- Gedankenfutter -

04.02.2007 um 01:05 Uhr

Parkuhr. Bitte plaudere doch.

"Ich weiß nicht, wie wir zwei es geschafft haben, so einen Megamist zu bauen, verdammt. Wo bist du? Ich habe dich so lange aus den Augen verloren, du warst nicht mehr präsent, ich redete mir ein, dass du auch nicht mehr in meinen Herzen präsent warst. Aber ich habe es nie geschafft, dich zu verdrängen, dich endlich loszulassen, mich zu befreien. Du hast mich immer umgeben. Ich hab mich an dir festgehalten, wollte dich nicht ganz aufgeben. Mehrmals hab ich es versucht. Hab dir gesagt, es geht nicht mehr. Du hast es gesagt. Am Ende war es jemand von außen, der uns die Entscheidung abnahm. Vielleicht war das der Haken. Wie konnte es sein, dass jemand, der nichts mit uns zu tun hatte, uns trennte? Wieso haben wir zugelassen, dass jemand uns auseinanderreißt? Ich habe so unter dir gelitten, du hast mir so oft mein Herz herausgerissen, es weggeworfen, es getreten, obwohl es schon am Boden lag. Jedenfalls empfand ich es so. Aber ich konnte und wollte dich nicht gehen lassen. Wegen dir habe ich so gelitten, ohne dass du es beabsichtigt hast. Es war nicht deine Schuld. Aber es war einfach so. Wir konnten nicht miteinander, ohne zu leiden, aber ich konnte auch nicht ohne dich, ohne zu leiden. Ich weiß bis heute nicht, wann ich mehr gelitten habe – ohne dich oder mit dir. Aber als ich dich „hatte“, war es nicht so schlimm zu leiden, denn gleichzeitig hast du mich aufgefangen, beschützt, gerettet, wieder aufgebaut. Du warst da. Und ich befürchte, dass du nie gewusst hast, nie weißt und nie wissen wirst, wie viel du mir bedeutest. Oder bedeutet hast? Ich weiß es nicht. Ich war davon überzeugt, dass du deinen Platz in meinem Herzen verloren hast. Viele Menschen fragten mich, und allen sagte ich das gleiche. Aber mit mir selbst hab ich mich nie unterhalten. Ich hab es versucht, habe in mich hineingefragt, aber das Echo, das als Antwort kam, war einfach zu schwach um es verstehen zu können. Vielleicht wollte es nicht verstanden werden. Du hast die gesamten letzten Jahre meines Lebens bestimmt, direkt und indirekt. Hast mich begleitet. Hast mich gezwungen allein zu gehen. Hast am Ende des Weges auf mich gewartet. Doch heute glaube ich, dass nur ein Schatten der Erinnerung auf mich wartete. Dass nicht du da warst, sondern nur die Person, die ich da haben wollte. Jemand, der in meiner Erinnerung zu dem liebenswürdigsten Menschen der Welt geworden ist. Und die reale Person konnte dem einfach nicht gerecht werden. Du warst nicht so perfekt, wie ich dich gesehen habe. Wie ich dich sehen wollte. Wie oft habe ich dich verteidigt, vor Freunden, vor Feinden, vor mir selbst. Du warst mein Held. Mein „Fels in der Brandung“. Im Moment aber treibe ich irgendwo, weit weg von Felsen oder auch nur von irgendetwas, an dem ich mich halten könnte. Ich treibe vor mich hin, ohne Ziel, und scheinbar auch ohne die geringste Möglichkeit ein Ziel zu erreichen, wenn es denn eines gäbe. Meine Ruder sind gebrochen, mein Segel gerissen, meine Arme haben keine Kraft mehr, meine Beine wollen nicht mehr gegen den Strom paddeln. Und meine Flügel können ohne dich nicht fliegen. Sie haben es verlernt, wie ich so vieles verlernt habe ohne dich. Ich weine nicht mehr. Ich habe mir verboten zu weinen. Ich bin stark geworden, ich bin nicht mehr verletzbar. Aber der Preis ist hoch. Ich verlor Freunde, ohne sie wirklich zu verlieren. Sie sind noch da. Sie alle sind bereit mich aufzufangen, wenn meine Flügel versagen. Aber ich will nicht abstürzen. Ich will fliegen, mit dir, ohne dich, nur fliegen. Ich möchte es schaffen, die Welt zu betrachten ohne mittendrin zu sein. Ich möchte lernen, die Welt zu verstehen ohne dabei von mir selbst verwirrt zu werden. Ich möchte beginnen zu leben, ohne dass mein Herz vor Schmerzen aufschreien will. Ohne dich habe ich verlernt zu lieben. Ich habe mir verboten zu lieben. Lieben macht verletzlich. Du hast mir gezeigt, was ich riskiere, wenn ich liebe. Jeder selbst zugefügte körperliche Schmerz ist nichts im Vergleich zu den Schmerzen, die man sich zufügt, wenn man beginnt zu lieben. Ich habe meinem Herzen das Recht genommen zu lieben. „Als ob es darauf achten würde.