bildpolkrit

27.12.2006 um 11:40 Uhr

Berufsaussichten für Soziologen und Eigeninitiative

von: soclyt

Die Berufsaussichten für Soziologen seien nicht so schlecht wie häufig behauptet, heißt es im uni-magazin ( Rehberg in uni-magazin 2/2006, S. 53).

Was Soziologen machen sollen?

Networking, Auslandsaufenthalte, Praktika (auch unbezahlte), "Engagement zeigen", berufspraktische Erfahrungen sammeln, "Eigeninitiative" entwickeln - Vorschläge von frappierender Originalität.

Wo sie beschäftigt werden:

"Soziologen sind nicht nur in Wissenschaft und Forschung tätig, sondern auch in der Erwachsenenbildung, bei Verlagen, in Markt- und Meinungsforschungsinstituten, im IT-Bereich oder im Journalismus- und Public Relationsbereich" ( Bausch, ZAV, a.a.O., S. 53).

Wie sie dann heißen:

"Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Werbetexter, Berufsberater, Projektleiter, IT-Berater, PR-Assistent, Kulturmanager, Marktforscher, Referent für berufliche Weiterbildung, kaufmännischer Angestellter oder Mediendesigner" (a.a.O., S. 53).

Was das alles nützt?

Allerdings gibt es ein Fazit einer Untersuchung:

"Die Verbleibstudie zeigt aber auch: Ein Patentrezept zum beruflichen Erfolg für Soziologen gibt es nicht. 'Wir haben keine Faktoren (wie kurze Studienzeit, Spezialisierung während des Studiums, Praktika, Auslandsaufenthalt) identifizieren können, die durchgängig einen wesentlichen Einfluss auf die Komponente des Berufserfolgs ausüben' " (a.a.O., S. 54).

Je schlechter die strukturellen Bedingungen, desto mehr Eigeninitiative wird gefordert. Das Postulat nach mehr Eigeniniative soll die Veränderung der Bedingungen ersetzen.

16.12.2006 um 13:59 Uhr

Bildung - Chancen - Teilhabe

von: soclyt

"Bildung ist der Schlüssel für individuelle Lebenschancen - Chancen auf wirtschaftliche, soziale und kulturelle Teilhabe des einzelnen" (Schavan, zit. n. BMBF-Pressemitteilung 224/2006 vom 14.12.2006).

Wem Bildung zuteil wird, der bekommt Chancen auf Teilhabe - nicht Teilhabe, sondern Chancen darauf. Das ist das alte, aber aktualisierte Lied der Verschiebung von Verteilungs- auf Chancengerechtigkeit mit dem dafür als geeignet ausgegebenen Vehikel "Bildung". 

"Wirtschaftliche Teilhabe" bedeutet für viele, dass sie arbeiten müssen - inkludiert ist allerdings auch die "Chance", keine oder keine besonders erstrebenswerte Arbeit zu bekommen oder arbeitslos zu werden; mit dem erarbeiteten Geld dürfen sie dann im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten als Konsumenten teilhaben.

Was heißt "Chancen auf soziale Teilhabe"? Kein Paria zu sein? Chancen auf vertikale Mobilität? Dazu bedarf es meist noch anderer Dinge als Bildung.

"Individuelle Lebenschancen" sind aber auch anderweitig verwertbar: " Die Summe der individuellen Lebenschancen der Bürgerinnen und Bürger in Europa entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft (...)" (Schavan, a.a.O.).

Lebenschancen werden funktionalisiert für Wettbewerbsfähigkeit.

13.12.2006 um 13:58 Uhr

Der "Spiegel" und McKinsey: Völlig neue grundlegende Einsichten zum Verhältnis von Studienfach und Arbeitsmarktchancen

von: soclyt

Aufgrund einer online-Befragung von 25000 Berufseinsteigern mit HS-Abschluss kommen der "Spiegel" und McKinsey zu überraschenden und umstürzenden Erkenntnissen ("Spiegel" 50/2006, S. 64 ff.; s.a. www.spiegel.de ).

Es gibt zu wenig Ingenieure in Deutschland ( in Indien und China werden es etwas mehr).

Geisteswissenschaftler haben mehr Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden, zu bekommen und zu behalten und verdienen weniger als Ingenieure und Naturwissenschaftler (differenziert nach Anfangsgehalt, Dauer der Stellensuche, Prozentsatz der Vollzeit- und unbefristeten Stellen).

Erfüllen der Anforderungen (Ausland, Praktika, Sprachen, Flexibilität, Mobilität) führt in einer Reihe von Fällen trotz allem nicht zum Erfolg.

Die Hochschule, an der man studiert hat, ist von Bedeutung (für die Einstiegsgehälter von Betriebswirten das Spektrum von Dresden bis Vallendar).

Kontakte zu Firmen sind nützlich.

Man soll aber doch nicht gegen seine Neigungen "anstudieren".

Was wissen wir jetzt also?

