Die falsche Wahl
In zwei Wochen wird nun in Berlin gewählt, und neben unsäglichen Wahlplakaten und seltsamen Stilblüten in Form unerquicklicher Slogans erscheint das Rennen um die ersten Plätze durchaus schon fast entschieden.
Außerdem hat man den Eindruck, als würde sich jede Partei Werbestrategen bedienen, deren politische Einstellung der eigenen widerspricht. So fühlt man sich von keiner der großen Parteien ernst genommen. Der Spitzenkandidat der SPD lächelt auf unzähligen Plakaten fast schon zynisch auf die Wähler herab. Eine alte Frau nimmt er bei der Hand und muss ob dieser Skurrilität sein Gesicht verziehen, oder er mimt den guten Onkel, wenn er sich von Kindern eine Alligatorenmaske überziehen lässt und den Jugendversteher inmitten pubertierender junger Frauen, die ganz gern mit ihren Handys spielen.
Die CDU setzt auf einen blassen Typen und Postwurfsendungen. Man erhält als Berliner Briefe ohne Absender und bleibt im unklaren darüber, was sich im Kuvert befindet, außer dass es sich um „Wahlinformationen“ handeln soll. Der schmierige Bernd Krömer lacht den Wähler genauso aus wie Klaus Wowereit, beide Parteien machen es ihren Anhängern damit äußerst schwer, sich überhaupt in zwei Wochen aufzuraffen. Die Grünen hingegen haben die Etikette entdeckt, einfallsfrei sind aber auch hier die Sprüche auf den Plakaten.
Doch geht es bei dieser Wahl wie so oft nicht so sehr um die Grünen und die beiden großen, sondern vielmehr um die kleineren Parteien, und damit sind in diesem speziellen Beispiel sogar die ganz kleinen gemeint, die Splitterparteien, welche man eigentlich nur gelegentlich wahrnimmt.
Drei dieser kleinen Parteien haben nach meinem Dafürhalten eine reelle Chance, in das Parlament einzuziehen, die moslemische BIG, die islamkritische "Freiheit" und das wahre Ärgernis, die Piratenpartei, über welche man vorsichtshalber einmal die Bürger etwas aufklären sollte, da die anderen beiden zumindest klar mit offenen Karten spielen und soweit polarisieren, dass sich die Medien nicht einmal trauen, diese beiden in Umfragen zu erwähnen.
Bezüglich der Piraten fällt es nicht schwer zu vermuten, dass hinter der einstigen Partei der Internetfreaks und Nerds im allgemeinen, nun eine Sammelbewegung entstanden ist, deren Ziele vor allem anarchistisch geprägt sind. Von den ursprünglichen Zielen, wie der Freiheit des Internet und der Kritik an Datenspeichern ist man zwar noch nicht abgekommen, doch fragt sich der gemeine Wähler, wie er die anderen Punkte einordnen soll. So unterstützt die Piratenpartei eine Legalisierung von Cannabis, wie in der Welt Online nachzulesen ist:
Piratenpartei in Berlin
, 04.09.2011, 08:56 Uhr
"Alkohol, Haschisch? Wir wollen Gleichbehandlung"
Die Piratenpartei hat in Umfragen die FDP überholt, steht vor dem Einzug in das Berliner Abgeordnetenhaus. Aber was will die Partei eigentlich?
[...]
Welt am Sonntag: Fordern Sie die totale Freigabe von Alkohol und Drogen?
Baum: Es gibt doch inzwischen viele Studien darüber, dass nicht mehr nachvollziehbar ist, warum Haschisch verboten ist und Alkohol nicht. Wenn man sich die Folgen von Alkoholsucht ansieht, dann sind die immens. Wir sind da für eine Gleichbehandlung. Wir sind dafür, stärker die Gefahren durch exzessiven Gebrauch von Rauschmitteln in den Vordergrund zu stellen. Das gilt dann auch für Alkohol und bedeutet eine Zurücknahme des Verbots beim Haschisch.
