Taoistische Reflektionen

30.06.2005 um 16:05 Uhr

Tao 21

von: tao

Es passierte Ramakrishna – die erste Erfahrung der Egolosigkeit. Er war erst dreizehn. Er kam gerade vom Feld nach Hause – er war der Sohn eines armen Mannes und lebte in einem kleinen Haus. Gerade ging er am See vorbei. Ein stiller Abend, der Sonnenuntergang, und niemand war auf dem See; nur er kam zum See... Eine große Schar weißer Kraniche stand am Ufer des Sees. Plötzlich flogen sie auf – es war so plötzlich, es kam ganz unerwartet – und vor dem Hintergrund einer schwarzen Wolke, die im Schein der untergehenden Sonne wie Samt schimmerte, blitzten diese weißen Kraniche, die in einer Reihe flogen, wie ein Blitz vor seinen Augen. Es war ein ganz besonderer Moment !

Er fiel zu Boden. Er war so ergriffen von dieser Schönheit, daß er ohnmächtig wurde. Er mußte von anderen nach Hause getragen werden. Nach einer Stunde hatte ihn jemand gefunden, wie er immer noch bewußtlos am Ufer des Sees lag. Es dauerte sechs Stunden, bis man ihn wieder ins Bewußtsein zurückgebracht hatte. Als er wieder zu Bewußtsein kam, fing er zu weinen an. Und man fragte ihn: "Warum weinst du denn ? Du solltest glücklich sein -- du bist wieder zu Bewußtsein gekommen."

Er sagte: "Nein, ich weine, weil ich wieder zurück in die gewöhnliche Welt gekommen bin. Ich war nicht unbewußt. Ich hatte mich auf eine höhere Ebene des Bewußtseins begeben, ich war auf irgendeine neue Bewußtseinsebene gekommen. Ich weiß nicht, was es war, aber ich war nicht da und doch war da große Freude. Ich hatte noch nie solch eine Freude gekostet !"

Das war seine erste Erfahrung, sein erstes Satori: Ein Moment der Egolosigkeit. Dann begann er ganz überlegt und bewußt danach zu suchen und zu forschen. Er ging immer wieder am Morgen zu dem See, am Abend, in der Nacht, und es begann immer öfter und immer leichter sich zu ereignen.

Auch uns geschieht es; jedem ist das schon einmal passiert. Tao ist für jeden da. Wir mögen das vergessen haben; Tao hat uns nicht vergessen – es kann nicht. Es ist nicht nur so, daß wir nach Tao suchen; Tao sucht auch nach uns, es macht sich uns bemerkbar.

Der Taoismus rät also niemandem, das Ego aufzugeben. Der Taoismus rät dazu, es zu sehen, es zu verstehen. Wenn wir es sehen können, verschwindet es. Also ist es günstig, sich all der Momente bewußt zu werden und sie genau in Augenschein zu nehmen, wenn das Ego ganz von selbst verschwindet. Bei körperlicher Liebe kann es verschwinden, bei einem tiefen Orgasmus verschwindet es; wir schmelzen dahin und gehen auf in der Existenz.

 

29.06.2005 um 03:04 Uhr

Tao 20

von: tao

Das Ego verschwindet ganz von selbst. Wir geben es nicht auf. Wenn wir es loslassen würden, wer würde es dann loslassen ? Dann würde das Ego überleben; denn es wäre das Ego, das ein anderes Ego aufgibt, das subtilere Ego läßt das gröbere Ego fallen. Und das ungehobelte Ego ist nicht gefährlich, das subtile Ego ist gefährlicher. Dann werden wir ein frommer Egoist werden, wir werden ein bescheidener Egoist werden, wir werden ein spiritueller Egoist sein. Dann werden wir ein "egoloser" Egoist sein. Und das heißt, vom Regen in die Traufe zu kommen, denn so schaffen wir uns immer mehr Widersprüchlichkeiten.

