Taoistische Reflektionen

13.01.2010 um 23:59 Uhr

Goldene Blüte 8/33-35 (7)

von: tao

Musik: Paul van Dyk – In Between

Wütend
Je mehr du besitzt, desto mehr bist du besessen. Benutze es! -- aber bleibe wachsam: Der Tod ist im Kommen, er ist immer schon auf dem Weg. Jeden Moment mag er an die Türe klopfen und du wirst alles zurücklassen müssen, wie es ist. Und es ist immer mittendrin, wenn du gehen mußt. Man kann nichts im Leben vervollständigen.
Ninakawa antwortete sehr gut, als Ikkyu ihn fragte, ob er ihn in den Tod geleiten dürfe: "Ich kam hierher alleine und ich gehe alleine. Welche Hilfe könntest du mir sein? Wie kannst du mir im Tod helfen? Vielleicht können wir im Leben die Illusion haben, dass uns geholfen wird, dass wir Helfer sind, aber wie soll das im Tod gehen?" Er sagt da eine großartige Wahrheit, aber es gibt solche  und solche Wahrheiten und es gibt größere Wahrheiten.
 

12.01.2010 um 23:59 Uhr

Tao 596

von: tao

Musik: Planet Bliss – Halo

Und so geschieht ein Wunder: Wenn der andere zu fühlen beginnt, dass du wahrhaftig bist, dann fällt nach und nach, durch diesen Respekt, der Konflikt weg. Wenn du einen Menschen liebst, wenn du eine Person respektierst, wenn du siehst, dass diese Person wahr und authentisch ist, dann gibt es immer weniger Konflikt. Zwischen zwei falschen Personen gibt es immer Konflikt. Konflikt ist eine Konsequenz davon, dass zwei falsche Persönlichkeiten zusammen sind. Wenn zwei wahre Menschen zusammen leben, verschwindet der Konflikt nach und nach, weil sie beginnen, sich gegenseitig zu verstehen und dann gibt es niemals Verwirrung, es besteht keine Möglichkeit für irgendeine Konfusion. Alles ist klar und transparent. Dann verschwindet der Konflikt nach und nach. Ohne irgendetwas von deiner inneren Harmonie zu riskieren, verschwindet der Konflikt. Und dann bist du und der andere auch in Harmonie. Aber der erste Schritt ist, mit dir selbst in innerer Harmonie zu sein. Nur dann kannst du in Harmonie mit anderen sein, sonst nicht. Wenn du keine innere Harmonie erreicht hast, wie kannst du dann die äußere erreichen? Der grundlegende Faktor fehlt noch. Du kannst ein sehr authentischer Mensch werden, wenn du weißt, wo es noch fehlt, wenn du nicht bloß intellektuell bist, dann kannst du verstehen, was dein Problem ist, weil du tief in dein Wesen hineinsehen kannst.

11.01.2010 um 23:59 Uhr

Tao Te King 47 (30)

von: tao

Musik: Clone – Token Toker

Eine kleine Parabel von Rabia Al-Adawia:

Eines Abends, die Sonne ging unter und die Nachbarschaft entdeckte sie, wie sie nach etwas auf der Straße suchte -- eine alte Frau, jeder liebte sie; natürlich hielt sie jeder für ein bißchen verrückt, aber sie war eine schöne Person -- also rannten sie alle hin, um ihr zu helfen und sie fragten: Was ist denn verloren gegangen? Nach was suchst du denn? Sie sagte: Meine Nadel. Ich machte gerade etwas Handarbeit und dabei habe ich meine Nadel verloren. Helft mir! Ihr seid so freundlich! Also machten sie sich alle auf die Suche. Dann ging ein Mann, dem klar geworden war, dass die Straße so groß und die Nadel solch ein kleines winziges Ding ist, und dass es fast unmöglich sein würde, sie zu finden, bevor sie nicht exakt wüßten, wo sie fallen gelassen worden war, zu Rabia und sagte: Nenn uns genau die Stelle. Rabia sagte: Frag das nicht, denn eigentlich habe ich sie nicht außerhalb meines Hauses verloren, ich verlor sie im Haus. Da hörten alle das Suchen auf und sagten: Verrückte Frau! Warum suchst du dann hier draußen auf der Straße, wenn du sie innerhalb des Hauses verloren hast? Rabia sagte: Aber dort ist es so dunkel. Hier ist es noch ein bißchen hell, wie kann man suchen, wenn es dunkel ist? Und ihr wißt. ich bin arm, nicht einmal eine Lampe ist im Haus. Wie kann man suchen, wenn es dunkel ist? Also suche ich eben hier, weil ein wenig Sonnenlicht noch da ist und noch etwas getan werden kann, um sie zu suchen. Die Leute begannen zu lachen. Sie sagten: Du bist wirklich verrückt! Wir wissen, dass es schwierig ist, etwas in der Dunkelheit zu suchen, aber dann gibt es nur einen Weg: sich von jemandem eine Lampe zu borgen und dort danach zu suchen. Rabia sagte: Ich hätte niemals gedacht, dass ihr Leute so weise seid. Warum sucht ihr dann immer im Außen? Ich folgte bloß euren Wegen. Wenn ihr so verständig seid, warum borgt ihr euch dann keine Lampe von mir und sucht in eurem Inneren? Ich weiß, dass es dort dunkel ist...

