Taoistische Reflektionen

22.03.2011 um 23:59 Uhr

Tao 630

von: tao

Musik: David Sun Productions: Healing Ocean (Part 1)

 

Du hast nicht wirklich geliebt,

das ist das Problem, nicht der Hass --

Hass ist nicht das Problem.

Du hast nicht wirklich geliebt.

Dunkelheit ist nicht das Problem --

du hast kein Licht.

Wenn Licht da ist,

dann verschwindet die Dunkelheit.

Du hast nicht geliebt.

Du fantasierst, du imaginierst, du träumst,

aber du hast nicht geliebt.

Liebe.

Aber das heißt nicht,

dass bloß dadurch, dass du liebst,

der Hass sofort verschwinden wird.

Nein.

Der Hass wird kämpfen, der Hass wird sich wehren.

Jeder möchte überleben.

Je mehr du liebst,

desto stärker wird Hass aufkommen.

Aber du wirst staunen,

denn du wirst feststellen,

dass der Hass kommt und geht,

er tötet die Liebe nicht;

er macht sie vielmehr stärker,

denn Liebe kann auch Hass absorbieren.

Wenn du einen Menschen liebst,

kannst du ihn in gewissen Momenten hassen,

aber das zerstört die Liebe nicht;

es bereichert die Liebe viel mehr.

 

21.02.2011 um 20:59 Uhr

Tao Te King 1 (40)

von: tao

Musik: Let The Nightsky Envelope Us von Oöphoi

Alles ist miteinander verbunden,
nichts existiert wie eine Insel.
Der Versuch, als Insel zu existieren, könnte möglich sein
aber es würde ein unirdisches Phänomen sein,
eher ein Mythos, ein Traum.
Laotse glaubt an Interdependenz.
Er sagt: Nimm alles, wie es ist -- sei nicht wählerisch.
Das scheint einfach zu sein
und doch ist es am schwierigsten
denn das Denken möchte immer eine Wahl treffen.
Das Denken lebt durch die Entscheidung,
wenn du dich nicht entscheidest, fällt das Denken weg.
Also ist Laotses Weg, das Denken loszulassen:
Wähle nicht.
Darum schreibt er nie irgendeine Meditation vor,
denn dann besteht keine Notwendigkeit
für irgendeine Meditation.
Wähle nicht, lebe das Leben, wie es kommt --
treibe dahin.
Unternimm keinerlei Anstrengung,
irgendwohin zu kommen;
bewege dich auf kein Ziel zu;
genieße den Moment in seiner Totalität,
und kümmere dich nicht
um die Zukunft oder die Vergangenheit.
Dann steigt eine Symphonie in deiner Seele auf,
das Niedrigste und das Höchste begegnen sich in dir,
und dann, dann hast du Reichtum.

19.01.2011 um 00:06 Uhr

Tao Te King 70 (14)

von: tao

 
Hast du schon manchmal beobachtet
wie eine Sache
langweilig sein kann
und die gleiche Sache kann ganz ganz besonders interessant sein?
Es gibt Momente, da
hörst du eine Symphonie von Beethoven
zum ersten Mal,
und es ist so erfüllend, so absorbierend,
die Musik zieht dich in ihren Bann,
du schwingst mit ihr,
du vergißt dich selbst komplett,
du hast dich in der Musik verloren,
sie ergreift Besitz von dir,
du begibst dich in eine andere Welt.
Dann hörst du die gleiche Symphonie das nächste Mal
sie ist nicht mehr so schön.
Und beim dritten Mal wird es schon fast langweilig.
Und dann das vierte Mal... und das fünfte Mal,
und du bist völlig gelangweilt...
Ist nun gelangweilt sein eine Qualität der Symphonie?
Ist Langeweile ein Teil der Symphonie
oder ist sie etwas, das du in sie hineinbringst?
Wenn die Symphonie an sich langweilig ist,
dann muss sie beim ersten Mal
auch schon langweilig gewesen sein.
Diese Eigenschaft kann nicht zur Symphonie gehören.
Sie gehört zu dir.
Beim ersten Mal warst du aufgewühlt.
Das erste Mal fragtest du dich, wohin das geht,
was als nächstes passieren würde.
Beim ersten Mal hattest du ein kindliches Herz --
du warst ganz aufgeregt!
Verrückt 

