Kritische Betrachtungen zur Vergangenheitsglorifizierung

25.03.2012 um 21:46 Uhr

Der Präsident der Journalisten und das Spiel mit den Ressentiments

Sagen wir es offen, der neue Bundespräsident kann am allerwenigsten dafür, dass er nun in diesem Amt den Medien gefallen soll. Er ist ihnen in vielerlei Hinsicht die ideale Besetzung. Gerade weil Christian Wulff das „Ost“–„West“–Thema nicht beackerte und sich stattdessen zu Ausflügen über den Islam oder sonst ein Thema einließ, welches die Journalisten nicht halb so sehr interessiert, weil er am Jahrestag der Deutschen Einheit nicht über die „Ost“–„West“–Unterschiede lamentierte und dozierte und resignierend den Kopf zu senken wusste, deshalb musste er gehen, nicht weil er den gleichen Drückerkolonnenanführer kannte, mit welchem sich auch Joachim Gauck ablichten hatte lassen.

Die Medien sind demnach am Ziel. Gauck ist Präsident. Ob er ein guter Bundespräsident wird, soll die Zeit zeigen. Aber zumindest eines ist klar geworden, die Wahrheit will niemand erzählen. Und dies erschließt sich sowohl aus dem Artikel des Welt–Online–Herausgebers Thomas Schmid, als auch aus den Äußerungen, welche der Kommentator der ARD–Sendung „Günther Jauch“ vom 18.03.2012 auf der ARD zum besten gab, als dort Einspielfilme die Kommunistin Gesine Lötzsch bloßstellten.

Man weiß bei den Medien, dass eine Gesine Lötzsch, welche 1988 ein Auslandssemester in den Niederlanden belegen durfte, sich niemals zu intensiv mit dem Thema Stasi beschäftigen wird, man kann ihr demnach eine gängige Scheinargumentation abverlangen, welche sie auch brav zum besten gibt.

Wer sich über ein paar läppische Bemerkungen über die Albernheit der sogenannten „Occupy“–Bewegung aufregt, den Begriff der Freiheit anders deutet und derartig loses Fabulieren gegen einen Kandidaten anführen muss, weil man nichts greifbares mitteilen kann, unterstützt Joachim Gauck damit natürlich, weil es zuerst nur peinlich wirkt, schließlich dürfte jedem Zuschauer klar sein, warum Frau Lötzsch ein Problem mit Gauck haben muss.

Genau dieses Wissen ist es allerdings, welcher Gauck Sympathien heischen lässt. Seine Arbeit als Leiter seiner eigenen Behörde macht ihn zu einer Galionsfigur, zu einem Ärgernis für die Kommunisten.

Der Trick der Medien ist dabei, dass man Gauck–Kritikern so eine etwaige Nähe zum PD§ED–Linkspartei unterstellt. Dabei ist er selbst überhaupt nicht das Problem, in keiner Weise. Seine Standpunkte sind ok, seine Reden schwungvoll und voll mit all dem Pathos, zu welchem Wulff nicht bereit war.

Nicht Gauck ist der falsche Bundespräsident, sondern die Medien sind der falsche Resonanzkörper für die kommende Zeit während seiner Amtsführung. Selbiges kann der geneigte Bürger bereits in dem Kommentar des Welt–Online–Herausgebers Schmid erkennen, welcher am Wahltag schrieb:

Meinung

Joachim Gauck

Autor: Thomas Schmid 18.03.2012

Der scheue Stolz eines deutsch-deutschen Migranten

Gauck hat das Zeug zum Aufbruch in neue Gefilde. Er verkörpert den Auszug aus dem Reich der Unfreiheit und die Ankunft im verwirrenden, unübersichtlichen Reich der Freiheit.

[...]

Dass Joachim Gauck im zweiten Anlauf fast ein Allparteienkandidat wurde, verdanken wir nicht irgendeiner höheren Einsicht der beteiligten Parteien, diesmal müsse man aber vom Streit lassen und ein volksnahes Gemeinschaftssignal geben – auch die 108 Enthaltungen bezeugen dies. Der ehemalige Pastor wurde, fast nebenbei, Kandidat inmitten eines ganz und gar von Parteienegoismen getragenen Handgemenges. Na und? Vielleicht war eine List der Geschichte am Werk. Nicht stets, aber von Zeit zu Zeit kann es der banale Eigennutz sein, der das Gute schafft.

[...]

Ein deutsch-deutscher Migrant

Joachim Gauck hat das Zeug zum Aufbruch in neue Gefilde und Gebirge. Er ist ein deutsch-deutscher Migrant und verkörpert den Auszug aus dem Reich der Unfreiheit und die Ankunft im verwirrenden, unübersichtlichen Reich der Freiheit. Wenn er – wie in der kurzen Dankesrede nach seiner Wahl – „unser Land“ sagt, dann ist das keine abgenutzte Floskel, sondern Ausdruck eines scheuen Stolzes.

Genau 22 Jahre nach der ersten und letzten freien Volkskammerwahl der DDR wurde Joachim Gauck deutscher Bundespräsident und sagte: „Was für ein schöner Sonntag.“ So lautet auch der Titel eines Romans von Jorge Semprún. Er spielt 1944 im Konzentrationslager Buchenwald. Hoffen wir auf einen Bundespräsidenten, der sich im Namen der Zukunft der ganzen deutschen Geschichte gewahr ist.

[1]

Die Bezeichnung „Migrant“ ist mehr als verräterisch. Man kann sich sicherlich fragen, wie ein Herausgeber eines Onlinedienstes solche Begriffe wählen und veröffentlichen mag, doch ist Herr Schmid bloß ein Kalter Krieger, ein Mauerfetischist, ein Vergangenheitsglorifizierer, ein Überzeugungstäter, ein Ostwestalgiker.

Für ihn bleibt Joachim Gauck ein Mensch, welcher hinter seiner, Schmids Mauer geboren wurde und nun in Berlin lebt, nach ostwestalgischen Vorstellungen also migriert ist. Das ist die Überzeugung, welche die Berichterstattung über Joachim Gauck prägen wird.

Als Joachim Gauck am 23.03.2012 vereidigt wurde, erwähnte man in der Tagesschau selbstverständlich, dass er „Ost“–Deutscher sei, als eine seiner vielen Eigenschaften, welche ihn für dieses Amt prädestinierten. Und wie nicht anders zu vermuten, beginnt mit seiner Wahl eine Debatte, diesmal bezüglich des Solidarpaktes.

Wie auf Bestellung jagt eine „Ost“–„West“–Nachricht nach der Wahl des Bundespräsidenten die nächste und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, so man etwas anderes erwartet hat.

In der Wulff–Ära war es seltsam still um dieses Ressort, vielleicht auch, weil der Bundespräsident von den Journalisten als Instanz der Meinungsmache betrachtet und somit zum Spiegel der Gesellschaft wird, er des weiteren einer Ehrerbietung bedarf, welche sich in der Thematisierung seiner Inhalte ausdrücken könnte.

Wohl nie zuvor wurde so viel über das Thema Islam geschrieben wie zu Wulffs Zeiten. Doch wie bereits vor Tagen erläutert, war sein Desinteresse am „Ost“–„West“–Komplex der Journaille ein Dorn im Auge gewesen, obwohl man Wulff auch als einen Anti–Sarrazin hätte darstellen können, was den Medien doch eigentlich hätte gefallen müssen. Doch selbst dazu taugte Wulff nicht, schließlich hatte das „Ost“–„West“–Thema eine deutlich höhere Priorität.

Den Tanz der Journalisten eröffnete eine Meldung bei gmx / web am 19. März:

in Rennwagen aus dem Osten

Der "Gumpert Apollo R" wird in Thüringen gefertigt.

19.03.2012, 10:10 Uhr

Traumwagen aus Thüringen

Kenner wissen es: Bereits seit einigen Jahren werden bei Gumpert im thüringischen Altenburg exklusive Supersportler gebaut. Auf dem Genfer Auto-Salon (8. bis 18. März 2012) zeigte die Firma nun, dass es noch etwas extremer geht.

[...]

Kommentare ( Auswahl ):

Marcus95

Heute, vor 18 Minuten "Ein Rennwagen aus dem Osten" wird immer noch zwischen Ost und West unterschieden? Ist das peinlich!

[...]

TomiFR

Heute, vor 57 Minuten also. Das ist ja schon wieder ein alter Hut.

[...]

acapulco312

Wir schreiben das Jahr 2012. Leider wird immer noch in ost und west klassifiziert.
So ein Schwachsinn. Selbst als Bayer schüttelt man da den Kopf.
Manche haben immer noch die Mauer im Kopf, oder?

P.S. Geile Kiste. Respekt.
[2]

Man erkennt an den Kommentaren, dass es vielen mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar erscheint, immer noch bei einjeder sich bietenden Gelegenheit auf diese „Ost“–„West“–Unterschiede hinzuweisen und sie zu einem Gegenstand eines Artikels zu stilisieren. Doch einen Tag später bereits wurde die Solidarpaktsdebatte auf die Tagesordnung gerufen und die Medien folgten dem Ruf einiger Provinzpolitiker. Zunächst im Spiegel Online:

20.03.2012

Aufbau Ost

Pleitestädte im Ruhrgebiet wollen Solidarpakt kündigen

Geschlossene Schwimmbäder, kaputte Straßen, marode Gebäude. Seit Jahren leiden viele Kommunen unter massiven Schulden. Die Oberbürgermeister besonders betroffener Städte im Ruhrgebiet wollen nun den Solidarpakt für den Aufbau Ost kündigen.

[...]

Ein Kommentar hierzu:

#19 20.03.2012, 08:48 Uhr von asdf01

Zitat von sysop

"Der Solidarpakt Ost ist ein perverses System, das keinerlei inhaltliche Rechtfertigung mehr hat" "Der Osten ist mittlerweile so gut aufgestellt, dass die dort doch gar nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld. Und bei uns im Ruhrgebiet brennt der Baum."

Mit solchen Sprüchen wird wohl kaum erreicht werden, dass das Thema von allen Beteiligten sachlich und objektiv diskutiert und geprüft wird. Mit dieser aggressiven Rhetorik werden in erster Linie Fronten aufgemacht, die entsprechend scharfe Reaktionen provozieren. Die meisten werden wohl zustimmen, dass es an der Zeit scheint, von einer geographisch motivierten Förderung zu einer stärker bedarfsorientierten Verteilung überzugehen. Es ist allerdings beleibe nicht so, dass der Soli ursächlich für die finanziellen Schwierigkeiten dieser Gemeinden ist, aber er wirkt sich sicherlich verschärfend aus. Ist aber natürlich ein willkommener Sündenbock, um von der eigenen Misswirtschaft abzulenken. [3]

Und weiter gehts:

20.03.2012

Streit über Soli für Ostdeutschland

Der Westen ist auch selber schuld

von David Böcking und Maria Marquart

Bürgermeister im Ruhrgebiet schlagen Alarm: Westdeutsche Kommunen verarmen, während der Osten aufblüht. Stimmt das? In Wahrheit sind die Probleme der Westkommunen hausgemacht. Sie haben sich jahrelang immer weiter verschuldet.

[...] [4]

Als ob der Spiegel nicht dazu noch mehr hätte schreiben wollen? Nach einigen Artikeln hierzu waren die registrierten Foristen auch gern wieder bereit, einige scharfe Kommentare gegen die Wiedervereinigung vom Stapel zu lassen. Doch auch hier war das Ende der Fahnenstange noch fern:

21.03.2012

Krisenstadt Oberhausen

Ganz unten im Westen

von Jörg Diehl, Oberhausen

Oberhausen ist die am höchsten verschuldete deutsche Kommune - trotzdem musste die nordrhein-westfälische Stadt fast 270 Millionen Euro in den Solidarpakt für die neuen Länder einzahlen. Dabei verfällt das Zentrum, ganze Ortsteile verelenden. Besuch in einer Stadt, die gegen die Belastung rebelliert.

[...] [5]

Doch auch die Welt Online konnte sich des Themas nicht erwehren. Nachdem ein sogenannter „deutsch–deutscher Migrant“ ( in der Wortwahl des Herausgebers ) ins Schloss Bellevue eingezogen war, befreite man sich nun von der lästigen  Selbstzensur, unter der man während der Amtszeit Wulffs litt:

Debatte über Solidarpakt

21.03.2012, 15:32 Uhr

Osten hat weniger Schulden – und weniger Steuerkraft

West gegen Ost: Während Ruhrgebietsstädte die Abschaffung des Solidarpakts fordern, mahnen andere zur Ruhe. Eine Stadt gibt bekannt, sich ohne Solidarpakt finanzieren zu können.

[...] [6]

Und noch einmal der Spiegel Online:

23.03.2012

Soli-Debatte

Ost-Kommunen schreiben schwarze Zahlen

Neuer Zündstoff im Streit über den Solidarpakt: Laut "Handelsblatt" sind die Kommunen der meisten ostdeutschen Länder im Plus - in Westdeutschland ist es umgekehrt. Das größte Etatloch klafft in Hessen.

[...] [7]

Man könnte diese Beispiele fast bis ins Unendliche erweitern, es beginnt nun das Spiel, welches zu erwarten, ja zwangsläufig aus der Wahl Joachim Gaucks zu folgern war. Und noch einmal, es ist nicht seine Schuld, weder, dass die Leute in der FDP glaubten, mit seiner Nominierung einige Stimmen zu den Landtagswahlen mehr zu holen, als es sonst der Fall gewesen wäre, noch dass er tatsächlich geeigneter als sein direkter Vorgänger ist, das Amt auszuüben. Es ist ein Trick der Medien gewesen, den Mann ihres Vertrauens in dieses Amt zu komplimentieren, weil er sich wie kein anderer eignet, den „ost“–„west“–deutschen Ressentiments eine neue Konjunktur zu verschaffen und sie durch seine Person gleichmit zu betonen wie zu legitimieren und damit wieder zum Gegenstand der Tagespolitik zu machen.

 

Quellen:

[1] http://www.welt.de/debatte/kommentare/article13929372/Der-scheue-Stolz-eines-deutsch-deutschen-Migranten.html

[2] http://www.gmx.net/themen/auto/neuwagen/128wtjo-traumwagen-thueringen?cc=000010608500149682121wlFGc#.A1000019

[3] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822411,00.html

[4] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,822620,00.html

[5] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822715,00.html

[6] http://www.welt.de/politik/deutschland/article13935557/Osten-hat-weniger-Schulden-und-weniger-Steuerkraft.html

[7] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,823225,00.html

 

 

25.02.2012 um 20:10 Uhr

Zehn weitere Jahre „Ost“–„West“–Debatte: Warum die Medien Gauck zum Präsidenten kürten

In den abgründigen Tiefen des Internet, der Blogs und Foren wird seine zweite und dieses Mal wohl erfolgreiche Kandidatur bereits intensiv debattiert, zufrieden sind einige seine früheren Anhänger mit diesem neuerlichen Versuch nicht, vor allem weil er sich zwischenzeitlich ein paar Kommentare zum politischen Geschehen erlaubte, was zu einer interessanten Entdeckung führte. Aber dazu später mehr.

Doch nicht nur hier ist man kritisch gegenüber Joachim Gauck eingestellt. Auch die Mainstreammedien sind durchaus schon bereit, ihr wahres Gesicht zu zeigen und darzulegen, was Christian Wulff in seiner Zeit als Bundespräsident ihrer Ansicht nach sträflich versäumt hatte, nämlich die „Ost“–„West“– Befindlichkeiten zu debattieren. Dies gilt es für die Journalisten aller Fraktionen schleunigst nachzuholen, und so hieß es vor wenigen Tagen bereits im Spiegel Online:

21.02.2012

Heute in den Feuilletons

"Eitler Zonenpfaffe"

Joachim Gauck ist der Mann der Stunde, auch in den Feuilletons. Die "FAZ" erklärt seinen Freiheitsbegriff. Er sei der erste von den Medien gekürte Bundespräsident, gibt die "Welt" skeptisch zu bedenken. Die "taz" nörgelt. "SZ" und "Tagesspiegel" greifen noch mal in die Kracht-Debatte ein.

[...]

Die Tageszeitung, 21.02.2012

Die taz ist nicht zufrieden mit dem neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Anja Maier macht er ein schlechtes Gewissen: "Nicht jeder Ostdeutsche hat nun mal so eine vorzeigbare Biografie wie Pfarrer Gauck aus Rostock. Viele waren einfach nur Mitläufer auf der Suche nach dem privaten Punk." Daniel Bax wirft ihm einen "oberflächlichen Freiheitsbegriff" vor und sammelt Stimmen von einigen Linken, die Gauck ein "reaktionäres Weltbild" vorwerfen und wie Daniela Dahn fürchten, er könne mit seiner Kritik am real existierenden Sozialismus ins "Fahrwasser einer Relativierung der NS-Vergangenheit" geraten. Deniz Yücel kotzt dem "eitlen Zonenpfaffen" gleich auf die Krawatte.

[...] [1]

Es ist bezeichnend, dass in der Überschrift schon die Kampfansage auftaucht, von der man wissen muss, dass es sich dabei nur um den Grundtenor handelt, welcher in den Köpfen der Journalisten nun zum Dreh– und Angelpunkt der Berichterstattung über den neuen Bundespräsidenten avancieren wird. Wenn Spiegel Online in seinem regelmäßig erscheinenden Artikel „Heute in den Feuilletons“ diese Bemerkung als Überschrift wählt, sagt dies einiges über den Spiegel aus und über das, was noch kommen wird.

Die Meinungen über die Amtszeit des letzten Bundespräsidenten Wulff gehen sicherlich weit auseinander. Man konnte im Netz verschiedene Äußerungen lesen, wonach viele Konservative glaubten, die „linken Medien“ hätten ihn aus dem Amt geschrieben, weil sie einen mehr oder weniger sozialdemokratisch angehauchten Mann im Schloss Bellevue vorzögen. Andererseits haben sich auch andere von den Vorwürfen beeindrucken lassen, er habe sich indirekt bestechen lassen und pflege einen seltsamen Umgang.

Nun, sollte man mit derartigen Schnellschüssen vorsichtig sein. Tatsächlich war Wulff eine Fehlbesetzung gewesen, farblos, mit Kontakten in das seilschaftendurchsetzte hannoversche Milieu, ohne Charisma oder auch nur den Elan, mit welchem einige frühere Präsidenten ihre Amtszeit schmückten. Er war ein Platzhalter und konnte seine Hörer niemals fesseln. Dennoch fragt man sich auch, was ihn in all diesen Eigenschaften von einem durchaus von den Medien gehätschelten Vorgänger Rau unterscheidet, welcher obzwar ohne die skurrilen Kontakte zur Hannoverconnection, dennoch alle charakterlichen Attribute von Wulff vorwegnahm.

Es war faktisch für die Journalisten ein Glücksfall, dass Christian Wulff sich eine Reihe von erkennbaren Verfehlungen geleistet hat, er von einer inkorrekten Aussage zur nächsten stolperte, naiv bettelnd, stoisch beleidigt und für sein junges Alter viel zu steif und bürokratisch erschien. Er war ein passables Ziel für die steten Tropfen der Journalisten, welche seine Dünnhäutigkeit erkannt und ausgenutzt haben, ihn zum Rücktritt zu zwingen.

Hinsichtlich seiner Person und seiner Wirkung als Bundespräsident scheint an der medialen Amtsenthebung nichts auszusetzen zu sein, da Wulff durchaus äußerst ungeeignet war, das Amt auszuführen und zu mit dem nötigen Glanz auszufüllen. Und doch bleibt ein merkwürdiger Beigeschmack. Warum hat man sich dazu hinreißen lassen?

Immer wieder wurde hierzu in den Medien betont, dass sein Verhalten untypisch und unehrenhaft gewesen wäre, dass die meisten Politiker doch anständig seien und sich nicht der Vorteilsgewährung hingeben würden. Doch ist dies nicht eine faustdicke Illusion? In der Politik ist der Lobbyismus zu Hause und ehrenhaftes Verhalten heißt dort schlichtweg, sich nicht erwischen zu lassen. Wer kann glauben, dass in den Archiven der Journalisten nicht über fast jeden Politiker Akten liegen, welche bei Bedarf herausgezogen und gegen den betreffenden ins Feld geführt werden?

Der Schlüssel zu seinem Rücktritt liegt wohl weniger in seiner Bestechlichkeit und seinen seltsamen politischen Freunden, sondern seiner Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit im Jahre 2010. Dort sprach Wulff bekanntlich über den Islam und dass dieser mittlerweile zu Deutschland gehöre. Dies war der Kern seiner Rede und wurde stets kolportiert, wenn es um seine Mission als Präsident ging. Viel spannender indes ist doch aber, was Wulff in seiner Rede nicht gesagt hat. Weder äußerte er sich zur innerdeutschen Einheit, noch stellte er die sogenannten „ost“–„west“–deutschen Belange gegeneinander. Für Wulff mochte die deutsche Einheit abgeschlossen wirken, er verzichtete an diesem 3. Oktober 2010 auf eine mahnende Belehrung, auf die Hypersensibilisierung der Bevölkerung durch eindringliche Worte, er überging das Thema, welches zwanzig Jahre lang den Diskurs zur Selbstfindung der Identität des souveränen Deutschland seit 1990 beherrscht und den Medien Möglichkeiten en masse zur spalterischen Berichterstattung gegeben hatte. Machte er also einfach Schluss, zog er einen Strich unter die Geschichte? Begann er einfach eine neue Debatte hinsichtlich des Islam und vergaß seine Verpflichtung, immer wieder die sogenannten „ost“–„west“–deutschen Befindlichkeiten neu zu definieren? Wenn man es genau bedenkt, so musste dieses für ihn unzweifelhaft in einem persönlichen Desaster enden.

Wulffs Naivität mag hier der Schlüssel zu diesem Handeln gewesen sein, aus Sicht der Journaille war es ein unverzeihlicher Fauxpas, welcher Joachim Gauck niemals unterlaufen wäre. Vor der Wahl Wulffs zum Bundespräsidenten schien Gauck tatsächlich als eine sinnvollere Besetzung, doch zeigte sich nach seinem sicheren Scheitern eindeutig, wie sehr er noch im Denken der „Ost“–„West“–Pespektive verhaftet ist. Etwa in der Mitte der 90er Jahre mochte seine Besetzung in diesem Amt noch akzeptabel sein, heute nach nunmehr zwanzig Jahren Deutscher Einheit ist er mehr oder weniger ein Relikt aus einer vergangenen Zeit.

Selbstverständlich sollte man auch anmerken, dass es auch Momente gibt, welche für ihn sprechen, so zum Beispiel seine Feindschaft zur PD§ED–Linkspartei, welche es bis heute nicht verwunden hat, dass er die damalige Gauckbehörde leitete, was möglicherweise auch der Grund dafür ist, dass ihn Frau Merkel nicht unterstützen wollte. Die Versuche im Netz, Gauck hinsichtlich seiner Haltung zur Stasi zu diskreditieren, sind möglicherweise nur Mutmaßungen, Kartenhäuser, Verschwörungstheorien ohne Substanz, vielleicht aber sollte man diese dennoch genauer betrachten und analysieren. Sind es nur Spekulationen, oder gibt es einen wahren Kern? Um eine echte Aufarbeitung geht des den Medien in diesem Fall indes nicht, sie suchen keine Anschuldigungen, da die Person selbst ihnen sehr genehm ist.

Und so bleibt die Frage, was mit der Bevölkerung passiert, wenn Joachim Gauck von 2012 bis 2022 über die Fortschritte im innerdeutschen Dialog berichtet, referiert und doziert, abwägt und die Menschen im Land ständig daran erinnert, dass es angeblich zwei Mentalitäten gäbe. Für die Medien wäre dies ein grandioser Erfolg, zumal seine Kritiker sich dann vielleicht noch strammer hinter der PD§ED–Linkspartei versammeln würden und die schwächelnde kommunistische Partei wieder stärkten, was der Berichterstattung einigen Auftrieb geben könnte.

Journalistisch betrachtet, heißt nämlich eine Vielfalt an Themen auch immer eine Vielfalt an Spaltung der Gesellschaft, nicht ein Ende der Dogmen, sondern eine stete Auffrischung alter Ressentiments. Mit Wulff zog eine bedingungslose Beliebigkeit ins Schloss am Tiergarten, die innere Spaltung Deutschlands drohte vergessen zu werden. Dies – so hoffen nun die gegenwärtigen Präsidentenmacher – möge der neue Präsident erkennen und instinktiv ihren Hoffnungen zuvorkommen. Und bei Gauck brauchen sie da keine Furcht zu haben. In gewisser Weise teilt er mit Wulff einen hohen Grad an Naivität, doch liegt er im Gegensatz zu Wulff in dieser Frage auf ihrer Linie.

Natürlich gibt es da noch die andere Seite, die Ostagiker, welche Joachim Gauck gern mit ihrem eigenen Schmutz bewerfen. Sie zitieren Stasioffiziere, welche ihn als Spitzel, als inoffiziellen Mitarbeiter ausweisen. Ob dem so war, bleibt offen. Dennoch scheint hier eine Kampagne am Werk zu sein, welche die Medien nicht aufgreifen, und so bleibt es doch eine reine Internetdebatte. Unsere Mainstreammedien stehen bekanntlich gefühlt weit über den Blogs, nehmen diese nicht ernst und ignorieren das dort geschriebene, verlinken lieber zu ihren eigenen Blogs, wissen indes sicherlich genau, welche Positionen und Anschuldigungen über den von ihnen favorisierten Präsidentenkandidaten im Umlauf gebracht wurden. Hier ein Beispiel:

WENDIGER PASTOR: Auf Wiedersehen, Herr Gauck

[...] das Terpe-Dossier (siehe Freitag, 21.4.2000) ist für ihn voller Brisanz.

Das hatte er mit Angstschweiß auf Stirn und Rücken bereits nach dem Abdruck der Akte in der “Welt” vom 23. April 1991 erkannt. Er musste befürchten, dass sich die Akte auch anderen erschloss. Doch West-Lesern blieb sie unzugänglich. Ihnen fehlten DDR-Intim-Kenntnisse. Ost-Leser indes wurden zum Terpe-Papier nicht gehört oder als Regime-Anhänger mit der Unterstellung abgetan, den ehrbaren Bürgerrechtler Gauck ans Messer liefern zu wollen. Gauck konnte aufatmen. Und sich vehement für den Passus im Stasi-Unterlagengesetz einsetzen, dass Opferakten nur mit Zustimmung der Opfer an Journalisten, Historiker etcetera herausgegeben werden dürfen. Wer aber legt fest, wer Opfer und Täter ist? Die Gauck-Behörde. Es ist hohe Zeit, über all das intensiv nachzudenken, was mit dem unseligen DDR-Stasi-Erbe zusammenhängt.

Seitdem ich die Demaskierung Gaucks in der Welt vom 23. April 1991 gelesen habe, weiß, sage und schreibe ich: Das Terpe-Papier reicht aus, ihn wie Tausende andere aus dem Öffentlichen Dienst zu verbannen. Gauck mit dem Stasi-Namen “Larve” ist nach Maßstäben seiner Behörde ein Täter. Ein von der Stasi überprüfter Täter, wie Stasi-Berichte über Gauck belegen. Daß Gauck im Öffentlichen Dienst verbleibt, wird im Osten als Ungerechtigkeit gewertet und missbilligt. Sonderschutz für einen willigen Vollstrecker ist eine noch harmlose Beschreibung dieses Umstandes.

[...] [2]

Allein die tendenziöse Form, in welcher dieser Text verfasst ist, stößt zunächst unangenehm auf.  Man möchte laut protestieren: „Wer weiß denn, wie es damals ablief und welche Hintergedanken der Pfarrer Gauck hatte, als er mit den Stasileuten diskutierte? Wollte er sie täuschen, sie in einer vermeintlichen und von ihm gelenkten Sicherheit wiegen?“ Doch auch wenn hier von schmutzigen Leuten mit Schmutz geworfen wird, bleibt die Frage nach der Wahrheit. Niemand steht über dem Gesetz, auch Gauck nicht.

Und natürlich, bezüglich der gerade im Freitag genannten Fakten sollte man vorsichtig sein, gerade weil sie in einem diffamierenden Stil geschrieben sind. Eine Generalamnestie für die Stasitäter zu fordern, ist den Machern dieses Blattes sicherlich wichtiger als eine grundsätzlich ehrliche Aufklärung zu betreiben. Dennoch sollte man sich mit diesen Anklageschriften auseinandersetzen, da sie zusätzliche Informationen erhalten, welche die Mainstreammedien verschweigen.

Dennoch bleibt zu sagen, dass ein Kommentar zu diesem Text viel erhellender ist, viel offener und klarer als der Artikel selber. Man lese:

Kommentar hierzu von Stefan Köhler ( 20. Februar 2012 um 08:49 ):

Wer die “Sieghaftigkeit des Sozialismus” nicht ehrte, nicht ehren und anerkennen wollte, der konnte nur noch schweigend in den Schatten treten, um nicht in den Folterhöllen der Stasi zu landen. Verzicht auf jede eigene Weiterentwicklung oder Flucht waren die einzigen Auswege. Nicht einmal eine Neubauwohnung hätte ein Zweifler bekommen.

Trotzdem sollte niemand vergessen, dass eben gerade die evangelische Kirche nach der Verhaftung und Verurteilung verschiedener Kinder von führenden Persönlichkeiten dieser Kirche ihre Entscheidung für die “Humanisierung” des Sozialismus durch Anpassung getroffen und vorgenommen hat. Deshalb war es auch besonders gefährlich, sich kirchlichen Würdenträgern gegenüber zu offen zu erklären. Diese fragwürdige Anpassung, die man als Diplomatie werten könnte, hat die katholische Kirche nicht mitgemacht.

Dennoch deutet allein der Deckname “Larve” darauf hin, dass man Gauck nicht besonders mochte und ihm auch nicht sonderlich vertraute. Geliebte Stasileute erhielten “blumige”, schöne Decknamen. Wer vermag im seit mehr als 20 Jahren manipulierten Stasisumpf noch die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden? Gerade Kritiker Gaucks wurden selbst berechtigt oder unberechtigt in Verruf gebracht.

[...]

Das lächerliche Theater um dieses Amt des Bundespräsidenten sollte endlich ein Ende finden. Angesichts katastrophaler nationaler und globaler Entwicklungen sollte man über die Einführung sorgfältig vorzubereitender Volksentscheide nachdenken, wenn die Politik aus ihrem totalen Verruf befreit und menschengemachte Katastrophen verhindert oder eingegrenzt werden sollen.

Dennoch gibt es in Deutschland sicher mehrere integre Personen und Lichtgestalten, die dieses Amt des Bundespräsidenten würdig bekleiden könnten.

[...]

Stefan Köhler [3]

Eine seltsame Diplomatie, welcher sich Joachim Gauck da bediente. Doch man darf nicht vergessen, dass nicht jeder Mensch zum Helden geboren ist. Und die DDR war schlichtweg nun einmal nichts anderes als eine Diktatur, mit Spitzeln und einer stets und ständig präsenten Propaganda. Doch sollte ein Antiheld Bundespräsident werden? Ich meine, dies sollte auf keinen Fall geschehen. Und die Wahrheit selbst?

Im Grunde wird man es wohl nie wirklich erfahren, was damals geschah und welche Rollen wer spielte. Man kann sich einige Szenarien überlegen, andererseits spricht die Ablehnung der PD§ED–Linkspartei eigentlich mehr dagegen als dafür, dass die gegen Gauck genannten Argumente zutreffen, was sich schließlich auch aus dem Leserkommentar des Stefan Köhler sehr gut ablesen lässt.

Die Argumentation gegen Gauck und die Vermutung seiner Mitgliedschaft im Stasimilieu werden im Grunde wesentlich durch die Zeugenaussage eines Peter–Michael Diestel zusammen gehalten, welcher laut wikipedia.de wiederum selbst keineswegs ein echter Saubermann ist. Man darf hier natürlich fragen, ob dies in der Politik überhaupt möglich ist oder ob nicht alle Politiker auf ihrem Weg zum Erfolg nicht durchweg legale Kompromisse machten. Doch liest man, was über Diestel in der freien Enzyklopädie zu lesen ist, wirft dies ein zunächst ernüchterndes Bild auf seine Anschuldigigungen bezüglich Joachim Gauck:

Peter-Michael Diestel

[...]

Kritiker warfen ihm wiederholt in seiner Amtsführung als Innenminister den verharmlosenden Umgang mit ehemaligen Mitarbeitern des MfS oder mit IM vor, die von ihm als Mitarbeiter des Innenministeriums weiter beschäftigt wurden. Des Weiteren soll in der Amtszeit Diestels als DDR-Innenminister eine Vielzahl von Stasi-Akten vernichtet worden sein.

[...]

Diestel tritt seit den 1990er Jahren vor allem als Rechtsanwalt für ehemalige hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter, Stasi-IM und für unter Doping-Verdacht geratene ehemalige DDR-Sportler und DDR-Sport-Funktionäre in Erscheinung. 2004 war er etwa als Rechtsbeistand für den unter den Verdacht der IM-Tätigkeit geratenen PDS-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Sachsen Peter Porsch tätig.

[...] [4]

Andererseits gibt es einen Punkt, um den auch der größte Gauckfan nicht umhin kommt, welchen er sich immer wieder durchdenken muss, um zu einem nüchternen Fazit zu gelangen. Die Söhne Gaucks durften noch während der Zeit der Diktatur und nur acht Monate nach ihrer Ausreise auf Familienbesuch zurück nach Rostock. Zweiundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall mag dies nur als eine Randnotiz empfunden werden. Aber vor 1989 konnte man solches als Sensation wahrnehmen. Es war schlicht kaum vorstellbar und widersprach allen Prinzipien der DDRMachthaber. Und selbst wenn Joachim Gauck die Stasileute täuschen wollte und meinte, sich nur über die wenigen Jahre bis zur Wiedervereinigung über die Zeit zu retten, dann hätte er auf diesen Besuch auch gut verzichten können. Also bleibt nur der Schluss, dass er wohl doch irgendwie mit ihnen paktierte.

Und ist es nicht ein seltsamer Umstand, dass der Aufklärer in eigener Person möglicherweise selbst ein Täter war? Es sollte wie ein Schock den Menschen durch die Glieder fahren, doch in den großen Zeitungen wird, wie erwähnt, hierzu ausgebiebig geschwiegen.

Es mag auch anders sein, doch in Zeiten der wilden Verschwörungstheorien, welche die Menschen schon aus dem ganz einfachen Grund faszinieren müssen, weil die Mainstreammedien nur allzu häufig einen reinen Überredungscharakter zeigen und damit nicht mehr glaubwürdig sind, wird selbst eine Spekulation schneller geglaubt, wenn man diese nur mit Hilfe unglaubwürdiger Zeugen belegen kann, als die Wahrheit, welche doch nur in den großen Onlinediensten der bekannten, einschlägigen Zeitungen veröffentlicht wird. Der Zweifel bleibt. Gauck wird sich hierzu wohl niemals äußern, was das zweite große Indiz seiner möglichen Schuld in dieser Frage darstellt. Eine Beurteilung seiner damaligen Haltung zur Stasi und seiner Intentionen während der Gespräche mit diesen Leuten wird also kaum entschlüsselt werden können, womit eigentlich schon klar ist, dass genau hieraus schon eine Ablehnung seiner Person als Kandidat zu folgern sei, doch darüber hinaus gibt es ein Interesse an der Besetzung des Amtes des Bundespräsidenten durch Gauck, welches sich aus einem einfachen Umstand herleiten lassen kann: Das Thema „Ost–West“ war in den vergangenen Monaten schlicht nicht mehr in den tagesaktuellen Nachrichten vertreten. Dies wollten unsere Journalisten ändern, sie wollten es, hatten mehr als nur einen Grund, Wulff zu verjagen und Gauck zu ihrem Stichwortgeber zu machen. Doch steht dahinter ein perverser Eigennutz, wie man schon jetzt nicht nur anhand der Formulierungen in der taz erkennt. Einer der ersten war der Sohn Martin Walsers und Adoptivsohn Rudolf Augsteins im Spiegel Online, welcher den Tenor der kommenden zehn Jahre schon mal vorwegnimmt. Es schaudert den Leser, wenn er die Rückwärtsgewandtheit des relativ jungen Journalisten Augstein ertragen und sich dabei die Frage nach dessen geistiger Reife stellen muss:

23.02.2012

S.P.O.N. - Im Zweifel links

2:0 für Luther

Eine Kolumne von Jakob Augstein

Gauck und Merkel - zwei ostdeutsche Protestanten führen jetzt das Land.

[...]

Am Ende ist diese Präsidentenwahl, mehr noch als jene Christian Wulffs vor zwei Jahren, eine sonderbare Posse der deutschen Geschichte: Ausgerechnet Merkel lehnt Gauck ab, obwohl beide im Osten die sozialistische Unfreiheit kennengelernt haben und obwohl er ein Sprachrohr der im Westen gewonnenen Freiheit sein will. Sie aber stemmt sich aus taktischen Gründen dagegen. Und ausgerechnet die Linken, die ostdeutsche Volkspartei, sind im Abseits, wenn zwei Politiker aus dem Osten an der Spitze des Staates stehen.

[...] [5]

Das ist nicht nur frech, sondern schlicht ekelhaft. Man kann mit jedem weiteren Jahr die Empörung drastischer unterlegen, welche man empfindet. Doch ist es egal, sind es nun zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre seit der Wiedervereinigung, es ist letztlich nur ein Wimpernschlag für die Journaille, welche sich die Welt immer aus dem Jahr 1990 herleitet.

Für alle daraus zu folgernde Schlüsse gibt ihnen Joachim Gauck alsdann den Rahmen. Er und die Kanzlerin werden nicht nur bei Augstein und dem Spiegel in Zukunft für etwas stehen, was es so eigentlich gar nicht gibt, eine sogenannte „Ost“–Identität. Selbstverständlich mögen einige Leute den Eindruck bekommen haben, dass eine solche Charakteristik als Bindeglied zwischen wenigen existiere, dass sie eine Rolle im Leben mancher Personen spielt und bei diversen Menschen zutage tritt, doch gilt dies kaum für die Mehrheit der Menschen, welche mit diesem Bild drangsaliert werden.

Es ist schon seltsam genug, dass in dem Spiegel–Online–Artikel auf Widersprüche zwischen Merkel und Gauck hingewiesen wird, gab und gibt es diese doch auch zwischen anderen Politikern. Doch die „Ost“–Herkunft gilt der Journaille als Kristallisationspunkt der eigenen Meinung, hier entspringe das Wesen des Menschen, so wollen sie ihren Lesen es vermitteln. Wer sich darüber hinwegsetzt, mag einen Grund haben, aber dieser kann dann nur mit einer Taktik zu erklären sein, da man sich generell schließlich um den „Ost“–Proporz bemüht, eine Unterstellung, welche auf einer absoluten und rigorosen Verweigerung der Anerkennung des individuellen Menschen fußt und damit eine Beleidigung darstellt, eine Beleidigung, eine infame und wüst spekulative Unterstellung, deren eigentliches Ziel die Vermarktung der Ostwestalgie ist, verbunden mit der Grundannahme einer Homogenität ihres sogenannten „Ostens“ und einer Heterogenität ihres sogenannten „Westens“, aus welchem Grund eine solche Einschätzung hinsichtlich eines Affronts zwischen zwei NRW–Politikern schlicht unvorstellbar wäre.

 

Quellen:

[1] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,816617,00.html

[2] http://17juni1953.wordpress.com/2012/02/19/wendiger-pastor-auf-wiedersehen-herr-gauck/

[3] http://17juni1953.wordpress.com/2012/02/19/wendiger-pastor-auf-wiedersehen-herr-gauck/#comment-297

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Peter-Michael_Diestel

[5] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816885,00.html

 

24.10.2011 um 19:21 Uhr

Macht das MDR zu!

Sowohl dem Leser als auch dem Autor dieser Zeilen ist es bewusst, es muss natürlich „der“ MDR heißen, aber ist der geschlechtsspezifische Artikel für diesen Sender bereits fast schon zu viel der Ehre für den unerquicklichsten aller öffentlich–rechtlichen Sender, welcher seit Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts einen skurrilen Spagat übt. Einerseits wissen seine Betreiber um den steten Spott der Allgemeinheit, ja der gesamten Republik gegenüber einem strikt reaktionär gestalteten und nach rein ostalgischen Gesichtspunkten aufgebauten Programm, zum anderen hält man beständig daran fest, die Bevölkerung mit genau diesen Sendungen zu malträtieren, zu demütigen und keine Möglichkeiten zu nutzen, welche in einem grundlegenden Neuaufbau des Sendekonzepts liegen.

Mann kann es kurz und knapp auf einen Punkt bringen:

Der MDR agiert nicht unfreiwillig komisch, sondern macht sich freiwillig lächerlich und dies schon seit nunmehr 20 Jahren.

Darüber hinaus gab es immer wieder Anhaltspunkte dafür, dass die interne Firmenpolitik keineswegs rechtlich integeren Maßstäben genügt, worüber ausgiebig in der Presse berichtet wurde und was letztendlich auch zur Ablöse des jetzigen Intendanten geführt hat. Doch seine Nachfolgerin ist nicht besser. Äußerst interessant ist der Artikel, welchen man in der Onlineausgabe der BZ über Karola Wille findet:

Lesen Sie mal, was die künftige MDR-Intendantin in ihrer Doktorarbeit schrieb

"Die Vorzüge des Sozialismus sind auch im internationalen Rahmen umfassend zur Geltung zu bringen"

11. Oktober 2011 08.20 Uhr, BZ Seinen Ruf als DDR-nostalgischer Schunkelsender hat der MDR seit seiner Gründung 1991. Und anscheinend hat man auch kein Interesse daran, den Mief loszuwerden. Denn der Verwaltungsrat des Senders will nun MDR-Chefjustiziarin Karola Wille als neue Intendantin durchsetzten. Die 52-Jährige hat eine bewegte SED-Vergangenheit.