“ wurde mir heute gesagt. Nein, es achtet nicht darauf. Es liebt, wenn ihm danach ist, ohne darauf zu achten, was es anderen antut. Was es sich selbst antut. Und der Kopf zieht mit. Jeder Gedanke ist ein Peitschenhieb. Ich bin versklavt, mein Herz ist mein Besitzer und mein Kopf mein Vorarbeiter. Das Herz befiehlt zu lieben, die Sklavin weigert sich und der Vorarbeiter bestraft sie durch Peitschenhiebe. Bis sie sich beugt. Bis sie nachgibt. Sich ihrem Herrn unterwirft, ihm die Macht übergibt. Bis er gewinnt. Und nun weiß er, dass sie immer brechen wird. Es ist eine Frage von Geduld. „Patience“. Wer hat den längeren Atem. Und es ist bekannt, dass es herzlich wenig Fälle gibt, in denen es ein Sklave, auch noch allein, geschafft hat, sich gegen seinen Herrn zu wehren. Wie auch, ohne Waffen, ohne Unterstützung, ohne Hilfe. Irgendwann geht jedem die Kraft aus. Noch dazu, wenn der Herr eindeutig im Vorteil ist. Er kann dem Sklaven weniger zu essen geben, wenn er sich wehrt. Er kann ihm mehr geben, wenn der Sklave nachgibt. Und der Vorarbeiter hat eigentlich auch keine Wahl. Er verbesserte seinen Status. Vielleicht litt er selbst einmal als Sklave. Aber er vergaß es. Der Kopf vergisst auch. Manchmal zu schnell. Manchmal zu langsam. Aber er vergisst. Aber auf jeden Fall unsteuerbar. Man kann nicht festlegen, was man vergessen möchte. Sagt die Königin der Verdrängung. Mein Leben baut auf Verdrängung auf. Irgendwann platze ich. Aber noch ist es nicht so weit. Noch habe ich Platz in mir. Free Space. Vielleicht wird sogar das lager der Verdrängung irgendwann gelöscht, nach und nach. Dann würde Platz frei für neue verdrängte Erinnerungen. Verdrängte Wünsche. Verdrängte Lieben. „Ich hab gedacht, ich kann es schaffen, es zu lassen…“ singen Juli. Ich ließ es. Ich hatte es geschafft. Ich hab nicht mehr daran gedacht. Dachte ich. Aber es war da. Es war immer da. Ich war das erste Mal in der wunderschönsten Stadt der Welt, und dachte daran, wie es wäre, sie mit dir zu entdecken. Ich fand den schönsten Ort der Welt, in dem sich meine Sehnsüchte bündeln, und ich habe daran gedacht, wie es wäre, ihn mit dir zu teilen. Ich fahre Zug, und denke an unsere erste Zugfahrt, an das Knistern, die Anspannung, und die Selbstverständlichkeit der Gefühle, die so unverständlich waren. Sind. Ich höre „Bed of Roses“ und denke an die Nacht, in der wir zum ersten Mal miteinander waren. Ich erkundige mich nach den Bundesliga-Ergebnissen, und denke an unseren Stadionbesuch, bei dem ich trotz eisiger Kälte und toten Füßen nicht mehr gefroren habe, sobald du mich in den Arm nahmst. Egal, wie gut alle sich bemühten mir zuzuhören, mich zu verstehen, niemandem gelang es, weil ich der Überzeugung war, nur du würdest mich verstehen können. Und nun scheinen sich all diese wundertollen Bilder in Illusions-Ballons zu verwandeln, und du selbst hast die Nadel in der Hand, die sie platzen lassen kann. Einer nach dem anderen. Nur, bitte bedenke: Irgendwann ist keiner mehr übrig. Vielleicht sollte ich darauf hoffen. Dass du auch den letzten Funken, das kleinste Bällchen platzen lässt. Dass dann alles vorbei ist. Aber du hast schon so viele Explosionen verursacht. Und bisher hab eich es immer wieder geschafft, neue zu produzieren. Immer wieder kamen neue hinzu. Es war eine lange Pause. Ein Jahr ist fast ein ganzes Leben. Aber in diesem Jahr war mein Herz mehr als einmal bei dir. Es leugnete diese Ausflüge, machte sich darüber lustig, verachtete sie. Aber es tat sie trotzdem. DU hast eine fragwürdige Gabe, eine Last: Du schaffst es, dass ich immer wieder vergesse, was du mir antust. Du schaffst es, dass die taffe, starke