Welt am Sonntag: Geht es Ihnen nun um die Freigabe von Rauschmitteln oder nicht?
Baum: Ob wirklich alles freizugeben ist, muss man sehen. Grundsätzlich geht es darum, darauf hinzuwirken, dass das Problem der Beschaffungskriminalität bei Suchtkranken aufgelöst wird. Im Moment wird darüber nicht gesprochen.
[...] [1]
Keineswegs möchte ich mich hier über die Gefahren der Legalisierung von THC erschöpfend äußern, es muss hier reichen zu erwähnen, dass ein solcher Schritt weitreichendere Gefahren birgt, als mancheiner zu meinen glauben dürfte, schließlich würde man hiermit zu einem selbst für viele Kiffer dem Hanf den Reiz des Verbotenen nehmen, zum anderen würden sich viele Menschen, welche vor dem Betäubungsmittelgesetz Respekt haben, als Zielgruppe entdeckt und letztlich wären auch einige Mitmenschen davon betroffen, welche sich einer THC–haltigen Atmosphäre nicht freiwillig aussetzen wollen.
Darüber hinaus sind die Wirkungen auf das kognitive Denkvermögen hinreichend bekannt. Wissenschaftliche Studien belegen dies zwar immer wieder aufs neue, ihre Autoren relativieren indes die von ihnen erzielten Ergebnisse, weil absolute Feststellungen etwaige Schnellschlüsse implizieren und somit leicht anrüchig wirken ( vgl. hierzu auch Quelle [2] ).
Ein weiterer Grund, welcher gegen die Piraten einzuwenden ist, kann aus ihrem Verständnis zur Religion abgelesen werden. Ein Wahlplakat der Piratenpartei zeigt einen lachenden Ozzy–Osbourne–Verschnitt und dazu einen seltsamen Spruch, in dem es heißt, Religionen seien zu „privatisieren“. Was eine linksanarchistische Bewegung meint, wenn es ums Privatisieren geht, kann man sich denken. Privatisierung ist das Gegenteil von Verstaatlichung, und genau in den Spektren, denen man in der Piratenpartei Bedeutung beimisst, liegt ihnen nichts ferner als eine Privatisierung. Man lese weiter unten, was der Spiegel Online dazu schreibt.
Doch zunächst stellen wir einmal die Lippenbekenntnisse der Piratenpartei zur Religion ihrem Wahlplakat gegenüber und schauen, wie sehr sich doch all dies scheinbar widerspricht.
Die Piratenpartei schreibt:
Freiheit und Vielfalt der kulturellen, religiösen und weltanschaulichen Einstellungen kennzeichnen die modernen Gesellschaften. Diese Freiheiten zu garantieren, ist Verpflichtung für das Staatswesen. Dabei verstehen wir unter Religionsfreiheit nicht nur die Freiheit zur Ausübung einer Religion, sondern auch die Freiheit von religiöser Bevormundung. Wir erkennen und achten die Bedeutung, die individuell gelebte Religiosität für den einzelnen Menschen erlangen kann.
Die weltanschauliche Neutralität des Staates herzustellen, ist daher eine für die gedeihliche Entwicklung des Gemeinwesens notwendige Voraussetzung. Ein säkularer Staat erfordert die strikte Trennung von religiösen und staatlichen Belangen; finanzielle und strukturelle Privilegien einzelner Glaubensgemeinschaften, etwa im Rahmen finanzieller Alimentierung, bei der Übertragung von Aufgaben in staatlichen Institutionen und beim Betrieb von sozialen Einrichtungen, sind höchst fragwürdig und daher abzubauen. Im Sinne der Datensparsamkeit ist die Erfassung der Religionszugehörigkeit durch staatliche Stellen aufzuheben, ein staatlicher Einzug von Kirchenbeiträgen kann nicht gerechtfertigt werden.