Besser wir versuchen zu verstehen, was dieses Ego ist. Besser, wir sehen es uns einfach an, wir schauen ihm zu. Besser, wir werden uns all seiner subtilen Strategien bewußt, wie es sich immer wieder ins Spiel bringt. Und es gibt Momente, da ist es nicht da – auch diese Momente sind bemerkenswert. Auch wir haben diese Momente, wenn das Ego nicht da ist. Das Ego braucht ein ständiges in die Pedale treten – es ist wie ein Fahrrad. Wenn wir immerzu in die Pedale treten, kann es sich immer weiter bewegen; wenn wir aufhören, uns abzustrampeln ... wie weit kann das Ego noch gehen, ohne daß wir ihm die Spannung liefern ? Vielleicht noch einige Meter, vielleicht noch einige Minuten, soweit wie es noch ausrollen kann, aber dann wird es umkippen müssen.

Das Ego muß ständig genährt werden. Und es gibt Momente, in denen wir vergessen, es zu füttern, und es verschwindet. Wir erblicken zum Beispiel einen schönen Sonnenuntergang, und es verschwindet, weil der Sonnenuntergang uns so total in seinen Bann gezogen hat. Er ist so schön, er ist so außergewöhnlich, so phänomenal, dieser Sonnenuntergang läßt uns ehrfürchtig staunen. Einen Augenblick lang vergessen wir völlig, daß wir sind, da ist nur noch der Sonnenuntergang, und die Wolken und die leuchtenden Farben auf den Wolken, und die Vögel kehren in ihre Nester zurück. Der Tag geht zu Ende und still beginnt die Nacht. Wenn dann die Sonne langsam unter dem Horizont verschwindet, macht etwas halt, bleibt etwas in uns stehen.

28.06.2005 um 01:56 Uhr

Tao 19

von: tao

Dem Taoismus ist es also nicht wichtig, was wir tun.

Details sind nicht wichtig. Was auch immer wir in unserem Schlaf getan haben, ist alles das gleiche. Ob wir tugendhaft gewesen sind oder ein Sünder, ob wir ein Heiliger gewesen sind oder eine Inkarnation des Teufels, spielt keine Rolle.

Unbewußte Handlungen sind unbewußte Handlungen; sie sind alle gleich. Der eine Mensch kann träumen, daß er ein Sünder ist, ein Mörder; ein anderer Mensch kann träumen, daß er ein großer Heiliger ist. Am Morgen werden sie beide feststellen, daß sie geträumt haben – alle Träume sind das gleiche. Dem Taoismus kann man mit so etwas nicht kommen.

Die einen sitzen im Gefängnis, die anderen wähnen sich in Freiheit. Wir alle haben lebenslänglich. Die einen sind außerhalb des Gefängnisses eingekerkert, die anderen sind innerhalb des Gefängnisses eingesperrt. Die einen sind in einem kleineren Gefängnis, die anderen sind in einem größeren Gefängnis; das spielt keine Rolle. Aber wenn wir Taoisten werden wollen, geht es nur darum, den Trick herauszukriegen, wie man hier und jetzt sein kann.

Wir können alles sein und werden, was wir wollen, aber wir sollten es nicht an die große Glocke hängen, es sollte nicht zu einem Egotrip werden.

Das ist eines der Probleme, dem sich all diejenigen Menschen gegenübersehen, die etwas Transzendentales erlebt haben. Das Jenseits kann nicht in Worte gefaßt werden. Es bleibt unausdrückbar, aus dem einfachen Grund, daß wir nur das verstehen können, was wir erlebt haben.

Ich bin danach gefragt worden, ob und wie man das Ich aufgeben kann. Ich kann nicht sagen, daß man das Ich fallen lassen soll, das ist unmöglich. Sogar wenn wir es aufgeben wollen, können wir es nicht aufgeben. Das ist unmöglich, denn das Ego existiert nicht. Wie können wir etwas aufgeben, was gar nicht existiert ? Ehe wir etwas fallenlassen können, muß es erst einmal existieren. Aber das Ego ist ein falsches Phänomen; niemand ist jemals imstande gewesen, es fallen zu lassen.