Gegen die Juristin gab es zunächst Vorbehalte. Denn die Vita von Prof. Dr. jur. Karola Wille sorgte für Kopfschmerzen. Kaum volljährig, trat sie 18-jährig in die SED ein. "Aus Überzeugung" wie sie selbst zugibt. Aus einer SED-nahen Familie stammend, bekam sie problemlos einen Studienplatz an der juristischen Fakultät in Jena. Jahrelang war sie mit einem DDR-Militärstaatsanwalt verheiratet. Dementsprechend linientreu verfasste die kommende Senderchefin 1985 ihre Doktorarbeit zu Ausländerkriminalität im sozialistischen Staat: "Die Vorzüge des Sozialismus sind auch im internationalen Rahmen umfassend zur Geltung zu bringen." Es gebe "eine historische Mission der Arbeiterklasse." Der größte DDR-Opferverband, die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) hat bereits gegen die Pläne protestiert, Karola Wille zur MDR-Intendantin zu machen. Der stellvertretende VOS-Bundesvorsitzende Hugo Diederich: "Wir wollen nicht, dass im MDR die DDR weiter fortgesetzt wird. Deshalb ist eine Frau, die in ihrer Dissertation noch 1985 dem Sozialismus gehuldigt hat, nicht wählbar. Es wäre das Beste, wenn der Verwaltungsrat dem Rundfunkrat einen unbelasteten Kandidaten zur Wahl vorschlägt." Doch das scheint im skandalgebeutelten und krisenumwitterten MDR niemanden zu stören. Seit zwanzig Jahren arbeitet Karola Wille für den Sender, seit 1996 ist sie Juristische Direktorin. Der erhoffte Neuanfang nach der Korruptionsaffäre um Ex-Unterhaltungschef Udo Foht bleibt wohl aus. Die Stimmen, die eine MDR-ferne Persönlichkeit als Senderchef forderten, sind verstummt. Wille wird nun daran gemessen, ob sie es schafft, "dass der MDR durch einen transparenten, glaubwürdigen und nachhaltigen Aufklärungsprozess wieder zur Ruhe kommt", wie es der MDR-Verwaltungsratschef, Gerd Schuchardt, hofft. Die Wahl im Rundfunkrat, bei der Wille zwei Drittel der Stimmen benötigt, um Intendantin zu werden, soll am 23. Oktober stattfinden. [1]

Dem entgegen liest sich der Artikel des Spiegel sehr brav. Man hat den Eindruck, als sei man dort sehr froh über die Wahl der neuen Intendantin. Hier der Artikel von Spiegel Online:

23.10.2011

MDR

Karola Wille zur Intendantin gewählt

Da waren es plötzlich drei: Nach Dagmar Reim und Monika Piel hat die ARD ihre dritte Intendantin. Gleich im ersten Wahlgang erreichte Karola Wille die nötige Mehrheit, um zur neuen Chefin des MDR gewählt zu werden. Weniger leicht dürfte es sein, den Skandal-Sender wieder auf Kurs zu bringen.

Leipzig - Der MDR-Rundfunkrat hat die Justiziarin Karola Wille (52) zur neuen Intendantin gewählt. Das meldeten die Nachrichtenagenturen dpa und dapd am Sonntag. Die bisherige stellvertretende Intendantin erhielt im ersten Wahlgang 32 Ja-Stimmen von den 39 anwesenden Mitgliedern. Senderchef Udo Reiter (67) scheidet zum Monatsende aus.

Wille war bisher die Stellvertreterin des Gründungsintendanten. Bei der Sitzung im thüringischen Friedrichroda war sie die einzige Kandidatin. Ihre Amtszeit beginnt am 1. November und dauert sechs Jahre. Sie ist damit nach Dagmar Reim (RBB) und Monika Piel (WDR) die dritte Chefin einer ARD-Anstalt. Gründungsintendant Udo Reiter (67) scheidet Ende Oktober aus. Vor vier Wochen war die Wahl des Chefredakteurs der "Leipziger Volkszeitung", Bernd Hilder, gescheitert.

Die Rundfunkratsmitglieder applaudierten beim Bekanntwerden des Wahlergebnisses. Bei vielen der mehr als 2000 Mitarbeiter des MDR ist sie beliebt und gilt schon länger als "Intendantin der Herzen".

Bei wem gilt die Kommunistin aus Überzeugung als solches, möchte man anfragen. Aus der Formulierung der Spiegeljournalisten geht selbiges nicht eindeutig hervor, man schüttelt indes den Kopf, ob dieser Anspielung auf DDR–Verhältnisse, ist es doch schon Häme, welche hier eingestreut wird.

Die gebürtige Chemnitzerin ist seit 1991 bei der Drei-Länder-Anstalt für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. 1996 wurde sie juristische Direktorin, seit 2003 vertritt sie Intendant Reiter. Wille führt für die ARD die Verhandlungen mit den Fernsehproduzenten und ist Mitglied im Digital-Ausschuss von ARD und ZDF. Im MDR leitet sie die Arbeitsgruppe "Digitale Zukunft".

Wer nun noch ein Dossier erwartet, wie in der BZ, wird enttäuscht oder auch nicht, entsprechend seines politischen Standpunkts. Das Plädoyer der BZ kocht man jedenfalls beim Spiegel auf einen Satz zusammen:

Kritik gab es an ihrer juristischen Karriere in der DDR.

Und mehr kommt auch nicht! Der Spiegel hat zu seinen Wurzeln zurückgefunden, zum einen kritisiert man keine Kommunisten, schon gar nicht überzeugte, und zum anderen verurteilt man keine Steigbügelhalter. Denn Frau Karola Wille dürfte schon die Neuauflage vieler DDR–Fernsehsendungen planen und sämtliche durch den MDR zumindest in der Wahrnehmung der ARD repräsentierte Bundesländer in den folgenden Jahren gründlich desavouieren. Der Artikel endet:

Wille studierte in Jena Rechtswissenschaften und promovierte dort; später absolvierte sie noch ein juristisches Fernstudium. Die Honorarprofessorin für Medienrecht an der Universität Leipzig hat eine Tochter.

ore/dpa/dapd [2]

Mit keinem Wort erwähnt der Spiegel die Vita der neuen MDR–Intendantin, was sicherlich kein Zufall ist, möchte doch dieser auch weiterhin lustvoll die Ostalgie derjenigen geißeln, welche völlig unostwestalgisch diesen Sender auf dem Territorium ihres Bundeslandes dulden müssen und sich nicht dagegen verwehren dürfen, da der Rundfunkstaatsvertrag über ihre Köpfe hinweg ausgehandelt wurde.

Was wundert dies den Leser des Spiegel, kennt er doch vermutlich nicht den oben zitierten und inhaltsreicheren Artikel in der BZ. Dennoch wirft diese Aussage ein klares Bild auf die Mitarbeiter des MDR. Allein schon ihre Wahl ist ein Beweis für die Durchsetzung der Medienanstalt ARD mit seltsamen Elementen, welchen die Ostalgie wichtiger ist, als eine Besetzung dieser Position mit einer fähigen Person, welche vielleicht sogar den MDR in seiner momentanen Form auflösen und neue Sender an dessen Stelle etablieren würde, zum Beispiel einen Sächsischen Rundfunk, welcher nur das Land Sachsen umfassend, Fernsehsendungen in ganz anderer Art produzieren und damit einen wichtigen Beitrag zur Außenwahrnehmung des Freistaates leisten würde. Desweiteren könnte der Freistaat Thüringen entweder mit dem Hessischen oder Bayrischen Rundfunk kooperieren und Sachsen–Anhalt an den Norddeutschen Rundfunk angeschlossen werden. Doch von einer solchen optimalen Lösung ist man jetzt wiederum Lichtjahre weit entfernt.

Was die Zurückhaltung des Spiegel betreffend seiner kurzen und knappen Aussage zur Vita der neu gewählten Intendatin anbelangt, so klang einiges in Bezug auf den MDR vor zwei Jahren noch etwas anders. Obschon man damals ein unsensibles Vokabular verwendete und sich stilistisch in subtilen und offenen Demütigungen der Bevölkerung der betroffenen Bundesländer erging, wird doch eines sehr klar. Damals hieß es im Spiegel Online:

09.11.2009

TV-Sender

Im nahen Osten - so fern

von Thomas Tuma

20 Jahre nach dem Mauerfall geriert sich der MDR als mächtigste TV-Stimme der neuen Bundesländer. Manches an dem Sender wäre noch immer schwer erträglich, wenn der nicht so einen vielschichtigen Intendanten hätte.

[...]

Da wird noch immer geschunkelt, bis der Kassenarzt kommt, und mit Shows wie "Damals in der DDR" gegen das mildtätige Vergessen angesendet. Da geht's in "Informationssendungen" wie "Dabei ab zwei" oder "Hier ab vier" überwiegend um überfallene Discountmärkte und missbrauchte Schülerinnen, Schlägertrupps, Vandalismus, Rechtsradikale und immer noch einen Kinderschänderprozess. Alles ist entweder "schlümm" oder "forschbor".

Und genau so will der Spiegel den MDR, dessen Publikum und die Bevölkerung in den gedemütigten drei Bundesländern haben. Man spottet über den keinesfalls überall in den drei Bundesländern gesprochenen Sächsischen Dialekt, geißelt die Tristesse und erwähnte zwingend den Rechtsradikalismus, wenn auch hier nur nebenbei. Da macht man keine Abstriche, man bleibt sich treu. Nur so erklärt es sich, dass die Ernennung ( Sollte man diese Entscheidung wirklich als Wahl bezeichnen wollen? ) von Karola Wille zur neuen Intendantin derart knapp kommentiert und nicht hinterfragt wird. Denn wie heißt es weiter im Artikel:

Seien wir höflich: Wer ein paar Tage nonstop MDR schaut, träumt danach nicht sofort von einem Kurzurlaub im Sendegebiet. Manches in diesem Programm wirkt befremdlich, vor bald zehn Jahren war es allerdings noch schier unfassbar.

Schließlich soll Hamburg ja wachsen, der Ort, an welchem der Spiegel verlegt wird und seine Angestellten leben. Man muss nicht einmal eine strikte Aversion gegen steifen Brisen und schlechtes Wetter im Juli zeigen, um eine gewisse Abneigung gegenüber der Stadt an der Elbmündung zu entwickeln, wenn man solche Zeilen liest.

"Warum Ostdeutschen anders bleiben sollten"

Damals unterzog der SPIEGEL den MDR einer Fern(seh)-Diagnose, die weniger Publikumsbeschimpfung sein sollte als Kritik an den Machern. Das Stück bescheinigte dem Sender, aus Quotengründen die DDR am Leben zu halten. Der Aufruhr war gewaltig. Allerdings nur im Osten, wo sich Leserbriefspalten und Internetforen mit Hass, aber auch Zustimmung füllten.

Im Kern kreiste die Debatte um zwei Fragen. Die erste lautete: War der Osten zu blöd für ein besseres Fernsehprogramm oder wurde er von westimportierten TV-Managern für blöd verkauft?

Allein zu einer Podiumsdiskussion in Leipzig kamen rund tausend Menschen, die schon dort einen relativ entspannten Reiter erleben konnten. Er macht auch heute keinen Hehl daraus, dass ein Teil seines Programms nicht mal seinen eigenen Geschmack trifft. Andererseits denke er eben "anwaltschaftlich", womit man bei der zweiten Kernfrage ist: Haben er und sein MDR ihren damals zehn Millionen Zuschauern in den Umbruchjahren eine Plattform für notwendige Identifikation geboten? Oder zementierten sie deutsch-deutsche Differenzen?

Zu einer Zeit, als sich der gemeine Sachse diversen Komikern mit Mauerfetisch ( man bedenke, es war die Zeit der Spaßgesellschaft ) nicht erwehren und steten Behauptungen eines Ulrich Wickert und anderen Schlaumeiern nur durch Wegschalten entgehen konnte, mag es vielleicht einfach ein Selbstschutzreflex gewesen sein, dieses hundsmiserabel und primitiv in Szene gesetzte Programm einer handwerklich stimmigen Verleumdungskampagne zuzusehen, welche den Sachsen und den Brandenburger unabhängig von ihren spürbar unterschiedlichen Wesenseigenschaften in eine gemeinschaftliche Zwangsjacke verpackte und – wie Oliver Welke heute – die Wiedervereinung schlichtweg leugnete, zumal man damals noch nicht auf n24 und n–tv ausweichen konnte und auch Phoenix und Co. noch nicht flächendeckend verfügbar waren.

Die Frage ist umso spannender, als die Ostautorin Jana Hensel in ihrem aktuellen Buch "Achtung Zone" ja gerade erklären möchte, "warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten". Sollten sie?

Ein netter Subson wäre an dieser Stelle wohl die Frage „Sollte sie?“ gewesen, denn Frau Hensel spricht zu allererst nur für sich selbst.

Interessanterweise machte die zweite Bedürfnisanstalt der neuen Bundesländer strategisch alles anders als der MDR: Der RBB-Vorläufer ORB schmiss von Anfang an vieles aus dem Programm, was nach Defa-Kitsch oder geschichtsklitternder Altlast roch. Das Programm hieß Aufbruch, das Ergebnis war quotentechnisch zunächst erschütternd.

Dabei verging in der Leipziger MDR-Zentrale kaum ein Jahr ohne Affäre. Mal ging es um Reiters verspielte Millionen, mal um Korruption, mal um Polit-Filz und immer wieder um Stasi-Fälle, mit denen der Sender anfangs nur zögerlich umzugehen verstand.

Reiters Credo wurde: "Der Hof ist wichtiger als der Bauer." Manchmal glich dieser Hof aber einem Saustall.

"Es gab kleine Mitläufer und echte Drecksäcke", sagt der Intendant heute. "Und jene, die mit großer Inszenierung öffentlich ihre tränenreiche Beichte abgelegt haben, waren nicht immer die Besten. Aber es gab auch tragische Schicksale."

Es erwischte den Zonen-Gottschalk Ingo Dubinski, den "Je t'aime - wer mit wem?"-Kuppler Frank Liehr, den "Mach dich ran!"-Moderator Hendrik Petzold und viele andere. "Die Stasi-Debatte hat mein Weltbild nicht erschüttert, sondern bestätigt", sagt Reiter.

Dies wäre doch ein Grund mehr gewesen, das Konzept komplett zu überdenken. Man hätte niemals einen solchen Rundfunk gründen dürfen oder diesen zeitnah nach seiner Gründung auflösen sollen oder zumindest daraus so etwas wie einen Kulturkanal á la 3sat oder arte machen können. Die Chancen bestanden zu Anfang jedenfalls. Doch der Intendant wollte schließlich genau diese Ostalgie, welcher er eine Plattform gegeben hat. Das Problem MDR hat er zu verantworten, wenngleich ein wirkliches Einsehen seiner Schuld nicht erwartet werden kann.

[...]

Und natürlich bedient sein Sender weiterhin diese Unzufriedenheitsbefindlichkeiten der vermeintlich zu kurz Gekommenen. Das merkt man schon daran, welche Formate aufgrund ihres schieren Erfolgs einfach nicht wegzukriegen sind.

"Escher" etwa spielt sich noch immer als Anwalt der Entrechteten auf, nennt Ross und Reiter, steckt den Kopf nicht in den Sand, hilft dem kleinen Mann und empfiehlt: "Sich wehren!" Wahlweise gegen Willkür oder einfach gegen die da oben. Selbst die Second-Hand-Viecher, die in "Tierisch, tierisch" eine neue Heimat suchen, sind mindestens ausgesetzt, oft auch misshandelt oder gequält worden.

Ist der Osten so larmoyant und miesepetrig? Stellen ihn die MDR-Chefs nur so dar? Es ist inhaltlich alles nicht mehr so schlimm wie noch vor wenigen Jahren, dafür geht es jetzt beiden nicht mehr besonders - Bürgern wie Sender.

[...] [3]

Und damit dies auch so bleibt, darf die SED–Anhängerin und überzeugte Kommunistin Wille nun ihren selbigen durchsetzen und dem Spiegel sowie allen weiteren Spöttern genug Ansätze bieten, weiterhin abschätzig über ein norddeutsches und zwei süddeutsche Bundesländer zu lamentieren, dass deren Bevölkerung ein solches Fernsehprogramm gutheißen, ja sogar einfordern würde, denn angesichts der gerade man 8 % Marktanteil ist wohl eher das Gegenteil der Fall.

 

Quellen:

[1] http://www.bz-berlin.de/archiv/die-vorzuege-des-sozialismus-sind-auch-im-internationalen-rahmen-umfassend-zur-geltung-zu-bringen-article1292033.html

[2] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,793497,00.html

[3] http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,660825,00.html

 

 

 

17.07.2011 um 18:25 Uhr

Die Sozialisierungslüge des Spiegel

Man kann nicht oft genug davor warnen, denn es ist ein integraler Bestandteil der Mainstreammedien. Die innerdeutsche Teilung wird regelmäßig beschworen, ob von der linken oder der rechten Presse. Es ist das Statussymbol der Gestrigen, zu zeigen, in welchem Halbstaat Deutschlands sie aufwuchsen und ihren Stolz zu proklamieren.

Warum diese Leute niemals auf die Idee kamen, sich des Themas zu entledigen, kann ich mir nicht erklären, ohne auf die grundsätzliche Versessenheit derer zu sprechen zu kommen, welche daran verdienen. Zudem man eine geistige Lethargie konstatieren, wie auch eine Verrohung der Bevölkerung. Die Lethargie spiegelt sich in den Medien und die Verrohung in den Anhängern der „Comediens“.

Nun ist es wieder einmal der Spiegel, welcher Werbung für einen skurrilen „Kongress“ macht, in welchem die angeblichen Unterschiede zwischen Menschen gefeiert werden, welche zwischen 1974 und 1983 geboren wurden. Tatsächlich ist dies meine Generation. Und ja, nichts liegt mir ferner, als mich als Teil einer Masse zu fühlen, welche sich auf Unterschiede etwas einbildet.

Simone de Bouvoir sagte einmal, man werde nicht als Frau geboren, man werde es, was indes nicht stimmt, sagen doch zwei X–Chromosomen viel mehr über einen Menschen aus, als dies über andere, zugleich unwesentliche Dinge wie die Augen– oder Haut– oder Haarfärbung, der Ort der Herkunft oder gar dem Schulabschluss zu sagen wäre.

Aber nein, im Genderzeitalter darf man schließlich die Geschlechterbilder verwischen, hingegen muss man indes auf die Unterschiede zwischen den neuen, den ethnischen und pseudoethnischen Klassifizierungen stets hinweisen, dies ist die neue Agenda, eine schauderhafte zumal, welche uns alle zunehmend entmenschlicht.

Denn über Klischees oder deren Bilder, welche den Bürgern in den Zeitungen der MSM täglich aufs neue vorgefertigt serviert und damit sukzessive auf eine verunsicherte Bevölkerung projiziert werden, ist der einzelne Mensch nicht mehr fassbar. Es ist schon vielsagend, wie in einer Gesellschaft Menschen sortiert werden. Während die Kommunisten in „Arbeiter“ und „Imperialisten“ teilten, so unterscheidet der moderne Journalist zwischen „Ost“–Deutschen und „West“–Deutschen, als sei dies eine reine Weiterführung der Interpretationen früherer linker Despoten. Und natürlich ließen sich hiermit auch Überlegungen hinsichtlich der über die Zeit gewonnenen Überzeugungen und historischen Prägungen der Journalisten ableiten, doch ist die Natur des Deutschen wohl allgemein sehr unerquicklich, wenn es sich um die Frage dreht, wie man Menschen einschätzen soll.

Viele beginnen mit einer Analyse der Umstände und biographischen Situation, einer „Sozialisierung“, verdrängen das ureigene persönliche Moment, das Wesen des Menschen, welches wohl an jedem Ort der Welt zum Tragen gekommen wäre und eine andere Umwelt wiederum mitgeprägt hätte.

Wenn man aber die Gesellschaft so gern einteilt, braucht man feste Unterscheidungskriterien, charakterliche Fragen spielen hier keine Rolle. Man sucht sich die Vertreter seiner Lehre in der Bevölkerung und erzieht den Rest. Dazu hatten sich die Massenmedien vor zwei Jahrzehnten bereits entschlossen.

Andererseits trifft man immer wieder auf Unterstützer dieser Position. Oftmals sind es sogar erfolgreiche Leute, welche sogar Geschäftsführer von Unternehmen sind und Werbung für „ihre tolle DDR“ machen, indem sie selbige nachträglich zu einem durchaus passablen Ort erklären, wo man leben konnte.

Es ist aber auch hier so, dass gerade diejenigen, welche ihre Meinung nach außen vertreten, die Radikalen repräsentieren, während die große Masse lieber gern schweigt. Wer in Leipzig geboren wurde und sich sächsisch oder gar bundesrepublikanisch deutsch fühlt, wird nicht darauf insistieren, wie wichtig ihm die Wiedervereinigung war, sondern dem vielmehr einen Spaziergang am Sonntagnachmittag durch die Innenstadt vorziehen, dabei mit anderen über persönliche Dinge reden und kaum die Vergangenheitsglorifizierer thematisieren. Dabei wäre dies wichtig. Statt aber die Begriffe zu verwenden, welche hierfür einzig geschaffen worden sind, sollte jeder sich überlegen, wie man am besten für seine Haltung und nicht gegen die andere argumentiert, sonst bestärkt man diejenigen unnötigerweise noch, da man sie indirekt gleichsam legitimiert.

Derweil treffen sich die Ostwestfetischisten zu einem Kongress und versuchen, achtzehn– bis fünfunddreißigjährige Bürger dieses Deutschlands zu einer dritten „Ost“–Generation umzuerziehen. Während also die Masse schläft, agieren die Mauerfetischisten. Kann so etwas gutgehen?

In der Betrachtung der „Ost“–„West“–Hysteriker gibt es aber diese dritte Generation, welche es natürlich wiedereinmal vorgeblich zu integrieren gilt. Und die obligatorischen „Ost“–Beauftragten gibt es schließlich auch schon ziemlich lange. Warum sollte man also nicht achtzehn– bis 35jährige als Argumentationsstützen heranziehen und eine Teilung auch in dieser Generation erfinden?

Ich spüre selbst, dass es diese Unterteilung heute kaum mehr gibt, wenn man es nicht darauf anlegt. Natürlich ist es klar, dass ein Mensch als „Ost“– oder „West“–Deutscher wahrgenommen werden wird, sobald er immer wiederkehrend von seinen „alten Ländern“ oder seiner „DDR“ erzählt. Aber dies ist keineswegs der Normalfall, sondern die Ausnahme von der Regel.

Hier der Artikel des Spiegel:

08.07.2011

Ostdeutsch geboren

Damals, als der Westen kam

Von Daniel Kastner

Als Deutsche aus Ost und West 1989 auf der Berliner Mauer feierten, waren Michael, Klaudia, Christiane, Stefan und Sabine zwischen sechs und 14 Jahre alt. Ihre Erinnerungen an die DDR sind flüchtig - aber ihre Kindheit "drüben" zwischen Jungpionieren und Wende prägt sie bis heute.

[...]

Kommentare ( Auswahl ):

08.07.2011, 16:02   #2

henry_schmidt            Benutzer            Registriert seit: 30.06.2010

Beiträge: 4

Warum?

Zitat:

Zitat von sysop

Als Deutsche aus Ost und West 1989 auf der Berliner Mauer feierten, waren Michael, Klaudia, Christiane, Stefan und Sabine zwischen sechs und vierzehn Jahren alt. Ihre Erinnerungen an die DDR sind flüchtig - aber ihre Kindheit "drüben" zwischen Jungpionieren und Wende prägt sie bis heute.

http://www.spiegel.de/unispiegel/wun...772920,00.html

Lieber Daniel Kastner,
warum wird im Jahr 2011 durch Journalisten immer noch von "drüben" geschrieben. Sollten wir nicht alles dafür tun, diese leidige geistige Spaltung unseres Heimatlandes zu überwinden. Ihr Journalisten habt dafür einen besonderen Auftrag!
Mit freundlichen Grüßen

 

Hier haben wir eine Meinung eines Bürgers. Ich kenne Herrn Schmidt nicht, weiß nicht um seine anderen politischen Überzeugungen und seine Beweggründe. Ich weiß nicht, wo er wohnt, was er tut, was ihm gefällt oder welche Neigungen er besitzt. Es interessiert mich auch nicht. Er kommentiert offen wie einige andere auch diesen Artikel des Spiegel. Hätten die Verantwortlichen dort eine Absicht, Deutschland als ein Land zu verstehen, müsste sie dieser nachgehen. Sie könnten nicht anders, wie auch gerade zitierter Herr Schmidt oder auch andere. Die Redakteure beim Spiegel haben keinen Leidensdruck, keine irritierenden Gedanken, welche ihnen des Nächstens Gewissensbisse verursachen, sie würden schlicht anders handeln, da ihnen niemand befielt, keiner sie zwingt oder erpresst. Alles geschieht freiwillig. Der hier angesprochene Daniel Kastner macht sich schuldig, er beleidigt Menschen und nimmt deren Schicksal mutwillig in Kauf.

Aber es gibt noch weitere Kommentare:

08.07.2011, 16:25   #4

den lille havfrue            Benutzer            Registriert seit: 31.01.2006

Beiträge: 25

Tja...

Einige der Kommentare im Artikel kommen mir auch bekannt vor. Ich bin '84 in Thüringen auf die Welt gekommen und wohne seit 9 Jahren im Ausland. Und muss mir trotzdem Sachen wie, "Ach, Sie sind aus Ostdeutschland? Da habe Sie sich aber gut gemacht" oder "Du bist aus der Zone? Das kann man gar nicht hören!" usw. anhören, wenn ich mal einem Deutschen über den Weg laufe. Dabei kann ich mich an die DDR eigentlich gar nicht mehr erinnern. Nur ein paar einzelne Kleinigkeiten.

Eine einzelne Stimme, welche auf einem solchen Kongress nur als Randnotiz auftauchen könnte, vielleicht zitiert oder nicht einmal das. Und selbst wenn es so wäre, neigt man in unserer Zeit schließlich dazu, Fußnoten zu „vergessen“.

08.07.2011, 17:06   #14

Pepito_Sbazzagutti            Benutzer            Registriert seit: 27.01.2011

Beiträge: 1.071

....

Zitat:

Zitat von henry_schmidt

Lieber Daniel Kastner,
warum wird im Jahr 2011 durch Journalisten immer noch von "drüben" geschrieben.

Ich wundere mich auch, warum der Autor nicht gleich "Ostzone" oder "SBZ" schreibt.

Auch ich habe mich gewundert, schließlich ist die Sprache der Journalisten immer noch die des Kalten Krieges.

08.07.2011, 17:24   #17

Michael Giertz            Benutzer            Registriert seit: 17.07.2005

Ort: Eine Stadt an einem Fluss in Deutschland.

Beiträge: 4.714

Eine mögliche Antwort

Zitat:

Zitat von kuros

Sie haben ja in weiten Teilen recht, in eher lokale Mentalitäten einzuteilen. In einem Punkt widerspreche ich aber: es gibt eine "Masse" an Leuten, die nun einmal am eigenen Leib den 100% Umbruch erlebt haben und daraus das beste gemacht haben. Darin sind nun einmal alle Leute aus dem Osten vereint. Und das ist eine sehr kraftvolle Erfahrung.

Ich denke schon, dass die Mehrheit der Deutschen in irgendeiner Form den Umbruch erlebt haben. Der für meine Eltern war positiv: immerhin besitzen sie jetzt ein eigenes, kleines Haus und haben beide ein gutes Auskommen, dafür, dass sie weder Akademiker sind, noch leitende Positionen haben.

In meinem Fall bin ich nicht so sicher, ob es positiv ist. Mein Umzug nach Süddeutschland hat mir nicht mehr Einkommen beschert, dafür Heimweh. Trotz schwäbischer Verlobten und wirklich freundlicher Aufnahme in den Kreis der Familie bin ich noch nicht so recht angekommen ...

Zitat:

Eigentlich finde ich den Punkt am wesentlichsten. Sachsen und Preußen oder Bayern - das meine ich eigentlich nicht. Ich meine die Einsichten und Erfahrungen, die sich eben durch diese Eigenheit in der Biographie ergeben hat und aus der Erkenntnisse gewachsen sind.

Naja, zwischen Sachsen, Bayern und eben Berlinern gibt es schon erhebliche Unterschiede in Einsichten und Erfahrungen. Ich lehne mich da weit aus dem Fenster, wenn ich die Sachsen, die ja nun mal zwischen Berlinern und Bayern stehen, eine Mentalität haben, die eher bayrisch ist als berlinerisch.

Zitat:

Eine der Vorredner sagte hier, er sehe keine Verbindung zur (ost-)deutschen Mentalität als Westdeutscher, und sehe, dass sich auch alles im Westen geändert habe seit 1990. Alles, was die Menschen zusammenhalte, sei eigentlich die Sprache. Das ist eine kluge Einsicht, ziemlich radikal - aber irgendwie bringt sie es auch auf den Punkt, in welche Richtung man vielleicht weiterdenken sollte: was hält Deutschland eigentlich als Nation zusammen außer der Sprache und was macht die Wendeerfahrung darin aus?

Ja, irgendwie ist nicht mehr viel Identität geblieben. Das liegt an vielen Faktoren: neben der Teilung, die zu mindestens zwei deutschen Identitäten geführt hat, die auch partout nicht verschmelzen wollen gibt's dann noch das Problem der schiefgelaufenen Integration unserer Migranten: manche davon können sich partout nicht mit Deutschland identifizieren. Aber da kann ich ihnen auch gar keinen Vorwurf machen, weil sich ja schon die Deutschen so recht nicht mit Deutschland identifizieren können. Das ist gewissermaßen ein Teufelskreis: weil unsere Gesellschaft in zu viele Parallelgesellschaften zerfallen ist, gibt's keine gesellschaftliche Identität. Weil es die nicht gibt, zerfällt unsere Gesellschaft in Parallelgesellschaften.

Tja.

08.07.2011, 18:00  #27

Pepito_Sbazzagutti            Benutzer            Registriert seit: 27.01.2011

Beiträge: 1.070

Zitat:

Zitat von ellereller

Die Verwendung des Wortes "drüben" sollte man nicht überinterpretieren. Das könnte auch einfach ein Journalistensynonym sein. Schließlich kam in dem Satz DDR schon mal vor. In einem Artikel über Paris, muss ja es ja auch spätestens statt des dritten "Paris" "die Seine-Metropole" o.ä. heißen.

Nee, die Ausrede lasse ich Ihnen nicht durchgehen. Jeder, der ab den fünfziger Jahren im Westen gelebt hat, kennt noch den Spruch: "Wenn es dir hier nicht passt, dann geh' doch nach drüben".
Für mich ist der Ausdruck "drüben" daher gleichbedeutend mit den Begriffen "Ostzone" oder "SBZ" - eindeutig abwertend.
[1]

Alle diese Kommentare repräsentieren vielleicht abgesprungene Abonnenten, Menschen, welche früher den Spiegel gekauft haben. Aber der wirtschaftliche Gedanke zählt hier nichts, weil es um Agitation geht, um politische Werbung. Wir leben im Jahre 2011 und erleben die spalterischen Artikel der großen Onlinedienste jeden Tag. Es wird Zeit, sich dagegen aufzulehnen.

Quelle:

[1] http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,772920,00.html

 

 

19.06.2011 um 13:41 Uhr

Skurrile Werbung für eine Cola

Es gibt Getränke, deren Faszination sich mir schon seit je her entzog. Und die Cola im allgemeinen gehört definitiv dazu. Dabei war es mir immer ziemlich egal, um welchen Hersteller es sich handelte. Dass sich die unterschiedlichen Produzenten voneinander durch ein spezifisches Image abgrenzen wollen, sei ihnen nachgesehen und tangierte mich kaum. Interessierte mich schon nicht das Getränk, so fand ich vielleicht ihre Strategie in Sachen Werbung. Ein äußerst unappetitliches Beispiel bestaunt man momentan in Form einer Antiamerikakampagne eines wirklichkeitsresistenten Colaproduzenten, welcher zwar eigentlich in Hessen ansässig ist, dies aber schon auf Grund der Werbebotschaften kaschieren muss. Doch eines nach dem anderen.

Es handelt sich in diesem Beispiel um eine gewisse „Vita“–Cola, welche 1956 von der Regierung der zweiten deutschen Diktatur in Auftrag gegeben worden war und bis heute hergestellt wird. Auf den Werbeplakaten selbiger Brause heißt es unter anderem, man spräche kein Englisch, sondern Klartext, was gewissermaßen eine Beleidigung der englischen Sprache darstellt, genauso wie das „Sörry“ in einer Sprechblase, diese auf eine Flasche der beworbenen Cola gerichtet ist. Dieses „Ö“ ist eine Reminiszenz an all die vielen Spottgeister, welche meinen, auf Grund der vielen offenen Vokale strotzte das Sächsische nur so von eben diesem Umlaut, was nachgewiesenermaßen Unfug ist. Aber man sieht auch hier, wie wichtig den Machern hier das Klischee ist. Der Antiamerikanismus kommt besonders in dem Spruch zur Geltung, in welchen es heißt, dass es diese Cola nur da gibt, wo es am schönsten sei und nicht an jedem Ort der Welt. Wie auf einem Ortsausgangsschild wurde Amerika durchgestrichen und ein Pfeil zeigt in Richtung Schmalkalden. Neben der Beleidigung eines ganzen Kontinents geht es hier ganz eindeutig vor allem um einen Angriff auf die Integrität der USA und damit nicht um Mitkonkurrenten als solche.

Man muss sicherlich nicht unbedingt ein überzeugter Colagegner sein, um zu realisieren, dass hier eine verwerfliche Absicht hinter den Sprüchen zu vermuten ist, welche auf den Plakaten eine widerliche Ostalgiebesessenheit protegieren und den Wähler der PD§ED–Linkspartei ansprechen.

Im Grunde wurde hierzu in einem Artikel des Autors Hansjörg Müller auf dem Blog der Achse des Guten ( siehe [1] ) alles wesentliche bereits geschrieben, kurz und bündig auf den Punkt gebracht und dankenswerter Weise in einem klassisch verfassten, objektiven Artikel, journalistisch einwandfrei. Dennoch möchte ich ein paar Dinge anmerken, welche dort keine Erwähnung fanden, welche indes den geneigten Bürger interessieren könnten zu erfahren.

Während nämlich der Journalist Hansjörg Müller auf der Achse des Guten in diesem Bezug auch ein anderes Getränk ins Spiel bringt, dessen Beliebtheit bei Grünenwählern vor wenigen Monaten noch ziemlich stark ausgeprägt war, soll hier auf jedwede Andeutung einer Similarität verzichtet, sondern nur grundsätzlich darauf verwiesen werden, in welcher Weise die Ostalgiekampagne der Vita–Cola–Marketing–Idee als schädlich einzuschätzen ist.

Wenn man ein wenig googelt, findet man schnell eine merkwürdige Seite namens Infodienst.de, auf welcher zunächst schon einmal der Konzern erwähnt wird, welcher vor Jahren diese DDR–Cola gekauft hat:

Vita Cola mit neuer Imagekampagne

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Augenzwinkernd fordert Vita Cola zu ungewöhnlichen Betrachtungsweisen heraus und verankert die Marke noch stärker in ihrer Region. Mit einer neuen Dachmarkenkampagne startet der Erfrischungsdrink ab Juni 2011 offensiv Lokalpatriotismus mit ihrer Heimat. Die Plakatmotive greifen spezifische Merkmale Ostdeutschlands und der Mentalität seiner Bewohner auf. Sprüche wie "Uns gibt’s nicht überall. Nur dort, wo’s am Schönsten ist!" sind gleichzeitig Liebeserklärungen an die Herkunftsregion, ironischselbstbewusste Abgrenzung vom oberflächlichen Mainstream und stolzes Bekenntnis zu ganz eigenen Werten. Die Marke gehört zum Thüringer Waldquell Mineralbrunnen aus Schmalkalden, einem Unternehmen der HassiaGruppe. Zusätzlich füllen zwei Hassia-Töchter in Lichtenau (Sachsen) und Bad Doberan (Mecklenburg-Vorpommern) Vita Cola ab. [2]

Widerwillig liest man sich durch diesen Unsinn und schüttelt irritiert den Kopf über das, was hier als Region begriffen und in Form einer Werbekampagne dem Bürger eingeredet werden soll. Es ist eine permanente Ohrfeige für selbigen, welcher sämtliche Plakate auf seinen täglichen Wegen ertragen muss, wenn er beispielsweise auf die U–Bahn wartet oder einfach nur an einer Straße entlang läuft, wo ein solches Plakat angebracht wurde. Der verärgerte Bürger kann kaum selbst zur Tat übergehen und eine Werbetafel ähnlicher Größe daneben hängen, auf welcher beispielsweise steht, dass Thüringen ein süddeutsches Bundesland ist und der hier beschworene DDR–Osten rückschrittlicher Zeitgenossen nur der schändliche Versuch ist, eine untergegangene Diktatur mit euphemistischen Untertönen nachträglich schönzureden.

Stolz auf die Herkunft aus einer Diktatur zu sein und deren Kakao zu schlürfen, durch welchen vor 1989 Erich Honecker und nach 1990 Harald Schmidt Millionen von Menschen zogen, ist wohl nur die Sache einiger weniger. Aber Dank dieser wird selbiges braunes Wässerchen halt immer noch verkauft. Apropos: Demnächst gibt es sicherlich auch ein Mixgetränk aus Vita–Cola und russischem Wodka. Was dieser rhetorisch ausgefeilte Propagandairrsinn bezwecken soll, ist auch klar. Man definiert wieder einmal, man bestimmt einen Punkt im Universum und nennt ihn DDR. Noch mal: Es gibt diesen Ort nicht, es gab ihn niemals. Die DDR war keine Region, kein Land und keine Heimat, sondern ein historisches Übergangsstadium, das Land als solches heißt Deutschland und teilt sich in 16 Bundesländer. „Spezifische Merkmale“, „Abgrenzung“, „stolzes Bekenntnis“... Man bleibe der Bevölkerung mit solchen Reizwörtern vom Leibe!

Dazu kommen die Plastikwörter. Wenn man liest, dass etwas „in der Region verankert“ ist, bemerkt man sofort die Bildersprache, welche den Leser dazu animieren soll, sich ein Schiff vorzustellen, schwerfällig und breit, tief und mit einer hanseatisch–deftigen Mannschaft. Ein mit Algen bewachsener Anker fällt in den Ozean, und die Fregatte wird vertaut. Auch diese Begriffe schwingen da bereits schon mit. Entscheidend ist aber vor allem das Wort „verankern“, welches mit den beiden Termini „noch stärker“ und „in der Region“ selbst festgezurrt wurde. Wer kann da noch protestieren und ausrufen, dass dieser gesamte Werbetext auf der Seite Infodienst.de nur mehr selbst den I–Punkt der Kampagne darstellen möchte. Wie gefährlich eine solche Werbestrategie ist, wurde auf diesem Blog bereits erläutert, im Falle von Norma ( siehe [3] ) und vor allem in bezug auf die seltsamen Ostalgiemessen ( siehe [4] ), welche bekanntlich nur wenige Besucher locken können.

Man erfährt aus diesem Artikel allerdings noch etwas anderes. Die DDR–Cola im DDR–Design, angepriesen mit Ostalgiewerbung und ausgestattet mit einer diktaturverherrlichenden Internetseite ist keineswegs autark, sondern gehört zur Hassia–Gruppe. Hassia ist Latein und bedeutet „Hessen“. Man wundert sich nur kurz und realisiert schnell, was im Grunde zu erwarten war, denn sitzen die Eigentümer der ostalgischen Firma nicht etwa in Schmalkalden, wie es die Werbung verspricht, sondern verrät ihr Impressum dem geneigten Leser folgende Einsicht:

Impressum

Hassia Mineralquellen GmbH & Co. KG
Gießener Str. 18-30
61118 Bad Vilbel

Telefon: 06101 / 403-0
Telefax: 06101 / 7140
E-Mail: info@hassia.com
Internet: www.hassia.com

Sitz: Bad Vilbel

Registergericht Frankfurt am Main, HRA *****

Umsatzsteueridentifikationsnummer: DE********* [5]

Dies muss man nicht weiter kommentieren, außer vielleicht erklären, dass genau wie RWE und Norma hier versucht wird, den Leuten weis zu machen, speziell dieses Phosphatsäuregemisch würde in Thüringen versteuert. Man googelt weiter und wird bei der Süddeutschen Zeitung fündig, welche ja schon seit einem Jahrzehnt eine rot–rote Regierung in Erfurt herbeisehnt und sich jedesmal nach den Landtagswahlen über den CDU–Wahlerfolg ärgert:

Vita Cola reüssiert Auf der Retrowelle zum Erfolg

10.05.2007, 08:00

von Judith Pfannenmüller

Der einstigen DDR-Brause Vita Cola fiel es lange schwer, sich gegen Coca-Cola zu behaupten. Inzwischen greift sie den Weltmarktführer aber in Ostdeutschland erfolgreich an. Der Erfolg kam mit dem Retrodesign.

Bequemer hätte es für Ralf Sippel, Marketingleiter von Vita Cola, gar nicht kommen können. Just zu dem Zeitpunkt, als Sippels Firma - der hessische Getränkekonzern Hassia - die Ost-Cola aufkaufte, war die Marktforschung des Vorbesitzers Brau und Brunnen fertig geworden.