Dieses Gleichnis ist bedeutungsvoll.

10.01.2010 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 4/8 (8)

von: tao

Musik: James Asher – Return to Egypt

 

Wenn du zum ersten Mal in die innere Leere eingehst, den Zustand des Nicht-Denkens betrittst, dann geschieht es, dass du von der Erde entwurzelt wirst. Bevor du dann deine Wurzeln in den Himmel hinein wachsen läßt, wird es eine Zeitlücke geben, ein Intervall, in dem es viel Leid geben kann, wenn da niemand ist, der dich auf den Segen aufmerksam macht, der schon dabei ist, sich für dich zu ereignen. Wenn es niemanden gibt, der dir Hoffnung geben kann, dann kann die dunkle Nacht der Seele zu deinem Grab werden.

"Lung Schu sagte zum Arzt Wen Schi: "Deine Heilkunst ist subtil. Ich habe eine Krankheit. Kannst du sie heilen?"

"Du mußt mich nur beauftragen. Erzähle mir die Symptome deiner Krankheit."

"Ich halte es für keine Ehre, wenn mich der ganze Distrikt preist, noch für eine Schande, wenn der ganze Staat mich verunglimpft; ich habe keine Freude daran, wenn ich gewinne, kein Unbehagen, wenn ich verliere; ich betrachte in gleicher Weise das Leben und den Tod."

09.01.2010 um 23:59 Uhr

Tao Te King 1 (38)

von: tao

Musik: David & Steve Gordon – Spirit Vision


Berkeley, der große Philosoph des Westens, pflegte zu sagen: "Wenn du aus dem Zimmer gehst, dann verschwinden die Dinge im Raum ins Leere. Wenn du zurück ins Zimmer gehst, erscheinen die Dinge wieder. Und wenn keiner im Raum ist, dann sind auch keine Objekte im Zimmer." Er forderte jeden heraus, seine Behauptung zu widerlegen. Keiner tat es, denn es ist unmöglich. Man muss im Zimmer sein, um das nachzuprüfen und Berkeley sagt: "Die Dinge erscheinen nur so lange, wie derjenige, der sie sieht, anwesend ist, und sie verschwinden, wenn der, der sie sieht, abwesend ist. Ohne den Sehenden kann das Gesehene nicht existieren. Wenn du ein Guckloch bohrst und in das Zimmer hineinspähst, wird der Sehende präsent und die Dinge erscheinen."
Was Berkeley damit zu sagen versucht, ist, dass es eine enge Beziehung gibt zwischen dem Seher und dem Gesehenen. Es ist sicherlich nicht war, dass die Dinge die gleichen sind, in der Abwesenheit des Sehers, als sie es in seiner Gegenwart sind. Nun gibt die Physik die Tatsache zu, dass, wenn du den Raum verläßt, die Objekte in ihm ihre Farbe verlieren. Alle Dinge in einem geschlossenen Raum werden farblos. Wie schaut dann das Gemälde in deinem Zimmer aus? Es ist kein Gemälde mehr. Die Behauptung der Physik ist, dass Farben in Zusammenarbeit mit den Augen gebildet werden. Wenn ich sehen kann, dass die Farbe deiner Kleider weiß ist, hängt das nicht von der Farbe deiner Kleider ab. Es sind meine Augen, die sie weiß sehen. Wenn sich keine Augen im Raum befinden würden, würden deine Kleider keine Farbe haben. Farbe hängt direkt mit den Augen zusammen.
 

