Ich habe Mist gebaut.
Meine Lebensabschnittsgefährtin ist daran schuld, sie hat mich auf
die Idee gebracht. Sie hat sich nämlich selbst die Haare geschnitten. Mit der Gartenschere, weil sie die gerade in der Hand hatte,
als ihr der Gedanke kam, ihre Haare seien zu lang. Also, ritschratsch, schon
waren sie es nicht mehr.
Mich, die ich schon seit Wochen denke, dass ich mal wieder zum Haareschneiden
müsste, es aber nicht schaffe, einen Termin zu machen, weil ich mich nicht
entscheiden kann bei wem, mich hat das unendlich beeindruckt. Nie wäre ich auf
die Idee gekommen, dass ich das auch selber kann. Haareschneiden. Ich. Nun
durchfuhr es mich wie ein Blitz: Yes I can! Friseure werden überschätzt.
Teuer sind sie außerdem. 40 Euro habe ich zuletzt bezahlt, nur
fürs Spitzenschneiden. Und das, obwohl ich meine Haare doch ohnehin immer hochstecke (Stichwort: Hinterkopfvortäuschung). Eine Luftfeuchtigkeits-abhängige
Naturkrause habe ich außerdem, zu schwach, Locken hervorzubringen, aber
ausreichend stark, um jeden Schnitt in einen Mopp zu verwandeln, bei Nieselregen
sehe ich aus wie diese 70er-Jahre Ufolampen... Sie hören mir ja gar nicht zu.
Sie sind noch bei der Lebensabschnittsgefährtin, stimmt´s? Das
war doch nur ein kleiner Spaß am Rande, weil ich meine Zahnärztin noch immer
häufiger sehe als Half und Curd zusammen. Und weil ich nicht schon wieder einen
Eintrag mit „Meine Zahnärztin ist/sagt/tut“ anfangen wollte, die
Zahnarztgeschichten kommen uns ja bald zu den Öhrchen raus, uns allen. Aber tatsächlich
sind wir inzwischen per du. Sie heißt Malakeh - so schöne Namen gibt man
Zahnärztinnen in Persien.
Du Malakeh, sage ich zu ihr (in Gedanken, denn ich kann ja nicht
sprechen, in meinem Mund wird gearbeitet…) Du Malakeh, deine Frisur ist tadellos,
erzähl mir mehr davon. Und sie - während sie irgendwo auf Nasenhöhe nach einer der abgebrochenen sechs (jawohl sechs!)
Wurzeln meines oberen Backenzahnes puhlt – sie kann ja keine Gedanken lesen,
holt stattdessen ein bisschen weiter aus und erzählt mir ihr ganzes Leben. Spannend!
Aufgewachsen im Iran, Flucht vor den Ayatollahs, Arbeiten
für die CIA (mehr darf ich nicht sagen)… ein Teufelsweib, hätte mein Opi eine
wie sie genannt. Ich war voller Bewunderung und beschloss noch während der OP: Sollte
ich durchkommen, werde ich wie sie. Ich lebe wild und gefährlich und schneide
mir tatsächlich selbst die Haare. Yes I do! Friseure sind für Mädchen.
Die 40 Euro wirst du noch bitterlich brauchen, wenn erstmal
die Rechnung kommt für das Massaker hier, dachte ich außerdem. Und
wahrscheinlich noch 4000 obendrauf, denn für all die Zähne, die sie runterschleift
oder zieht, muss ja auch wieder was rein, so kann man das ja nicht
lassen. Oder ich muss Bilder davor hängen. Also, es hatte alles auch einen
finanziellen Hintergrund, das gebe ich zu.
Wieder zuhause holte ich jedenfalls sofort die Schere raus
(eine Halthaltsschere, wenn eine Gartenschere ging, ging die sicher auch). Ich
hatte mir alles ganz genau überlegt. Wenn ich an den Seiten Zöpfe machen würde,
etwa auf Ohrhöhe… und dann die Zöpfe waagerecht vom Kopf halten und senkrecht
abschneiden würde… dann müsste es eigentlich hinhauen. Dann würde sich a. eine
kleine, Fülle spendende Stufe ergeben, weil das Deckhaar auf diese Weise stärker
gekürzt wird als das darunter. Und b. sollte der Schnitt eigentlich eine hübsche
runde Kontur haben, also hinten länger als an den Seiten, weil das hintere Haar
ja einen längeren Weg bis zum Ohr hat – können Sie folgen?
Müssen Sie aber nicht. Meine Berechnungen erwiesen sich ohnehin
als unzutreffend. Anstelle der leicht gestuften runden Kontur ergab sich eine wollige, aus der Stirn gerutschte Pilzfrisur. Sie ergab sich zudem in Blau. Eine kleine Sensation.
TA-DA! Mein erster eigener Haarschnitt!
Ich bin jetzt wie Curd unter die Permanent-Mützchenträger
gegangen. Und da bleibe ich mindestens die nächsten 3 Jahre nach dieser verunglückten Aktion (man schneidet ja immer noch ein bisschen nach, um es besser zu machen - aber man macht es nur kürzer…). Außerdem fange ich bei den Schlümpfen an, ich bin der Zahnlos-Schlumpf,
der immer nur mit zusammengepressten Lippen spricht und lacht. Zähne weg, Haare ab - Danke Malakeh!
Aber was ich eigentlich sagen wollte, meine Botschaft an diesem verregneten
Sonntagnachmittag: Das Friseurhandwerk wird unterschätzt. Ja, ja.