Das war im August 2005, und der Vermarkter konnte sofort mit der Arbeit loslegen. Dazu gab es auch allen Grund. Denn die Marktforschung hatte gezeigt, dass die einstige DDR-Brause in der Bevölkerung zwar uneingeschränkt Sympathie genoss, die Werbung zum Kultgetränk von den Ostdeutschen aber als "aufgesetzt", und die dargestellten Motive als "unrealistisch" empfunden wurden.

"Die Kommunikation zahlte überhaupt nicht auf den Markenkern ein", beschreibt Sippel das Problem.

[...]

In der Endausscheidung gegen die dahin engagierte WerbeagenturTequila und die Ost-Spezialisten Fritzsch + Mackat setzte sich Ogilvy mit einer Kampagne durch, die dem Markenkern der Vita Cola Ausdruck verleihen sollte.

Bodenhaftung und Wir-Gefühl

Statt Lifestyle, Flippigkeit und Individualität in den Vordergrund zu rücken, zeigen die Düsseldorfer junge, vitale Menschen mit Bodenhaftung und Wir-Gefühl. Der Slogan "Wild erfrischend. Mit dem Spritzer Zitrone" holte auch den extravaganten Zitronengeschmack wieder aus der kommunikativen Versenkung. Gleichzeitig bekam die braune Brause eine standesgemäße Verpackung: Seit einem halben Jahr präsentiert sich die Vita-Cola-Flasche im kultigen Retrodesign. [...] [6]

Die Form der Flasche ist tatsächlich betont unansehnlich. Daneben lässt die Floskel „Bodenhaftung und Wir–Gefühl“ der dunkelroten Autorin des linken Kampfblattes erkennen, dass sie keineswegs der Normalisierung, also der Anerkennung der Deutschen Einheit durch alle Bürger der Bundesrepublik, entgegenstrebt, sondern eine differenzierte Betrachtung der sechzehn Bundesländer unabhängig ihrer historischen Zugehörigkeit zu den früheren Teilstaaten als abgehoben einschätzt und geistig in einem Wolkenkuckucksheim verordnet. Solche Schreiberlinge sind natürlich bei den MSM gern gesehen und werden reichlichst hofiert, weswegen kritische Stimmen gegenüber den Vergangenheitsglorifiziern es erst gar nicht bis in die Redaktionsstuben schaffen. So macht man Agitation.

Allerdings sagt der Artikel auch, dass die Intention für eine solche Strategie vom Geschäftsführer der Hassia–Gruppe selbst mitgetragen wurde. Selbstverständlich hätte man einen kompletten Imagewechsel und die Etablierung eines neuen Getränks wagen dürfen, nur trauen hat man sich nicht gewollt, um es frei nach Karl Valentin auf den Punkt zu bringen, denn ist es doch keineswegs sinnvoll, nach der Wiedervereinigung auf ein von der DDR–Regierung etabliertes Produkt zu setzen.

Es scheint ein Problem der gedanklichen Schnellschüsse zu sein, wenn ein Unternehmen glaubt, aufgrund einiger Akzeptanz der ostalgischen Strukturen hieraus eine Firmenpolitik ableiten zu müssen. Natürlich sind Bürger viel pragmatischer im Umgang mit Lebensmitteln, als man gemeinhin annimmt: Gibt es ein Getränk nicht mehr auf dem Markt, orientiert man sich um. Aber für diese notwendigen Experimente im Dienst der Bekämpfung einer um sich greifenden Ostalgie war man wohl aus Marketinggründen nicht bereit und wirbt deshalb heute – passend zum Jahrestag des 11. September – mit Antiamerikanismus und wird zum Stichwortgeber für alle diejenigen, welche es schon immer gewusst haben, also Ulrich Wickert und seine Diadochen. Dabei geht es also weniger um die Frage nach dem Antiamerikanismus der Macher oder des Unternehmens, der Hassia–Gruppe, welche allerdings auch nicht völlig frei davon sein können, schließlich käme man sonst mit seinem Gewissen in einen Konflikt, sondern um die Unterstellung eines solchen durch die Werbung gegenüber vielen Menschen und Bevölkerungsgruppen mit diversen Mentalitäten und Meinungen.

Interessant ist des weiteren der Sitz der beauftragten Werbeagentur:

Ogilvy & Mather Deutschland GmbH

Darmstädter Landstraße 112

60598 Frankfurt am Main

Telefon +49 (0)69 ***** *

Telefax +49 (0)69 ***** ****

E-Mail: info@ogilvy.de

Internet: www.ogilvy.de [7]

Was hier natürlich auffällt, ist die räumliche Nähe zwischen der Hassia–Gruppe mit Sitz in Bad Vilbel und der Werbefirma mit Sitz in Frankfurt ( und dem , obgleich es sich bei der Marketingagentur doch nur um eine Dependance handelt. Deren Hauptgeschäftsstelle liegt tatsächlich in New York. Ob man dort darüber Bescheid weiß, dass die Damen und Herren Werbestrategen in Frankfurt einen destruktiven Antiamerikanismus pflegen?

Das Fazit fällt somit sehr nüchtern aus. Vor allem enttäuscht die geringe Resonanz kritischer Stimmen im Netz. Doch es gibt sicherlich auch andere Möglichkeiten eines Protests. Man soll es also nicht falsch verstehen, denn ich möchte keineswegs jemanden anstiften, aber in gewisser Weise finde ich, dass so ein faules Ei oder eine überreife Tomate auf dem einen oder anderen Werbeplakat für Vita–Cola einige Wirkung erreichen würde, vor allem auf den "Stars vom Thüringer Wald".

Zudem könnte man fragen, was eine hügelige Kulisse auf einem Plakat für regionale Werbung in Berlin verloren hat?

 

Quellen:

[1] http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/deutsche11/

[2] http://www.infodienst.de/vita-cola-mit-neuer-imagekampagne

[3] http://www.blogigo.de/thueringen_im_sueden/Seltsame-Marketingstrategie-bei-Norma-Eine-Supermarktkette/157/

[4] http://www.blogigo.de/thueringen_im_sueden/Wenn-der-Wirtschaftlichkeitsgedanke-nichts-mehr-gilt/147/

[5] http://www.hassia.com/impressum/

[6] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vita-cola-reuessiert-auf-der-retrowelle-zum-erfolg-1.901653

[7] http://www.ogilvy.de/#/Footer-Content/Impressum

 

 

 

 

15.05.2011 um 16:53 Uhr

Unterstellungen in der Welt Online – Wenn ein Journalist über seine skurrile Tante schreibt

Es begann schon am 11. September 2001 selbst, Initiator war der frühere Tagesthemensprecher Ulrich Wickert, eine durchaus sehr polarisierende Person, welcher man entweder in gelassener Gleichmütigkeit oder kritischer Ablehnung gegenübersteht. Auf den Autor dieses Blogs trifft letzteres zu. Als Begründung könnte man heranziehen, dass da zum einen sein autoritäres Alphatiergehabe sauer aufstößt, seine Selbstüberschätzung, die eines Journalisten, welcher sich selbst zu einer Institution machen wollte und zum anderen sein grundsätzlich falsches Verständnis für den Beruf des Nachrichtensprechers, welchen er immer auch mit dem eines Kommentators zu verbinden gewusst hat. Nicht seine fehlende Professionalität war somit das entscheidende Problem, sondern das Ausnutzen seiner rhetorischen Fähigkeiten in enger Verbindung mit der ihm anvertrauten medialen Macht. Am Tag der Anschläge nun auf das World Trade Center behauptete Ulrich Wickert in seiner typisch hanseatischen Art, dass sich in bezug auf das Verständnis für diese Tat zwei grundlegende Strömungen in Deutschland finden ließen, welche auf eine „Ost“–„West“–Teilung deute, selbige natürlich zu Lasten derer ging, welche grundsätzlich von den Vorurteilen betroffen waren. Er unterstellte mehreren Millionen Menschen unabhängig von deren persönlichen Positionen am selben Abend Sympathien für Osama bin Laden, was sicherlich auch der Grund dafür ist, dass selbige Tagesthemensendung nirgends im Netz heute verlinkt ist. Tatsächlich wurde bereits danach gesucht, so in einem bekannten Forum:

gutefrage.net

[...]

Gibt es irgendwo den Film mit Ulrich Wickert, die Nachrichten vom 11.September zum Wolrdtradecenter

Frage von ZzZSoSoZzZ 08.04.2009 - 10:10

[...]

Antworten (2)

Hilfreichste Antwort ausgezeichnet vom Fragesteller

von moonrox 08.04.2009 - 10:12

Spätesten am 11.09.2021 auf eins extra: "Die Tagesschau vor 20 Jahren"

Antwort von dirkiemaus 08.04.2009 - 10:12

[Hast Du es, Anm. d. Zt. ] schon mal gegoogelt?

Kommentar von ZzZSoSoZzZ 08.04.2009 - 10:14

Ja, aber ich finde nix. Ich will ja die Nachrichten mit ihm sehen, wo er da sitzt und live hinter ihm plötzlich das Flugzeug einstürzt.

Kommentar von dirkiemaus 08.04.2009 - 10:38

Dann schau mal bei ard.de.

Kommentar von ZzZSoSoZzZ 08.04.2009 - 11:27

Nichts gefunden, kann es sein, dass der Ulrich Wickert nicht wollte, dass dies im Internet zu sehen ist und es deswegen nirgends gezeigt wird? [1]

Es klingt naiv, zu glauben, der Grund sei ein derartig menschlicher. Denn man möge sich selbiges in einer ruhigen Minute einmal überlegen: Ein Showmaster oder besser Journalistendarsteller wolle verhindern, dass Szenen von ihm bei myvideo oder youtube gezeigt werden. Schon Vorstellung ist seltsam. Der Anlass für die Heimlichtuerei scheint mehr oder weniger zu sein, dass man nach 10 Jahren den Schock überwunden und eine solche Nachrichtensendung analytisch betrachten würde. Es fiele auf, dass er ohne erkennbare Skrubel erklärte, die merkwürdigen „Ost“–Deutschen seien der Meinung, dass dies den USA zu recht geschehen wäre, sie seien demnach latente Unterstützer bin Ladens. Würde man diesen Ausschnitt heute im Fernsehen wiederholen, die Menschen würden diese Haltung nicht verstehen. Dies erklärt sich am besten, wenn man sich überlegt, dass man als Bürger damals andere Dinge zu tun hatte, als sich mit den Stilblüten eines Ulrich Wickert von der ARD zu befassen.

Aber nun sind mittlerweile 20 Jahre seit der Reunion vergangen, die Gesellschaft ist gerade auf einem gänzlich anderen Weg. Doch da schreibt nun ein anderer Journalist vom Schlage Wickerts am 11.05.2011 einen Artikel über seine weltverschwörungsgläubigen „Ost“–Deutschen, wieder eine Erfindung, aber er argumentiert zumindest in einer Form etwas glaubwürdig: Er beschreibt seine Tante aus Pankow. Natürlich gilt dies weder generell für alle Menschen aus Pankow noch Berlin oder dessen Umland. Doch lässt die von ihm gewählte Überschrift keinen Zweifel an seiner Denkweise. Nehmen wir also seinen Text, und beleuchten wir einige seiner Aussagen. Michael Rutschky schrieb in der Welt Online:

11. September 2001

11.05.2011

Wie meine Tante aus dem Osten ein Osama-Fan wurde

Nach 9/11 entzweite der "War on Terror" eine deutsch-deutsche Familie. Reflektionen eines altgedienten Achtundsechzigers. Von Michael Rutschky.

Der Autor stellt sich in diesen zwei Zeilen nicht nur als Linker vor, was bezüglich des Themas sein individuelles Recht zur glaubwürdigen Meinungsäußerung bekräftigen soll, er teilt bereits in dieser kurzen Einleitung Deutschland in „früher ost“ und „früher west“, was sich wie ein roter Faden durch seinen gesamten Text ziehen wird:

Es kommt in späteren Jahren doch selten vor, dass man aus politischen Gründen eine Freundschaft, womöglich eine, die schon lange währte, abbricht.

Und nun will er den Leser gleichsam vorbereiten auf das, was kommt. Das Unvermeidliche, es wird vorweg genommen und angedeutet, dass seine Geschichte in Teilen derart komplex erscheinen könnte, dass eine solche Vorwarnung sich aus seiner Perspektive als nötig erweisen werde. Er beginnt somit auch – szenenartig gestaffelt – mit dem ersten Akt:

Sie entstand und hielt sich während der Teilung, in der Mauerzeit. Tante Fritzi, Bibliothekarin, wurde regelmäßig in Pankow besucht, halbe Tage lang, mit Kaffee und Kuchen beginnend, mit üppigen Abendessen schließend, wenn man um Mitternacht nach Westberlin zurückkehren musste, ein typischer Verlauf, den die Kulturgeschichte als eines der gesamtdeutschen Rituale des Alltags beschreiben wird.

Liest man genau, so erkennt der Leser schnell, um welch Geistes Kind es sich hier handelt. Er schreibt weder:

  • der frühere westliche Teil Berlins
  • der damals schon freie Teil der Stadt
  • das frühere „West“–Berlin oder
  • der Stadtteil "xyz"

Einerseits ist die Bezeichnung dieses heute nicht mehr fassbaren Terrains als ein Wort ohne Bindestrich eine Schmähung der Stadt Berlin, zum anderen zeigt sich, dass gerade in einer Zeit der Bindestrichfanatiker ein derartig verwandter Begriff erst zu seiner vollen Geltung kommt. Doch weiter im Text, er schreibt:

Stets gab es viel zu besprechen. Tante Fritzi, kein Mitglied der SED, wusste detailliert vom misslingenden Sozialismus zu erzählen – ein Misslingen, das man ihrer Wohnung und ihren Lebensgewohnheiten nicht anmerkte – und unsereins analysierte ein bisschen an den notorischen Widersprüchen des Kapitalismus herum, dessen gute Gaben, französischer Käse, edler Kaffee, Tante Fritzi eben wieder herzlich erfreut hatten.

Dem Leser wird hier der zweite Akt vorgestellt, seine Tante ist keine Kommunistin, also gerade nicht verblendet und damit den anderen Bewohnern dieser Regionen mit SED–Vergangenheit überlegen, was sicherlich richtig und zufällig auch Konsens in der Gesellschaft ist. Doch auch hier taucht wieder ein Begriff auf, dessen Eindeutigkeit keinen Zweifel am Wesen des Schreiberlings lässt: „unsereins“.

Auch wenn dieser sich damit selbst beschreiben wollte, stellt der Terminus einen Ausdruck im Plural dar. Mag er sich und seine Begleitung zu meinen vorgeben, er verallgemeinert zwangsläufig, zudem klingt dem Wort etwas behäbiges und entspanntes an, beinahe duzt er seinen Leser auf diese Weise, eine sophistische Umarmung, auf die man als kritischer Bürger gern verzichten möchte. Allerdings sagt dieses „unsereins“, welches in seinem Text weiter unten abermals verwendet wird, auch aus, dass er sich als „west“–deutscher Journalist nicht mit der Bundesrepublik, sondern einem Teil Deutschlands verwoben betrachtet, den anderen Bürgern, welche hier nicht einbezogen sein können, seine Biographie entgegen hält.

Tadellos überstand die Freundschaft die Wiedervereinigung. Leidenschaftlich plädierte Tante Fritzi dafür, was uns verwunderte, denn wir hatten sie für eine exemplarische DDR-Bürgerin gehalten.

[...]

Wieder zwei Sätze, deren Inhalt schlicht eine vor Dummheit strotzende Geisteshaltung belegen. Wie sollte auch der politische Umbruch in den Jahren um 1989 / 90 etwas am Zustand einer Freundschaft ändern. Muss man es erwähnen? Und was bitte schön ist eine „exemplarische DDR–Bürgerin“, deren Hoffnungen auf ein Weiterbestehen des Unrechtsstaates gerichtet hätten sein sollen? Aber kommen wir zum dritten Akt:

Tante Fritzi sah im CIA den Schuldigen

Tante Fritzi begann in Westeuropa herumzureisen; Italien zu sehen, war für den ostdeutschen Bildungsbürger Ehrenpflicht, Winckelmann! Goethe! Das Forum Romanum! Und man erfreute sich an ihren Erzählungen über die kleineren und größeren Kulturschocks. Wir kriegen sie hin, im Persönlichen, sagten wir, die Wiedervereinigung.

Aber dann kam 9/11, und die Freundschaft mit Tante Fritzi stürzte ein. Anfangs meinte sie sogar, die CIA habe prominent an der Katastrophe mitgewirkt, und wir staunten, wie leicht die ehemaligen DDR-Bürger Verschwörungstheorien verfallen (während des Sozialismus unterzog Tante Fritzi regelmäßig irgendwelche Politbüroverlautbarungen, aber auch Theaterpremieren und Buchveröffentlichungen einer empfindsamen Tiefenhermeneutik, betreffend die verborgenen Absichten der Partei).

Dann aber begann Tante Fritzi großes Verständnis für Osama bin Laden und al-Qaida zu bekunden. Klar, sie hatten ein Großverbrechen begangen, aber wen drängt es aus welchen Gründen zu solchen Taten? Tante Fritzi mobilisierte ihr DDR-Bildungsbürgertum und traktierte uns mit Auslegungen von Schillers „Wilhelm Tell“: Geht es nicht dort ebenfalls darum, eine Identitätsverletzung zu rächen, die verletzte Identität zu heilen, das Eigene gegen den Zugriff einer fremden Supermacht zu verteidigen?

Sicherlich handelt es sich bei solchen Äußerungen ebenfalls um ignorantes Deppengeschwätz. Aber andererseits ist der Autor – was man auch bedenken sollte – mit dieser hier beschriebenen Frau verwandt. Mag es somit vielleicht genetische Ursachen dafür geben, dass beide Opfer skurriler Gedankengänge wurden?

Wir kochten vor Wut. Nein, Osama ähnele Wilhelm Tell in gar nichts; schließlich sei Letzterer auch kein Afghane; als Bohemien ähnele er eher Andreas Baader – aus welchen Verletzungen der westdeutschen Identität Tante Fritzi denn die RAF und ihre Taten herleiten wolle?

Bin Laden ist als Saudi natürlich kein Europäer, aber nicht jede europäische Legende ist gleich ein Bohemien. Was indes um einiges interessanter ist und hierbei wieder zutage tritt: Wer ist dieses komische und stets aufs neue in seine Erzählung eingeführte „Wir“? Muss der Schreiberling aber nun gleichsam 65 Mio Bürger für sich vereinnahmen, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen? Sein zusätzlich eingeflochtenes Verständnis für die Organisation RAF, welche mit der PLO und dem MfS verwoben eine rein kriminelle Vereinigung gewesen ist, zeigt, inwiefern sein grundsätzlich latent vorhandener Antiamerikanismus mittlerweile einen anderen plakativen Denken, dem eines prinzipiell USA–freundlichen gewichen und eine simple Anschauung eine andere wohl einfach nur ersetzt hat.

[...]

Überhaupt kehrte unsereins in den Neunzigern zu jener Liebe für die USA zurück, die unsere Kindheit und Jugend in den Fünfzigern erfüllt hatte. An ihrem Sieg über Hitlerdeutschland durfte man sich doch ohne Scheu erfreuen (während der Sieg von Stalins SU so viel Blut, Schweiß und Tränen mit sich brachte); die mythische Gestalt des schwarzen GI in tadellos gebügelter Uniform, der strahlend von seinem Panzer herab den deutschen Jungs Hershey Bars und Chewing Gum zuwirft, immer wieder konnten wir diesen Engel der Befreiung gegen die deutschnationale Xenophobie aufrufen, die sich im Osten periodisch regte.

Eine solche Aussage ist schwer zu kommentieren, will man die Contenance nicht verlieren und den Schreiberling der Welt Online persönlich angreifen. Man könnte jedes Wort in diesem Absatz unterstreichen und einer Analyse unterziehen, jedes einzelne. Ein Fazit ist schon an diesem Punkt, dass Michael Rutschky ein Ostwestalgiker der üblen Art ist, ein Glorifizierer der sogenannten „alten“ Länder, ein Zwilling von Uwe Steimle und Oliver Pocher. Und wenn er ein Spalter und Hetzer ist, wie sollte seine Tante dann anders sein, wenn doch selbige mit ihm verwandt ist, somit einige Gene und also auch einige Wesensmerkmale mit ihm teilt?

Die revolutionären Studenten der Sechzigerjahre, sie trugen Jeans und Parkas aus den so genannten Steg-Läden, die amerikanisches Heeresgut verramschten. Und sie hörten den ganzen Tag Rock’n’Roll, den niemand anderer als der amerikanische Soldatensender AFN ausstrahlte.

9/11 traf auf ein gut entwickeltes Heimatgefühl

Nein, bestätigte damals Tante Fritzi, nichts, aber auch gar nichts Vergleichbares hatte die bitterarme Rote Armee der DDR-Jugend zu bieten. Sie jieperte ( → [2] ) bekanntlich hilflos nach den Blue Jeans, die im Westen längst Standardkleidung waren. Und dann Hollywood. Wollte irgendein Kinogeher ernsthaft behaupten, er ziehe Volker Schlöndorff Martin Scorsese oder Bruno Ganz Robert de Niro vor? Und die Literatur. Will irgendein Leser behaupten, Martin Walser biete mehr als John Updike?

Da scheinen mit dem Journalisten aber die Pferde gehörig durchzugehen. Denn wen interessiert die gedankliche Einheit zwischen der Verfilmung der Blechtrommel, der Darstellung des Diktators in einem schlechten Film oder die Frankfurter Rede eines rechtsradikalen Romanciers? Eine solche Aufzählung reduziert die deutsche Kultur nach 1945 auf die sogenannte Vergangenheitsbewältigung und ihre Verirrungen, gleichzeitig ist die USA frei davon, sich ausschließlich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu befassen. Die US–Kultur bleibt somit in seiner Darstellung überlegen. Dass der von ihm erwähnte de Niro nur ein schlechter Lino–Ventura–Verschnitt ist, lasse ich hier einmal unberücksichtigt, genauso wie die Tatsache, dass die USA mit Stanley Kramer oder Billy Wilder fähigere Filmemacher als einen Scorsese für sich verbuchen darf. Die Auswahl des Welt–Journalisten spricht auch hier wieder für sich. Dabei möchte ich keinesfalls darauf hinaus, dass er über die Nennung der zweiten Garde Hollywoods, welcher er der ersten Deutschlands gegenüberstellt, das grundsätzliche Missverhältnis zwischen der Kultur beider Länder zeigen möchte. Das wäre zu einfach. Nein, mein Problem mit einer solchen Argumentation ist, dass seine hysterischen Versuche zu überzeugen, durch diese ausgewählten Vergleiche unglaubwürdig erscheint.

Dazu sollte auf ein weiteres Detail zumindest kurz hingewiesen werden. Er bedient sich in diesem Absatz eines Wortes, dessen Bedeutung sowohl dem Autor dieses Blogs als auch sicherlich vielen Lesern unbekannt ist. Denn während des Lesens bekommt man bereits den Verdacht, es könne sich auch hier um einen rhetorischen Tiefschlag halten. Das wiktionary sagt über dieses den meisten Bürgern ( einschließlich des Autors dieses Blogs ) wohl völlig unbekannte Wort „jiepern“ zunächst nichts, in seiner substantivierten Form indes folgendes:

Jieper (Deutsch)

Substantiv, m

Silbentrennung:

Jie·per, kein Plural

Bedeutungen:

[1] ostmitteldeutsch: das Verlangen, die Gier, der Geifer

Herkunft:

[1] vom niederdeutschen Wort Gieper abgeleitet

Beispiele:

[1]

Abgeleitete Begriffe:

jiepern, jieprich, jieprik [2]

Die Herkunft „ostmitteldeutsch“ ist der Knackpunkt. Damit schafft Rutschky den Spagat zwischen Berlin–Pankow und Bautzen, auch wiederum einer der vielen Untertöne, welche allesamt hier aufzuzählen und einzeln besprechen komplett den Rahmen überspannen würde. Lesen wir also weiter:

9/11 traf also auf ein gut entwickeltes Heimatgefühl für das amerikanische Imperium. Die Entfremdung, die unsereins seit den Fünfzigern nicht nur aufgrund der politischen Morde der Sechziger an den Brüdern Kennedy, Martin Luther King und Malcolm X, sondern auch aufgrund des Vietnamkrieges und der Studentenrevolte – die ja in allen Äußerungsformen ein amerikanischer Import war – die Entfremdung löste sich auf.

[...]

Er beendet nun seine Ausführungen mit dem zwangsläufigen Verweis auf Verschwörungstheoretiker, ohne selbige genauer unter die Lupe zu nehmen. Dann müsste er allerdings auch etwas weiter von seiner „Ost“–„West“–These abrücken, was er möglicherweise aber nicht wollte, fünfter Akt:

Die Sache mit Hitlers Krieg

Tante Fritzi dagegen verfügte längst über die perfekten Tiraden des Antiamerikanismus. Auch der Krieg gegen Hitler hatte bloß der imperialistischen Expansion gedient; Roosevelt und Truman verlängerten Stalins Herrschaft absichtlich, um eine sozialistische Reform der SU zu verhindern. Die USA sind fest in der Hand des Kapitals, das, blind dem Profitinteresse folgend, die Zerstörung der natürlichen Grundlagen des Lebens auf der Erde vorantreibt.

Obwohl die USA daran gar keinen Anteil haben, verfolgt Tante Fritzi mit schwarzer Begeisterung das Unglück von Fukushima und erkennt darin das baldige Ende des amerikanischen Imperiums. [3]

Einige Verschwörungstheoretiker haben sich im Internet bereits diesen Ideen gewidmet. Wahrscheinlich hat sich des Schreiberlings Tante diesen Youtubevideos gegenüber geistig hingegeben und naiv diesen Ideologen geglaubt, was sie dort scheinargumentativ über das Knie brechen.

Der Welt–Journalist ist indes ein Mauerfetischist, ein Westalgiker, er glaubt an die „west“–deutsche Gemeinschaft und wirft seinen individuellen Eindruck anderen Menschen über, er verdrängt, dass seine Tante mit ihm verwandt ist und vielleicht diese Ideologieanfälligkeit genetische Ursachen haben könnte, er mit seiner Tante diese Irrationalität teilt. Schreibt er doch, dass er begeistert war von der RAF und auch Reagan kritisch gegenüber dachte, er war und ist kein freier Geist, genauso wenig wie seine von ihm denunzierte Tante aus dem Berliner Stadtteil Pankow, welche einfach nur anderen Denkirrtümern folgt, psychologisch vertreten beide das selbe Denkschema.

Was die von seiner Tante unterstützten Ideologien betrifft, so haben einige dieser seltsamen Theorien tatsächlich einen für das mauerfetischistische Denken argumentativ verwendbaren rechtsradikalen Bezug, viele dieser Vorstellungen zum 11. September sind aber auch durch sektennahe Leute inspiriert, eine Tatsache, welche die Anhänger unisono leugnen. Hierzu kann aber eine Webseite sehr viel erhellendes zum Verständnis dieser Strukturen liefern, da dort diverse Verbindungen zwischen diesen Protagonisten beleuchtet ( [4] ) werden.

Eine rationale Analyse der Verschwörungstheorien gab es indes weder im Fernsehen noch konnte man darüber in Artikeln der großen Zeitungen etwas nachlesen. Es scheint, als hielte man die Verschwörungstheoretiker für derart selbstentlarvend, dass man darüber nichts neues bzw. erklärendes beitragen müsste. Und dennoch oder gerade deshalb kursieren diese munter im Internet und werden aufgrund von Links und intensiver Mundpropaganda weiterverbreitet.

Und nebenbei bemerkt, kann man auch in bezug auf diese Szene keinen „Ost“–„West“–Unterschied konstatieren, ohne frech zu lügen. Doch genauso wie Ulrich Wickert am 11. September 2001 gelogen hat, lügt auch Michael Rutschky klar und eindeutig, wenn auch letzterer dies von seiner Tante aus einem beliebigen Stadtteil einer bundesdeutschen Metropole auf die Bevölkerung seines „Ost“–Territoriums gedanklich überträgt.

 

Quelle:

[1] http://www.gutefrage.net/frage/gibt-es-irgendwo-den-film-mit-ulrich-wickert-die-nachrichten-vom-11-september-zum-wolrdtradecent

[2] http://de.wiktionary.org/wiki/Jieper

[3] http://www.welt.de/kultur/history/nineeleven/article13364842/Wie-meine-Tante-aus-dem-Osten-ein-Osama-Fan-wurde.html

[4] http://www.politik.de/forum/internet/218419-verschwoerungsseiten.html

 

 

16.04.2011 um 09:16 Uhr

Seltsame Marketingstrategie bei Norma: Eine Supermarktkette macht Werbung für Ostalgie

Es gibt Unternehmen in Deutschland, welche immer noch nicht verstehen möchten, inwieweit sie selbst allein durch ihre Firmenpolitik einen Mauerfetischismus in den Köpfen bewirken, gerade indem man hier auf eine extreme „Ost“–„West“–Haltung orientiert.

Dies gilt auch für Supermarktketten, allen voran natürlich Kaufland, aber auch eine andere weniger bekannte: Norma.

Dort hat man sich eine perfide Werbestrategie für ostalgisch angehauchte Kunden ausgedacht, welche mehr als widersinnig erscheint. Aber eins nach dem andern.

In der Selbstdarstellung der Firmenleitung heißt es zu dem bei Norma verwendeten Slogan „Qualität aus unseren Landen“:

UNTERNEHMEN

NORMA stellt mit seinem Konzept, Auftritt, Sortiment, Erscheinungsbild, Preis, Aktionsartikeln, Qualitätsanspruch und seiner Organisationsstruktur einen der großen deutschen Lebensmittel-Discounter dar.

[...]

Der hohe Stellenwert für Land und Leute beim Lebensmittel-Discounter NORMA zeigt sich in Beispielen wie dem Einlisten von vielen regionalen Artikeln oder wie dem Eingliedern von regionalen Marken aus den neuen Bundesländern in das Sortiment nach der Wiedervereinigung. So entstand die eigene Produktgruppe "Qualität aus unseren Landen" unter der Maxime:

Kenn ich

Mag ich

Kauf ich [1]

Dies ist eindeutig und erklärt zudem anschaulich eine Grundhaltung, Deutschland getrennt nach früher „ost“ und früher „west“ zu definieren. Man könnte sich schon über die Formulierung hinreichend Gedanken dazu machen, was „unsere Landen“ bedeuten soll. Denn wenn es ein „Unser“ gibt, dann gibt es auch ein „Euer“. Und wenn dieses „Wir“ ein historisches Denken umgibt, dann fördert es dieses gleichmit, wenn es der Bürger beim Lesen von Werbebroschüren oder Plakaten liest. Man konditioniert die Kunden mit dieser Botschaft, es gäbe ein ostalgisches Wirgefühl bis in die Unternehmensführung, es sei demnach sogar in marktwirtschaftlich denkenden Hirnen en vogue, weil es einen Markt für ein solches breites Handeln gäbe. Dies ist selbstredend das falsche Signal an die Bürger ohne Ostalgiebezug, weil es ihre innere Haltung unterminiert, ihre Position in Gesprächen schwächt, in welchen sie sich gegen eine solche Betrachtung erwehren.

Und wenn dieses Unternehmen sogar lügt, seine Produkte gar nicht in diesen Regionen hergestellt werden, ist eine solche Argumentation gegen dieses Werbekonzept kaum zu empfehlen:

Aktuelles

15.10.2010 // Qualität aus unseren Landen

Ein großer Lebensmitteldiscounter hatte für ein Waschmittel, das früher in den ostdeutschen Bundesländern hergestellt worden ist, mit dem Hinweis „Qualität aus unseren Landen“ unter gleichzeitiger Abbildung der 5 Landeswappen der ostdeutschen Bundesländer geworben. Das beworbene Waschmittel wird jedoch bereits seit vielen Jahren nicht mehr in den neuen Bundesländern hergestellt, sondern in Düsseldorf.

Durch die hervorgehobene Bewerbung des Produkts mit dem Hinweis auf eine Herstellung in den neuen deutschen Bundesländern versucht Norma, das regionale Publikum anzusprechen und Sympathien für ein angeblich alt eingesessenes Produkt zu wecken. Eine solche Werbung ist jedoch irreführend, wenn das Produkt nicht in der beworbenen Region hergestellt worden ist.

Die Wettbewerbszentrale hat den werbenden Discounter wegen eines Verstoßes gegen §§ 3, 5 UWG unter dem Gesichtspunkt der Irreführung der angesprochenen Verbraucher abgemahnt. Die angeforderte Unterlassungserklärung wurde abgegeben.

S 3 0699/10 gb [2]

Somit ließe sich zwar nicht behaupten, dass der Slogan einen im ostalgischen Sinne zutreffenden Sachverhalt beschreibt, aber ist es doch dieses ostalgische Handeln, welches zu kritisieren bleibt.

Man erkennt außerdem hier in einem vorgeblich nüchternen Artikel eine symptomatische sprachliche Ungenauigkeit. Denn ein Produkt wird nie in mehreren Bundesländern gleichzeitig hergestellt, sondern immer nur an einem Ort. Dieser wird in dem Artikel der Wettbewerbszentrale nicht genannt, sondern der als zu geißelnde Begriff „neue Bundesländer“ benutzt. Selbige werden hier fälschlich auch als eine Region bezeichnet. Eine derartige Schilderung ist damit nicht sachlich, sondern verzerrend. Für eine genaue Beschreibung hätte der ehemalige Ort der Herstellung des Produktes genannt werden müssen, aber genau hierdurch zeigt sich eindrucksvoll, dass das Problem der Ostalgie schon die Barrieren des Amtsdeutsch überwunden hat. Doch zurück zum eigentlichen Thema.

Schaut der geneigte Kunde nun auf die reguläre Webseite von Norma, um sich über die Ausmaße dieser Strategie ein Bild zu machen, wird er erst einmal gar nicht fündig. Und während man den oben genannten Slogan ziemlich gut auf der eigenen Webseite versteckt ( siehe Quelle [3] ), damit dieser nur für Internetnutzer aus den betreffenden Regionen erkennbar wird, gibt man damit in den Filialen z. B. in Thüringen sogar noch an, brüsten sich die Normaianer mit ihrem Ostalgieverständnis auf unterschiedlichen Werbeplakaten, welche den irritierten und verwirrten Kunden nach dem Bezahlen an der Kasse erschrecken.

Man muss schon speziell nach der Seite http://qualitaet-aus-unseren-landen.de/_d_/ suchen, um festzustellen, dass generell jeder Kunde aus den Regionen, welche für Norma zum „Osten“ zählen, für dumm verkauft wird. Doch eines nach dem anderen.

Auf dieser zweiten Webseite von Norma ( welche interessanterweise die Unternehmensbezeichnung selbst nicht im Namen führt ) gibt Norma zunächst nicht über seine Intentionen bezüglich des Slogans Auskunft. Zunächst entdeckt man dort keine Ostalgie, keine mauerfetischistischen Devotionalien.

Auf meiner Suche nach Anhaltspunkten schaute ich also weiter und klickte mich verwundert durch die Angebotspalette des Discounters. Hier wurde ich aufgefordert, meine Postleitzahl einzugeben. Verrückterweise schien Norma bereits zu wissen, auf welche Filiale sich mein Ärger bezog, obwohl ich diese dem System niemals mitgeteilt hatte.

Ich betrachtete also die Produktauswahl und scrollte den Bildschirm nach unten. Irgendwann tauchten sie dann auf, die ostalgischen Werbetexte. Tatsächlich findet sich unter den Angeboten ab 18.04.2011 eine kleine Rubrik welche mit dem Ostalgie–Logo der Normaianer versehen wurde:

schamlose Ostalgiewerbung bei Norma[4]

Doch ob der exponierten Stellung des Terminus selbst in der URL und einer gegenüber der offensiven Werbung mit selbigen in Thüringer Filialen sehr geringen Dichte innerhalb der Internetpräsenz kamen bei mir Zweifel auf, ob und wenn ja wie man diese Strategie beispielsweise in Hessen oder Bayern in das hauseigene Verkaufskonzept einbinden würde.

Also beschloss ich, eine andere Hausfiliale anzugeben, was bekanntlich über die Angabe einer Postleitzahl möglich ist. Ich entschied mich zunächst für eine beliebige mit einer Sechs beginnenden. In gespannter Erwartung auf eine zufällig ausgewählte Stadt im Hessischen wurde ich wiederum überrascht, als mir das Programm plötzlich eine Filiale in Ahrensfelde zuwies.

Seltsam, konnte es sein, dass dieses Programm meinen Computer orten konnte und vielleicht vermutete, dass ich die Eins zu Anfang vergaß und einfach die letzte Ziffer aus seiner Berechnung herausstrich? Ich ließ mich nicht irritieren, gab die korrekte Postleitzahl von Nürnberg ein und erhielt das erwartete Ergebnis: In Franken verzichtet das Unternehmen selbstredend auf sämtliche Ostalgie und der Slogan „Qualität aus unseren Landen“ taucht nicht in bezug auf diese sogenannten „neuen Bundesländer“ auf, sondern bewirbt plötzlich allgemein deutsche Produkte. In Nürnberg wird also derselbe Slogan auf die Bundesrepublik als solche bezogen und nicht für spezielle Regionen verwendet, während man den Thüringern gegenüber anderes behauptet.

Es besteht somit eine deutliche Diskrepanz zwischen der Werbung in Franken und in Thüringen, wohlbemerkt mit ein und demselben Spruch. Vergleicht man die Unterseiten, auf welche man durch das Variieren der Postleitzahl gelangt, stellt man fest, dass die verweisende URL und auch die im Quelltext verwendeten Domains identisch sind. Man unterscheidet die angebotene Produktpalette nach Postleitzahl und vermittelt damit dem Leser den Eindruck und auch die Sicherheit, bundesweit werde immer die gleiche Seite aufgerufen.

Das ist klassischer Betrug, geistiger, aber dennoch Betrug. Der Werbespruch hat zwei komplett andere Bedeutungen, welche sich dem Bürger nicht schlüssig erklärt, er wird gewissermaßen hinters Licht geführt, indem auf bundesrepublikanischem Territorium zwei unterschiedliche Lesarten des selben Slogans etabliert und nebeneinander geprägt worden sind.

Es ist selbstverständlich klar, dass auf fränkische Bürger keine Werbung zugeschnitten sein kann, welche sich in mitleidheischender Weise einer ostalgischen Komponente bedienen muss, um für bestimmte Lebensmittel überhaupt eine Nachfrage zu erschaffen. Man wird hier auf kaum Gegenliebe stoßen und verkauft diese Produkte lieber da, wo sie ( angeblich, siehe Quelle [2] ) hergestellt worden sind.

Allerdings entsteht so auch nebenbei ein innerdeutscher Binnenmarkt, eine regionale Insel, ein in sich geschlossener Kreislauf, welcher sich an den Grenzen vor 1989 fest orientiert. Genau dies ist Mauerfetischismus in reinster Form und verwerflicher als jede krude Werbestrategie.

Wenn man Ostalgiepartys und Ostalgiemessen geißelt, darf man aber gerade hier nicht anfangen, ein geheucheltes Verständnis für ein bundesweit agierendes Unternehmen zu zeigen, welches gerade durch seine Firmenagenda eine dringend erforderliche Normalisierung verhindert. Wer Lebensmittel mit dem Stempel „Ost“ problematisiert, macht diese auch für Käufer in anderen Regionen unattraktiver, weil sie schließlich nur über dieses Merkmal verkauft werden können, so der logische Schluss eines rational denkenden Bürgers. In jedem Falle werden diese Produkte zu Nischenerzeugnissen und diese damit in ihrem Wert geschmälert. Man verbeugt sich des weiteren vor dem ostalgiebesessenen Vergangenheitsglorifizierer und lacht ihn doch gleichsam wiederum aus, inwieweit man sich hierbei eines Tricks bedient, verrät man der Öffentlichkeit nicht. Man lügt sogar, wie es in der öffentlichen Bekanntmachung heißt:

„[...] regionalen Marken aus den neuen Bundesländern in das Sortiment nach der Wiedervereinigung. So entstand die eigene Produktgruppe "Qualität aus unseren Landen" [...]“ [1]

Ob diese Formel erst danach auf Deutschland in seiner Gesamtheit bezogen wurde, lässt der Autor in dieser Aussage offen. Was kann der Bürger aber nun mit diesem Wissen anfangen, dass er einerseits in Thüringen ausschließlich als Ostalgiker und nicht als Mensch und Bürger, als Kunde unter 82 Millionen und freies Individuum behandelt wird, aber gleichzeitig in Bayern mit einem Werbespruch geködert wird, dessen Inhalt eigentlich ostalgisch und damit nicht adäquat für bayrische Produkte gelten kann?

Vielleicht wäre ein Boykott ein notwendiges Mittel, auch wenn die unbelehrbaren Ostalgiker im Anhaltinischen und zwischen Prignitz und Lausitz dem nicht nachkommen. Hier sollten alle Ostalgiekritiker bundesweit überlegen, ob es nicht sinnvoller wäre, schon beim nächsten Einkauf zu Penny, Lidl, Netto oder Edeka zu wechseln.

