
Dank der Ohrstöpsel, die Vogelgezwitscher und spielende Kinder komplett von meinen Trommelfellen fernhalten, hält es mich bis halb elf im Bett, dann scheint die Sonne aufs Zelt und ich gehe, ehe ich gar bin. Essen, dann Kartenspielen. Ein beeindruckender Regenguss kommt dazwischen. Ich komme nur noch fix dazu, einen Stuhl in der Nähe zu schnappen und ihn in "mein" Zelt zu werfen, dann geht draußen ein kurzer Wolkenbruch runter und ich verschanze mich im Zelt.
Unsere Trainerin H. ruft an. Sie und R. seien schon in Bonfeld, wie könne man denn das Festival finden?
Bö?! Bonfeld hat 1800 Einwohner, es gibt dutzende Schilder. Wie kann man in Bonfeld sein und das Festival *nicht* finden?
Beschreibe ihr ein wenig den Weg, lasse später noch U.s Freund anrufen, die waren hier schon öfter, und lasse den auch noch mal beschreiben. Beschreibungen scheitern daran, dass die Fahrenden nicht genau wissen, wo sie sind.
Nach einer Weile laufen U. und ich zur Straße vor, die Sonne scheint inzwischen wieder. Wir warten. Und warten. Zwanzig Minuten später rufen wir noch mal an. Und warten weiter. Und weiter.
Irgendwann biegen sie tatsächlich um die Ecke, wir können gemeinsam unsere VIP-Bändelein abholen und den VIP-Bereich begutachten.
Holla. Es gibt Zelte mit Essen und Trinken und Stände mit Essen und Trinken und alles ist für uns kostenlos und wird uns quasi nachgeworfen. Geil. Esse spontan eine Gemüselasagne und Salat. Die anderen Tänzerinnen sind auch schon da, da kann auch nichts mehr schiefgehen. Also so halt.
Nach dem Essen kommt T. vorbei. T. ist der uns verkündete Bandguide, der Leibeigene, der heute für uns da sein wird, um uns "rundum zu betreuen" und stets für unser Wohlergehen zu sorgen. So ward es verheißen, und so war es auch. Darüber hinaus sah er auch noch gut aus. Netter Junge von nebenan meets Sawyer. Hallo, Oberarme!
Wir nehmen die Bühne in Augenschein und das Zelt, das uns zwecks Umziehen gestellt wird. Drinnen finden sich diverse Werbeartikel: Flipflops (sehr praktisch für mich gerade, weil ich alle Wege barfuß gegangen bin, über verdammt spitzsteinigen Schotter), Kugelschreiber, Feuerzeuge, Schweißbänder, Schokolade, 1,5 l Sekt, Kondome. Wenn wir mehr von irgendwas bräuchten, sollten wir nur Bescheid geben.
Hm, nun, ja, äh. Wasser und so wäre gut.
T. schleppt einen Kasten Wasser und Limo heran und sieht gut dabei aus.
Sonst noch irgendwas?
Noch mal zwei Kästen Wasser? Nein, danke.
Vielleicht einen Kaffee?
Äh. Ne... Naja, schön, ja, einen Kaffee dann bitte.
Mit Baileys?
Uh. Ja. Danke.
Wahnsinn.
Wir versichern uns noch einmal gegenseitig, dass es hier unheimlich toll ist, dass wir trotzdem gleich untergehen werden, weil OMGWTF acht Tänzer für eine Stunde Show und jeder acht Tänze bei der Wärme. Ich hole meine Sachen und wir gehen zum Soundcheck. Wir kriegen ein Bodenmikrofon und ein weiteres Mikrofon, dass auf einem Lederhandschuh auf der Bühne platziert und als Bodenmikrofon missbraucht wird. T. hängt unserer Plakat an die hintere Bühnenwand und sieht gut dabei aus, dann proben wir ein bisschen. Hinterher fegt T. die Bühne und sieht gut dabei aus. Dann verkündet er, er werde jetzt hier bei der Bühne auf uns warten, während wir uns umziehen und auftreten.
Darf ihm kein Leckerli zuwerfen.
Wir ziehen uns um, dopen uns mit Bachblütenkügelchen und gehen zur Bühne. Ein letztes Händchenhalten, der Schlachtruf "Wir shuffeln das!" wird ins Leben gerufen, dann beginnt die Show.
Jetzt ist das ja bei weitem nicht mehr unser erster Auftritt und bei den meisten nimmt man's auch inzwischen sehr gelassen. Aber so spätestens eine Stunde vorher hat auch mein Magen beschlossen, Lampenfieber zu haben, dabei sollte der ja gar nicht auftreten, der Depp. Aber sobald man dann das erste Mal auf der Bühne steht, ist alle Aufregung weg. Man tanzt seinen Stiefel, bemüht sich, den Spaß, den das Tanzen macht, auch zu zeigen und auch kleinere Fehler machen einem nichts aus.
