ACKER UND KROKODIL
Musik: Wim Mertens - Humility
Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen,
in einer kleinen Siedlung mit
schmucken Einfamilienhäusern die da
kurzerhand aus dem Boden
gestampft wurden, umgeben von Blühendem,
von Wiesen, Wäldern und Feldern.
Wir Kinder spielten meist im Freien,
die Natur war sozusagen unser Spielplatz,
unser Spielzeug; sie gab viel her.
Ich möchte mir den Acker greifen,
hier, jetzt, heute, da ich gestern
bei einem wundervollen Spaziergang
mit Kindheitserinnerungen
regelrecht geflutet wurde.
Hinter meinem Elternhaus, wenn ich
den riesigen Garten querte,
grenzte das Feld
eines benachbarten Bauern;
oftmals mit Getreide bepflanzt,
dann und wann auch mit Mais.
Nun, im Spätherbst,
nachdem es gepflügt wurde,
liebte ich es, mich auf einen kleinen,
von meinem Vater gefertigten Schemel
(er hatte eine Hobelbank)
an den Ackerrand zu setzen,
um dort die befindliche Erde
als Knetmasse zu missbrauchen.
Ich schlickte jene mit Wasser und
formte daraus Figuren, meist
Krokodile, viele, viele Krokodile.
Krokodile deshalb, da mich als
kleines Mädchen mehrmals ein
Alptraum heimsuchte, worin ich mich
in einem Urwald verirrte und ein
wild nach mir schnappendes Krokodil
den Weg versperrte.
Mein Vater sprang dazwischen,
bot dem gefräßigen Ungeheuer
seinen Daumen an um mich zu retten.
„Nimm, friss!“, sagte er.
Das wollte ich nicht.
Nein, so gar nicht.
@zartgewebt
Bild 1 u. 2 Jeffrey T. Larson Bild 3 @zartgewebt