 

Quellen:

[1] http://norma-online.de/_d_/_unternehmen_/

[2] http://www.wettbewerbszentrale.de/de/home/_news/?id=1006

[3] http://qualitaet-aus-unseren-landen.de/_d_/

[4] http://qualitaet-aus-unseren-landen.de/_d_/_angebote_/_ab-montag,-18.04._/

 

 

13.12.2010 um 18:36 Uhr

Comedy und Fussball - zwei Spielwiesen der Mauerfetischisten

Es bleibt meiner Meinung nach unverantwortlich einzuschätzen, dass manche Leute in Deutschland ihre Mitmenschen alltäglich durch Begriffe beleidigen, deren Bedeutung von der gelebten Wirklichkeit längst definiert ist, aber durch die Medien und Bevölkerungsteile immer noch geschönt dargestellt werden. Die Verwendung des W–Wortes und des O–Wortes hat zwar durchaus erkennbar abgenommen, bleibt aber auch weiterhin ein unerträglich schauderhaftes Ärgernis. Dabei sollte es doch eigentlich allen Menschen klar sein, dass sich niemand damit einen Gefallen tut.

Während man Menschen mit dem W–Wort beleidigend, als stumpfe, eingebildete und arrogante Mundwerker [1] bezeichnet, unterstellt man den durch das O–Wort diskreditierten Einfältigkeit und Unflexibilität im Denken, auch dass ihnen Etikette und Anstand unbekannt seien.

Beides sind Unterstellungen im herabwürdigenden Sinn, keine Tugend, welche das implizierte aufzuwiegen imstande wäre. Dabei gibt es durchaus clevere, wohlerzogene und gebildete Menschen in Deutschland, also im Umkehrschluss Menschen, denen man solche Wörter nicht nachsagen dürfte. Dazu muss man entweder die beiden als Schimpfwörter etablierten Terminini redefinieren oder diese als verleumderische Begriffe, welche in verleumderischer Absicht ausgesprochen werden, geißeln. Da diese aber nicht nur als Schimpfwörter, sondern auch als Definitionen von Klischees und zur sozialen Teilung genutzt werden, kann die einzige Folgerung nur der komplette gesellschaftliche Verzicht sein.

Manch einer wird sich vielleicht selbst zu einem der beiden Termini bekennen, aber dies tut einer solchen Einschätzung keinen Abbruch, sondern zeigt nur, dass es in Teilen der Bevölkerung eine antisoziale Abschottungstendenz gibt, welche es zu therapieren gilt. Da aber die Psychotherapie geradewegs in die Arme der NLPisten zu laufen scheint, ist auch hier Vorsicht geboten, aber einige Mauerfetischisten gehören definitiv auf die Couch, solange diese nicht im Arbeitszimmer eines Coachs steht. Man sollte dieses Phänomen psychologischer Art durchaus näher beleuchten und erkennen wollen, warum sich Menschen allen Ernstes zu einer Randgruppe selbst erniedrigen und ob es als eine Konsequenz aus dem eigenen Beleidigtsein oder einer tieferen Sehnsucht nach kollektivistischer Vereinfachung betrachtet werden sollte oder einer Degenerierung der eigenen Empathie geschuldet ist.

Aber das große Problem mit den durchaus im Medienbereich und auch im normalen Alltag sehr aktiv klischeebesessenen Zeitgenossen und deren Anhängern ist aber vor allem ihre Unfähigkeit, sich von den Denkarten des Kalten Krieges zu lösen, für immer und vollständig, ehrlich und offen zu sein für eine neue Sichtweise, sich jedem Menschen individuell gegenüber zu verhalten.

So gibt es natürlich einige Gemeinsamkeiten zwischen all diesen Vergangenheitsglorifizierern, ob sie nun beispielsweise Fans von Ingo Appelt sind oder dem Fußballclub Energie Cottbus. Beide entwürdigen Menschen einzig auf Grund deren Geburtsortes. Als der Comedystar Ingo Appelt auf RTL am 11.12.2010 Menschen im Wiederholungsfall offensiv mit dem O–Wort beleidigte und erklärte, es gäbe eine Parallele zwischen diesen und Frauen im allgemeinen, kamen Buhrufe aus dem Publikum, ein sicheres Zeichen der gemeinschaftlichen Verachtung durch das Publikum gegenüber Menschen, welche von dem Typ auf der Bühne als übellaunige und charakterschwache, unzivilisierte und einfältige Personen beschrieben worden waren. [2]

Ein solches Publikum besteht im wesentlichen wohl aus zynischen Yuppies ohne verpflichtende Moral, welche ihre fehlende Persönlichkeit mit Klischeeversatzstücken zu kaschieren versuchen. In Anbetracht dessen, erscheint das Treiben auf dem Fußballplatz zunächst kaum vergleichbar, dort sollte es anders zugehen, ist man eigentlich bodenständig, so sollte man annehmen dürfen.

Wie weit gefehlt eine derartige Einschätzung ist, soll nun erläutert werden, geht hier doch die Spaltung genauso tief, die durch das archaische Handeln konditionierte Masse verbleibt wie schon bei Comedyabenden in einem gemeinschaftlichen künstlichen Geisteszustand voller gespannter Erwartung. Während das Publikum bei Comedyveranstaltungen sich nun durch Sticheleien befriedigt, findet eine vergleichbare Stimulation beim Fußballfan durch hier zelebrierte rauhe, fast schon steinzeitliche Riten statt, deren konditionierende psychologische Folgen vor allem in einer Verschiebung der persönlichen Wahrnehmung bestehen, eine beständige, welche sich auch fern des allwöchentlichen Gebanntseins auswirken kann. Ob jemand eine stichelnd–hetzende Person auf einer Bühne oder das Verhalten von Sportlern auf einem Platz beobachtet, ist eine absolut unwichtige Nuance hierbei, die offenbare Verschiedenheit beider Ereignisse täuscht den an beiden Vorgängen desinteressierten nicht über deren Wirkungen. Denn beide Gruppen unterschiedlicher Massen sind der Präsentation ausgeliefert, passiv schauen sie den Aktionen zu, die sie zu hofieren haben und leicht kommentieren können, nur beiläufig, durch Zwischenrufe und Applaus.

Zum Vergleich: Wer mit einem Freund beispielsweise eine Partie Tischtennis spielt, ist sich seiner eigenen Beschränktheit über seine Chancen und Fehler bewusst, wer einen Witz erzählt, bekommt dessen Wirkung in seinem Umfeld sofort quittiert. Aber hier sind es andere, deren Handlungen von einer Menge gleichzeitig beurteilt werden, was zu einer ständigen Erinnerung aller Zuschauer an die gemeinschaftliche Erwartungshaltung führt, einem Appell an die eigene Urteilskraft, nicht zu streng mit den agierenden zu sein. Dadurch wird der Comedystar erst zu seiner Bedeutung erhoben und zu einem Star stilisiert.

Beim Fußball ist dies nun doch etwas anders. Hier gibt es das alte Prinzip der Römischen Kaiser, Daumen hoch und runter. Es besteht eine gemeinschaftliche Angst vor dem Versagen, eine lächerliche, da man selbst weder gewinnt, noch verliert, sondern nur eine Mannschaft, deren Mitglieder wechseln, wie die Trainer und Manager, die Sponsoren und die Stadien. Nur der Name und von Nostalgikern zugeschriebene Verniedlichungen bleiben über Jahrzehnte erhalten. Trotzdem verbleibt man in der gleichen Publikumsperspektive.

Und selbstverständlich ist es schon erstaunlich realitätsfern, wie sich Fußballfans im allgemeinen verhalten. So haben sie in der Regel wenig Geld und geben dieses dann für teure Eintrittskarten aus, um anschließend in einem unterkühlten Stadion versehen mit teuren Fanschals und weiteren lächerlich anmutenden Accessoires, auf denen der Name ihres Lieblingsvereins oder eines momentan engagierten Sportlers gestickt ist, Personen zuzuschauen, die mit ihren Füßen auf einen Ball eintreten. Der Zufall und der vielleicht gerade von einem renommierten Wettbüro bestochene Spieler oder Schiedsrichter bestimmen den Ausgang. Danach lamentieren die abgehetzten Sportler vor Fernsehkameras in gecoachtem Deutsch über ihre hochbezahlte neunzigminütige Körperertüchtigung, als sei bei so vielen Unsicherheitsfaktoren während des Fußballspiels überhaupt an so etwas wie eine Analyse zu denken, der Zuschauer darf sich nun ärgern oder ergötzen. Eine Identifikation mit den Protagonisten ist zumindest grenzwertig, man selbst saß schließlich nur in der Kneipe oder stand unter vielen anderen zusammen irgendwo grölend an Rand der „Arena“.

Der Zuschauer bei einer Comedyshow verhält sich ähnlich. Er ist genauso ein Zaungast, während sein Held auf der Bühne Randgruppen und solche anfährt, die er dafür halten möchte und damit vorgibt, wie das Publikum zu denken hat. Es quittiert den giftigen Spott mit Applaus, einer beginnt, andere machen mit. Der möglicherweise auffälligste Unterschied zum Balltretsport ist, dass der Verlierer in dieser Form der Massenbegeisterung schon feststeht. Man hat zwar zu Anfang keine Ahnung, wen es dieses Mal treffen wird, weil auch niemand vis–á–vis dem Spötter gegenübersteht, aber dieses macht schließlich auch wohl gerade den Hauptreiz der Stand–up–Comedy aus, die Frage, wer heute rhetorisch verprügelt wird.

Ob aber der Holzhammer in den Waden oder der Stimme liegt, bleibt für den Beobachter beider Szenarien unwesentlich, gibt es doch auch Verbindungen zwischen beiden Formen der Zerstreuung wie das Konstrukt Nachgetreten [3], eine Comedyfußballshow, welche das ZDF bei Fußballweltmeisterschaften zeigt.

Um es nun konkret auf den Punkt zu bringen, kann man den Bogen spannen zwischen den Buhrufen des Publikums eines Ingo Appelt, welches die Gleichsetzung von Menschen, die mit dem O–Wort beleidigt wurden und Frauen im ganz allgemeinen Sinn nicht tolerieren wollte ( schließlich fühlten sich die Frauen in ihren Sesseln persönlich angegriffen, was hinsichtlich des reinen Schimpfwortcharakters ein unwiderstehliches Indiz für dessen Wirkung auf spöttisch–zynische Gemüter und damit die prinzipielle Bedeutung des O–Wortes ist ) und den Angriffen auf einen Fußballtrainer im brandenburgischen Cottbus, welcher seinerseits mit dem W–Wort beleidigt wurde, was zusätzlich noch mit dem weniger scharfen „Arschloch“ ergänzt, unmissverständlich den Gefühlswert des W–Wortes dokumentieren sollte.

Welt Online schreibt hierzu folgendes:

2. Fussball-Bundesliga

11.12.2010

Cottbus-Fans nennen Wollitz "W*-Arschloch"

Claus-Dieter Wollitz beklagt sich über die Fans von Energie Cottbus, die ihn auf der Straße unter der Gürtellinie beschimpfen.

Trainer Claus-Dieter Wollitz hat das Verhalten von Teilen der eigenen Fans beklagt und seine Zukunft beim Fußball-Zweitligisten Energie Cottbus infrage gestellt. „Ich denke, ich habe dem Verein und der Region sehr viel gegeben. Trotzdem muss ich mich hier beschimpfen lassen: als W*-Arschloch“, sagte Wollitz im Interview mit der "Berliner Zeitung": „Das geht teilweise unter die Gürtellinie, was ich auf der Straße zu hören bekomme.“

Er erhalte zwar auch viel Zuspruch für seine Arbeit, doch „es gibt Diskussionen im Umfeld, die mich ernsthaft nachdenken lassen: Macht es Sinn, weiterzumachen?“, sagte Wollitz.

Viele Fans sind wütend, weil sich Wollitz für einen Verkauf der Namensrechte am Stadion der Freundschaft ausgesprochen hat. „Einige glauben, ich will dem FC Energie seine ostdeutsche Seele rauben und einen Luxus-Verein daraus machen“, sagte Wollitz: „Aber ich möchte die Strukturen hier weiter professionalisieren, damit wir dauerhaft im Profifußball überleben können.“ Mit dem Geld aus dem Namenssponsoring solle nicht die Mannschaft verstärkt, sondern die Geschäftsstelle ausgebaut werden, erklärte Wollitz.

[...]

Der Vertrag des Trainers läuft am Saisonende aus. Ein neues von Präsident Ulrich Lepsch vorgelegtes Vertragsangebot hat „Pele“ Wollitz noch nicht unterschrieben. „Ich brauche mehr Zeit zum Überlegen. Wir reden im Januar wieder“, sagte Wollitz. Der Coach war im Sommer 2009 von Ligakonkurrent VfL Osnabrück zu den Lausitzern gewechselt.

Seit seiner Amtsübernahme krempelte der frühere Bundesligaprofi die Mannschaft komplett um und sorgte für einen Imagewechsel bei Energie. Statt auf Legionäre aus Osteuropa setzt der Klub nun vorwiegend auf junge deutsche Talente.

sid/jr [4]

 

Dieser Artikel belegt, dass Personen mit Mauerfetisch eine einfältig–abschätzige Meinung über Menschen gewonnen haben, deren Geburtsort von dem eigenen historisch leicht abweicht, vorsichtig formuliert.

Ihr Anspruch an ein gesellschaftliches Basisgefühl wird von ihren Ost–West–Obsessionen dominiert, diese korrespondieren mit der Begeisterung anderer für einen simplen Sport, welchen selbige dann "die schönste Nebensache der Welt" nennen. Das Gemeinschaftsgefühl dort ist also zweifellos vergleichbar zu dem im obigen Beispiel erwähnten, welches die Zuschauer des Ingo Appelt bei dessen Shows empfinden mögen.

Da es aber auch genug Menschen ohne jeglichen Bezug zu dieser Perspektive gibt, darf man keinesfalls von einer spalterische Grundstimmung in der Bevölkerung ausgehen, indes sollte sich jeder deutlicher gegen sämtliche destruktive Mauerfetischisten offen bekennen, um hier medialen Fehlschlüssen offensiv zuvorzukommen. Den Fernseher kann man übrigens auch gern auslassen, und Fußball wird schließlich sowieso überbewertet.

 

Quellen:

[1] http://www.gavagai.de/zitat/politik/HHC95.htm

bezugnehmend auf ein Zitat von Horst Seehofer, Bayrischer Ministerpräsident ( CSU ):

"Weg vom Mundwerker, hin zum Handwerker"
Seehofer plädierte beim Neujahrsempfang der CSA in Rosenheim für mehr Taten als Lippenbekenntnisse bei den Politikern. OVB, 30.1.2006, S. 9 Damit versetzte er vielen CSU–Politikern (und vielen anderen Politikern) einen herben Hieb.

[2] http://www.tvmovie.de/Willkommen-bei-Mario-Barth.84.0.html?&detail=15992616

[3] http://zdf-nachgetreten.podspot.de/rss

[4] http://www.welt.de/sport/fussball/article11551334/Cottbus-Fans-nennen-Wollitz-W*-Arschloch.html

 

* Statt der Verwendung des W–Wortes wird dieses hier nur verkürzt durch den Buchstaben „W“ wiedergegeben, da es nach Einschätzung des Autors eine Verletzung der Menschwürde und eine für zivilisierte Menschen unerträgliche Zumutung darstellt, selbiges in der vollen Länge ertragen zu müssen.

 

05.12.2010 um 21:28 Uhr

Wenn der Wirtschaftlichkeitsgedanke nichts mehr gilt

Wenn ein Unternehmen Gewinn machen möchte, sollte es sich des Marktes bewusst werden, auf welchem sich für seine Dienstleistungen oder Produkte Absatzmöglichkeiten vorhanden sind. Eine ganz einfache Überlegung ist dies, oder irre ich mich vielleicht hinsichtlich mancher Branchen, in denen eine regionale Nischenvermarktung sinnvoll sein wollte? Von "Wollen" sollte man dabei in der Tat reden, denn von "Müssen" kann nicht die Rede sein.

Am vergangenen Wochenende fand zum x–ten Mal eine Veranstaltung statt, an deren Existenz und Verbreitung im Netz niemand interessiert sein kann. An dieser Stelle soll es also um eine Nachbetrachtung gehen, weshalb sich Unternehmen an einer Messe beteiligen, welche sich ausschließlich auf die Vermarktung von Dienstleistungen und Produkten versteift, welche am dem Territorium von sechs Bundesländern angeboten werden.

Um welche sechs Bundesländer es sich handelt, darf man sich gern denken, besonders wenn man sich den infamen Namen dieser rein ostalgischen Messe zu Gemüte führt: Ostpro. Das „Pro“ steht natürlich für zweierlei, zum einen „die Produkte“ und zum anderen schlicht für eine wohlwollende Zustimmung, ein „Ja“. Es ist dabei schon erstaunlich, dass diese „Ja-so-toll-war-die-DDR-Messe“ in der Landeshauptstadt des süddeutschen Freistaates Thüringen platziert wurde, wie ein Fähnchen auf einer Militärkarte, nach dem Motto: „Hier sind wir auch!“ Unternommen werden diese Messen übrigens aus dem Hauptquartier der SCOT–Messen im brandenburgischen Hönow, wo man noch genau zwischen Freund und Klassenfeind zu unterscheiden weiß.

Warum sie uns Thüringer in ihre Planungen einbeziehen, dürfte auch klar sein. Es sind alte Gebietsansprüche aus einer Zeit vor zwanzig Jahren. Wo man  die PD§ED–Linkspartei in eine Koalition mit der SPD hineindrängt, sitzt ein Unternehmen, welches die Rückbesinnung auf alte Untugenden fördern will.

Wie soll man als Thüringer nun darauf am besten reagieren? Ignorieren wäre ein gutes Mittel, aber leider hilft es nichts gegen ostalgische Schreihälse, die einem zu jeder unpassenden Gelegenheit mit ihrem erzkommunistischen Unsinn die Laune verderben wollen. Zudem werben thüringische Zeitungen – mit übrigens ein und demselben Text eines Bernd Jentsch, versehen mit ein und demselben Foto – für diese Messe, die in Thüringen keiner nötig hat:

Ostpro am ersten Dezember-Wochenende in Erfurt

Am ersten Dezemberwochenende ist es wieder so weit: Die Messe Ostpro lockt nach Erfurt. Bereits zum neunten Mal werden dann traditionelle Erzeugnisse aus den neuen Bundesländern angeboten.

Allein schon dieser erste Satz liest sich wie aus dem Neuen Deutschland und nicht der SPD–Gazette Thüringer Allgemeine ( gehört zur WAZ – Gruppe ).  Wen genau lockt man hier? Man lockt allgemein, so möchte der Autor des zitierten Artikels seine Ausführungen wohl verstanden wissen. Dennoch: Hätte er ehrlicherweise nicht das Klientel direkt ansprechen sollen? Ist doch sein gesamter Text nicht anderes als eine persönliche Ansprache an dieses, welches sich konkret als Ostalgiker und Mauerfetischisten beschreiben lässt. Zudem klingt mit dem vielversprechenden Füllwort „bereits“ schon eine kommende Tradition an, diese sich möglicherseise nach seinem Dafürhalten sukzessive in den Köpfen der Thüringer verfestigen soll. Was für „Erzeugnisse“ dort nun wirklich feil geboten wurden, notiert der Autor vorsichtshalber weiter unten. Zunächst geht es mit der Lobhudelei gegenüber der Ostalgiementalität unverhohlen weiter:

Erfurt. Viele Thüringer haben die Ostprodukteschau Ostpro fest im Terminkalender vermerkt. Alljährlich lockt die Messe wenige Tage vor dem Weihnachtsfest auf das Erfurter Ausstellungsgelände in der Gothaer Straße. Am ersten Dezember-Wochenende ist es nun wieder so weit, kündigt Ramona Oteiza an. Die Chefin der Berliner Firma Scot-Messen & Marketing hatte 1991 die Idee, eine Verkaufsschau für Ostprodukte aus der Taufe zu heben. In den Jahren hat sich diese Messe an mehreren Standorten, darunter Erfurt, als Forum für Unternehmen aus den neuen Bundesländern etablieren können.

Wieder klingt es beim ersten Lesen schon etwas merkwürdig nach schonungsloser Übertreibung. Wieviele Thüringer sind „viele“? Eine Zahl sucht man hier vergebens. Und wer ist selbige Ramona Oteiza, die 1991 schon genug Geld hatte, um eine eigene Firma zu gründen? Woher hatte sie dieses? Und warum bleibt sie mit ihrer „regionalen Idee“ nicht wenigstens im Brandenburgischen? Über eine ihrer früheren Messen gibt es aufschlussreiches im Netz ( ein kurzer Exkurs ):

MESSE: Feste und geistige Nahrung

20 000 Besucher bei Ostprodukte-Messe

POTSDAM / BABELSBERG - Mit rund 20 000 Besuchern in der Metropolis-Halle ist auch die zweite Auflage der Ostprodukte-Messe „Ostpro“ gelungen.

[...]

Wann es eine dritte „Ostpro“ an der Großbeerenstraße geben wird, ist noch unklar. Ramona Oteiza wünscht sich dafür „wegen des Weihnachtsgeschäfts“ zwar einen Monat im Herbst, sie habe jedoch noch keinen Termin erhalten, sagt sie – angesichts des bis Jahresende durchgeplanten Messe-Kalenders der Messe Potsdam GmbH verwunderlich. Erst vor vier Wochen habe Ramona Oteiza die Zusage für die zweite „Ostpro“ für die halbe Metropolis-Halle bekommen. Den Bau komplett zu mieten, sei ihr nicht möglich: „Potsdam ist extrem teuer.“ Derweil schwelgten die Kunden in einer üppigen Auswahl populärer Ostprodukte. Der Linke-Stadtverordnete Rolf Kutzmutz ließ sich am Sonnabend in die fünf vollen Tüten blicken. Backmischungen von Werner’s, Kaffee von Rondo und Eierlikör aus Altenburg gehörten zum Einkauf. Kutzmutz freute sich, dass es außer fester auch geistige Nahrung gab. „Der kleine Buchladen“ war mit linker Lektüre vertreten. [...] (Von Ricarda Nowak) [1]

Zugegeben: Man sollte die zwanzigtausend Besucher sicherlich nicht verprellen, indem man ihre Zahl herunterspielt. Vielleicht war auch dies das Anliegen des Journalisten von der Thüringer Allgemeinen. Wahrscheinlicher aber ist dennoch, dass es den Ostalgikern peinlich ist, wenn nur ein paar Ewiggestrige solche Ostalgietupperpartys besuchen und ihre verdrehten Erinnerungen mit „geistiger Nahrung“ verpflegen. Schon die Überschrift spricht bereits für ein ganz spezielles Stolzbewusstsein, welches schon lange vor 1990 vielen Menschen fremd war, obwohl sie die Diktatur ertragen mussten, was die Journalistin Frau Ricarda Nowak aber nicht von ihrer dreisten Schilderung abhält. Im Gegenteil, eine Momentaufnahme, in der bei dieser Veranstaltung auch noch der Verordnete der kommunistischen Partei vorbeischaut, ist zwangsläufig für die kommentierende auch noch eine Meldung wert. Man sieht, Hinterwäldler unter sich.

Doch zurück zum Artikel der Thüringer Allgemeinen. Im schmalzigen DDR–Ton faselt Bernd Jentsch nun weiter:

Viele bekannte und beliebte Spezialitäten von Unternehmen zwischen Ostsee und Erzgebirge würden angeboten, so Ramona Oteiza. Wie in allen Jahren zuvor, können die Besucher auf der Messe nicht nur schauen und kosten, sondern direkt einkaufen. Die prall gefüllten Taschen und Tüten der Messebesucher in den Vorjahren lassen darauf schließen, dass die Thüringer dieses Angebot durchaus nutzen.

Ist so etwas nicht generell üblich? Man stelle sich eine Buchmesse vor, auf der man keine Bücher kaufen darf. Und der letzte Satz ist wieder so ein Schmankerl: Wenn fünf Leute alles mitnehmen, was sie bekommen können, lässt dies eigentlich keine Schlüsse auf "die" Thüringer zu, denn sind doch "die" Thüringer nicht mit den wenigen Besuchern dieser reaktionären Pseudomesse ( besser wäre der Ausdruck Ramschmuseum ) einfach gleichzusetzen. Aber lesen wir weiter:

Dabei ist Mecklenburg-Vorpommern auf der Messe natürlich mit Fisch vertreten, der bereits vor dem Eingang der Messehallen frisch geräuchert wird, Aber auch mit Kartoffel- und Käsespezialitäten warten Firmen aus dem nördlichsten neuen Bundesland auf und mit Gartenmöbeln.

Da fragt sich der Leser doch, was das zentralste mittelalte Bundesland ist und was die Gartenmöbel am Schluss des Satzes mit dem Fisch zu tun haben. Oder er stellt sich schlicht die Frage, auf welche Schule der Autor des Artikels gegangen sein mag. So gänzlich unclever kann er jedenfalls dann doch wieder nicht sein, da er immer noch mit keinem Wort die Besucherzahlen erwähnt hat.

Bei den Offerten aus den Regionen Berlin und Brandenburg dürfen natürlich Spreewaldgurken nicht fehlen. Daneben bringen die Firmen auch Kosmetik, Haushaltswaren, die Märchenfilme der DEFA, sowie T-Shirts und Weihnachts- oder Kirschbier mit.

Und genauso geht es weiter: Eine abenteuerliche Aufzählung von ostalgischem Krimskrams, die sich in seltsamen Details verliert.

[...]

Passend zur bevorstehenden Weihnachtszeit sind natürlich auch die Spielzeughersteller in der Messehalle vertreten. Die aus dem Fernsehen bekannten Plüschtiere wie Pittiplatsch erfreuen sich vieler Fans.

Wenn es diverse dieser „bekannten Plüschtiere“ gäbe, warum zählt er dann hier nur ein einziges auf, und wieviele sind wiederum „viele“ Fans?

Weitere Messeofferten kommen laut Ramona Oteiza aus den osteuropäischen Nachbarländern. So sei etwa Tschechien mit böhmischen Spezialitäten wie den Oblaten, Süßwaren und Becherovka, aber auch mit beliebten Marionetten in Erfurt präsent. Aus Russland können die Thüringer Pralinen, Matrijoschka-Puppen oder Eis erwerben. Wurst- und Käsespezialitäten bringen Unternehmen aus Polen mit zur Messe, einige haben aber auch Unterwäsche im Gepäck, kündigten die Veranstalter an.

Also endlich mal „Butter bei die Fische“, wie man im nördlichsten nördlichen Bundesland und auch den anderen nördlichen Bundesländern sagt. Oben erklärte der Journalist Bernd Jentsch dem unbedarft geglaubten Leser noch, dass es sich hier um deutsche Produkte handelte, aber nun schleichen sich russische, polnische und tschechische ein. Nun, dagegen wäre nichts zu sagen, wenn sich auch italienische, französische oder spanische darunter befänden. Aber hier haben die Organisatoren wohl eine Aversion. Nun, da versucht man doch lieber die nächsten Generationen mit Matroschkas zu bestechen, welche der Autor in seinem Übermut durch kreative Orthographie hervorstechen lässt. Bei wikipedia.de heißt es über selbige:

Matrjoschka (russ. Матрёшка, im Deutschen auch Matroschka, engl. Transkription Matryoshka) sind aus Holz gefertigte und bunt bemalte, ineinander schachtelbare, eiförmige russische Puppen mit Talisman-Charakter.

Überblick

Die aus Lindenholz geschnitzten Puppen, die sich als Spielzeug wie als Souvenir großer Beliebtheit erfreuen, gehen auf die japanische Fukurokuju-Puppen zurück, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Russland eingeführt wurden. [...] [2]

Die Messe ist am Wochenende 4./5. Dezember jeweils von 10.00 bis 17.00 Uhr geöffnet, so der Veranstalter. Der Eintrittspreis beträgt zwei Euro, Kinder unter zehn Jahren haben allerdings freien Eintritt. Die Modenschau aus Apolda ist täglich um 14.00 Uhr zu erleben.

Bernd Jentsch / 24.11.10 / TA [3]

Wer nur zwei Euro für einen Messeaufenthalt einfordert, kann von seinem Projekt nicht komplett überzeugt sein, Kinder unter zehn Jahre ohne Eintritt auf das Gelände zu lassen, spricht für die eingedachte pädagogische Wirkung. Ob diese Messe eine solche entfalten kann, angesichts der fehlenden Ideologieschulung oder besser der zugänglichen Möglichkeiten des Internet und freien Presse, mag man nicht einscheiden können und dennoch, die Mission der Ramona Oteiza scheint unter den Mauerfetischjournalisten in Thüringen nur Sympathisanten zu finden, keine einzige kritische Stimme aus dem Qualitätsjournalismus schaffte es ins Netz. Vielleicht überließ man dieses skurrile Thema aber auch nur einem dunkelroten Aushilfsschreiber, dessen Text bei allen thüringischen Zeitungen der WAZ–Gruppe vermittels der allseits beliebten Copy&paste–Tastenkombination übernommen wurde? Aber warum dieser Aufwand?

So weit, so schlecht, gehen wir jetzt einen wichtigen und wesentlichen Schritt weiter. Wenn man nämlich die unsägliche  Ostalgie–Thematik außen vor und die Vergangenheitsglorifizierung unbeachtet lässt, bleibt noch die Frage nach der in einer solchen Aktion liegenden Gefahr, der einer Abschottung der eigenen Vertriebschancen. Wenn thüringische und sächsische Firmen ihre Geschäfte nunmehr fast ausschließlich mit Magdeburgern und Cottbussern machen würden, vermieden sie dadurch gleichzeitig Märkte in Bayern und Baden–Württemberg zu erschließen. Eine Graphik belegt, dass es sich geradewegs überhaupt nicht lohnen kann, eine solche Vermarktungsrichtung einzuschlagen, seine Aktivitäten auf wirtschaftlich schwache Regionen zu orientieren und sich damit selbst zu beschränken. Man wird damit letztlich ein sehr viel größeres Problem heraufbeschwören, als es der scheinbare Zwischenerfolg suggerieren möchte, sobald der Absatz auch nur in einem dieser Bundesländer aufgrund schwindender Vermögen nicht mehr gesichert ist.

 

Bestandsranking Deutschland Bundesländer Kaufkraft 2010 [4]

Dies ist ein ökonomisches Argument, nicht politisch, obwohl eine solche Beweisführung auch sehr stichhaltig sein könnte, wenn man auf die nicht vorhandene Produktoptimierung anspielen wollte, welche von Ostalgikern als Kunden wohl kaum erwünscht sein kann, welche damit auch eine Spaltung Deutschlands hinsichtlich der Marketingstrukturen geradezu herbeisehnen.

Aber noch einmal zurück zum ökonomischen Problem: Um Geld in eine Region zu ziehen, muss man exportieren, wer in schwache Regionen exportiert, wird kaum nennenswerte Gewinne machen können und letztlich am Markt scheitern. Das krampfhafte Festhalten an einem gemeinsamen „Ost“–Markt kann eine solche Rezession vielleicht eine Weile kaschieren, wird aber den Konkurs vieler dieser Firmen nicht aufhalten.

Damit sollte für diese Unternehmen klar sein, dass sie ihre Produkte nicht als explizite „Ost“–Spezialitäten anbieten dürfen, um in den kaufkräftigeren Bundesländern mit internationalem, europäischem oder zumindest einem nationalen Image auftreten zu können. Wer zum einen in Brandenburg ein sächsisches Produkt in einer plüschigen DDR–Verpackung verkaufen will, kann dieses nicht einfach irgendwo innerhalb Deutschlands in anderem Design, zum Beispiel in Bayern, feil bieten. Das wäre ein sicheres Zeichen einer ökonomisch–mentalen Spaltung und desweiteren ein gefundenes Fressen für die Nachrichtenseiten der Onlinedienste. Dabei ist es wohl nicht einmal so, dass dies den Chefs dieser Unternehmen etwas ausmachen würde, aber psychologisch wäre es für Kinder und Jugendliche eine weitere Hürde, sich dem Mauerfetisch der 60er– und frühen 70er–Jahre–Generationen zu entziehen. Hier eine weitere Graphik, welche die Exportquote der Bundesländer erfasst:

Bestandsranking Deutschland Bundesländer Exportquote 2010 [5]

Man kann sicherlich unter schwachen Regionen Austausch betreiben, aber wer zu den großen gehören möchte, sollte sich auch anschicken, gerade mit diesen einen intensiven Handel anzustreben. Wenn Brandenburg weiterhin ausschließlich Spreewaldgurken exportieren möchte, kann sich die Exportquote von unter 25 % wohl nicht steigern lassen und man wird irgendwann erkennen müssen, dass „Ostalgie“–Marketing auch nur eine Form von Monokultur darstellt. Wohin diese führt, weiß jeder Landwirt.

 

Quellen:

[1] http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11456789/60709/Besucher-bei-Ostprodukte-Messe-Feste-und-geistige-Nahrung.html

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Matrjoschka

[3] http://www.tlz.de/startseite/detail/-/specific/Ostpro-am-ersten-Dezember-Wochenende-in-Erfurt-981494090

[3*] http://www.allgemeiner-anzeiger.de/web/zgt/wirtschaft/detail/-/specific/Ostpro-am-ersten-Dezember-Wochenende-in-Erfurt-981494090

[3*] http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Ostpro-am-ersten-Dezember-Wochenende-in-Erfurt-981494090

[4] http://www.bundeslaenderranking.de/charts_10/klein_kaufkraft_best.gif

[5] http://www.bundeslaenderranking.de/charts_10/klein_exportquote_best.gif

* Es handelt sich jedesmal um haargenau den selben Artikel, desweiteren fällt die identische Artikelnummer ( 981 494 090 ) in allen Links gleichermaßen auf.

 

09.11.2010 um 01:44 Uhr

Eine Klage auf Minderwertigkeit endet rechtlich im Vergleich

Wie schon zu erwarten gewesen ist, fand nun eine zweite Gerichtsverhandlung statt, selbige eine Streitfrage zu klären hatte, ob es eine deutsche Ethnie oder zwei davon gäbe. Sicherlich wird es Jana Hensel freuen, wieder einmal schreiben die Medien zum Ost–West–Thema, und wieder werden die sogenannten „Unterschiede“ scheinheilig „beklagt“.

Die Ex-Berlinerin ging also in Revision, ihre Hoffnung auf einen spaltungswütigen Richter erfüllte sich allerdings nicht. Auch Frank Plasberg und Kurt Biedenkopf werden sich grämen, beide hatten in der Sendung hart aber fair am Mittwoch, den 29.09.2010 den Richter der ersten Instanz für seine Entscheidung gerügt. Wie Giulio Andreotti den deutschen Richterspruch interpretiert, wurde weiter nicht bekannt [1] .

Allerdings ist die Reaktion der Medien – unten stellvertretend Welt und Spiegel – auch hier wieder vielsagend. Man beachte nur den Ton, welchen die Welt Online schon in der Überschrift anschlägt. Sowohl bei der Welt als auch beim Spiegel wurde in den Berichten zu diesem zweiten Prozess außerdem das O–Wort in inflationärer Fülle verwendet.

Nirgends wird es so deutlich wie hier, könnte man meinen, wenn man die Artikel von Welt und Spiegel vergleicht, dass den Journalisten an einer Spaltung gelegen ist: Denn wie einfach wäre es gewesen, zu erwähnen, dass diese Frau nur für sich spricht, dass sie 82 Mio andere Bürger Deutschlands zu Sklaven ihrer merkwürdigen Zwei–Ethnien–Anschauung machen will. Sie und weniger das von ihr angeklagte Unternehmen ist das eigentliche Problem.

Selbstverständlich ist hier eine Beleidigung zu erkennen, aber nicht etwa in dem von der Klagenden so melodramatisch bemängelten Minuszeichen, sondern in einem widerlichen Schimpfwort. Hier zu erklären, dass man so nicht einfach bezeichnet werden möchte, ist ihr immer noch nicht eingefallen. Daher ist es höchst erfreulich, dass der Gerichtsmarathon schon in der zweiten Instanz durch einen Vergleich beendet werden konnte.

Doch nun zur medialen Inszenierung:

Natürlich ist bereits die Überschrift in einem bedauernden Stil gehalten, denn gibt es selbstverständlich weder eine „West“– noch eine „Ost“–Ethnie. Dies ist eine Tatsache, auch wenn man rechtlich anders hätte urteilen können. Welt Online also schreibt:

17.10.2010, 19:03 Uhr

Diskriminierungsvorwurf

Frage nach spezieller O*** ( aus humanen Gründen unkenntlich gemacht, Anm. d. Zt. ) -Ethnie bleibt ungeklärt

Ein „ungeklärter“ Fall ist etwas betrübliches, das Schimpfwort selbst ins Zentrum der Überschrift gesetzt, suggeriert dieser erste Satz schon Dramatik. Was ist nicht alles ungeklärt: Von der Frage nach dem Sinn des Lebens bis zur Ermordung der Kennedys, beider wohlbemerkt. Ungeklärt ist immer ein bissel schade. Weil die Journalisten gern ein Urteil zu kommentieren gehabt hätten, sind diese nun leicht enttäuscht, aber was wäre ein solches wert gewesen? Gehen wir weiter im Artikel, und wir finden nun gleich zweimal, dass unsere Klagende nicht etwa als Berlinerin oder besser und richtiger noch als gebürtige Berlinerin genannt wird, sondern:

Eine gebürtige Ostberlinerin ( sic! ) hatte geklagt, weil ihre Bewerbung mit dem Vermerk "(-) O***" abgelehnt worden war. Nun kam es zu einer Einigung.

Der Arbeitsrechtsstreit um eine mit dem Vermerk "(-) O***“ abgelehnte Bewerbung ist beigelegt. Die gebürtige Ostberlinerin ( sic! ), die sich bei einem Stuttgarter Fensterbauer erfolglos beworben hatte, hätte sich mit diesem auf einen Vergleich verständigt, sagte ihr Anwalt Wolfgang Nau. "Wir haben uns so geeinigt, dass beide Seiten zufrieden sind“, erklärte Nau. Wegen eines Stillhalteabkommens nannte er keine weiteren Details.

[...]

Zu der Einigung sei es nun durch Zufall gekommen, sagte Nau. Er sei dem Geschäftsführer des Fensterbauunternehmens bei anderer Gelegenheit über den Weg gelaufen. „Er kam auf mich zu – und wir gingen mit dem Willen auseinander, uns zu einigen.“ Die Anwälte beider Seiten bedauerten jedoch, dass nun kein Präzedenzfall geschaffen werde und nicht vom Landesarbeitsgericht geklärt werde, ob Ostdeutsche eine eigene Ethnie sind, sagte Nau.

[...]

dpa/nic

[...]

Kommentare ( Auswahl ):

17.10.2010, 17:23 Uhr

Zustimmung : Ablehnung = 141 : 42 ( nach nicht ganz einem Tag )

Deutscher Patriot aus BW sagt:

Die meisten Bürger aus Mitteldeutschland bezeichnen jeden anderen deutschen Buerger, egal wo der aus den alten Bundesländern kommt als W**** ( aus humanen Gründen unkenntlich gemacht, Anm. d. Zt. ). ( Verstärkter den je).
Als ich denen erklärt habe, dass meine alte Heimat in der Gegend um Stuttgart liegt und zwar im Süden von Deutschland, hielt man mir entgegen, dass ich trotzdem ein W****
sei und keiner von "UNS". Das zum Thema Diskriminierung der Westdeutschen in Mitteldeutschland.

Und genau da liegt eines der vielen Probleme. Dieses skurrile „Uns“ oder „Wir“ liegt einem wie Blei im Magen, wenn man es nur von weitem vernimmt. Selbstverständlich ist diese Einschätzung eines Baden–Württemberger Bürgers nur eine Meinung, aber in ihr steckt sehr viel mehr Wahrheit, als es manchem Sachsen gefällt.

Es gilt heute wie schon seit 1990 für jeden, sich von diesem Ost–West–Irrsinn zu befreien, ein „Wir“ unter den definierten „West“–Massen oder „Ost“–Massen darf niemanden also über die Lippen gehen. Wenn man es dennoch vernimmt, heißt es, sich ganz eindeutig davon zu distanzieren. Dies kann nicht durch ein schweigendes Kopfschütteln passieren, da dies natürlich von den umstehenden Personen nicht wahrgenommen wird, sondern muss vollkommen offen ausgesprochen werden.

Wenn ein Mann aus der Region Stuttgart sich darüber beklagen kann, dass nach seinem Befinden „die meisten Bürger aus Mitteldeutschland“ ihn mit dem W–Wort titulieren, also beleidigend angreifen, dann mag dies eine Übertreibung sein, aber genauso ist dies auch eine vielleicht nur subjektiv gefärbte Einschätzung mit realem Hintergrund.

Es ist einfach unstrittig, dass sich viele Menschen in Deutschland der über sie verfassten Klischees hingeben. Sie haben weder Phantasie noch eine eigene Meinung, sie übernehmen, was sie hören. Indes sollte jeder Bürger sich grundsätzlich vor dem Irrtum der Pauschalisierung ein wenig in Acht nehmen, welche ihm aufgrund einer gefühlten Masse an Widerspruch zur eigenen Meinung viel umfassender erscheint als sie wirklich ist.

Denn wieviele Menschen sind wirklich Mauerfetischisten? Ich kenne und kannte einige, aber es ist nicht die Mehrheit der Bevölkerung, auch nicht in Sachsen. Aber weil diese „Uns“–Sager eine Gruppe darstellen und sich von den Individualisten abgrenzen, fallen sie auf. Es gibt also relativ viele Leute, welche weder „uns“ im ostalgischen Sinne sagen, noch offensiv die andere Position vertreten.

Doch genau darin liegt ja das Problem. Wenn sich ein Stuttgarter Bürger gegenüber den beleidigenden Anfeindungen der Ostalgiker nicht verteidigen kann und gerade keine Mitstreiter findet, weil sich ein Nichtostwestalgiker ( wie er selbst ) durch keine spezielle Sprache outen, mag er denken, dass es keine Menschen in seinem Umfeld mit einer vernünftigen Meinung gibt.

