen sein.
Denk bloß mal, ein Dschuang Dsi unter den Affen
schreibt diese Geschichte....
Dann würde er geschrieben haben, dass der Fürst
sehr arrogant war, stur und unnötigerweise gewalttätig
denn der Affe hatte doch gar nichts Unrechtes getan,
er hatte bloß seinen Spaß.
Warum sollte der Fürst denn überhaupt beleidigt sein?

05.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 567

von: tao

Blindes Helfen ist genau so,
wie wenn man eine Frau trifft,
die gerade dabei ist, ein Kind zu gebären.
und sie weint, schluchzt und schreit,
und du empfindest Mitgefühl,
und du hilfst ihr -- auf solch eine Weise,
dass das Kind nicht geboren wird.
Dann bist du der Feind, nicht der Freund.
Denn dieses Kind wird in der Gebärmutter sterben,
und dann wird die Frau auch daran sterben.
Die Entscheidung sollte also
nicht von dir getroffen werden.
Was du tun kannst, ist nur die eine Sache,
und das ist: Lass dich los, verlerne, entkonditioniere dich
und dann bist du ein Vehikel.
Aber dann ist es nicht mehr deine Wahl.
Dann kannst du einfach ganzheitlich sagen:
Dein Wille geschehe.
Und was dann auch immer geschieht, ist schön.
 

04.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 566

von: tao

Du bist eine Idee, eine Luftblase im Kopf,
eine Seifenblase, nichts mehr.
Und wenn zuviel intensives Verlangen da ist, passiert nichts
außer dass die Luft heiß wird,
du wirst eine heiße Luftblase.
Das ist alles. Reg dich ein wenig ab.
Und schau dich bloß mal um.
Du bist immer schon im Ozean gewesen,
du bist niemals irgendwo sonst gewesen.
Das kannst du nicht sein.
Denn nichts sonst existiert,
es gibt keinen Raum, außer Tao.
Je eher du die Torheit des Verlangens oder
des Verschmelzens realisierst, desto besser.
Du bist schon das, nach was du noch suchst.
Das ist die Botschaft all der Erwachten:
Du bist schon das, nach was du suchst.
Du bist schon das Ziel.
Du hast niemals dein Zuhause verlassen.
Du bist niemals irgendwo hingegangen,
du bist immer schon hier und jetzt gewesen
denn nichts sonst existiert.
Öffne einfach die Augen.
Öffne bloß die Augen und schau dich um.
Und plötzlich wirst du lachen.
Du bist immer schon
im ultimativen Sein verwurzelt gewesen,
es ist nicht nötig, damit zu verschmelzen.
Die einzige Notwendigkeit besteht darin, aufmerksam dafür zu werden,
wo du bist und wer du bist.
Gib diese Stupidität intensiver Sehnsucht auf: Wünschen ist eine Barriere
und intensives Verlangen ist natürlich
noch ein größeres Hindernis.
Das Wünschen umwölkt das Denken,
Verlangen erzeugt Qualm um dich herum,
eine Rauchwand.
Und dann kannst du nicht sehen,
was tatsächlich der Fall ist.

03.11.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (19)

von: tao

Sonstige
Kreativität ist solch ein gewaltiges Phänomen, es ist so unbewußt,
dass Picasso, wenn er malte,
sich keiner Regeln, Vorschriften, Gesetze und Richtlinien mehr bewußt war.
Er wurde sein Gemälde, er war nicht mehr da,
er war komplett absorbiert in seiner Malerei.
Man mußte in seiner Gegenwart sein, um das zu verstehen.
Wenn er in sein Malen hineinging,
und wenn der Maler verloren geht und nur das Malen noch bleibt,
wenn das Malen keine bewußte Anstrengung mehr ist,
wenn das Unbewußte die Oberhand gewinnt,
muss man das Phänomen schon sehen, um zu spüren, was das ist.
Dann sind das nicht mehr die Hände von Picasso,
dann hat das unbewußte Tao, die Natur, die Oberhand gewonnen.
Picassos Hände sind instrumental, sie funktionieren als Vehikel,
irgendeine andere Energie ist da.
Schau Picasso beim Malen zu -- da ist er kein Mensch mehr.
Er ist überhaupt kein Teil mehr von euch;
er ist ein Schöpfer geworden, er ist kein Geschöpf mehr.
Darum, wenn das Malen geboren wird,
bringt es etwas von der anderen Welt mit sich.
 
 

02.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 56 (16)

von: tao

Du sammelst dir laufend Informationen für das Denken:
Das Denken braucht das Gefüttert-Werden
mit Informationen --
es ist ein Computer,
es verlangt ständig danach: Ich bin hungrig,
bring mir mehr Wissen.
Das Wissen ist die Nahrung des Denkens, es lebt davon.
Die Ohren hören ständig das, was gerade abläuft --
all die Sinne sind Öffnungen
durch die hindurch das Denken
laufend nach Wissen sucht und forscht.
Sogar absolut nutzloses Wissen.
Du kannst dir nicht einmal vorstellen,
welchen Nutzen dieses Wissen haben sollte.
Aber das Denken sammelt immer weiter
in der Hoffnung,
dass es dies eines Tages vielleicht doch benutzen kann.
Dieser Tag kommt niemals.
Lao-tse sagt:
"Schütte seine Öffnungen zu..."
Wenn du Schweigen erreichen willst,
verschließe seine Öffnungen.
Öffne deine Augen nur, wenn es absolut notwendig ist.
Schau nur hin, wenn es absolut nötig ist;
sonst ist es überflüssig!
 

01.11.2009 um 22:58 Uhr

Tao 565

von: tao

Das ist schon immer ein Problem gewesen:

Wenn du

dich verliebst,

schaut alles schön aus,

denn in diesen

Momenten

stellst du noch keine

Bedingungen.

Zwei Personen

kommen einander

bedingungslos näher.

Hat sich das erst mal

gefestigt,

haben sie erst einmal

damit begonnen,

sich gegenseitig

für selbstverständlich

und garantiert

zu halten,

dann werden

auf einmal

Bedingungen gestellt:

Du solltest

so und so sein,

du solltest dich

so und so verhalten --

nur dann werde ich

dich lieben,

als wenn Liebe

ein Tauschgeschäft ist.