Aufgebot: 14 Seiten, 2 Autoren (mit denen der Kästen 4).

Und? Was Neues? Kritik an irgendetwas? Lösungsvorschläge (außer etwas Technikwerbung in Schulen und Hochschulen und dem Ruf nach "Praxisbezogenheit")?

12.12.2006 um 19:20 Uhr

Bachelor und "Arbeitsmarktfähigkeit"

von: soclyt

"Studienziel ist der Erwerb grundlegender Kenntnisse und Fähigkeiten für einen schnelleren Berufseinstieg und gezieltere Arbeitsmarktfähigkeit" (Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst: Bachelor und Master. Neue Abschlüsse - Bessere Chancen (sic). München 2005; s.a. www.ba-ma.bayern.de ).

Was heißt das? Ausbildung zur Verkaufsfähigkeit der Arbeitskraft?

Nicht für die Arbeit, sondern für den Arbeitsmarkt sollen Fähigkeiten erworben werden. Was macht die spezifische Quaifikation "Arbeitsmarktfähigkeit" aus? Was gehört - neben den direkt verwertbaren Qualifikationen - zum Curriculum?

Self-Marketing? Anbiete-Fähigkeit? Fähigkeit zum Sich-Andienen? Recht-mach-Fähigkeit? Anpassungsfähigkeit? Fähigkeit zum Sich-Abfinden? Richtiger Wechsel zwischen Großmäuligkeit und Bescheidenheit? Konkurrenzfähigkeit? Lückenaufspürkompetenz? Hohe Frustrationstoleranz? Durststrecken-Überwindungsfähigkeit? Fähigkeit zur Selbstinstrumentalisierung? Leidensfähigkeit? Kreative Bedeutungsaufblähung? Fremd- und Selbstausbeutungskompetenz? Positive Stellung zum Markt als bester aller ökonomischen Welten? Employability um jeden Preis?

11.12.2006 um 17:37 Uhr

Lehrerfortbildung: Vorherige Auseinandersetzung mit den Gegenständen unnötig?

von: soclyt

Lehrerfortbildung wird nicht nach dem Modell eines Seminars betrieben, was heißen würde, die Texte sind vorher zugänglich, die Teilnehmer lesen sie und überlegen sich etwas dazu, in der Sitzung wird dann diskutiert. Vorherige Auseinandersetzung mit den Gegenständen findet in den üblichen Formen der Lehrerfortbildung kaum statt; wenn, dann allenfalls in atomisierter Form einzelner - z.T. sehr emotionsgesteuerter und eher scheinkathartischer als erkenntnisorientierter - Bemerkungen zur Praxis. Es wird der Eindruck aufrechterhalten, man könne ad hoc Fundiertes zu einem komplexen Gegenstand sagen. Wann haben Lehrer zum letzten Mal einen wissenschaftlichen Text gelesen? Sich etwas zu überlegen und auf etwas zu kommen, braucht meistens Zeit; je untrainierter und unroutinierter man ist, desto höher ist der Zeitaufwand - in der Lehrerfortbildung wird häufig der gegenteilige Eindruck erweckt. Man beharrt auf diesen Redebeiträgen auf Improvisationsniveau. Man beläßt es beim Anschein von Erkenntnis.

Es ist klar, dass bei einer veränderten Vorgehensweise viele nicht kommen, viele die Texte nicht lesen würden, dass einige der Funktionen, die Fortbildungsveranstaltungen für die private Emotionsökonomie der Teilnehmer erfüllen, nicht mehr so stark im Vordergrund stünden, die Kursleiter weniger beliebt und nachgefragt wären, der Arbeitsaufwand auch für die Kursleiter sich erhöhen würde - aber vor diesen Problemen steht jeder, der Seminare durchführt.

Der Punkt ist: Es käme dann vielleicht etwas heraus.

Das scheint allerdings - nach dem gegenwärtigen procedere zu schließen - nicht der  vorrangige Zweck von Lehrerfortbildung zu sein.

07.12.2006 um 12:35 Uhr

Bildungsreform: Mehr Freiheit für die Schulen

von: soclyt

"Die Schulen benötigen vor allem mehr Freiheit. Eine Schule muss in der Lage sein, Probleme selbstverantwortlich und mit eigener Kraft lösen zu können" (M. Prenzel in WELT.de 3.12.2006).

"Mehr Freiheit" bedeutet in der gegenwärtigen Diskussion üblicherweise, dass die Schulen aufgrund des Sparkurses weniger finanzielle und andere Ressourcen erhalten und mit ihren Problemen selbst zurechtzukommen haben. Hier wird zwar für eine Verstärkung der Anstrengungen zur Unterstützung der Lehrkräfte "vor Ort" plädiert. An der Verlagerung der Problembearbeitung auf andere Ebenen wird festgehalten (bzw. sie wird als wünschenswert gesehen); damit bleibt die partielle Zustimmung zum oben skizzierten Programm bestehen.

Was heißt hier "mit eigener Kraft"? 