Was meint der Taoismus dann, wenn er sagt: Lerne das Geheimnis, egolos zu sein ? Er meint damit nicht, daß wir das Ich aufgeben sollen, sondern daß wir es verstehen müssen. Mit irgendeinem Glauben hat das nichts zu tun.

Der Taoismus betont immer wieder, daß es nicht darum geht, an irgendetwas zu glauben. Er sagt nicht: Glaube mir und werde egolos. Er sagt stattdessen, und das ist das Ergebnis persönlicher Erfahrungen: Je mehr wir versuchen, das Ego zu verstehen, desto mehr wird uns bewußt, daß es nicht existent ist. Wenn wir uns dieser Tatsache voll bewußt werden, ist es verschwunden.

27.06.2005 um 14:09 Uhr

Tao 18

von: tao

Ein Zenmeister pflegte seinen Schülern die Geschichte eines Meisterdiebes zu erzählen, der erleuchtet wurde. Selbst ein Dieb kann erleuchtet werden. Es geht nicht darum, was wir tun, es geht darum, wie wir es tun. Es geht nicht um die Handlung, es geht um das Bewußtsein, aus dem heraus diese Handlung entsteht.

Dies ist eine der berühmtesten Zen-Geschichten:

Der Dieb war als ein Meisterdieb bekannt – kein gewöhnlicher Dieb. Sogar der König respektierte ihn, denn er wurde niemals gefaßt, solange er lebte. Und jeder wußte, daß er der größte Dieb im ganzen Land war. Tatsächlich war sein Ansehen so groß, daß Leute damit angaben und prahlten: "Letzte Nacht brach der Meisterdieb in unser Haus ein", oder "Unsere Wertsachen sind von dem Meisterdieb gestohlen worden". Das war eine Auszeichnung, denn ein Einbruch des Meisterdiebes bedeutete, man war wirklich reich, denn er brach bei keinem gewöhnlichen Bürger ein, nur Könige und sehr reiche Leute hatten das Privileg, vom Meisterdieb "besucht" zu werden.

Dieser Dieb wurde nun alt. Sein Sohn sagte zu ihm: "Du bist jetzt alt und wirst bald sterben. Lehre mich deine Kunst !"

Der Meisterdieb sagte: "Ich habe auch schon daran gedacht. Aber es ist keine Kunst, es ist vielmehr ein Kniff. Ich kann es dich nicht lehren, es kann nicht gelehrt werden, aber es kann erfaßt werden."

Das ist Religion: Sie kann nicht gelehrt werden, sie kann nur begriffen werden. Das ist der Unterschied zwischen einem Lehrer und einem Meister: Der Lehrer lehrt, der Meister macht sich nur zugänglich, damit er verstanden werden kann. Man muß seinen Geist auf sich wirken lassen. Wenn man nur seinen Worten zuhört, wird man ihn verfehlen; wenn man aber den Geist kostet, der hinter den Worten steht, nur dann wird man ihn verstehen.

Der Dieb sagte: "Es ist ein Trick; wenn du hinter diesen Dreh kommst, bin ich bereit, dir zu helfen, ich werde für dich da sein. Ich hatte mich selbst schon gefragt, aber es ist solch eine große Fertigkeit – wie bei Dichtern, wirkliche Diebe werden geboren, nicht gemacht. Aber man weiß es nie, bevor man es nicht versucht. Komm also heute nacht mit mir."

Der Sohn folgte. Der Sohn war jung, gesund und sehr stark. Der alte Mann war wirklich schon alt, über achtzig. Der alte Mann ging zu einem reichen Haus. Er durchbrach die Wand, er entfernte die Mauersteine – aber wie er das machte ! Und der junge Mann schaute bloß zu, stand da und zitterte. Es war eine kalte Nacht und der junge Mann schwitzte und zitterte. Und er hatte solche Angst: Er schaute sich immer um – jemand könnte doch kommen. "Und was für ein Mensch ist mein Vater ? Er macht alles so still, so elegant, so als ob dies unser eigenes Haus wäre ! Keine Eile, keine Beunruhigung."