Grundsatzprogramm der Piratenpartei Berlin beschlossen auf dem 2. Landesparteitag 2010. [3]
Hier nun das Plakat, welches zugleich eine sublimale Sequenz enthält, deren Aussage mehr als verwerflich einzuschätzen ist. Man achte auf den Kabelbinder oberhalb der abgebildeten Person:
[4]
Lacht da jemand etwa über seinen eigenen Heiligenschein? In einer säkularisierten Welt überhaupt religiöse Themen aufzugreifen, hieße nach allgemeinen Überlegungen eigentlich, die Bedeutung der 10 Gebote mehr in den Mittelpunkt zu rücken, anstatt sich von diesen noch weiter abzugrenzen. Man könnte auch sagen, je schwächer der Feind, umso leichter ist es, ihn zu bekämpfen. Nimmt man den dritten Satz aus ihrer Verlautbarung heraus, welcher wohl nur eine Besänftigungsfloskel darstellt, bleiben Begriffe wie „Datensparsamkeit“ oder „Alimentierung“, „Privilegien“ und der Terminus „Religionsfreiheit“, welche auch als ein „Freisein“ von jeglicher Religion verstanden wird. Dies könnte man klarer ausdrücken, unverblümter. Ihre eigenen Wähler wollen die Piraten sicherlich kaum vermittels solcher Euphemismen im Zaum halten, vielleicht mit Ausnahme der echten Nerds und Internetfreaks, also ihrer Anhänger früherer Jahre, welche sich in gewisser Weise diesem Antireligionsfeldzug nicht klaglos anschließen wollen würden.
Doch kommen wir nun zu der Frage der „Privatisierung“, einem Wort, welches in der Welt der Piraten grundsätzlich negativ konnotiert ist, wie man aus dem Spiegel erfährt:
07.09.2011
Piratenpartei in Berlin
Polit-Freibeuter kämpfen gegen die Realität
von Ole Reißmann
In mehreren Umfragen liegt sie vor der FDP: In Berlin könnte die Piratenpartei erstmals ins Abgeordnetenhaus einziehen. Die Newcomer wollen die Politik transparenter machen - ihr Wahlprogramm ist jedoch eine kaum finanzierbare Wunschliste.
Kostenloser Nahverkehr, bedingungsloses Grundeinkommen, ein Lehrer auf 15 Schüler, Rauschkunde-Unterricht in der Schule, ein Herz für Hausbesetzer – das klingt nach den Grünen im Jahre 1983. Tatsächlich sind diese Utopien Auszüge aus dem aktuellen Wahlprogramm der Berliner Piratenpartei. Das Thema Internet, mit dem die Piraten bei der vergangenen Bundestagswahl zwei Prozent erreicht haben, kommt nur noch am Rande vor.
In drei Sätzen bringt es der Autor auf den Punkt: Wenn es einen anderen Grundgedanken jemals gab, mittlerweile ist diese Piratenpartei wohl nur noch ein Ort für kiffende und religionsfeindliche Hausbesetzer, also den Bodensatz der Gesellschaft. So deutlich wird man beim Spiegel nicht, aber de facto spielt das eigentliche Thema, die Unzensierbarkeit des Netzes für die Piraten keine Rolle mehr. Sie haben andere Spektren für sich beansprucht. Die Frage ist also, sollten die ursprünglich von ihnen angetanen sie überhaupt noch ernst nehmen? Aber lesen wir weiter:
Die junge Partei hat in den vergangenen zwei Jahren vor allem mit sich selbst gekämpft und galt als schwer angeschlagen. Sie musste mit Tausenden neuen Mitgliedern zurechtkommen und Niederlagen in Serie einstecken: Parteitage endeten im Chaos, sechs Landtagswahlen gingen verloren. In der Piraten-Hochburg Berlin soll die Pechsträhne nun endlich durchbrochen werden.
Das könnte sogar klappen: Laut Umfragen ist die Fünfprozenthürde in greifbare Nähe gerückt. Fünf Jahre nach ihrer Gründung würden die Piraten dann erstmals in einem Landesparlament vertreten sein. Die FDP muss dagegen am 18. September mehr um den Einzug ins Abgeordnetenhaus bangen.
