Taoistische Reflektionen

15.12.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 64 (17)

von: tao

 
Klingt absurd:
"Befasse dich mit einer Sache, bevor sie da ist..."
Du kümmerst dich auch um eine Sache,
wenn sie nicht da ist;
und Lao-tse sagt ja auch:
Kümmere dich um eine Sache,
wenn sie nicht da ist,
aber vorher.
Der Unterschied ist der
zwischen danach und davor.
Du befaßt dich mit der Wut,
wenn sie nicht mehr da ist,
wenn sie verraucht ist;
und Lao-tse sagt:
Kümmere dich darum,
wenn sie noch gar nicht da ist,
wenn sie noch nicht entflammt ist.
Befasse dich mit etwas, bevor es da ist
und du wirst eine ganz andere
Seinsqualität haben.
Du wirst unschuldig sein, unberührt,
ein unkorrumpiertes Wesen haben.
"...überprüfe Unordnung, bevor sie ausufert."
Warte nicht und schiebe das nicht auf;
sag nicht: Das werde ich morgen erledigen --
dieses Morgen kommt nie.
Das Morgen ist niemals da gewesen,
wird niemals da sein.
Es ist bloß ein Bild im Denken.
Es ist immer heute.
Das, was existiert, ist immer jetzt.
Nur dieser Moment existiert.
Wenn du etwas tun willst, tu es hier und jetzt.
Wütend

14.12.2009 um 23:59 Uhr

Tao 584

von: tao

All unsere Befürchtungen sind unbegründet; sie wurzeln in Unwissenheit, aber das Ego beutet diese Unwissenheit aus. Daher haben alle Gesellschaften das natürliche Fließen der Liebe verfälscht, denn es kann die Schleusentore öffnen und dann würde es unkontrollierbar sein. Es ist besser, den Leuten einen falschen Ersatz dafür zu geben. Die Ehe ist dieser Ersatz. Bisher hat der Mensch seit fünftausend Jahren mit der Ehe UND dem Elend gelebt. Dir ist nicht gestattet, Schönheit zu erleben. Dein Denken wird ganz von Anfang an verzerrt, auf nützliche und zweckmäßige Ziele hin kanalisiert. Dir wird Mathematik beigebracht, dir wird Geografie gelehrt, und Geschichte. Nun ist Geschichte völliger Quatsch und äußerst nutzlos. Warum ständig etwas über die antiken Idioten lesen? Zu welchem Zweck? Es ist besser, alles von ihnen zu vergessen. Warum sich um Dschingis Khan kümmern, um Tamerlan, um Nadir Shah, um Alexander oder Napoleon? Wofür? Was haben diese Leute dem menschlichen Bewußtsein gegeben? Sie sind wie Gifte; sie haben auf jede mögliche Weise den menschlichen Fortschritt gestoppt, die menschliche Evolution angehalten. Und in deinen Geschichtsbüchern wirst du keine Namen wie Lao-tse, Dschuang Dsi, Liä Dsi oder Ko Hsuan finden -- nicht einmal in den Fußnoten.

13.12.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 24/8 (24)

von: tao

Wütend
Warum sollte dieser Fürst (03.12.2006)
auf die Idee kommen,
dass dieser Affe getötet werden müßte?
Dieser Fürst muss
eine sehr, sehr egoistische Person gewesen sein.
Er hatte zu töten versucht,
und der Affe hatte sich einfach verteidigt,
sonst nichts.
Wenn du die Geschichte
vom Standpunkt eines Affen aus betrachtest,
wird sie total anders sein,
aber die Basis ist die gleiche
und das passiert immer.
Ein Mensch mit Weisheit
betrachtet jedes Problem immer
auch vom Standpunkt des anderen aus.
Du kannst nicht weise sein,
wenn du nur einen Standpunkt hast.
Versuche manchmal
dich an die Stelle anderer zu versetzen
und einfach von da aus zu schauen.
Viele Paare, Ehefrau und Ehemann,
haben große Probleme, riesengroße,
denn das ist die Basiseinheit des Lebens.
Viel Spannung, viel Ego, viel Falschheit
geht weiter und immer weiter,
und es wird zur Hölle.
All diesen Paaren würde ich vorschlagen,
dass sie einen Tag lang
die Rolle des anderen ausprobieren:
Lass die Frau zum Mann werden
und der Mann wird die Frau.