Der Vater schaute sich nicht einmal auch nur ein einziges Mal um. Er betrat das Haus und bedeutete seinem Sohn schweigend, ihm zu folgen. Der folgte zitternd und schwitzend, sein ganzer Körper war in Schweiß gebadet; wie Wasser floß ihm der Schweiß herunter. So starke Schweißausbrüche hatte er noch nie erlebt, nicht einmal an heißen Sommertagen – und es war eine kalte Winternacht, eiskalt ! Und der alte Mann bewegte sich in dem Haus, in der Dunkelheit, als wenn er schon immer dort gelebt hätte. Nirgendwo stieß er an.

Er gelangte in das Innere des Hauses, er öffnete den innersten Raum. Dann machte er die Tür zu einem Abstellraum auf und sagte dem Sohn, er solle in das Abstellzimmer hineingehen. Der Sohn betrat den Abstellraum... und was der Vater dann tat, war unvorstellbar für den Sohn. Der Vater verschloß den Abstellraum - der Sohn war noch darinnen ! -- rief laut: "Dieb ! Dieb !" und machte sich aus dem Staub.

Das ganze Haus erwachte, die Nachbarschaft wurde wach. Die Leute rannten hierhin und dorthin; im Haus schauten sie überall nach. Man kann sich die Situation des Sohnes vorstellen ! Er dachte: "Das ist das Ende. Aus, vorbei ! Mein Vater ist verrückt geworden ! Ich hätte ihn gar nicht fragen sollen – das ist nichts für mich. Er hatte recht, wenn er sagte, Diebe werden geboren und nicht gemacht. Aber ist das eine Methode, mir das beizubringen? Falls ich das überlebe, werde ich diesen alten Mann umbringen ! Ich werde nach Hause gehen und ihm augenblicklich den Kopf abschneiden."

Er war richtig wütend – jeder wäre das in seiner Situation gewesen – aber es hatte keinen Sinn, wütend zu sein. Denn jetzt mußte etwas getan werden und gerade jetzt konnte an gar nichts denken. Das Denken blieb einfach stehen.

Das ist Meditation: Das Denken hört einfach auf. Es kann sich nicht darüber klar werden, worum es jetzt geht, was es tun soll, denn alles, was es weiß, ist jetzt nutzlos; es ist niemals zuvor in einer solchen Situation gewesen. Und das Denken kann sich nur wieder und wieder in der Welt des Bekannten bewegen. Immer wenn man irgendetwas Unbekanntem begegnet, steht das Denken still. Es ist eine Maschine, ein Computer. Wenn du ihm nicht zuvor die richtige Information einprogrammiert hast, kann es nicht arbeiten, kann es nicht funktionieren.

Dies war jetzt nun eine solch neue Situation, der junge Mann konnte sich gar nicht vorstellen, was er tun sollte. Es gab nichts zu tun. Und dann kam eine Bedienstete mit eine Kerze in ihrer Hand auf der Suche nach dem Dieb. Ein Dieb war ja offensichtlich in das Haus eingebrochen: Die Hauswand war aufgebrochen, die Türe war geöffnet worden – alle Türen waren aufgemacht worden. Der Dieb hatte sogar den hintersten Raum betreten – er muß sich noch irgendwo versteckt halten.

