Aus dem Leben eines Taugegarnichts

24.03.2004 um 20:56 Uhr

18 Monate - eine Bilanz

Musik: That's how they show their respect for Paddy Murphy...

Wohlan,
die vorletzte Prüfung ist überstanden und da mir nicht mehr viel Zeit bleibt, bis mich nach der nächsten Prüfung, einem Umzug, einer Wohnungsrenovierung, einer Party, einer weiteren Feierlichkeit und einem Tag gesunden Komaschlafes der nächste Alltag wieder hat, halte ich es für richtig, bereits jetzt eine Bilanz über die letzten 18 Monate FH Marburg zu ziehen.

Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, als wir 20 Neulinge in unserem Seminarraum saßen, der Vorstellung der Dozenten lauschten und schlussendlich die Frage beantworteten, was wir uns von dieser Schule erhofften.
Ich antwortete damals sinngemäß, wie die meisten meiner Mitschüler, ich hoffe, mir würde hier viel Wissen mitgegeben werden, das mir später helfen würde, meinen Job gut zu machen. Das Lächeln meiner Dozentin habe ich damals als wohlwollende Zustimmung gedeutet, oder auch als Mitgefühl, da ich mich auf dem ersten Usertreffen des grünen Wohnzimmers erbärmlich erkältet hatte und dies der zweite Tag war, an dem ich nach zwei Tagen unfreiwilligen Schweigens und Schilderschreibens wieder halbwegs reden, oder zumindest krächzen konnte.
Heute weiß ich, dass ich mich damals geirrt habe. In Wirklichkeit war es ein nachsichtiges Lächeln und sollte wohl eher so viel heißen wie "Um die Ecke ist ein Café, wenn Sie sich da die nächsten 18 Monate reinsetzen und den Gesprächen von Oma Meier und Oma Schneider am Nebentisch lauschen, verpassen Sie auch nichts. Lassen Sie sich dann einfach von Ihren Mitstudenten eine Zusammenfassung der wichtigsten Sachen geben. Auf einem A4 Blatt mit Schriftgröße 14."
Autsch.

Nein, ganz so schlimm war es ja doch nicht... wir haben ja doch so einiges gelernt...
Ich muss nur einen kleinen Augenblick überlegen, dann kommt das schon alles wieder....
Gleich hab ich's!
Ich schwör', ich weiß es!
Wartet.....

Genau! Wir haben Rollregalanlagen gesehen, in allen Größen, Formen und Farben (btw.: das Leipziger StA hat für jede Etage eine eigene Regalfarbe gewählt. Das ist ausgesprochen praktisch. Geht man die Treppe runter und vergisst, in welchem Stockwerk man sich befindet, muss man nur schnell einen Blick ins Magazin werfen: Blind wird man, wenn man in Stockwerk 3 von einem grausamen rosavioletten Lichtblitz getroffen wird. Muss man sich übergeben, ist man im giftgrünen 4. Stock und fällt man schockiert in Ohnmacht, war es das lila Stockwerk 7. Aber nein, das war ja vor meiner Zeit in Marburg, also weiter...). Von Dänemark über Köln bis Gotha. Faszinierend, was für unterschiedliche Rollregalanlagen es auf dieser Welt gibt. Und erst die Magazinausstattung dazu. Immerhin wurde mir hier erst klar, dass Klimaanlage, Luftfilter, Rollregalanlagen und Kartonagen Standard sind, kein Luxus. Habe ich schon die Klimaanlagen erwähnt? Oh, ja...