Auch hier also kann man wieder einmal erkennen, dass ein Aufbegehren gegen die Ostwestalgie wichtig und notwendig ist.

Und eines sollte hier auch nicht unerwähnt bleiben. Das Gebilde „Mitteldeutschland“ existiert natürlich heute genauso wenig, wie man hier von einem historischen Territorium sprechen kann. Der „Patriot aus BW“ bezeichnet wohl indes nicht die drei üblichen Bundesländer als „Mitteldeutschland“, sondern verbleibt im altdeutschen, rechtsradikalen Denken zurück, welches sich eher auf eine historische Basis bezieht.

Sein Kommentar ist dennoch wichtig, da er einmal deutlich macht, was Journalisten nicht bedauern, wenn sie darüber schreiben. Für letztere ist die Teilung ein wesentliches Merkmal ihrer alltäglichen Artikel, während andere im wirklichen Alltag mit Menschen zurechtkommen müssen, deren Ressentiments aus genau diesen Artikeln abgeleitet werden.

Hier noch einige andere interessante und lesenswerte Kommentare in der Welt Online:

17.10.2010, 18:00 Uhr

Zustimmung : Ablehnung = 16 : 8 ( nach nicht ganz einem Tag )

ThomasK sagt:

Das ganze O–W–Gelaber wird doch durch die Medien immer wieder aufgewärmt. Ohne die Medien wäre die nach wie vor bestehende Kluft erheblich kleiner.

Und noch etwas zum "Allgemeinen Gleichstellungsgesetz". Dieses bescheuerte Gesetz verhindert Diskriminierung nicht. Wer diskriminieren will, der findet Wege, potentielle Mitarbeiter zu benachteiligen.

Mir persönlich erschienen frühere Stellenausschreibungen als besser und ehrlicher. Wenn eine Firma heutzutage Leute bis max. 35 Jahre sucht, dann sollen diese das auch offen ausschreiben. Ich weiß dann wenigstens, woran ich bin und bewerbe mich gar nicht erst. - Chancen habe ich eh keine auf den Job, als Mittvierziger.

Ich möchte nicht wissen, wie viele sinnlose Bewerbungen in Deutschland wegen diesem Gesetz getätigt werden: Aufwand für Firmen, Enttäuschungen bei Bewerbern.

17.10.2010, 18:16 Uhr

Zustimmung : Ablehnung = 17 : 1 ( nach nicht ganz einem Tag )

andze sagt:

Beim Lesen der Kommentare bekomme ich das Gefühl das ein mancher hier nicht nur unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet (bezogen auf seine Herkunft), sondern auch noch mit absoluter Dummheit gesegnet ist.
Der eine heult rum, dass er soviel Geld bezahlen musste (er hätte auch auswandern könne), der nächste ist stolz auf seine Herkunft (obwohl er keinen Einfluss auf seinen Geburtsort hatte), und der andere hat das deutsche Rentensystem nicht verstanden (dieses funktioniert halt wie ein Schneeballsystem).
Gibt es keine anderen Probleme? Jeder hier in Deutschland (Voraussetzung er hat Arbeit) zahlt in die Rentenkasse ein, bezahlt Solizuschlag und versucht hier irgendwie ordentlich über die Runden zu kommen. Und da sind O***
, W**** und meinetwegen auch getarnte Marsmenschen hier alle gleich.
Mein Tip: In weißer Feinrippunterwäsche die zwei Nummern zu groß ist sehen alle gleich bescheiden aus und dann gibt es keinen Unterschied zwischen wem auch immer.

17.10.2010, 18:33 Uhr

Zustimmung : Ablehnung = 14 : 1 ( nach nicht ganz einem Tag )

Midnight Caller sagt:

Dieses dumme Gelaber mit O*** und W**** geht mir auf den Sack , als gebe es in diesem Land sonst keine Probleme.

Was ist denn zum Beispiel ein Berliner ?

Ein Wo***
oder ein Ow**** ?????

Es gibt wichtigeres denke ich.

 

Liebe Leser, WELT ONLINE hat die Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Da waren die Kommentare wieder einmal zu wiedervereinigt gestimmt? Beleidigt wurde zumindest niemand. Aber was man nicht lesen will, sollte auch nicht in den Kommentaren zum eigenen Artikel zu finden sein.

Eine Umfrage gab es auch noch. Die Antworten sprechen keine deutliche Sprache, aber beweisen, dass es in Deutschland noch immer Menschen mit einiger Empathie und Gefühl für die Wirkung von Wörtern und deren konnotierten Bedeutungen sowie für deren Untertöne gibt:

Umfrage

Empfinden Sie die Bezeichnung "O***" ( aus humanen Gründen unkenntlich gemacht, Anm. d. Zt. ) als diskriminierend?

Formularbeginn

Ergebnis

Antwort 1:      33%     Ja

Antwort 2:      35%     Nein

Antwort 3:      20%     Manchmal

Antwort 4:     12%     Ist mir egal

Formularende

1720 abgegebene Stimmen

[1]

Man kann diese Umfrage natürlich sehr willkürlich und verschieden auslegen. Zum einen ist es schade, dass es nur 33 % sind, welche in diesem Schimpfwort nicht die offensichtliche Beleidigung erkennen, andererseits lehnen dies auch nur 35 % ab. Das O–Wort wird auch von vielen nicht als bedeutsam wahrgenommen, möglich, dass viele Menschen diesem Begriff schon wegen der negativen Konnotation so wenig abgewinnen, dass sie diesen niemals selbst verwenden und so 12 %  die Antwort „egal“ wählten, denn auch sie mussten dies anklicken, heißt, sie wollten sich entscheiden, denn sie nahmen schließlich freiwillig an der Umfrage teil.

Auch der Spiegel freut sich, dass Schimpfwort gleich in der Überschrift zu verwenden. Hier der Spiegel – Online – Artikel:

17.10.2010

Diskriminierung

"O***" ( aus humanen Gründen unkenntlich gemacht, Anm. d. Zt. )-Streit endet mit Vergleich

Statt eines Jobs bekommt sie nun Geld: Eine Frau aus Ostdeutschland hat sich mit einer Firma außergerichtlich geeinigt, bei der sie sich erfolglos beworben hatte. Weil auf ihren Bewerbungsunterlagen der Hinweis "O***“ vermerkt wurde, hatte sie geklagt - und in erster Instanz verloren.

Während sie in der Welt noch halb als Berlinerin erkennbar war, wird ihre Herkunft nun gänzlich auf die medial inszenierte homogene „Ost“–Region reduziert, business as usual, aber ein Indiz mehr für die innere Haltung der Autoren beider großen Online–Dienste, denn auch die Welt erklärt – wie oben erwähnt – die Frau explizit als aus dem ominösen „Ost“ – Teil stammend, was durch die Nennung des Stadtteils eine individuellere Note erhalten und die elf anderen Stadtteile Berlins nicht tangiert hätte und derartige Bestrebungen ihren Bürgern zumindest nicht mitunterstellt.

Stuttgart - Der Arbeitsrechtsstreit um eine mit dem Vermerk "(-) O***" ( aus humanen Gründen unkenntlich gemacht, Anm. d. Zt. ) abgelehnte Bewerbung ist beigelegt. Die Klägerin und der Fensterbauer, bei dem sie sich erfolglos beworben hatte, haben sich auf einen Vergleich verständigt. Das sagte ihr Anwalt, Wolfgang Nau. "Wir haben uns so geeinigt, dass beide Seiten zufrieden sind", erklärte Nau. Wegen eines Stillhalteabkommens nannte er keine weiteren Details.

Im April hatte das Arbeitsgericht Stuttgart entschieden, dass der Vermerk zwar eine Diskriminierung sei - aber keine Benachteiligung wegen einer ethnischen Herkunft im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). Der Arbeitgeber hatte argumentiert, dass der Frau nicht wegen ihrer Herkunft, sondern wegen fehlender Qualifikation abgesagt wurde. Danach hatten Anwalt Nau und seine Mandantin beschlossen, in Berufung zu gehen. Seiner Ansicht nach hatte das Arbeitsgericht das Wort "ethnisch" falsch ausgelegt.

Der Vergleich sei "letztlich durch einen Zufall" zustande gekommen, berichtete der Rechtsanwalt. Als er zu einer Gerichtsverhandlung am Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart gefahren sei, habe er dort den Geschäftsführer der Fensterbaufirma getroffen, der zum nahe gelegenen Landgericht wollte. "Er sah mich im Auto sitzen", berichtete Nau. Es sei dann die Sprache darauf gekommen, ob und wie man den Rechtsstreit einvernehmlich beenden könnte. Der Vergleich sei dann innerhalb eines Tages zustande gekommen.

Die Anwälte beider Seiten bedauerten jedoch, dass nun kein Präzedenzfall geschaffen werde und nicht vom Landesarbeitsgericht geklärt wird, ob Ostdeutsche eine eigene Ethnie sind, sagte Nau.

Dies kann man sich gut vorstellen. Hatte doch der Mann der früheren Justizministerin Herta Däubler–Gmelin für die Unterscheidung und eine eigenständig definierte Ethnie geworben. Zudem wurde die Existenz einer solchen in der ersten Instanz verneint, was vielleicht rechtlich nicht zum Präzedenzfall taugt, aber im Grunde schon als richterliche Entscheidung verstanden werden kann.

Die Frau arbeite weiter auf der Stelle, die sie kurz nach ihrer erfolglosen Bewerbung gefunden hatte. Die Buchhalterin hatte in dem aufsehenerregenden Prozess auf die in diesen Fragen üblichen drei Monatsgehälter geklagt, in ihrem Fall rund 5000 Euro.

ore/dpa/dapd

Quellen:

[1] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1282989/

[2] http://www.welt.de/vermischtes/prominente/article10359177/Frage-nach-spezieller-Ost-Ethnie-bleibt-ungeklaert.html

[3] http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,723605,00.html

 

 

05.10.2010 um 16:10 Uhr

Presseclub und Einheitsquiz: Die Spalter proklamieren Deutschland für sich.

Gegen 13:00 Uhr sonntags in der ARD läuft regelmäßig eine der wenigen akzeptablen Diskussionsrunden, der Presseclub, an sich eine ruhige und bedächtige Sendung ohne Schnörkel und schreiende, sich immer widersprechende Gäste. Man diskutiert dort für den Zuschauer spürbar in einer wohligen Atmosphäre, was die Haltungen der dort anwesenden Journalisten viel deutlicher zum Ausdruck kommen lässt, als dies in den abendlichen, einschlägigen Talkshows möglich wäre.

Eine der Gäste am 03. Oktober 2010 war die wohl verstörendste Autorin unserer Zeit. In epischer Erzählform und mit leiser und sanfter Stimme wiederholte sie dort ihre weltfremden und skurrilen Thesen eines immer noch geteilten Landes. Diese Frau, geboren in Borna, einer Kleinstadt in Sachsen südlich von Leipzig, vertrat dort tatsächlich die Meinung, dass es in den Medien nur in der Zeit um den Tag der Deutschen Einheit und des Mauerfalls Artikel über das „Ost – West“ – Thema gäbe. Allein dieses Blog widerlegt schon eine solche seltsame Auffassung, welche nur einer sehr selektiven Wahrnehmung oder der Lebenslüge einer Mauerfetischistin entspringen kann. Warum die Leute von der ARD diese Frau eingeladen haben, kann man sich dahingehend natürlich an deren Grundhaltung ableiten, aber es irritiert schon sehr, wenn man sich solche Meinungen – und nichts anderes sind die Aussagen von Frau Hensel – anzuhören traut.

Wenn sich dort der Spiegel–Chefredakteur Mascolo für einen Feiertag stark macht, der nur die Leistung der sogenannten „Ost“–Deutschen berücksichtigt, ist dies ein weiteres Anzeichen der medialen Haltung. Denn schauen wir ein wenig in die Zukunft. Wer möchte in fünfzig Jahren noch an die Teilung erinnert werden, sich als „west“– oder „ost“–deutsch definieren lassen oder gar einen Feiertag für einen Teil der Deutschen ertragen? Wir sind ein Land und ein Volk, nicht zwei. Deutlicher als zum Tag der Deutschen Einheit spürt man den Mauerfetisch der Intellektuellen nicht, obwohl die stete Thematisierung bereits ohne Zweifel vorhanden ist, aber jetzt sind sie alle wach und aktiv gegen etwaige Strömungen einer möglichen Normalisierung.

Die Spaltungsautorin Daniela Dahn sprach derweil von Statistiken der Teilung und Günther Jauch von einer geringen Zahl von „Ost – West“ – Partnerschaften. Da saßen nun vier Spalter, die ihre Interpretationen der Teilung diskutierten. Ein Befürworter der Wiedervereinigung war nicht am Tisch.

Doch solche Leute will man dort auch nicht haben. Sie könnten vielleicht erklären, dass niemand sich verpflichtet fühlen muss, in diesem Punkt die Meinung des Establishments aufzunehmen, also weder „ost“–deutsch noch „west“–deutsch zu sein. Eine solche Meinung wurde im Fernsehen bislang meines Wissens auch noch nicht klar und deutlich ausgesprochen, die Katze bleibt im Sack, man will eine Teilung in den Köpfen, die Absicht ist unverkennbar.

So stotterte Jana Hensel in ihrer Eigenschaft als eingeladener Gast des Pressclub ein paar Sätze oder besser Fragmente in die Kamera, während sie nebenbei fassungslos dreinschaute und bohemienhaft gestikulierte. Folgende Wörter rutschten ihr dabei heraus:

„Wir dürfen aber auch nicht vergessen dürfen, dass wir den Osten medial eigentlich nur an diesen Feiertagen thematisieren. [...] Was ich eigentlich auch vermisse, ist, ist, dass wir, dass wir den Osten als Thema quasi in allen, in allen Bereichen, wenn wir davon ausgehen, dass der Osten ein so unterschiedlicher Raum ist wie der Westen, ähm, im Gegensatz zum Westen, dass wir über den Osten ja eigentlich nicht sprechen. Wir thematisieren ihn an den Feiertagen, erwarten dann von den Podiumsteilnehmern, dass sie im Einklang mit der, mit der offiziellen Rhetorik und stören uns dann ein bisschen daran, wenn wir da, wenn wir da nicht mitgehen wollen.“ ( wörtliches Zitat ( sic! ) Jana Hensel, Presseclub, 03.10.2010, etwa 13:40 Uhr, ARD ) [1]

Sollte dem Leser während dieser Achterbahnfahrt aus Lügen und verschachtelten Halbsätzen schwindelig geworden sein, so ist dies verzeihlich. Tatsächlich waren es diese Worte Jana Hensels, welche eindrucksvoll ihre Inkompetenz belegen, sowohl sprachlich ( sie ist Autorin und verdient damit ihr Geld ), als auch inhaltlich ( man schaue nur in diesem Blog, wieviele Beispiele zur Thematisierung „Ost–West“ allein die Online–Dienste jeden Monat veröffentlichen ). Liest man genau, so sagt sie zwischendrin auch etwas halbgares halbwahres, was sie indes sofort zurücknimmt, denn „ein unterschiedlicher Raum“ im heterogenen Sinn darf Jana Hensels „Osten“ niemals sein, nicht einmal dann, wenn man ihn von ihrem „Westen“ abschneidet und für sich betrachtet, genauso heterogen schon gar nicht. Wenn ich einwerfe, dass Deutschland wie selbstverständlich heterogen ist und „Ost–West“–Betrachtungen an vielen Orten ja schon überhaupt keinen Sinn mehr machen und jede Aufrechnung nervig ist, gehe ich davon aus, dass ihre Entgegnung sehr schlicht ausfiele und in einer weiteren rhetorischen Diarrhö münden würde.

Was Jana Hensel vermisst, findet jeden Tag, genau genommen an 365 Tagen statt, alljährlich seit zwei Jahrzehnten. Vielleicht bilden Schaltjahre da eine Ausnahme. Und ja, ihre hieroglyphenartige Ausdrucksweise behindert ein wenig das Verstehen ihrer Grundaussage, vor allem bleibt im unklaren, was sie unter dem im letzten Satz mehrfach untergebrachten Terminus „wir“ bzw. „uns“ verstehen möchte. Ihr Wesen und ihr Auftritt selbst sind nebulös und ihre Sprache noch viel mehr.

Als Autorin verschiedener Bücher ( auch und vor allem zum Thema „Ost – West“ ) ist dies natürlich nicht anders zu erwarten, schließlich wäre Offenheit und Klarheit das allerletzte, was man von Ostalgikern erhoffen kann. Hier ein kurzer Verweis auf ihre Biographie auf der Website der ARD:

Sendung vom 03.10.2010

Deutschland - einig Vaterland?

20 Jahre deutsche Einheit

Jana Hensel

Die Publizistin Jana Hensel, 1976 in Leipzig geboren, studierte in Leipzig, Berlin, Marseille und Paris. 1999 gab sie die Literaturzeitschrift EDIT heraus, im Jahr 2000 zusammen mit Thomas Hettche die Internetanthologie NULL. Mit ihrem 2002 erschienenen Essayband "Zonenkinder" landete sie einen Bestseller. 2008 veröffentlichte sie gemeinsam mit Elisabeth Raether das Buch "Neue deutsche Mädchen", in dem die beiden Autorinnen das Lebensgefühl einer Generation junger Frauen reflektieren, die sich selbstbewusst gegen das Diktat von Feministinnen zur Wehr setzen.

Jana Hensel: Achtung Zone.
Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten
Piper Verlag 2009 [1]

Da wird also gleich für eine ihrer Publikationen geworben, welche in einem sehr renommierten Verlag erschienen ist. Und ein solcher widerlicher Titel biedert sich den lesefreudigen Ostalgikern förmlich an, er weist auf die innere Haltung der Autorin hin, welche sich in der ARD im Presseclub zwar auf Nachfrage des Moderators als „deutsch“ bezeichnete, was ihre Stimme und Körperhaltung indes klar verneinte und sie selbst anzuwidern schien. Ihr Buchtitel gibt auf die Frage indes eine ehrlichere Antwort, auch hier wird sie also der Lüge überführt.

Um Jana Hensel eine Freude zu machen und allen anderen Mauerfetischisten gleichmit, brachte man bei der Welt Online nun am Tag der Deutschen Einheit wiederum deren Leser in den zweifelhaften Genuss eines sogenannten „Einheitsquiz“, um möglichst viele Menschen von der Unmöglichkeit jedweder Normalität zu überzeugen. Die Frage „Wie gut kennen Sie das vereinte Deutschland?“ ist bereits pure Verarsche, impliziert, dass es um Allgemeinbildung gehen könnte, um Kenntnisse über Deutschland. Tatsächlich ist das gesamte Quiz nichts als spaltungsorientierter Unfug und die Überschrift somit inhaltlich falsch. Es geht – wie man sich natürlich bereits zuvor schon denken kann – um die DDR:

03.10.10

Raten und gewinnen

Wie gut kennen Sie das vereinte Deutschland?

Was war die Treuhand, womit provozierte Kati Witt, aus welcher Stadt kommt Tokio Hotel? Lösen Sie das Einheitsquiz und gewinnen Sie tolle Preise.

Es handelt sich also gerade nicht um ein „Einheitsquiz“, sondern um eine Aneinanderreihung von Fragen zum Thema DDR und „Osten“, nehmen wir uns also die Fragen einmal vor:

Und so geht´s: Für jede Antwort die Sie auswählen, erhalten Sie einen Buchstaben. Haben Sie alle Fragen richtig beantwortet, erhalten Sie einen sinnvollen Satz. Mit diesem können Sie auf der letzten Seite des Quizzes am Gewinnspiel teilnehmen.

Im November 1989 titelte das Satiremagazin „Titanic“: „Z****-Gaby ( aus humanen Gründen unkenntlich gemacht, Anm. d. Zt. ) (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane“. Was hielt die Dame mit Dauerwelle und Jeanshemd in der Hand?

K

Eine Zucchini

Q

Eine Aubergine

E

Eine halb geschälte Salatgurke

Es ist die letzte der gestellten „Fragen“, aber sagt doch aus, in welcher Weise die WeltOnline–Redakteure über Menschen denken.

Wie steht es um den Trend, dass viele Ostdeutsche gen Westen abwandern?

N

Der Trend hat sich umgekehrt. Heute ziehen mehr Deutsche von West nach Ost.

B

Der Trend ist relativ konstant. Immer noch ziehen mehr Ostdeutsche jedes Jahr in den Westen.

T

Der Trend hat sich verschärft: Die Abwanderung ist 2009 im Vergleich zum Vorjahr sogar noch gestiegen.

Auch dies eine Spalterfrage, polarisierend und den Finger in eine Wunde legend, wie oben schon als demotivierend einzuschätzen.

Mehr als sechs Millionen Zuschauer sahen 2003 den Film „Good Bye, Lenin!“ Wer wurde damit zum Star?

S

Daniel Brühl

E

August Diehl

D

David Kroos

Der Spalterfilm par exellence wird hier als Frage im „Einheitsquiz“ aufgetischt. Wer sich damit nie beschäftigt hat, also für diese Vergangenheitsverklärung nichts übrig hat, den Film boykottiert und auch seinen widerlichen Hauptdarsteller, zuckt mit seinen Achseln und fragt sich, was dieser Film mit dem Gefühl zu tun haben soll, in einem vereinten Land zu leben.

Aber nun wird es doch noch politisch. Weil man sich bei der Welt doch noch als etwas konservativ empfindet - oder besser - darstellen möchte, kommen in diesem „Quiz“ auch zwei Fragen vor, die sich mit Gerhard Schröder beschäftigen und die auf dessen Position zur Wiedervereinigung hinweisen, gleichsam die Dummheit der Wähler thematisieren, welche – man ahnt es – ihn nach statistischen Berechnungen vorrangig und – unter dem Aspekt betrachtet, dass beide Fragen zusammen wahrgenommen werden – zu Unrecht ihre Stimme gaben:

Welcher deutsche Politiker sagte im Juni 1989, fünf Monate vor dem Fall der Mauer, gegenüber der „Bild“-Zeitung: „Nach 40 Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation in Deutschland nicht über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht.“

M

Joschka Fischer, Grüne

N

Gerhard Schröder, SPD

T

Wolfgang Schäuble, CDU

Wem hat Bundeskanzler Gerhard Schröder genau besehen die rot-grüne Bundesregierung bei der Wahl von 1998 zu verdanken?

G

Den Wählern in Niedersachsen, die überproportional für die SPD votierten.

K

Den Wählern in Bayern, die sich scharenweise von der CSU abwandten.

E

Den Wählern in den neuen Bundesländern, die mit ihrer Stärkung der sozialdemokratischen Bundestagskandidaten dafür sorgten, dass die SPD reihenweise Überhangmandate kassierte, und SPD und Grünen am späten Wahlabend zu einer komfortablen Mehrheit verhalfen.

Und was liest man raus? Richtig... Diese Idioten - wie immer als Gruppe zwangsdefiniert - können nicht mal vernünftig wählen. Ein kleiner Fauxpas passierte den Machern des „Einheitsquiz“ indes in der folgenden Frage:

Woran erkennt man die westdeutsche Herkunft eines Neubewohners vom Prenzlauer Berg in Berlin?

P

Am Sushi-App seines iPhones

N

Er sagt „Prenzlberg“ statt Prenzlauer Berg

V

Er macht irgendwas mit Medien

Die Bezeichnung Prenzlberg ist allerdings mittlerweile so geläufig, dass es eigentlich jeder sagt. Wo er geboren ist, spielt hier überhaupt keine Rolle. Mir ist es jedenfalls noch nie aufgefallen, dass man am verkürzt ausgesprochenen Prenzlberg eine WO–Herkunft nachvollziehen könnte.

Genauso darf natürlich die Zelebrierung der als typisch „ost“–deutsch angesehenen geistigen Armut nicht fehlen, wo schon die Wähler als Deppen überführt wurden:

Welches Thema spielte in einem Song die Hauptrolle, für den Stefan Raab 1999 drei Goldene Schallplatten erhielt?

T

Der Fußball-Nationaltrainer Berti Vogts

M

Ein Maschendrahtzaun, den eine Rentnerin in breitestem Sächsisch aussprach

A

Ein Bonbon aus Wurst, das Glück bringt

Hierzu heißt es bei wikipedia.de:

Maschen-Draht-Zaun

[...]

Aufmerksamkeit der Medien

Infolge der Ausschnitte bei TV total wurde das Thema auch für Boulevardmedien interessant; Fernsehteams aus dem gesamten Bundesgebiet belagerten die Grundstücke der verfeindeten Parteien Zindler und Trommer. Auch dass Trommer den Strauch umpflanzte, wobei er gefilmt wurde, minderte die Aufmerksamkeit nicht. Nachdem zahlreiche Schaulustige das Grundstück Regina Zindlers belagerten und den Zaun beschädigten, hielt sie dem psychischen Druck, der durch die öffentliche Aufmerksamkeit verursacht worden war, nicht stand, verkaufte das Grundstück und zog um. [2]

 

Was die WeltOnline–Leute sich dabei überlegt haben, dass Leben einer Person, deren Leben zerstört wurde, hier nochmals zu thematisieren, kann man sich denken – purer Mauerfetisch halt.

Aber nehmen wir ruhig noch die anderen Fragen, hier eine Auswahl, wem etwas auffällt, darf sich gern Gedanken machen:

Welcher Ostverein gewann als erster deutscher Klub die neu gestaltete Handball-Champions-League? Aus welcher Stadt kommt die Band Tokio Hotel? Besonders groß ist nach wie vor die Schere zwischen alten und neuen Bundesländern bei der Nutzung des Internets. Bremen, Baden-Württemberg und Berlin sind die Länder mit der höchsten Dichte an Internetanschlüssen. Welche drei Bundesländer sind die Online-Schlusslichter? Welche dieser Schauspielerinnen stammt aus dem Westen Deutschlands? Im Rahmen der sogenannten Exzellenzinitiativen haben seit 2006 33 Universitäten in den alten Bundesländern (mit West-Berlin) Fördermittel für exzellente Forschung erhalten. Wie viele Universitäten in den neuen Bundesländern (mit Ost-Berlin) sind in diesen Genuss gekommen? Wie viele ostdeutsche Unternehmen sind in den wichtigsten Aktienindizes Dax, MDax, TecDax oder SDax notiert? Welcher der folgenden Verse stammt aus einem Lied der Band Rammstein? Wer war der letzte Trainer der DDR-Fußball-Nationalmannschaft? Welche ostdeutschen Bundesländer haben eine höhere Arbeitslosenquote als der ostdeutsche Durchschnitt (ohne Berlin)? [3]

Was bitte haben alle diese Fragen mit dem heutigen Deutschland zu schaffen? Warum fehlt auch nur eine einzige Frage, in der es etwa um die Historie vor dem 20. Jh. ging? Warum schreibt man stets im gleichen WO–Tonfall? Die Konditionierung auf dieses Thema ist so allumfassend geworden, dass man sich fragt, was die Schriftstellerin Jana Hensel eigentlich will, denn mehr Spaltung geht doch kaum noch.

Quellen:

[1] https://www.wdr.de/tv/presseclub/2010/1003/gast.phtml?gast=jana_hensel

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Maschen-Draht-Zaun#Aufmerksamkeit_der_Medien

[3] http://www.welt.de/politik/deutschland/article10013427/Wie-gut-kennen-Sie-das-vereinte-Deutschland.html

 

 

 

01.10.2010 um 17:06 Uhr

Diskussionen ohne Debatte – Warum die Medien es nie lernen wollen

Zwanzig Jahre Konditionierung hinterlassen Spuren. Man kann nicht über einen so langen Abschnitt in der Geschichte reden, ohne die stete Manipulation der Medien in bezug auf die Demontage der Deutschen Einheit zu sprechen.

Wie könnte es anders sein, als dass heutzutage Menschen in Umfragen genauso antworten, wie es gewünscht ist: Lamentierend bestätigen sie die Vorurteile, welche durch die Medien in Umlauf gebracht und durchgesetzt wurden.

Am Mittwoch, dem 29.09.2010 war es wieder soweit. Der aalglatt agierende Frank Plasberg träumte sich bei hart aber fair [1] in seine Mauerfetischwelt, seine Diskussionsrunde im Sender ARD war aber nur letztlich der Spiegel seiner Selbst.

Tatsächlich begann die Plasberg–Show mit einem ( geplanten ? ) Gag. Die Datenübertragung nach Frankfurt war kurz unterbrochen, zum ersten Mal, wie er sagte, nur weil sie an jenem 29.09.2010 zum ersten Mal aus Berlin sendeten. Er erklärte noch, dass es sich um den früheren „Ost“–Teil handele, was überflüssig ist, aber an überflüssigem zeigte man in der Sendung später noch einiges mehr.

Es war bezeichnend, dass es ausgerechnet dieser Plasberg war, der von allen Diskutierenden am heftigsten auf das „Ost–West“–Dualismus hinwies.

Dabei geht immer mehr verloren, was im Grunde an erster Stelle steht: Die Gleichheit des Menschen vor seinem Nächsten. In Deutschland leben 82 Millionen einzelne Persönlichkeiten mit Neigungen und Charaktereigenschaften, viele von ihnen mögen es nicht, als WO – Deutsche bezeichnet zu werden. Ja mehr noch, sie lehnen es dezidiert ab, was die Presse nicht davon abhält, allen Menschen entweder das „W“ oder das „O“ aufzuzwingen. Dabei ist „Ostwest“ kein Naturgesetz.

Bei der Diskussion selbst ging es nun nicht um das Leben in Deutschland heute, sondern vor allem um die DDR, das Leben damals und was angeblich so schön in der DDR war. Man kennt diese Shows: Ein paar abgehalfterte Prominente, die keiner so richtig kennt, erzählen, dass in DDR auch die Sonne gescheint und der soziale Zusammenhalt in Bayern nicht existiert hat, wohl aber in dem Ein–Punkt –Universum DDR, denn diese Leute kamen komischerweise immer nur „aus der DDR“, niemals aber aus einer Region.

Diese Stellvertreter der „Ost“–Meinung sind stets das wahre Ärgernis, sie geben den Vorurteilen Nahrung, sie legitimieren sie. Gestern waren es der Fußballtrainer Hans Mayer und eine unbekannte Schauspielerin. Man lässt sie reden, schwafeln und proklamieren, erzählen, damit sie sich und – ganz wichtig – alle, für die sie behaupten zu sprechen, als Deppen brandmarken, gleichmit der Lächerlichkeit preisgeben. Wir anders ließe sich erklären, dass man daraufhin Ressentiments schürt, indem in einem Filmchen zeigt, wo es in Deutschland sogenannte „west“–deutsche Dominanz gäbe?

So war es völlig überflüssig, dass man zu dem Resümee kam, dass von allen DAX–Vorstandsvorsitzenden kein einziger auf den ehemaligen Territorium der nicht mehr existierenden DDR geboren, nein aufgewachsen war oder dies auf keinen aktuellen Minister in der Merkelregierung oder einem Fußballbundesligatrainer zuträfe und nur ein Spieler in der Nationalelf derartiges über sich in diesen Einspielfilm sagen lassen musste.

Solche Beispiele sollen Begehrlichkeiten wecken, sie sollen die Menschen spalten. Denn einerseits ist es relativ unwahrscheinlich, dass ein Vorstandsvorsitzender eines DAX–Konzerns in der Zeit seit 1990 sich in die Spitze eines weltweit erfolgreichen und vor allem so finanzstarken Unternehmens gearbeitet hat, die anderen Beispiele sind Momentaufnahmen, welche morgen schon hinfällig sein können.

Der Knackpunkt ist indes die Konzentration auf das Territorium und dieser auffällig störrische Pessimismus eines Mannes, der hier zum Gönner avanciert: Frank Plasberg schenkt seinen „Ost“–Menschen gern jede Aufmerksamkeit, solange diese sich freimütig zu ihrem „Ost“–Deutsch–Sein bekennen.

Der Minderheitenstolz und das Minoritätengefühl sind ihm wichtig und seine Triebfeder zur Moderation an jenem 29.09.2010, als er den Fall der Gabriele S. zitierte, welche ihre Bewerbungsunterlagen mit dem Vermerk „(–) O***“ zurückerhielt. Nicht das Schimpfwort mit dem „O“ monierte die gebürtige Berlinerin, die jetzt in Baden–Württemberg ansässig geworden ist, sondern das Minuszeichen davor. ( vgl. hierzu: [2] und [3] )

Sie klagte auf Anerkennung ihrer „Ost“–„Ethnie“, was allein schon völlig abenteuerlich ist. Für Plasberg war es ein Skandal, dass der Richter ( der Autor dieses Blogs dankt diesem klugen Juristen für sein richtiges und wichtiges Urteil ) hier angeblich falsch entschied und die Klage abwies. Auch die Gäste an diesem Abend pflichteten ihm bei, allen voran Kurt Biedenkopf und Peter Struck, was Plasberg sogleich belobigte.

Man könnte murmeln, dass da endlich mal ein geistreiches Urteil in einem deutschen Gericht gefällt wird, und schon lamentieren die Götzendiener der Mauer und verdammen den Richter. Was hatte er so schlimmes getan? Er sagte, dass „Ost“–Deutsch–Sein nicht mit einem Minderheitenanspruch einher geht. Er ging soweit, zu sagen, dass es keine spezifische „ost“–deutsche Geschichte gibt. Richtig so! Auch wenn die Frau hier diskriminiert wurde, ist an der Tatsache nicht zu rütteln, dass sie sich schließlich selbst zu einer Minderheit macht, ärgert sie sich doch über das Minuszeichen, nicht das O–Wort. Damit ist das Minuszeichen wiederum berechtigt. Hätte sie sich über das Wort geärgert, wäre das Minuszeichen gleich doppelt auf den Personalchef zurückgefallen. Aber das versteht natürlich nicht jeder, und an diesem Abend hätte es bestimmt keiner begriffen.

Um mal ein Beispiel zu bringen, was erhellend auf die Sachlage einwirken könnte, sagen wir:

Wenn ein Sachse sich mit einem Rheinland–Pfälzer trifft und ersterer sagt, sein Freistaat sei dichter besiedelt als das Heimatbundesland des Pfälzers, kann dieser ihm entgegen, dass die territoriale Gesamtheit des sogenannten „Ostens“ dies nicht sei, und der Sachse muss sich daraufhin entscheiden, ob er auf seinem Argument bestehen will, also aus seiner regionalpatriotischen Überzeugung heraus, sein Bundesland gegenüber dem anderen verteidigen oder aber das Gegenargument akzeptieren und damit seine Regionalität aufgeben. Will er nun als Sachse triumphieren oder als sogenannter „Ost“–Deutscher verlieren?

Einzig Kurt Biedenkopf, vor Jahren Ministerpräsident in Sachsen, hielt Frank Plasberg eine sächsische Identität vor, was selbiger aber sowohl sprachlich als auch mimisch zurückwies. Für Frank Plasberg gibt es wohl wie für so viele Medienleute Bayern, Hessen, Rheinländer, Westfalen, Ostfriesen, Niedersachsen, Saarländer und   ...   „Ost“–Deutsche. An diesen doppelten Dualismus hat man sich bei diesen Leuten schon gewöhnt, heterogen ist der sogenannte „Westen“ und homogen der sogenannte „Osten“.

Die eigentliche Frage ist indes, warum man so tut, als spräche man alljährlich vor dem 03. Oktober von dem Zustand der Deutschen Einheit, reduziert die Gespräche alsdann aber schnell wieder auf die stets ambivalent gehaltenen Zustände in der zweiten deutschen Diktatur, gespickt mit Umfragen, welche eine pessimistische Grundaussage haben.

Eine Fotojournalistin sagte mir vor fünf Jahren, dass „Ostalgie“ ein Milliardengeschäft sei, weswegen man selbige nicht abschaffen werde, darin liegt der Schlüssel, auch zum gecoachten Gesichtsausdruck Frank Plasbergs, der sich nicht nur als „West“–Deutscher profilieren will und für mich nur ein dummer WO–Deutscher ist, sondern auch für seinen Sender ARD dieses Sujet zwingend erhalten muss, weil man im Falle einer abgeschlossenen Einheit nur noch Filme über die Geschichte machen könnte, aber keine politischen Sendungen über die gespaltene Gegenwart, selbst wenn man die Menschen hierzu erst einmal konditionieren muss.

Die Konditionierung ist in vollem Gange, seit zwanzig Jahren reden Moderatoren mit bitterer Miene den Menschen ein, ihre Verwandten, Freunde, Nachbarn, Kollegen, Vorgesetzten oder die Frau an der Käsetheke bei Edeka – alle seien WO – Deutsche. Und damit sich nichts ändert, machen Leute wie Frank Plasberg solche Sendungen – Punkt, aus.

Aber zum Glück ist diese Spalterei am 04. Oktober wieder erstmal kurzzeitig unterbrochen, bis man am 09. November wieder über den Mauerfall diskutiert. Man kann es schon als historischen Glücksfall bezeichnen, dass beide Daten ziemlich nah beieinander liegen, der Bevölkerung der Unfug also im Frühling erspart bleibt.

Wie zum Beweis für die Intension der Medien, moderierte Frank Plasberg aber am Donnerstag, dem 30.09.2010 auch noch eine weitere Sendung zum Thema innere Spaltung, wie der Focus berichtet:

„Das Quiz der Deutschen“ Unverhüllte kleine Genossen

Freitag 30.10.2009, 06:03 · von FOCUS-Redakteur Joachim Hirzel

Die ARD bewirbt die Rate-Schow als „großen Einheits-Check“, kommt aber über eine pubertäre Mischung aus Samenergüssen und Trabi-Motoren kaum hinaus.

Also eines muss man den Machern dieser Sendung, die sich hochtrabend „Das Quiz der Deutschen“ oder auch „Der große Einheits-Check“ nennt, jedenfalls zugute halten: Sie haben die Zuschauer frühzeitig gewarnt. Gleich das erste Rate-Thema demonstriert, auf welchem Niveau sich der selbst erklärte Ost-West-Test bewegt. Zu sehen ist in Einspiel-Filmchen üppig nackte Haut, ober- und unterhalb der Gürtellinie baumelt und wogt es reichlich. Um FKK in der DDR und um Aufklärung in der BRD drehen sich die Fragen.

Dass in den 60er-Jahren im Westen ein Sexualkundenatlas mit dem Irrglauben aufräumen sollte, demzufolge Samenergüsse die geistige Leistungsfähigkeit verminderten, weiß zwar niemand aus dem Ost-Team (Schauspielerin Simone Thomalla, Boxlegende Henry Maske und Moderator Kai Pflaume). Aber darauf kommt es auch gar nicht so sehr an. Entscheidend ist, dass den Damen und Herren bei dem Thema noch der ein oder andere vermeintlich launige Spruch einfällt. Pflaume meint, O**** ( aus humanen Gründen unkenntlich gemacht, Anm. d. Zt. ) seien die besseren Liebhaber, weil man ja nicht so viele Möglichkeiten gehabt habe, seine Freizeit anderweitig zu verbringen. Thomalla nickt bestätigend.

Allein dies ist wieder ein Beispiel zur Konditionierung: Man unterscheidet zwar und wertet, aber damit sich die Idioten, die man konditionieren will, auch diesem Denken gegenüber gefügig zeigen, braucht es ein paar Schmankerl, einige Dinge, auf die WO–Deutsche mit „Ost“–Stolz bezug nehmen können, ihren Stolz zu legitimieren.

110 Minuten auf niedrigem Niveau

Lacher garantieren sollen auch die Antwortmöglichkeiten auf die Frage, mit welchem Spruch die DDR das Nacktbaden in den 50er-Jahren wieder einzuschränken versuchte: a) Verhüllt den kleinen Genossen, b) Nackt wird wieder eingepackt oder c) Schon die Augen der Nation. Falls es interessiert: c) ist richtig.

Damit hat, wie gesagt, die Show schon früh ihr Niveau für den Rest der insgesamt viel zu vielen 110 Minuten gefunden. Auf die Samenergüsse unverhüllter kleiner Genossen folgen so bedeutsame Aufgabenstellungen wie einen Trabi zu starten, die Dialekt-Vokabel Schbeggdäggl zu deuten und ein Torrero-Frühstück zuzubereiten.

Gewonnen hat ... ach, egal!

Nein, das ist kein großer Ost-West-Test, der auch nur irgendetwas über den Zustand der Nation verrät. Das ist eine Mogelpackung, die einfach nur banal ist, und noch nicht einmal unterhaltsam. Denn dazu sind die Teams weder geistreich noch witzig genug.

Nun ja, der Focus wünscht sich selbstverständlich da ein wenig mehr, weil man Angst um das Genre hat, vielleicht werden die Leute dem Stoff überdrüssig, wenn die Darsteller nicht glaubhaft sind? Dass Henry Maske ein in der Birne weich geprügelter Depp ist, der nichts aber auch gar nichts von seiner Aufgabe hier verstanden hat, nämlich als Prototyp des „Ost“–Mannes ( keine Intelligenz / große Fäuste ) ein Klischee wiederzugeben, ist für die Bloßstellung seiner Person eine Grundvoraussetzung, und ebenso entscheidend war die Besetzung von Hans Meyer, dem Fußballtrainer, in der Sendung am Mittwoch, welcher den gleichen Prototyp abgab und damit zur Versinnbildlichung beitrug.

Im Ost-Trio ist Maske ein Total-Ausfall und Pflaume oder Thomalla sind auch nur selten amüsant. Für den Westen treten an und bleiben durchweg farblos-langweilig: Scooter-Frontmann H.P. Baxxter, Schauspieler Walter Sittler und Nachrichtenmoderatorin Judith Rakers.