08.01.2010 um 23:59 Uhr

Tao 595

von: tao

Musik: Liquid Mind – Lullaby For Grownups

Der Taoismus hilft dir, dich von all deinen Schuldgefühlen zu entlasten. Er hilft dir, damit anzufangen, dir selbst wieder zu vertrauen. Beginnst du erst einmal, deinem eigenen Wesen zu vertrauen, kann kein Politiker und kein Priester dich ausnutzen. Der Mensch wird immer durch Furcht ausgebeutet.
Beschäftigt
 

07.01.2010 um 23:59 Uhr

Basho 1 (2)

von: tao

Musik: Corciolli – Jasmim - Sensibilidade (Yasmin - Sensibility)

 
Wahrheit ist ein Tanz. Sie ist wie wachsende Bäume und fließende Flüsse und Wandelsterne. Wahrheit ist niemals, an keinem Punkt, ein statisches Phänomen. Sie ist keine Stase, kein Stillstand; sie ist äußerst dynamisch, sie ist Bewegung. Damit sie lebendig bleibt, muss sie in Bewegung sein.
Nur der Tod ist statisch, nur der Tod stagniert. Daher mögen die Leute, die tot sind, oberflächlich lebendig aussehen, aber wenn ihre Wahrheit nicht mehr weiterwächst, sind sie tot. Ihre Seele wächst dann nicht mehr. Wahrheit ist keine Idee, sondern dein eigentliches Sein, deine eigentliche Seele.
Daher fragte Meister Buko Basho: "Wie steht es zur Zeit um dein Verstehen?" Er fragt damit nicht nach der Vergangenheit. Wissen ist immer Wissen über die Vergangenheit, Imagination ist immer Vorstellung von der Zukunft. Er aber fragt nach der Gegenwart, er fragt damit nach dem Unmittelbaren.
Traurig

07.01.2010 um 16:09 Uhr

Tao 93 (9)

von: tao

Musik: Franz Schubert – Impromptu No. 3 In G Flat Major

Verrückt

Sogar ein Judas wird eines Tages

ein Buddha, ein Christus werden.

Und die Zeit macht nicht viel aus.

Die Zeit spielt nur für das Denken eine Rolle,

aber für einen Menschen,

der über das Denken hinausgegangen ist,

ist Zeit nicht von Bedeutung.

Jemand ist heute aufgewacht,

jemand wird morgen aufwachen,

ein anderer übermorgen –

aber das ist unwichtig für einen,

der zum Nicht-Denken-Sein gelangt ist.

Das ist Ewigkeit.

Jemand fragte Jesus:

Warum berührst du unsere Füße ?

Was tust du da ?

Und es wird berichtet, Jesus habe gesagt:

So daß ihr euch daran erinnert

daß der Meister

die Füße der Schüler berührt hat;

so daß ihr nicht hochmütig werdet

so daß ihr nicht stolz werdet

so daß ihr die Leute nicht dazu zwingt,

euch die Füße zu küssen

so daß ihr daran denkt,

daß schließlich bloß der Meister

die Füße der Schüler zu berühren

und sich zu verneigen hat.

Denn auch im Schüler ist der Morgen verborgen.

Es mag immer noch dunkle Nacht sein,

aber je dunkler die Nacht

desto heller wird der Morgen sein.

Er ist schon im Kommen,

er ist bloß noch um die Ecke;

ihr könnt es nicht sehen,

aber der Meister kann es sehen

und er verbeugt sich vor euch –

vor dem Morgen, der sich in euch ereignen wird.

06.01.2010 um 23:59 Uhr

Ko Hsuan 1 (11)

von: tao

Musik: Gabrielle Roth & The Mirrors – Eternal Dance

Alles, was das indische Denken möchte, ist ein wenig Schatten und Kühle. Also ist das indische Paradies immer voll mit kühlen Brisen und es gibt große Bäume,so groß, dass tausend Ochsenwagen unter einem einzigen Baum im Schatten stehen können. Das ist die indische Idee von Schatten und Kühle...

Die tibetische Hölle ist absolut eisig and die indische Hölle ist voll mit Feuer.