15.01.2011 um 22:45 Uhr

Tao Te King 41 (20)

von: tao

Musik: Darkness von Natures´s Rhythm´s


Jemand fragte Laotse: Wie hast du es erreicht?
Er sagte: Ich saß gerade unter einem Baum
und ich hatte alles getan, was getan werden konnte,
alles, was menschenmöglich war
und ich war völlig frustriert.
Viel hatte sich schon dadurch getan, aber nicht alles;
etwas fehlte noch, stand noch aus,
und dieses fehlende Bindeglied
war am schwierigsten zu finden, war schwer fassbar.
Dann, während ich unter einem Baum saß,
fiel ein Blatt, ein welkes Blatt,
langsam vom Baum und tanzte im Wind,
Der Wind kam von Süden her,
das Blatt schwebte gen Norden;
dann drehte der Wind
und begann von Norden zu wehen,
und das Blatt begann nach Süden zu fliegen;
dann legte sich der Wind --
und das Blatt fiel auf die Erde,
ohne eine einzige Beschwerde,
ohne Kampf von seiner Seite,
ohne eigenständige Richtung.
Bei Nordwind schwebte es nach Süden,
bei Südwind schaukelte es gen Norden,
als der Wind aussetzte,
landete es auf der Erde und ruhte wunderschön dort.
Dann kam wieder etwas Wind auf
und wieder erhob es sich hoch in den Himmel --
aber das war kein Problem.
Plötzlich verstand ich es,
die Botschaft war angekommen.
Von diesem Tag an wurde ich ein welkes Blatt
und das fehlende Bindeglied, das sich mir so entzogen hatte, war nicht mehr unfaßbar.
Was gefehlt hatte, war nur dies:
Du kannst viele Dinge durch Anstrengung erreichen
aber du kannst Tao nicht mit Anstrengung erlangen.

11.01.2011 um 23:51 Uhr

Tao 629

von: tao

Musik: solo for river von guitarotherapy

 Photo URL

Wenn du wirklich zuhören willst, dann darf dein Denken nicht verengt sein. Richtig zuhören kannst du nur, wenn du entspannt und offen bist; werde ein Schwamm. Sauge es auf. Lass es in dich sinken. Hör zu, wie du den Vögeln zuhörst, die in den Bäumen singen oder wie du dem Plätschern des rauschenden Wassers zuhörst. Es ist ohne Bedeutung.  Hör zu, wie du Musik hörst. Musik hat keine intellektuelle Bedeutung.  Du hörst ihr zu -- du trinkst sie einfach, du läßt sie ein in dich, in deine innerste Mitte. Und du genießt es. Wenn jemand dich später fragt, ob du dich noch erinnerst, welche Musik du gehört hast, wirst du gar nichts mehr sagen können. Du wirst sagen: "Ich genoß es, es war schön, es war etwas, das mich ganz durchwirkte. Ich war erfrischt danach, ich wurde durch die Musik lebendiger, ich spürte, wie eine plötzliche Freude in meinem Herzen aufkam." Aber das sind die Wirkungen, die die Musik auf dich hat; über die Musik selbst gibt es nichts mehr zu sagen. Hör zu, wie du es bei Musik tust. Und mach dir keine Sorgen. Wenn du vergißt, was du gehört hast, gut. Du mußt es dir nicht merken.

 

28.12.2010 um 23:30 Uhr

Tao 628

von: tao

Musik: solo for river von guitarotherapy


Aber du solltest dem Arzt nicht sagen, welche Arznei dir gegeben werden sollte, du solltest dir nichts selbst verschreiben. Doch du kommst nicht nur mit einer Krankheit, du kommst auch gleich mit einem Rezept. Du möchtest, dass der Arzt es unterschreibt, dann wirst du sehr glücklich sein. Wenn du dich selbst verarzten kannst, dann brauchst du keinen Doktor -- dann verarzte dich selbst. Wenn du dich aber nicht selbst verarzten kannst, dann höre auf das, was der Taoismus sagt, meditiere darüber -- über all seine Nuancen, all die Bedeutungen, ob subtil oder offensichtlich, die darin enthalten sind. Würdest du darauf meditieren, würde dir der taoistische Hammer immens helfen können. Ein 500-Kilo-Vorschlaghammer muss benutzt werden, weil du solch ein Dickkopf bist. Der ist schon fast wie ein Felsen. Und doch ist zu befürchten, dass der Hammer das nicht überleben wird. Je fähiger du wirst, desto härter wird es sein, desto mehr wirst du größere Schocks verkraften können. Natürlich, am Anfang kann die Existenz nicht sehr hart zuschlagen, sie muss sehr vorsichtig sein und langsam vorgehen. Je näher du der Wahrheit kommst, desto sicherer kommt der Moment, wo du hart getroffen werden wirst. Dann beglückwünsche dich selbst: Du bist existentiell herangereift.

