Saftladenblog
Man sollte meinen, das Schicksal, seinen Arbeitskollegen am frühen für vermisst zu erklären käme nur im tiefsten Regenwald oder anderen Krisengebieten vor. Kann aber auch im Supermarkt passieren, dann bleibt einem nur die Möglichkeit, einen anderen dafür einzuspannen. Sofern sich jemand findet, der blöd genug ist, morgens um sieben ans Telefon zu gehen. Chef war schlau genug und tat so, als sei er schon zur Warenbörse unterwegs, bissel quatschen und so tun, als ob man tasächlich etwas einkaufen würde (gebt uns ein Budget und einen Termin und dann zeigen wir mal, was man dort alles schönes ergattern kann - aber so etwas ist ja Chefsache).
Davon abgesehen, dass ich jetzt dreizehn Stunden vor mir hatte lief es eigentlich gut an. Erste Ware war schon, eine halbe Stunde Zeit für die Papiere nach dem wegpacken und dann der nächste LKW da, fertig gepackt, neu bestellt und dann: "Sollst mal kurz rüber, Herr G. möchte dir den Tresor übergeben". Nein, eigentlich ist die wörtliche Rede gerade frei erfunden gewesen. in Wahrheit kam unsere Azubine rüber, hängt mir ihre 2 Zentner Lebendgewicht auf die Schulter, weil ich gerade am PC sitze und faules Fleisch ja nicht gerne ungestützt steht und guckt erstmal, was ich mache. Erzählt mir ihre Gedanken zum Einsatzplan für nächste Woche und das sie Scheffe ja schon zigmal gesagt hat, dass sie Seminar hätte - und rückt erst nach mehreren Minuten damit herraus, das ich mal kurz ins Büro sollte.
Bis hierher hätte es ein schöner Tag sein können, trotz des frühen weckens. Aber kaum in meiner Chefrolle aufgegangen das erste Schicksal: Jetzt kommt meine neue Aushilfe plötzlich auch nicht. Und hat sinnigerweise auch keine Telefonnummer - nicht in unserer internen Liste, nicht bei der Auskunft, nicht im Telefonbuch und noch nicht einmal in der Personalabteilung hinterlegt. Komisch, meine wollten sie damals sofort wissen, noch vor der Adresse. Egal, woher er kommt, solange er auf Abruf bereitsteht. Liest sich gerade nicht so furchtbar aufregend, wie ich es empfunden habe, aber man kommt dann schon ins grübeln, weil man ja Personal nicht gerade viele Alternativen hat. Und die Azubine, die derweil im Getränkemarkt stand, sollte ja eigentlich die Tiefkühlware packen. Frei nach der trappsenden Nachtigall: Fischstäbchen, ick hör dir tröpfeln... .
Netterweise hatte mein Russe nix zu tun und war sogar froh über ein paar Stunden mehr. Bis er eintrifft musste ich halt nur die Tiefkühlware sicherstellen. Gute Gelegenheit für Kunden,ihre gesammelten Beschwerden loszuwerden. Vollkommen berechtigt, wenn um siebzehn Uhr schon kein frisches Mett mehr da ist. Gute Idee von mir, ich gebe der Dame einfach anderes billiger, da wird sie schon flexibel sein. Zur Verzweiflung konnte mich dann nur der BLick der Fleischkollegin treiben: Wir haben kein Mett mehr. Okay, das muss ich besser betonen, damit es verständlicher wird: Wir haben GAR KEIN METT mehr. Kein Rind, kein Schwein, kein Thüringer, kein Zwiebelmett - ÜBERHAUPT NICHTS mehr. Dieser Scheiß Fleischer mit seiner SB-Macke. Tolle Idee, kanpp zu produzieren, um das SB-Fleisch zu forcieren ... um es mit argh´schen Worten zu sagen AM ARSCH !!!EINSELF!!! Kein Kunde kauft das scheiß-sterile Zeug, die gehen einfach zum Metzger, fuffzich Meter Luftlinie sind kein Weg. Und der Brüller ist ja, dass er deshalb schon zwei Unterredungen hatte, dass das so nicht funktioniert.
