Die größte Angst, welche die Journalisten umtreibt, ist die, dass
ihnen ihre Minderheiten einmal abhanden kommen könnten. Dies verbindet sie mit
den Politikern der linken Seite, welche die Minderheiten betonen wollen, und
indirekt den Konservativen, welche die Bedeutung der Minderheiten aus deren
Minderwertigkeit heraus ableiten wollen.
Das Problem bei der Verunglimpfung von Menschen innerhalb der
Minderheitenideologie ist vor allem aber gerade diese Verteidigungsstrategie,
die Gruppe auch mit sympathischen Eigenschaften zu belegen, was nicht zu einer
Auseinandersetzung über die Thematik, sondern nur zu einem Streit der
Minderheiten führen kann.
Wenn man als Individuum wahrgenommen werden möchte, darf man sich
nicht auf dieses Spiel einlassen. Die Journalisten denken indes nur in groben
Strukturen und können wohl nicht anders, als ihre Minderheiten zu pflegen, auf
dass sie ihnen nicht abhanden kommen können.
In den Medien liest man häufig von Vorurteilen, von Minderheiten
und ihren Eigenschaften. Andererseits sind es diese Minderheiten, welche erst
durch die Medien zu ihrem Wesen gelangen. Wenn ein Mensch sich gegen die
Zugehörigkeit zu einer Minderheit entscheidet, so ist dies seine höchst private
Angelegenheit.
Ist man indes als Angehöriger sofort erkennbar, neigt der Mensch
dazu, sich zu arrangieren. Er muss eine Identität finden, welche seiner
angeborenen nicht eigen ist, sich anpassen, verändern, um nach außen sein
Selbstwertgefühl darstellen zu können. Das Problem ist dabei, dass jeder Mensch
dabei so individuell ist, dass eine Anpassung in vollständiger Verleugnung
seiner Person münden kann, ihn als Subjekt entmündigt.
Die Herkunft als sogenannter „West“– oder „Ost“–Deutscher ist dem
einzelnen in der Regel nicht anzusehen. Weder die Sprache noch die Ansichten
zeigen auf, wo man geboren ist, es sei denn, man legt Wert darauf. Dann
wiederum ist immer noch nicht klar, ob derjenige ein Regionalpatriot oder ein
Anhänger der Spaltungsidee ist.
Auch in diesem Artikel der Welt vermisse ich wieder den Respekt vor
dem einzelnen Menschen und seiner individuellen Persönlichkeit. Man tut so, als
gäbe es diese gar nicht, müsse der Mensch sich seine Persönlichkeit
„erarbeiten“, sei sie zudem von äußeren Zwängen abhängig. Ist der Autor des
Springerkonzerns eine Kreuzung aus Jean–Paul Sartre und Georg Büchner?
Meinung,
11.09.10
Ost-West-Vorurteile
Nur
nackt sind alle Deutschen gleich
20
Jahre nach der Wiedervereinigung tun viele immer noch so, als wohnten in Ost
und West unterschiedliche Stämme. Die alten Klischees halten sich.
von
Klaus Schroeder
Die
Deutschen jammern, fluchen oder jubeln inzwischen über vieles gemeinsam, und
auswärtige Gäste vermögen kaum noch Unterschiede zwischen ehemaligen Bundes-
und DDR-Bürgern zu sehen. Doch unter dieser vermeintlich einheitlichen
Oberfläche schlummern noch nachwirkende Kräfte des Lebens in gegensätzlichen
Systemen, die das Zusammenwachsen behindern. Viele neue Bundesbürger sind nach
wie vor infiziert vom mentalen Gift der sozialistischen DDR, viele alte
Bundesbürger trauern weiterhin vergangenen Zeiten nach, sodass ein gemeinsamer
Neuanfang in vielen Bereichen blockiert wurde.
Hier erfolgt vernunftmäßig schon ein prinzipieller Einspruch: Was
soll ein „gemeinsamer Neuanfang“ bedeuten? Gemeinsam heißt, dass es mindestens
zwei sind, zwei Gruppen, die der Autor getrennt wahrnimmt. Und wieviele „viele alte
Bundesbürger“ sind und ob diese wirklich im Schnitt älter sind als der Rest der
deutschen Bevölkerung lässt der Welt - Autor Klaus Schroeder zudem auch noch offen.