Nun, so viele Höllen und so viele Paradiese kann es nicht geben; das sind  unsere Projektionen. Was wir auch immer ersehnen, das projizieren wir in den Himmel und vor was wir auch immer Angst haben, das projizieren wir auf die Hölle. Die Hölle ist für die anderen, für diejenigen, die nicht an unsere Ideologie glauben, und das Paradies ist eine Belohnung für diejenigen, die an unsere Ideologie glauben -- die gleichen weltlichen Dinge. Das sind keine religiösen Menschen.

Im mohammedanischen Himmel gibt es Ströme von Wein. Das ist sehr eigenartig: Hier verdammst du den Wein -- er ist eine Sünde -- und dort belohnst du deine Heiligen mit Wein!

All die Paradiese aller Länder sind voll von schönen Frauen, denn sie sind alle von Männern kreiert worden, es gibt keine Beschreibung von schönen Männern. Wenn also Frauen... und natürlich werden die Emanzen früher oder später über ihr eigenes Paradies schreiben. Sie werden nicht über schöne Frauen reden, sie werden von schönen Männern reden -- Pantoffelhelden, die immer den Frauen wie ein Schatten folgen, gehorsam, und so weiter und weiter, genau wie Diener. So haben sich die Männer die Frauen in ihrem Himmel ausgemalt. Und sie sind immer jung, sie werden niemals alt. Das ist seltsam!

Wenn du dir die Idee von Gott anschaust, so halten all die Religionen Gott für einen sehr, sehr alten Mann. Hast du dir jemals Gott als einen jungen Mann vorgestellt? Kein Land hat jemals Gott für einen jungen Mann gehalten, denn jungen Leuten kannst du nicht trauen: Sie sind gefährlich und sie sind auch ein wenig töricht. Ein weiser Mann muss sehr alt sein, also ist Gott sehr alt. Aber die Frauen, von denen er umgeben ist, sind alle sehr jung, genauer gesagt immerwährend achtzehn Jahre alt; über dieses Alter wachsen sie nicht hinaus. Die totale Stagnation! Sie müssen es doch schon müde sein, seit Millionen von Jahren achtzehn Jahre alt zu sein!

Aber das ist die Idee des Menschen: Hier entsagen die Heiligen den Frauen, sie verzichten auf Sex; sie verdammen den Sex, sie preisen das Zölibat -- und natürlich hoffen sie darauf, dass sie gut dafür bezahlt werden, dass sie belohnt werden. Das sind unsere weltlichen Sehnsüchte, wie sie wieder zurück aus dem Unbewußten kommen; du kannst sie nicht wegschieben. Bevor du dich ihnen nicht gestellt hast, bevor du sie nicht beobachtet hast, kannst du sie nicht einfach bloß unterdrücken.

06.01.2010 um 22:50 Uhr

Südliches Blütenland 17/10 (7)

von: tao

Musik: Spielen Chinmaya Dunster & Niladri Kumar – Village Songs


Ein Teil kann nicht das Ganze erobern;

und wenn der Teil das versucht, wird der Teil wahnsinnig werden.

Das Ganze wird nichts dabei verlieren,

der Teil wird alles verlieren

denn der Teil existiert mit dem Ganzen,

niemals dagegen.

Die Wissenschaft ist destruktiv geworden

wegen dieser aggressiven Einstellung.

Und dann ist da noch ein anderer Aspekt des Konflikts:

diesen Aspekt nennst du Religion.

Der eine Aspekt ist der Kampf mit der Natur im Außen;

die Wissenschaft ist so entstanden, sie ist destruktiv.

Das letztendliche Ziel kann nie etwas anderes sein als Hiroshima,

und das wird erreicht werden --

die ganze Erde wird ein Hiroshima werden.

Das Kämpfen führt zum Tod,

der Konflikt führt schließlich zum äußersten Tod;

die Wissenschaft steuert in diese Richtung.

Dann ist da noch der andere Konflikt:

Der innere Konflikt, der Kampf mit sich selbst.

Das ist das, was du Religion nennst -- sich selbst zu bezwingen.

Wieder der Kampf, und auch das ist destruktiv.

Die Wissenschaft zerstört die Natur von außen her,

und die sogenannte Religion zerstört die Natur von innen her.

Dschuang Dsi ist gegen beide Aspekte des Konflikts.

Die sogenannte Wissenschaft und die sogenannte Religion sind keine Feinde,

sie sind Partner, sie haben eine tiefe Affinität.

