Willkommen in Valkenvania

26.07.2007 um 23:41 Uhr

Wolfgang Borchert - An diesem Dienstag

Ich bin grade in einer etwas morbiden Stimmung und deswegen poste ich mal Wolgang Borcherts "An diesem Dienstag". Genial sind auch: "Draußen vor der Tür", "Nachts schlafen die Ratten doch" und "Jesus hat keine Lust mehr". Hätte ich damals im Deutschuntericht schon gewußt, wie oft mir danach ist grade diese Geschichten zu lesen, hätte ich die Werke mehr respektiert. Hier also der Text:

"Wolfgang Borchert

An diesem Dienstag

Die Woche hat einen Dienstag.

Das Jahr hat ein halbes Hundert.

Der Krieg hat viele Dienstage.

An diesem Dienstag übten sie in der Schule die großen Buchstaben. Die Lehrerin hatte eine Brille mit dicken Gläsern. Die hatten keinen Rand. Sie waren so dick, daß die Augen ganz leise aussahen.

Zweiundvierzig Mädchen saßen vor der schwarzen Tafel und schrieben mit großen Buchstaben:

DER ALTE FRITZ HATTE EINEN TRINKBECHER AUS BLECH. DIE DICKE BERTA SCHOSS BIS PARIS. IM KRIEGE SIND ALLE VÄTER SOLDAT.

Ulla kam mit der Zungenspitze bis an die Nase. Da stieß die Lehrerin sie an. Du hast Krieg mit ch geschrieben, Ulla. Krieg wird mit g geschrieben. G wie Grube. Wie oft habe ich das schon gesagt. Die Lehrerin nahm ein Buch und machte einen Haken hinter Ullas Namen. Zu morgen schreibst du den Satz zehnmal ab, schön sauber, verstehst du? Ja, sagte Ulla und dachte: Die mit ihrer Brille.

Auf dem Schulhof fraßen die Nebelkrähen das weggeworfene Brot.

An diesem Dienstag

wurde Leutnant Ehlers zum Bataillonskommandeur befohlen. Sie müssen den roten Schal abnehmen, Herr Ehlers.

Herr Major?

Doch, Ehlers. In der Zweiten ist so was nicht beliebt.

Ich komme in die zweite Kompanie?

Ja, die lieben so was nicht. Da kommen Sie nicht mit durch. Die Zweite ist an das Korrekte gewöhnt. Mit dem roten Schal läßt die Kompanie sie glatt stehen. Hauptmann Hesse trug sowas nicht.

Ist Hesse verwundet?

Nee, er hat sich krank gemeldet. Fühlte sich nicht gut, sagte er. Seit er Hauptmann ist, ist er ein bißchen faul geworden, der Hesse. Versteh ich nicht. War sonst immer so korrekt. Na ja, Ehlers, sehen sie zu, daß sie mit der Kompanie fertig werden. Hesse hat die Leute gut erzogen. Und den Schal nehmen Sie ab, klar?

Türlich, Her Major.

Auf dem Wege zur zweiten Kompanie nahm Leutnant Ehlers den Schal ab. Er steckte eine Zigarette an. Kompanieführer Ehlers, sagte er laut.

Da schoß es.

An diesem Dienstag

sagte Herr Hansen zu Fräulein Severin:

Wir müssen dem Hesse mal wieder was schicken, Severinchen. Was zu rauchen, was zu knabbern. Ein bißchen Literartur. Ein Paar Handschuhe oder sowas. Die Jungens haben einen verdammt schlechten Winter draußen. Ich kenne das. Vielen Dank.

Hölderlin vielleicht, Herr Hansen?

Unsinn, Severinchen, Unsinn. Nein, ruhig ein bißchen freundlicher. Wilhelm Busch oder sowas. Hesse war doch mehr für das Leichte. Lacht doch gern, das wissen Sie doch. Mein Gott, Severinchen, was kann dieser Hesse lachen!

Ja, das kann er, sagte Fräulein Severin.

An diesem Dienstag

trugen sie Hauptmann Hesse auf einer Bahre in die Entlausungsanstalt. An der Tür war ein Schild:

OB GENERAL, OB GRENADIER:

DIE HAARE BLEIBEN HIER.

