- Gedankenfutter -

27.05.2007 um 00:59 Uhr

Verrückt. [Gedankenknoten & Assoziationsketten]

Es ist verrückt.

Man trifft einen Menschen, lernt ihn lieben, und ist so froh, ihn getroffen zu haben, weil dieser Mensch so liebenswürdig und herzlich ist... und trotz dieser Liebe macht dieser Mensch einen traurig, nicht durch bestimmte Taten, aber durch seine Art.

Wenn sie mir sagt, dass sie sich Schmerzen zufügen möchte, woher weiß ich, dass sie es nicht tut?
Wenn sie mir sagt, sie will nichts mehr essen um abzunehmen, wer kann mir versichern, dass das nur "Gerede" ist?
Wenn sie mir sagt, sie möchte lieber tot sein als die ständigen Kopfschmerzen zu ertragen ... was dann?

Ihre Art ist so liebenswürdig und ich habe sie so gern, aber es bricht mir das Herz zu fühlen, dass sie jeden Tag leidet. Sie ist so gut, und sie ist so leicht zu verletzen. Sie ist einfach nicht so stark wie ich es vielleicht bin, sie hat nicht die "Gabe" andere zu ignorieren. 

Und ich kann einfach nicht helfen, ich weiß nicht wie, ich weiß es einfach nicht... ich kann doch nicht ihrem Bruder sagen: Achte drauf, dass sie isst, dass sie sich nicht weh tut. Und ich kann ihr nicht beibringen Gefühle auszustellen, andere nicht wahrzunehmen, sich nicht angreifen zu lassen. Sie ist so angreifbar, jede Erschütterung bringt sie aus dem Gleichgewicht, macht sie traurig.

Vielleicht mache ich mir auch viel zu viele Gedanken, vielleicht ist alles ganz harmlos. Vielleicht geht es ihr gut, und sie hat nur ganz normale Tiefs wie jeder andere Mensch auch. Aber was, wenn nicht? Ich kann doch nicht daneben stehen und sie leiden sehen, das schaff ich nicht. Aber tun kann ich auch nichts. Ihr helfen schon gar nicht.

Ich glaube sie weiß, dass ich mich um sie sorge. Ich bin mir sogar sicher, dass sie es weiß. Aber das hilft ihr nichts. Es hilft ihr auch nicht weiter, dass ich immer wieder betone für sie da zu sein. Was hilft das schon?

Jeden Abend klingelt mein Handy kurz, und ihres auch, je nachdem, wer eher schlafen geht, macht den Anfang. [Gutenachtkuss]. Einsame Menschen greifen zu verrückten Methoden.

Es ist wirklich verrückt. Und trotzdem lerne ich zu lächeln, weil das Herz es braucht. Jeden Tag möchte es jemanden umarmen, möchte es jemanden lieben. Jemanden, der mich als Mädchen sieht, nicht als Freundin.

Es ist anstrengend, wochenlang zu hören, wie toll meine "beste Freundin" ist.

["Beste Freundin": Als wir mal gefragt wurden, ob wir "beste Freundinnen" seien, haben wir geschwiegen. Später hat sie mich gefragt: "Sind wir beste Freundinnen? Ich weiß nicht... ich mag diesen Ausdruck nicht. Der macht ein komisches Gefühl bei mir..." Es ist Liebe, weil sie so herzzerreißend wunderbar ist. Und weil sie weiß, was ich meine.]

Aber da ich weiß, dass sie wirklich toll ist, hab ich ihrem neuen lieben Verehrer einfach zugehört, und mich für sie gefreut, weil er so niedlich zu ihr war und über sie redete. Sie hat wirklich Glück, dass sie ihn gefunden hat, oder dass er sie gefunden hat. Jedenfalls: Glück pur. Sie leuchtet richtig. Das macht Hoffnung.

Aber ich sagte mal:"Scheiß Hoffnung". 

Er ist wieder zuhaus. Der Ex mit der liebenswürdigen Freundin, der den Unfall hatte. Meine Schwester hat ihn getroffen, und ihm gehts wieder ganz ok, er hat immer noch ein Halskrause, aber er kann laufen, berichtete Schwesterherz. Vielleicht kommt er bald, mit meinem Teddy... aber er wird anderes im Kopf haben, und ich bin deswegen nicht böse, schließlich ist er fast gestorben, das muss kompliziert sein. Und trotzdem hätt ich gern, dass er kommt. Und ich naives Stück bin sogar davon überzeugt, dass er kommen will, aber es nur noch nicht kann, und dass ihm das schrecklich leid tut und dass er an mich denkt. Ich möchte einfach nicht glauben, dass er mich vergisst... denn, wenn ich darüber nachdenke, war der verdatterte Blick vor kurzem vielleicht gar kein "Was machst du denn hier?"-Blick, sondern ein "Ach, dich hatte ich schon vergessen.."-Blick. Wer weiß das schon... Er weiß es. Ich nicht. Und werde es auch nicht so bald.

Ich werde ein Buch über Verdrängung schreiben. Das Vorwort wird in etwa so lauten: "Dieses Buch ist für jeden geeignet. Die Problemhabenden müssen sich nur entscheiden, ob sie das Buch als Hilfe oder als Abschreckung lesen. Ich rate zu Abschreckung. Deswegen verdränge ich."
Das versteh nichtmal ich.

Und ein Buch über das Warten. Das beherrsche ich. Das Warten. Die Geduld. "Geduld ist eine Tugend". wiki sagt: "Als geduldig erweist sich, wer bereit ist, mit ungestillten Sehnsüchten und unerfüllten Wünschen zu leben oder diese zeitweilig bewusst zurückzustellen. Diese Fähigkeit ist eng mit der Fähigkeit zur Hoffnung verbunden. Geduldig ist auch, wer Schwierigkeiten und Leiden mit Gelassenheit und Standhaftigkeit erträgt." Zu warten, Geduld zu haben und zu hoffen scheinen nicht getrennt werden zu können, denn man man wartet nur, wenn man die Hoffnung hat, dass etwas passieren wird, und solange man wartet, zeigt man Geduld.

[...]"Und erst durch die Dauer des Wartens auf etwas ergibt sich dessen Wert. Genauso lange wie wir warten, stehen wir in absoluter Abhängigkeit von eben dem, der uns warten läßt."[...]

Eigentlich verachte ich Abhängigkeit. Doch ich werde wohl niemals unabhängig sein.

[Deswegen gefällt mir vielleicht Physik: Alles hängt irgendwie zusammen. Der Flügelsclages eines Schmetterlings kann Kilometer weiter einen Taifun auslösen, oder so. Chaostheorie.]

Das Herz, das so einsam zu sein scheint, lächelt also. Wenn ich mal Enkel haben sollte, werden die vielleicht sagen: "Oma, du warst sicher immer ein glücklicher Mensch, du hast so viele Lachfalten!"

Na gut.