Und der Moderator? Wie bekommt Frank Plasberg, der bei „Hart aber fair“ vor allem E-Themen abfragt, der Wechsel ins Seichte? Nun ja, er müht sich redlich. Aber: Es wirkt mitunter genau so – bemüht. Dieses Format ist keines, das Plasberg sonderlich liegt. Ein Thomas Gottschalk kann so eine Runde, auch weil er konsequent alle duzt, ganz anders zusammenführen als dies Plasberg vermag. Der „Hart aber fair“-Mann bleibt etwas steif beim „Sie“ und wirkt fast schon erschüttert, wenn seine Promis eine einfache Frage wieder einmal nicht beantworten können. Etwa die, in welchem Jahr Konrad Adenauer als Bundeskanzler abtrat. 1963? Wusste keiner.

Was man beim Focus gern anders hätte, aber ein Faktum ist: Plasberg ist steif, er ist die Steifheit in Person. Er wirkt wie ein Bürokrat, daher nehmen ihn die Leute auch ernst. Dabei ist er auch aalglatt und schmierig, ein fieser Streberling, ein Abschreiber mit dem Gesichtsausdruck eines Denunzianten.

Und wie sollen seine Gäste auch Quizfragen beantworten können, wo diese doch allesamt auch ihre Aufgabe als Statisten in einer Hypnoseshow nicht begreifen sollen? Nochmal: Wenn es darum geht, die Bevölkerung auf „Ostwest“ einzustimmen, braucht man keine geistigen Überflieger, die vielleicht eine kritische Frage stellen könnten. Auch ist nicht anzunehmen, dass ein intelligenter Mensch aus dem Showgeschäft hier mitmachen würde, eh sein denn, er ist sich seines schändlichen Tuns so vollends bewusst, dass er im Sinne des Senders aktiv als gesellschaftlicher Spalter agiert.

Die bemitleidenswerten Kandidaten waren offensichtlich nur Statisten, die man beliebig steuern konnte.

Gewonnen hat am Ende übrigens das Ost-Team. Aber auch das kann man getrost sofort wieder vergessen, weil es leider überhaupt keine Bedeutung hat. Wenn es für die letzten beiden Wettbewerbe so viele Punkte gibt, dass die Ergebnisse der Vor-Vor-Vor-Vor-Runden überhaupt keine Rolle mehr spielen, so soll dies die Sieger-Kür bis zuletzt offen halten und für Spannung sorgen. Tatsächlich aber führt es die ganze Veranstaltung ad absurdum. Was, wenn man so will, zu dieser misslungenen Show schon wieder ganz gut passt. [4]

Zum Abschluss soll noch ein etwas weiterer Blick auf die Person des Moderators dessen generelle und innere Haltung etwas erhellt werden. Denn das Umfeld eines Menschen spielt eine Rolle bei der Beurteilung seiner Persönlichkeit, wird diese doch von vielen Faktoren beeinflusst, die man als Außenstehender nicht kennt und somit auch nur schwer einschätzen können wird.

Wer denn immer noch glaubt, bei Frank Plasberg handele es sich um einen rationalen und objektiven Journalisten, dem sollte folgendes zu denken geben. Schauen wir einmal in sein Privatleben. Seine Ehefrau Anne Gesthuysen schrieb ein Vorwort für ein Buch der Autorin Petra Niemeyer, welches im Mankau–Verlag erschien. Auf einer Website, welche dem Bekanntmachen neuer Publikationen dient, stellt der Inhaber die Bücher für den Herbst 2010 vor:

Liebe Bücherfreunde,

immer mehr Menschen vertrauen auf das Jahrtausende alte Wissen von Naturvölkern zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte. Nach dem überwältigenden Erfolg der Ratgeber-Reihe „Medizin zum Aufmalen“ wendet sich unser Programm nun einem weiteren Zweig der Schwingungsmedizin zu, der auf uraltem Wissen basiert: der Phonophorese.

• Die heilende Kraft der Planetenschwingungen: Die sanfte Stimmgabel-Therapie mit Planetenfrequenzen, das zugrunde liegende Wissen und verschiedene Praxisbeispiele erläutern Inge Schubert und Thomas Künne in ihrem Grundlagenwerk zu Theorie und Praxis der Phonophorese.

• Heilen mit dem kosmischen Ton: In ihrem Einsteiger-Buch stellen Roswitha Stark und Thomas Künne zahlreiche praktische Anwendungsmöglichkeiten zur Stärkung des menschlichen Organismus und zur Heilung vielfältiger Beschwerden vor und bieten erstmalig einen persönlichen Resonanztest.

Auch unsere weiteren Neuerscheinungen möchte ich Ihnen ans Herz legen:

• Krebszellen mögen keine Sonne: Die renommierten Vitamin-D-Experten Prof. Dr. Jörg Spitz und Dr. William B. Grant zeigen, wie wichtig Sonnenlicht für unsere Gesundheit ist und wie durch das Sonnenhormon Vitamin D die Entstehung von Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Multiple Sklerose vermieden oder deren Verlauf günstig beeinflusst werden kann.

• Der Psychocoach: Im achten Band seiner populären Ratgeber-Reihe widmet sich Diplom-Pädagoge Andreas Winter der Kindererziehung. Vor dem Hintergrund des bewährten Psychocoach-Ansatzes provoziert er mit der These: Zu viel Erziehung schadet!

• Kartenset „Medizin zum Aufmalen“: Symbole bieten bildhaft codierte Informationen und können heilende Impulse auf körperlicher und emotionaler Ebene geben. Das Kartenset zur Bestseller-Reihe „Medizin zum Aufmalen“.

• Natürlich rauchfrei!: In der zweiten Auflage ihres Nichtraucher-Ratgebers stellt die bekannte Medizinjournalistin und ehemalige Kettenraucherin Petra Neumayer eine Palette an natürlichen Methoden und alternativen Heilverfahren vor, die Sie auf Ihrem Weg zum fröhlichen Nichtraucher unterstützen.

Viel Freude mit unserem Herbstprogramm!

Mit herzlichen Grüßen aus Murnau am Staffelsee

Ihr

Raphael Mankau

Geschäftsführer

Wie man leicht erschließt, ist dies ein Esoterikverlag, eine Szene, von der man sich klar distanzieren sollte, wenn man objektiven Journalismus ausüben möchte.

Auf Seite 17 der pdf – Datei heißt es:

„Sie werden viele unkonventionelle und nützliche Tipps finden.“

Anne Gesthuysen, Fernsehmoderatorin,

in ihrem Vorwort zur 1. Auflage [5]

In einem Esoterikforum wird zu diesem Buch noch etwas mehr gesagt:

Beschreibung:

Neumayer, Petra

Nichtraucher - aber bitte für immer! Schon 1000-mal probiert? So bleiben Sie rauchfrei! 1. Aufl. 2006, 105 Seiten

"Just be smokefree" entlockt Ihnen nur ein müdes Lächeln? Botschaften über den fröhlichen Nichtraucher machen Sie aggressiv, und nichts ist easy? Dann ist dieses Buch das Richtige für Sie!

Die Zeit heilt alle Wunden - aber nicht die des Ex-Rauchers. Überlassen Sie also nichts der Zeit, sondern unterstützen Sie sich selbst, um nicht nur für ein paar Tage Nichtraucher zu bleiben.

Dieser kompakte und alternative Ratgeber bietet wirkliche Hilfe an, denn er spricht Ihnen aus der Seele: Ein Mix aus schonungsloser Wahrheit und effektiven Methoden lässt den Qualmer tatsächlich zum fröhlichen Nichtraucher werden - forever! Zugegeben, viele Tipps sind ungewöhnlich - sie reichen vom Luftzigarettenrauchen bis zum Tangotanzen.
Aber hier zählt allein das Motto: Wer hilft, hat Recht!

Angelika Gräfin Wolffskeel von Reichenberg (Schüßlersalze) und Prof. Dr. Franz Ruppert (Familienstellen) haben für das Buch eigene Kapitel verfasst. Das Vorwort entstammt der Feder der Fernsehmoderatorin Anne Gesthuysen.

Die Medizinjournalistin und Buchautorin Petra Neumayer war viele Jahre lang exzessive Kettenraucherin. [6]

Schüßlersalze und Familienstellen ( NLP ! ) sind sicher keine vertrauensbildenden Worte, welche die obskure Mischung des Inhaltes eines Buches bilden, zu welchem Frau Gesthuysen, die Ehefrau von Frank Plasberg, das Vorwort schrieb.

Vielleicht ist es weit hergeholt, da er diesem Treiben seiner Frau auch persönlich kritisch gegenüber stehen kann, aber es gehört zum Verständnis der Person eines Frank Plasbergs, den sein Publikum für einen grundehrlichen Zeitgenossen halten will, dessen Nähe zur Esoszene hier aber erwähnt werden muss.

 

Quellen:

[1] http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2010/20100929.php5?akt=1

[2] http://www.blogigo.de/thueringen_im_sueden/Ein-kluger-Richter-sagt-Nein-zur-Ostalgie-und/116/

[3] http://www.blogigo.de/thueringen_im_sueden/Namen-welches-Volkes-Eine-sehr-skurrile-Klage/97/

[4] http://www.focus.de/kultur/kino_tv/focus-fernsehclub/das-quiz-der-deutschen-unverhuellte-kleine-genossen_aid_447492.html

[5] http://www.brocom.de/vorschauen/vs_mankau.pdf

[6] http://www.esopoint.com/Neumayer-Petra-Nichtraucher-aber-bitte-fuer-immer

 

 

 

19.09.2010 um 20:09 Uhr

Polarisierung und Polemik – Was Wulff, Vogel und Stolpe gemeinsam haben

Ein Bundespräsident soll integrieren. Dies soll er, seine vornehmliche Aufgabe sei es, die Menschen für ein freudiges Miteinander zu gewinnen. Doch wenn ich an Christian Wulff denke, komme ich ins Grübeln. Der nette Schwiegersohn von nebenan mit der eiskalt dreinschauenden Frau, die ganz unscheinbar eine Tätowierung zur Schau trägt, welche einen stilisierten Teufel zeigt, der seine erste Ehefrau verließ, um eine Patchworkfamilie aufzumachen, sich nie zu einer Meinung durchringt, sondern wie ein vorauseilender Gewehrsmann der Kanzlerin agieren möchte, wirkt suspekt.

Nun ist wieder einmal Vereinigungszeit und Herr Wulff erklärt, was im Grunde Konsens in Deutschland ist. Aber man sollte seine Aussage bei de.news.yahoo.com genau lesen:

Wulff ruft Ost- und Westdeutsche zu gemeinsamer Zukunft auf

Zwei Wochen vor dem 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober hat Bundespräsident Christian Wulff dazu aufgerufen, "Trennungen in den Köpfen zu überwinden". "Jetzt ist es an der Zeit, in Deutschland eine gemeinsame Zukunft zwischen Alt und Jung, zwischen Ost und West, zwischen Zugewanderten und Alteingesessenen anzugehen", sagte Wulff.

Was heißt hier „zwischen“? Das Wort „zwischen“ sollte man hier, da er es dreimal verwendet, genauer betrachten. Einerseits enthält dieses Wort die Silbe „zwi“, also „zwei“, und andererseits ist hier stets auf die beiden polarisierenden Begriffe verwiesen worden. Dabei nennt Wulff die im schlechten Sinn konnotierten Wörter immer zuerst, die im guten Sinn konnotierten Wörter erst danach, beide folgen dem eingeschobenen Wörtchen „zwischen“, was eine Schwarz–Weiß–Sicht nahe legen kann:

schlechtes Renommee

gutes Renommee

alt

jung

ost

west

Zugewanderte

Alteingesessene

In der Betonung der Unterschiede liegt der eigentliche Schlüssel seiner bipolaren Weltsicht. Man soll zur eigenen Klassifizierung erst genötigt werden, um sie danach wieder zu überwinden, welches an sich schon ein Unding darstellt. Man soll sich zuordnen, um dann mit dem anderen klarzukommen, welcher sich der entgegengesetzten Seite zugehörig fühlen soll. Bei 82 Millionen Individuen in Deutschland jedem einzelnen diese Begriffe und Kategorien als Norm zu präsentieren, ist allein schon ein riesiger Frevel.

Schaut man auf den einzelnen Menschen oder seine politisch vorgegebene Minderheit, seinen Status, welcher die Person ersetzt? Die Polarisierung auf Klischeebilder behindert die persönliche Wahrnehmung, das Einfühlen in einen Menschen, man sortiert, lernt nicht die Ecken und Kanten kennen, wenn man schnöde jedem seine Gruppe zuordnet.

Seine Begegnungen mit den Menschen in den neuen Ländern hätten ihn darin bestärkt, "dass wir vor allem über die Zukunft Deutschlands reden sollten, statt vornehmlich zurückzublicken, dass viele Menschen die Unterteilung in Ost und West für überholt halten", sagte Wulff der "Super Illu".

Er spricht also von sogenannten „neuen Ländern“, immer noch, während er erwähnt, dass die Menschen ( nicht irgendwo, sondern wiederum aus diesen ominösen „neuen Ländern“ ), diese Betrachtung ( mittlerweile ? ) ablehnen. Das Interview gibt er dem „Ost“–Blatt der Regenbogenpresse, welches sicherlich nur von Personen mit gestriger Einstellung gelesen wird. Wenn es aber „überholt“ ist, warum betont er dann diese Begriffe? Wäre da nicht ein klarer Sprachduktus erforderlich, der sich wehrt, die Polarisierung heftig angreift und sich einem Paradigmenwechsel stellt?

Indem er auf diesen verzichtet, nimmt man vielleicht zu schnell und freudig seinen Erkenntnisgewinn von der „Überholtheit“ zur Kenntnis. Da er indes sprachlich die alten Floskeln bedient, nimmt er dieser Erkenntnis aber gleich die Brisanz, vor allem, wenn man weiterliest:

Ihm liege besonders am Herzen, dass es in allen Teilen Deutschlands gleiche Chancen auf Bildung, auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und auf beruflichen Erfolg gebe. "Ein Schlüssel zur Zukunft liegt dabei in den hervorragenden Hochschulen in den ostdeutschen Ländern", sagte Wulff. Sehr vielversprechend seien auch "die Bemühungen der ostdeutschen Bundesländer, jungen Leuten, die bereits in den Westen abgewandert sind, eine Rückkehr-Perspektive zu eröffnen". [1]

Hier versucht er sich wieder als zwanghaft pedantischer Polarisierer. Wer aber dem einen gefallen will, wird dem anderen Unrecht tun müssen. Und wenn der eine gar nicht der eine sein kann, weil ihm die Unterscheidung zuwider und die Begriffe zu abgegriffen sind? Dann verliert der bipolar denkende komplett seinen Rückenhalt.

Außerdem fragt sich der Leser, warum in einem komplett durchwanderten Deutschland, wo niemand sich mehr seines Wohnortes sicher sein kann, gerade diejenigen an ihren Geburtsort zurückkehren sollen, welche in bestimmten Regionen aufwuchsen. Natürlich steht dem prinzipiell nichts im Wege, darf dies sein und kein Mensch hat ein Recht, dies infragezustellen. Aber genauso gut dürfen auch andere in diese Regionen ziehen. Das Wort „Rückkehr“ ist schon wieder verdächtig anbiedernd ostalgisch.

Seine Kollegen sind da allerdings auch nicht besser. Im Grunde bleibt es merkwürdig, wie vergangenheitsorientiert deutsche Politiker denken. Es ist schon skurril, dass sich Regierungsvertreter diverser Bundesländer regelmäßig verabreden, um über etwas debattieren zu können, was längst historisch betrachtet werden müsste.

So trafen sich am 16.09. diesen Jahres die Regierungschefs der leider auch von diesen Leuten so betrachteten sogenannten „ost“–deutschen Bundesländer zum Reden. Die Thüringer Allgemeine schreibt:

Meinungen

Thüringer Ex-Regierungschefs beim "Gipfeltreffen Ost"

Zehn ehemalige Ministerpräsidenten aus den Gründerjahren der neuen Länder trafen sich am Donnerstag im Bundesrat zu einem "Gipfeltreffen Ost", zu dem die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) und der MDR eingeladen hatten.

Berlin. Thomas Krüger war zwar "nur" für die SPD Innensenator von Berlin, was ihn aber nicht davon abhielt, etwas sehr Bedenkenswertes zu sagen. Der Chef der BPB wies in einem Nebensatz darauf hin, dass Bayern und Baden-Württemberg zumindest die demografischen Gewinner der Einheit wären. Dorthin wären die meisten Ostdeutschen mit hoher Bildung gezogen. Udo Reiter, Intendant des gastgebenden Senders ergänzt, dass es in Bayern wohl keine Schankwirtschaft ohne eine sächsische Bedienung mehr gäbe.

Wenn demnach diese Typen schon bekannte Klischees wiedergeben, wenn sie daran glauben und sie thematisieren, um sich für solche Treffen zu rechtfertigen, wenn sie – die Intendanten und Chefs der Bundeszentrale für politische Bildung – zu den Spaltern bekennen, besetzen eindeutig die falschen Leute Ämter, von denen aus die Meinung im Lande gesteuert wird.

Aber bevor der theoretische Faden von Demografie und Demokratie weitergesponnen wird, kommt eine Klassentreffenstimmung auf. Zehn ehemalige Ministerpräsidenten stellen sich den Kameras, was als ein historisches Ereignis gelten kann.

Werner Münch schied 1993 nicht freiwillig aus dem Amt und hatte geschworen, nie wieder einen Fuß auf sächsisch-anhaltinischen Boden zu setzen. Zumindest hat der Berater der aserbaidschanischen Regierung seinen Frieden mit der mecklenburgischen Ostseeküste geschlossen, wo er eine Bleibe besitzt. Die drei Thüringer Ex-Ministerpräsidenten sind diszipliniert erschienen.

Peinlich genug, dass diese überhaupt so dieser Runde der Gestrigen gefahren sind. War es nötig, darf man nicht auch „Nein“ sagen?

Während der Eröffnungsrede setzt sich Bernhard Vogel neben Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD). Zufall meint dann Vogel. Nach kurzem Überlegen räumt er ein, dass dies wohl vielleicht auch nicht so sei. Die ostdeutschen Ministerpräsidenten wären immer über die Parteigrenzen hinweg eine verschworene Gemeinschaft gewesen.

Jetzt gibt mir Bernhard Vogel einen guten Grund mein Kreuz, welches ich ihm damals ohne Scheu gab, ernstlich zu bereuen. Was soll das heißen: „Eine verschworene Gemeinschaft“? Wikipedia.de sagt zu Manfred Stolpe:

Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit

Während seiner Tätigkeit in der Kirchenleitung in der DDR hatte Stolpe regelmäßige Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit. Nach seiner eigenen Aussage waren alle diese Kontakte im Interesse und Sinne der Kirchenmitglieder; Kritiker hingegen meinen, er habe Kircheninterna und Informationen aus der DDR-Opposition verraten. Oppositionskreise der DDR waren überzeugt, dass Stolpe mit der Stasi zusammenarbeitete. Die Realisierung von Ausreiseanträgen brachten sie mit seinem Namen in Verbindung. Seine Tätigkeiten sind umstritten. Manche Vorwürfe werden als haltlos angesehen. Kritiker jedoch meinen, er hätte sicherlich „nicht ohne Grund“ 1978 die Verdienstmedaille der DDR in einer konspirativen Wohnung der Staatssicherheit erhalten. Er hätte der Stasi seine ablehnende Haltung gegenüber Jugendlichen vorenthalten, die die DDR verlassen wollten. Außerdem hätte er geschwiegen über seine, innerhalb der Kirche nicht unumstrittene, vermeintliche Anbiederung an die SED.

Das Bundesverfassungsgericht (Az: BvR 1696/98) entschied im Oktober 2005 im Rahmen einer Aufhebung eines Urteils des Bundesgerichtshofs aus dem Jahre 1998, dass eine Bezeichnung Stolpes als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter oder „Inoffizieller Mitarbeiter“ nicht zulässig sei. Die Stasi-Unterlagenbehörde verwies allerdings umgehend darauf, dass sich das Urteil lediglich auf „eine Äußerung im politischen Meinungsstreit“ beziehe und bekräftigte nochmals, dass Stolpe - wie in einem Gutachten aus dem Jahre 1992 festgestellt wurde - unabhängig von der Tatsache, ob er je als Mitarbeiter rekrutiert worden sei, als IM „Sekretär“ und über 20 Jahre hinweg als „ein wichtiger IM im Bereich der evangelischen Kirche der DDR“ in den Akten der Staatssicherheit geführt worden sei. Spätere Aktenfunde, zuletzt 2003, hätten diese Bewertung weiter untermauert. Nach seiner eigenen Aussage hat Manfred Stolpe wissentlich niemandem durch seine Kontakte zur Stasi geschadet. [2]

Wer verschwört sich hier also mit wem? Herr Vogel war Ministerpräsident in Rheinland–Pfalz und in Thüringen, Mitglied der CDU und sitzt gern neben Herrn Stolpe?

Da ihn mit dem Brandenburger die längste gemeinsame Dienstzeit verbinde, sei die Platzierung wohl doch eine gewisse Absicht gewesen. Auch Dieter Althaus (CDU) hätte sich garantiert neben Stolpes Nachfolger platziert, denn mit "dem Matthias war es immer gut", wie er unserer Zeitung sagt. Aber Platzeck (SPD) musste gestern in Potsdam in schwerer politischer See regieren.

Auch mein Kreuz bei Herrn Althaus nehme ich dann mal zurück.

[...]

Die Zahl von 150 Zuhörern reizten die politischen Haudegen, ein paar Schnurren preiszugeben. So wurde Münch während seiner Amtszeit in Sachsen-Anhalt von einem Westdeutschen gefragt, wie er sich denn in Erfurt fühle. "Ich weiß nicht, wie ich mich in Erfurt fühle", antwortete der perplex. Die Gegenfrage lautete: "Bist du denn nicht Regierungschef in Sachsen?"

Zwei echte Ex-Ministerpräsidenten von dort ließen sich entschuldigen. Kurt Biedenkopf (CDU) soll sich auf einer Kreuzfahrt befinden und sein Nachfolger Georg Milbradt (CDU) meldete sich krank. Spitze Bemerkung eines Teilnehmers: beiden Erzrivalen würde wohl immer noch keine Tour zu weit sein, nur um sich aus dem Weg zu gehen.

Meine Hochachtung möchte ich heute niemandem mehr unverblümt aussprechen, indes lese ich gern, dass es zwei Personen geschafft haben, hier fern bleiben zu dürfen. Warum die anderen hingegangen sind und sich dort zu einem netten Gespräch trafen, wo der Unionist dem Kommunistenversteher von der SPD die Hand schüttelt, wo man sich als „verschworene Gemeinschaft“ wertet, warum man damit deren Wähler brüskiert und nur an der Ostalgiebasis Verständnis erhoffen kann, sollte zum einen den Bürger verdutzen und zum anderen noch mehr in den bestehenden Parteienfrust treiben.

Das "Gipfeltreffen Ost" wird der Fakten-Steinbruch für Historiker sein, denn zwei Jahrzehnte reichen, um Dinge völlig zu vergessen. So gab es bei der Länderbildung damals die Idee, aus Thüringen und Hessen das Land Hessingen zu kreieren. Das scheiterte genauso wie ein Neufünfland, weil so etwas weder mit Sachsen noch mit Thüringern gemeinsam zu machen gewesen wäre.

[...]

Wolfgang Suckert / 17.09.10 / TA [3]

Ach wäre es nur so gekommen! Ein Hessingen würde den Menschen in dem vereinten Land gut tun. Gäb es da noch ein Niedersachsen–Anhalt und ein Schleswig–Vorpommern, wo wäre der Leichtsinn der Mauerfetischisten, die so frei die Zukunft verspielen.

Auch einem Christian Wulff würde die Integration zwischen den von der Polarisierung betroffenen nicht abverlangt, denn Deutschland hätte das Problem nie gehabt.

Quellen:

[1] http://de.news.yahoo.com/2/20100919/tts-wulff-ruft-ost-und-westdeutsche-zu-g-c1b2fc3.html

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Stolpe#Kontakte_zum_Ministerium_f.C3.BCr_Staatssicherheit

[3] http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Meinungen-Thueringer-Ex-Regierungschefs-beim-Gipfeltreffen-Ost-242155768

 

12.09.2010 um 23:54 Uhr

Welt Online: Eine erneute Wiederaufbereitung der Ost–West–Klischees

Die größte Angst, welche die Journalisten umtreibt, ist die, dass ihnen ihre Minderheiten einmal abhanden kommen könnten. Dies verbindet sie mit den Politikern der linken Seite, welche die Minderheiten betonen wollen, und indirekt den Konservativen, welche die Bedeutung der Minderheiten aus deren Minderwertigkeit heraus ableiten wollen.

Das Problem bei der Verunglimpfung von Menschen innerhalb der Minderheitenideologie ist vor allem aber gerade diese Verteidigungsstrategie, die Gruppe auch mit sympathischen Eigenschaften zu belegen, was nicht zu einer Auseinandersetzung über die Thematik, sondern nur zu einem Streit der Minderheiten führen kann.

Wenn man als Individuum wahrgenommen werden möchte, darf man sich nicht auf dieses Spiel einlassen. Die Journalisten denken indes nur in groben Strukturen und können wohl nicht anders, als ihre Minderheiten zu pflegen, auf dass sie ihnen nicht abhanden kommen können.

In den Medien liest man häufig von Vorurteilen, von Minderheiten und ihren Eigenschaften. Andererseits sind es diese Minderheiten, welche erst durch die Medien zu ihrem Wesen gelangen. Wenn ein Mensch sich gegen die Zugehörigkeit zu einer Minderheit entscheidet, so ist dies seine höchst private Angelegenheit.

Ist man indes als Angehöriger sofort erkennbar, neigt der Mensch dazu, sich zu arrangieren. Er muss eine Identität finden, welche seiner angeborenen nicht eigen ist, sich anpassen, verändern, um nach außen sein Selbstwertgefühl darstellen zu können. Das Problem ist dabei, dass jeder Mensch dabei so individuell ist, dass eine Anpassung in vollständiger Verleugnung seiner Person münden kann, ihn als Subjekt entmündigt.

Die Herkunft als sogenannter „West“– oder „Ost“–Deutscher ist dem einzelnen in der Regel nicht anzusehen. Weder die Sprache noch die Ansichten zeigen auf, wo man geboren ist, es sei denn, man legt Wert darauf. Dann wiederum ist immer noch nicht klar, ob derjenige ein Regionalpatriot oder ein Anhänger der Spaltungsidee ist.

Auch in diesem Artikel der Welt vermisse ich wieder den Respekt vor dem einzelnen Menschen und seiner individuellen Persönlichkeit. Man tut so, als gäbe es diese gar nicht, müsse der Mensch sich seine Persönlichkeit „erarbeiten“, sei sie zudem von äußeren Zwängen abhängig. Ist der Autor des Springerkonzerns eine Kreuzung aus Jean–Paul Sartre und Georg Büchner?

Meinung, 11.09.10

Ost-West-Vorurteile

Nur nackt sind alle Deutschen gleich

20 Jahre nach der Wiedervereinigung tun viele immer noch so, als wohnten in Ost und West unterschiedliche Stämme. Die alten Klischees halten sich.

von Klaus Schroeder

Die Deutschen jammern, fluchen oder jubeln inzwischen über vieles gemeinsam, und auswärtige Gäste vermögen kaum noch Unterschiede zwischen ehemaligen Bundes- und DDR-Bürgern zu sehen. Doch unter dieser vermeintlich einheitlichen Oberfläche schlummern noch nachwirkende Kräfte des Lebens in gegensätzlichen Systemen, die das Zusammenwachsen behindern. Viele neue Bundesbürger sind nach wie vor infiziert vom mentalen Gift der sozialistischen DDR, viele alte Bundesbürger trauern weiterhin vergangenen Zeiten nach, sodass ein gemeinsamer Neuanfang in vielen Bereichen blockiert wurde.

Hier erfolgt vernunftmäßig schon ein prinzipieller Einspruch: Was soll ein „gemeinsamer Neuanfang“ bedeuten? Gemeinsam heißt, dass es mindestens zwei sind, zwei Gruppen, die der Autor getrennt wahrnimmt. Und wieviele „viele alte Bundesbürger“ sind und ob diese wirklich im Schnitt älter sind als der Rest der deutschen Bevölkerung lässt der Welt - Autor Klaus Schroeder zudem auch noch offen.

Dabei geht es nicht um die Säulen der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Ordnung, die sich in vierzig Jahren Bundesrepublik bewährt haben, sondern um eine Neujustierung ihres Zusammenwirkens und ihrer Triebkräfte.

Ein gemeinsamer Aufbruch, der Zusammengehörigkeit hätte stiften können, ist bisher ausgeblieben. Überwunden geglaubte Stereotypen über den jeweils anderen aus geteilten Zeiten (gefährlicher Kommunist versus böser Kapitalist) und das Wiederaufleben alter Mentalitäten prägen bis zu einem gewissen Grad weiterhin die beiden in Umrissen immer noch vorhandenen Teilgesellschaften und behindern das weitere Zusammenwachsen. Der geistige Zustand der Nation reicht bisher nicht zur Bewältigung der Herausforderungen, vor denen Deutschland steht. Zu stark prägt die Vergangenheit – der Blick zurück auf die vermeintlich guten Zeiten – die öffentlichen Debatten. Wer hätte am 10. November 1989 vermutet, dass wir knapp 21 Jahre später nach wie vor von Ost und West, von Menschen „zweiter Klasse“ oder von Jammer**** und Besser*****  ( aus humanen Gründen unkenntlich gemacht, Anm. d. Zt. ) sprechen?

Fehlende Souveränität im Umgang mit öffentlicher Kritik

Die Deutschen in Ost und West – zumindest eine beträchtliche Anzahl von ihnen – sind sich auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung noch fremd geblieben und sehen die Einheit stark interessengeleitet. Obschon Westdeutsche überwiegend die hohen Kosten der Vereinigung tragen und in den vergangenen zwanzig Jahren Wohlstandseinbußen hinnehmen mussten, blieben die Kritik an der Vereinigung und die Beurteilung der Ostdeutschen eher verhalten. Mehrheitlich zeigen sie sich desinteressiert an der Vereinigung (und den Ostdeutschen) und nehmen die Folgen der Wiedervereinigung nachgerade fatalistisch hin. Unterschwellig jedoch dürfte vor allem in strukturschwachen Regionen bei vielen Westdeutschen Unverständnis gegenüber dem hohen Grad an Unzufriedenheit im Osten vorherrschen. Besonders die Selbstverständlichkeit, mit der ihre Landsleute die jährlichen milliardenschweren Transfers betrachten, stößt vielerorts auf Kopfschütteln.

Was heißt die Floskel „ [...] jedoch dürfte vor allem [...] “? Es geht dem Autor um Mutmaßungen, anders ließe sich auch kein solcher Artikel schreiben.

Hier schreibt also ein Skeptiker darüber, dass er die Skepsis überall wittert, was fast peinlich erscheinen würde, wenn er nicht die Mehrheit seiner Zunft hinter sich wüsste, was man fraglos anhand von zahllosen Beispielen aus anderen Zeitungen beweisen könnte.

Es sind diese Bestandsaufnahmen dieser Mutmutmaßungen, welche meinungsbildend wirken sollen, man kann nichts anderes annehmen, da dieser Text unter der Rubrik „Meinung“ einen reinen Kommentar der Branche abbildet und gerade keine Schlagzeile der Tagespolitik ist.

Auf westdeutsche Kritik reagieren viele Ostdeutsche überaus sensibel. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt kritischer Äußerungen fühlen sie sich missverstanden oder sogar diffamiert, auf jeden Fall aber ungerecht behandelt. Vor allem Erfahrungsberichte von in den Osten umgesiedelten Westdeutschen, die die vermeintliche Unkultiviertheit der Einheimischen, ihre Subventionsmentalität und Undankbarkeit kritisierten, lösten stets helle Empörung aus. Die fehlende Souveränität im Umgang mit öffentlicher Kritik, die es in der DDR nicht gab, kennzeichnet bis heute viele Kontroversen um die Vereinigung und ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Folgen.

Dieser Abschnitt ist reine Polemik. Dass dahinter ein Gedanke zweier Bevölkerungsgruppen steht, ist wohl unstrittig. Was ist nun, wenn man den ersten Satz nimmt und sagt: „Ich bin kein sogenannter „Ost“–Deutscher!“ Ist dies das auch schon eine sensible Reaktion? Ist man empört, wenn man zu einer Minderheit zusammengefasst wird und sich dagegen verwehrt? Beweist man „fehlende Souveränität“, wenn man sich als freier Mensch verstanden wissen will und sowohl das W–Wort wie das O–Wort mit dem N–Wort vergleicht?

Diese „fehlende Souveränität“ ist der Schlüssel zum Verständnis der rotweintrinkenden Journalismuskaste. Wer die Contenance bewahren und vernünftig argumentieren kann, entscheidet der Umstand, wie angesehen man bei seinem Gegenüber ist.

Es geht mir seit zwei Jahrzehnten etwa so, dass ich sofort, wenn ich „Westen“ oder „Osten“ höre, mich an einige verleumderische Stereotype erinnere, welche sich im Laufe der Jahre nun zu zwei Bildern von Menschen herausbildeten. Diese existieren wohl kaum in der Wirklichkeit, werden aber gedanklich wachgerufen, wenn jemand eine dieser beiden Himmelrichtungen nennt.

Überhaupt: Darf man nicht als definierter sogenannter „West“–Deutscher genauso sensibel reagieren, wenn jemand „Kritik“ von ostalgischer Seite üben will? Besitzt jeder Mensch mit sogenannter „west“–deutscher Herkunft diese „Souveränität“, von welcher der Autor spricht? Kann man in einer Gruppe von Separatisten nicht immer das Gefühl der Einsamkeit bekommen, welches eine souveräne Reaktion unmöglich macht?

Mein Eindruck ist, dass der Autor nicht nur selbst ein überzeugter Separatist sein muss, sondern auch die Wertigkeitsgedanken der Spalter eins zu eins übernommen hat. Sonst wäre ihm letztere Frage wie mir in den Sinn gekommen und er hätte eine Antwort gesucht.

Souverän reagiert ein Mensch, wenn er sich ernst genommen und geachtet fühlt. Unter Mauerfetischisten fühle ich mich weder das eine noch das andere. Dort ist es egal, wo ich geboren bin, ich verbleibe hinter einer Mauer, welche mich von anderen trennt.

Unter Gegnern der Mauerfetischisten ist es genauso egal, wo ich geboren bin, aber hier bin ich zudem ein Individuum, eine Person, die man ablehnen oder annehmen kann, mein Charakter steht im Zentrum, nicht die Herkunft.

Wird ein Bürger nun souverän antworten, so er gefragt wird, warum seine Halbstaatsgenossen nach Ansicht von Klischeegläubigen so merkwürdig sind? Diese Affronts nicht zu registrieren, hat viel mit Überheblichkeit und Ostweststolz zu tun, Eigenschaften, welche jeden Dialog zwischen zwei Menschen so stark überlagern, dass eine Auseinandersetzung nicht mehr möglich ist.

Die Fähigkeit zum souveränen Reagieren und auch bloß zum souveränen Agieren kann somit nicht erwartet werden, wenn man den vermeintlich Fremden brüskiert, wenn man ihn oft mit der Erwartungshaltung begegnet, er solle doch irgendwie ein Vorurteil bestätigen oder zumindest sich dazu bekennen, dass er es ab und zu bedient.

[...]

Falsche Vorstellungen der Lebenswirklichkeit auf beiden Seiten

Fast alle Ostdeutschen hatten 1989/90 ein falsches Bild von der alten Bundesrepublik, das erstaunlicherweise immer noch nachwirkt. Sie unterschätz(t)en die soziale, politische und kulturelle Differenziertheit ebenso wie das sozial und regional ungleich verteilte Wohlstandsniveau. Darüber hinaus haben sie eine teilweise unzutreffende Vorstellung von den inzwischen an westeuropäischen beziehungsweise US-amerikanischen Vorbildern orientierten Lebensweisen und -stilen der meisten Westdeutschen.

Wieder schreibt er über „fast alle“ und die „meisten“. Er schreibt auch nicht, dass er denke und mutmaße, glaube oder meine, er behauptet:

  • sie unterschätzen
  • sie unterschätzten
  • sie haben

usw.

Was glaubt er eigentlich, wer diesen seinen Text lesen soll?

Andererseits hatten auch die meisten Westdeutschen eine falsche Vorstellung von der Lebenswirklichkeit in der DDR. Der marode Zustand der Wirtschaft war ihnen ebenso wenig bekannt wie die flächendeckende Arbeit der verschiedenen „Sicherheitsorgane“.

Auch dies ist nur eine verrückte Behauptung, welche von der Bevölkerung nur mit Unverständnis geahndet werden kann. Jeder konnte es wissen und wer es wissen wollte, wusste es auch. Es gab damals nicht nur die Aufklärung in den Zeitungen und dem Fernsehen, welche zu dieser Zeit noch objektiver waren, sondern auch Kinofilme und Bücher, wie das von Ralph Giordano „Die Partei hat immer recht“, welche in einem Zustand der Spannung zwischen den Systemen auch stärker Beachtung gefunden haben als dies heute vorstellbar erscheint.

Zusätzlich zu generellen systembedingten Unterschieden hinkte die DDR-Gesellschaft der westdeutschen in vielerlei Hinsicht um mehr als zwei Jahrzehnte hinterher. Die ostdeutsche Gesellschaft war – und ist zum Teil immer noch – ländlicher und vor allem proletarischer.

Abgrenzung kompensiert mangelndes Selbstbewusstsein

Einige ostdeutsche Umgangsformen und Verhaltensweisen erinnerten zumindest Anfang der neunziger Jahre an entsprechende westdeutsche der sechziger Jahre. Da die DDR aus der Sicht der Bundesrepublik eine „Vor-68er-Gesellschaft“ war, erschienen die Ostdeutschen vielen Westdeutschen als kleinbürgerlich und spießig, umgekehrt Westdeutsche vielen Ostdeutschen als großspurig und selbstgerecht. Die wechselseitigen Vorurteile haben sich im Laufe des Vereinigungsprozesses eher verfestigt als aufgelöst. Vor allem die neuen Bundesbürger betrachten die alten weiterhin mit Argwohn und verfügen – anders als viele Westdeutsche – über ein durchweg positives Selbstbild. Binnen weniger Jahre hat sich nach der Vereinigung eine ostdeutsche Identität herausgebildet, die es zu DDR-Zeiten so nicht gab. Dabei handelt es sich vornehmlich um eine Abgrenzungsidentität, die bei vielen ein mangelndes Selbstbewusstsein kompensiert.

Wer sind diese „neuen Bundesbürger“? Diverse Neugeborene sind es wohl nicht, auch wenn man zuerst daran denkt. Die Verfestigungsabsicht des Schreiberlings bezüglich der von ihm abgezählten Vorurteile ist auch hierin zu erkennen.

Man gibt hier zwar auch zu, dass es keine DDR–Mentalität gab, aber behauptet frech, dass es nunmehr seit einigen Jahren eine Ersatzrealität gäbe, eine Ersatzidentität, ja eine „Abgrenzungsidentität“, welche von den nach der Meinung des Schreiberlings entwurzelten Leuten gewählt wurde, um den Gedanken an die anderen zu entgehen. Der Westalgiker versucht sich als Ostalgieversteher und scheitert kläglich. Denn der einzelne Mensch ist frei und kann sich jederzeit entscheiden, ob er westalgisch oder ostalgisch oder keines von beiden sein möchte.

Wer sich selbst abgrenzt, soll dies machen. Mir sind diese Mauerfetischisten ziemlich gleich, sie mag es geben, aber Abgrenzung gibt es überall, wo sich Leute nicht arrangieren wollen.

[...]

Aufgrund der Geheimhaltungspolitik der SED fehlen weiterhin einer breiteren Öffentlichkeit Informationen über den tatsächlichen Zustand der DDR-Gesellschaft. Darüber hinaus sind vielen Ostdeutschen die regionalen Unterschiede des Wohlstandes in der Bundesrepublik nicht bekannt.

Wer soviel gespielte Unwissenheit vorgaukelt, wie dies Herrn Schroeder von Spiegel Online eigen ist, dem gegenüber kann man eigentlich nur mit kopfschüttelndem Schweigen reagieren, aber dies wäre kontraproduktiv. Schließlich könnte der eine oder andere seine Ausführungen sonst noch für bare Münze nehmen, was es zu vermeiden gilt.

Die Abgeschlossenheit des einzelnen in der DDR – Gesellschaft ist ein Utopie, welche gern kolportiert wird. Doch das Leben ist immer ein Miteinander. Vieles dringt auch dann durch, auch wenn die genauen Zahlen und Daten nicht bekannt sind.

Die Verlusterfahrung, die aus dem Verschwinden der DDR resultiert und zu einer „Umwertung nahezu aller Werte“ führte, wirkt bis heute nach. Vielen Ostdeutschen mangelt es an der Fähigkeit oder Bereitschaft, zwischen System und Lebenswelt zu differenzieren.

Eine weitere Lüge. Denn wer hier und da anfängt zu unterscheiden zwischen System und Lebenswelt, der macht bereits den Fehler, die Lebenswelt zu glorifizieren. Wer in der Diktatur leben musste, kann alles, was er dort erlebt hat, nur unter der Prämisse eines diktatorischen Reglements bewerten.

[...]

Die unverhoffte, gleichwohl selbst erkämpfte Demokratie in der Endphase der DDR wurde – und das kann nicht oft genug wiederholt werden – mit der Wiedervereinigung nicht abgeschafft, sondern auf eine solide Grundlage gestellt. Sie bietet die Gewähr, dass Menschen in Freiheit und sozialer Sicherheit leben können. Hierfür ist es aber notwendig, dass sich auch die Ostdeutschen für den Erhalt und den Ausbau demokratischer Verhältnisse einsetzen. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bedarf die Demokratie der Unterstützung und nicht der Diffamierung durch die Bürger.