Sie öffnete die Türe zu dem Abstellraum, um hineinzuschauen – vielleicht versteckte er sich ja dort. Sie würde die Türe zu diesem Raum gar nicht aufgemacht haben, aber innerhalb des Abstellraumes hatte sich etwas gerührt, das war der Grund, warum sie ihn öffnete. Sie hörte ein Geräusch, irgendso ein kratzendes Geräusch, als wenn eine Ratte an Kleidern nagen würde. Sie öffnete die Türe, um eigentlich sich nach der Ratte umzuschauen. Es war natürlich der junge Mann, der dieses kratzende Geräusch machte, er tat es. Und das war ihm spontan in den Sinn gekommen, es kam nicht aus dem Denken heraus. Als er sah, daß jemand mit einem Licht hereinkam... er konnte sehen, daß jemand in dem Vorraum war, er konnte die Fußschritte hören, er konnte das Licht im Vorraum sehen; plötzlich war es nicht mehr so dunkel. Der einzige Weg, daß ihm nun die Türe geöffnet wurde, war, etwas zu tun. Aber was sollte er tun ? Aus dem Nichts, intuitiv – das war nicht aus dem Intellekt, sondern aus der Intuition heraus – begann er wie eine Ratte zu kratzen und die Türe wurde aufgeschlossen. Die Frau leuchtete mit ihrer Kerze hinein. Wieder, aus dem Moment heraus, aus der Intuition, blies er die Kerze aus, schubste die Frau zur Seite und rannte weg.

Die Leute rannten ihm nach – fast ein Dutzend Leute folgten ihm mit Fackeln und Lampen – und es war sicher, daß er geschnappt werden würde. Plötzlich kam er an einem Brunnen vorbei. Er nahm einen großen Stein und warf den Stein in den Brunnen hinein, dann stellte er sich hinter einen Baum, um zu sehen, was passieren würde. Das alles war einfach passiert, er hatte es nicht getan. All die Leute umringten den Brunnen – sie dachten, der Dieb sei in den Brunnen hineingesprungen. "Nun macht es keinen Sinn mehr, sich um ihn zu kümmern in dieser kalten Nacht. Am Morgen werden wir weitersehen. Wenn er noch lebt, werden wir ihn ins Gefängnis stecken; wenn er tot ist, ist er schon bestraft." Sie gingen zurück.

Der junge Mann kam nach Hause. Der Vater schlief schon fest und schnarchte. Er zog ihm die Decke weg und sagte: "Spinnst du oder was ?"

Der Vater sah ihn an, lächelte und sagte: "Du bist also zurück – das reicht ! Gar nicht nötig, mir die ganze Geschichte zu erzählen. Du bist ein geborener Dieb ! Von morgen an machst du dich selbständig. Du hast begriffen, worum es geht. Ich bin nicht verrückt – ich bin ein Spieler. Ich hatte alles auf Spiel gesetzt. Entweder wäre es mit dir aus gewesen oder du würdest davonkommen und damit beweisen, daß du über intuitive Einsicht verfügst – und du bist wieder herausgekommen. Es ist also nicht nötig, mich jetzt mitten in der Nacht damit zu behelligen. Geh schlafen. Wenn dir am Morgen immer noch danach ist, mir davon zu erzählen, kannst du es mir dann erzählen. Aber ich weiß schon, was passiert ist – auch wenn ich die Details nicht kenne, kenne ich doch den entscheidenden Punkt, und das ist genug. Das ist meine ganze Kunst, mein Sohn; du hast sie erlernt. Und falls ich morgen sterben sollte, werde ich glücklich sterben, weil ich wissen werde, ich lasse jemanden hinter mir, der die Kunst kennt. So hat mein Vater es mir beigebracht – das ist der einzige Weg. Man muß es riskieren."

Sogar ein Dieb kann erleuchtet werden. Sogar ein Dieb kann im Moment leben, kann aus dem Denken aussteigen.

26.06.2005 um 16:18 Uhr

Tao 17

von: tao

Eine chinesische taoistische Parabel geht so:

Lao-tse schickte für gewöhnlich seine Schüler zu einem Metzger, damit sie von ihm die Kunst der Meditation erlernten. Die Schüler waren dann immer ganz konsterniert, warum einen Metzger ? Und Lao-tse sagte dann: "Geht nur und seht selbst. Dieser Mann lebt genau so, wie man leben sollte, immer hierjetzt. Da spielt es keine Rolle, was er tut. Er ist ja überhaupt nicht der Handelnde; er ist bloß ein Zuschauer, er ist ein Zeuge. Es ist eine Rolle, die er da spielt – er agiert als ein Metzger."