Das waren also die Exkursionen, aber wir haben doch sicher auch im Unterricht nützliche Sachen gelernt. Klar, Dingen, wie dem Bewertungsmodell für die digitalen Bestände der krankenhauseigenen Hausmeisterlatzhosenherstellerverwaltung von Hinterwaldshausen, könnte man jetzt eine gewisse Praxisrelevanz zusprechen.... nun gut, könnte man vielleicht ein wenig eher, wenn sie bereits erprobt oder wenigstens getestet wäre, aber wir wollen ja nicht pingelig sein. Sollten wir alle nach unserer Ausbildung Leiter eines Stadtarchivs werden, müssen wir mit Sicherheit gleich am zweiten Tag alle digitalen Unterlagen des ortsansässigen Forstmeisters übernehmen und werden froh sein, wenn wir das Modellprojekt von Hinterwaldshausen zur Anregung vorliegen haben....
Wir haben gelernt, das Web-Opac der hiesigen Bibliothek zu bedienen. Hey, so leicht ist das gar nicht, immerhin haben wir dafür 2 Doppelstunden gebraucht.
Außerdem haben wir uns von auswärtigen Dozenten die katholische (6 Stunden, wenn ich mich recht entsinne), die evangelische (2 Stunden) und die jüdische Kirchengeschichte (12 Stunden) näher bringen lassen, ebenso wie den Unterschied zwischen gotischen Spitzbogen und barocken Treppenaufgängen... oder so... den österreichischen Behördenaufbau bis zum 18. Jahrhundert und die Farbe der Schuhe des kurpfälzischen Briefträgers (das kann ich jetzt aber auch verwechselt haben). Wir haben gelernt, für die alltäglichsten Vorgänge philosophisch anmutende englische Fachbegriffe zu verwenden (Hey, immerhin sind die zuerst von der NASA herausgehauen worden!) und kennen die Handschrift des Bürgermeisters von Marburg um 1900.

Ich gestehe, jegliche Ironie in diesem Beitrag ist weder unbeabsichtigt, noch zufällig, sondern eher unvermeidbar...

Immerhin haben wir nicht nur etwas Konkretes gelernt, wir haben uns in dieser Zeit auch weiterentwickelt, wurden für manche Sachverhalte sensibilisiert und haben das Wissen erhalten, wie wir uns in Krisenzeiten über Wasser halten.

An erster Stelle sei daher der Cappuccino genannt. Hatte ich ihn vorher nur gelegentlich als Medizin eingesetzt, um wach zu werden oder Kopfschmerzen loszuwerden, stieg mein Verbrauch an diesem Lebensspender hier exponentiell. Grandios in der Wirkung, wenn es darum ging, trotz der langweiligsten Unterrichtsstunden nicht laut loszuschnarchen oder den Hunger eine Weile zu überbrücken.
Ein weiterer wichtiger Wegbegleiter, den ich allerdings zurücklassen muss, ist Herbert. Ich hatte seine Wirkung früher immer überschätzt. Aber wenn die Atmosphäre im Seminarraum wieder einmal unter den Nullpunkt sank (der ewige Konflikt Raucher – Nichtraucher), war er da, um uns Wärme zu spenden. Ja, dieser 1 Meter 80 große, breitschultrige Kerl war wahrhaft ein Engel: außen hart und innen weich und warm.
Ich werde ihn vermissen.
Andere Heizungen sind immer so niedrig...

Man möchte jetzt meinen, dass ich an dieser FH aber auch gar kein gutes Haar lassen kann. Doch, ganz ehrlich.
Aber im Moment bin ich gerade nicht in Stimmung, werde also bei Gelegenheit einen weiteren Eintrag schreiben.

Bis dahin werde ich hoffentlich noch oder wenigstens wieder geradeaus denken können, weil nach einigen Wochen.... Monaten voll Ausarbeitens und Lernens kann ich zwar die neun Solemnitäten aufzählen und weiß, was ein Relationskonzeptvermerk ist, habe auf der anderen Seite aber das Gefühl, total zu verblöden.

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18.03.2004 um 23:31 Uhr

Mit einem heitern, einem nassen Aug'...

Stimmung: melancholisch
Musik: "Easter 1916" W.B.Yeats [Alias Acoustic Band]

Bergfest, was die mündlichen Prüfungen angeht. Yeah. Und bisher gut durchgekommen, sehr gut verglichen mit meinen Erwartungen.
Die letzte Prüfung ist nächsten Freitag.
Danach werde ich meine Siebensachen in Kartons verpacken und am Samstag wohne ich schon nicht mehr hier.
Two weeks – nay, not so long, not two....

Wahnsinn. 18 Monate - vorbei. Dabei hätte ich genauso gut gestern erst ins Auto steigen können, um Dresden – hoffentlich – für immer den Rücken zu kehren.