Er wurde geschoren. Der Sanitäter hatte lange dünne Finger. Wie Spinnenbeine. An den Knöcheln waren sie etwas gerötet. Sie rieben ihn mit etwas ab, das roch nach Apotheke. Dann fühlten die Spinnenbeine nach seinem Puls und schrieben in ein dickes Buch: Temperatur 41,6. Puls 116. Ohne Besinnung. Fleckfieberverdacht. Der Sanitäter machte das dicke Buch zu. Seuchenlazarett Smolensk stand da drauf. Und darunter: Vierzehnhundert Betten.  Die Träger nahmen die Bahre hoch. Auf der Treppe pendelte sein Kopf aus den Decken heraus und immer hin und her bei jeder Stufe. Und kurzgeschoren. Und dabei hatte er immer über die Russen gelacht. Der eine Träger hatte Schnupfen.

An diesem Dienstag

klingelte Frau Hesse bei ihrer Nachbarin. Als die Tür aufging, wedelte sie mit dem Brief. Er ist Hauptmann geworden. Hauptmann und Kompaniechef, schreibt er. Und sie haben über 40 Grad Kälte. Neun Tage hat der Brief gedauert. An Frau Hauptmann Hesse hat er oben drauf geschrieben.

Sie hielt den Brief hoch. Aber die Nachbarin sah nicht hin. 40 Grad Kälte, sagte sie, die armen Jungs. 40 Grad Kälte.

An diesem Dienstag

fragte der Oberfeldarzt den Chefarzt des Seuchenlazaretts Smolensk: Wieviel sind es jeden Tag?

Ein halbes Dutzend.

Scheußlich, sagte der Oberfeldarzt.

Ja, scheußlich, sagte der Chefarzt.

Dabei sahen sie sich nicht an.

An diesem Dienstag

spielten sie die Zauberflöte. Frau Hesse hatte sich die Lippen rot gemacht.

An diesem Dienstag

schrieb Schwester Elisabeth an ihre Eltern: Ohne Gott hält man das gar nicht durch. Aber als der Unterarzt kam, stand sie auf. Er ging so krumm, als trüge er ganz Rußland durch den Saal.

Soll ich ihm noch was geben? fragte die Schwester.

Nein, sagte der Unterarzt. Er sagte das so leise, als ob er sich schämte.

Dann trugen sie Hauptmann Hesse hinaus. Draußen polterte es. Die bumsen immer so. Warum können sie die Toten nicht langsam hinlegen. Jedesmal lassen sie sie so auf die Erde bumsen. Das sagte einer. Und sein Nachbar sagte leise:

        Zicke zacke juppheidi

        Schneidig ist die Infanterie.

Der Unterarzt ging von Bett zu Bett. Jeden Tag. Tag und Nacht. Tagelang. Nächte durch. Krumm ging er. Er trug ganz Ruáland durch den Saal. Draußen stolperten zwei Krankenträger mit einer leeren Bahre davon. Nummer 4, sagte der eine. Er hatte Schnupfen. 

An diesem Dienstag

saß Ulla abends und malte in ihr Schreibheft mit großen Buchstaben:

        IM KRIEG SIND ALLE VÄTER SOLDAT.

        IM KRIEG SIND ALLE VÄTER SOLDAT.

Zehnmal schrieb sie das. Mit großen Buchstaben. Und Krieg mit G. Wie Grube.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierennightlight schreibt am 26.07.2007 um 23:52 Uhr:Im Krieg sind alle Väter Soldat....
    Kann man dienstags sterben? Welcher Tag ist der beste, um zu sterben?
  2. zitierenelfatuo schreibt am 26.07.2007 um 23:57 Uhr:Sterben kann man immer - jeder Tag ist gleich gut.

    "Der Unterarzt ging von Bett zu Bett. Jeden Tag. Tag und Nacht. Tagelang. Nächte durch. Krumm ging er. Er trug ganz Rußland durch den Saal. Draußen stolperten zwei Krankenträger mit einer leeren Bahre davon. Nummer 4, sagte der eine. Er hatte Schnupfen. "
  3. zitierennightlight schreibt am 27.07.2007 um 00:10 Uhr:Ich sterbe nachts, Nacht ist gut zum sterben, dann ist egal, welcher Tag,
  4. zitierenAngelInChains schreibt am 27.07.2007 um 00:27 Uhr:*seufz* Ein grandioser Kuenstler. Weckt die Erinnerung an - den Deutschunterricht. "Draussen vor der Tuer" war endlich mal ein Werk, das es sich bei der Lehrerin zu lesen lohnte. Ich habe privat gleich die gesamten anderen im Buch befindlichen Kurzgeschichten, inklusive der Hundeblume und "Nachts schlafen die Ratten doch", mit gelesen.
  5. zitierenelfatuo schreibt am 27.07.2007 um 16:25 Uhr:@ Angel: Bei mir wars ähnlich. Ich konnte nur im Deutschunterricht nicht soviel damit anfangen - doch, es gibt Momente im Leben da kann man die Gespräche mit dem Anderen nachvollziehen.

