Kritische Betrachtungen zur Vergangenheitsglorifizierung

29.09.2009 um 13:53 Uhr

Ein Bürger namens Hase und zwei Igel namens Lehming und Schwarzer

In Bezug auf den folgenden Text eines Berliner Scharfmachers und Moralabstinenzlers vom Tagesspiegel sollte man bei einer grundsätzlich notwenigen Kritik seiner Kommentare im Grunde sich ausschließlich auf die Position beziehen, jede Form von Zahlenspielerei vermeiden, auf eine empirische Beweisführung, welche stets im diffusen enden muss, verzichten. Denn es geht nicht darum, vorzurechnen, dass Thüringen das bundesweit einzige Land ohne Rechte in seinem Landtag seit 1945 ist und bei den Straftaten mit Bayern zusammen vordere Plätze in Statistiken einnimmt.

Hier geht es um grundsätzliches. Malte Lehming, gar kein Lemming, sondern ein Igel wie in dem bekannten Märchen, ein Journalist der üblen Sorte derer mit Mauerfetisch geht hier wieder einmal auf die Menschen los, welche ihm persönlich ganz und gar gestohlen bleiben sollen, seine „Ost – Deutschen“.

Es sind diese lernresistenten Zeitungsleute, welche zwar hunderte Menschen kennenlernen können, die nicht in die ihnen vertrauten Klischees passen, dann aber wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren, wieder das Schneckenhaus der alten Vorstellungen aufsuchen, um weiterschreiben zu können, zu lamentieren, polarisieren und beleidigen.

Der Schreiber heißt also dieses Mal Malte Lehming. Und er meint es ziemlich ernst. Es gibt drei Gruppen in Deutschland, die tollen „West – Deutschen“, die integrationsfähigen „Migranten“ und die komplett irrationalen „Ost – Deutschen“, die man nicht verstehen muss.

Der Tagesspiegel – Autor freut sich, über das neue Rekordergebnis für die Kommunisten von peinlichen 27 % sprechen zu können, vergisst weder die Nazis noch die No - Go – Areas, wohl aber zu erwähnen, dass er selbst ein widerlicher Mauerfetischist mit Hang zur Gleichmacherei ist. Seine Kolumne im hier zitierten Tagesspiegel nennt er dann auch noch:

Auf den Punkt

Gute Deutsche

Malte Lehming über sogen. „Ost – Deutsche“ ( Wort verändert, da beleidigende Wortwahl ), Migranten und die Bundestagswahl

Von Malte Lehming

17.9.2009 13:57 Uhr

Berlin, kurz nach der Wiedervereinigung: Im Penny-Markt am Kottbusser Damm steht ein sogen. „Ost – Deutscher“ ( Wort verändert, da beleidigende Wortwahl ) in der Schlange und schimpft: "Schon wieder in der Schlange stehen. Dafür ham wa nich rübergemacht." Vor ihm steht ein Türke und antwortet: "Wir euch nix gerufen."

[...]

Bei den Ostdeutschen sieht das anders aus. Die Linkspartei etwa liegt in Umfragen bei 25 bis 27 Prozent, während sie im Westen nur auf sieben Prozent kommt. In allen fünf neuen Bundesländern scheint sich eine politische Parallelwelt etabliert zu haben, auch mit regional zum Teil starken Ausschlägen in Richtung NPD. No-go-areas, also Gebiete, die Ausländer möglichst meiden sollen, gibt es zwar im Osten der Republik, aber nicht dort, wo überwiegend Migranten leben.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die jüngste Studie des Sozialverbands "Volkssolidarität" (20 Jahre friedliche Revolution 1989 bis 2009 - Die Sicht der Bürger der neuen Bundesländer"). Ihr zufolge sind 40 Prozent der Ostdeutschen negativ gegenüber Ausländern eingestellt, eine Mehrheit fühlt sich nicht oder noch nicht hinreichend "als Bundesbürger integriert" (nur 25 Prozent fühlen sich als "richtige Bundesbürger"), zehn Prozent wollen die Mauer wieder haben. Das Misstrauen gegenüber den politischen Parteien wächst, die Loyalität zum demokratischen freiheitlichen Rechtsstaat nimmt ab.

[...]

Noch ein Witz, diesmal ein ernster: Was ist der Unterschied zwischen einem Ausländer und einem Ostdeutschen? - Der Ausländer lässt sich leichter integrieren.

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/auf-den-punkt/Bundestagswahl;art15890,2902044

All dies klingt böswillig, man möchte den „Ost – Deutschen“ haben, man reibt sich so gern an ihm, arbeitet sich an seinen Klischees ab, welche er haben muss, weshalb man ihn auch ständig beleidigt. Wenn Menschen, die mit diesem Vorurteil belastet werden, dann wider des gegen sie ausgerichteten Zorns gar die Union wählen, fällt dies nicht auf, da man immer auf die anderen, die kommunistischen verweisen kann.

Man höhlt diesen einen Stein mit vielen Tropfen bitterer Satire, welche schon bevölkerungsverhetzend genannt werden sollte, wenn man ehrlich ist.

