Taoistische Reflektionen

06.01.2010 um 22:07 Uhr

Goldene Blüte 8/33-35 (3)

von: tao

Musik: Chinmaya Dunster & Niladri Kumar – Jhinjhoti Revisited


Das Leben, das wir leben, ist nicht einmal Leben, das kann es nicht sein. Wie kann es Leben sein, wenn kein Licht in uns ist ? Wie kann es Leben sein, wenn keine Liebe in uns ist ? Wie kann es Leben sein, wenn wir mechanisch funktionieren ? Nur mit Bewußtheit kommt das Leben zu uns – nicht mit der Geburt, sondern mit Bewußtsein. Nur mit einem meditativen Bewußtsein fangen wir an, das Leben zu leben. Andere machen sich etwas vor; wirklich leben tun sie nicht. Sie tun vielleicht tausend Sachen. Immerzu machen sie etwas; bis ganz zuletzt sind sie immer am Tun und Machen; Reichtum anhäufen, an die Macht kommen, sich diesen Ehrgeiz und jene Sehnsucht erfüllen. Sie machen immer weiter, aber trotzdem ist das Endergebnis, die Endsumme ihrer Leben Null.

Nachdem er den sechzig Jahre alten Rodeo-Champion in Austin, Texas, interviewt hatte, bemerkte der Zeitungsmann aus New York: "Du bist wirklich ein außergewöhnlicher Mann, daß du in deinem Alter noch ein Rodeo-Champion bist."

"Quatsch", sagte der Cowboy, "ich bin ein nicht annähernd so außergewöhnlicher Mann wie es mein Papa ist. Der steht immer noch auf dem Fußballplatz und kickt für ein Fußballteam und er ist sechsundachtzig."

"Beeindruckend !" schnappt der Journalist nach Luft, "ich würde gerne deinen Vater treffen."

"Das geht jetzt gerade nicht. Er ist in El Paso und setzt sich für Opa ein. Opa wird morgen heiraten. Er ist einhundertvierzehn."

"Deine Familie ist einfach unglaublich," sagte der Zeitungsmann. "Hier bist du, ein Rodeo-Champion mit sechzig. Dein Vater ist ein Fußballspieler mit sechsundachtzig. Und dein Opa möchte heiraten mit einhundertvierzehn."

"Verdammt, Mister, das hast du falsch verstanden", sagte der Texaner. "Opa möchte gar nicht heiraten. Er muß."

So geht das Leben immer weiter bis ganz zum Ende. Das ist nicht wirkliches Leben. Wir sind bloß Opfer – ein Opfer unserer unbewußten Instinkte, ein Opfer der Biologie, ein Opfer der Physiologie, ein Opfer der Natur. Das ist die Bindung. Von all diesem Unbewußten frei zu sein ist die Befreiung. Frei zu sein von der Knechtschaft an unsere Körperchemie, frei zu sein von der Anbindung an das Programm, das die Natur in unsere Körperzellen einprogrammiert hat, frei zu sein von allem, was unbewußt in uns ist, eigenständig zu sein, ein bewußtes Licht zu sein – das ist der Beginn des wirklichen Lebens. Unser Alter zählt nur von dem Moment an, wo wir damit beginnen, bewußt zu leben, ganz wach und meditativ.

 

 


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