bildpolkrit

28.10.2005 um 11:19 Uhr

"Europa der Mobilität" - "Mobilität" im EU-Binnenmarkt

von: soclyt

Bisher war der Einsatz auf dem nationalen Arbeitsmarkt die Regel. Der Gedanke, dass Europa die maßgebliche Einheit ist, läßt Mobilität als naheliegend und selbstverständlich erscheinen. Die Minister für Bildungswesen haben bereits vor längerem hervorgehoben, dass die Gemeinschaft für ein "Europa der Mobilität" zu sorgen habe.
Mobilität bedeutet Bereitschaft der Arbeitskraft, sich in einem weiteren räumlichen Bereich einsetzen zu lassen und rascher zu wechseln. Sie heißt also bessere und friktionslosere Verschiebbarkeit der Arbeitskraft dorthin, wo sie gerade gebraucht wird. "Mobilität" ist hier ein Konzept zur erweiterten Verfügbarmachung der Arbeitskraft. "Jemand ist mobil" heißt in dieser Perspektive: Er ist an vielen Orten rasch und ohne größere Probleme einsetzbar, er oder sie ist schnell verschiebbar, er findet sich unter veränderten Umständen rasch wieder zurecht und restituiert sein hohes Leistungsniveau umgehend wieder.
Diese Umstellungsfähigkeit wird zu einem persönlichen Problem gemacht; beim Auftreten von Schwierigkeiten und Störungen erhält die Person zwar Unterstützung durch die sie einsetzende Institution, aber es fällt auch ein negatives Licht auf sie: Sie weist einen Mangel an Mobilität und damit einen persönlichen Mangel auf, obwohl es sich objektiv um einen Mangel ihrer Verwendbarkeit handelt, die ein Maßstab der Institution ist, dem das Individuum unterworfen wird.

21.10.2005 um 12:21 Uhr

"Globaler Bildungsmarkt" vs. internationales Bildungswesen/system - Konzeptimplikationen

von: soclyt

Das Konzept des "globalen Bildungsmarkts" impliziert Profit, Konkurrenz, Kapital, Humankapital, ökonomischen Mitteleinsatz, Qualitätssteigerung, Wettbewerb um ausländische Wissenschaftler und Studierende. Die - nicht ideologiefreien, aber als selbstverständlich unterstellten - Konnotationen zu "Markt" sind : Mehr Effizienz, geringere Kosten, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Vorteile für die "Kunden" als Wettbewerbseffekte, Verschlankung. Das bedarf nicht des Nachweises im einzelnen, sondern kann umstandslos postuliert werden.
Im Konzept eines globalen Bildungswesens oder -systems stünden diese Punkte nicht zwangsläufig im Vordergrund. Das Konzept des "Bildungsmarkts" setzt andere Schwerpunkte als das des "Bildungswesens/-systems", in dem für andere Orientierungen und Prioritäten Platz ist als im Marktkonzept. In einem als "Bildungsmarkt" definierten Bereich geschieht und soll etwas anderes geschehen als in einem Bildungswesen.
Nun kann eingewandt werden, dass die Marktverhältnisse bestehen, vorausgesetzt sind; sie würden nicht durch ein Konzept eingeführt, könnten nicht einfach umdefiniert werden. Dagegen ist festzuhalten: Die Einführung von Marktprinzipien in das Bildungswesen ist (auf nationaler und internationaler Ebene) Programm einer bestimmten Ausrichtung der Bildungspolitik. Marktelemente werden zur (erhofften) Kostenreduzierung und Effizienzsteigerung bewußt und intendiert eingeführt. Markt im Bildungswesen ist nicht das Produkt einer Autogenese, sondern Dezisions- und Implementierungsergebnis. Ausserdem: Auch dort, wo Marktverhältnisse - in mehr oder weniger großem Umfang - bereits bestehen, kann man affirmierend oder verändernd darauf Bezug nehmen.
Märkte breiten sich nicht aus, sie werden ausgebreitet. Die Expansion des Bildungsmarkts wird genau so gezielt betrieben wie die Expansion anderer Märkte. Die HRK bemängelt die Intensität der Expansion. Konstitution eines globalen Bildungsmarkts heißt Konstitution globaler Bildungszwänge. "Neue Chancen" und neue Zugangsmöglichkeiten mag es in bestimmten Fällen geben, aber unter der Restriktion der Marktgesetze. "Globaler Bildungsmarkt" bedeutet Unterwerfung des internationalen Bildungswesens unter Marktmechanismen.
Markt wird im Bildungswesen erst propagiert, dann eingeführt und durchgesetzt, anschließend mit beträchtlichem Aufwand aufrechterhalten, schließlich unter Berufung auf die geschaffenen Zwänge und Notwendigkeiten im Stile einer "realistischen" Einschätzung als Legitimationsbasis für marktkonforme Vorgehensweisen benutzt: Unterwerfung unter die Zwänge des selbstgeschaffenen Systems. Marktverhältnisse und ihre Auswirkungen werden nicht einfach rezipiert, sondern konstituiert. Dazu leistet das Konzept "Bildungsmarkt" einen Beitrag. Zum Hintergrund s.a. http://www.hrk.de/de/beschluesse/109_2825.php