Und er war kein gewöhnlicher Metzger; er war vom Kaiser von China speziell in dessen eigene Küche berufen worden.

Der Kaiser fragte Lao-tse: "Wie lernt man es, hierjetzt zu sein ? -- denn du redest ja immer über das Hierjetzt."

Lao-tse sagte: "Mich brauchst du nicht zu fragen; dein Metzger ist dafür der richtige Mann. Sogar ich schicke viele meiner Schüler zu ihm, damit sie ihm zuschauen."

Der Kaiser war schockiert. Er sagte: "Mein Metzger ! Was weiß der denn davon ?"

Lao-tse sagte: "Dann schau ihm doch mal bei der Arbeit zu."

Und der Kaiser schaute zu. Und es war wirklich eine äußerst ekstatische Erfahrung, auch wenn er ihm nur bei der Arbeit zuschaute. Sein Arbeitsgerät, sein Messer, war so scharf und blitzte, als ob es noch ganz neu wäre, als ob er es zum allerersten Mal benutzt hätte.

Der Kaiser war sehr an Waffen interessiert – also fragte er: "Wie bist du zu diesem wunderschönen Messer gekommen ?"

Er sagte: "Dieses Messer wurde mir von meinem Vater gegeben, der vor vierzig Jahren gestorben ist. Seit vierzig Jahren habe ich schon mit diesem Messer gearbeitet, und habe mit diesem Messer Tiere zerteilt."

"Vierzig Jahre!" sagte der Kaiser. "Und das Messer schaut so neu, so ungebraucht aus !"

Der Metzger sagte: "Da steht eine Kunst dahinter. Wenn du alles aufmerksam tust, achtsam, bewußt, dann setzt sich kein Rost an – nicht nur in dir, nicht nur innerlich, sondern sogar äußerlich setzt sich kein Rost an. Ich bin noch frisch, mein Messer ist noch wie neu. Und meine Arbeit ist meine Meditation. Dies ist bloß eine Rolle, die ich spiele."

25.06.2005 um 02:15 Uhr

Tao Te King 67 (1)

von: tao

Das größte Wunder im Leben

ist Liebe,

und sie ist auch das größte Mysterium;

größer als selbst das Leben,

denn Liebe ist die eigentliche Essenz, für die das Leben existiert.

Liebe ist die Quelle,

und Liebe ist auch das Ende.

Wer also die Liebe verpaßt,

versäumt alles.

Aber

wir sollten Liebe nicht mißverstehen

als eine Emotion – das ist sie nicht.

Liebe ist keine Emotion,

sie ist kein Gefühl.

Liebe ist die subtilste Energie;

subtiler als Elektrizität.

Die eigentliche Grundlage aller Energien ist Liebe.

Sie manifestiert sich auf vielerlei Weise.

Verstehen wir erst die Liebe, dann werden die anderen Schätze Lao-tses leicht zu verstehen sein.

Eigentlich sagt Lao-tse:

Meine drei Schätze sind:

Erstens, Liebe; zweitens, Liebe; drittens, Liebe.

24.06.2005 um 02:46 Uhr

Tao 16

von: tao

Aber im christlichen Abendland ist man mit der Idee eines geografischen Konzepts aufgewachsen, der Himmel ist irgendwo oben und die Hölle irgendwo unten. Tatsächlich gibt es kein unten und kein oben. Die Existenz ist unbegrenzt und ungebunden; sie hat keinen Untergrund und auch keinen Überbau. Etwas kann über meinem Dach sein – zum Beispiel, das Flugzeug, das gerade darüberfliegt; dies ist über dem Dach. Ich bin unter dem Dach, und der Boden, der Keller, ist unter mir, und die Erde ist unter dem Keller. Aber die Existenz hat kein Dach und keinen Boden; sie ist bodenlos und allseits ungebunden.