Dabei
geht es nicht um die Säulen der gesellschaftlichen, politischen und
wirtschaftlichen Ordnung, die sich in vierzig Jahren Bundesrepublik bewährt
haben, sondern um eine Neujustierung ihres Zusammenwirkens und ihrer
Triebkräfte.
Ein
gemeinsamer Aufbruch, der Zusammengehörigkeit hätte stiften können, ist bisher
ausgeblieben. Überwunden geglaubte Stereotypen über den jeweils anderen aus
geteilten Zeiten (gefährlicher Kommunist versus böser Kapitalist) und das
Wiederaufleben alter Mentalitäten prägen bis zu einem gewissen Grad weiterhin
die beiden in Umrissen immer noch vorhandenen Teilgesellschaften und behindern
das weitere Zusammenwachsen. Der geistige Zustand der Nation reicht bisher
nicht zur Bewältigung der Herausforderungen, vor denen Deutschland steht. Zu
stark prägt die Vergangenheit – der Blick zurück auf die vermeintlich guten
Zeiten – die öffentlichen Debatten. Wer hätte am 10. November 1989 vermutet,
dass wir knapp 21 Jahre später nach wie vor von Ost und West, von Menschen
„zweiter Klasse“ oder von Jammer**** und Besser***** ( aus humanen Gründen unkenntlich gemacht, Anm. d. Zt. )
sprechen?
Fehlende
Souveränität im Umgang mit öffentlicher Kritik
Die
Deutschen in Ost und West – zumindest eine beträchtliche Anzahl von ihnen –
sind sich auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung noch fremd geblieben
und sehen die Einheit stark interessengeleitet. Obschon Westdeutsche
überwiegend die hohen Kosten der Vereinigung tragen und in den vergangenen
zwanzig Jahren Wohlstandseinbußen hinnehmen mussten, blieben die Kritik an der
Vereinigung und die Beurteilung der Ostdeutschen eher verhalten. Mehrheitlich
zeigen sie sich desinteressiert an der Vereinigung (und den Ostdeutschen) und
nehmen die Folgen der Wiedervereinigung nachgerade fatalistisch hin.
Unterschwellig jedoch dürfte vor allem in strukturschwachen Regionen bei vielen
Westdeutschen Unverständnis gegenüber dem hohen Grad an Unzufriedenheit im
Osten vorherrschen. Besonders die Selbstverständlichkeit, mit der ihre
Landsleute die jährlichen milliardenschweren Transfers betrachten, stößt
vielerorts auf Kopfschütteln.
Was heißt die Floskel „ [...] jedoch dürfte vor allem [...] “? Es
geht dem Autor um Mutmaßungen, anders ließe sich auch kein solcher Artikel
schreiben.
Hier schreibt also ein Skeptiker darüber, dass er die Skepsis überall
wittert, was fast peinlich erscheinen würde, wenn er nicht die Mehrheit seiner Zunft
hinter sich wüsste, was man fraglos anhand von zahllosen Beispielen aus anderen Zeitungen beweisen
könnte.
Es sind diese Bestandsaufnahmen dieser Mutmutmaßungen, welche
meinungsbildend wirken sollen, man kann nichts anderes annehmen, da dieser Text
unter der Rubrik „Meinung“ einen reinen Kommentar der Branche abbildet und
gerade keine Schlagzeile der Tagespolitik ist.
Auf
westdeutsche Kritik reagieren viele Ostdeutsche überaus sensibel. Unabhängig
vom Wahrheitsgehalt kritischer Äußerungen fühlen sie sich missverstanden oder
sogar diffamiert, auf jeden Fall aber ungerecht behandelt. Vor allem
Erfahrungsberichte von in den Osten umgesiedelten Westdeutschen, die die vermeintliche
Unkultiviertheit der Einheimischen, ihre Subventionsmentalität und
Undankbarkeit kritisierten, lösten stets helle Empörung aus. Die fehlende
Souveränität im Umgang mit öffentlicher Kritik, die es in der DDR nicht gab,
kennzeichnet bis heute viele Kontroversen um die Vereinigung und ihre
tatsächlichen oder vermeintlichen Folgen.