Die Formulierung läßt viele Interpretationen zu:

Die Schulen sollen Problemlösungen selber kreieren (in Eigenregie, ohne administrative Initiative)?

Sie sollen sie selber durchführen (ohne oder mit weniger Beteiligung der Administration)?

Sie sollen sie selber finanzieren (zumindest partiell über Sponsoren)? 

05.12.2006 um 12:52 Uhr

Ganztagesschule und ihre Interessenten: "Industrie will die Ganztags-Schule" (OÖNachrichten)

von: soclyt

Die östereichische Industriellenvereinigung (IV) setzt sich für die Ganztagesschule ein: "IV-Bildungssprecher Wolfgang Eder plädierte für die flächendeckende Einführung der Ganztagesschule, dies sei eine 'gesellschaftliche Notwendigkeit'" (OÖNachrichten 4.11.2006).

Aus welchem Grund wohl?

Es ist doch schön, wenn einmal die Interessen von Industrie, Politikern unterschiedlicher Provenienz, Eltern, progressiven Pädagogen, Schülern (?) zu konvergieren scheinen bzw. diese Konvergenz vorgegeben wird.

Allerdings: Cui bono?

Oder sind das wieder einmal lauter win-win-Situationen?

(Siehe dazu auch bildpolkrit vom 2.8.2005).

02.12.2006 um 13:01 Uhr

Der "Spiegel", die Griechen und die Vernunft II - "Genialer Taumel" und "kulturschaffende Raserei"

von: soclyt

"Was für ein genialer Taumel! Die Griechen, keine Frage, befanden sich damals in einer Art kulturschaffender Raserei" ("Spiegel" 48/2006, S. 204 - nicht Hohlspiegel).

Wo sich der Autor beim Verfassen des Artikels befunden hat, sei dahingestellt; anzunehmen ist, keine Frage, dass es sich um einen ähnlichen Zustand wie den oben dargestellten gehandelt hat, als der Schreiber auf das "Meer der Erkenntnis" hinausgesegelt ist und diesen Text mitgebracht hat.

Und auf dieser Grundlage hat Zenon sein Paradoxon entwickelt? Und aus diesem Zustand ist der logos entstanden? Auf welchem Weg?

Einen "Urknall der Wissenschaft" hat es nicht gegeben.

Was war nun ursächlich für diese Entwicklung? Befreiung der Sexualität? Übernahme und Weiterbearbeitung von Erkenntnissen aus anderen Kulturen? "Frühe Globalisierung"? Oder wissen wir es nicht (Schuller, a.a.O., S. 199)? Warum dann ein Artikel zur Entstehung der Vernunft?

Der Artikel wird zwar nicht dem Thema, aber dem Niveau des Craig'schen Titelbildes gerecht.

01.12.2006 um 12:21 Uhr

Der "Spiegel", die Griechen und die Vernunft - Die "Morgenröte des Frontallappens" und andere stilistische Errungenschaften

von: soclyt

Der Verfasser des Artikels "Morgenröte der Vernunft" (in "Spiegel" 48/2006, S. 190 ff.) hat im agon um "Spiegel"-charakteristische stilistische Hochleistungen glänzend abgeschnitten; ihm sind einige akmai der Darstellungs- und Formulierungskunst gelungen.

Ganz neu ist die These von der Bedeutung vor allem der kleinasiatischen Städte für die kulturelle Entwicklung Griechenlands nicht.

Wieso sollte Profisport in bezug auf die Entwicklung der Vernunft wichtiger sein als die einiges an Kenntnissen erfordernden Verfahren der Mumifizierung?

Was ist die "Lehmform kultisch-religiösen Daseins" (S. 191 f.)? Wieso Lehmform?

Ob die Religionen des Alten Orients dazu geeignet waren, als "süßer Duft" überall zu "wogen" und als Opium "fürs" Volk - auch hier wieder das ewig-gleiche falsche Zitat - "ausgelebt" zu werden oder nicht eher Reproduktionsfunktion für soziale Hierarchien mit Hilfe restriktiver Normen hatten, wäre eigens zu klären. 

"Westlicher Wissensdurst contra östliche Glaubenskraft - diese Front ist immer noch aktuell": Ist das tatsächlich so? Was ist mit China, Japan, Teilen der indischen Entwicklung? Oder ist dieser Teil Asiens hier nicht gemeint? Was ist mit der arabischen Wissenschaft und Philosophie des Mittelalters?

Sollen die Griechen hier als Prototypen und Protagonisten abendländischen Unternehmertums gesehen werden (S. 200)?

"Geistiges Wetterleuchten", "Morgenröte des Frontallappens", Philosophieprofessoren sind "weltferne Grübler", die "frühen Brüter aus Ionien indes nicht", Alkmaios "klampft", Heraklit "nervt" - müssen "Spiegel"-Artikel so geschrieben werden? Wenn die Griechen so formuliert hätten wie der Autor des Artikels, hätten sie einige Schwierigkeiten gehabt, den logos zu entwickeln.