26.12.2010 um 02:58 Uhr

Tao Te King 64 (18)

von: tao

Musik: I Croce di spine von Adamennon

Verschiebe nichts,
und sag nicht: Das ist solch eine Kleinigkeit,
darum kann ich mich morgen kümmern.
Nichts ist so unwichtig.
Wenn du nicht wachsam bist,
wird diese Angelegenheit in der Zeit,
bis das Morgen kommt,
schon groß und wichtig geworden sein;
und dann wirst du in Schwierigkeiten sein.
Und vielleicht kannst du es morgen dann
schon nicht mehr in den Griff kriegen.
Lass die Probleme niemals unabgeschlossen zurück,
auf diese Weise wirst du dich belasten.
Lebe immer ein Leben,
das von Moment zu Moment komplett ist.
Was du auch immer zu tun hast, tue es jetzt.
Was du auch immer zu sagen hast, sage es jetzt.
Was du auch immer zu sein hast, sei es jetzt.
Sage nicht: Morgen,
im Morgen ist der Narr zuhause.
Das ist der Weg, den die Stupidität immer weiter geht
der Weg des Aufschiebens.
Wenn du in diesem Moment
alles vervollständigen kannst,
bist du immer frisch für den nächsten Moment,
da bleibt nichts zurück,
nicht einmal ein Katzenjammer.
Und wenn der Tod zu solch einem Menschen kommt,
ist er immer schon bereit und glücklich,
weil er niemals irgendetwas unvollständig gelassen hat.
Er ist immer bereit, denn er ist immer vollständig.

24.12.2010 um 21:50 Uhr

Südliches Blütenland 19/13 (36)

von: tao

Musik: Nein, das ist keine Schwanenflügelknochen-Flöte von Andrej & Paddy


Wenn du wachsam bist, und bewußt,
wird es dir unmöglich sein, zu schießen und zu töten.
Also besteht die ganze militärische Ausbildung darin
Bewußtheit und Aktion auseinanderzubringen,
sie von einander zu trennen
und dazwischen eine Kluft zu erzeugen.
Also verselbständigt sich die Bewußtheit
und die Handlungsebene verselbständigt sich auch
und sie werden zu parallelen Ebenen,
die sich nie mehr treffen.
Genau im Gegensatz dazu
verläuft der Lernprozess eines Taoisten:
Da geht es darum, wie man diese Kluft eliminiert,
die sich zwischen Bewußtheit und Handlung auftut --
wie man diese beiden Ebenen zusammenbringen kann.
Es sollten keine parallelen Ebenen sein,
sie sollten ein Ganzes werden
Es geht darum, wie du
bei jeder deiner Handlungen bewußt sein kannst,
wie du kein Automat mehr bist.
Und wenn all deine Automatismen verschwinden
bist du erwacht; dann bist du ein Mensch des Tao.
Durch Regeln kann dies nicht bewirkt werden.
Durch Regeln
kannst du zu einem Soldaten gemacht werden
aber du kannst nicht
zu einem Taoisten gemacht werden.,
 

22.12.2010 um 23:49 Uhr

Tao 627

von: tao

Musik: relaxation von guitarotherapy

Ein Meister hat es nicht nötig...er hat den Schüler nicht nötig, der Anführer hat den Nachfolger nötig -- das ist der Unterschied zwischen einem Führer und einem Meister. Ein Meister ist kein Anführer. Der Führer kann nicht ohne den Nachfolger existieren, der Anführer braucht den Jünger. Der Anführer überredet ständig seine Nachfolger: "Ich bin unabdingbar notwendig", aber er ist von seinem Nachfolger abhängig. ein Anführer ist ein Nachfolger der Nachfolger. Er schaut sich nach seinen Jüngern um -- was sie wollen, und das wird er dann tun. Bedenke, Jesus war ein Meister, der Papst ist ein Anführer. Der ursprüngliche Shankaracharya war ein Meister, der Shankaracharya von Puri, der jetzt sein Vertreter ist, ist ein Anführer. Mohammed war ein Meister, aber der Maulwi ist ein Anführer.