Die Diffamierung aller der Bürger, welche sich nicht gegen eine Definition der Minderheit und Minderwertigkeit und des unterstellten Minderwertigkeitskomplexes stellen können, weil man ihnen keine Chance auf Gegenrede lässt, nicht darauf, ein Klischee zu demaskieren, nicht darauf, sich als Bürger ohne den Zusatz „ost“–deutsch zu entfalten, führt in manchem Kopf wohl zu Verwirrung.

Welche Haltung zu diesem medial konstruierten System der zwei Völker ist angemessen? Jeder mag dies für sich entscheiden. Eine Behauptung aufstellen und daraus zu schlussfolgern, ist billig. Hier wird eine Spiegelfechterei betrieben, welche den Berufsstand des Journalisten nun komplett infrage stellt.

Der Welt–Autor lässt seinem „Ost“–Deutschen keine Wahl, sich zu entscheiden, ob er Opfer des Vorurteils sein möchte oder nicht. Dann fordert er von dem selben die Größe und Souveränität eines anerkannten Bürgers, mit dem sein Gegenüber auf gleicher Augenhöhe spricht, obwohl Herr Klaus Schroeder dies geradezu vermeiden will.

Kommentare ( Auswahl, beginnend mit dem ersten Kommentar ):

11.09.2010, 09:44 Uhr

Leserbewertung ( Zustimmung / Ablehnung ) 118 : 5

W******* sagt:

"20 Jahre nach der Wiedervereinigung tun viele immer noch so, als wohnten in Ost und West unterschiedliche Stämme. Die alten Klischees halten sich."

Kann ich aus meinem umfangreichen Bekanntenkreis nicht bestätigen. Die Medien trennen nach Ost und West!

 

11.09.2010, 10:03 Uhr

Leserbewertung ( Zustimmung / Ablehnung ) 71 : 14

Felix sagt:

So ein Blödsinn. Der Autor scheint sich nicht in Ostdeutschland zu bewegen. Jedenfalls nicht bei Leuten unter 35. Da trifft nichts von dem zu was hier geschrieben steht. Bei Leuten unter 20 schon gar nicht. Bei diesen gibt es Ost und West nur noch vom Hörensagen. Es scheint als trauere hier jemand selbst der eigenen verlorenen Identität nach. Anders kann dieser Text nicht verstanden werden.

Hier kritisiert ein 55jähriger Westdeutscher die über 60jährigen Ostdeutschen. Von der Realität des Ganzen ist das weit entfernt. Man sollte den Autor mal an ostdeutsche Unis einladen, nachts mit in einen Club nehmen und am Tag in eine Wirtschaftsvorlesung. Die Mauer im eigenen Kopf gilt es zuerst abzureißen.

 

11.09.2010,
10:33 Uhr

Leserbewertung ( Zustimmung / Ablehnung ) 10 : 52

ghostr sagt:

Also, hier bei uns im Schwabenland ist o*** ein Schimpfwort / beleidigendes Wort auf den Dörfern.
hier ist eig. keiner gut gestimmt auf die Wiedervereinigung.
ob bei 16 jährigen oder 70 jährigen

mfg

Dieser Kommentar ist zwar westalgisch, sagt aber klar, was jedem Menschen bewusst sein muss: Die beiden Wörter mit einem W bzw. einem O am Anfang und einem I am Ende sind Schimpfwörter und nichts anderes. Wer einen Menschen mit diesen Wörtern betitelt, beleidigt ihn und sollte auch so behandelt werden, wie jemand, der einen anderen beleidigt.

11.09.2010, 11:17 Uhr

Leserbewertung ( Zustimmung / Ablehnung ) 39 : 0

Moment mal sagt:

Gleich im ersten Kommentar hier wird vollkommen richtig festgestellt, dass das gegenseitige Misstrauen NICHT auf der persönlichen Wahrnehmungsebene wächst. So habe ich persönlich das auch erleben können.

Was jedoch immer wieder passiert, ist eine subkutane Form der Verhetzung durch Medien. Das geht leicht und bringt Quote; wir erleben es ja gerade wieder. Dass DIESE Plattform sich an diesem Spiel virtuos beteiligt, gereicht Ihnen nicht zur Ehre. Wer das Spiel durchschaut, ekelt sich.

Schönen Tag noch - und bessern Sie sich ;-)
[1]

Und gleich am folgenden, am Tag darauf schreibt man in der Welt Online nun dies. Wie gerade gesagt wurde, sollen Klischees eine Haltung in der Bevölkerung wiedergeben, man selbst beschreibe nur.

Dies wird sogleich zu einer Farce, wenn man die „Super Illu“ als Zeitschrift benennt und nicht deren Intension debattiert. Danach folgen Aufzählungen im alten Ost–West–Jargon der Medien.

Und damit die Kommentatoren nicht wieder stänkern können, wird es den Lesern erst gar nicht erlaubt, ihre Meinung darunter zu setzen:

12.09.2010, 11:16 Uhr

Ifo-Institut

Ostdeutsche holen beim Lebensstandard stark auf

Der Abstand zwischen Ost und West wird laut ifo-Institut vor allem bei den Löhnen immer geringer. Bei den Renten liegen die Ostdeutschen sogar vorn.

Der Lebensstandard der Ostdeutschen hat sich seit der Wiedervereinigung vor 20 Jahren enorm erhöht. Nach einer von der Zeitschrift „Super Illu“ veröffentlichten Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo wurden die anfänglich hohen Erwartungen an den Aufholprozess zwar nicht erfüllt. Gleichwohl sei man den Zielen aber „schon recht nahe gekommen“. Das zeige sich insbesondere bei der Entwicklung der Löhne und Renten, in der Wirtschaftsleistung, der medizinischen Versorgung und der Bildung. Die im Jahr 1993 gegründete Dresdener Niederlassung des ifo-Instituts erstellte die Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

Der Ost-West-Abstand bei den Bruttolöhnen verringerte sich demnach in den vergangenen rund 20 Jahren deutlich. 1991 hätten die Ost-Gehälter durchschnittlich nur 57 Prozent des West-Niveaus betragen, heute seien es 83 Prozent. Allerdings sei die Westangleichung im öffentlichen und privaten Dienstleistungssektor weiter fortgeschritten als im verarbeitenden Gewerbe.

Die Rentner in den neuen Ländern erhalten heute sogar im Schnitt mit monatlich 810,92 Euro eine deutlich höhere Altersversorgung als die Rentner im Westen (697,53 Euro im Jahr 2008). Das Nettogeldvermögen der ostdeutschen Haushalte stieg der Studie zufolge im Schnitt von 10.900 Euro auf 26.700 Euro im Jahr 2008. Das entspreche 53 Prozent des Westniveaus gegenüber 35 Prozent nach dem Ende der DDR.

Das Brutto-Inlandsprodukt (BIP) je Einwohner im Osten verdoppelte sich, es stieg von 9.751 Euro im Jahr 1991 auf 19.500 Euro im Jahr 2009. In Westdeutschland stieg das BIP je Einwohner im gleichen Zeitraum nur um zwölf Prozent. Einen gewaltigen Sprung machte die Produktivität der Wirtschaft Ost: 1991 waren noch 77,2 Arbeitsstunden nötig, um 1000 Euro Wirtschaftsleistung zu erreichen. Heute sind es nur noch rund 29 Stunden. Allerdings gebe es absolut betrachtet noch ein deutliches West-Ost-Gefälle, so die Studie.

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Die medizinische Versorgung in Ostdeutschland verbesserte sich der Studie zufolge deutlich. Kamen statistisch gesehen in der Wendezeit 246 Ärzte auf 100.000 Einwohner, so sind es heute 348 Mediziner. Dieser Entwicklung sowie den besseren Umweltbedingungen sei es zu verdanken, dass die Lebenserwartung in den neuen Ländern um rund sechs Jahre stieg, heißt es in der ifo-Studie. Außerdem haben die Ostdeutschen heute im Durchschnitt auch höhere Bildungsabschlüsse als in der DDR. 21,8 Prozent aller Einwohner über 15 Jahren verfügen der Studie zufolge jetzt über die Hochschul- oder Fachhochschulreife. Damit stieg dieser Anteil in knapp zwei Jahrzehnten um 75 Prozent. Ähnlich stark nahm dem ifo-Gutachten zufolge auch der Anteil der Hochschulabsolventen zu.

AFP/cat

Liebe Leser, WELT ONLINE hat die Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Kommentare (0) [2]

Was die Leser einen Tag zuvor noch in ihren Kommentaren kritisiert hatten, wird hier wieder vollführt. Man rechnet auf, was wirtschaftlich auf den Territorien der früheren Teile Deutschlands gearbeitet und verdient wird.

Und wieder hat man den Eindruck, als würde das Bild vom Läufer, der gegen die Schildkröte antritt, auf alle Zeit hinaus zementiert:

„[...] wurden die anfänglich hohen Erwartungen an den Aufholprozess zwar nicht erfüllt. Gleichwohl sei man den Zielen aber [...]“

Diese Floskel ist so typisch für die Wiedervereinigungsphobiker, dass man sich wundert, diesen nicht schon im Eingang des Textes zu lesen. Aber halt, da steht es doch:

„[...] Der Abstand zwischen Ost und West wird laut ifo-Institut vor allem bei den Löhnen immer geringer. [...]“

So wie diese Differenz stetig kleiner wird, welche einen Durchschnitt mit großen Schwankungsbreiten repräsentiert, was indes niemand diskutiert, darf man an dem grundsätzlichen Unterschied nicht rütteln. Verschwände er vollständig, gäbe es keine gegenseitige Annäherung und auch keine Gegenseitigkeit  mehr und keine Texte darüber.

Quelle:

[1] http://www.welt.de/debatte/kommentare/article9535048/Nur-nackt-sind-alle-Deutschen-gleich.html

[2] http://www.welt.de/wirtschaft/article9581873/Ostdeutsche-holen-beim-Lebensstandard-stark-auf.html

 

16.08.2010 um 00:58 Uhr

Die Spaltungsfetischisten streiten wieder: Der Auftakt zur medialen Inszenierung des 03. Oktober

Es ist ärgerlich und unwesentlich. Aber in der Welt Online stapeln sich die Kommentare der Soli–Zahler und „Ostwest“–Stolzen schon bis unter die Decke der Redaktion, kaum sind beide Artikel erschienen.

Ja, es geht wieder von vorn los. Nachdem man in der Zeit der schwarz–rot–goldenen Fahnenverliebtheit in den Fußballwochen vom Ost–West–Irrsinn nichts hörte, lassen die Herren Sellering ( kennt niemand, ist aber wurscht ) und Wowereit ( Gendervorstehender in Berlin ) ihre Plattitüden verlauten, die da heißen: Es gäbe zwei Mentalitäten in Deutschland und beide seien nicht vereinbar, weil die Leute stur sind.

Konkret steht in der Welt zu lesen:

14.08.2010, 16:31 Uhr

Wiedervereinigung

Weiterer Ost–Landeschef kritisiert Westdeutsche

Nach Wowereit kritisiert nun auch Ministerpräsident Sellering die Westdeutschen. Es sei nicht in Ordnung, dass viele noch nie im Osten waren.

Das Gemeinschaftsgefühl der Deutschen in Ost und West lässt nach Ansicht von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) noch zu wünschen übrig. „Dass sich auch zwanzig Jahre nach der Wende mehr als die Hälfte der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse fühlt, ist ein Alarmsignal. Ein fast noch größeres Alarmsignal ist, dass auch jeder vierte Westdeutsche die im Osten für Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse hält“, sagte Sellering am Sonntag in Schwerin.

Um sich zu verstehen und zu achten, müsse man sich wenigstens kennenlernen. Bis heute aber sei ein Drittel aller Westdeutschen noch nie im Osten gewesen.

Am Samstag hatte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) den Westdeutschen vorgeworfen, den Ostdeutschen nicht aufgeschlossen genug zu begegnen. Im alten Westen wollten manche nicht wahrhaben, wie das Befinden ist, sagte Wowereit im Gespräch mit der „Berliner Zeitung“. Das gelte selbst für Berlin, wo die Bevölkerung sich in den 20 Jahren seit der Wiedervereinigung am stärksten gemischt habe. In West–Berlin gebe es Leute, die immer noch keinen Fuß in den Ostteil der Stadt setzen und die Linkspartei für böse Kommunisten halten, sagte der SPD-Politiker. [1]

Wenn man dies liest, schüttelt man nur verdutzt den Kopf. Dieser Ignorant spricht zwanzig lange Jahre nach dem Fall der Mauer noch von „West–Berlin“, genau so als sei die Stadt weiterhin geteilt. Schließlich sollte er schon wissen, was er sagt. Und sicherlich weiß er es auch und welche Empörung diffiziler Art er damit in den Gemütern wachruft. Zwar sind solche Formulierungen natürlich mittlerweile vollkommen fehl am Platz, dennoch bleibt das Gefühl, dass man hier nur nach dem bekannten und geläufigen Schema Ärger und Verwirrung stiften wollte.

Und ja, ich weiß es auch selbst. Es gibt in dieser Stadt verschiedentlich noch den ein oder anderen mit ausladender Mauerfetischeinstellung. Die sagen dann unaufgefordert Dinge wie: „Sachsen? Naja... Osten.“

Aber dies überhört man diplomatisch und ärgert sich vielleicht über den eigenen Freudschen Versprecher in der darauffolgenden Diskussion, welcher indes die Person, nicht seine Herkunft infrage stellt.

Was die beiden Volksvertreter hier indes verlangen, ist eine Sympathiebekundung für Menschen, die beide unter einem Begriff zusammenfassen. Man kann es weder oft genug sagen noch zu intensiv betonen: Die Haltung, dass hier von DEN „Ost“–Deutschen als Volksgruppe, als Schicksalsgemeinschaft, als inhärentes System gesprochen wird, ist purer Rassismus. Es gibt diese Gruppe nicht. Es hat sie auch niemals gegeben. Zu Zeiten der Teilung war man sich der Chance auf Vereinigung in Deutschland immer bewusst, dies war das Ziel und eine historische Selbstverständlichkeit, als die Möglichkeiten geschaffen waren.

Die assoziative Verschmelzung von Wowereits „Ost“–Deutschen mit dem Wählerklientel der Kommunisten ist eine zweite Stufe der Aussage, welche die erste fast verdeckt und damit indirekt zu legitimieren scheint.

Wenn seine Kommunistenwerbung auf die Vorannahme einer „Ost“–Mentalität angewiesen bleibt, wird – wenn schon nicht die Sympathie für seinen Koalitionspartner – so doch wohl die Vorstellung zweier deutscher Wesensarten dadurch unterstützt. Und da es ja auch genügend Wähler der „Linkspartei“ gibt, wird seine Position nochmals – getragen von unterbewussten Interpretationen der Bürger – vielleicht als roter Faden empfunden.

Und natürlich kann man den Ärger verstehen unter den Lesern, vor allem denen, welche diesen Quatsch im Berliner Fenster als Fahrgäste diverser U–Bahn–Linien vorgesetzt bekommen haben.

Wowereit muss sich darüber im Klaren sein, dass er Ressentiments fördert, wenn er den Menschen die beiden früheren Teile als komplett unvereinbar geißelt, dass damit Vorurteile geschürt und verfestigt werden.

Denn er wiederholt nur, was seit zwanzig Jahren Tenor in den Medien bleibt: Es gibt Unterschiede. → Wir müssen uns gegenseitig annähern. → Wir machen wirkliche Fortschritte bei der Wiedervereinigung. → Manche Dinge ändern sich indes nicht.

Und dann geht es logischerweise wieder von vorn los: Es gibt Unterschiede...

So oder ähnlich hört es sich stets an: Seit 20 Jahren! Wer will da von Entspannung sprechen? Wowereit bläst in ein Horn, das er und seine Spießgesellen erfunden haben. Als ob es wirkliche „West“–Deutsche oder wirkliche „Ost“–Deutsche in der Hülle und Fülle gäbe, von denen man da liest. Nein, man zitiert dann gern wieder aus den Hinterhöfen von Marzahn ein paar schlecht gekleidete Ewiggestrige hervor und garniert sie mit elitär anmutenden Schicki–Micki–Damen aus Charlottenburg, die ihre beste Zeit schon lange hinter sich haben. Damit bleibt man im Klischee und weiß eigentlich auch darum, dass diese Typen auch nur Bilder sind, welche sich die Menschen vorstellen, wenn sie an die Klischees  erinnert werden. Wirkliche Mauerfetischisten erkennt man nicht an ihrer Optik.

Der Tag der Deutschen Einheit kommt näher, nur noch sechs Wochen, dann sind sie alle wieder in Hochform. Wowereits Startschuss heute war bloß ein Zeichen zur allgemeinen Mobilmachung, er lädt zum Tanz sozusagen, der Reigen soll beginnen.

Ob man die Menschen immer wieder für dieses Thema begeistern kann, ist dabei unklar. Vielen ist es wohl doch schon egal geworden, indes bleibt ein Teil in seinem Vorurteil genau dadurch hängen, dass man es immer wieder in den Zeitungen platziert, mit einer gehörig deftigen Portion Beleidigung, gegen die einen oder die anderen, Hauptsache, man bedient nur eine Seite, damit keine vergisst, dass es sie gibt.

Mein Kommentar ist übrigens gelöscht worden, bei Welt Online. Die Zensur traf einen kleinen Text, der kurz meine Haltung erklärte. Anderes bleibt erlaubt, wie zum Beispiel all dies, was man unter einem anderen Welt – Online – Artikel liest, welcher sich der Frage der Koreanischen Wiedervereinigung widmet:

14.08.2010, 13:28 Uhr

Konflikt mit dem Norden

Südkorea präsentiert Plan zu Wiedervereinigung

Das Verhältnis zum Norden ist schlecht wie lange nicht mehr, doch Südkoreas Präsident ist überzeugt: "Die Wiedervereinigung wird kommen".

[...]

Kommentare (23):

15.08.2010,
11:37 Uhr

JUler sagt:

Das hat ja fast Parallelen zum 10-Punkte-Plan von Helmut Kohl zur Wiedervereinigung.
Obwohl in Korea die Fronten noch verhärteter sein werden, als zwischen Bundesrepublik und DDR.
Jedoch ist es lobenswert vom Kohl der Südkoreaner, diesen Schritt zu wagen.
Das wäre eine Erlösung für die Nordkoreaner!

15.08.2010,
11:41 Uhr

Soli sagt:

Alles abgekupfert bei den Deutschen!

15.08.2010,
11:46 Uhr

Rechner sagt:

Ähm, bevor sie das tun, sollten die Koreaner erst mal ihre Konten überprüfen - das wird noch teuerer als bei uns.

15.08.2010,
12:07 Uhr

Sie werden sich hüten... sagt:

JUler sagt:
Das wäre eine Erlösung für die Nordkoreaner!
-------------------------------
Und der Schaden für die Südkoreaner.
Die sind nicht bescheuert, dies wissen was ihnen blüht, wenn sie - und das haben sie - die Entwicklung in Deutschland gesehen haben.
Uns haben 20% DDR bereichert, wie wird es wohl bei über 40% aus?
Genau.
Man mischt nicht mutwillig irgendwas in den Kuchenteig um ihn in der Quantität zu vergrößern und die zusätzlichen Zutaten glücklich zu stimmen.

Das Thema „Bereicherung“ kommt oft genug in einem anderen Zusammenhang vor, den man aus dem Netz schon kennt. Der Vergleich ist also klar.

15.08.2010,
12:26 Uhr

MP sagt:

Fehlt nur noch der Hinweis auf die kommenden `blühenden Landschaften´ in Nordkorea.

So etwas zieht immer.

Weiß man aus Erfahrung.

15.08.2010,
12:50 Uhr

Freiheit sagt:

So blöd könnt ihr doch nicht sein, liebe Südkoreaner. Ihr seid ein wirtschaftlich sehr fortschrittliches Land, was wollt ihr denn mit den Steinzeitmenschen??? Allen Reichtum den sich die Südkoreaner durch sehr harte Arbeit ermöglicht haben wäre damit verloren.

Nordkorea kann sich nur selbst helfen, den ollen Kim um die Ecke bringen und dann die Demokratie einführen. Alles weitere liegt dann in ihrer Hand.

Tut es nicht, das wäre der größte Fehler eurer Geschichte, Südkorea!

15.08.2010,
13:07 Uhr

ghostr sagt:

die südkoreaner sollten nicht den fehler machen wie wir westdeutschen

15.08.2010,
13:08 Uhr

ghostr sagt:

die südkoreaner sollten nicht den gleichen fehler machen, welchen schon die westdeutschen begangen haben

15.08.2010,
13:54 Uhr

Fritz W. sagt:

Ja haben denn die Südkoreaner nichts aus der deutschen Wiedervereinigung gelernt?

- Plünderung der West-Deutschen Rentenkassen
- Massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit
- Extremer Anstieg des Links- und Rechtsradikalismus
- Einbürgerung von unzähligen Stasi-Spitzel und IM Mitarbeiter auch bei der Polizei und Bundeswehr
- Sanierung der gesamten DDR Infrastruktur auf Kosten des Westdeutschen Steuerzahlers (überdimensionierte Wasserwerke, modernste Strom und Telefonkabel, die gar nicht ausgelastet werden)
um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Man kann Südkorea nur eindringlich vor einer Wiedervereinigung mit dem maroden Norden warnen.
[2]

Formuliert man seinen Kommentar bissig und bösartig, darf man sicher sein, dass er bleibt. Wer hingegen schreibt, dass man sich frei entscheiden können muss, wie man sich empfindet und wie man sich und seine Mitmenschen einschätzt und sich die Menschen damit nicht länger für „ost“ oder „west“ durchringen müssen, dessen Kommentar wird unweigerlich gelöscht. Man erkennt somit schon sehr eindrucksvoll, auf welcher Seite die Zensoren bei ihren Bemühungen, den Kommentarteil zu moderieren, stehen.

Quellen:

[1] http://www.welt.de/politik/deutschland/article9019308/Weiterer-Ost-Landeschef-kritisiert-Westdeutsche.html

[2] http://www.welt.de/politik/ausland/article9015061/Suedkorea-praesentiert-Plan-zu-Wiedervereinigung.html

 

09.08.2010 um 14:18 Uhr

Wieder „Ost“ gegen „West“: Die Bertelsmann–Stiftung schreibt eine Studie und die Welt veröffentlicht sie bereitwillig und unkritisch

Wenn man etwas von der Bertelsmann–Stiftung liest, dann ist es meist tendenziös. Entweder man betreibt skurrile Studien zur Entvölkerung ganzer Regionen oder beruft führende Köpfe der Medien und Politik ein, um mit ihnen über die Nutzung der „Reformsprache“ zu diskutieren.

Und Berichte in der Welt Online sind nicht selten Ostwestalgie in Reinunkultur. Schließlich ist die Fußballweltmeisterschaft als verbindendes Ereignis nicht mehr so aktuell. In diesem Sinne darf man also wieder draufhauen.

Wesentlich ist der Unterschied zwischen dem, was früher „ost“ und „west“ war, diesen muss man betonen und immer wieder detailliert erklären. Nun ist die Bundesregierung auf die Idee gekommen, bundesweit Kindergärten einzurichten und man wundert sich, dass viele der Kindergärtnerinnen noch nicht gut ausgebildet sind. Nebenbei bemerkt ist doch gerade dieser Beruf auch ideal für Quereinsteigerinnen, welche vor allem eine natürliche Begeisterung für ihre Berufung in sich tragen.

Mit Kindern zu spielen und sie auf das Leben vorzubereiten, dies ist einigen Frauen sozusagen von Natur aus gegeben. Warum sollte man sie auch noch speziell schulen, wenn doch gerade das zwischenmenschliche Handeln hier ein weiblicher Vorzug ist, der unverbildet am besten zur Geltung kommt?

Kleinkinder zu indoktrinieren, das hat der DDR–SED–Staat als Prinzip ausgelebt, hier wurde schon im Kindergarten der zukünftige Bürger auf den Kommunismus vorbereitet, wie wir wissen oftmals ohne Erfolg, was sich in der bekannten Wendung der Geschichte bewiesen hat.

Damit sich indes manche Leute wieder an ihren perversen „Ost“–Stolz erinnern und die DVD zu „Good by(e) Lenin“ noch mal auskramen, schreibt die Bertelsmann–Stiftung eine verwerfliche Studie und die Welt Online veröffentlicht den Käse auch noch:

09.08.2010 08:17 Uhr

Studie

Erzieherinnen im Osten sind besser ausgebildet

Das Personal in ostdeutschen Kindergärten und Kitas hat einer Studie zufolge oftmals höhere Berufsqualifikationen als das im Westen.

In Ostdeutschland gibt es mehr Kindergarten-Personal mit besserer pädagogischer Ausbildung als in den westdeutschen Bundesländern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Vor allem bei der Berufsqualifikation gibt es Unterschiede. Fast 90 Prozent der pädagogischen Fachkräfte im Osten sind staatlich geprüfte Erzieherinnen - im Westen sind es nur 70 Prozent. Dort haben fast 20 Prozent der Betreuenden lediglich einen Abschluss als Kinderpflegerin; in Bayern ist dieser Anteil mit rund 37 Prozent besonders groß. Im Osten liegt er bei nur einem Prozent.

Die Ausbildung von Kinderpflegern dauert zwei Jahre. Staatlich geprüfter Erzieher darf sich hingegen nur nennen, wer vier beziehungsweise fünf Jahre eine pädagogische Fachschule besucht hat. "Die Professionalität der pädagogischen Fachkräfte bestimmt maßgeblich die Qualität frühkindlicher Bildungsangebote", sagt Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung. "Der nötige Ausbau der Kindergärten darf nicht zulasten der Qualität gehen."

Der Anteil der Hochschulabsolventen beim Kindergarten-Personal liegt trotz neu eingerichteter Studiengänge bei 3,5 Prozent. 72 Prozent haben einen Fachschulabschluss als Erzieherin, mehr als 13 Prozent haben eine entsprechende Berufsschule abgeschlossen.

kbe [1]

Ein paar der Kommentare sagen dann genau das, was man erwarten konnte. Die einen sind stolz auf ihren „Westen“, wo es so etwas nicht gab, die anderen sind stolz auf ihren „Osten“, wo alles besser war.

Somit sollte man sagen, dass eine ideologische Spaltungshaltung in jedem Falle als falsch einzuschätzen und abzulehnen ist.

Jede Ostwestperspektive beinhaltet den gleichen Unfug. Es geht immer um die Frage, wo sich zwei Mentalitäten unterscheiden, nicht darum, wie der Mensch also solcher eigentlich beschaffen ist.

Vor der Wiedervereinigung waren diese Erzieherinnen durchaus sehr systemtreu, dies monieren die westalgischen Kommentatoren, zu recht. Nur sind diese Strukturen ein Relikt, welches sich nach und nach abschleifen wird. Warum zieht die Bertelsmann–Stiftung dieses Phänomen noch einmal ins Rampenlicht, bevor es verschwindet?

Ist da eine Parallele zu erkennen zu den Bevölkerungsentwicklungsstudien? Es gab früher bei den Journalisten die Vermutung einer weiblich dominierten Abwanderung. Das Statistische Bundesamt widerlegte dies jährlich, ohne dass auch bloß ein Journalist darauf einging.

Wenn die Bundesregierung in ein paar Jahren ihre Vorstellungen von bundesweiter Kinderbetreuung umgesetzt haben wird, ist ein solcher Vergleich, wie oben geschehen, nicht mehr möglich. Also beeilt man sich, um noch einmal nach 20 Jahren Deutscher Einheit diese Unterschiede zu dokumentieren.

Quelle:

[1] http://www.welt.de/politik/deutschland/article8899244/Erzieherinnen-im-Osten-sind-besser-ausgebildet.html

 

27.07.2010 um 00:05 Uhr

Werbung für eine „Ost – Identität“ durch den Konzern RWE

Unternehmen sollten eigentlich ein Problem mit der „Linkspartei“ haben. Sie sollten sich Mühe geben, deren leere Versprechungen zu entlarven und ihre Stilmittel zu entkräften.

Eine Firma sollte sich nicht mit den Idealen der „Linkspartei“ identifizieren oder ihre Kunden mit den Idealen der „Linkspartei“ zu identifizieren versuchen.

All dies ist aber eine kaum erfüllbare Vorstellung, eine Träumerei. Denn Unternehmen machen Kasse, gerade mit den Bildern, welche die Postkommunisten in den Köpfen der Menschen parat halten wollen, um ihnen eine „ost – deutsche“ Scheinidentität zu vermitteln, welche als Leitbild der Partei gelten muss, welche sich ganz klar auf die SED zurückführen lassen will.

Ein Zeichen der totalen Perversion ist die EnviaM – Gruppe.

Es ist ein Stromkonzern, nach eigener Darstellung, aber letztlich nur ein Gehilfe der RWE, die ihren Sitz in Essen in NRW hat:

Holding

RWE AG

Opernplatz 1

45128 Essen [1]

Dieser Firma gehört die EnviaM, welche wiederum sich vor allem in Sachsen, Sachsen–Anhalt und Brandenburg aber auch in Thüringen ausbreitet.

Also schauen wir mal, wie sich die Firma EnviaM darstellt:

Leitbild

Das Leitbild unserer Unternehmensgruppe.

[...]

Eine Gruppe. Eine Philosophie. Ein Ziel.

  • Die Kraft unserer Gruppe ist die Summe unserer jeweiligen Stärken.
  • Offenheit und Zuverlässigkeit sind unsere Brücken zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit.
  • Unsere ostdeutschen Wurzeln geben auch unserem gesellschaftlichen Umfeld Halt.

[...]

Was hier „unsere ostdeutschen Wurzeln“ sein sollen, kann man leicht erraten. Es geht um Selbstwerbung, um die Verbindung zu Menschen mit „ost–deutscher“ Weltanschauung und die Werbung für genau diese „Linkspartei“–nahe Meinung innerhalb der Gemeinschaft.

Wenn also Plakate mit Slogans á la „ [...] ein starkes Ostprodukt [...] “ in Thüringen an Bushaltestellen aufgestellt werden, dann beweist dies zweierlei. Zum einen wird hier eine vergangenheitsglorifizierende „Ost–Wahrnehmung“ klar unterstützt und zum anderen ein Konzern aus Essen gefördert, was weder nach rationaler Überlegung noch nach "Ost""West"Anschauung dem Werbetext entspräche. Wer erschreckt also nicht über diese Form der Werbung? Eine Perversion der deutschen Wirklichkeit im Jahre 2010. Das Bild selbst zeigt dann zwei junge Menschen, ein Paar wie aus dem Bilderbuch der "Ost""West"Vorurteile, er unrasiert und sie nach ihren Proportionen nicht so ganz dem Schönheitsideal des mutmaßlich feindlichen Westens entsprechend ( kein Modeltyp, man achte auf die nicht wegretuschierten Falten! ), selbige stolz ihre DDR-Devotionalien präsentieren. So sind es bei ihr ( thematisch einfach nur vollkommen unpassend ) irgendwelche "Knusperflocken" allein schon dieser Produktname ist bereits wiederum ein Affront. Der Mann hingegen hält den Strom selbst in einer Konservenbüchse ( ! ) daneben. Die assoziative Wirkung ist brachial simpel und erscheint daher direkt konzipiert für den sogenannten "Ost"Markt. Wer auf diese Werbung reinfällt, dem ist sicher nicht mehr zu helfen.

Enviam - Werbung bei gmx.net - identisch zu Werbeplakaten an Thüringer Bushaltestellen [2]

Mich ekelt es vor einer solchen Kampagne. Zugleich verstört mich die Dreistigkeit und das vermeindlich selbstverständliche daran. Zu alledem: Wer nun wirklich bei EnviaM seinen Strom aus mit absolut unverständlichen, heißt ostalgischen Gründen kauft, wird schließlich doppelt reingelegt. Zum einen wird auf diese Weise ein skurriles DDR–Gemeinschaftsdenken wiederaufbereitet, suggerierend, dass nunmehr andere Firmen möglicherweise diesen "Werbetrend" nicht verpassen möchten ( was den Ostalgikern wohl gefallen wird ), zum anderen werden mögliche neue Kunden um ihr sauer verdientes Geld gebracht, welches Thüringen in Richtung Essen / Ruhr verlässt (  wo sich ein paar Strategen beim Lachen über die ostwestalgischen Bemerkungen eines Harald Schmidt schief und scheckig lachen ).

Der Konzern RWE versteuert seine Gewinne dann brav in NordrheinWestfalen, fern des süddeutschen Bundeslandes, in welchem sich die Menschen nach Ansicht der bei EnviaM verantwortlichen Unternehmer mit Brandenburgern und Sachsen–Anhaltern in einem sozialen Verbund empfinden sollen.

Weiter heißt es:

[...]

Für die Gesellschaft

  • Als Teil der Gesellschaft gestalten wir diese aktiv mit.
  • Mit unserem wirtschaftlichen und sozialen Engagement sichern wir die Wertschöpfung in der Region.
  • Durch den sorgsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen fördern wir die nachhaltige Entwicklung unserer Umwelt.

Der erste Satz ist reine Füllsatzschwafelei. Aber schauen wir weiter, denn was heißt hier nun im zweiten Absatzpunkt „Wertschöpfung in der Region“? Welche Region zu erst einmal ist gemeint? Natürlich die „DDR–Region“ und das von einem bundesweit agierenden Konzern, welcher sich nicht um die Stärkung der „Linkspartei“ kümmern dürfte, aber dieses genau genommen betreibt.

Menschen mit Energie

  • Motivation, Kompetenz und individuelle Verantwortung sind die Erfolgsfaktoren unseres gemeinsamen Handelns.
  • Offen für neue Ideen, entwickeln wir uns im konstruktiven Dialog weiter.
  • Um unsere Ziele zu erreichen, müssen wir gemeinsam gehen: in dieselbe Richtung, mit gebündelter Energie. [3]

Wer sich hier wirklich entwickelt, sind die Thüringer. Ein Bild veranschaulicht die Neigung der Bürger des süddeutschen Freistaates zu einer Länderfusion:

Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Umfrage in Thüringen, Länderfusion eines Mitteldeutschlands [4]

Da ist man kaum „offen für neue Ideen“ bei der EnviaM Gruppe als integraler Bestandteil der RWE Holding:

enviaM-Repräsentanten

Regionale Ansprechpartner für Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit.

Als regionaler Energiedienstleister hat enviaM nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung für die neuen Bundesländer. enviaM möchte ihre Beziehungen in Wirtschaft und Politik kontinuierlich vertiefen und weiter ausbauen. Vor diesem Hintergrund wurden vom enviaM-Vorstand regionale Unternehmensrepräsentanten im gesamten Grundversorgungsgebiet berufen.

[...] [5]

Eine „gesellschaftliche Verantwortung“ widerspricht der Aussage diese „neuen Bundesländer“ existierten noch in der Form wie 1990. Denn wenn sich die Gesellschaft geändert und sozial gewandelt hat, dann macht es keinen Sinn, diese Strukturen weiterbetreiben zu wollen. Denn wieder wird dieses „Ost–Deutschland“ stets als „Region“ beschrieben und behauptet, deren Menschen würden von der EviaM Gruppe respektiert. Wohl aber nur als solche, wenn sie sich als „Ost–Deutsche“ fühlen:

Porträt

enviaM – führender regionaler Energiedienstleister in Ostdeutschland.

Die envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM) mit Sitz in Chemnitz ist der führende regionale Energiedienstleister in Ostdeutschland. Wir versorgen mehr als 1,35 Millionen Kunden. 61,95 Prozent unserer Anteile werden von der RWE AG, Essen; 38,05 Prozent von Kommunen gehalten.

[...] [6]

Wenn die Leute in Essen an der Ruhr in solchen Strukturen denken, dann wohl weil sie aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland stammen. Sie setzen einen Mariotenkonzern ein, der belegt, dass sie in "Ost - West" - Perspektiven denken, gleichzeitig die Anhänger ihrer Idee für dumm verkaufen. Sie stehen demnach dazu, was ich den Haraldschmidtismus nannte, sich selbst für etwas besseres halten und die Klischees sattsam für die eigenen Vorteile nutzen.

Die "Ost" - Idee wieder zu etablieren und auf Sachsen, Sachsen–Anhalt und Brandenburg und auch Thüringen zu projizieren – das ist schlicht nicht akzeptabel, aber wirtschaftspolitischer Alltag, so sehr es dem Aufschwung dabei im Wege steht. Man ist in Essen wohl auch um die „Mitteldeutschland“ – Idee des unerträglichen Jens Bullerjahn bemüht, der sich schon seit Jahren um eine Fusion Gedanken macht:

envia NETZ

envia NETZ – Menschen mit Energie.

[...]

Das Unternehmen envia NETZ, eine 100-prozentige Tochter der envia Mitteldeutsche Energie AG, wurde im Jahr 2005 gegründet.

Das von uns betriebene Netz von rund 26.000 Quadratkilometern erstreckt sich über Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Teile von Thüringen. In diesem Gebiet versorgen wir circa drei Millionen Menschen. Unsere Anlagen stellen sicher, dass Haushalte, Unternehmen und kommunale Partner die Energie bekommen, die sie benötigen: zuverlässig, wirtschaftlich und umweltfreundlich. [7]

Das „M“ steht also für „Mitteldeutschland“. Was dies genau bedeutet, kann man hier nachlesen:

05.09.2008 um 21:39 Uhr

Über die Versuche einer unvernünftigen Länderfusion

von: catulus

[...]

Der Sachsen-Anhaltische SPD-Vorsitzende Jens Bullerjahn hat sich seit einigen Jahren als eifrigster Unterstützer der „Mitteldeutschland – Idee“ profiliert. Seine Aussagen hierzu, welche bundesweit durch die Medien verbreitet werden, untermauert er zusätzlich durch eigene Veröffentlichungen. Hierzu soll seine „Broschüre“1 als Ansatz dienen, um seine Positionen grundlegend  infragezustellen ( Kommentare in blau ) :

[...] [8]

Die Leute um die Gruppe EnviaM wollen die Wiederherstellung der DDR–Region mit wirtschaftlicher Ausrichtung. Welches Ziel sich dahinter verbirgt, kann man vermuten, aber nicht wissen. Denn eigentlich sollten es Ökonomen wissen. Nach der Wiedervereinigung entstanden neue Strukturen, welche gefördert werden müssen, nicht die alten zwangsläufig unterstützt, welche sich aus der unnatürlichen innerdeutschen Grenze vierzig Jahre lang ergeben hatten und heute nicht mehr Gegenstand wirtschaftlicher Planungen sein sollten.

Doch sagen die EviaM – Unternehmer das Gegenteil und dieses ganz unverblümt:

Strategie

Eine Gruppe. Eine Philosophie. Ein Ziel.

[...]

Unser Zielmarkt ist Ostdeutschland. Hier bieten wir als enviaM-Gruppe Strom, Gas, Wärme, Wasser sowie energienahe Dienstleistungen kompetent aus einer Hand an.

[...] [9]

Sie haben ein Ziel: Die Mauer muss nach Ansicht der RWE wieder her. Also weg mit RWE!

 

Quellen:

[1] http://www.rwe.com/web/cms/de/111488/rwe/rwe-konzern/kontakt/

[2] http://logout.gmx.uimserv.net/  (Werbung bei gmx.net am 13.09.2010)

[3] http://www.enviam.de/enviam_gruppe/leitbild.html

[4] http://www.blogigo.de/thueringen_im_sueden/Fusion-Umfrage.jpg

[5] http://www.enviam.de/enviam_gruppe/5845.html

[6] http://www.enviam.de/enviam_gruppe/portrait.html

[7] http://www.enviam.de/enviam_gruppe/envia_netz.html

[8] http://www.blogigo.de/thueringen_im_sueden/Ueber-die-Versuche-einer-unvernuenftigen-Laenderfusion/3/

[9] http://www.enviam.de/enviam_gruppe/59.html

 

23.05.2010 um 15:07 Uhr

Die Linke breitet sich aus: Von Berlin nach Nordrhein-Westfalen

Kaum jemand hatte dieses Ergebnis erwartet, warum, darf man fragen, denn die Hessischen Verhältnisse kennt man mittlerweile auch in Thüringen, Hamburg und jetzt genauso in Nordrhein-Westfalen. Wenn es für Schwarz–Gelb und Rot–Grün nicht mehr reichen will, muss man erfinderisch werden. Rot–Rot–Grün ist da aber keine Alternative.

Lange Zeit war es nicht denkbar, heute eine etwas merkwürdige Realität. Die SED ist in den Landtag von Nordrhein–Westfalen gewählt worden und zwar auf demokratischem Wege. Ich will nicht verhehlen, dass auch mir dieser Zustand sehr unangenehm ist.

Dies hat vor allem einen sehr gewichtigen Grund: Die in Deutschland agierenden Mainstreamjournalisten werden kaum plötzlich erschrecken und feststellen, dass die SED immer noch dieselbe ist. Sie werden sich zwar um den Ruf Nordrhein– Westfalens kümmern, aber nicht um Deutschland als Bundesrepublik, als Ganzes.

Die Berichte nach der Wahl zeigen ein ratloses Bild unter den Journalisten. So schrieb man in der Welt Online zuerst:

Patt in NRW

SPD liebäugelt mit Überläufern aus der Linkspartei

11. Mai 2010, 09:58 Uhr

Zwei Tage nach der Wahl in NRW hoffen die Sozialdemokraten weiter auf eine rot-grüne Mehrheit. Führende SPD-Politiker haben einen Plan entwickelt, wie sich die SPD das fehlende Mandat sichern könnte: Hannelore Kraft soll um linke Überläufer werben und so ein risikoreiches Dreierbündnis vermeiden.

