Taoistische Reflektionen

17.07.2015 um 01:56 Uhr

Leere ist Form – Form ist Leere.

von: tao

Das Leben sollte genutzt werden, der Tod sollte auch genutzt werden, Alles sollte genutzt werden, um zur Essenz des Denkens zu kommen, denn dieses essentielle Bewußtsein ist Wahrheit, es ist Bewußtheit, es ist Wonne.
Um sich der Essenz des Denkens anzunähern, sind einige Elemente von besonderer Bedeutung: Die Leere oder Leerheit zählt zu den Grundpfeilern taoistischen Denkens: Alles Existierende, jeder Mensch, jeder Stein, jedes Tier, jeder Gedanke ist nicht von Dauer und hat nur relative Wirklichkeit. Daher sind alle Formen leer und gehören nicht zu der Bewußtheit, die dauerhaft, ewig und beständig ist. Paradoxerweise aber ist Nicht-Denken selbst Leere und nichts existiert außerhalb (und innerhalb) davon. Der Taoist gewinnt Einsicht in diese Leere.  Am wichtigsten und am schwierigsten zu verstehen ist, daß Form
Leere ist,  und daß Leere Form ist. Diese Aussage kann als nihilistisch und lebensfeindlich mißverstanden werden.
Der Taoismus schätzt und achtet das Leben, nicht aber die Abhängigkeit von der Welt der Erscheinungen. Das einzig Wirkliche ist die unveränderliche und ewige Natur aller Wesen, Tao genannt. Im Tao ist alles eins, existieren keine Trennungen und Unterschiede mehr – so wie der Tropfen mit dem Meer eins ist. Im Grunde unseres Seins sind wir alle Tao – du, ich, der Baum, der Stein – wir sind uns dessen aber nicht bewusst und leben verstrickt in Illusionen. Jeder ist von Natur aus erleuchtet, aber kaum jemandem ist dies bewußt. Oder wie es der griechische Philosoph Platon ausdrückte: „Wir sind Götter, doch wir haben es vergessen.” So weit, so gut. Der Haken liegt dabei aber in meinem normalen Bewusstsein, das verstrickt ist in diese Welt der Illusionen. Ich bin davon überzeugt, dass die Tasse vor mir auf dem Tisch wirklich ist, dass die Falte im Gesicht wirklich störend ist, dass ich das neue Auto wirklich brauche, dass der Chef wirklich ein Ekel ist, dass meine Sorgen, Ängste, Hoffnungen, Zweifel, Ziele, Gedanken und Empfindungen, einfach alles, was ich schon erreicht habe und noch erreichen will, wirklich ist. Der Wärter dieses Gefängnisses ist mein Denken. Bei genauer Beobachtung erkenne ich, dass mein Denken immer nach dualen Prinzipien funktioniert: etwas ist gut oder schlecht, schön oder hässlich, etwas mag ich oder mag ich nicht. Mein Denken ist unfähig, die Einheit allen Lebens zu erkennen. Seine Aufgabe ist es, zu differenzieren und zu trennen. Der Verstand ist aber nicht schlecht oder gar böse, sondern er gaukelt mir eine Welt vor, die nicht existiert. Und der Taoismus zeigt, wie sich der Mensch aus der Knechtschaft des Verstandes lösen und zur plötzlichen und unwiderruflichen Erkenntnis des Wirklichen gelangen kann.


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