06.01.2010 um 22:07 Uhr

Goldene Blüte 8/33-35 (3)

von: tao

Musik: Chinmaya Dunster & Niladri Kumar – Jhinjhoti Revisited


Das Leben, das wir leben, ist nicht einmal Leben, das kann es nicht sein. Wie kann es Leben sein, wenn kein Licht in uns ist ? Wie kann es Leben sein, wenn keine Liebe in uns ist ? Wie kann es Leben sein, wenn wir mechanisch funktionieren ? Nur mit Bewußtheit kommt das Leben zu uns – nicht mit der Geburt, sondern mit Bewußtsein. Nur mit einem meditativen Bewußtsein fangen wir an, das Leben zu leben. Andere machen sich etwas vor; wirklich leben tun sie nicht. Sie tun vielleicht tausend Sachen. Immerzu machen sie etwas; bis ganz zuletzt sind sie immer am Tun und Machen; Reichtum anhäufen, an die Macht kommen, sich diesen Ehrgeiz und jene Sehnsucht erfüllen. Sie machen immer weiter, aber trotzdem ist das Endergebnis, die Endsumme ihrer Leben Null.

Nachdem er den sechzig Jahre alten Rodeo-Champion in Austin, Texas, interviewt hatte, bemerkte der Zeitungsmann aus New York: "Du bist wirklich ein außergewöhnlicher Mann, daß du in deinem Alter noch ein Rodeo-Champion bist."

"Quatsch", sagte der Cowboy, "ich bin ein nicht annähernd so außergewöhnlicher Mann wie es mein Papa ist. Der steht immer noch auf dem Fußballplatz und kickt für ein Fußballteam und er ist sechsundachtzig."

"Beeindruckend !" schnappt der Journalist nach Luft, "ich würde gerne deinen Vater treffen."

"Das geht jetzt gerade nicht. Er ist in El Paso und setzt sich für Opa ein. Opa wird morgen heiraten. Er ist einhundertvierzehn."

"Deine Familie ist einfach unglaublich," sagte der Zeitungsmann. "Hier bist du, ein Rodeo-Champion mit sechzig. Dein Vater ist ein Fußballspieler mit sechsundachtzig. Und dein Opa möchte heiraten mit einhundertvierzehn."

"Verdammt, Mister, das hast du falsch verstanden", sagte der Texaner. "Opa möchte gar nicht heiraten. Er muß."

So geht das Leben immer weiter bis ganz zum Ende. Das ist nicht wirkliches Leben. Wir sind bloß Opfer – ein Opfer unserer unbewußten Instinkte, ein Opfer der Biologie, ein Opfer der Physiologie, ein Opfer der Natur. Das ist die Bindung. Von all diesem Unbewußten frei zu sein ist die Befreiung. Frei zu sein von der Knechtschaft an unsere Körperchemie, frei zu sein von der Anbindung an das Programm, das die Natur in unsere Körperzellen einprogrammiert hat, frei zu sein von allem, was unbewußt in uns ist, eigenständig zu sein, ein bewußtes Licht zu sein – das ist der Beginn des wirklichen Lebens. Unser Alter zählt nur von dem Moment an, wo wir damit beginnen, bewußt zu leben, ganz wach und meditativ.

 

 

06.01.2010 um 02:45 Uhr

Tao Te King 1 (14)

von: tao

Fröhlich
Lao-tse lebte in Schweigen.

Er vermied es immer,

über die Wahrheit zu reden, die er erlangt hatte

und er wies immer den Gedanken von sich

dass er dies für die zukünftigen Generationen aufschreiben sollte.

Im Alter von neunzig Jahren

nahm er Abschied von seinen Schülern,

und mit seinem Abschiedsgruß sagte er zu ihnen:

Nun begebe ich mich auf die Reise ins Gebirge,

Richtung Himalaja.

Ich gehe dorthin, um zum Sterben bereit zu werden.

Es ist gut, mit Leuten zu leben,

es ist gut, in der Welt zu sein, während man lebt,

aber wenn man dem Tode näher kommt

ist es gut, sich in das totale Alleinsein zu begeben,

so dass wir uns

zur ursprünglichen Quelle hinbegeben

in unsere absolute Reinheit und Einsamkeit,

unkontaminiert von der Welt.

Die Schüler fühlten sich sehr, sehr traurig,

aber was konnten sie tun?

Sie folgten ihm ein paar hundert Kilometer,

aber nach und nach überredete Lao-tse sie,

wieder zurückzugehen.