Dieser Abschnitt ist reine Polemik. Dass dahinter ein Gedanke
zweier Bevölkerungsgruppen steht, ist wohl unstrittig. Was ist nun, wenn man
den ersten Satz nimmt und sagt: „Ich bin kein sogenannter „Ost“–Deutscher!“ Ist
dies das auch schon eine sensible Reaktion? Ist man empört, wenn man zu einer
Minderheit zusammengefasst wird und sich dagegen verwehrt? Beweist man
„fehlende Souveränität“, wenn man sich als freier Mensch verstanden wissen will
und sowohl das W–Wort wie das O–Wort mit dem N–Wort vergleicht?
Diese „fehlende Souveränität“ ist der Schlüssel zum Verständnis der
rotweintrinkenden Journalismuskaste. Wer die Contenance bewahren und vernünftig
argumentieren kann, entscheidet der Umstand, wie angesehen man bei seinem
Gegenüber ist.
Es geht mir seit zwei Jahrzehnten etwa so, dass ich sofort, wenn ich
„Westen“ oder „Osten“ höre, mich an einige verleumderische Stereotype erinnere,
welche sich im Laufe der Jahre nun zu zwei Bildern von Menschen herausbildeten.
Diese existieren wohl kaum in der Wirklichkeit, werden aber gedanklich
wachgerufen, wenn jemand eine dieser beiden Himmelrichtungen nennt.
Überhaupt: Darf man nicht als definierter sogenannter
„West“–Deutscher genauso sensibel reagieren, wenn jemand „Kritik“ von
ostalgischer Seite üben will? Besitzt jeder Mensch mit sogenannter
„west“–deutscher Herkunft diese „Souveränität“, von welcher der Autor spricht?
Kann man in einer Gruppe von Separatisten nicht immer das Gefühl der Einsamkeit
bekommen, welches eine souveräne Reaktion unmöglich macht?
Mein Eindruck ist, dass der Autor nicht nur selbst ein überzeugter
Separatist sein muss, sondern auch die Wertigkeitsgedanken der Spalter eins zu
eins übernommen hat. Sonst wäre ihm letztere Frage wie mir in den Sinn gekommen
und er hätte eine Antwort gesucht.
Souverän reagiert ein Mensch, wenn er sich ernst genommen und
geachtet fühlt. Unter Mauerfetischisten fühle ich mich weder das eine noch das
andere. Dort ist es egal, wo ich geboren bin, ich verbleibe hinter einer Mauer,
welche mich von anderen trennt.
Unter Gegnern der Mauerfetischisten ist es genauso egal, wo ich
geboren bin, aber hier bin ich zudem ein Individuum, eine Person, die man
ablehnen oder annehmen kann, mein Charakter steht im Zentrum, nicht die
Herkunft.
Wird ein Bürger nun souverän antworten, so er gefragt wird, warum
seine Halbstaatsgenossen nach Ansicht von Klischeegläubigen so merkwürdig sind?
Diese Affronts nicht zu registrieren, hat viel mit Überheblichkeit und
Ostweststolz zu tun, Eigenschaften, welche jeden Dialog zwischen zwei Menschen
so stark überlagern, dass eine Auseinandersetzung nicht mehr möglich ist.
Die Fähigkeit zum souveränen Reagieren und auch bloß zum souveränen Agieren kann somit nicht erwartet werden, wenn man den vermeintlich Fremden brüskiert, wenn man ihn oft mit der Erwartungshaltung begegnet, er solle doch irgendwie ein Vorurteil bestätigen oder zumindest sich dazu bekennen, dass er es ab und zu bedient.
[...]
Falsche
Vorstellungen der Lebenswirklichkeit auf beiden Seiten
Fast
alle Ostdeutschen hatten 1989/90 ein falsches Bild von der alten
Bundesrepublik, das erstaunlicherweise immer noch nachwirkt. Sie
unterschätz(t)en die soziale, politische und kulturelle Differenziertheit
ebenso wie das sozial und regional ungleich verteilte Wohlstandsniveau. Darüber
hinaus haben sie eine teilweise unzutreffende Vorstellung von den inzwischen an
westeuropäischen beziehungsweise US-amerikanischen Vorbildern orientierten
Lebensweisen und -stilen der meisten Westdeutschen.