Ein Meister ist einer, dessen Bedürfnisse verschwunden sind, der selbst verschwunden ist...woran können sich da Bedürfnisse noch halten? Wünsche brauchen ein Ego, an das sie sich andocken können. Er ist bedürfnislos: Ob du da bist oder nicht, macht für ihn keinen Unterschied.

20.12.2010 um 23:50 Uhr

Tao Te King 22 (24)

von: tao

Musik: solo for river von guitarotherapy

Die Christen haben so viel gemordet,

sie sind die fachkundigsten Mörder in der Welt.

Und sie sagen, so folgen Jesus. Nein, tun sie nicht.

Es ist unmöglich, Jesus zu folgen,

es sei denn, du gibst das logische Denken auf.

Die Christen bleiben immer noch Juden;

tatsächlich haben sie ihr Jüdisch-Sein

bis zum äußersten Extrem weiterentwickelt.

Jesus bleibt immer noch

ein unwillkommener Fremder in der Welt.

Jesus sagt irgendwo

dass das Geflügel seine Nester hat,

die Tiere ihre Höhlen haben,

aber der Menschensohn keinen Platz hat,

wo er sein Haupt betten könnte.

Für Jesus existiert immer noch kein Zuhause.

Sogar die christlichen Kirchen

würden ihn nicht hineinlassen,

wenn er wiederkommt,

sie werden einfach ihre Türen verschließen,

denn dieser Mensch bringt Unlogik und Absurdität.

18.12.2010 um 15:47 Uhr

Tao Te King 56 (19)

von: tao

Musik: Eye Of The Storm von Instrumental Sounds Of Nature


Aber wenn du deine Augen

vierundzwanzig Stunden lang geschlossen halten kannst,

ist das eine Leistung,

denn das Denken ist so ruhelos

und verlangt ständig nach Informationen,

dass es zu ersticken beginnt,

wenn du ihm keine Informationen mehr gibst.

Tatsächlich beginnt es zu sterben.

Darum kann der Sinnesentzug, die Sinnesberaubung,

der sensorische Entzug zum Tod des Denkens werden.

Viele Experimente sind schon gemacht worden,

werden immer noch gemacht, überall auf der Welt,

mit völligem Reizentzug.

Wenn all deine Sinne

ihrer gewohnten Nahrung beraubt sind,

scheint die Zeit nie zu enden.

Eine Stunde ist tatsächlich vergangen --

doch für dich war es eine Ewigkeit.

Du  magst es total gemütlich haben,

du ruhst in einem Tank

der wie ein Mutterschoß gemacht ist,

du treibst in lauwarmem Wasser,

ohne Angst,

Dunkelheit umgibt dich --

es ist schön; du hast keine Sorgen,

du entspannst dich einfach wieder im Mutterschoß --

aber innerhalb von Minuten beginnst du

solch eine tiefgehende Ruhelosigkeit zu empfinden.

Das Denken fordert seine ständige Nahrungszufuhr.

09.12.2010 um 23:29 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (21)

von: tao

Musik: Nein, das ist keine Schwanenflügelknochen-Flöte von Andrej & Paddy

Photo URL 
 
Es ist eine Fertigkeit, die größte Kunstfertigkeit,
und sie ist so heikel und subtil
dass dabei nichts bewußt getan werden kann,
du mußt einfach in der Nähe sein und es aufsaugen.
Dieses Wort muss bedacht werden -- aufsaugen.
Ein Mensch des Tao muss aufgesaugt und vernascht werden,
bis er zu deinem Fleisch und Blut geworden ist, er in dir fließt.
Seine Präsenz muss absorbiert werden
und du musst es in dir tragen.
Das ist die größte Kunst der Welt --
einen Gott aus einem Menschen zu machen
einem Menschen, der immer dazu neigt, zum Tier zu werden 
einen Gott aus ihm zu machen, das Denken zu ändern,
das Ego loszulassen,
dem Letztendlichen zu gestatten, sich in ihm zu ereignen.
Das ist so, wie wenn man den Ozean in einen Tropfen bringt,
wie wenn der Ozean in den Tropfen hineintropft.
Das ist die höchste, die erhabenste Kunstfertigkeit.
Keine Schriften können das beinhalten,
sie können es nur andeuten.
Du mußt in der Nähe eines lebenden Menschen des Tao sein,
um kennenzulernen, was das bedeutet.

