Der Präsident der Journalisten und das Spiel mit den Ressentiments
Sagen wir es offen, der neue Bundespräsident kann am allerwenigsten dafür, dass er nun in diesem Amt den Medien gefallen soll. Er ist ihnen in vielerlei Hinsicht die ideale Besetzung. Gerade weil Christian Wulff das „Ost“–„West“–Thema nicht beackerte und sich stattdessen zu Ausflügen über den Islam oder sonst ein Thema einließ, welches die Journalisten nicht halb so sehr interessiert, weil er am Jahrestag der Deutschen Einheit nicht über die „Ost“–„West“–Unterschiede lamentierte und dozierte und resignierend den Kopf zu senken wusste, deshalb musste er gehen, nicht weil er den gleichen Drückerkolonnenanführer kannte, mit welchem sich auch Joachim Gauck ablichten hatte lassen.
Die Medien sind demnach am Ziel. Gauck ist Präsident. Ob er ein guter Bundespräsident wird, soll die Zeit zeigen. Aber zumindest eines ist klar geworden, die Wahrheit will niemand erzählen. Und dies erschließt sich sowohl aus dem Artikel des Welt–Online–Herausgebers Thomas Schmid, als auch aus den Äußerungen, welche der Kommentator der ARD–Sendung „Günther Jauch“ vom 18.03.2012 auf der ARD zum besten gab, als dort Einspielfilme die Kommunistin Gesine Lötzsch bloßstellten.
Man weiß bei den Medien, dass eine Gesine Lötzsch, welche 1988 ein Auslandssemester in den Niederlanden belegen durfte, sich niemals zu intensiv mit dem Thema Stasi beschäftigen wird, man kann ihr demnach eine gängige Scheinargumentation abverlangen, welche sie auch brav zum besten gibt.
Wer sich über ein paar läppische Bemerkungen über die Albernheit der sogenannten „Occupy“–Bewegung aufregt, den Begriff der Freiheit anders deutet und derartig loses Fabulieren gegen einen Kandidaten anführen muss, weil man nichts greifbares mitteilen kann, unterstützt Joachim Gauck damit natürlich, weil es zuerst nur peinlich wirkt, schließlich dürfte jedem Zuschauer klar sein, warum Frau Lötzsch ein Problem mit Gauck haben muss.
Genau dieses Wissen ist es allerdings, welcher Gauck Sympathien heischen lässt. Seine Arbeit als Leiter seiner eigenen Behörde macht ihn zu einer Galionsfigur, zu einem Ärgernis für die Kommunisten.
Der Trick der Medien ist dabei, dass man Gauck–Kritikern so eine etwaige Nähe zum PD§ED–Linkspartei unterstellt. Dabei ist er selbst überhaupt nicht das Problem, in keiner Weise. Seine Standpunkte sind ok, seine Reden schwungvoll und voll mit all dem Pathos, zu welchem Wulff nicht bereit war.
Nicht Gauck ist der falsche Bundespräsident, sondern die Medien sind der falsche Resonanzkörper für die kommende Zeit während seiner Amtsführung. Selbiges kann der geneigte Bürger bereits in dem Kommentar des Welt–Online–Herausgebers Schmid erkennen, welcher am Wahltag schrieb:
Meinung
Joachim Gauck
18.03.2012
Der scheue Stolz eines deutsch-deutschen Migranten
Gauck hat das Zeug zum Aufbruch in neue Gefilde. Er verkörpert den Auszug aus dem Reich der Unfreiheit und die Ankunft im verwirrenden, unübersichtlichen Reich der Freiheit.
[...]
Dass Joachim Gauck im zweiten Anlauf fast ein Allparteienkandidat wurde, verdanken wir nicht irgendeiner höheren Einsicht der beteiligten Parteien, diesmal müsse man aber vom Streit lassen und ein volksnahes Gemeinschaftssignal geben – auch die 108 Enthaltungen bezeugen dies. Der ehemalige Pastor wurde, fast nebenbei, Kandidat inmitten eines ganz und gar von Parteienegoismen getragenen Handgemenges. Na und? Vielleicht war eine List der Geschichte am Werk. Nicht stets, aber von Zeit zu Zeit kann es der banale Eigennutz sein, der das Gute schafft.
[...]
Ein deutsch-deutscher Migrant
Joachim Gauck hat das Zeug zum Aufbruch in neue Gefilde und Gebirge. Er ist ein deutsch-deutscher Migrant und verkörpert den Auszug aus dem Reich der Unfreiheit und die Ankunft im verwirrenden, unübersichtlichen Reich der Freiheit. Wenn er – wie in der kurzen Dankesrede nach seiner Wahl – „unser Land“ sagt, dann ist das keine abgenutzte Floskel, sondern Ausdruck eines scheuen Stolzes.