Die Wahlkämpfer der Piraten - allesamt Freiwillige, in Berlin beschäftigt die Partei nicht einmal eine Bürokraft - kleben dafür in der Hauptstadt mehr als 12.000 Plakate an, viermal so viele wie bei der Bundestagswahl. Kantige Gesichter sind darauf zu sehen, mit zum Teil ironischen Slogans: "Warum häng ich hier eigentlich, ihr geht ja eh nicht wählen." Ein Kontrast zum Wohlfühleinerlei der anderen Parteien. Einige Piraten sind zur Unterstützung aus anderen Bundesländern in die Hauptstadt gereist. Tagsüber machen sie Politik, abends Party.
[...]
Renate Künast, die für die Grünen Bürgermeisterin werden will, denkt offenbar schon darüber nach, wie sie die junge Konkurrenz nur schnell wieder loswerden kann. Bei einer Kandidatenbefragung der Industrie- und Handelskammer konnte sie sich jedenfalls vorstellen, nötigenfalls zusammen mit den Piraten eine Koalition zu bilden - um sie "mehr ins Bürgertum zu ziehen, damit sie bei der nächsten Wahl in Berlin nicht noch einmal antreten und durchkommen", wie Künast sagte. Dann legte sie noch einen drauf: "Auch Piraten kann man resozialisieren." Ein Scherz, der für die Piratenpartei natürlich ein gefundenes Fressen ist.
Doch auch SPD und Linke fürchten womöglich die Piratenpartei. Jedenfalls erklärt die sich so, warum die Abgeordneten die auf Parteitagen beschlossene Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre erst für die nächste Wahl einplanen. Die Piraten, Durchschnittsalter 31 Jahre, fordern hingegen, schon 14-Jährige an die Urne zu lassen. Kein Wunder: Bei der Bundestagswahl entschieden sich neun Prozent der abstimmenden 18- bis 24-Jährigen für sie. [5]
Die deutsche Politik wäre also geradewegs somit zur Spielwiese für zynische Bohemiens geworden, zumindest in Berlin, zumindest wenn es den Piraten gelänge, die 5%–Hürde zu überspringen, was jeder Berliner zu vermeiden suchen sollte, dem irgendetwas an dieser Stadt gelegen ist.
Da Problem ist dabei, dass dem Bürger die anderen Parteien nicht wirklich zu empfehlen sind. Natürlich könnte man die Broschüren und Programmhefte der CDU und Grünen zerreißen, sich von ihren Plakaten abwenden und einer der beiden Parteien dann je nach innerer Gemütslage seine Protestkreuze schenken. Wahrscheinlich ist selbiges auch am sinnfälligsten, wenn man die folgenden Prognosen bedenkt, welche sich aus den letzten Umfragen ableiten lassen:
Kommt die Piratenpartei nur auf 5,1 %, so erhält sie automatisch 5,7 % der Sitze, was zu folgender Situation führen könnte:
[6]
Dann würde Berlin nicht mehr nur von Kommunisten regiert, welchen sich die Sozialdemokraten ergeben haben, sondern wäre die Folge möglicherweise eine Dreierkoalition, in welcher die Ziele der SPD vollkommen verloren gingen. Die Frage stellt sich, wie der Wähler die Sozis dazu zwingen kann, mit den Grünen zu koalieren. Eine große Koalition dürfte man hingegen für komplett unwahrscheinlich einschätzen und somit vernachlässigen.
In jedem Falle hat man wohl kaum eine richtige Wahl, solange zu viele Personen eine falsche treffen.
Quellen:
[2] http://www.thelancet.de/artikel/895734
[3] http://berlin.piratenpartei.de/themen/staat-und-religion/
[4] http://aquarium.teufel100.de/wp-content/uploads/2011/08/religionenprivatisieren.jpg
[5] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,784334,00.html
[6] http://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/berlin.htm