18.10.2005 um 11:22 Uhr

"Europa" als Egalisierungs-Begriff

von: soclyt

In der europäischen Programmatik werden Egalitäten und Gleichberechtigungen der Mitgliedsstaaten propagiert; faktisch wird es wohl zur Durchsetzung einzelner Staaten, zu Führungspositionen kommen. Was man gegenwärtig jedenfalls konstatieren kann, sind ungleichgewichtige ökonomische Potenzen. Außerdem existiert das Bestreben Frankreichs nach einer gewichtigen Rolle in einer europäischen Sicherheitspolitik.
Es gibt also einen Schein der Harmonie in einem "Europa des Wettbewerbs". Der Begriff "Europa" beinhaltet faktisch und ermöglicht - entgegen anderslautender Beteuerungen - Ungleichgewichte und Vormachtstellungen unter dem Schein der Gemeinsamkeit.

15.10.2005 um 10:29 Uhr

"Europäische Identität" und Bildungspolitik

von: soclyt

Die Versuche zur Schaffung einer europäischen Identität dienen der Erzeugung eines "Wir-Gefühls" bei den Ausführenden - "Gemeinschaftsbildung" und "Bewußtsein europäischer Zusammengehörigkeit" hieß das im KMK-Beschluß "Europa im Unterricht" -, einer Art von Identifizierung mit "Europa", die eventuell vorteilhaft für die großen und tatsächlichen Akteure (auf ökonomischem und politischem Gebiet) sein kann - was nicht Unabdingbarkeit für die Operationen der im Namen des Verbandes "Europa" Agierenden bedeutet; statt Angewiesensein auf besteht also Möglichkeit vermehrter Nützlichkeit und der Erzielung von Reibungslosigkeit bei der Konsentierung zum "Europa"-Gedanken: Schein der Partizipation. Es wird der Eindruck erweckt, der Konsens aller sei konstitutiv für Europa. "Europa" kann aber auch ohne oder mit partieller Zustimmung des großen Teils der Europäer stattfinden, solange sie tun, was sie sollen: Funktionalität - intendierte oder nicht intendierte - ist wichtiger als Konsens, der Effekt ausschlaggebender als die Absicht.

12.10.2005 um 12:31 Uhr

"Europa"-Gedanke und "europäische Identität" in der Bildungspolitik - "Europa" als Abgrenzung und Erweiterung

von: soclyt

Die Schaffung einer europäischen Identität dient der Aufrechterhaltung einer erweiterten, aber weiterhin begrenzten Identität; sie setzt sich ab gegen die bisher europaübliche nationale Identität und setzt sich zugleich ab gegen außereuropäische ökonomische und politische Akteure, so gegen Weltmarktakteure wie die USA und Japan, aber auch Südkorea, Singapur und Taiwan. "Europa" bedeutet also eine Absetzung nach unten gegen nationale Identitäten als Engländer oder Italiener und eine Absetzung nach oben gegenüber Japan, USA und Südostasien.
Das staatsbürgerliche Bewußtsein soll mit Hilfe des Bildungswesens auf Europa ausgeweitet werden; proklamiert wird die "Notwendigkeit, bei jungen Menschen ein staatsbürgerliches Bewußtsein heranzubilden, das das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft einschließt" (EG-Kommission). Die Identität des Staatsbürgers wird also nicht kriisiert oder aufgehoben, sondern in modifizierter, d.h. extendierter Form aufrechterhalten.