ungebremst ins Chaos

23.06.2013 um 20:26 Uhr

Alltag - und eine offene Frage

von: blacksheep   Kategorie: und sonst?

Es ist schon erstaunlich, dass man irgendwann an den Punkt kommt, sich "Alltag" zu wünschen. Aber vermutlich versteht jeder, der sich schonmal mit Hochzeitsvorbereitungen samt nachbarschaftlichem Brimborium oder mit dem Bau eines Hauses beschäftigt hat, wovon ich rede. Dass man einfach nur aufsteht, zur Arbeit geht, nach Hause kommt und den Abend auf dem Sofa ausklingen lässt. Oder an einem freien Nachmittag in der Sonne im Garten liegt und dabei ein Buch liest.

Ich bin heute 9 Tage kirchlich verheiratet und so langsam geht es wieder in den Alltag hinein. Okay, morgen kommen noch mal die Nachbarn um die Deko an der Haustür abzubauen, die inzwischen alles andere als ansehnlich ist, aber dann bin ich endlich raus aus der Nummer.

Was meine vorhochzeitliche Panik-Phase angeht, die man durchaus wohl als depressiv bezeichnen kann, die habe ich dank meiner Freundin besser überstanden als ich es erwartet hatte. Sie hat sich nämlich geweigert, Jans Nummer rauszurücken mit der Begründung, es wäre besser so. Im ersten Moment war ich darüber echt sauer, aber im Nachhinein betrachtet würde ich fast behaupten, es sei noch ein Dankeschön-Geschenk fällig. Man merkt es zwar nicht wenn man drin steckt, aber klares und vernünftiges Denken ist in depressiven Phasen nicht möglich. Wahrscheinlich kann ich noch froh darüber sein, dass ich mir dabei zumindest ansatzweise im Klaren darüber bin, dass ich mich in einer solchen Phase befinde und mir irgendwie vor Augen halten kann, dass es eine begrenzte Phase ist - wobei das natürlich nicht zwangsläufig dazu beiträgt, das ganze besser über die Bühne zu bringen. Man kann sich eben nicht immer im Bett verkriechen und sich so lange verstecken, bis es wieder vorbei ist.

Ich finde es immer noch extrem gruselig, dass ich mich jetzt für den Rest meines Lebens an einen einzigen Mann gekettet habe. Okay, das sollte man in Zeiten von Scheidungsraten weit jenseits der 50% Marke vielleicht nicht ganz so eng sehen, aber eigentlich heiratet man doch, weil man glaubt es sei für immer. Sollte man zumindest.

Die Hochzeit an sich war soweit ganz gut, wobei ich nicht sonderlich erfreut darüber war, dass meine so genannten "Freunde" mich dazu gezwungen haben, den ganzen Abend zu tanzen - wo sie doch wissen, dass ich das wie die Pest hasse.

Und dann gab es da noch eine Sache, die mich nachdenklich gemacht hat.

Julius.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere. In meinen verzweifelten 20ern bin ich Julius eine halbe Ewigkeit nachgelaufen in der Hoffnung, aus uns würde noch was werden.

Julius war also zu Gast auf unserer Hochzeit. Ich habe ihn eingeladen weil er so lange Zeit Teil meines Lebens war (auch jenseits der Tatsache, dass ich in ihn verliebt war) und weil in mir auch ein kleiner, fieser Racheengel steckt. Ich wollte, dass er kommt, mir zusieht wie ich in diesem zum-Heulen-schönen Brautkleid mit Blumenkindern und Schleppenträgerkind, schicker Frisur, Schleier und strahlenden Augen zum Altar schreite und ihm - wenn auch nur für einen winzigen Augenblick - der Gedanke durch den Kopf schießt diese wunderschöne Braut hätte meine sein können. Als er da war, habe ich daran jedoch weniger gedacht, ich war einfach nur froh, dass er da ist und diesen schönen Tag mit mir/uns teilt. Weil er ja, trotz allem, ein sehr liebenswerter Kerl ist den ich immer noch wahnsinnig gerne mag.

Es war schon sehr spät als ich den Mut aufbrachte, zu ihm zu gehen und ihn um einen Tanz zu bitten. Wie gesagt, ich tanze überhaupt nicht gerne, aber es schien mir die einzige Möglichkeit zu sein, ein paar Worte mit ihm zu wechseln und ich wollte TATSÄCHLICH mit ihm tanzen. Irgendwie paradox. Naja, ich ging also hin und sagte grinsend: "Jetzt bist du dran."

Er: "Dran? Womit?"

Ich: "Tanzen."

Er: "Nein."

BÄM. Ich war wie vor den Kopf gestoßen, habe den ersten Schock aber schnell überwunden.

Ich: "Wie NEIN?"

Er: "Ich tanze nicht mit dir."

Ich bin einen Schritt näher auf ihn zugegangen, habe ihm die Arme um den Hals gelegt und ihm direkt ins Gesicht gesehen.

Ich: "Aber ich bin die Braut. Du darfst mir nichts abschlagen."

Er: "Das tue ich aber. Ich tanze nicht mit dir."

Er klang ziemlich trocken und emotionslos während des Gespräches, auch wenn mir das erst gar nicht aufgefallen ist.

Ich: "Warum nicht?"

Er: "Ich kann nicht tanzen."

Ich: "Ich auch nicht."

Er: "Ich renn dich über den Haufen."

Ich: "Das werden wir dann ja sehen."

Er: "Ich tanze trotzdem nicht mit dir."

Ich war mit meinem Latein am Ende. Da wollte ich mal mit einem Mann tanzen und der gibt mir einen Korb. Ich war schwer enttäuscht und obwohl ich wusste, dass er nichts weiter als lahme Ausreden vorgebracht hatte, habe ich nachgegeben. Wohl auch weil ein paar Leute um uns herum standen.

Ich: "Okay, wenn du nicht mit mir tanzen willst, dann musst du mich zum Eis essen einladen."

Er (ohne zu zögern): "Kein Problem, meld dich wenn du in der Gegend bist."

Ein paar Minuten später zog mein bester Freund mich zur Seite.

"Warum wollte Julius nicht mit dir tanzen? Er kann doch tanzen."

Ich: "Ich weiß dass er das kann." 

Es fiel mir in dem Moment wieder ein. Ich habe Fotos von Julius' 30. Geburtstag gesehen unter anderem eines das Julius beim Tanzen zeigt. Und dann hatte ich meine Erklärung. Mein kleiner Racheengel hat seinen Triumph gefeiert. Meine andere Seite ist immer noch traurig, dass er mir meinen Wunsch abgeschlagen hat.

Ich bin mir nicht sicher ob es tatsächlich für einen Moment bereut hat es damals nicht wenigstens mit mir versucht zu haben, aber ich habe keine andere Erklärung für sein Verhalten. Aber das werde ich noch rausfinden. Spätestens beim Eis essen.