Ich habe nach einem Gefäß für meine Trauer gesucht.
Trauer fing bei mir im letzten November an, als die große Ärztekonferenz der Onkologie die Hoffnung auf Heilung meiner Mutter aufgab. Sie wechselte als Patientin zur Palliativmedizin. Palliation kommt aus dem Lateinischen und bedeutet ‚Mantel‘ respektive ‚palliare‘, ‚mit einem Mantel umhüllen‘.
Für mich ist es die Sterbestation, obwohl das nicht der Wahrheit entspricht und auch chronisch Kranke dort sind, um ihre Leiden lindern zu lassen. Die Palliativ ist nicht abstoßend, runterreißend oder zermürbend für mich, ich baue mir da halt meine eigene Wahrheit…. Sie helfen meiner Mutter und das ist die Hauptsache.
Meine Trauer fing mit dieser Ärztekonferenz an. Mit der Tatsache, das sie eventuell Weihnachten nicht mehr mit uns verlebt, von meinem Geburtstag im August ganz zu schweigen. Im November, standen wir schon an der Klippe zwischen Leben und Tod und ich konnte kaum atmen, so dramatisch waren tagelang die Umstände. Sie hat sich wieder hoch gekämpft, aber hingelegt. Die Tumore in ihren Beinen, drücken ihre Nerven ab und aus anfänglichem stolpern, wurde ständiges fallen und dann finales Liegen. Wann war das? Ich weiß es nicht mehr, ich hätte es aufschreiben sollen. Ich hätte früher anfangen sollen zu schreiben.
Ich habe aber keine Worte gefunden. Dafür nahmen Ängste Überhand. Verlustängste. Angst, das mir selbst etwas passiert. Ich bin kein Mensch, der Angst hat, jetzt übermannen sie mich und manchmal weiß ich nicht, ob ich wegen dieser Ängste weine oder weil ich nicht dagegen ankomme. Mein Mann leidet darunter. Neuerdings habe ich immer mal wieder Anfälle, wo ich denke, wenn Du jetzt heimkommst ist er weg und da liegt nur noch ein Zettel, der ‚Leb wohl‘ sagt. Und so stehe ich dann eine Minute, nachdem ich das Haus betreten habe, vor ihm und weine.
Ich fahre seit meinem 16 Lebensjahr Motorrad, mal größere Modelle, mal kleinere. Ich HABE mich schon ordentlich mit den Dingern hingelegt. Ich HABE mir schon ordentlich weh getan. Ich bin aufgestanden und bin weitergefahren. Jetzt, wo ich mit einem kleinen Roller, nur noch auf dem Land unterwegs bin, habe ich Tage, da sehe ich mich zermatscht auf dem Asphalt und dann fahre ich nur noch 25 Km/h und tue so, als sei ich ein Mofa. Während mir vor Angst die Knie schlottern.
Das kommt immer aus dem totalen Nichts. Dann aber mit einer Wucht, wie ein Tsunami. Es ist auch fast immer schnell vorbei. Manchmal nage ich aber noch Stunden daran. Wo kommt das her?
Mein Trauer hat ein Haus gefunden. Ich wohne alleine dort. Es gibt einen Raum zum schlafen, entspannen, ruhen, ruhig sein. Es gibt einen Besuchsraum, den ich mit Menschen teile, die dieses Haus betreten wollen und mit mir reden wollen. Oft sitzen Menschen, in diesem Besucherraum, die betreten die Hände wringen, weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Das ist schwierig, ich weiß nicht, was ich hören will. Trost ist gut, immer die gleichen Worte, werden schnell schal. Es ist ein Haus geworden, weil es keine Schale sein kann, auch kein einzelner Raum. Es sind diese zwei Räume dringend von Nöten, auch das es verschließbar ist, um die Bewohnerin zu schützen. Keine Wohnung, um die Nachbarn zu schützen, denn irgendetwas läßt man immer zurück, wenn man geht. Ich möchte dieses Haus irgendwann für immer verlassen und nicht mehr zurückkehren. In Liebe an meine Mutter denken und mit einem lauten Lachen. Es wird Zeit brauchen. Mom, Du doch bist meine beste Freundin.
