Taoistische Reflektionen

27.07.2015 um 01:36 Uhr

Manipulation ist ein Trick des Denkens.

von: tao

Ich habe noch nie auf den Vollmond geblickt. Ich kann es nicht. Ich blicke immer nur auf den gespiegelten Mond in meinen Gedanken. Aus diesem Grund ist alles, was ich kenne, Maya, ist Illusion. Es ist so, als blickte ich auf den Mond, der sich im Wasser spiegelt, auf die Spiegelung, und nicht auf den wirklichen Mond. Aber ich halte sie für den Mond. Was immer ich sehe, sehe ich durch Spiegelung. Meine Augen spiegeln; meine Augen sind lediglich Spiegel. Meine Ohren spiegeln — alle meine Sinne sind nur Spiegel, sie reflektieren. Und dann gibt es den größten aller Spiegel: mein Denken. Es reflektiert. Es spiegelt nicht nur — es kommentiert und deutet. Zugleich mit der Reflektion liefert es einen Kommentar. Es verzerrt. Ich habe einen Zerrspiegel in mir — er verzerrt alles. Was immer ich bis jetzt kenne, ist nicht der wirkliche Mond am Himmel, denn wie kann ich auf den wirklichen Mond schauen? Ich schaue nur immer auf das Spiegelbild, und das Spiegelbild ist Illusion. Das ist die Bedeutung von Maya: Illusion. Was ich auch kenne — es ist Maya, ist Schein, ist nicht das Wirkliche. Das Wirkliche kommt erst, wenn das Spiegelbild verschwindet. Es geschieht plötzlich; es ist wie ein Unfall. Der Einbruch der Wirklichkeit ist immer wie ein Unfall, weil er unvorhersehbar ist, weil er sich nicht kontrollieren läßt. Ich kann ihn nicht herbeimanipulieren, ich kann ihn nicht veranlassen. Wenn ich das veranlassen könnte, würde dies nie über mein Denken hinausgehen. Wenn ich das herbeimanipulieren könnte, würde es nur ein Trick meines Denkens sein. Viele Leute versuchen, so etwas zu arrangieren. Sie tun dies, sie tun das, um die Ursache für die Erkenntnis der Wirklichkeit herbeizuführen, aber das ist nicht etwas, das man verursachen kann. Wenn ich das herbeiführen kann, ist es völlig wertlos. Erkenntnis geschieht; sie kann nicht verursacht werden. Sie ist nicht die Fortsetzung meines Denkens, sie ist ein unmittelbarer Abgrund. Plötzlich bin ich nicht, und Erkenntnis ist. Wie könnte ich das manipulieren? Solange ich manipuliere, bin ich noch da.
Doch wenn ich gar nichts dafür tue, wird selbst dieser Unfall nicht passieren. Der Unfall passiert nur denen, die sehr viel dafür getan haben; aber er passiert nicht wegen ihres Tuns. Das ist das Problem; er passiert nie wegen ihres Tuns, aber ohne ihr Tun passiert er niemals. Das Tun ist nicht die Ursache, warum es passiert. Das Tun ist nur die Ursache ihrer inneren Bereitschaft, für den Unfall anfällig zu werden. Das ist alles. Alle Meditationen erzeugen nur eine Unfall-Anfälligkeit, mehr nicht.


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