)

 

06.12.2010 um 18:45 Uhr

Tao Te King 16 (23)

von: tao

Musik: Darkness von Natures´s Rhythm´s

 
Warum lieben es die Leute, eingefroren zu sein?
Weil ein gefrorener Fluss nicht ins Meer fließen kann. Der Ozean bedeutet den Tod.
Der Fluss wird verschwinden, für immer verschwinden,
er wird eins mit dem Unendlichen werden,
er wird kein Individuum mehr bleiben.
Er wird keinen eigenen Namen mehr haben:
Der Ganges wird dann nicht mehr der Ganges sein,
die Wolga wird nicht mehr die Wolga sein.
Sie verschwinden im Unbekannten.
Wenn das Denken Angst hat,
wird es zu einem Wirbelwind der Gedanken.
Wenn du zu sehr ein denkender Mensch bist,
ständig am Denken vom Morgen bis zum Abend,
vom Abend bis zum Morgen,
am Tag: Gedanken und Gedanken und Gedanken,
in der Nacht: Träume und Träume und Träume --
dann ist dein Fluss eingefroren.
Auch das ist Teil der Furcht:
Dein Fluss ist so gefroren,
dass du dich nicht bewegen kannst,
also bleibt der Ozean weit weg.
Wenn du dich bewegst,
wirst du in den Ozean plumpsen.

02.12.2010 um 03:22 Uhr

Tao Te King 9 (32)

von: tao

Musik: Revitalising Waterfall von Natural Sounds

"Wenn Gold und Jade deine Halle füllen
wirst du sie nicht sicher aufbewahren können."
Alles, was zuviel ist,
wird zwangsläufig weggenommen werden.
Es geschah einmal, dass
ein Schüler von Laotse zum Richter gemacht wurde.
Der erste Fall, der im Gericht vor ihn gebracht wurde war ein Dieb,
der gestanden hatte, dass er gestohlen hatte.
Der Fall lag klar -- der Dieb hatte gestanden,
die Sachen waren gefunden worden --
aber der Schüler von Laotse
entwickelte eine sehr, sehr eigenartige
Herangehensweise und Einstellung zu dem Fall.
Er sperrte den Dieb für sechs Monate ein
und er warf auch den Mann,
dem er die Sachen gestohlen hatte,
ins Gefängnis.
Natürlich konnte es der reiche Mann nicht fassen.
Was für ein Unsinn!
Seine Sachen waren gestohlen worden
und weswegen war er verurteilt worden?
Laotses Schüler sagte: Du hast zuviel angesammelt.
Wenn ich dem Problem auf den Grund gehe,
dann hast du diesen Mann zum Diebstahl provoziert.
Im ganzen Dorf sind die Leute arm,
sie sind fast schon Hungerleider,
und du türmst immer noch weiter Reichtümer auf.
Für alles gibt es eine Grenze.
Wenn ich nach dem wirklichen Verbrecher suche,
dann bist du der eigentliche Kriminelle!
Du hast mit der ganzen Sache doch erst angefangen.
Dieser Dieb ist bloß ein Opfer.
Ich weiß, dass er sich nicht beherrschen konnte,
das ist sein Fehler,
aber du hast zuviel angehäuft,
und wenn sich Reichtümer zu sehr
bei einem Menschen akkumulieren
dann kann die Gesellschaft nicht moralisch bleiben,
sie kann einfach sich einfach nicht mehr
an Recht und Ordnung halten.
Diebe werden wie Pilze aus dem Boden schießen,
Räubereien werden vorkommen,
Morde werden geschehen,
alles, was unmoralisch ist, wird vorkommen.
Das geschieht dann zwangsläufig.
Niemand hörte auf ihn.
Der Richter wurde seines Postens enthoben.
Der Herrscher sagte: Das geht zu weit.
Dieser Mann ist gefährlich.
Eines Tages wird er mich fangen --
denn wenn er zu den noch tieferen Wurzeln geht,
wird er mich dort finden.
Dieser Mann muss entfernt werden.