Genau 22 Jahre nach der ersten und letzten freien Volkskammerwahl der DDR wurde Joachim Gauck deutscher Bundespräsident und sagte: „Was für ein schöner Sonntag.“ So lautet auch der Titel eines Romans von Jorge Semprún. Er spielt 1944 im Konzentrationslager Buchenwald. Hoffen wir auf einen Bundespräsidenten, der sich im Namen der Zukunft der ganzen deutschen Geschichte gewahr ist.
[1]
Die Bezeichnung „Migrant“ ist mehr als verräterisch. Man kann sich sicherlich fragen, wie ein Herausgeber eines Onlinedienstes solche Begriffe wählen und veröffentlichen mag, doch ist Herr Schmid bloß ein Kalter Krieger, ein Mauerfetischist, ein Vergangenheitsglorifizierer, ein Überzeugungstäter, ein Ostwestalgiker.
Für ihn bleibt Joachim Gauck ein Mensch, welcher hinter seiner, Schmids Mauer geboren wurde und nun in Berlin lebt, nach ostwestalgischen Vorstellungen also migriert ist. Das ist die Überzeugung, welche die Berichterstattung über Joachim Gauck prägen wird.
Als Joachim Gauck am 23.03.2012 vereidigt wurde, erwähnte man in der Tagesschau selbstverständlich, dass er „Ost“–Deutscher sei, als eine seiner vielen Eigenschaften, welche ihn für dieses Amt prädestinierten. Und wie nicht anders zu vermuten, beginnt mit seiner Wahl eine Debatte, diesmal bezüglich des Solidarpaktes.
Wie auf Bestellung jagt eine „Ost“–„West“–Nachricht nach der Wahl des Bundespräsidenten die nächste und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, so man etwas anderes erwartet hat.
In der Wulff–Ära war es seltsam still um dieses Ressort, vielleicht auch, weil der Bundespräsident von den Journalisten als Instanz der Meinungsmache betrachtet und somit zum Spiegel der Gesellschaft wird, er des weiteren einer Ehrerbietung bedarf, welche sich in der Thematisierung seiner Inhalte ausdrücken könnte.
Wohl nie zuvor wurde so viel über das Thema Islam geschrieben wie zu Wulffs Zeiten. Doch wie bereits vor Tagen erläutert, war sein Desinteresse am „Ost“–„West“–Komplex der Journaille ein Dorn im Auge gewesen, obwohl man Wulff auch als einen Anti–Sarrazin hätte darstellen können, was den Medien doch eigentlich hätte gefallen müssen. Doch selbst dazu taugte Wulff nicht, schließlich hatte das „Ost“–„West“–Thema eine deutlich höhere Priorität.
Den Tanz der Journalisten eröffnete eine Meldung bei gmx / web am 19. März:
in Rennwagen aus dem Osten
Der "Gumpert Apollo R" wird in Thüringen gefertigt.
19.03.2012, 10:10 Uhr
Traumwagen aus Thüringen
Kenner wissen es: Bereits seit einigen Jahren werden bei Gumpert im thüringischen Altenburg exklusive Supersportler gebaut. Auf dem Genfer Auto-Salon (8. bis 18. März 2012) zeigte die Firma nun, dass es noch etwas extremer geht.
[...]
Kommentare ( Auswahl ):
Marcus95
Heute, vor 18 Minuten "Ein Rennwagen aus dem Osten" wird immer noch zwischen Ost und West unterschieden? Ist das peinlich!
[...]
TomiFR
Heute, vor 57 Minuten also. Das ist ja schon wieder ein alter Hut.
[...]
acapulco312
Wir schreiben das Jahr 2012. Leider wird immer noch in ost und
west klassifiziert.
So ein Schwachsinn. Selbst als Bayer schüttelt man da den Kopf.
Manche haben immer noch die Mauer im Kopf, oder?
P.S. Geile Kiste. Respekt. [2]
Man erkennt an den Kommentaren, dass es vielen mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar erscheint, immer noch bei einjeder sich bietenden Gelegenheit auf diese „Ost“–„West“–Unterschiede hinzuweisen und sie zu einem Gegenstand eines Artikels zu stilisieren. Doch einen Tag später bereits wurde die Solidarpaktsdebatte auf die Tagesordnung gerufen und die Medien folgten dem Ruf einiger Provinzpolitiker. Zunächst im Spiegel Online:
20.03.2012
Aufbau Ost
Pleitestädte im Ruhrgebiet wollen Solidarpakt kündigen
Geschlossene Schwimmbäder, kaputte Straßen, marode Gebäude. Seit Jahren leiden viele Kommunen unter massiven Schulden. Die Oberbürgermeister besonders betroffener Städte im Ruhrgebiet wollen nun den Solidarpakt für den Aufbau Ost kündigen.
