Folkreiches Wochenende - Freitag, 26.6.
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Mit der Zeit ist das so ein Ding. Man hat nie welche, wenn man welche bräuchte. Und wenn nicht, dann... naja, auch irgendwie zu wenig. Jedenfalls ist mir heute Nachmittag irgendwann eine Stunde abhanden gekommen. Wer sie findet, möge sie bitte zurückbringen.
Aber ich wollte ja vom Folk-Festival erzählen.
Das Wochenende beginnt wie so oft mit einem Freitag. Es sind schätzungsweise 45°C im Schatten und 54°C im Auto und ich fahre nach Süden und verfluche sowohl meinen Auto-CD-Player als auch Michael Jackson, ersten wegen temporären und zweiten wegen endgültigen Ablebens, weil die Kombination aus beidem dazu geführt hatte, dass ich die meiste Zeit damit beschäftigt bin, zwischen den drei einzigen Sendern hin und her zu wechseln, die ich überhaupt reinbekomme, um dabei mit viel Glück mal einen zu erwischen, der nicht die Musik von zweitem spielt. So.
Angekommen, in das bereits fertig aufgebaute Zelt einquartiert, schnell was gegessen und dann auch schon zur ersten Band, Whisht (Gesundheit.) gestürmt. Die spielen soliden, nicht allzu lauten Folk und ich kenne immerhin zwei Leute von denen von Workshops und Sessions. Hatte die Nacht davor allerdings nur vier Stunden Schlaf wegen, wer hätte es gedacht, Tanztraining, und bin daher eher nur so innerlich begeisterungsfähig. Danach gönne ich mir ein Cider. Auf Kosten des Hauses. Wir haben nämlich dank unseres Auftrittes nicht nur freien Eintritt, sondern eben auch Essens- und Getränkemarken bekommen. Die ich kaum in Anspruch nehme, dafür habe ich meinen Abend nicht lang genug werden lassen. Es folgen Bands, die ich nicht kenne und da ich geschwitzt habe wie drei Schweine in der Sauna, gehe ich erst mal duschen. Es sind Gemeinschaftsduschen für kuschliges Gemeinsamduschen. Genau das Richtige für meine prüde Seele. Ähem. Aber irgendwann ist einem ja alles egal.
Es folgen Bands, von denen meine Mittänzerin U. und ihre Begleiter begeistert sind. U.a. Urban Trad, die, das muss ich echt zugeben, ganz großartig sind. Außer dass sie außerdem noch reichlich hübsch sind. Poppiger Folk, dabei aber nie flach, sondern stimmungsvoll und mit professionellem Auftritt, einfach rundum gut. Allein, es ist nicht meine Musik. Und schon gar nicht meine Lautstärke. Und dass der Geiger attraktiv ist, täuscht eben nicht darüber hinweg, dass man ihn auch hätte weglassen können, weil man die Geige eh nicht hören kann in dem Schlagzeuggetrommel.
Ich gehe in den Park und setze mich unter einen Farnwedel alten bemoosten Baum. Erwäge nach einem beeindruckenden Rekordbruch im Kettengähnen, mich einfach aufs Ohr zu hauen, aber eine bestimmte Band wollte ich heute Abend doch noch anschauen und lange dauert es nicht bis dahin. Genieße also den alten bemoosten Baum im Sonnenuntergang, während in der Nähe irgendeine Gruppe unplugged, wie sich das gehört, leisen Folk spielt. Der Sommerwind trägt den Duft eines Pferdes auf der Weide nebenan herüber. Hach!
Etwas zu spät denke ich daran, die Idylle wieder zu verlassen - Rapalje haben schon längst angefangen und eine ziemliche Menschentraube hat sich bereits vor ihnen versammelt. Ich suche mir einen Platz hinter einer Mauer, aber noch in bequemer Hörreichweite und an einem der Feuer, an denen der Lachs gegrillt wird. In der Zeit verpasse ich leider die Band mit dem genial zu nennenden Namen "Heiter bis folkig". Muss ich irgendwann nachholen.
Rapalje jedenfalls tut das, was man so von ihnen erwartet, nämlich mit gutem Folk die Menge unterhalten. Ich suche mir später doch noch einen Platz, von dem aus ich auch die Bühne mit den beiden wirklich guten irischen Tänzern sehen kann, was mir dann auch ermöglicht, das von Nimiel wegen des charmanten Erscheinungsbildes des Sängers viel gelobte Lied Caledonia zu hören.
Soeverein-Memorial.
Kleine Erkenntnis nebenbei: Besoffene Schwaben versteht man überhaupt nicht.
Die vorangegangene Nacht fordert dann bald ihren Tribut und ich mache mich früh ins Zelt. Zwei Meter neben mir findet eine übelste Party statt. U.s Freunde haben einen CD-Player mit beeindruckender Lautstärke dabei, sind bereits ordentlich angetrunken und lachen und grölen wild herum. Das Zelt parkt außerdem genau unter einer Straßenlaterne, ich könnte quasi die Nacht durch lesen.
Ich stecke mir meine neueste Erwerbung, ein paar Ohrstöpsel, ins Ohr, ziehe die "Kapuze" des Schlafsackes über die Augen und schlafe so etwa zehn Stunden.
So einfach kann's gehen.

