Mitternächtliche Odyssee
Da warnen immer alle davor, übermüdet Auto zu fahren. Aber dass übermüdet Straßenbahnfahren auch gefährlich ist, das sagt einem keiner.
Aber zunächst: Gestern schnell gepackt und das letzte Detail für Irland geklärt, dann mit Beri in meinem Lieblingspub essen gewesen und anschließend zu Órin ins Maritim gefahren. Hier hatte grad die WHO getagt, wegen der aktuellen Schweinegrippe, die mir ja irgendwie, also so im Vergleich zu diversen anderen übertragbaren Krankheiten (gegen die es Impfstoffe gibt, die aber von zu wenigen benutzt werden, weswegen zu viele vermeidbare Krankheiten schon wieder in viel zu großer Menge herumgeistern, und auch an denen sterben genug Menschen, aber ich schweife ab), irgendwie sonstwo vorbeigeht. Aber vielleicht haben Bevölkerung und Regierung ja auch einfach keine Böcke mehr, ständig von der Wirtschaftskrise zu lesen. Ich ja auch nicht.
Wir haben Erinnerungen an die Soeverein aufleben lassen. Was soll ich sagen: Ich will zurück. Doch, echt.
Gegen 23:15 rum dann aufgebrochen. Schienenersatzverkehr. Also erst in den Bus gestiegen, dann zur Straßenbahn gewechselt. Die stand erst mal eine Weile rum und ich starrte so vor mich hin. Irgendwann fuhr sie dann endlich los, ich starrte weiter, so weit ich mich erinnere aber wenigstens mit geschlossenem Mund.
Irgendwann hinter dem Hauptbahnhof ist mir dann aufgefallen, dass es recht ruhig im Abteil war. Was daran lag, dass ich allein war. Hu. Ungewöhnlich. Ein Blick aufs Display: Brühler Straße. WTF?! Die 63 - und ich war in der 63 - fährt nicht da lang. So gar nicht. Ein Blick aus dem Fenster - Ah, die Strecke kommt mir aber noch bekannt vor. ... Nein, doch nicht, hab mich geirrt.
Iiiiep?!
Mal dezent auf den Halten-Knopf gedrückt. Dabei wohl auf sowas wie den Straßenbahnparkplatz gefahren worden. Blöderweise war ich natürlich im hinteren Wagen. Der vordere war ebenfalls leer und ich hatte keeeine Ahnung, ob der Fahrer mich gesehen hatte. Als die Bahn stand, hab ich mich also durch beherztes Klopfen und Schreien - ich kann's noch, wow - bemerkbar gemacht. Das ist einem in diesem Moment ja nicht mal peinlich.
Der Fahrer hat mich denn auch, mürrisch, aus meiner misslichen Lage befreit. Was in seinen Bart gemurmelt von wegen er hätte ja durchgegeben und blah. Pffft. Ich hör doch nicht drauf, was man so durchgibt. Die 63 fährt nach Tannenbusch, basta.
Inzwischen war es jedenfalls kurz vor Mitternacht. Und ich war in einer Gegend, die ich ü-ber-haupt nicht kannte. Bin an einer breiten Straße entlanggelaufen, deren Name mir nichts sagte, an der nur Geschäfte lagen, die alle zu waren, und wo nur alle zehn Minuten mal ein Auto vorbeibretterte. Immerhin gut beleuchtet war sie. Obwohl ich in solchen Situationen ja auch nichts gegen einen gescheiten Stealth-Modus einzuwenden habe.
'Tannenbusch müsste jetzt... links von mir liegen. Nein, rechts. Oder bin ich da schon dran vorbei?'
Zwischendurch überlegt, dass im Film die Leute dann immer einfach ein Taxi rufen. Die kennen die Taxi-Nummern auswendig. Ich ja nicht. Ich hätte dann irgendwann die Auskunft angerufen, aber vorher wollt ich es erst mal weiter allein versuchen. Also weiter allein versucht. Und festgestellt, dass die Situation irgendwie witzig ist. So wunderbar surreal. So... ich. Und vielleicht war es ja auch die Strafe für letzten Donnerstag.
Nach einer gefühlten Ewigkeit des Marschierens endlich einen Wegweiser gefunden, und einige Minuten später auch schon die Gegend wiedererkannt. Man kann sich über den Anblick von Tannenbusch tatsächlich auch mal freuen, doch.
Gegen halb eins dann zuhause - mein Wecker klingelt um sechs - und vor allem wach gewesen.
Heute also ein verschlepptes chronisches plus ein akutes Schlafdefizit. Hurra.