Wieder schreibt er über „fast alle“ und die „meisten“. Er schreibt
auch nicht, dass er denke und mutmaße, glaube oder meine, er behauptet:
usw.
Was glaubt er eigentlich, wer diesen seinen Text lesen soll?
Andererseits
hatten auch die meisten Westdeutschen eine falsche Vorstellung von der
Lebenswirklichkeit in der DDR. Der marode Zustand der Wirtschaft war ihnen
ebenso wenig bekannt wie die flächendeckende Arbeit der verschiedenen
„Sicherheitsorgane“.
Auch dies ist nur eine verrückte Behauptung, welche von der
Bevölkerung nur mit Unverständnis geahndet werden kann. Jeder konnte es wissen
und wer es wissen wollte, wusste es auch. Es gab damals nicht nur die
Aufklärung in den Zeitungen und dem Fernsehen, welche zu dieser Zeit noch
objektiver waren, sondern auch Kinofilme und Bücher, wie das von Ralph Giordano
„Die Partei hat immer recht“, welche in einem Zustand der Spannung zwischen den
Systemen auch stärker Beachtung gefunden haben als dies heute vorstellbar
erscheint.
Zusätzlich
zu generellen systembedingten Unterschieden hinkte die DDR-Gesellschaft der
westdeutschen in vielerlei Hinsicht um mehr als zwei Jahrzehnte hinterher. Die ostdeutsche
Gesellschaft war – und ist zum Teil immer noch – ländlicher und vor allem
proletarischer.
Abgrenzung
kompensiert mangelndes Selbstbewusstsein
Einige
ostdeutsche Umgangsformen und Verhaltensweisen erinnerten zumindest Anfang der
neunziger Jahre an entsprechende westdeutsche der sechziger Jahre. Da die DDR
aus der Sicht der Bundesrepublik eine „Vor-68er-Gesellschaft“ war, erschienen
die Ostdeutschen vielen Westdeutschen als kleinbürgerlich und spießig,
umgekehrt Westdeutsche vielen Ostdeutschen als großspurig und selbstgerecht.
Die wechselseitigen Vorurteile haben sich im Laufe des Vereinigungsprozesses
eher verfestigt als aufgelöst. Vor allem die neuen Bundesbürger betrachten die
alten weiterhin mit Argwohn und verfügen – anders als viele Westdeutsche – über
ein durchweg positives Selbstbild. Binnen weniger Jahre hat sich nach der
Vereinigung eine ostdeutsche Identität herausgebildet, die es zu DDR-Zeiten so
nicht gab. Dabei handelt es sich vornehmlich um eine Abgrenzungsidentität, die
bei vielen ein mangelndes Selbstbewusstsein kompensiert.
Wer sind diese „neuen Bundesbürger“? Diverse Neugeborene sind es
wohl nicht, auch wenn man zuerst daran denkt. Die Verfestigungsabsicht des
Schreiberlings bezüglich der von ihm abgezählten Vorurteile ist auch hierin zu
erkennen.
Man gibt hier zwar auch zu, dass es keine DDR–Mentalität gab, aber
behauptet frech, dass es nunmehr seit einigen Jahren eine Ersatzrealität gäbe,
eine Ersatzidentität, ja eine „Abgrenzungsidentität“, welche von den nach der
Meinung des Schreiberlings entwurzelten Leuten gewählt wurde, um den Gedanken
an die anderen zu entgehen. Der Westalgiker versucht sich als Ostalgieversteher
und scheitert kläglich. Denn der einzelne Mensch ist frei und kann sich
jederzeit entscheiden, ob er westalgisch oder ostalgisch oder keines von beiden
sein möchte.
Wer sich selbst abgrenzt, soll dies machen. Mir sind diese
Mauerfetischisten ziemlich gleich, sie mag es geben, aber Abgrenzung gibt es
überall, wo sich Leute nicht arrangieren wollen.
[...]
