ungebremst ins Chaos

23.01.2015 um 20:02 Uhr

Wie ehrlich darf man sein?

von: blacksheep   Kategorie: Gedanken

Am Wochenende traf ich mich mit ein paar Freundinnen zu einem gemütlichen Frühstück in einem urigen Café in der Stadt. Wo die Kellner noch in Uniform herumlaufen, aber trotzdem recht locker sind und immer einen flotten Spruch drauf haben. Wir schaffen diese Treffen nicht besonders regelmäßig, versuchen aber, uns zweimal im Jahr zu sehen und dann gibt es natürlich immer viel zu erzählen.

Eine Freundin fragte mich dann, wie es mir so geht und ohne zu zögern fing ich an über meine leichte Depression (auch wenn mein Arzt es immer noch nicht so nennen will, mir aber keine treffendere Bezeichnung einfällt), meinen schweigsamen Ehemann und mein langweiliges Leben zu jammern. Und zwar auf die selbe Art, wie ich es hier tue. Mit einer gehörigen Portion Ironie und Galgenhumor, aber doch mit gewissem Ernst. Und plötzlich stand ich einen winzigen Moment lang neben mir und dachte "wow, so ehrlich habe ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr mit Freunden geredet" dicht gefolgt von dem Gedanken "ich war schon lange nicht mehr so ich selbst wie jetzt gerade".

Wahrscheinlich machte mir die Tatsache, dass wir uns so selten sehen das Reden leichter, ebenso wie die Tatsache, dass besagte Freundin in der Psychatrie gearbeitet hat und schon mit wesentlich gestörteren Leuten als mir umgehen musste. Und weil wir vier durch unsere gemeinsame Krankheits-/Leidensgeschichte irgendwie miteinander verbunden sind (seit über 20 Jahren wir mir auf dem Heimweg erschreckend bewusst wurde).

Ich habe mich nicht einen Moment lang gefragt, ob ich das alles überhaupt erzählen darf. Ich meine, klar weiß ich, dass mein Mann es nicht so prickelnd findet, wenn ich über ihn bzw. Probleme rede die ihn in irgendeiner Weise beinhalten (inklusive der Kinderwusch-Sache), aber wie soll man denn Probleme lösen, wenn man nicht darüber redet?

Eben.

Naja, jedenfalls habe ich meinen Mädels irgendwann gedankt, dass sie mir so zuhören und dieses Thema auf ernsthafte Weise mit mir ausdiskutieren und dabei ihre eigene Meinung äußern ohne dadurch Einfluss auf mich auszüben zu wollen. Ganz im Gegensatz zu dem Gefühl, was ich bei anderen Freunden habe, die sich mein Problem anhören und dann versuchen, mir eine Lösung aufzuzeigen bzw. mich in eine bestimmte Entscheidungsrichtung schieben wollen.

Aber wie ehrlich darf man eigentlich sein?
Darf man Freunden wirklich offen die Meinung sagen? Ich meine damit natürlich nicht, dass man dabei verletzend oder so werden sollte.

Ein Beispiel:
Ein ehemaliger Mitschüler von mir stand kurz vor der Hochzeit mit seiner Auserwählten und fragte seinen besten Freund, ob er nicht sein Trauzeuge sein wolle. Besagter Freund konnte sich aber absolut nicht mit der Frau anfreunden.

Was also tut er?
a) Er bedankt sich höflich für die Anfrage, fragt aber ob es möglich wäre, den Job jemand anderem zu überlassen weil er ja bekanntermaßan mit der Braut nicht ganz grün ist
b) Er verkneift sich jegliche Bemerkung und steht seinem besten Freund zur Seite weil es dessen Wunsch ist
c) Er versichert seinem Freund, dass er auch nach der Hochzeit weiter mit ihm befreundet ist, lehnt es aber kategorisch ab Trauzeuge zu sein weil er das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann

Was würdet ihr tun?
Ist euch euer bester Freund so viel Wert, dass ihr ihm die Wahrheit sagt?
Glaubt ihr, er kann die ganze Wahrheit verkraften?
Stellt ihr eure persönlichen Ansichten beiseite und sagt zu um eure Freundschaft nicht zu gefährden?

Vielleicht kommt es darauf an, wie blöd - untauglich oder was auch immer ihr die Braut findet, um zu entscheiden ob ihr die Entscheidung von eurem Gewissen abhängig macht oder von eurem Herzen, was ja nicht zwangsläufig ein Unterschied sein muss.

Was mich angeht, ich weiß es nicht.

Was den besten Freund meines Mitschülers angeht...

Er entschied sich für Variante C. Genau genommen waren seine Worte folgende: "Ich wäre wirklich gerne dein Trauzeuge, aber ich unterschreibe nicht mit dem Teufel auf dem selben Blatt Papier."
Mein Mitschüler war zwar enttäuscht weil er ihn gerne an seiner Seite gehabt hätte, hat aber seine Entscheidung akzeptiert und die beiden sind immer noch Freunde.