Einmal bricht bei mir dann noch Hektik aus, als ich 2 Minuten Zeit habe, von den verschnürten Softshoes in die Hard Shoes zu wechseln und die Bändchen der Softshoes verknotet sind. Schaffe den Schuhwechsel noch bequem rechtzeitig, verhaue aber den nachfolgenden, wenigstens nur Feis-Länge kurzen Tanz aber so ziemlich vollständig. Egal, weiterlächeln und irgendwie im Takt bleiben gelingt immer noch.
Der Rest des Auftritts geht auch seinen Weg. Zum Ende hin häufen sich die Tänze, die ich mittanze, dafür gibt es quasi keine Pausen mehr. Es ist heiß und mir rinnen Bäche das Gesicht herunter - Makeup, das über Kajal hinausgeht, wäre ja so sinnlos gewesen - aber es wird trotz karpfigem Luftschnappen tapfer weitergelächelt.
Nach der Show knüpft H. wieder neue Kontakte - ich hoffe inständig, dass das nicht wieder irgendwelche Konsequenzen hat wie letztes Mal - deswegen sind wir trocken, ehe wir zum Duschen aufbrechen, und beschließen, uns schlicht umzuziehen und zum angenehmen Teil überzugehen: Dem VIP-Bereich.
Vom treuen (, humorvollen, sympathischen, intelligenten, offenen) T. begleitet gehen wir zum großen Nahrungs-Zelt, wo T. uns erklärt, dass wir hier alles haben könnten, was es auch auf dem Festival-Gelände gibt, nur eben kostenlos.
"Oh, aber Flammkuchen gibt es nur drüben. Ich hol euch aber gern welche, wer will? *zähl* Okay, fünf Flammkuchen, kommt sofort."
Wir schaffen nur schnell unsere Tanzsachen ins Auto und besuchen den gefliesten Wagen, da hat er uns die fünf Bretter auch schon auf freie Plätze gezaubert. Als nächstes bringt uns unserer allsorgender T. auch noch Getränke - Cider, Cola, Rotwein - und wir bitten ihn, sich selbst auch welche zu holen und stoßen mit ihm an. Dann wuselt er ein paar Minuten anderswo rum und wir essen. Feta/Tomaten-Pita, gerösteten Lachs mit Pfannengemüse, Flammkuchen.
Eine Weile hat T. Zeit, sich mit uns zu unterhalten, über alles mögliche, u.a. die Veranstaltung an sich. Wahnsinn, was so ein kleiner Verein so auf die Beine stellen kann. Das wäre wahrscheinlich ohne all die freiwilligen Helfer nie möglich gesen, die wie T. aus einem großen Umkreis kommen und im Prinzip für nichts arbeiten, außer Trink- und Essensbons und ein bisschen Anerkennung und Stolz. Huld!
Und bis auf Kleinigkeiten (das vielgebashte Bon-System für den Getränkeverkauf) hat alles reibungslos geklappt. Davon angefangen, dass man nie länger bei den Toiletten warten musste, über die Aufteilung der Stände und Bühnen und Zeiten bis hin zu Blümchen, Efeu-Deko und mit handgeschriebenen Sinnsprüchen verzierten Steinen auf allen Tischen.
Außerdem rockt der VIP-Bereich. Guinness, Cider, Nahrung! Dazu war auch der nett eingerichtet und etwas weiter weg von den Bands. Zwar irgendwie seltsam, sich auf einem Folk-Festival quasi von allen Bands fernzuhalten, aber wir hatten ja etwas Bestimmtes zu feiern: Uns! Und daher haben wir den restlichen Abend auch ausschließlich an einem der teilweise mit Lichterketten geschmückten Stehtischen verbracht, Cider getrunken und uns schlicht gut unterhalten.
Zwischendurch noch eben etwas Geld für T. gesammelt, einfach als kleinen Dank, weil er so toll war. Hach, wie verdattert der war. Hachhach. Dann noch ein Gruppenfoto mit Sklave, den wir danach in die Freiheit entlassen haben.
Vier sind dann nachts noch nach hause gefahren - gefahren worden vom Ehemann einer Mittänzerin, dem auch höchste Anerkennung zuerkannt werden muss, weil er die drei Stunden hergefahren ist, sich dann über zehn Stunden auf dem Festival rumgetrieben hat und dann wieder drei Stunden nachts nach hause gefahren ist. Übrigens hat er verkündet, dass er am nächsten Einsteigerkurs für Irish Dance teilnehmen will.
Ich baue H., die irgendwie nicht daran dachte, dass man als nicht-Soldat neben Schlafsack, Kissen und Zelt auch noch irgendwas anderes zum Nächtigen brauchen könnte, aus Windschutzscheibenabdeckung, einem Bundeswehrschlafsack (hey, es hätte ja nachts kalt werden können), zwei Decken und einer militär-Isomatte von U.s Freund noch schnell ein Lager und drücke ihr Ohrstöpsel in die Hand.
Am nächsten Tag dann schlicht nach einem ausgiebigen Picknick vor dem Zelt selbiges unfachmännisch abgebrochen und heimgefahren. Den halben VIP-Meter über dem Boden werden wir noch ein paar Tage lang schweben.