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Wie alteingesessene Leser mit gutem Gedächtnis wissen könnten, besitze ich ein tendenziell unzuverlässiges Radio. Ja, immer noch. Weil: Es funktioniert ja. Meistens. Solange Dinge noch funktionieren, auch nur ansatzweise, muss man keinen Ersatz dafür besorgen. Aus welcher Seite der Familie ich das ererbt haben will, kann ich auch nicht eruieren, aber egal. Deswegen hat ja auch schon ein heroischer, angebrochener Orangensaft acht Monate lang in meinem Kühlschrank ausgeharrt. Er war nicht verschimmelt, also rein theoretisch trinkbar.
Aber vorgestern ging mir das Radio final auf die Ketten. Ich hörte so eine Weile das vorläufe Hörspiel zu dem Musical mit der Bänd-deren-Musik-und-Schauspielerei-ich-nicht-mag, dann wechselte ich auf die Clancy-Brothers. Ersteres spielte das offenbar gehörlose Gerät natürlich tadellos, letzteres eher bruchstückhaft, springend, hopsend, willkürlich. Und wer gute Musik verdirbt, und das vor allem ja nicht zum ersten Mal, beschwört den Heiligen Zorn™ des Centis herauf.
Also gestern direkt zum Technik-Verkauf meines Vertrauens (Lies: der einzige, den ich in Bonn kenne.) gepilgert, Radio ausgesucht und gekauft. Ja, wenn's sein muss, geht das auch in schnell.
Abends das Teil noch ignoriert. Immer so. Wenn ich etwas kaufe, lasse ich es für den Rest des Tages in der Ecke liegen. Entweder bin ich davon angenervt, weil ich schon viel zu viel Zeit darauf verschwendet habe, es ausgesucht, gekauft und nach hause transportiert zu haben, oder weil dieses neu gekaufte Ding in meine schöne vertraute Welt interveniert und ich mich noch einen Abend lang versichern muss, dass trotz eines neuen Gegenstandes in meiner Wohnung/meinem Auto alles noch irgendwie so ist wie vorher.
Wie auch immer.
Heute also nach neuneinhalb Stunden Arbeit in die Tiefgarage gegangen, um das Auto rauszufahren, weil ich bei dem nicht vorhandenen Licht da unten nicht arbeiten kann. Es sei denn, ich wollte Negative entwickeln. Das kommt aber ganz selten vor. Nebenbei bemerkt waren zu dem Zeitpunkt draußen um die 30°C.
Also Bilbo auf den nächstbesten Parkplatz gestellt, die entsprechenden Radio-Sicherungen rausgenommen und das alte Radio ausgebaut. Was im übrigen eine große Kraftanstrengung war, weil die Drecksstecker sich nicht lockern lassen wollten. Also mehr rohe Gewalt aufgewendet. Dabei zwei Plaste-Nippel an den Steckern kaputtgemacht. Selbst schuld, was saßen sie auch so fest. Irgendwann, schweißnass, hatte ich das Radio ausgebaut. Hurra!
Damit dieser Eintrag nicht so eintönig wird, hier das sinnlos gepostete Bild einer Kornblume:
So, weiter im Text. Nächster Schritt: Das neue Radio einbauen.
Zwei flotte Klicks später saßen die Stecker - das Antennenkabel bräuchte einen Adapter, hmpf - dann steckte ich die Sicherungen wieder an ihren Platz, drehte den Zündschlüssel um und - nichts.
Das Radio blieb teilnahmslos und unbelebt. Allein kriegte ich das offenbar nicht hin.
Es war übrigens warm. Es war spät und ich hatte Hunger. Außerdem stank ich schon nach Stress-Schweiß. Aber was half's.
Ich stieg aus, um den Kassenzettel aus der Wohnung zu holen, da fuhr ein uralter VW neben mich. Ob ich fertig eingeparkt hätte.
WTF?! 
Ja, weil da wär ja noch so viel Platz.
WTF?!?!
Ich meine, da war tatsächlich noch viel Platz. Vier Parkplätze rechts und einer links von mir, um genau zu sein. Aber wenn du damit meintest, ich stünde nicht korrekt in der Parklücke: Ja, meine beiden rechten Reifen touchierten den weißen Streifen.