Aufgrund
der Geheimhaltungspolitik der SED fehlen weiterhin einer breiteren
Öffentlichkeit Informationen über den tatsächlichen Zustand der
DDR-Gesellschaft. Darüber hinaus sind vielen Ostdeutschen die regionalen
Unterschiede des Wohlstandes in der Bundesrepublik nicht bekannt.
Wer soviel gespielte Unwissenheit vorgaukelt, wie dies Herrn
Schroeder von Spiegel Online eigen ist, dem gegenüber kann man eigentlich nur
mit kopfschüttelndem Schweigen reagieren, aber dies wäre kontraproduktiv.
Schließlich könnte der eine oder andere seine Ausführungen sonst noch für bare
Münze nehmen, was es zu vermeiden gilt.
Die Abgeschlossenheit des einzelnen in der DDR – Gesellschaft ist
ein Utopie, welche gern kolportiert wird. Doch das Leben ist immer ein
Miteinander. Vieles dringt auch dann durch, auch wenn die genauen Zahlen und
Daten nicht bekannt sind.
Die
Verlusterfahrung, die aus dem Verschwinden der DDR resultiert und zu einer
„Umwertung nahezu aller Werte“ führte, wirkt bis heute nach. Vielen
Ostdeutschen mangelt es an der Fähigkeit oder Bereitschaft, zwischen System und
Lebenswelt zu differenzieren.
Eine weitere Lüge. Denn wer hier und da anfängt zu unterscheiden
zwischen System und Lebenswelt, der macht bereits den Fehler, die Lebenswelt zu
glorifizieren. Wer in der Diktatur leben musste, kann alles, was er dort erlebt
hat, nur unter der Prämisse eines diktatorischen Reglements bewerten.
[...]
Die
unverhoffte, gleichwohl selbst erkämpfte Demokratie in der Endphase der DDR
wurde – und das kann nicht oft genug wiederholt werden – mit der
Wiedervereinigung nicht abgeschafft, sondern auf eine solide Grundlage
gestellt. Sie bietet die Gewähr, dass Menschen in Freiheit und sozialer
Sicherheit leben können. Hierfür ist es aber notwendig, dass sich auch die
Ostdeutschen für den Erhalt und den Ausbau demokratischer Verhältnisse
einsetzen. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bedarf die Demokratie
der Unterstützung und nicht der Diffamierung durch die Bürger.
Die Diffamierung aller der Bürger, welche sich nicht gegen eine
Definition der Minderheit und Minderwertigkeit und des unterstellten
Minderwertigkeitskomplexes stellen können, weil man ihnen keine Chance auf
Gegenrede lässt, nicht darauf, ein Klischee zu demaskieren, nicht darauf, sich
als Bürger ohne den Zusatz „ost“–deutsch zu entfalten, führt in manchem Kopf
wohl zu Verwirrung.
Welche Haltung zu diesem medial konstruierten System der zwei
Völker ist angemessen? Jeder mag dies für sich entscheiden. Eine Behauptung
aufstellen und daraus zu schlussfolgern, ist billig. Hier wird eine
Spiegelfechterei betrieben, welche den Berufsstand des Journalisten nun
komplett infrage stellt.
Der Welt–Autor lässt seinem „Ost“–Deutschen keine Wahl, sich zu
entscheiden, ob er Opfer des Vorurteils sein möchte oder nicht. Dann fordert er
von dem selben die Größe und Souveränität eines anerkannten Bürgers, mit dem
sein Gegenüber auf gleicher Augenhöhe spricht, obwohl Herr Klaus Schroeder dies
geradezu vermeiden will.
Kommentare ( Auswahl, beginnend mit dem ersten Kommentar ):
11.09.2010, 09:44 Uhr
Leserbewertung ( Zustimmung / Ablehnung ) 118 : 5
W******* sagt:
"20 Jahre nach der Wiedervereinigung tun viele immer noch so,
als wohnten in Ost und West unterschiedliche Stämme. Die alten Klischees halten
sich."
Kann ich aus meinem umfangreichen Bekanntenkreis nicht bestätigen. Die Medien
trennen nach Ost und West!
