Bekannterweise ist ja die Welt voller Verbrecher, die Menschheit geht den
Bach runter und jeder ist ein Dieb und so. Ganz besonders im Westen.
Dementsprechend schließe ich auch beim Verlassen meiner Wohnung stets
die Balkontür - egal wie warm es ist! - und die Wohnungstür zwei mal
ab. Die Flurtür lasse ich dann auf, zum einen wegen des besseren
Luftaustauschs, zum anderen weil ich zu faul bin, sie zu schließen.
Als ich letzten Sonntag von einem Brunch wiederkam, war die Flurtür zu
und die Balkontür auf. 'Nanu?', dachte ich, und mir schwante schon
Böses.
Beim ersten Blick in die Wohnung, war ich mir schon fast sicher, dass
jemand drinnen gewesen sein musste, denn sie sah ganz anders aus als
gewöhnlich. Sie war aufgeräumt und gesaugt.
Allerdings fiel mir ein, dass ich mich am Vortag selbst dazu aufgerafft
hatte. Aber kein Wunder, dass mich das überrascht hatte, normalerweise
verlasse ich die Wohnung in einem wüsten Chaos, allein wegen der
Einbrecher. Berechnung. Sollte ein Einbrecher die Wohnung betreten und
sie im üblichen Zustand vorfinden, wäre doch sein erster Gedanke: "Oh,
da war schon ein Kollege vor mir da gewesen, da geh ich gleich wieder
weg."
Jedenfalls war ich überrascht ob der seltsamen Türenkonstellation und
da man meine Wohnung bei Bedarf wohl recht einfach über den Balkon
betreten und verlassen könnte, überprüfte ich schnell, ob alle
wichtigen Sachen noch da waren - Laptop, Modem, Fernseher, Autopapiere
und -schlüssel. Check. Hier drinnen hatte sich anscheinend nichts
bewegt. Gut. Dann hatte ich die Balkontür vielleicht doch aufgelassen.
Wenn man in Eile ist, passiert sowas schon mal. Ich war zwar nicht in
Eile gewesen, aber egal. Wird schon ok sein.
Ich habe also davon abgesehen, wegen der offenen Balkontür und der
geschlossenen Flurtür (und der gesaugten Wohnung) Polizei und
Bundeswehr zu alarmieren und ging wieder zum Tagesgeschäft über.
Bis Freitag.
Da bekam ich einen Brief von meinem Vermieter. Er wolle die Wohnung
verkaufen und ob ich nicht Zeit hätte, sie einer Besichtigung durch
Vermieter und Interessenten zu öffnen. Verschiedene Denkansätze und
weiterführende Gedanken, die sich so etwa mit "Bö?!" zusammenfassen
lassen, gingen mir durch den Kopf. Wohnung verkaufen? Wollte er mich
raushaben? Würden sich meine Mietkonditionen verschlechtern (Wäre das
überhaupt möglich?!)? Oder, um es mit den unsterblichen Worten zu
sagen, die dem großen Sachsenkönig Friedrich August III. im November
1918 in den Mund gelegt worden sind:
"Därf'n die d'nn das?!"
Ich kramte also den Karton mit sämtlichen Miet-, Versicherungs-,
Rechnungs- und Steuererklärungsheftern hervor, um den Hefter mit den
Mietverträgen herauszuholen.
Er war nicht da.
Aufkeimende Panik.
Weiteres Durchsuchen des Kartons. Und der Hefter darin. Und des
Bücherregals. Der Küche, des Schreibtischs, der Abstellkammer, der
Essecke, aller Taschen und Beutel.
Nichts.
Nur mit der Ruhe, wir werden doch jetzt die Panik nicht verlieren. Ich
hatte ihn vor zwei Wochen noch gehabt. Seitdem hab ich ihn... nicht
mehr gesehen. Weil ich ihn dann ja in den Karton hätte legen müssen.
Na schön, vielleicht habe ich ihn ins Büro genommen. Ich bin mir zwar
hochprozentig sicher, dass ich ihn nicht mit dahin geschleppt habe
(diverse Briefe, die ich aus dem Büro nachhause genommen habe, um sie
eben hier in den Hefter einzuheften, sprachen dagegen. Wäre der Hefter
im Büro, hätte ich sie ja da eingeheftet.) und wenn ich das hätte,
hätte ich ihn sofort wieder in die Tasche gesteckt und wieder mit nach
hause genommen. Aber es wäre ja möglich.
