Taoistische Reflektionen

19.07.2015 um 01:48 Uhr

Was geschieht während der Meditation im Gehirn?

von: tao

Die mystische Erfahrung, die Erfahrung des absoluten Seins, das Verschmelzen der individuellen Seele mit dem Unvergänglichen, ist in allen Religionen bekannt. In jüngster Zeit haben Neurologen meditierende Menschen untersucht, um die Vorgänge, die als Unio mystica, als Einssein mit dem Kosmos, betrachtet werden, besser zu verstehen. Dabei hat man festgestellt, dass im Gehirn zweierlei geschieht.
Zum einen findet im vorderen Bereich des Gehirns, im Stirnbereich, in dem sensorische Signale, also Sinneseindrücke, empfangen und verarbeitet werden, kognitive Prozesse (mentale, geistige, intellektuelle Prozesse, Denken) stattfinden, psychische und bewusstseinsbildende Funktionen verarbeitet und neuronale Regelkreise gesteuert werden, ein eindeutiger Aktivitätsanstieg statt.
Zum anderen findet im Parietallappen (dem Scheitellappen – etwa von der Kopfmitte bis zum oberen Hinterkopf), der neben dem Sehen, Fühlen, Riechen und der Sprache, für die räumliche Wahrnehmung, für Zeitabläufe, das Körperempfinden, die Ich-Identität zuständig ist, eine Verminderung der Gehirnaktivität statt. Durch die Abnahme der Gehirnaktivität im Scheitellappen verlieren die Meditierenden den Sinn für das Selbst, die Ich-Identität und erfahren sehr oft ein Gefühl von Raum- und Zeitlosigkeit. Der Scheitellappen scheint am Höhepunkt der Meditation immer weniger mit Blut versorgt zu werden. Er wird sozusagen abgeschaltet. Der Scheitellappen gibt uns Orientierung in Raum und Zeit und verleiht uns ein Gefühl für unseren Körper. Wird dieses Areal still gelegt, können wir nicht mehr zwischen unserem Körper und der äußeren Welt unterscheiden. Es entsteht der Eindruck, als würden wir mit der Welt verschmelzen.
Bei meditierenden Menschen im Zustand des Einsseins mit dem Kosmos geht die Durchblutung des Scheitellappens drastisch zurück. Ein Hirnareal, das sonst unentwegt rattert, verstummt in der Stille der Versenkung. Das stoppt den Zufluss von Informationen aus dem Hippocampus, einer tiefliegenden Hirnstruktur, in den Scheitellappen. Im „Orientierungsfeld“, ein Bereich, der für das Gefühl von Raum und Zeit verantwortlich ist, sinkt dadurch die Aktivität. Die Blockierung dieses Bereichs führt zum Empfinden der Raum- und Zeitlosigkeit in der meditativen Versenkung. Dies ist insofern bedeutsam, da in diesem Hirngebiet normalerweise Informationen über Zeitabläufe und räumliche Orientierung verarbeitet werden. Aufgrund der Reizblockade im oberen Teil des Scheitellappens ist es somit durchaus erklärbar, dass sich das subjektive Erleben bei der spirituellen Versenkung gänzlich in der Raum- und Zeitlosigkeit verliert. In derartigen Transzendenzzuständen meint der spirituell Entgrenzte, die Unendlichkeit in Erhabenheit zu berühren. Durch den Verlust für das Gefühl von Raum und Zeit entsteht außerdem das Gefühl der Leere, von der oft im Taoismus die Rede ist.


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