[...]
Ein Kommentar hierzu:
#19 20.03.2012, 08:48 Uhr von asdf01
Zitat von sysop
"Der Solidarpakt Ost ist ein perverses System, das keinerlei inhaltliche Rechtfertigung mehr hat" "Der Osten ist mittlerweile so gut aufgestellt, dass die dort doch gar nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld. Und bei uns im Ruhrgebiet brennt der Baum."
Mit solchen Sprüchen wird wohl kaum erreicht werden, dass das Thema von allen Beteiligten sachlich und objektiv diskutiert und geprüft wird. Mit dieser aggressiven Rhetorik werden in erster Linie Fronten aufgemacht, die entsprechend scharfe Reaktionen provozieren. Die meisten werden wohl zustimmen, dass es an der Zeit scheint, von einer geographisch motivierten Förderung zu einer stärker bedarfsorientierten Verteilung überzugehen. Es ist allerdings beleibe nicht so, dass der Soli ursächlich für die finanziellen Schwierigkeiten dieser Gemeinden ist, aber er wirkt sich sicherlich verschärfend aus. Ist aber natürlich ein willkommener Sündenbock, um von der eigenen Misswirtschaft abzulenken. [3]
Und weiter gehts:
20.03.2012
Streit über Soli für Ostdeutschland
Der Westen ist auch selber schuld
von David Böcking und Maria Marquart
Bürgermeister im Ruhrgebiet schlagen Alarm: Westdeutsche Kommunen verarmen, während der Osten aufblüht. Stimmt das? In Wahrheit sind die Probleme der Westkommunen hausgemacht. Sie haben sich jahrelang immer weiter verschuldet.
[...] [4]
Als ob der Spiegel nicht dazu noch mehr hätte schreiben wollen? Nach einigen Artikeln hierzu waren die registrierten Foristen auch gern wieder bereit, einige scharfe Kommentare gegen die Wiedervereinigung vom Stapel zu lassen. Doch auch hier war das Ende der Fahnenstange noch fern:
21.03.2012
Krisenstadt Oberhausen
Ganz unten im Westen
von Jörg Diehl, Oberhausen
Oberhausen ist die am höchsten verschuldete deutsche Kommune - trotzdem musste die nordrhein-westfälische Stadt fast 270 Millionen Euro in den Solidarpakt für die neuen Länder einzahlen. Dabei verfällt das Zentrum, ganze Ortsteile verelenden. Besuch in einer Stadt, die gegen die Belastung rebelliert.
[...] [5]
Doch auch die Welt Online konnte sich des Themas nicht erwehren. Nachdem ein sogenannter „deutsch–deutscher Migrant“ ( in der Wortwahl des Herausgebers ) ins Schloss Bellevue eingezogen war, befreite man sich nun von der lästigen Selbstzensur, unter der man während der Amtszeit Wulffs litt:
Debatte über Solidarpakt
21.03.2012, 15:32 Uhr
Osten hat weniger Schulden – und weniger Steuerkraft
West gegen Ost: Während Ruhrgebietsstädte die Abschaffung des Solidarpakts fordern, mahnen andere zur Ruhe. Eine Stadt gibt bekannt, sich ohne Solidarpakt finanzieren zu können.
[...] [6]Und noch einmal der Spiegel Online:
23.03.2012
Soli-Debatte
Ost-Kommunen schreiben schwarze Zahlen
Neuer Zündstoff im Streit über den Solidarpakt: Laut "Handelsblatt" sind die Kommunen der meisten ostdeutschen Länder im Plus - in Westdeutschland ist es umgekehrt. Das größte Etatloch klafft in Hessen.
[...] [7]
Man könnte diese Beispiele fast bis ins Unendliche erweitern, es beginnt nun das Spiel, welches zu erwarten, ja zwangsläufig aus der Wahl Joachim Gaucks zu folgern war. Und noch einmal, es ist nicht seine Schuld, weder, dass die Leute in der FDP glaubten, mit seiner Nominierung einige Stimmen zu den Landtagswahlen mehr zu holen, als es sonst der Fall gewesen wäre, noch dass er tatsächlich geeigneter als sein direkter Vorgänger ist, das Amt auszuüben. Es ist ein Trick der Medien gewesen, den Mann ihres Vertrauens in dieses Amt zu komplimentieren, weil er sich wie kein anderer eignet, den „ost“–„west“–deutschen Ressentiments eine neue Konjunktur zu verschaffen und sie durch seine Person gleichmit zu betonen wie zu legitimieren und damit wieder zum Gegenstand der Tagespolitik zu machen.
Quellen:
[3] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822411,00.html
[4] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,822620,00.html
[5] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822715,00.html
[7] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,823225,00.html