Also das Büro angerufen, sämtliche Telefone heiß klingeln lassen, bis
ich endlich einen Mitarbeiter dran hatte, der tatsächlich noch Freitag
Abend da war und dankenswerter Weise die einzige Stelle in meinem Büro
untersuchte, wo er hätte sein können, nämlich rechts auf meinem
Schreibtisch.
Nichts.
...und ich geriet unverzüglich in heillose Panik.
Jetzt ergab nämlich alles einen Sinn.
Mein Vermieter hatte offenbar einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Er war
am Sonntag drinnen gewesen, und hatte die Balkontür geöffnet weil es
dank Südbalkon schrecklich warm gewesen sein musste und er aufgrund
seiner kriminellen Tat zu schwitzen begonnen hatte. Dann hatte er den
Karton gesehen, aus dem meine Hefter deutlich hervorlugten und sie so
lange untersucht, bis er den mit dem Mietvertrag gefunden hatte. Den
hatte er herausgenommen, alles wieder an seinen Ort getan, die Flurtür
hinter sich geschlossen und zugeschlossen.
Und jetzt kam er mir an mit einem Käufer, meinem neuen Vermieter, und
da ich die alten Mietkonditionen nicht nachweisen konnte, weil ich
keinen Mietvertrag mehr besaß, war ich in seiner Hand.
Na schön, mir war schon klar, dass es sich ein wenig abenteuerlich
anhören musste, aber es passte alles zusammen. Ich überlegte ernsthaft,
die Polizei zu verständigen und schlug im Internet nach, welche Stellen
noch offen waren. Zum Freitag Abend? Keine.
Die 110 wollte ich dann doch nicht wählen. Also stellte ich meine
Wohnung noch einmal auf den Kopf, packte meine Sachen für den geplanten
Wochenendausflug und machte nebenbei das halbe Internetforum mobil, das
mir bereitwillig Tipps gab und virtuell Händchen hielt. Meine
telefonisch verständigte Mutter war mindestens so fertig wie ich und
glücklicherweise war im Haus keiner außer mir da, sonst hätte ich die
wohl auch noch zugetextet.
Am nächsten Morgen präparierte ich alles für einen eventuellen weiteren
Einbruch. Wäre ja möglich, dass der Schurke wiederkommen wollte. Ich
versteckte meine Unterlagen und stellte eine leere Plastikflasche so
auf, dass sie umfallen musste, wenn jemand den Raum betrat.
Die stand natürlich noch da, als ich aus einem schönen Wochenende wiederkam und auch sonst wirkte nichts verändert. Gut.
Ich kam am Montag dann in mein Büro, lief ohne zu grüßen an meiner Kollegin vorbei und öffnete den Schrank.
Lustiges Ratespiel für ausdauernde Blogleser: Was lag da wohl?
Der Hefter mit den Mietverträgen.
Davon abgesehen, dass ich noch immer nicht wusste, wann und warum ich
den dahin gelegt hatte, dass ich ein Internetforum, meine Eltern, einen
Kollegen, und beinahe auch noch das Haus und die Polizei mit meiner
Paranoia auf Trab gehalten hatte, was mir nun natürlich endlos peinlich
war und mich die Vorzüge einer Umbennenung und eines Umzugs mit Hilfe
des Zeugenschutzprogramms überdenken ließ, war ich natürlich
erleichtert.
Mein Vater witzelte dann, dass es dafür nur eine Erklärung gäbe, denn
nur der Vermieter konnte ihn schließlich dahin gelegt haben. Hmpf.
Zumindest die einzige bin ich mit meiner Paranoia nicht, meine Kollegin
erzählte mir daraufhin, sie habe den Vater ihrer Freundin schon einmal
verdächtigt, ihre Sonnenbrille gestohlen zu haben.
So, ich muss weg, da sind ein paar sonnenbebrillte Krokodile auf dem
Baum vor meinem Fenster, die Fotos von mir machen, um sie an die Stasi
zu verschachern, die muss ich verscheuchen gehen.