    BTW -> Bei "An diesem Dienstag" steht meiner Meinung nach der Tod und das sterben nicht im Vordergrund - Viel wichtiger finde ich, daß der Wahnsinn irgendwann zur Routine wird und das die Menschen dieser Routine mit Resignation oder Verdrängung begegnen.
    Zum Background -> Ein Schnupfen mit bakterieller Superinfektion ist mit Antibiotika bei imunkompetenten Menschen und adäquater Anpassung an die Witterung eine lästige Lapalie - beim Rußlandfeldzug sind mehr deutsche Soltaten an Schnupfen gestorben, als an Feindeinwirkungen "Der eine Träger hatte Schnupfen."
  6. zitierenschüler 9klasse schreibt am 26.04.2009 um 14:03 Uhr:
    nightlight:Im Krieg sind alle Väter Soldat....
    Kann man dienstags sterben? Welcher Tag ist der beste, um zu sterben?


    mit dienstag ist nicht der Tag der Woche gemeint...sondern DIENST-TAG
  7. zitierenist ja egal schreibt am 04.05.2009 um 22:11 Uhr:Wir haben dieses Thema in der letzten Deutsch stunde gemacht.. diese Kurzgeschichte hat etwas.. was ich noch recherchieren werden.. =) bin gerade am Hausaufgaben machen...
    Liebe Grüße ist ja egal =)
    *sinnloser Kommentar*
  8. zitierensonnenschein. schreibt am 06.01.2011 um 22:11 Uhr:An diesem Dienstag wurde gewählt weil sich dienstag aus dem lateinischen ableite.--> 'Martis dies' heißt soviel wie Tag des Kriegsgottes.
  9. zitierenLisaaaaaaaaarr schreibt am 10.02.2011 um 20:11 Uhr:ohh... ich muss meine Gfs in deutsch über die Kurzgeschichte das Brot machen-....

    wiesoo wer will den dienstags sterben? :D
  10. zitierenerweiterte inhaltsangabe schreibt am 18.12.2011 um 18:40 Uhr:Hallo (:
    also ich finde den Text sehr *schön* insofern man bei Trümmerliteratut etwas als schön bezeichnen kann.
    In Deutsch schreiben wir morgen eine Schulaufgabe, in der wir eine erweiterte Inhaltsangabe zu einem Trümmerliteraturtext schreiben sollen. Unser Lehrer ist echt fair und da wir als Übungsaufsatz " Die drei dunklen Könige " hatten, denke ich, dass jetzt wieder so ein ähnlicher Text drankommt. Meint ihr, dass " An diesem Dienstag " sich als Text eignet??
    Schonmal danke im Voraus (:
  11. zitierenshiiriin schreibt am 24.05.2012 um 17:27 Uhr:Muss ein Schuabild erstellen über ``An diesem Dienstag ´´ und eine 4 minütige Interpretation dazu schreiben für meine RSP
  12. zitierenwolfang borchert schreibt am 22.11.2012 um 08:09 Uhr:
    die geschichte ist sehr interessant. wir nehmen sie gerade in deutsch durch, ich liebe es^^
  13. zitierenhobbit schreibt am 22.11.2012 um 08:13 Uhr:ich find den Text echt langweilig
  14. zitierenhallo schreibt am 22.01.2014 um 10:56 Uhr:^
    hobbit:ich find den Text echt langweilig

  15. zitierensbgghh schreibt am 26.11.2014 um 13:29 Uhr:
    AngelInChains:*seufz* Ein grandioser Kuenstler. Weckt die Erinnerung an - den Deutschunterricht. "Draussen vor der Tuer" war endlich mal ein Werk, das es sich bei der Lehrerin zu lesen lohnte. Ich habe privat gleich die gesamten anderen im Buch befindlichen Kurzgeschichten, inklusive der Hundeblume und "Nachts schlafen die Ratten doch", mit gelesen.

  16. zitierensbgghh schreibt am 26.11.2014 um 13:33 Uhr:morgen deutsch arbeit.. und auch noch französisch Vokabel test :-/
    vielleicht kommt dieser text in der Arbeit vor.. mal gucken..okay bb (bis bald)
  17. zitierengossenpoet schreibt am 26.10.2015 um 18:29 Uhr:Wunderbar geschrieben!Ich schließe mich "elfatuo"'s Meinung zum Primärthema der Geschichte an!

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