Gedanken oder Fragen

30.11.2008 um 02:15 Uhr

Wie denken Taubblinde ?

Serena fragte, ob wir zum denken die Sprache brauchen.
Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, ja.
Denn denken findet oftmals in Worten, in Sprache statt. Oft auch nur in kurz auftauchenden Wortfetzen. Gefühlsmässig denken wir, wir könnten nur eine Sache zur Zeit denken. Dem ist nicht so. Wir sind multitaskingfähig und können mehrere Gedankengänge zur gleichen Zeit abarbeiten.

Denken und Sprache, sie bedingen sich aus meiner Sicht nicht. Wir denken auch in Bildern, Tönen, ja selbst Gerüchen und Gefühlen. Teils unterschwellig, teils auch bewusst.

Wenn denken die Sprache vorraussetzen würde, dann könnten Taubstumme die gleichzeitig Blind sind nicht denken. Denn sie können Worte weder hören noch sehen. So gesehen haben sie keine Worte, keine Sprache. Aber wer wollte behaupten, Taubblinde könnten nicht denken, nur weil ihnen die Worte fehlen? Ganz sicher können sie denken, genau wie wir auch.

Aber mir kam, bei dieser Vorstellung vom Leben eines Taubblinden Menschen die Frage in den Sinn, auf welche Art und Weise denkt ein Taubblinder.
Gesehen hat ein Taubblinder in seinem Leben noch nichts, also könnte er nicht in Bildern denken. Gehört hat er auch noch nichts, so fallen auch die Töne und Geräusche sowie die Worte fort.

Er könnte also nur in einer Art Geruchswelt und Tastwelt bzw. Gefühlswelt denken.

Hyronymus Lorme, ein Taubblinder Schriftsteller, hat die Lorme Sprache erfunden. Eine Zeichensprache die in die Handfläche hineingeschrieben wird. Wahrscheinlich wird auf dem Wege über die Lorme Sprache, den Taubblinden auch die Braille Blindenschrift zugänglich gemacht.

Jetzt frage ich mich, ob ein Taubblinder nachdem er die Lormesprache erlernt hat, in die Hand geschriebene Wörter, dann auch in diesen geschriebenen Worten denkt. Da er sie niemals hörte, sind sie für ihn ja Tasteindrücke bzw. gefühlte Worte, die nichts mit unserer akustischen Lautsprache zu tun haben. Er fühlt ein Wort, kann diesem Wort aber kein Bild zu ordnen, da er noch nie eines sehen konnte, kann nur Tasteindrücke und vielleicht Gerüche zuordnen.
Er erfährt darüber, dass der Himmel blau ist, kann es aber nicht sehen. Kann man fühlen, dass der Himmel blau ist? Kann ich mir kaum vorstellen.
Beim Wort Baum kann er diesen fühlen, die Rinde anfassen, doch wie hoch dieser ist, das wird er nicht sehen können, eventuell erahnen. Erfühlen liesse sich dieses, sowie auch der Wuchs des Baumes samt seiner Äste und Blattwerk, wahrscheinlich nur an einem Reliefmodell. Reliefmodelle wie es sie in Blindenschulen gibt.

Denkt ein Taubblinder in Worten, in Sprache, nachdem er diese erlernt hat? Sie könnte und dürfte ja keine akustische Sprache sein, da er die Worte nicht hörte. So müsste es ein Wortdenken über Tasteindrücke und Gefühltes sein. Ein Denken mit und in den Fingerspitzen sowie den Handinnenflächen.

Aber wir, die wir hören und lesen können, denken ja auch nicht mit den Augen, nicht schriftlich, auch nicht mit den Ohren, sondern mit dem was dazwischen sitzt. Dem Hirn. Die Worte haben sich verselbständigt, sie bedürfen nicht mehr der Ohren und Augen beim denken. Sie werden unabhängig davon.

Ist es bei einem Taubblinden ebenso? Haben sich die Worte, die Sätze, die er übers tasten erlernte auch verselbständigt. Wie denkt ein Taubblinder mit diesen Worten und Sätzen, die keine akustischen sind?
Ich weiss es nicht. Ich würde es aber gerne wissen und merke mal wieder, wie wenig ich über diese Dinge weiss.
Vielleicht kann ja jemand, der einen Taubblinden kennt, diese Frage beantworten. Oder auch ein Taubblinder der zufällig über die Braillezeilen diesen Text liest.