11.09.2010, 10:03 Uhr
Leserbewertung ( Zustimmung / Ablehnung ) 71 : 14
Felix sagt:
So ein Blödsinn. Der Autor scheint sich nicht in Ostdeutschland zu
bewegen. Jedenfalls nicht bei Leuten unter 35. Da trifft nichts von dem zu was
hier geschrieben steht. Bei Leuten unter 20 schon gar nicht. Bei diesen gibt es
Ost und West nur noch vom Hörensagen. Es scheint als trauere hier jemand selbst
der eigenen verlorenen Identität nach. Anders kann dieser Text nicht verstanden
werden.
Hier kritisiert ein 55jähriger Westdeutscher die über 60jährigen Ostdeutschen.
Von der Realität des Ganzen ist das weit entfernt. Man sollte den Autor mal an
ostdeutsche Unis einladen, nachts mit in einen Club nehmen und am Tag in eine
Wirtschaftsvorlesung. Die Mauer im eigenen Kopf gilt es zuerst abzureißen.
11.09.2010,
10:33 Uhr
Leserbewertung ( Zustimmung / Ablehnung ) 10 : 52
ghostr sagt:
Also, hier bei uns im Schwabenland ist o*** ein Schimpfwort /
beleidigendes Wort auf den Dörfern.
hier ist eig. keiner gut gestimmt auf die Wiedervereinigung.
ob bei 16 jährigen oder 70 jährigen
mfg
Dieser Kommentar ist zwar westalgisch, sagt aber klar, was jedem
Menschen bewusst sein muss: Die beiden Wörter mit einem W bzw. einem O am Anfang
und einem I am Ende sind Schimpfwörter und nichts anderes. Wer einen Menschen
mit diesen Wörtern betitelt, beleidigt ihn und sollte auch so behandelt werden,
wie jemand, der einen anderen beleidigt.
11.09.2010, 11:17 Uhr
Leserbewertung ( Zustimmung / Ablehnung ) 39 : 0
Moment mal sagt:
Gleich im ersten Kommentar hier wird vollkommen richtig
festgestellt, dass das gegenseitige Misstrauen NICHT auf der persönlichen
Wahrnehmungsebene wächst. So habe ich persönlich das auch erleben können.
Was jedoch immer wieder passiert, ist eine subkutane Form der Verhetzung durch
Medien. Das geht leicht und bringt Quote; wir erleben es ja gerade wieder. Dass
DIESE Plattform sich an diesem Spiel virtuos beteiligt, gereicht Ihnen nicht
zur Ehre. Wer das Spiel durchschaut, ekelt sich.
Schönen Tag noch - und bessern Sie sich ;-) [1]
Und gleich am folgenden, am Tag darauf schreibt man in der Welt
Online nun dies. Wie gerade gesagt wurde, sollen Klischees eine Haltung in der
Bevölkerung wiedergeben, man selbst beschreibe nur.
Dies wird sogleich zu einer Farce, wenn man die „Super Illu“ als
Zeitschrift benennt und nicht deren Intension debattiert. Danach folgen
Aufzählungen im alten Ost–West–Jargon der Medien.
Und damit die Kommentatoren nicht wieder stänkern können, wird es
den Lesern erst gar nicht erlaubt, ihre Meinung darunter zu setzen:
12.09.2010,
11:16 Uhr
Ifo-Institut
Ostdeutsche
holen beim Lebensstandard stark auf
Der
Abstand zwischen Ost und West wird laut ifo-Institut vor allem bei den Löhnen
immer geringer. Bei den Renten liegen die Ostdeutschen sogar vorn.
Der
Lebensstandard der Ostdeutschen hat sich seit der Wiedervereinigung vor 20
Jahren enorm erhöht. Nach einer von der Zeitschrift „Super Illu“
veröffentlichten Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo wurden die
anfänglich hohen Erwartungen an den Aufholprozess zwar nicht erfüllt.
Gleichwohl sei man den Zielen aber „schon recht nahe gekommen“. Das zeige sich
insbesondere bei der Entwicklung der Löhne und Renten, in der
Wirtschaftsleistung, der medizinischen Versorgung und der Bildung. Die im Jahr
1993 gegründete Dresdener Niederlassung des ifo-Instituts erstellte die Studie
im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.