30.11.2010 um 22:24 Uhr

Südliches Blütenland: Die Flucht vor dem Schatten (24)

von: tao

Vor 46 Jahren wurde in Indien ein Junge gefunden
in Uttar Pradesh in der Nähe von Lucknow.
Der gleiche Vorfall war schon vorher passiert --
Wölfe scheinen zu Kindern sehr liebevoll zu sein.
Sie hatten das Kind, einen Jungen, aufgezogen.
Als er eingefangen wurde, war er zwölf Jahre alt. Dieses Mal bemühten sich Ärzte sehr um ihn.
Sie nahmen ihn stationär auf, sie massierten ihn,
sie gaben ihm Arzneien und noch alles mögliche. Innerhalb von sechs Monaten war das Kind tot,
weil sie versucht hatten,
ihn zu einem menschlichen Wesen zu machen
und sein ganzes Wesen wehrte sich dagegen.
Als sie ihn damals zu fassen bekommen hatten,
war er so gesund,
wie kein menschliches Wesen es je gewesen war.
Er war wild, er war ein Wolf,
und als sie ihn ins Krankenhaus eingewiesen hatten
und begonnen hatten, ihn zu behandeln,
wurde er krank;
innerhalb von sechs Monaten brachten sie ihn um.
Sie versuchten,
ein menschliches Denken zu kreieren,
aber das war unmöglich.
Sie hatten nur insoweit Erfolg,
dass sie ihn trainieren konnten, ein Wort zu sagen, seinen Namen. Sie nannten ihn Ram.
In sechs Monaten war das ihr einziger Erfolg.
Wenn man ihn fragte: Was ist dein Name?
konnte das Wolfskind sagen: Ram. Das war alles.
Das Denken ist eine soziale Funktion.
Ein Wolf benötigt ein Denken
für eine Gesellschaft von Wölfen;
ein Mensch benötigt ein Denken
für eine Gesellschaft von Menschen.
Und deswegen existieren viele Arten
menschlichen Denkens,
weil es soviele Gesellschaften auf der Erde gibt.
  

29.11.2010 um 23:45 Uhr

Tao 626

von: tao

Musik: Sultry Tropical Rain (Part 1) von Recorded Live With Natural Sounds

 
Wenn du denkst, dass Hass die Liebe tötet,
und dass Wut Mitgefühl tötet,
dann liegst du total falsch,
denn dann gäbe es keine Möglichkeit,
es wäre unmöglich,
dass da jemals Liebe wäre
oder dass Mitgefühl aufkommt.
Dann bist du gefangen,
dann kannst du da nicht mehr herauskommen.
Du hast Millionen von Leben lang mit Hass gelebt --
er würde das Mitgefühl schon abgetötet haben.
Aber schau... Liebe gibt es immer noch.
Hass kommt und geht, aber Liebe überlebt;
Wut kommt und geht, aber Mitgefühl überlebt.
Der Hass ist nicht imstande gewesen,
die Liebe zu töten;
die Nacht ist nicht imstande gewesen,
den Tag zu töten;
die Dunkelheit ist nicht imstande gewesen,
das Licht zu ermorden.
Nein, sie überleben immer noch.
Also, als erstes können wir feststellen
dass sie nicht getötet worden sind. Das zum einen.
Und alles weitere
wird  dann erst später möglich sein,
wenn du wirklich liebst.