Er stellte sich dann in die eine enge Parklücke und murmelte noch irgendwas in seinen Bart, in dem das Wort "Fahrschule" vorkam. Ich ignorierte ihn und machte mir nicht mal die Mühe, mich aufzuregen. Es war warm, es war spät, ich hatte Hunger, ich stank, ich musste ein verdrecktes Radio umtauschen fahren und ich wurde gerade von einem sprechenden Schnurrbart blöd angemacht!

Kassenzettel geholt und sicherheitshalber auch gleich den Bonner Stadtplan. Der Laden ist super per Bahn zu erreichen, aber mit dem Auto war ich da noch nicht.
Meine Befürchtung diesbezüglich bewahrheitete sich. Natürlich. Die Straße, von wo aus man zu fuß den Laden erreichen kann, ist von selbigem durch eine hübsche Wiese abgetrennt. Aber kein Ding, ich muss nur die nächste links abbiegen.
Hier darf man nicht links, also die nächste. Die nächste, die nach der Einbahnstraße da links kommt. Und nach der anderen Einbahnstraße.
Einen Kilometer später machte die Straße einen kompletten Knick und bog in die Innenstadt. Roar.
Einmal wenden und zurück und irgendwie die Straße gefunden, in die ich wollte.
Jedenfalls fast.
Ich landete in einem Wendehammer kurz davor. 
Aber es war warm, es war spät, ich hatte Hunger, ich stank, ich musste ein bekacktes Radio umtauschen, ich bin von einem motzenden Toupée blöd angemacht worden und ich habe mich wieder mal in der Bonner Innenstadt verfahren. Ich blieb also in der Zufahrt zum Wendehammer stehen. Weiß rückblickend auch gar nicht, ob direkt am Laden genug Parkplätze vorhanden gewesen wären.
Ehe ich mit Einzelheiten aus dem Laden um mich werfe, poste ich noch eine Kornblume:
So, alle erholt? Dann weiter.
Ich stapfte also eine Winzigkeit angepisst in den Laden und stellte mich an der Schlange am Service an.
Noch ehe der Mond drei mal voll gewesen war, war ich auch schon an der Reihe. Mir war natürlich bewusst, dass man Mitarbeiter nicht anmotzt, die konnten ja gewöhnlich nichts dafür, dass es warm, spät und ich hungrig war, also hab ich mich um Freundlichkeit bemüht.
Was wohl hieß, ich senkte meine Stimme auf ein möglichst ruhiges Level, erinnerte mich irgendwie daran, dass man die Mundwinkel ein wenig anheben sollte und erklärte dem Thresenmenschen dann durch zusammengebissene Zähne hindurch meine Probleme.
1. Radio bei euch gekauft.
2. Hier in Anleitung steht, dass da extra Anleitung für Anschluss, aber extra Anleitung nicht da.
3. Ich trotzdem probiert, aber Radio nicht gehen.
4. Es ist warm, es ist spät, ich bin hungrig, ich stinke, das Radio geht nicht, ich bin doof angemacht worden, habe mich verfahren und hab mir in der Service-Schlange gerade die Beine in den Bauch gestanden.
Ahja, meinte der Thresen, das erzählen Sie doch am besten meinem Kollegen da hinten am Infopoint.
ROAR.
Na schön. Ich stapfte also so elegant mir das noch möglich war, zum Infopoint, bemühte mich, nicht ganz so auszusehen, wie ich mich gerade fühlte, und knurrte dann Punkt eins bis drei noch einmal.
Ahja, meinte der Infopoint, ob ich das Radio denn dabei hätte. Nein, ich hätte es im Auto *hinthint*.
Ahja, meinte der Infopoint, dann solle ich es doch mal holen, dann könnte er das Gerät an ihrem Testdings anschließen. Wir treffen uns dann am Service-Schalter.
ROAR! 
Ich stapfte raus und brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es warm war, ich hungrig und stinkend und achihrwisstja.
Radio ausgebaut, zum Service-Schalter. Kein Infopointer da. Ich wartete. Und wartete. Fragte den Service-Schalter, ob es hier einen zweiten Service-Schalter gäbe. Nein, das hier müsse schon der richtige sein.
Fein.
FEIN! 
Ich wartete. Und wartete. Und lutschte ein zuckerfreies Zahnpflegebonbon. Und feilte mir die Nägel. Dann setzte ich das Radio am Service-Schalter ab und stapfte zum Infopointer, der ganz relaxt an seinem Infopoint stand.
Konnte mich so eben noch zurückhalten, ihn nicht am Ohr zu packen und hinter mir her zum Service-Schalter zu schleifen. Im süßesten "Ein falsches Wort und du bist tot"-Tonfall fragte ich ihn, ob er mich vergessen hätte. 
