Aus dem Leben eines Taugegarnichts

15.06.2005 um 18:50 Uhr

Neue Büro-Impressionen

Draußen ist schönes Wetter, gute Luft und überhaupt lädt gerade alles dazu ein, alles andere zu tun, als im Büro zu sitzen und seltsame Phrasen in die Tastatur zu hauen. Nein, zu hundertprozentigem Einsatz kriege ich mich heute nicht motiviert. Was auch an der nahenden Erkältung liegen kann.
Auch mein Büromitinsasse (der morgens-gute-Laune-Haber) ist stark angegriffen, seine Laune hat sich ganz deutlich verschlechtert und liegt nun bei der eines normalen Durchschnittsmenschen. Die Apokalypse naht.
Aber der ist den ganzen Tag im Keller, also kann ich mich nicht mal mit der permanenten Beleidigung seiner Person aufheitern. Mist. Dafür rufen hier alle Nase lang Leute für ihn an.
"Nein, er ist nicht da, ich weiß nicht, wo er ist, und habe keine Ahnung, wann er wiederkommt. Kann ich ihm was ausrichten?"
"Nein, ich rufe später nochmal an - *Klick*"
Dann wird er auch nicht da sein.

Wende mich wieder der Datenbank zu. Wo war ich stehen geblieben? Spalte... drei, da fehlte noch...
Hach, und draußen sind die Bäume so schön grün. Ein paar gehässige Vögel haben die Fensterscheibe vor meiner Nase für ein Zielschießen missbraucht. Drei davon haben gewonnen. Taktisch klug haben sie diesen genialen Streich eine Woche nach dem Fenstputzen ausgeheckt, weiß der Geier, wann der Fensterputzer (leider nicht gerade der Cola-light-Mann) wiederkommt. Regen hilft ja nicht.

Aber ich war bei der Datenbank stehen geblieben. Spalte drei, ich wollte gerade... nein, ich muss noch mal blättern und nachsehen... wie...
Meine Fingernägel sind dreckig. Und nicht wirklich gut gefeilt. Dammt.
Egal, mach ich zuhause. Spalte drei also. Warte, ich hab den Anfang vergessen, ich muss nochmal zurückblättern. Ah ja, genau, also weiter.
...
Laangweilig.
In dem Text sind manchmal Wörter unterstrichen. Suche das Touchpad, um auf die Links zu klicken. Dumm, wenn es sich um eine Akte aus Papier handelt.
Die Datenbank. Als Jahreszahl muss ich neu eintragen... 199...9. Nein, 8.
...
Boooring.
Argh, ich kann so nicht arbeiten. Ich brauch nen Cappuccino.

In der Teeküche eine Frau getroffen, die ich da immer treffe. Sie macht sich dann immer einen Kaffee, ich mir immer einen Cappu.
Sie arbeitet in der selben Abteilung wie ich und erzählt mir heute, sie habe meinen Namen vergessen.
Das macht nichts. Ich wusste bis gerade eben nicht, dass wir in der selben Abteilung arbeiten, ihren Namen kannte ich noch nie. Aber sie hat mir neulich mit dem Faxgerät geholfen, als ich mein erstes Fax abgeschickt habe.
Dummerdings habe ich bei der Eingabe der Nummer die Null vergessen. Irgendeine arme Dame in dieser Stadt wurde an diesem Tag mehrmals angerufen. Bitte hiermit um Verzeihung, konnte nicht antworten, weil... nun ja, das Fax kein Telefon integriert hatte...
"Ihr könnt mich doch net für de Jeck halt'n!" oder so ähnlich rief sie beim letzten Mal aus.
Insgesamt hat es mich etwa eine Viertelstunde gekostet, bis ich raushatte, dass einfach nur die Null gefehlt hat.
Na, die moderne Technik, dos is' nüscht for uns alde Leit...

Auf dem Weg von der Teeküche zurück nun meinerseits einer Frau, deren ehemaligen Posten ich immerhin kenne (nicht den jetzigen oder ihren Namen, aber immerhin!), mit dem Kopierer geholfen. Yay me! Das war das Erfolgserlebnis des Tages.

Weiter im Tagesgeschäft. Planloses Durchblättern und Schreiben im Wechsel mit sehnsüchtigen Blicken ins Freie.
Kollege kommt wieder und lässt mich einen zweistündigen Vortrag über die eingegangenen Telefonate halten, bevor er mir  mitteilt, dass er das schon wisse, weil er die Betreffenden bereits getroffen habe. Erkläre ihm, dass ich ihn hasse.