12.12.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (20)

von: tao


Aber selbst die größte Kunst ist nichts

gegen den Menschen des Tao.

Wenn ein Mensch des Tao spricht, ist er nicht der Sprecher.

Wenn ein Mensch des Tao geht, ist er nicht der Geher.

Wenn ein Mensch des Tao dir seine Hand auf den Kopf legt,

ist er nicht die Hand.

Tao -- du magst es Gott nennen,

welchen Namen auch immer du wählst --

hat die Regie übernommen.

Nun ist es nicht die Hand des Menschen des Tao,

sie ist zum Instrument geworden.

Tao berührt dich durch ihn

und der Mensch des Tao ist überhaupt nicht da,

er steht nicht zwischen dir und Tao.

Aber dies muss erfahren werden.

Es ist unmöglich,

irgendetwas von einem toten Menschen des Tao zu lernen.

Und wenn du nicht von einem lebenden lernen kannst,

wie kannst du erwarten, von einem toten zu lernen?

Wütend

11.12.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (24)

von: tao

Du brauchst moralische Grundsätze, Vorschriften und Prinzipien,
Bibeln, Korans und Gitas,
damit sie dich dirigieren,
weil du nicht überzeugt
von der inneren Kraft bist.
Das ist dein Leben.
Und diese Bibeln,
Korans und Gitas,
die haben die gleiche Situation
für dich erschaffen,
die der Frosch
für den Hundertfüßler erschuf (12.09.2009).
So viele Regeln
müssen befolgt werden,
so viele Prinzipien
beachtet werden --
so viele moralische Konzepte.

10.12.2009 um 23:59 Uhr

Tao 583

von: tao

Wenn dein Leben
eine orgasmische Erfahrung gewesen ist,
eine tiefgründige Poesie
die in dir vibriert, ein Lied,
ein Festival,
eine Zeremonie,
und du lebtest jeden Moment davon in seiner Totalität.
dann ist da keine Furcht vor der Zeit,
dann verschwindet die Furcht.
Du bist bereit, sogar wenn heute der Tod kommt,
du bist bereit.
Du hast das Leben kennengelernt -- tatsächlich
du wirst den Tod willkommen heißen
denn nun eröffnet sich eine neue Gelegenheit,
eine neue Türe, ein neues Mysterium wird enthüllt:
Ich habe das Leben gelebt,
nun klopft der Tod an die Türe;
ich werde springen, um die Tür zu öffnen --
Komm herein!
Denn das Leben habe ich kennengelernt,
ich würde auch dich gerne kennenlernen.
Fröhlich

09.12.2009 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (21)

von: tao


Das östliche Bewußtsein ist total anders.
Das östliche Bewußtsein sagt: Das Ego ist das Problem,
mach es nicht stärker, fang keinen Streit an,
Und nicht die Stärksten überleben,
sondern die Bescheidensten.
Daraus läßt sich immer wieder herleiten
dass Jesus aus dem Osten stammt.
Darum konnte er im Westen nicht verstanden werden.
Der Westen hat ihn mißverstanden.
Der Osten könnte ihn verstanden haben
denn der Osten kennt Lao-tse, Dschuang Dsi, Buddha,
und er gehört zu ihnen.
Er sagt; Diejenigen, die die letzten sind
werden in meinem Königreich Gottes die ersten sein.
Die Demütigsten, die Sanftesten,
werden das Königreich Gottes besitzen.
Der Arme im Geiste ist das Ziel.
Wer ist arm im Geist?
Das leere Boot, derjenige, der überhaupt nicht ist;
auf nichts einen Anspruch erhebt, nichts besitzt,
kein Selbst.
Er lebt als eine Abwesenheit.
Die Natur gibt ihre Geheimnisse her.
es ist nicht nötig, danach zu greifen,
es ist nicht nötig, sie zu töten,
es ist nicht nötig, das Schloß aufzubrechen.
Liebe die Natur,
und die Natur gibt dir ihre Geheimnisse.
Liebe ist der Schlüssel.
Eroberung ist absurd.
Was passiert also gerade im Westen?
Dieses Erobern hat die Ganzheit der Natur zerstört.
Also ertönt nun der Ruf nach Ökologie,
wie man das Gleichgewicht wiederherstellen kann.
Wir haben die Natur komplett zerstört
weil wir all die Schlösser aufgebrochen haben
und das ganze Gleichgewicht zerstört haben.
Und nun, durch dieses Ungleichgewicht
wird die Menschheit früher oder später sterben.