Aber wie erklärt man es Leuten wie Malte Lehming, dass man Thüringer und aus diesem Grund Süddeutscher und CDU – Anhänger ist, es also auch nicht dulden kann, wenn die eigenen Mitmenschen in Thüringen beleidigt werden, als Kommunisten –, heißt Linkewähler verdächtigt, wo doch bekannt ist, dass die noch aus dem System über gebliebenen Betonköpfe immer gleich wählen und solche, welche hinzukommen ( wohlbemekt im Promillebereich ) wohl eher unterbelichtete Protestwähler sind? Wie geht man auf solche Leute wie Alice Schwarzer ein, die dann auch noch bagatellisierendes und vielleicht nur dem Anschein nach naives Verständnis dafür aufbringt, also den anderen Igel ( wenn man an das Märchen denkt ) zu verkörpern strebt?

Denn hat sich letztere bei „Hart aber fair“ gestern deutlich zu einer rot-roten Koalition geäußert, meinte doch, man solle die Alt – Kommunisten nicht ausschließen, nein, sie gehörten in eine Regierung, weil man ja nach der Wiedervereinung diese Menschen nicht verprellen könne.

Falsch! An sich möchte man als Mensch, der in Thüringen geboren wurde und sich gegen die Kommunisten bekennt, ernst genommen werden. Dieses immer wiederkehrende Verständnis für ein Votum links von der Demokratie hilft Leuten wie Malte Lehming, der sich lieber mit Alice Schwarzer auseinandersetzt als sich einmal in die Provinz zu den Menschen zu begeben. Denn wenn sogar die "Emma" - Herausgeberin schon so denkt, darf er - nach seiner Logik - wohl weiter an der Mentalität seiner „Ost – Deutschen“ festhalten, eindimensional und realitätsfern.

Wie soll man sich denn als Thüringer bedauernd über das SPD – Ergebnis äußern, ohne in den Verdacht zu geraten, Frau Ypsilanti damit unterstützen zu wollen? Man muss stets ein großes Bild von Dagmar Metzger hochhalten, damit klar wird, wie man seine Haltung verstanden wissen will.

Trotzdem wird bei Leuten wie Lehming und Schwarzer ein Verdacht bleiben, der unerträglich ist. Dabei hetzt der eine weiter unablässig und die andere zeigt skurriles Verständnis. Was ist schlimmer?

Entscheidend ist wohl am Ende nicht, wer mit einem selbst die gleiche Partei gewählt hat, sondern nur, wen man selbst aus eigenen Gründen wählen wollte. So gesehen, scheint das Wahlergebnis die Polarisierung voranzubringen, welche es aufzulösen gilt. Dennoch haben die Grünen sich zumindest auf Bundesebene dem linken Block erstmal verweigert. Das gibt Hoffnung, wenn die SPD sich bis 2013 diesen Weg nicht versperrt. Der Spiegel berichtet:

29.09.2009

Eigenständige Opposition

Grüne verweigern sich linkem Lager

Von Florian Gathmann

Sie haben ein Rekordergebnis geholt und sind trotzdem die kleinste Fraktion im Bundestag - die Grünen hadern mit ihrer Rolle. Keinesfalls will sich die Parteispitze in einen Oppositionsblock mit SPD und Linken pressen lassen: Eigenständigkeit jenseits der Lager ist das Ziel.

[...]

Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,651863,00.html

28.09.2009 um 15:12 Uhr

Die SPD mutiert zu einer Partei der Geisterfahrer.

Ein Artikel im Cicero beschreibt sehr genau die eigentliche Tragik des gestrigen Wahlsonntags. Wer jetzt eine Neuausrichtung der SPD fordert, sollte wissen, wohin diese Partei steuern muss, um sich selbst wiederfinden zu können.

Hier geht es nicht um Annäherung an die Kommunisten, sondern um Abgrenzung von einem Pöbel, der den gesetzten und demokratisch gesinnten Alt – Sozialdemokraten nicht entgegenkommt, sondern ausschließlich verwirrt. Folgende Beschreibung kommt meiner eigenen Empfindung sehr genau entgegen, ich kann faktisch aus meiner eigenen Wahrnehmung heraus bestätigen, was der Autor in seinem Erlebnisbericht beschreibt:

 

27.09.2009
Auf geht's zur Wahlparty der Linken!

von Josef Girshovich

Auf der Wahlparty der Linken geht es schroff zu. Selten erfährt man so viel Flegelhaftigkeit wie in der Berliner Kulturbrauerei. "Sozial" stellt man sich eigentlich anders vor. Und dabei geht es nur um ein Foto für die Presse.

Ein freundliches, tolerantes, solidarisches Miteinander sieht anders aus. Die Halle am Ende der Berliner Kulturbrauerei ist voll. Zur Wahlparty der Linken strömen immer mehr Menschen. Alt- und Jung-Kommunisten, enttäuschte Ostberliner, aber eben auch junge Familien und pazifistische Studenten. Menschen, wie man sie ehemals nicht von der Linken, sondern von SPD und Grünen her kannte. Wenden sich die sozialen Basen von Rot-Grün also endgültig der Linken zu? Rasch bekommt man das Gegenteil zu spüren: Diese Genossen haben offenbar nie gelernt, dass soziales Verhalten im Kleinen, im alltäglichen Miteinander beginnt.