24.11.2010 um 19:39 Uhr

Quellender Urgrund 1/6 (7)

von: tao

 
Konfuzius war immer auf der Suche nach Wissen. Er war immer auf der Suche nach jemandem, der ihm etwas sagen konnte. er war immer bereit, Wissen zu übernehmen. Auf diese Weise funktioniert der Intellektuelle: Alles, was er hat, ist ausgeliehen; er schaut niemals nach innen, er sieht ständig nach außen -- "Wenn jemand etwas weiß, dann sollte ich mich darüber schlau machen." Der Intellektuelle ist ein Nachmacher, mechanisch, wie ein Papagei; für den Intellektuellen ist Wissen etwas, das gelernt werden muß. Niemals sieht er in sein eigenes Wesen hinein, niemals sieht er in sein eigenes Bewußtsein hinein; er versucht niemals, den Wissenden zu verstehen. Er ist hinter dem Wissen her -- und das ist der Unterschied. Der Taoist ist nicht auf Wissen aus, aber er möchte wissen: Wer ist dieser Wissende? Was ist dieser Wissensprozeß? Er möchte die Quelle dieses Kennenlernens erkennen, von wo dieses Bewußtsein herkommt, wo es entsteht. Du bist hier, du liest dies gerade. Nun kannst du entweder ein Konfuzianer oder ein Taoist sein, denn dies sind die einzigen beiden Standpunkte, die möglich sind. Wenn du das liest und  mehr und mehr an dem interessiert bist, was ich da schreibe und dies zu sammeln beginnst, dann bist du ein Konfuzianer.

13.11.2010 um 00:39 Uhr

Südliches Blütenland 27/11 (27)

von: tao

Musik: Healing Ocean Part 3 von David Sun Productions

 
"Hast du von dem Vogel gehört
der im Süden lebt?"
Für China ist Indien der Süden,
und dieser Vogel lebt dort.
Man sagt, dass Laotse, als er verschwand,
in Richtung Süden verschwand.
Sie wissen nicht, wann er starb, er starb niemals.
Solche Leute sterben nie,
sie gehen einfach in den Süden --
sie verschwinden in Richtung Indien.
Man sagt, dass Bodhidharma aus dem Süden kam.
Er verließ Indien und suchte nach dem Schüler
auf den er den Schatz des Buddha übertragen sollte.
Nach neun Jahren des Wartens war er dann imstande,
ihn zu übermitteln
und man sagt,
dass er dann wiederum Richtung Süden verschwand.
Indien ist für China der Süden.
Wirklich, alle Mythen haben ihren Ursprung in Indien.
Es gibt keinen einzigen Mythos in der ganzen Welt
der nicht dort entstanden wäre.

11.11.2010 um 20:53 Uhr

Südliches Blütenland 23/5 (17)

von: tao

Musik: Song Of The Whales von Instrumental Sounds Of Nature

Ich kann die Verantwortung
nicht auf die Gesellschaft schieben.
Und was ist eigentlich mit "Gesellschaft" gemeint?
Wo ist diese Gesellschaft?
Das ist eine der größten Ausflüchte.
Es existieren nur Individuen --
du wirst niemals auf die Gesellschaft stoßen.
Du wirst niemals mit dem Finger darauf zeigen können:
Das ist die Gesellschaft.
Überall existiert das Individuum,
und Gesellschaft ist bloß ein Wort.
Wo ist die Gesellschaft?
Antike Zivilisationen bedienten sich eines Tricks.
Sie sagten:
Gott ist dafür verantwortlich,
das Schicksal ist verantwortlich.
Nun spielt der Kommunismus das gleiche Spiel
indem er sagt, dass die Gesellschaft verantwortlich ist.
Aber wo ist die Gesellschaft?
Gott mag irgendwo sein,
die Gesellschaft ist nirgendwo;
es gibt nur Individuen.
Der Taoismus sagt:
Du bist, oder besser, ich bin, verantwortlich.
Keine Erklärung ist mehr nötig,
um sich dem zu entziehen.
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10.11.2010 um 00:19 Uhr

Tao 625

von: tao

Musik: Angel´s Redemption von Celestial Aeon Project

 

Sie haben alle versucht,

dich dazu zu bringen,

nur an einem Pol zu leben.

Diesen Pol nennen sie Gott,

Mitgefühl, Liebe --

alles das, was gut ist,

all das, was schön brav ist.

Den Gegenpol nennen sie

den Teufel,

alles, was schlecht ist.

Laotse befürwortet nicht

diese Aufteilung, diese Dichotomie,

diese Schizophrenie.

Er ist für beides.

Und dann geschieht

eine plötzliche Transformation:

Zerstörung wird

zu einem Teil der Schöpfung --

das ist sie --

und Hass wird

zu einem Teil der Liebe.