08.12.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (27)

von: tao


In Indien sagen die Leute, dass Meditation
nur für die Alten ist.
Wenn sie schon
mit einem Bein im Grab stehen, dann können sie meditieren,
das ist nichts
für junge Leute.
Meditation
ist der letzte Punkt
auf der Liste;
mach das erst,
wenn du alles andere vorher getan hast.
Aber denke daran,
dass dieser Zeitpunkt niemals kommt,
an dem du alles getan hast, wenn du zu alt bist,
sonst noch irgendetwas
zu tun,
wenn all deine Energie verbraucht ist,
wenn es dann endlich
Zeit ist,
zu meditieren.

07.12.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 67 (20)

von: tao

Und ich muss noch eines hinzufügen:

Wenn du immer versuchst, vernünftig zu sein

kannst du niemals glücklich sein

denn Glück beinhaltet etwas Unvernünftiges.

Die entscheidende Zutat

zum Glücklich-Sein ist: Unvernünftig-Sein.

Wenn du unvernünftigerweise glücklich sein kannst,

nur dann kannst du glücklich sein, anderenfalls nicht.

Wenn du versuchst, den Grund dafür herauszufinden,

dann wirst du einfach unglücklich sein.

Unglücklich-Sein hat Gründe, Glücklich-Sein hat keine.

Du kannst fragen: Warum bist du unglücklich?

Aber du kannst nicht fragen: Warum bist du glücklich?

Du bist immer unglücklich wegen dir.

Und du bist immer glücklich trotz dir.

Da gibt es keinen Grund dafür.

Das "Warum" kann nicht beantwortet werden.

 

06.12.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 67 (19)

von: tao

 
Das Denken ist zielorientiert,
es verwandelt alles in ein Mittel zum Zweck;
und Liebe kann das nicht
kann nicht zum Mittel gemacht werden --
das ist das Problem.
Liebe als solche ist das Ziel.
Wenn du einen Menschen liebst
sagst du nicht, warum du sie liebst.
Du kannst die Frage nicht beantworten.
Warum liebst du?
Du zuckst einfach mit den Schultern.
Wenn du wirklich aufrichtig bist
wirst du sagen: Ich weiß es nicht.
Wenn du unehrlich bist,
dann kannst du tausend Gründe finden.
Aber kein Liebender,
der diese Bezeichnung verdient
ist jemals imstande gewesen,
irgendeinen Grund anzugeben.
Er sagt einfach: Es ist passiert.
Ich habe mich einfach verliebt,
und ich weiß nicht, warum!
Darum sagt das Denken: Das ist töricht.
Wenn du das Warum nicht beantworten kannst
dann mußt du doch irgendwie
auf einem idiotischen Weg sein:
Stop! Komm zurück! Sei doch vernünftig!
Verrückt

05.12.2009 um 23:59 Uhr

Tao 582

von: tao

 
Vor langer Zeit lebte Zen-Meister Tao Lin hoch oben in einem großen Kieferbaum auf dem Ch´in-Wang-Berg; seine Zeitgenossen nannten ihn den "Vogelnest-Mönch". Als Minister Po Chu-Yi der Kommandeur von Ch´ien Tang war, unternahm er einen speziellen Ausflug zu dem Berg, um ihn zu besuchen.
Po sagte: "Es ist sehr gefährlich dort, wo du da sitzt, Zen-Meister."
Der Meister sagte: "Meine Gefahr mag sehr groß sein, Minister, aber deine ist sogar noch größer."
Po sagte: "Ich bin der Kommandeur des Ch´ien Tang: Was ist daran gefährlich?"
Der Meister sagte: "Brennstoff und Feuer sind beieinander, Bewußtsein und Identität bleiben dir nicht: Wie kannst du da nicht in Gefahr schweben?"
Po fragte weiter: "Was ist im Großen und Ganzen der Sinn der buddhistischen Lehre?"
Der Meister sagte: "Begehe kein Übel, praktiziere die vielen Tugenden."
Po sagte: "Sogar ein dreijähriges Kind hätte dies sagen können!"
Der Meister sagte: "Obwohl ein dreijähriges Kind das sagen kann, kann ein achtzigjähriger Mensch es nicht ausführen." Po verbeugte sich daraufhin und ging wieder.