Ahnein, die Kollegen könnten es wohl nicht anschließen, fragte der Pointer.
ROAR!! 
SIE haben gesagt, SIE wollten das Ding anschließen und ich sollte mit dem Radio wieder zu IHNEN an den Service-Schalter kommen! Flöt.
Ahja, dann käme er doch gleich mal mit.
Awas, zu liebensgewürzig. 
Er schloss also das Radio an und Tatsache, bei ihm funktionierte es. Dann könne es ja nur an meinem Auto liegen.
MACHST DU MEIN AUTO AN?! 
(The Caps Lock is strong in this day.)
Nein, räusperte ich mich, das alte Radio tat's ja auch.
Fragte er, ob es auch nach dem Einbau des neuen noch funktionierte. Das hatte ich natürlich nicht getestet.
Ich stapfte also raus, um das alte Radio wieder einzubauen. Das ging erstaunlich flott. Und das Radio funktionierte. (Was ja auch keine Selbstverständlichkeit bei dem Ding ist, ich könnte ja mal ein bisschen dankbar sein.)
Als ich wieder rein kam, war der Infopointer nicht mehr am Service-Schalter, dafür stand da wieder eine Python an. Hurra. Kurz die Tasche auf Sprengstoff gecheckt - hatte es natürlich wieder zuhause liegen lassen - und mich in mein Schicksal ergeben.
Kaum drei Götterläufe später stand ich auch schon wieder vor dem Service-Schalter-Thresenmenschen, schilderte mein Problem und wurde im Fazit unterbrochen von einem Vortrag, den der zuvor wenig gesprächige Mensch nun zu halten anfing. Der ging etwa so:
"Rhabarber, Rhabarber, Hauptbahnhof, Bahnhofsvorplatz, Südbahnhof, Erdbeerkuchen, Rhabarbermarmelade, Bushaltestelle."
Zwischendurch kamen dann auch Wörter vor, die ich kannte, da hakte ich dann geschickt nach:
"Zugabteil, Fahrkartenschalter, Bahnhofsuhr, Adapter, Rhabarber-"
"Adapter?"
"Ja, den könnte man eventuell beim Hersteller des Wagens kaufen..."
- Mein Auto ist bald dreizehn Jahre alt, ich bin nicht mal sicher, ob es den Hersteller noch gibt, geschweige denn dass er ausgerechnet dieses Einzelteil hat. -
"...oder man könnte auch [die beiden Enden der Galaxis mit Hilfe von schlauchförmigen Schwarzen Löchern miteinander verknoten, und wenn dann noch der Blitz um Mitternacht in die Rathausuhr einschlägt...], damit würde wohl aber die Garantie verfallen."
Danke, und wenn Sie jetzt einfach das Radio wieder in diesen Karton da stecken wollen, zusammen mit dem mir abgekauten Ohr, und mir einfach mein Geld wiedergeben könnten, denn Fakt ist letztendlich ja, dass dieses Radio nicht in meinem Auto funktioniert, wofür es aber beim Kauf gedacht war, dann wäre ich Ihnen sehr, sehr verbunden.
Ahja, aber dafür bräuchte er noch die Blende. Die lag noch im Auto.
ROAR!

Ich stapfte also zum dritten Mal aus diesem Laden, holte die vermaledeite Blende, stellte mich noch einmal drei Erdzeitalter am Service-Schalter an, reichte dem Menschen dort Blende und Kassenzettel, wurde zur Kasse weitergereicht und bekam endlich mein Geld wieder.
Heimwärts funktionierte das alte Radio anstandslos.
Immerhin: An der billig-Tankstelle für sieben Cent billiger vollgetankt und vom Tankwart angesprochen worden.
"Du hast hier aber lange nicht mehr getankt."
WTF, man spricht mich an? Wie muss man da reagieren? Ah, was sagen.
"Äh... ja."
"Du tankst doch nicht etwa fremd?"
Er hat Humor??
Geil.
"Ja, nun, ihr seid so abgelegen und schlecht zu erreichen und so..."
Auf dem Weg nach draußen kurz innegehalten.
Hat der mich gerade geduzt?
Der hat mich doch geduzt!
Geduzt!
Ich bin jung, man hat sich an mich erinnert und ich bin jung und ich habe gerade etwa 2,10 beim Tanken gespart. Hurra, davon kauf ich mir die nächst Anti-Faltencreme!