Gedanken oder Fragen

15.11.2009 um 17:59 Uhr

Verordnet und angeordnet

Kann Trauer angeordnet werden?
Ich glaube nicht. Man muss die Trauer fühlen, selbst empfinden. Doch von oben verordnen, wie heute am Volkstrauertag lässt sie sich wohl eher nicht.
Selbst wenn das teilweise düstere Novemeberwetter das Traurigsein, die Trauer begünstigen mag.

Zu früheren Zeiten durfte am Volkstrauertag keine Unterhaltungsmusik gespielt werden.
Im Radio lief nur klassiches, trauriges eben. In den Kneipen schwiegen die Musikboxen und selbst auf dem Hamburger Dom war an diesem Tag immer eine merkwürdige Stimmung, wenn die Raupe, das Kettenkarussel und die anderen Fahrgeschäfte sich drehten ohne diese laute Musik dazu.
Alles war gedämpft, eher gedrückt, kaum einer lachte.
Angeordnete Trauer eben.

Klar, es sah schön aus, wenn die Dunkelheit hereinbrach und die Friehöfe sich in ein Lichtermeer von rot leuchtenden Grablichtern verwandelten.

Aber dennoch, Trauer lässt sich nicht verordnen. Sie kommt und geht, ganz wie sie es will.
Trauern ist eine Herzenssache, sie findet im Herzen statt. Nicht im äusseren.

"Früher" trugen die hinterbliebenen noch ein Jahr lang schwarz, einen Trauerflor oder eine schwarze Armbinde, um ihre Trauer oder ihren Verlust auch nach aussen zu zeigen. Das ist nicht mehr. Heute sieht man teils auch normale Kleidung auf Beerdigungen. Keiner zerreisst sich mehr den Mund über eine Witwe, die nicht in schwarz daherkommt oder mal wieder lacht.
Trauern tut man im und mit dem Herzen, unabhängig von den Farben, welche man trägt. Und man trauert heute auch nicht mehr nach Vorschrift, sondern individuell, so wie man es fühlt. Ganz Unvorschriftsmässig.
Einen Volkstrauertag brauchen wir da wohl nicht für und auch kein Verbot an diesem Tag leichte Musik zu spielen.

Denn auch diese kann ein Zeichen der Trauer sein, wenn sie an den von uns gegangenen erinnert.
Mehr vielleicht sogar, als irgendeine Sonate oder dezente Kammermusik die mit dem Verstorbenen nichts, aber auch garnichts gemeinsam hatte.

Wo wir bei Robert Enke und sein Selbstmord sind.
35.000 Menschen nahmen heute im Stadion an der Trauerfeier in Hannover teil.
Ich wollte eigentlich nichts über den Suizid dieses Torwartes schreiben, da ich vorher noch nie von ihm hörte, er mir kein Begriff war.
Ob die 35.000 im Stadion jetzt wirklich traurig waren, trauerten, ich weiss es nicht. Vielleicht folgten sie auch nur einem Medienhype.
Und doch fand ich diesen Hype sinnvoll und nützlich. Denn durch den Tod von Enke, den Berichten über seine Depressionen die dazu führten wird auf diese "Volkskrankheit" Depression hingewiesen, auf die aussichtslose Lage in der sich Betroffene manchmal fühlen, egal ob sie Manager, Profifussballer, Hartz IV Empfänger, allein oder nicht alleinerziehende Mutter, Kind oder älterer Mensch sind.
Es kann jeden treffen, egal wie bekannt, erfolgreich oder unerfolgreich man ist. Dieser dunkle Schatten, der sich über das ganze Leben zu legen scheint.

Ich sehe es häufig an Suchbegriffen aufgrund derer mein Blog gefunden wird.
"Kommt man nach Selbstmord in den Himmel"
"Mein Opa ist gestorben, ich denke an Selbstmord"
und ähnliche Fragen welche mit Ängsten und Depression zu tun hat.
Depressionen sind keine Randerscheinungen, sie sind unter uns.
Und ich hoffe, dass die Menschen, die durch diese Suchanfragen auf meinen Blog kommen, ihren Weg finden mögen. Ihren Weg aus diesem tiefen Tal der Depressionen wieder hinaus..

Wieder zu Mut und Zuversicht zurückfinden. Denn wenn diese uns verlassen haben, ist das überleben schwer, wird überschattet von der andauernden Frage weshalb und wofür eigentlich.

Selbst wenn alles hoffnungslos erscheint, festgefahren, gerade so, als würde sich niemals mehr etwas daran ändern, so bleibt doch immer die Gewissheit, es wird sich ändern. Alles und immer. Es wird niemals für ewig so bleiben. Nur dieses zu erkennen, zu verinnerlichen und daran zu glauben, dass noch mal etwas positives kommt, fällt in den dunklen Zeiten schwer.
.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. AngelInChains schreibt am 16.11.2009 um 00:39 Uhr:Klingt vielleicht blöd, aber so ein Rummelplatz ohne Musik... hätte für mich mal was ;) Ich denke aber, an solchen so genannten stillen Feiertagen, die es heute ja auch noch gibt, darf so etwas gar nicht betrieben werden, auch ohne Musik?

    Auf dem Friedhof war ich gestern nicht, leider. Aber am Totensonntag will ich mir mal wieder abends die Lichter ansehen, wie schon so manches Mal in den letzten 8 Jahren.

    Ich frage mich, ob viele Menschen die Problematik von Depressionen tatsächlich begreifen können, auch jetzt, nachdem das Thema medienpräsent ist. Du hast ja schon den Begriff "Medien-Hype" genannt. Ich befürchte leider, dass es schon so sein könnte, dass aktuell durch diesen einen Vorfall eben wieder viel über Depressionen geredet wird, aber in einem Monat ist wieder alles vergessen. Wie zB auch nach jedem einzelnen Amoklauf. Da ist das Geschrei einige Wochen groß und danach ist alles wieder vergessen.

    "Selbst wenn alles hoffnungslos erscheint, festgefahren, gerade so, als würde sich niemals mehr etwas daran ändern, so bleibt doch immer die Gewissheit, es wird sich ändern. Alles und immer. Es wird niemals für ewig so bleiben."

    Das kann an sich auch deprimierend sein, denn es heißt auch, dass Gutes nie für immer da sein wird.
  2. Angel1968 schreibt am 22.11.2009 um 14:30 Uhr:Mein Schwiegervater sagte immer, es ist egal mit welche Farben man auf der Beerdigung geht, man trauert mit den Herzen und nicht mit der Kleidung.
  3. sternenschein schreibt am 22.11.2009 um 16:20 Uhr:@AngelInChains,
    die fingen dann, so habe ich es in Erinnerung, auf dem Rummelplatz erst um 18 Uhr an, und ab 22 Uhr durften sie wohl Musik spielen.
    Doch, irgendwie hatte es etwas.
    Depressionen sind ja etwas weit verbreitetes, mit dem auch die "normalen" Ärzte nicht immer richtig und sachgerecht umgehen können.
    Fand ich schon nützlich, dass einmal sehr weiträumig über mögliche Ursachen und Folgen diskutiert wurde.
    Es stimmt wohl, dass auch das Gute nicht für immer ist, aber doch ist das was vergeht nicht ganz verloren und kann Zeichen setzen, dass ähnliches wieder geschehen kann. Vielleicht allerdings auf einer anderen Art.

    @Angel68,
    diesen Ausspruch deines Schwiegervaters finde ich wundervoll.
    Getrauert wird wirklich mit dem Herzen und nicht mit der Kleidung. Das ist wohl wahr.

    Liebe Grüsse
    sternenschein

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