Ups, ich werde melancholisch.
Mir wird diese Stadt fehlen, und alles, was dazugehört hat: die Vormittage an der FH, die Mitstudenten, die mir auf den Geist gingen (ok, die vielleicht nicht sooo sehr...), die, die ich ins Herz geschlossen habe; die Nachmittage vor dem PC, mit einem Buch oder in Gießen und spontane Besuche, die Wochenenden irgendwo in Deutschland; der Balkon mit der Aussicht ins Tal bei Tag und bei Nacht, die Meisen, Krähen und die Kiddies von Gegenüber, der „Wintergarten“, das „Esszimmer“, das „Wohnzimmer“, das „Schlafzimmer“, die „Bibliothek“,.... *g* Sogar die Prüfungszeit gerade hat eigentlich etwas für sich.

Jetzt stehen die Umzugskartons im Flur.
Übrigens eine Geschichte für sich:
Letzte Woche die Auftragsbestätigung bekommen, diesen Dienstag angerufen, wann ich eigentlich die Kartons geliefert bekommen.
„Wann wäre es Ihnen denn recht?“
„Pff, so bald wie möglich?“
„Ok, wir liefern sie dann heute nachmittag aus.“

Es wurde abend. Es wurde Mittwoch. Es wurde Donnerstag.
„’tschuldigung, wollten Sie nicht die Kartons....?“
„Sie bekommen die auf jeden Fall noch diese Woche, wir rufen Sie dann nochmal an, bevor sie Ihnen geliefert werden!“

Zwei Stunden später klingelte es an der Tür. Ratet.
Einmal mit Profis arbeiten *grumml*

Wenn mir jemand sagen könnte, wie es für mich in 2, 5 oder 12 Monaten aussieht: Ich würde es nicht wissen wollen. Ich finde es gerade wahnsinnig toll, im Jetzt zu leben, alles andere würde mich gerade den Verstand kosten.
Und dieses Jetzt ist geil! Ich hab kein Problem damit zu lernen, ich kann ja Pausen machen, hin und wieder gönne ich mir einen Chat, es wird Frühling und die Blaumeisen auf meinem Balkon sind süß.
Und es ist ja auch nicht so, dass es nichts gäbe, auf das ich mich freuen könnte ;-)

06.03.2004 um 18:14 Uhr

Lernt's doch selbst!

Stimmung: Faul.
Musik: "Faul sein ist wunderschön", Pipi Langstrumpf, wahlweise auch "Blau sein ist wunderschön"

Schnee. Igitt. Wer ist nur dafür wieder verantwortlich?
Ich vielleicht? Hoffentlich nicht... ich habe doch nur gestern gedacht, ich könnte das Vogelhaus auch genau so gut wieder weg stellen, wo es doch diesen Winter ohnhin nicht mehr schneien wird...
Schon gut, schon gut, ich füll' es ja schon auf. Frieden?

Eigentlich sollte ich ja jetzt lernen. Ich habe nur noch wenige Seiten vor mir, dann habe ich alles, was ich für die mündlichen Prüfungen wissen muss, abgeschrieben und den Stapel von 20 Centi-Metern auf etwa 1,5 reduziert. Ist ja gar nicht viel. Nur 1,5 Centi-Meter kariertes, beidseitig zeilenweise beschriebenes Papier.
Bäh.
Ich mag nicht lernen. Das ist anstrengend und man sieht kaum Fortschritte.
Nun, ich denke, ich liege gut im Schnitt. Der Eine (*zuImkeschiel*) ist zwar schon seit ewigen Zeiten fertig mit Abschreiben und lernt nun schon seit Tagen, der Andere (huhu, Banknachbarin!) hat zumindest vorgestern angefangen, ein paar Skripte durchzublättern.

Und ich hoffe einfach, es ist genügend hängen geblieben vom Ausarbeiten und ich muss es mir nur noch ein-zwei Mal durchlesen. Hach...

Denn was ist der einfachste Weg, um etwas, das man nicht gerne macht, so schnell wie möglich hinter sich zu bringen?
Richtig, gar nicht erst anfangen.

Und so sitze ich nun hier, lasse das Geld, das ich nicht habe, im WWW verpuffen, freue mich mit schwarzem Johannisbeerwein, Schokolade und Räucherstäbchen (ich scheibe an dieser Stelle immer "Rächerstäbchen". Lustig. „Ich bin das Stäbchen der Gerächten! Äh der Becher der Schlechten, der Fächer der Rechten... äh... nein, Moment....") bei einem zugegebenermaßen ungepflegten Chat meines Lebens und lasse meine Dozenten gute Männer und Frauen sein.

Lernt’s doch selbst!