Gebe die Datenbank für eine Weile auf und arbeite weiter am To-do-Stapel an Fachliteratur.
Ein an Ödnis kaum zu überbietender Schinken veralteter Literatur mit der Wirkung einer Handvoll Schlaftabletten aus durchschnittlich 3,67-silbigen Worten in mehrzeilgen Matroschka-artigen Schachtelsätzen redundanten Inhalts.
Das Buch wäre vermutlich nicht einmal dann erträglich, wenn es mit Martin Freeman, Liam Neeson, Orlando Bloom und dem Cola-light-Mann verfilmt würde. Obwohl es da auf einen Versuch ankäme...

Als ich mich endlich so richtig eingelesen und vertieft habe, betritt jemand das Zimmer, den ich erst bemerke, als er sich räuspert und der - was sonst - zum Kollegen will. Selbiger ist nicht zu erreichen, wie er mir vor seinem Weggang diesmal nach Drohungen meinerseits erzählt hat.
Ob es auf dieser Etage einen Kopierer gäbe, dann würde er einen Zettel kopieren und meinem Kollegen da lassen.
Sicher gäbe es einen Kopierer, erwidere ich, ganz hinten bei der Teeküche den Gang lang.
Fast richtig, stelle ich fest, als er verschwunden ist. *Ganz hinten* steht das Fax, der Kopierer ist gleich hier im übernächsten Zimmer.
Eile auf den Gang hinaus, um ihn aufzuhalten und winke ihm dabei durch zwei sich unterhaltende Kollegen hindurch zu. Komme mir gar nicht blöd dabei vor. Überhaupt nicht. Kein bisschen.

Nachdem mich also heute nicht nur Lesen und Schreiben sondern auch die Wegbeschreibung zum Kopierer im übernächsten Zimmer intellektüll überfordert haben, habe ich beschlossen, die geplante Überstunde auf morgen zu verlegen und den Betrieb von meiner Anwesenheit für heute zu befreien. Gleich, nachdem ich mit der  Liste über die Leute, die in den letzten zwei Stunden für meinen Kollegen angerufen haben, im A4-Format fertig bin.

02.06.2005 um 22:31 Uhr

Der beste Freund des Angestellten

Oder: Drogenmissgebrauch im Büro

Gibt es auf dieser Welt ein schöneres, ein ehrlicheres und glückliches Lächeln, als wenn sich zwei Menschen auf einem Flur begegnen, der eine mit einer Kanne, der andere mit einer Tasse in der Hand?
Es braucht keine Worte, keine großen Gesten, beiden ist sofort klar, warum sie lächeln, warum sie sich in diesem Moment seelig ihres Lebens freuen können, was sie verbindet:
1,3,7-Trimethylxanthin. Das weiße Pulver der Glückseligkeit. C8H10N4O2.
Koffein.
Huld! Huld! Jubel!


Während ich alle 2-3 Wochen eine neue Familienpackung Cappuccino angeschleppt bringe, schlürft mein Büromitinsasse neben mir seinen seltsamen Malzkaffe. Da sind dann so Sachen drin wie Gerste, Roggen und Feigen. Klingt für mich ja eher nach Früchtebrot.
Standen wir neulich also einträchtig in der Küche und warteten auf den Wasserkocher, damit der endlich seine verdammte heilige Pflicht erfüllte. Beugt Büromitinsasse sich über meine Tasse, sieht ungläubig rein, sieht mich ungläubig an und sieht wieder ungläubig rein.
"Was is?"
Dass er aus dem Pulver fünf Tassen machen könne, meint er.
Sehe ungläubig in die Tasse, sehe ihn ungläubig an und sehe ihn wieder ungläubig an.
"Weichei."


Wieder zurück in den unheiligen, aber durch die Anwesenheit des Koffeins etwas heiliger gewordenen, Hallen des Büros lese ich auf wikipedia nach, dass eine Mischung aus Koffein und Alkohol Schlaganfallpatienten helfe. Teile ihm diese wundervolle Nachricht mit und schlage vor, in Zukunft präventiv öfter Irish Coffee zu trinken.
"Schlaganfall? Erst kriegst du nen Anfall und dann nen Schlag?"
"???"
"Oder erst geb ich dir nen Schlag, dann kriegst du nen Anfall?"
"Keine Witze vor der ersten Tasse Kaffee." Früchtebrot. Wasauchimmer.

Zwei Tage später:
"Wie steigert man eigentlich egal? Legal?"
"??"
"Ikea-Regal?"
"Ich sagte doch, keine Witze vor dem ersten Kaffee!"


Er verlässt kurz das Büro, wir spielen wieder das lustige Fenster-zu-Fenster-auf-Spiel. Er gewinnt.

"Ich hab heute morgen übrigens schon zwei Tassen Cappu getrunken."
"Deswegen hast du mich heute morgen schon so angestrahlt! Und ich dachte, du freust dich!"
"Nein, ich stand unter Drogen."


[Und ich erkläre diesen Smiley hiermit zum Koffein-Smiley. Huld! Huld! Jubel! ]