[...]

Quelle: http://www.cicero.de/97.php?ress_id=13&item=4284

Aber wer wird nun den Ton in der SPD angeben, wer sagen, wohin man sich bewegen möchte? Es steht nicht nur zu befürchten, nein es ist glasklarer, als es dieses schlichte Wort „Befürchtungen“ wiedergeben könnte. Der nächste Kanzlerkandidat wird Wowereit sein, wie man schon heute ahnen kann. Die Welt berichtet:

Nach dem Wahlfiasko

Wowereit will "tabulose" Neuaufstellung der SPD

28. September 2009, 09:18 Uhr

SPD-Chef Franz Müntefering hat nach dem historisch schlechten Wahlergebnis der Sozialdemokraten eine Erneuerung seiner Partei gefordert. Zeitgleich bekundete er die Bereitschaft, sein Amt fortzuführen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sprach sich für "eine Aufstellung mit neuen Kräften" aus.

[...]

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) forderte nach dem Wahldebakel der Sozialdemokraten eine Neuausrichtung seiner Partei. „Wir brauchen eine Aufstellung mit neuen Kräften. Auf dem Dresdner Parteitag im November müssen neue Akzente gesetzt werden“, sagte Wowereit im Deutschlandradio Kultur. Wowereit, der in Berlin ein rot-rotes Bündnis anführt, verlangte: „Wir müssen uns inhaltlich aufstellen – da müssen Tabus weg.“

[...]

Die SPD müsse sich als „kräftige Oppositionspartei“ aufstellen. „Opposition haben wir nicht gewollt – wir wollten regieren“, sagte Heil. Über Kommunen und Länder müsse nun wieder ein Anspruch auf die Bundespolitik angemeldet werden.

Es stehe eine jüngere Generation in der SPD zur Verfügung, sagte Heil mit Blick auf den saarländischen SPD-Landeschefs Heiko Maas und dessen thüringischen Amtskollegen Christoph Matschie. Auch in der Bundestagsfraktion gebe es eine „junge Garde“. „Die SPD wird sich unterhaken müssen“, sagte Heil.

[...]

Quelle: http://www.welt.de/politik/bundestagswahl/article4652929/Wowereit-will-tabulose-Neuaufstellung-der-SPD.html

Man wird also weitermachen, wo man zuvor nicht aufgehört hat. Es bleibt beim Schmusekurs mit den Kommunisten.

 

23.09.2009 um 16:30 Uhr

Keine Wahlempfehlung – aber eine Hoffnung

Wem soll man zur Bundestagswahl seine Stimme geben? Diese Frage scheint unlösbar. Vieles schließt sich aus, am Ende bleibt niemand übrig. Am besten für das Land Thüringen wäre natürlich eine Große Koalition im Bund, welche Druck auf Matschie und die Thüringischen Sozialdemokraten ausüben könnte.

Man darf indes gespannt sein, inwieweit dies auf deren Gemüter eine zumindest anstoßende Wirkung haben wird. Für Thüringer heißt dies natürlich, CDU zu wählen, für die anderen möglichst die SPD zu unterstützen. Es ist allerdings auch jetzt schon ziemlich klar, dass es wieder zwei Gewinner geben wird, die FDP und die PD§ED-Linkspartei.

Diese beiden werden die Grünen schwächen, welche vielleicht einstellig bleiben. Aber unabhängig davon ist eine Neuauflage der Großen Koalition möglicherweise noch richtungsweisend im Koalitionsstreit in Erfurt, daher sollte hier ganz klar auf diese beiden gesetzt werden.

Andererseits sollte es zwingend auch nicht anders gehen, heißt, zwecks Unterstützung einer Großen Koalition sollte zudem noch eine weitere, eine sechste Partei in den Bundestag einziehen: Die Piraten? Wohl eher nicht. So sind dies sehr skurrile Leute mit teils kriminellen Elementen unter ihren Protagonisten und außenpolitisch höchst zweifelhaften Positionen. Also die Freien Wähler? Wäre schön, aber haben diese auf Bundesebene eine Chance?

Wer Angst hat, die konservative oder die linke Seite zu sehr zu unterstützen, darf gern demokratisch – exotisch wählen. Mag sein, dass dies aber dazu führt, dass die Parteien 2013 einen viel polarisierteren Wahlkampf anstreben, schwarzgelb gegen rotrotgrün, weil sie sich einreden, nur durch noch simplere Einfarbigkeit überzeugen zu können: Die Tragik der Selbstüberschätzung. Andererseits: Es kann doch im Grunde in einer Demokratie nicht so sein, zumindest nach meiner festen Überzeugung, dass man mit einer Stimme sogleich eine Weltanschauung für sich übernimmt und sich zum "Entweder – Oder – Spiel" der Parteien bekennt.

Die Entscheidung fällt dieses Mal deshalb bereits ungewöhnlich schwer, was 2013 sein wird, wer will darüber heute schon befinden?