Mareike all ihre Prinzipien über den Haufen wirft. Du bist der einzige, der die starke Fassade zum Einstürzen bringt. Unfairerweise weigerst du dich dann aber, beim Wiederaufbau zu helfen. Es ist furchtbar schwer, sie immer wieder aufs Neue Stein für Stein zu errichten. Und in der Zeit des Wiederaufbaus bin ich komplett verwundbar. Verletzlich. Eine offene Wunde, die erst nach und nach wieder heilen kann. Und die Rezepte für Seelen-balsam scheine ich verlegt zu haben. Ich werde meinem Arzt zu teuer, neue Rezepte bekomme ich nicht, jeder muss sparen, Gesundheitsreform und so. Doch diese sichert nun auch zu, dass alle gesetzlichen Krankenkassen die empfohlenen Schutzimpfungsgebühren übernehmen. Ich empfehle hiermit eine Anti-Herzbruch-Impfung, auch wenn die Nebenwirklungen recht hoch sind. Damit muss man leben können. Irgendwann gehen Nebenwirkungen vorüber, der Körper hat sich daran gewöhnt. Aber wenn man nicht geimpft ist, kann man jederzeit wieder infiziert werden. Du bist ein Mensch, der nie lang allein bleibt. Ich bin ein Mensch, der ewig allein bleiben möchte. Will. Muss. „Es hat was mit Selbstschutz zu tun“. Ich habe geweint, als deine nächste ‚große Liebe’ dich allein ließ, weil sie nach Haus fuhr. „Mareike… ich hab mich unsterblich verliebt… aber sie fährt morgen zurück. Nach Kolumbien. Ich bin am Boden…“ Und ich musste weinen. Wie ich es so oft tat. Ich weinte. Und tröstete dich. Ich machte dir Hoffnung. „Man sieht sich immer zweimal im Leben. Kopf hoch, denk immer daran, dass ihr wunderschöne Wochen hattet. Wochen, die in deinem Herzen bleiben, solange du es willst.“ Du hast nicht gefragt. Wir weinten beide. Ich wegen dir. Du wegen ihr. Du hast es nicht gemerkt. Bis ich es sagte. Du hast dich entschuldigt. Unter Tränen. „Keine Sorge, ist gleich vorbei. Dir geht’s schlecht, um dich geht’s heute Abend. Bitte erzähl von ihr.“ Unter Tränen. Es tat dir leid. Und dann hast du es ruiniert. „Du hast doch das Album von den Söhnen Mannheims? Bitte, hör dir das Lied ‚Zurück zu dir’ an.“ Ich tat es. Unter Tränen. Dann ging ich. Bewies Größe. Teilte es dir gefasst mit. „Ich werde es nicht noch ein zweites Mal anhören. Ich werde jetzt gehen.“ Es tat dir leid. Du warst mir dankbar. Ich war dir so wichtig. „Du hast es sogar geschafft, dass ich sie für kurze Zeit vergessen habe…“ Ich gratulierte mir. Unter Tränen. Ich wollte so viel Größe beweisen. Wollte die gute Freundin sein, wollte zeigen, dass ich mich vergessen kann, um für dich dazusein, um dir zuzuhören. Dein Wohl über meines. Und trotz allem fühlte ich mich dir in dieser Nacht so nah. Du hast mein Herz berührt. Zum wiederholten Mal. Und du hast es ruiniert. Du hast Hoffnung geweckt. Wie konntest du nur. Wie konntest du so unverschämt sein. Ich gab mich für dich auf, und du trittst nach mir. Reißt mich noch weiter nach unten, anstatt mich hochzuziehen. Ich wollte Größe beweisen, und fühlte mich so klein wie selten zuvor. Und ich habe es nie geschafft, meine Größe wiederzugewinnen. Man wächst an jeder Aufgabe. „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“ wurde mir auch heute gesagt. Stark werden. Stark sein. Mein großes Ziel. Wie kann ich mir so etwas wünschen? Stärke. Größe. Besonnenheit. „Ich habe Respekt vor dir, wie vor niemandem sonst. Du bleibst immer ruhig, behälst einen kühlen Kopf. Du bist so stark.“ Wie kann jemand so etwas zu mir sagen, wo ich innerlich manchmal so labil bin wie eine alte Frau. Die sich zittrig an ihren Gehstock klammert. Die möglichst viel allein schaffen will um sich selbst zu beweisen, dass sie noch nicht so alt ist, aber im Inneren so sehr hofft, irgendwer möge sie auf den Arm nehmen und den Rest ihrer Zeit tragen. Trag mich. Bitte."

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Möge die Parkuhr doch nur plaudern. Bitte.

[Und: Entschuldigung. Aber Absätze waren nicht möglich.]


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