ungebremst ins Chaos

13.11.2016 um 12:27 Uhr

Ich werde 140, mindestens

von: blacksheep   Kategorie: Männer

Ich wurde nämlich gestern auf einer Party dermaßen geräuchert, dass mein Haltbarkeitsdatum sich deutlich nach hinten verschoben haben muss - zwangsläufig. Aber womöglich habe ich das auch mit Alkoholkonsum wieder relativiert...

Aber von vorne...

Gestern war einer dieser Tage auf die man sich einerseits freut, sich vor ihnen fürchtet und die am Ende ganz anders ausgehen als man dachte. Es stand mal wieder eine Vereinsversammlung an. Grundsätzlich habe ich auf die ja keine Lust, weil sie sterbenslangweilig sind und man - wenn man nicht höllisch aufpasst - für irgendeinen Posten gewählt wird. Außerdem muss man da jedes mal in einer Geschwindigkeit Bier trinken, die mächtig reinhaut, aber drei volle Flaschen vor sich stehen zu haben sieht auch blöd aus.
Ich musste hin. Weil ich sicher war, dass Jan auch dort sein würde und ich wollte wissen ob er sich nach vier Monaten immer noch so bescheuert benimmt oder ob er wieder normal mit mir umgehen kann. Also schmiss ich mich in meine Uniform und machte mich auf den Weg. Ich sah ihn schon von weitem, da er gerade mit einer gemeinsamen Freundin vor der Tür stand. Als ich an kam schleuderte ich eine fröhliche Begrüßung in die kleine Runde und er dreht sich weg, drückt seine Kippe aus und verschwindet im Lokal. Soviel also zum Thema "normaler Umgang". Meine Freundin jedoch war hellaufbegeistert und begrüßte mich mit den Worten "Super, du kommst nachher mit, dann bin ich nicht die einzige Frau in Uniform". In meinem Hirn fing es an zu rattern. Mitkommen???
Ich: "Wohin?"
Sie: "Zum Motorradclub."
Ich: "Wieso, was ist denn da los?"
Sie: "Winterfest. Und die freuen sich immer so wenn wir in grün-weiß da auflaufen."
Ich: "Aber ich muss morgen arbeiten."
Sie: "Das ist kein Argument."

Die Versammlung war wie erwartet unaufregend und irgendwie langweilig und prompt  wurde ich mit meiner Freundin zusammen in den Festausschuss gewählt. Meine (Ironie an) Begeisterung wuchs. Jan ignoriert mich weiter, meine Freundin schleppt mich zu den Rockern und der Verein wählt mich in den Festausschuss für die Party auf die ich nicht gehen will. Ganz großes Kino.

Vier Bier und einen Likör später stehen wir im Vereinsheim des Motorradclubs und ziehen sämtliche Blicke auf uns - obwohl wir beide keine Modelmaße haben. Aber in grün-weiß zwischen lauter in Leder gehüllten Leuten fällt eben auf. Alles so weit ganz coole Typen da und die Jungs von "unserem" Club haben auch immer ein Auge auf die Einheimischen - vor allem auf die Mädels. Sehr angenehm. Da ich zum ersten Mal dort bin, lerne ich ein paar nette Leute kennen und wir kommen mit Auswärtigen ins Gespräch. Und Bier gibts auch. Zum  Glück habe ich ordentlich Abendbrot gegessen und zusätzlich holen wir uns noch eine Portion Pulled Pork (megalecker) von den Jungs, die draußen am Verpflegungsstand arbeiten.