[...]

„Der Politikwechsel bleibt unser Ziel“, betonte Kraft. Sie wolle nun in ein „offenes, transparentes Verfahren“ einsteigen, das mit der Partei „rückgekoppelt“ werden solle. Die SPD werde inhaltliche Schwerpunkte für die Gespräche festzurren und eine Sondierungskommission ins Leben rufen, kündigte Kraft an.

Eine Regierungsbildung sei nur mit der SPD möglich, betonte sie erneut. Kraft hatte bereits Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten angemeldet. [1]

Wie irrational eine solche Idee ist, sollte den Journalisten eigentlich klar sein. Betonköpfe lassen sich nicht aufweichen. Selbst in demokratischen Parteien würde man ein solches Spiel nicht mitmachen. Ist dieser Artikel also eine Lüge? Wohl kaum. Er zeigt die Naivität der SPD–Vorsitzenden in Nordrhein–Westfalen.

Nahm man vielleicht an, dass eine Koalition zwischen SPD, Grünen und der „PD§ED–Linkspartei–DieLinke“ kaum noch irgendwie zu verhindern wäre? Man stellt sich ein und bereitet den Wähler darauf vor. Leise Schritte in die rot-rot-grüne Welt einer Politik, die letztlich nur den Kommies etwas bringen kann.

Indes belegt dieser Ansatz, dass sich die Sozis nicht im klaren waren über die Struktur der SED.

Report Mainz zeigte hierzu einen Beitrag in der ARD [2] , den man hier abrufen kann:

 

 

Alles sehr erschreckend, wie ich finde. Vor allem beweist der ARD - Beitrag ungeschminkt, wie rückständig die Kommunisten ihre Weltanschauung vertreten. Wenn man allerdings bedenkt, wie plakativ und provokant der Reporter hier vorging, erschreckt man fast über seine Zuversicht, alle Zuschauer mögen diese Selbstentlarvung der SED wahrnehmen. Seine Überlegenheit stellt er nach meinem Dafürhalten ein wenig zu überdeutlich zur Schau. Natürlich ist er im Recht. Aber ein paar Sätze in diesem Clip sind doch etwas bedenklich.

So sagt er, dass die „NRW – Linke“ auch von „den Genossen in Berlin als Hort des Wahnsinns“ bezeichnet werde. Es ist wie immer, wenn es darum geht, die Grenze aufrecht zu erhalten. So die SED eine Partei des Bösen ist, bleibt sie doch in bestimmten Regionen nach Meinung der Medienmacher eine legitime Stimme der Bürger, so beispielsweise in Berlin.

Dieses Dogma der Mainstreammedien hat eigentlich erst für das Ergebnis in NRW gesorgt, da sie ohne ihre Akzeptanz als Partei der Ewiggestrigen in Regionen, die früher einmal zu dem Terrain zählten, auf welchem die Kommies die DDR errichteten, niemals ihre stete Popularität in der Presse hätten erreichen mögen.

Der Wille zur Teilung in SED–affine und demokratische Regionen hat ihren bundesweiten Erfolg ermöglicht. Parteiförderung, Talkshowauftritte usw. waren Zeugnisse einer zugestandenen Scheinbedeutung für Deutschland, selbige sich auf im Bewusstsein der Medien unwichtige Regionen reduzieren ließen, wodurch das Bestreben der PD§ED zum Systemwandel die Richtlinie zur bundesweiten Verbreitung nicht wahrgenommen oder kleingeredet werden konnte.

Aber man kann Toleranz gegenüber Kommunisten nicht territorial begrenzen, schon gar nicht innerhalb eines souveränen Staates wie der Bundesrepublik.

Darauf werden sich die Medien aber erst verständigen, wenn unter ihnen begriffen worden ist, was sie den Bundesländern antun, in denen die Chefredakteure selbst wohnen und die Veränderungen durch die Gestaltung einer rot-rot-grünen Politik vor der eigenen Haustüre mitbekommen.

Doch betrachten wir nun die Beurteilung der letztlich gescheiterten Vorgespräche zwischen den beiden demokratischen Parteien und der SED. Der Artikel im Spiegel Online, welcher nach den Gesprächen zwischen SPD, Grünen und SED verfasst wurde, ist etwas schwer zu interpretieren. Der Autor beweist einerseits zwischen den Zeilen eine gewisse Sympathie für die Kommunisten, auch für Rot–Rot–Grün. Aber klingen seine Aussagen nicht nur sarkastisch, sondern an anderen Stellen fast schon bedauernd.

Diese Ambivalenz durchzieht seinen Text, immer bleibt er trotz seines lautmalerischen Stils scheinsachlich, möglicherweise, um den „Scheingesprächen“ gerecht zu werden. Letztlich waren es solche nicht. Sondern zeigte sich nur die Verschiedenheit zweier Mentalitäten:

20.05.2010

Geplatzte rot-rot-grüne Gespräche

SPD stellt sich stur, Linke grollt

Von Lars Geiges, Düsseldorf

Fast fünf Stunden verhandelten sie, dann war alles vorbei: SPD und Grüne wollen nicht mit der Linkspartei koalieren, weil diese ein unklares Verhältnis zur DDR habe. Die Linken sind sauer - und schimpfen über die "Scheingespräche".

Die Strapazen des Tages sind beiden Frauen anzusehen. Hannelore Kraft, die Spitzenkandidatin der SPD, steht mit durchgedrücktem Rücken vor einem Strauß von Mikrofonen. Ihr Blick ist strikt nach vorn gerichtet. Sie wirkt verärgert und ein wenig müde zugleich. Neben ihr steht Sylvia Löhrmann von den Grünen. Sie hat ihre Arme hinter dem Rücken verschränkt. Ihre Augen sind bloß noch zwei enge Sehschlitze.

Gut fünf Stunden haben SPD und Grüne mit Vertretern der NRW-Linken gesprochen. Die Parteien haben ergründen wollen, ob eine rot-rot-grüne Koalition im bevölkerungsreichsten Bundesland möglich sei. Jetzt, am frühen Abend, verkünden zunächst Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann das Ergebnis: Es ist aus und vorbei. Das große Linksbündnis in NRW, es wird es nicht geben.

Naturgemäß möchte ich mich hier nicht über den Stil mokieren, aber eine Ungenauigkeit sollte man erwähnen: Denn waren es in ersten Absatz gerade einmal „fast fünf Stunden“, wundert man sich urplötzlich dann beim Lesen des dritten über die „gut fünf Stunden“, welche die Gespräche andauerten. Es scheint, als sei dem Autor beim Schreiben des Artikels die Zeit selbst zu lang geworden.

Er versucht, Stimmungsbilder zu zeichnen, verheddert sich aber in sehr unklarer Lautmalerei. Dafür verrät er seine eigene Position zu dieser politischen Konstellation. So schreibt er „das große Linksbündnis in NRW“ werde es nicht geben. In dieser Häme steckt durchaus etwas größenwahnsinniges und selbstverständliches, aber auch bedauerndes.

Wer nun noch etwas kritisches von ihm erwartet, wird enttäuscht werden und sollte wohl eher gleich bei der Konkurrenz weiterlesen. Denn wer die Kommunisten immer noch unterschätzt, der hat eindeutig zu wenig Angst vor einem rot-rot-grünen Probelauf. Aber machen wir uns den Spaß und schauen, was er noch so schreibt:

Als erstes spricht Kraft. Die Sozialdemokratin sagt, dass es "keinen Sinn mache" die Gespräche fortzusetzen oder gar Koalitionsgespräche einzusteigen. Sie nennt dafür zwei Gründe. Zum einen würden das Demokratieverständnis und das Verhältnis der Linken zur DDR in einer gemeinsamen Koalition "ein großes Hindernis darstellen". Zum anderen sei die NRW-Linke "aufgrund der Mechanismen, die in der eigenen Partei aufgebaut worden sind", nicht koalitionsfähig. Der Entschluss, das Gespräch mit der Linken zu beenden, sei bei der SPD einstimmig gefallen. "Wir konnten kein Vertrauen aufbauen", begründet Kraft später. Am Ende ihrer Drei-Minuten-Stellungnahme kündigt sie Gespräche mit der CDU an. Die Einladung dazu ist bereits verschickt. Dass es für SPD und Grüne nicht reicht, sei aber ausgesprochen schade, so Kraft.

Das war es also. Hannelore Kraft wird wohl auf das Amt der Ministerpräsidentin verzichten müssen.

Man lese nochmals die letzten beiden Sätze. Hier klingt jemand sehr resigniert. Genau wie über den Einsatz der Konjunktive im oberen Absatz beweist damit Herr Geiges seine Nähe zur „PD§ED–Linkspartei–DieLinke“. Er schreibt einerseits „würden“ und „sei“, wenn es um die Einschätzung der SPD gegenüber der Kommunisten geht, andererseits „ist“ aber die Einladung an die CDU „bereits verschickt“ worden.

Indes stellt sich dabei schon noch eine gewichtigere Frage: Wo stellt sich die SPD eigentlich stur? Man besteht bei der SPD auf einer Abneigung gegen die DDR, man erwartet ein demokratisches Gestaltungsbewusstsein, um die politischen Entscheidungen in Nordrhein–Westfalen auszudiskutieren und stellt fest, dass Betonköpfe unverbesserlich bleiben.

Andere Journalisten haben sich allerdings auch schon in dieser Frage geäußert, so Hans – Ulrich Jörges ( Mitglied der Chefredaktion des Stern ). Dessen Mantra, die „Linke“ sei eine Partei wie die „Grünen“, wurde hier nur umso deutlicher widerlegt, als es in die Köpfe der Journalisten linker Zeitungen passen will. Vergleiche dazu in der Welt Online, zur Erinnerung:

 

Late Night "Hart aber fair"

Hannelore Kraft sitzt in der Ypsilanti-Falle

Von Thilo Maluch 13. Mai 2010, 10:14 Uhr

[...]

Selbst der Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges ließ bei seiner Beurteilung der Linkspartei Milde walten und lobte die Integrationsfähigkeit des deutschen politischen Systems. Jörges erinnerte daran, dass auch Joschka Fischer und Otto Schily als Straßenkämpfer beziehungsweise RAF-Anwalt begonnen und sich später zu respektierten Politikern gemausert hätten.

Als Argument für eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei taugt das jedoch nicht, denn regierungs- und koalitionsfähig wurden Fischer und Schily erst, nachdem sie sich glaubhaft von den Dummheiten ihrer Jugend verabschiedet hatten.

[...] [3]

Auch dies ist eine stark euphemistische Aussage. Denn die „Dummheiten“ oder vielleicht doch eher Verbrechen der SED sind integraler Bestandteil ihres heutigen Politikverständnisses und nebenbei auch Wesensmerkmale eines SED– oder Linken–Politikers, der sich damit zwangsläufig identifizieren muss, denn könnte er doch sonst ohne Schwierigkeiten in einer jeden anderen Partei mitwirken.

Ganz selbstverständlich sollte es jeder wissen: Die SED bleibt sich treu, ist eine stalinistische Formation, keine Graswurzelbewegung. Wer etwas anderes meint, der träumt sich ein linkes Weltbild zusammen. 

Aber zurück zum Artikel im Spiegel:

Kopfschütteln bei den Linken

Dabei hatte es im Laufe des Nachmittages nicht immer nach einem Abbruch der Gespräche ausgesehen. Verhandlungsteilnehmer sprachen von "konstruktiven Gesprächen". Die Diskussion sei "sehr interessant" und im Ergebnis "völlig offen".

Auch die Grünen-Fraktionschefin Sylvia Löhrmann, die nach Kraft sprach, betonte zunächst die Ernsthaftigkeit des Gesprächs, in das die Grünen "mit großer Hoffnung" gegangen sind. Doch sein Verlauf sei "ernüchternd" gewesen. Die Linken hätten sich nicht klargemacht, wie sie zur DDR stünden. "Es sind relativierende Äußerungen gefallen", so Löhrmann, die mit dem Bürgerrechtsbewusstsein der Grünen unvereinbar seien.

Aber es überrascht doch im Grunde niemanden, der sich einen unverstellten Blick erlauben möchte. Denn man kann bei den Debatten im Deutschen Bundestag mitbekommen, in welcher Form sich die Kommunisten in althergebrachter SED–Rhetorik in ihren hölzernen Reden von den bodenständigen SPD–Politikern klar absetzen. Man spürt sicher ebenfalls zwischen den Sozialdemokraten in den FDP–Rednern eine sprachliche Diskrepanz, was aber wohl eher auf die andere Mentalität NLP–geschulter Neoliberaler zurückzuführen ist. Zwischen einer gestrigen Weltanschauung der SED und der NLP–Sprache der FDP fühlen sich die Sozialdemokraten sicherlich unwohl, könnten indes beides kritisieren und sich damit als wirkliche Mitte der bodenständigen Gesellschaft hervorheben.

Allerdings kam man wohl bislang noch nicht darauf. Bei der SPD glaubt man wohl, dass man es bezüglich der „Linkspartei“ mit „ihren Leuten“ zu tun habe, mit denen man koalieren könne, wenn schon von denen niemand den Wunsch verspürt, selbst Teil der SPD oder Grünen zu sein. Da man auf Überläufer schaute, wartete und dann erkennen durfte, dass die Kommunisten keine Renegaten unter ihren Frontkämpfern kennen, zeigt sich eine Unwissenheit gegenüber der stalinistischen Struktur, begründet durch eine infantile, in der Abgeschiedenheit des Rheinlands existierende Mentalität des alten früheren „Westen“ Deutschlands, der nun vermittels der strategischen Kriegsführung der Kommunisten von DDR–besessenen Extremisten heimgesucht wird. Die Gespräche mit Kommunisten waren somit von vorn herein sinnlos, weil man sich Träumereien hingab.

 

Hierzu passt es dann, wenn die SED sich nochmal an ihre glorreichen Zeiten erinnert. In der Welt Online heißt es dazu:

Grusswort an ehemalige Spitzel

Linke-Politikerin beklagt "Dämonisierung" der Stasi

20. Mai 2010, 09:41 Uhr

Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelpke, lobt die Aufarbeitung durch Stasi-Agenten. In einem Grußwort an ehemalige Mitarbeiter des DDR- Auslandsgeheimdienstes kritisiert sie auch die Gefängnisstrafen für den "mutigen Einsatz", denn Spione des Bundesnachrichtendienstes seien straffrei geblieben.

Eine „Dämonisierung“ der DDR und vor allem des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) beklagt die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelpke.

Wie das ARD-Politikmagazin „Report Mainz“ berichtet, hat die Abgeordnete ein Grußwort an ehemalige Mitarbeiter des DDR- Auslandsgeheimdienstes (HVA) geschrieben, der Teil des Ministeriums für Staatssicherheit war.

In dem Grußwort, das auch auf Jelpkes Internetseite zu lesen ist, heißt es wörtlich: „Während Antikommunisten aller Couleur mit Schaum vorm Munde an der weiteren Dämonisierung der DDR und insbesondere des MfS arbeiten, sind in den letzten Jahren aus Euren Kreisen umfangreiche nüchterne wissenschaftliche Untersuchungen und Dokumentationen zur HVA entstanden." Jelpke lobt die Aufarbeitung, fügt aber auch hinzu: „Man muss nicht jede Eurer Einschätzungen teilen.“

Weiter schreibt die Politikerin in dem Grußwort: „Viele von Euch wurden für ihren mutigen Einsatz für den Frieden nach dem Ende der DDR mit Gefängnis bestraft.“ Die Spione des Bundesnachrichtendienstes seien dagegen für ihre Operationen gegen den Sozialismus straffrei ausgegangen. Diese „Ungleichbehandlung“ sei bis heute ein „himmelschreiendes Unrecht“. [4]

 

Mit dieser Partei wollte die SPD–Spitzenkandidatin des Bundeslandes Nordrhein–Westfalen Frau Hannelore Kraft koalieren? Wieder zurück zum Text in Spiegel Online:

Während Kraft und Löhrmann sprechen, halten sich die Linken-Politiker im Hintergrund auf. Immer wieder ist bei ihnen Kopfschütteln zu erkennen. Der stellvertretenden Landesvorsitzenden Bärbel Beuermann entfährt es an einer Stelle: "Ihr wisst ja gar nicht, was ihr da veranstaltet". Andere winken ab. Gelächter unter den Linken.

Was will der Spiegelschreiberling damit nun zum Ausdruck bringen? Hätten nach seiner Darstellung die Kommunisten am Ende sogar recht mit ihrer Rot–Grün–Beschimpfung? War wirklich alles nur Theater? Aus der Luft gegriffen ist dies nicht: Der Herr Journalist Lars Geiges verteilt reihenweise Sympathiepunkte für die Kommunistenpartei, und zeigt dies dann auch wiederum so offensichtlich, dass man fast eine Nähe zu dieser mutmaßen möchte. Frau Hannelore Kraft nennt er oft nur „Kraft“. Nicht einmal eine Anrede bleibt der SPD–Frau. Sechsmal schreibt er „Kraft“ und nur dreimal „Hannelore Kraft“, am Anfang des Beitrages taucht der komplette Name noch häufiger auf. Bei der Spitzenfrau der anderen demokratischen Partei der Grünen Frau Sylvia Löhrmann ist dies kaum anders: Ganze dreimal steht ihr Name vollständig gegen drei Nennungen ihres Familiennamens. Bei den Kommunisten verzichtet er indes nur einmal auf den Vornamen, anstelle dessen dann deren Posten innerhalb der SED steht. Bei den Sozis und den Grünen nennt er nur die Spitzenkandidaten, bei den Kommunisten gleich vier verschiedene Personen. Zudem erfahren wir etwas über deren parteiinterne Stellungen, was bei einer kommunistischen Organisation eigentlich überflüssig ist, da die Personen austauschbar sind.

Weiter schreibt der Spiegel–Autor:

Dann treten Wolfgang Zimmermann und Katharina Schwabedissen für die Linkspartei an die Mikrofone. Kraft und Löhrmann machen ihnen Platz und gehen zurück in den Verhandlungssaal. Es gibt vorher noch einen betont kurzen Händedruck und einen flüchtigen Blick. Gelächelt wird dabei nicht.

"Mutwillig vergebene Chance"

Für die Linken steht fest: Das Gespräch ist an der SPD und an den Grünen gescheitert. Die Landesvorsitzende Schwabedissen sagt, ihre Partei sei bereit gewesen zu unterschreiben, dass die DDR keine Demokratie, sondern eine Diktatur gewesen sei. Doch das habe nicht genügt. SPD und Grüne haben nicht wirklich mit ihrer Partei ernsthaft reden wollen. Wolfgang Zimmermann spricht daher auch von "Scheingesprächen", um eine große Koalition vorzubereiten. "Wir haben über Dinge wie den Verfassungsschutzetat geredet - als ob das die größte Sorge des Landes wäre", so der Landeschef. Auch Ulrich Maurer, als Beauftragter für den Parteiaufbau West von seiner Partei aus Berlin zu dem Gespräch nach Düsseldorf geschickt, sprach von einer "mutwillig vergebenen Chance".

Dann gingen die Politiker rasch auseinander, ergebnislos und teilweise auch frustriert. An den Namen der drei Sitzungssäle des Düsseldorfer Hotels kann es nicht gelegen haben. Sie tragen die aufbauenden Namen "Motivation", "Passion" und "Vision". [5]

Ziemlich einfallslos liest sich seine abschließende Bemerkung: Ja, es sind drei Wörter an den Sälen des Hotels zu lesen, die wohl zur SPD ( Motivation ), SED ( Passion ), und den Grünen ( Vision ) irgendwie passen mögen. Aber im Grunde ist dies nur nochmals Häme gegenüber den Beteiligten, mit welcher er so eventuell auf ihre gemeinsame Basis aufmerksam gemacht haben wollte. Wer mag es wissen? Der Autor scheint sich nun aber vor allem über die Konsequenzen dieser Situation Gedanken gemacht zu haben, die offenkundig von der Sorge getragen sind, dass alsbald eine Große Koalition folgen wird. Dies bleibt aber nicht anzunehmen, da immer noch die wesentlich wahrscheinlichere Option im Spiel ist: Neuwahlen.

Quellen:

[1] http://www.welt.de/politik/nrw-wahl/article7575965/SPD-liebaeugelt-mit-Ueberlaeufern-aus-der-Linkspartei.html

[2] mms://wm-ondemand.swr.de/a4332/e6/das-erste/report/2010/05-10/360645.m.wmv

[3] http://www.welt.de/fernsehen/article7607603/Hannelore-Kraft-sitzt-in-der-Ypsilanti-Falle.html

[4] http://www.welt.de/politik/deutschland/article7711183/Linke-Politikerin-beklagt-Daemonisierung-der-Stasi.html

[5] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,696045,00.html

 

22.04.2010 um 00:04 Uhr

Journalistifizierung der sprachlichen Deutungshoheit – Die Bundeswehr als Negativbeispiel in der Welt und bei Focus Online

Nachdem am 16.04.2010 eine Klage einer skurrilen Berlinerin von einem klugen Stuttgarter Richter abgewiesen somit auch die Eigentümlichkeit des O - Wortes als Beschreibung einer unterstellenden Geste gegenüber Menschen unterschiedlichster Herkunft und Weltanschauungen zumindest in einer sehr weiten Interpretation etwas richtiggestellt wurde, macht sich die Welt Online nun an die Verfestigung des Begriffes, indem man diesem eine zusätzliche Note verleiht, d. h. dem O – Wort neue Geltung zu verschaffen. Man hängt ihm die Endung „–fizierung“  an, was sogleich an Fixierung, Infizierung erinnert.

Man postuliert wieder einmal die Gleichmacherei von Rostock bis Chemnitz, typisch ist dies für eben all diese Journalisten der Mainstreammedien. Man darf sich als Leser gern aufregen, aber dagegen etwas unternehmen, das verlangt Engagement, mehr als die meisten Menschen bereit sind zu tun.

Viele haben sich dem Mauerfetisch bereits hingeben, oder beschäftigen sich nicht mehr damit und halten es gar für selbstverständlich, dass Menschen beleidigt und in ihrer Würde angegriffen werden können, nur weil sie an verschiedenen Orten geboren sind, aufgrund dieses unbedeutenden Tatbestandes sie für Journalisten großer Zeitungen und anderer Medien zu Menschen zweiter Klasse werden.

In der Welt liest man:

"O***fizierung" [ aufgrund der Wahrung der Menschenwürde unkenntlich gemacht, Anm. d. Zit. ] der Bundeswehr

Ostdeutsche sind häufiger im Kampfeinsatz

21. April 2010, 06:40 Uhr

Überdurchschnittlich viele Soldaten aus den neuen Ländern leisten Auslandsdienste. Der Historiker Michael Wolffsohn sieht einen Zusammenhang mit der ökonomischen Situation in Ostdeutschland und spricht von einer "O***fizierung" [ aufgrund der Wahrung der Menschenwürde unkenntlich gemacht, Anm. d. Zit. ] der Bundeswehr. Zudem sei die deutsche Armee eine "Unterschichtenarmee".

[...]

Der Historiker Michael Wolffsohn sprach von einer „O***fizierung“ [ aufgrund der Wahrung der Menschenwürde unkenntlich gemacht, Anm. d. Zit. ] der Bundeswehr.

Allein dieses Wort, welches bereits viele negative Konnotationen enthält, kann ich hier bloß zensiert wiedergeben, da es zu beleidigend ist, als dass ich es den Lesern zumuten darf. Das O – Wort ist ein Annagramm, es setzt sich aus einem in einem Film verarbeiteten Skinhead – Schlachtruf und der Abkürzung für eine Nazi – Organisation in der Zeit des NS – Staates indirekt zusammen. Wem dies noch nicht aufgefallen ist, der überlege wie man die Buchstaben in variierter Reihenfolge modifizieren kann. Daran eine „–fizierung“ anzuhängen, ist schon sprachlich sehr bedenklich. Ein solches Wort kann in einer psychotricksaffinen Zeit zu einer Selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Man stelle sich das O – Wort einfach einmal nur vor, setzt man den vierten Buchstaben an die zweite Stelle und trennt dann beide Teile: Was bleibt stehen, wenn man dies in der Mitte trennt?

Eine „Nazifizierung der Bundeswehr“ hat die Welt Online nicht erwähnt, aber eine „Unterschichtenarmee“, welche sich aus der im Artikel der besagten Online - Ausgabe erwähnten „–fizierung“ ergeben würde. Wo also diese sogenannte „Unterschicht“ wohnt, wird auch klar. Mehr wollen die Journalisten doch gar nicht. Damit ist die Teilung in den Köpfen der Verantwortlichen fast 1 : 1 im Text eingebaut. Die Klischees der innerdeutschen Unterschiede werden so noch stärker gefüttert, man mag sich in diesen Zeitungshäusern richtig stolz wähnen, auf das, was in den 90er und 00er Jahren über diese Form der meinungsgestaltenden Berichte erreicht wurde.

Dies hänge eng mit der ökonomischen Situation in Ostdeutschland zusammen, sagte der Wissenschaftler von der Bundeswehr-Universität München.

Es gibt kein sogenanntes „Ost – Deutschland“, möchte ich dem Herrn Historiker zurufen, aber es verhallt im Nichts. Die Journalisten danken es ihm, da brauchen sie selbst nicht zu überlegen, er macht ihre Arbeit der Ostwestspaltung. Bloßes Zitieren genügt ihnen. Dabei glaube ich, dass Michael Wolfsohn selbst gar nichts böses dachte, sondern reine Kritik an der Spaltung in seiner Aussage unterbringen wollte. Allerdings können die Journalisten nicht anders, sie haben eine Sprache an sich, die nicht aufklärt, sondern zwischen jeder Silbe ein Gefühl der Verlorenheit und Unmöglichkeit einer Umkehr vom Ostwestdenken aufkommen lässt.

Nach seinen Worten entwickelt sich die deutsche Armee zu einer „Unterschichtenarmee":

„Die lebensgefährlichen, tödlichen Dienstleistungen sind den Unterschichten vorbehalten. Ich halte das für einen Skandal“.

Da haben wir es. Wolfsohn sagt „Skandal“, die Welt – Journalisten freuen sich. Er legt den Finger in eine Wunde, und sie schreiben ja doch bloß ein wenig darüber, als sei dies selbstverständlich und stellen zur eigenen Bestätigung folgende Aussage eines FDP – Politikers hintenan:

Dass junge Ostdeutsche länger in der Bundeswehr dienen wollen, sieht der FDP-Abgeordnete Rainer Stinner als Zeichen für die Attraktivität des Arbeitgebers Bundeswehr. „Die steigt, wenn andere Möglichkeiten nicht gegeben sind. Das ist nichts Schlechtes“, sagte er. [1]

Damit ist klar, dass sich in den Redaktionsstuben der Republik nichts ändern wird, vor allem in der Betrachtung der Menschen, welche im zwanzigsten Jahr der Deutschen Einheit immer noch in „früher Ost“ und „früher West“ getrennt journalistisch klassifiziert sind. Damit bleiben die Journalisten der Welt indes nicht allein, ihre Kollegen vom Focus schreiben selbstverständlich ähnliches, auch wenn sie das O – Wort nicht in die Überschrift schmuggeln, stattdessen aber dennoch mit dem Begriff der sogenannten „Ost – Deutschen“ in ihren theoretisch bestehenden Möglichkeiten kritischer Auseinandersetzung hinter den Erwartungen frei denkender Menschen zurückbleiben und dabei so tun, als ob ihnen bislang dieser Irrtum niemals wirklich klar geworden ist. So liest man im Focus Online:

21.04.2010, 11:32

Afghanistan

Ostdeutsche häufiger im Einsatz

In der Bundeswehr leisten überdurchschnittlich viele Soldatinnen und Soldaten aus den neuen Ländern Auslandsdienst.

Das schlägt sich in den Opferzahlen in Afghanistan nieder, wie die in Erfurt herausgegebenen Zeitung „Thüringer Allgemeine“ (Mittwochausgabe) schreibt. Danach schnellte im vergangenen Jahr der Ost-Anteil der Soldaten im Auslandseinsatz auf 49 Prozent. Noch im Jahr zuvor war nur Drittel der 5836 Bundeswehrsoldaten in Auslandseinsätzen aus den neuen Ländern. Der Anteil der Bürger hier an der deutschen Gesamtbevölkerung beträgt aber nur 20 Prozent. [...] [2]

Hier wird auf einem Bericht der Thüringer Allgemeinen bezug genommen, wie auch in der Welt Online. Warum man in der Thüringer Allgemeinen derartigen Unsinn verzapft, die eigene Bevölkerung zu beleidigen, also den Teilungsfimmel befördert, mag ungewöhnlich erscheinen, sollte es den Verantwortlichen doch eigentlich nicht einfallen, Thüringen an den Pranger zu stellen. Allerdings weiß man auch, dass alte SED – Seilschaften auch heute noch nachwirken.  In einem nach Objektivität heischenden statistischen Zusammenhang von „neuen Ländern“ auszugehen, kann nur einem Mauerfetischisten einfallen, somit steht die Koalition zwischen alten SED – Funktionären und modernen Journalisten, wie dies seit Jahren dem genervten Bürger durch die Artikel der Mainstreammedien klar ist. Eine Kampfansage ist es,  gerichtet an alle, denen die alten Thesen des Kalten Krieges schon seit zwanzig Jahren nur noch wie eine Karikatur vorkommen, welche es von diesen reaktionären Leuten vehement und ironisch trocken zu verteidigen gilt.

In allen Meldungen, die eine Teilung propagieren lassen, bringen sie ihre schonungslose nach Pessimismus klingende, aber klammheimliche Freude zwischen den Zeilen versprühende, Weltanschauung in deutlichen Worten zu einer Geltung, welche von der Bevölkerung als zu dominant empfunden werden muss, als dass hier eine revolutionäre Gegenbewegung entstehen könnte.

Quellen:

[1] http://www.welt.de/politik/deutschland/article7268269/Ostdeutsche-sind-haeufiger-im-Kampfeinsatz.html

[2] http://www.focus.de/politik/ausland/afghanistan-ostdeutsche-haeufiger-im-einsatz_aid_500714.html

 

 

21.04.2010 um 13:54 Uhr

Ein kluger Richter sagt „Nein“ zur Ostalgie und eine stolze Mauerfetischistin verliert Prozess gegen ein Unternehmen

Keine Frage, das Wort ist böse. Es ist eine unverträgliche Floskel, die dem Wohlbefinden eines Menschen abträglich ist, es besitzt somit keine beschreibende Funktion, es erklärt nichts, sondern impliziert gleichzeitig eine definitiöse Macht über eine von den Medien klassifizierte Menge an Personen und unterstellt diesen eine aufgrund des negativen Gefühlswertes zu vermutende Minderwertigkeit. Dieses Wort ist seiner Syntax nach gleichbedeutend mit allen anderen Schimpfwörtern, welche ebenso dazu erdacht sind und auch so verwendet werden, allein um Menschen zu beleidigen, die sich hernach nicht durch Argumentationen gegen dieses schon dem Wort innewohnende Vorurteil verwehren können. Die Unterstellung wirkt bereits vor einer jeden in beliebiger Weise vorzutragenden Verteidigungsrede in den Köpfen eines anonymen Publikums.

Es gibt viele solche Begriffe, die nur zum Diffamieren gebräuchlich sind, sie sollen einen Gegenüber schlichtweg schonungslos beleidigen und seine Motivation auf die Zuordnung zu der jeweiligen Minderheit lenken. Bereits der Ansatz, solche Wörter in seiner Alltagssprache zu verwenden, muss also kategorisch abgelehnt werden.

Eine Frau war von einem Unternehmen nicht eingestellt worden, weil sie aufgrund der Vorurteile in der Personabteilung als Arbeiterin abgelehnt worden war. Man schrieb auf die Bewerbung ein Minus und das Wort und schickte diese damit kommentierten Unterlagen an ihre Adresse zurück. Sie sah beides und klagte gegen das Unternehmen.

Die Klägerin nun sagte in rbb – aktuell am 16.04.2010, dass sie das Wort gar nicht treffe, sondern das Minus vor dem Wort. Sie wolle sich ein Recht auf eine schützenswerte Art per Urteil bescheinigen lassen, sie klagte nicht auf Beleidigung, sondern auf die Rechtmäßigkeit des Wortes, auf die Unverletzlichkeit des Beleidigten, sich als Mensch mit Minderwertigkeitsanspruch akzeptieren zu lassen.

Dies ist das Hauptproblem, dass die Frau, welche die Klage einreichte und sich zum Menschen mit Minderwertigkeitsanspruch erklären ließ, sich nicht gegen das Wort, sondern die Folge seiner angeblich notwendigen Existenzberechtigung verwahren wollte. Aber ist die Konnotation des Wortes schließlich dermaßen negativ, dass die Schlussfolgerung, das Wort gelten zu lassen, keinem vernunftbegabten Menschen in den Sinn kommen dürfte, da es wie die Konnotation anderer Wörter beispielsweise dem Wort, welches amerikanische weißhäutige Rassisten gegenüber dunkelhäutigen Amerikanern einsetzen, zeigt, nur geschaffen ist, um Menschen zu beleidigen. Das O – Wort ist dem N – Wort nicht nur in seiner Überheblichkeit gleich, sondern es fördert und gestaltet genauso rassistische Ressentiments, welche eben nur durch die Hautfarbe nicht zusätzlich untermauert werden.

Rassismus könnte ebenso gut auf der Augenfarbe aufbauend die Menschen teilen. Alle Ideen der Spaltung sind im Grunde möglich – aber nicht alle sind ohne Probleme umsetzbar. Dagegen spricht vor allem die Geschichte und unsere Kultur. Jeder Rassismus basiert unmittelbar auf der Überlegung, etwas besseres zu sein. Wichtig ist indes, dass wir zu den bestehenden rassistischen Ideologien nicht zusätzliche durch unsere Partikularstolzmentalität erdichten.

Die vorhandenen Vorurteile sollten abgebaut, nicht weitere etabliert und durch die Gesellschaft getragen werden. Das Signal wäre das falsche auch gegenüber den existierenden Klischees und dem Alltagsrassismus.

Ein leider wieder durch das O – Wort verunstalteter Text einer Journalistin von Spiegel Online beschreibt ziemlich objektiv die Situation innerdeutscher Ressentiments und die Folgen arbeitsrechtlicher Auseinandersetzungen:

16.04.2010

Büroalltag

Wenn Deutsche Deutsche diskriminieren

Von Yasmin El-Sharif

Ein schwäbisches Unternehmen lehnt eine "O***" – Bewerberin [ aufgrund der Wahrung der Menschenwürde unkenntlich gemacht, Anm. d. Zit. ] ab - und kommt damit vor Gericht durch. Innerdeutsche Diskriminierung gehört laut Experten zum Büroalltag, auch Norddeutsche werden in Süddeutschland benachteiligt und umgekehrt. Aber kaum ein Fall landet vor Gericht.

Hamburg - Karl Weber ist ein Exot an seinem Arbeitsplatz: Der Bürokaufmann kommt aus Norddeutschland und ist bei einer mittelständischen Firma in Oberbayern beschäftigt. Dass Webers Kollegen alle aus der Region stammen und untereinander nur Bayerisch sprechen, ist für ihn kein Problem. Sorgen bereitet dem 46-Jährigen aber, dass er in den fünf Jahren, die er nun schon in der Firma arbeitet, keine einzige Gehaltserhöhung bekommen hat. Seine Kollegen aber schon. Weber fühlt sich diskriminiert - als Norddeutscher in Bayern.

Der Fall Weber ist nur als Beispiel konstruiert, diesem Muster vergleichbare Fälle sind laut Experten aber durchaus üblich. "In deutschen Betrieben spielen innerdeutsche Diskriminierungen eine bedeutende Rolle", sagt Klaus Alenfelder, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Antidiskriminierungsrecht. West gegen Ost oder Nord gegen Süd - innerdeutsche Diskriminierung finde in allen Himmelsrichtungen statt. "Die Benachteiligung geht sogar so weit, dass jemand nur Leute aus seinem Landkreis einstellt und alle anderen Bewerber trotz passender Qualifikation keine Chance haben", sagt Alenfelder.

Bislang kennt man dieses Problem nur vom Verhalten Ausländern gegenüber. Für innerdeutsche Diskriminierung gibt es keine Fallstudien. "Man hört davon, Statistiken darüber gibt es aber nicht", sagt Martina Perreng, Arbeitsrechtlerin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Kaum jemand geht mit seinem Problem an die Öffentlichkeit, die wenigstens wenden sich an einen Anwalt. In Alenfelders Kanzlei entfallen nur etwa drei Prozent aller Diskriminierungsfälle auf innerdeutsche Streitfälle. Benachteiligungen wegen des Alters, Geschlechts oder einer Behinderung landen sehr viel häufiger vor dem Richter.

Alenfelders Begründung: "Die juristische Argumentation ist schwierig." Denn auch wenn das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vor Diskriminierungen wegen der ethnischen Herkunft schützen soll, gehört die Herkunft aus einer deutschen Region nicht dazu.

Hier verliert sich Frau El-Sharif im Nebel. Von welcher Region geht sie aus? Berlin oder dem ominösen, hier vor Gericht verhandelten sogenannten "Osten"? Denn: Eine Region, die man generell mit dem hier betrachteten O – Wort zu schmähen trachtet, existiert im Grunde nicht. Wer dieses Wort ausspricht und damit eben bestimmte Menschen meint, mag zwar denken, dass diese aus einer Region stammten, aber genau darin liegt das eigentlich Problem, denn eine konstruierte Region, welche nur in den Köpfen der Vorurteilsgläubigen vorhanden ist, stellt vom Standpunkt einer territorialen Betrachtung gesehen noch lange keine wirkliche Region dar.

Das Problem besteht in den Köpfen

So urteilte zumindest das Stuttgarter Arbeitsgericht in einem aktuellen Fall, bei dem eine Buchhalterin ostdeutscher Herkunft geklagt hatte. Sie hatte sich bei einem schwäbischen Betrieb beworben und wurde abgelehnt. Der Arbeitgeber hatte der 49-Jährigen die Bewerbungsunterlagen zurückgeschickt - und auf dem Lebenslauf notiert: "(-) O***" [ aufgrund der Wahrung der Menschenwürde unkenntlich gemacht, Anm. d. Zit. ]. Für die Klägerin war dies ein klares Indiz für eine ethnische Diskriminierung ihrer Herkunft. Die Richter gaben der Klägerin am Donnerstag nur insofern Recht, dass der Vermerk als diskriminierend verstanden werden könne. Er falle aber nicht unter die gesetzlich verbotene Diskriminierung wegen der ethnischen Herkunft. "O****" [ aufgrund der Wahrung der Menschenwürde unkenntlich gemacht, Anm. d. Zit. ] seien kein eigener Volksstamm.

Doch das Problem in den Köpfen bleibt bestehen, warnt Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. "Solche Vorurteile gibt es ganz offenkundig. Sonst gäbe es solche Fälle nicht." Um sie künftig zu verhindern, sei eine andere Kultur im Lande nötig, die diese Vorurteile ausräumt, sagt sie. Dazu gehöre aber auch, die Rahmenbedingungen zu verändern - etwa anonymisierte Bewerbungen zum Standard zu machen.

Weil die Rechtslage so schwierig ist, hilft sich Experte Alenfelder über einen Umweg. "Man muss eine Begründung haben, die stichhaltig ist." So habe er beispielsweise in einem aktuellen Fall, in dem eine Mandantin am Arbeitsplatz wegen ihrer ostdeutschen Herkunft beschimpft wurde, die ethnische Diskriminierung nur als Teilbegründung in die Klageschrift aufgenommen. Hauptbegründung sei hingegen die Diskriminierung wegen des Geschlechts gewesen.

Für die unterlegene Klägerin in Baden-Württemberg hätte es diese Möglichkeit jedoch wohl kaum gegeben. DGB-Arbeitsrechtlerin Perreng glaubt ohnehin, dass sie mehr Chancen auf einen Sieg vor dem Arbeitsgericht gehabt hätte, wenn sie wegen der Unterstellung einer "vermeintlich ethnischen Herkunft" geklagt hätte. Dann hätte sie nicht erst nachweisen müssen, dass O**** [ aufgrund der Wahrung der Menschenwürde unkenntlich gemacht, Anm. d. Zit. ] ein eigener Volksstamm seien.

Theoretisch hätte die Klägerin noch die Möglichkeit, diesen Tipp aufzugreifen. Sie kann nach dem Urteil von Donnerstag in Berufung gehen. [1]

Genau dies wollte diese Frau indes auf keinen Fall. Sie ist stolz auf ihre DDR und somit selbst schuld. Eine von der Arbeitsrechtlerin des DGB Perreng beschriebene „Unterstellung einer „vermeintlich ethnischen Herkunft““ ist dagegen für einen stolzen Ost – Fetischisten kaum denkbar. Denn diese Frau empfindet sich als „ost – deutsch“, weil sie keine andere Sicht kennt.

Daraus zu erkennen, dass sie vielleicht zu Recht abgelehnt wurde, kann man als naheliegend betrachten. Es geht um die Anschauungen, Meinungen, Positionen und Überzeugungen. Wer sich als Mensch der DDR wahrnimmt, wird anders betrachtet. Wer hingegen in der Bundesrepublik als Bundesbürger lebt, nicht die Herkunft als DDR – Mensch in seinem Leben nach außen darstellt, kann sich beklagen und darf sich auch wehren, muss dies, weil die gesellschaftlichen Vorurteile da sind.

Dieses Beispiel zeigt indes die gegenteilige Aussage, daher kann man nur über das Urteil froh sein, welches ein Stück in Richtung „Ostwestalgie“ – Kritik weist.

Quelle:

[1] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,689247,00.html