Dann überquerte er alleine die Grenze,

und dort sperrte ihn der Grenzwächter ein

denn er war auch ein Schüler. Und er sagte:

Bevor du nicht ein Buch schreibst,

werde ich dir nicht erlauben

die Grenze zu überqueren.

Soviel musst du für die Menschheit tun.

Schreibe ein Buch.

Das ist die Schuld, die du zu zahlen hast,

sonst werde ich dir

den Grenzübergang nicht gestatten.

Lao-tse wurde also drei Tage lang

von seinem eigenen Schüler gefangen gesetzt.

Das ist schön. Es ist sehr liebevoll.

Er wurde dazu gezwungen.

 

05.01.2010 um 23:59 Uhr

Tao 594

von: tao

Musik: Prem Joshua & Manish Vyas – Habibi

Fröhlich
Wenn du offen bist, wird dein Verständnis wachsen -- aber wenn du dich konzentrierst, wird dein Wissen wachsen. Wenn du dich darauf konzentrierst, was hier geschrieben steht, dann wirst du dich an die Worte klammern. Darum konzentriert man sich -- so dass man nicht ein einziges Wort übersieht. Du hältst ständig daran fest. Du möchtest kein einziges Wort verpassen. Aber du verpaßt damit das ganze Leben.
Wenn du hier einfach offen bist, meditativ offen, wirst du lesen, was hier geschrieben steht, in genau der gleichen Weise, wie du die Bilder betrachtest und die Emoticons: Dann werden alle drei zusammen in dich eingehen und du wirst keine Wahl haben -- du bist wahllos still.
Dann wird dein Verstehen wachsen. Dann magst du dich nicht daran erinnern, was hier geschrieben steht, aber du wirst verstehen, was hier geschrieben steht. Dann magst du nicht imstande sein, auf Anhieb das wiederzugeben, was hier geschrieben steht -- du würdest vielleicht sogar sagen, dass du es komplett vergessen hast -- aber du hast es absorbiert, du hast es verdaut. Das wird sich in deinem Leben zeigen, obwohl es sich vielleicht nicht in deinem Wissen niederschlagen wird.
 

05.01.2010 um 15:49 Uhr

Tao 593

von: tao

Jede Zeit ist speziell, jeder Moment ist besonders.

Aber jedes Zeitalter hat das Gefühl,

daß diese Zeit ganz speziell ist.

Das ist das Ego des jeweiligen Zeitalters.

Jede Zeitperiode hat immer schon das Gefühl gehabt

daß es niemals zuvor solch eine Zeit gegeben hat,

solch eine revolutionäre Zeit,

solch ein Chaos, solche Kriege,

solch ein Wissen, solche Weisheit –

aber etwas ist ganz besonders.

Ich weiß nicht, wie weit es korrekt ist,

aber es muß so sein,

wenn man das menschliche Denken kennt,

muß es so sein –

als Adam und Eva

aus dem Garten Eden vertrieben wurden,

wird gesagt,

daß die ersten Worte, die geäußert wurden,

als sie zum Tor hinausgingen,

Adams Worte waren, die er zu Eva sagte: Meine Liebe,

wir machen gerade die größte revolutionäre Zeit durch.

Der erste Tag der Welt, besser noch, der erste Moment,

der erste Schritt in die Welt – und die Revolution !

"Was wir gerade durchleben,

ist die großartigste revolutionäre Zeit."

Und seit damals hat das jeder Adam empfunden,

und jeder Adam hat zu jeder Eva gesagt: Mein Liebling,

was wir gerade erleben, ist das großartigste Zeitalter,

eine ganz besondere Zeit.

Warum ist das so ?

Das Zeitalter ist ganz speziell,

die Religion, in die wir hineingeboren werden,

ist ganz speziell,

der Meister, dem wir folgen, ist besonders –

der größte Meister in der Welt,

das Buch, an das wir glauben,

ist von Gott selbst geschrieben worden

nicht von gewöhnlichen menschlichen Wesen,

alles, was zu uns gehört, ist besonders –

auf diese Weise wird dem Ego geholfen,

es wird unterstützt;

das sind seine Stützräder.