Und die vollkommen unberechtigte Reklamation: Das Hinterhoflicht meines Getränkemarktes leuchtet auf den Balkon - ja, entschuldigung, wir sehen halt abends gerne, ob uns einer auflauert oder nicht. Und morgens ist es mit Licht auch leichter, das Schlüsselloch zu finden. Aber machen wir gerne aus, wenn es tatsächlich jemanden stört. Wo die Beschwerde unberechtigt ist? Bisher noch garnicht. Aber die zwanzig Minuten, die der Kerl mich dann noch vollblubbert, von wegen Zeitschaltuhr und Ruhestörung (!!!???!!!), nee, das ging echt nicht. WIR MACHEN DAS DING AUS !!! AUS !!! DUNKEL !!! OKAY ??? Da muss nix Zeitschalten, weil es dann immer aus ist. Wenn mir tatsächlich mal einer ´ne Metallstange übern Schädel zieht macht er das eh, ob mit oder mit ohne Licht. Übrigens saß (sas? SARS? sitze !!!) ich währenddessen die ganze Zeit an der Kasse, hat ihn nicht gestört.
Rest spare ich mir, sowohl den dann doch erschienenen Aushelfer des Biershops alsauch die Azubine. Ihn habe ich nach HAuse gejagt, mit der Aufforderung, nochmal lesen zu üben (Einsatzplan) und sie hätte ich am liebsten gleich hinterhergeschickt. Sie hatte ja ihre komische Tiefkühlkost nicht machen können, weil sie eine Stunde im Getränkemarkt hing, also hatte ich mir ihre Kasse geschnappt und nebenbei versucht, die Drogerieware im Gang nebenan auch noch zu machen, damit wir wenigstens irgendetwas fertig kriegen. Nach zwei Stunden und einem halbgepackten Rollcontainer hat sie plötzlich Kreislauf ... eigentlich eine schöne Sache, ich möchte nicht wissen, wie ich mich ohne Kreislauf fühlen würde ... ziemlich Tod wahrscheinlich. Aber wenn Frauen Kreislauf haben meinen sie ja häufig damit: "Nein Schatz, heute nicht" oder "Ich möchte mal ein bissel verhätschelt werden" oder in unserem Fall "Ich brauche eine Ausrede, weil ich schon den ganzen Tag versuche, die Arbeit von einer Stunde in die Länge zu ziehen und nun nicht mehr fertigwerde". Aber kein Minute später wieder am qualmen und kichern und überhaupt - egal, das würde eine "Die Jugend von heute..."-Meckerei werden, und dabei komme ich mir immer so seltsam vor, weil ich mich auch noch irgendwo zu dieser Jugend zugehörig fühle. Als sie dann um viertel vor neun (um neun schließen wir) Anstalten machte, die offen stehende Automatiktüre zus chleißen, hätte ich sie am leibsten auf den Mond geschossen. "Du willst doch nicht jetzt schon die Kunden aussperren" - "Iss so kalt, nur auf Automatik - muss ich da auf eins stellen?" - "Ja" - "Okay". Nun sollte sich die Türe also nur öffnen, wenn sich ihr jemand nähert - nennt es misstrauen, aber ich habe dann doch sofort nachgeschaut, was sie denn gemacht hat - natürlich geschlossen, der erste Kunde, der gegen die Tür rennt, wird sich bedanken. Okay, der zweite wäre sicher auch nicht begeisterter, aber dann wüssten wir ja zumindest, wo das Problem liegt. Hat sie sich vertan, würde sie doch nie machen - warum nur war ich dann so misstrauisch, wenn SIE so etwas NIE machen würde?
Na gut, wurscht, morgen früh geht es weiter - nochma dreizehn Stunden, vorrausgesetzt Chef findet keinen anderen dummen, so dass ich schon nach zehn Stunden gehen kann. Wird er aber nicht, weil alle drei Angestellten, die noch Leben und sich auf den Beinen halten können verpalnt sind. Obwohl, Scheffe könnte doch zwei Stunden mehr machen. Blöde Idee? Ach, der hat Marktleitersitzung. Na und? Die geht bis drei, um vier möchte ich erst nach Hause, kann er sogar noch Pause machen zwischendurch.