Natürlich tauchten auch noch andere von der grün-weißen Fraktion auf, unter anderem Jan. Je länger er in unserer Runde stand und mich natürlich weiterhin großzügig wie ein Luftloch behandelte, bekam ich einen Wutknoten im Hals. Weil ich aber so ein wahnsinnig netter Mensch bin und es blöd finde, vor versammelter Mannschaft Dramen aufzuführen die nicht sein müssen, habe ich den Knoten ignoriert und irgendwann beschlossen, dass es für mich und meine Nerven besser wäre, nach Hause zu gehen. Also verabschiedete ich mich von meiner Freundin und tänzelte mich durch die Massen Richtung Ausgang. Im Augenwinkel sah ich Jan, der inzwischen mit einem der Motorradleute an einem Stehtisch stand, setzte aber meinen Weg zielstrebig fort. Vor der Tür pustete der eisige Wind mir das Hirn frei.
Ich ging zurück ins Gebäude, krallte mir Jan und schob ihn so gelassen wie es mir möglich war, nach draußen, wo er mich mit fragendem Blick ansah.
Ich: "Kannst du bitte aufhören, dich wie ein Arschloch zu benehmen?" (Originalzitat. Ich war so stolz auf mich, dass ich es genau so gesagt habe und nicht mit einem netten "Weißt du, ich finde es nicht besonders nett von dir blablabla..")
Der Satz verfehlte seine Wirkung nicht. Seine Augen wurden größer und fragten gleichzeitig nach einer näheren Erläuterung.
Ich: "Kannst du mir mal erklären, warum du dich mir gegenüber so arschig benimmst?"
Er (mit einem Hauch schlechtem Gewissen in der Stimme): "Du weißt genau warum. Was da passiert ist..."
Ich (leicht genervt): "Ja, aber das ist kein Grund mich so zu ignorieren."
Er: "Ich weiß, aber ich wollte verhindern, dass wieder Gerede aufkommt. Glücklicherweise hat Max sich nicht dran erinnert, dass er uns erwischt hat."
Ich: "Geredet wird doch sowieso. Reicht doch schon, wenn wir einfach nur rumstehen und quatschen. *Seufz* Hast du eine Ahnung wie scheiße sich das anfühlt wie du mich anguckst? Du guckst mich an als wäre ich der schrecklichste Mensch auf der Welt."
Er: "Das bist du nicht."
Ich: "Dann guck mich auch nicht so an."
Er: "Weißt du eigentlich wie es mir damit geht? Ich hab so ein verdammt schlechtes Gewissen wenn ich an deinen Mann denke."
Ich: "Aber wenn ich jetzt mal ehrlich bin, denke ich, dass du das alles auch ziemlich provoziert hast. Okay, vielleicht habe ich es auch ein bisschen provoziert.."
Er: "Ja, das hast du. *Seufz* Das hätten wir einfach nicht machen dürfen."
Schweigen. Ich fühlte mich erheblich besser, einfach nur weil ich endlich die Chance hatte, mit ihm zu reden, ihm zu sagen wie ich mich fühle und weil er mir tatsächlich zugehört hat. Und weil ich tatsächlich dachte, nur einen Haken hinter die Sache machen zu können.
Er: "Ich denk da heute noch manchmal dran."
WTF??? Wieso sagt er das jetzt? Verdammt nochmal. Der Haken ist dahin, mein blödes Herz macht einen Purzelbaum. Und wenn wir gerade dabei sind, ehrlich zu sein (Denn wieso sollte er sowas sagen wenn er sich mich möglichst vom Hals halten will?)...
Ich: "Ich auch."
Er: "Ich bereue das auch nicht. Es war echt schön."
Ich: sprachlos.
Nichts bereuen und gleichzeitig ein schlechtes Gewissen zu haben, klingt im Ansatz für mich etwas schräg, aber ich nehme ihm das total ab, weil es mir irgendwie genauso geht.

Wie das auf Partys so ist, es laufen immer eine Menge Leute dort rum, die einen wirklich miserablen Sinn für Timing haben, deshalb mussten wir unser Privatgespräch abbrechen. Den Rest des Abends schien es ihn komischerweise nicht mehr zu stören in meiner Nähe zu sein bzw. er verbrachte einen Großteil der Zeit mit mir "allein" (sofern man auf einer Party von alleinsein sprechen kann).

Ich war um halb 4 zu Hause, was in Anbetracht der Tatsache, dass ich heute tatsächlich arbeiten musste/muss, zum Glück nicht ganz so übel ausgegangen ist wie ich befürchtet hatte. Das ist wohl meiner Trinkdisziplin geschuldet, denn ich habe mal ganz gewaltig auf die Mengen geachtet, die ich konsumiert habe, und nicht alles wild durcheinander getrunken.

Aber was ich eigentlich sagen wollte... Ich werde aus dem Kerl einfach nicht schlau. Ich bin mir so sicher, dass zwischen uns "mehr" ist. Ich meine, wenn da nichts wäre, würde er doch in irgendeiner Weise lässig dazu übergehen, das, was passiert ist als "netten Zwischenfall" oder was auch immer anzusehen und ihn in die "nicht der Rede wert"-Erinnerungsschublade stecken. Er bräuchte mich nicht ignorieren sondern ich wäre wieder "eine von vielen", er würde nicht sagen, dass er öfter daran denkt (ich meine, er sollte sich doch vorstellen können, welche Wirkung das hat) und so weiter.

Kann das Leben nicht zwischendrin einfach mal einfach sein?