Sollten wir also ehrlicher zu unseren Freunden sein, selbst wenn es ihnen nicht gefällt?

21.01.2015 um 17:43 Uhr

Neues Jahr, alte Probleme?

von: blacksheep   Kategorie: und sonst?

Ungelogen, ich habe darüber nachgedacht, wieder ein altmodisches Tagebuch zu schreiben, aber irgendwie erscheint es mir tatsächlich leichter, meine Gedanken hier auszubreiten wo die Gefahr, betreffende Personen könnten sie lesen, deutlich geringer ist als in einer beschriebenen Kladde irgendwo bei mir zu Hause. Vielleicht bin ich ein bisschen paranoid was das angeht, aber so lange hier jedes Schokoladenversteck (so phantasievoll es auch sein mag) gefunden wird und Briefe geöffnet werden, die eindeutig an mich adressiert sind, ist ein passwortgeschützter Blog offenbar das einzig Wahre.

Vielleicht ist es auch der Gedanke, jemand könne so verrückt sein und sich mein ständiges Rumgejammer, meine Ängste und Selbstzweifel durchlesen und seine ungeschminkte Meinung dazu kundtun, der mich hertreibt.

Nach meinem erfolgreichen Halbmarathondebut ("erfolgreich" im Sinne von heile über die Ziellinie gelaufen), fiel ich plötzlich in ein tiefes, schwarzes Loch. Nichts ging mehr, außer schlafend auf dem Sofa liegen, heulen und meinem tristen Leben ins Auge blicken. Hin und wieder habe ich ja so eine Phase, die dauert für gewöhnlich 1 oder höchstens 2 Tage und ich bin wieder normal. Dieses Mal war es anders. Wochenlang habe ich mich mit dem Gedanken hingehalten, dass es ja irgendwann mal vorbeigehen muss. Dass mich dieses Gefühl der Leere, der Kraftlosigkeit und der Einsamkeint irgendwann wieder aus seinen Klauen lassen muss weil es nicht ewig seine Freude mit mir hat.

In der dritten Woche im schwarzen Loch ging ich dann doch mal zum Arzt. Ich hatte keine Lust mehr, wie ein Häufchen Elend herumzulaufen während mein Verstand, der komischerweise tadellos funktionierte, mich ständig davon überzeugen wollte, dass es mir doch eigentlich gut geht. Für gewöhnlich verlasse ich das Behandlungszimmer nach fünf Minuten mit einem gelben Schein, einem Rezept oder beidem, ich gehöre nämlich zu der Sorte Mensch, die nur dann einen Arzt bemühen wenn es gar nicht mehr anders geht. Dieses Mal saß mein Arzt mir ganz entspannt gegenüber, hörte mir zu und ließ mich heulen. Eine halbe Stunde lang und das bei einem ziemlich vollen Wartezimmer. Endlich mal jemand, der mir zuhörte und nicht versuchte, mir eine Erklärung oder gar eine Lösungsstrategie zu servieren sondern mir statt dessen sehr ehrlich sagte "Ich kann ihnen nicht sagen, was sie jetzt machen sollen".

Schade eigentlich. Manchmal wäre es ganz hilfreich jemanden zu finden, der einen weißen Hasen aus dem Hut zaubern kann, oder?

Ich bekam also erstmal Tabletten. Gute-Laune-Pillen, die in den ersten drei Wochen nichts weiter als Kopfschmerzen, Schwindel und noch größerer Müdigkeit bewirkten. Und deren Einnahme, laut der Auskunft meines Arztes, gar nicht so selten vorkommt wie man annehmen möchte. Jede Woche saß ich zur Kontrolle in der Praxis und kostete meinen Arzt eine halbe Stunde seiner Zeit in der er nichts weiter tat, als mit mir zu reden. Ich bin heute noch sehr erstaunt, dass er so nett ist.

Mitte Dezember ging es mir dann wieder soweit gut und ich war auf einem normalen Level. Die ganzen Weihnachtsvorbereitungen haben wahrscheinlich gut geholfen, mich abzulenken und meine Fokus auf andere Dinge zu richten. Jetzt ist das neue Jahr da, das Leben verläuft in ruhigen Bahnen und in meinem Kopf fängt wieder der Gedanke an Juli das Herumtoben an. Dabei habe ich ihn seit.. ewig nicht mehr gesehen. Die einzigen Lebenszeichen von ihm waren eine Postkarte aus dem Urlaub (ganz freiwillig und völlig überraschend), sowie zwei Whats-App Nachrichten zu Weihnachten und zum neuen Jahr. Ich meine, ich bemühe mich ja nun wirklich, einen Haken hinter diese ganze Sache zu machen - zumindest was den kitsch-romantischen Teil von mir betrifft, der von einer Liebeserklärung und sie lebten glücklich bis an ihr Ende träumt - so unwahrscheinlich das auch ist, denn sonst wäre es ja wohl mal passiert.

Kann mein Leben nicht einmal eine Weile störungsfrei geradeaus laufen?