Der
Ost-West-Abstand bei den Bruttolöhnen verringerte sich demnach in den vergangenen
rund 20 Jahren deutlich. 1991 hätten die Ost-Gehälter durchschnittlich nur 57
Prozent des West-Niveaus betragen, heute seien es 83 Prozent. Allerdings sei
die Westangleichung im öffentlichen und privaten Dienstleistungssektor weiter
fortgeschritten als im verarbeitenden Gewerbe.
Die
Rentner in den neuen Ländern erhalten heute sogar im Schnitt mit monatlich
810,92 Euro eine deutlich höhere Altersversorgung als die Rentner im Westen
(697,53 Euro im Jahr 2008). Das Nettogeldvermögen der ostdeutschen Haushalte
stieg der Studie zufolge im Schnitt von 10.900 Euro auf 26.700 Euro im Jahr
2008. Das entspreche 53 Prozent des Westniveaus gegenüber 35 Prozent nach dem
Ende der DDR.
Das
Brutto-Inlandsprodukt (BIP) je Einwohner im Osten verdoppelte sich, es stieg von
9.751 Euro im Jahr 1991 auf 19.500 Euro im Jahr 2009. In Westdeutschland stieg
das BIP je Einwohner im gleichen Zeitraum nur um zwölf Prozent. Einen
gewaltigen Sprung machte die Produktivität der Wirtschaft Ost: 1991 waren noch
77,2 Arbeitsstunden nötig, um 1000 Euro Wirtschaftsleistung zu erreichen. Heute
sind es nur noch rund 29 Stunden. Allerdings gebe es absolut betrachtet noch
ein deutliches West-Ost-Gefälle, so die Studie.
Anzeige
Die
medizinische Versorgung in Ostdeutschland verbesserte sich der Studie zufolge
deutlich. Kamen statistisch gesehen in der Wendezeit 246 Ärzte auf 100.000
Einwohner, so sind es heute 348 Mediziner. Dieser Entwicklung sowie den
besseren Umweltbedingungen sei es zu verdanken, dass die Lebenserwartung in den
neuen Ländern um rund sechs Jahre stieg, heißt es in der ifo-Studie. Außerdem
haben die Ostdeutschen heute im Durchschnitt auch höhere Bildungsabschlüsse als
in der DDR. 21,8 Prozent aller Einwohner über 15 Jahren verfügen der Studie
zufolge jetzt über die Hochschul- oder Fachhochschulreife. Damit stieg dieser
Anteil in knapp zwei Jahrzehnten um 75 Prozent. Ähnlich stark nahm dem
ifo-Gutachten zufolge auch der Anteil der Hochschulabsolventen zu.
AFP/cat
Liebe
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Kommentare
(0) [2]
Was die Leser einen Tag zuvor noch in ihren Kommentaren kritisiert
hatten, wird hier wieder vollführt. Man rechnet auf, was wirtschaftlich auf den
Territorien der früheren Teile Deutschlands gearbeitet und verdient wird.
Und wieder hat man den Eindruck, als würde das Bild vom Läufer, der
gegen die Schildkröte antritt, auf alle Zeit hinaus zementiert:
„[...]
wurden die anfänglich hohen Erwartungen an den Aufholprozess zwar nicht
erfüllt. Gleichwohl sei man den Zielen aber [...]“
Diese Floskel ist so typisch für die Wiedervereinigungsphobiker,
dass man sich wundert, diesen nicht schon im Eingang des Textes zu lesen. Aber
halt, da steht es doch:
„[...]
Der Abstand zwischen Ost und West wird laut ifo-Institut vor allem bei den
Löhnen immer geringer. [...]“
So wie diese Differenz stetig kleiner wird, welche einen
Durchschnitt mit großen Schwankungsbreiten repräsentiert, was indes niemand
diskutiert, darf man an dem grundsätzlichen Unterschied nicht rütteln.
Verschwände er vollständig, gäbe es keine gegenseitige Annäherung und auch
keine Gegenseitigkeit mehr und keine
Texte darüber.
Quelle:
[1] http://www.welt.de/debatte/kommentare/article9535048/Nur-nackt-sind-alle-Deutschen-gleich.html
[2] http://www.welt.de/wirtschaft/article9581873/Ostdeutsche-holen-beim-Lebensstandard-stark-auf.html