04.12.2009 um 23:59 Uhr

Tao 581

von: tao

 
Die fundamentale Furcht ist die:
Ich habe es noch nicht geschafft, zu leben,
und die Zeit vergeht,
und sie kann nicht zurückgedreht werden.
Ich kann sie nicht ungeschehen machen;
vergangen -- für immer verstrichen.
Und jeden Tag schrumpft das Leben weiter,
es wird kleiner und kürzer und weniger...
Die Furcht ist nicht Todesangst,
es ist Angst vor der Zeit,
und wenn du tief hineinschaust,
dann wirst du herausfinden
dass es die Furcht des ungelebten Lebens ist --
du hast immer noch nicht leben können.
Wenn du wirklich lebst, dann gibt es keine Furcht.
Wenn das Leben zu seiner Erfüllung kommt,
gibt es keine Furcht mehr.
Wenn du es genossen hast,
die Gipfel erreicht hast, die das Leben geben kann,
dann verschwindet die Furcht.
Fröhlich

03.12.2009 um 23:59 Uhr

Tao 580

von: tao

 
Das taoistische Bewußtsein widersetzt sich allen Orthodoxien -- jeder Art von Orthodoxie, ob nun katholisch oder kommunistisch, buddhistisch oder hinduistisch. Jegliche Art von Orthodoxie ist eine Art von Paralyse des Denkens -- sie paralysiert dich, du hörst zu leben auf. Es wird zu einer Rigidität um dich herum. Du wirst ein Fanatiker, du wirst stur, du wirst wie ein Fels. Du verhältst dich nicht wie ein fließendes menschliches Wesen, du beginnst, dich wie ein Maultier zu verhalten. Man fängt an, sich eselhaft  zu verhalten -- störrisch,  felsenfest, keine Möglichkeit zur Änderung, keine Flexibilität, keine Fluidität. Aber in der Vergangenheit ist das überaus hochgelobt worden: Die Leute nennen das Konsistenz, Gewißheit. Das ist es nicht. Es ist weder Beständigkeit noch Gewissheit. Es ist einfach Tot-Sein.
Ein lebendiger Mensch muss fließend bleiben. Er muss auf die sich verändernden Situationen antworten -- und die Situationen ändern sich ständig. Wie kannst du in deinen Einstellungen unbeweglich bleiben, wenn das Leben selbst nicht unveränderlich ist? Wenn das Leben ein Fluss ist, wie kannst du da verbohrt bleiben? Und wenn du stur bleibst, verlierst du den Kontakt mit dem Leben, dann bist du schon in deinem Grab.

02.12.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 47 (29)

von: tao

Gedanken und Träume sind aus dem gleichen Stoff gemacht --
sie sind Kräuselungen auf der Oberfläche eines Ozeans;
sie beinhalten nichts Substantielles.
Wenn du die Wahrheit kennenlernen willst
komm zurück nach Hause.
Der Taoismus sagt immer: Suche und du wirst es übersehen,
suche nicht -- und finde,
denn allein schon die Anstrengung etwas zu suchen bedeutet
dass du es für selbstverständlich hältst
dass es nicht schon in dir ist.
Von allem Anfang an
ist deine Suche zum Scheitern verurteilt.
Eines Tages,
du suchst gerade, du forschst gerade,
du sammelst immer mehr Wissen,
wird es dir zu dämmern beginnen
dass du ein Narr bist,
dass es besser gewesen wäre
du hättest nach innen geschaut,
bevor du dich in der weiten Welt
auf die Suche gemacht hättest.

01.12.2009 um 23:59 Uhr

Tao 579

von: tao

Sei bewußt, und Wein wird zu Wasser.
Sei bewußt -- Sex wird zu Liebe.
Sei bewußt -- Liebe wird zu Andacht.
Sei bewußt -- Andacht wird zu Meditation.
Eines muss einfach erinnert werden:
Tu, was auch immer du möchtest,
aber tu es vollbewußt,
und dann wirst du nicht in die Irre gehen.
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