04.01.2010 um 23:59 Uhr

Tao 592

von: tao

Musik: Atrium Carceri – A Stroll Through the Ancient City

 
Einer der größten Philosophen dieses Zeitalters, Ludwig Wittgenstein, pflegte zu sagen, dass das, was nicht gesagt werden kann, nicht gesagt werden sollte, denn es zu sagen bedeutet, es zu profanieren. Es zu sagen bedeutet, ihm Gewalt anzutun. Es zu sagen ist  dafür destruktiv. Wittgenstein ist nicht nur ein Philosoph, er ist genau an der Grenzlinie, wo die Philosophie verschwindet und die Mystik beginnt. Daher ist er einer der mißverstandensten Philosophen dieses Zeitalters -- einer der tiefgründigsten und der mißverstandenste. Das ist das Schicksal von Leuten, die wirklich tiefgehende Erfahrungen machen. Was er da sagt, geht über die Philosophie hinaus, es berührt schon etwas die Religiosität. Es ist nicht nötig, es zu sagen. Immer wenn es in dir entsteht, wird es gehört. Dadurch, dass du es sagst, wirst du seine Schönheit zerstören. Lass es eine Gemeinschaft sein vom Herzen zum Herzen. Es ist nicht nötig, es zu einer Kommunikation vom einen Kopf zu einem anderen Kopf zu machen.
 

03.01.2010 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 23/2 (13)

von: tao

Musik: Hammock – Miles to Go Before Sleep

 
Was ist mit "Wiedererleben" gemeint?
Geh einfach zurück,
als wenn es sich wieder ereignen würde.
Zu Beginn wird es "als wenn" sein,
aber bald wird es real.
Unvollständig, dein unterdrücktes Wesen ist da,
es kämpft darum, frei zu sein.
Geh einfach zurück, und bald,
innerhalb von drei Wochen,
wirst du den Punkt erreichen,
wo du diese Barriere kennenlernen wirst.
Jenseits dieser Barriere, wirst du erkennen,
warst du frei und natürlich,
und diese Barriere verursachte
den ganzen Ärger.
Seitdem bist du niemals mehr
natürlich gewesen.
Irgendwo wirst du deine Mutter
und deinen Vater finden,
wie sie an der Barriere stehen --
darum hast du so komplett alles vergessen.
Wenn du dich erinnerst,
wirst du nicht imstande sein,
dich über das Alter von vier Jahren hinaus
zu erinnern,
denn die Barriere ist so groß.
Sie hat diese Sachen komplett verdrängt.
Warum sonst kannst du dich nicht
über das Alter von vier Jahren hinaus erinnern?
Warum hast du das so nachhaltig vergessen?

02.01.2010 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 23/12 (12)

von: tao

Musik: Blue Stone – Forgiven

Versuche

die Vergangenheit

wiederzuerleben,

aber gehe dabei

langsam vor,

es gibt keine Eile,

du kannst das nicht

an einem Tag tun,

jede Nacht

vor dem Einschlafen

schließe deine Augen

und gehe zurück

in die Vergangenheit --

es wird fast drei Monate

dauern.

Geh langsam voran.

Erlebe sie wieder --

erinnere dich nicht bloß.

Erinnern wird dir dabei

nichts helfen,

denn Erinnerung ist

intellektuell,

da bleibst du abseits,

es berührt dich nicht.

Erlebe sie wieder.

Fröhlich

01.01.2010 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 26/7 (28)

von: tao

Musik: Ozric Tentacles – Live Throbbe

 
Eines Tages, nach einer Großdemonstration,
brüllte ein politischer Führer seinen Manager an.
Der Manager konnte das nicht verstehen.
Der Führer sagte: Ich bin betrogen worden!
Der Manager sagte:
Das verstehe ich nicht,
die Demonstration war so erfolgreich.
Viele tausende Leute kamen,
und schau dir nur deine Blumensträuße an.
Sie haben dich mit Blumen überschüttet, zähle sie doch.
Der Führer sagte: Es sind nur elf Blumengebinde,
und ich zahlte für zwölf.
Du kannst andere betrügen,
aber wie willst du es bewerkstelligen,
dich selbst zu betrügen?
Am Ende wirst du auf dein Leben zurückblicken
und wirst sehen, dass du es versäumt hast,
wegen der Nützlichkeit.
Das Nutzlose muss auch da sein.
Das Nützliche ist wie ein Garten, schön und aufgeräumt;
das Nutzlose ist wie ein riesiger Wald, natürlich,
der kann nicht so hübsch und sauber sein.
Die Natur hat ihre eigene Schönheit
und wenn alles gepflegt und ordentlich ist,
ist es schon tot.