Was diesbezügliche Schriften über die Hölle schreiben ist nichts anderes als ein Hinweis auf Australien. Wenn ich jetzt da, wo ich gerade sitze, ein Loch graben würde und immer weiter graben würde, würde ich in Australien herauskommen, denn die Erde ist rund. Aber die Australier, sofern sie christlich und eingewandert sind, denken in der gleichen geografischen Art und Weise, daß die Hölle nämlich unten ist. Wenn die dann in das Loch hineinschauen, bin ich für sie in der Hölle. Und für uns sind sie natürlich in der Hölle. Taoisten lachen über diese ganze Angelegenheit. Wer ist schon oben und wer ist unten ?

Diese Himmel- und Höllekonzepte haben nichts mit Geografie oder überhaupt mit Raum zu tun, und sie haben auch nichts mit der Zeit zu tun. Es ist also keine Frage von einem Morgen oder Übermorgen und es ist keine Frage von etwas nach dem Tod; es ist eine Frage des Verstehens, es geht um Meditation, es geht darum, ganz still zu werden, hierjetzt zu sein. Es gibt keinen anderen Raum als das Hier und keine andere Zeit als das Jetzt. Diese zwei Worte enthalten die ganze Existenz: "jetzt", "hier".

Aber Millionen Leute in der Welt denken an das Gestern und an das Morgen; sie erleben niemals das Jetzt. Sie denken an jeden anderen Ort; sie denken niemals, sie erfahren niemals, sie kosten niemals, was es bedeutet, hier zu sein.

Und es gibt nur einen Weg, zu erfahren, was jetzt ist und was hier ist, und das ist Meditation. Meditation bedeutet, ganz still zu werden, denn das Denken geht immer entweder rückwärts oder vorwärts; entweder geht es in die Erinnerungen oder in die Imagination. Es bleibt niemals hier, es bleibt niemals im Jetzt. Der Grund dafür ist einfach: Im Jetzt zu sein bedeutet den Tod des Denkens. Das Denken fürchtet das Jetzt, es hat Angst vor der Gegenwart.

Nirvana, Himmel, Hölle bedeutet etwas, was nach diesem Leben geschehen wird, damit beschäftigt sich der Taoismus nicht. Er kümmert sich um diesen Moment, denn dies ist der einzige wahre Moment, den es gibt, und den es zu erfahren gilt. Diese Erfahrung ist der Eingang ins Nirvana. Und haben wir dies erst gefunden, kann uns dies niemand mehr wegnehmen. Dann können wir sein, was wir auch immer sein wollen; es spielt keine Rolle.

23.06.2005 um 02:33 Uhr

Tao Te King 1 (3)

von: tao

Es ist schwer, Lao-tses Logik zu folgen, denn "beides ist eins dem Ursprung nach und nur verschieden durch den Namen" ist sogar noch profunder als das vorhergehende "das Tao, das sich aussprechen läßt, ist nicht das ewige Tao" und "der Name, der sich nennen läßt, ist nicht der ewige Name". Dasselbe ist im Namen, dasselbe ist in der Form. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, dann sehe ich den Himmel in einer speziellen rechteckigen Form, aber diese so begrenzte Form des Himmels wird grenzenlos, sobald ich ins Freie hinaustrete. Werde ich dann die Meinung vertreten, daß der Himmel, den ich durch das Fenster sah, ein anderer Himmel war ? Ein Unterschied ist sicherlich vorhanden. Als ich durch das Fenster sah, war der Himmel eingerahmt, begrenzt durch den Fensterrahmen. Wenn ich nun im Freien zum Himmel sehe, gibt es keinen Rahmen und keine Grenzlinien mehr. Offensichtlich ist der Unterschied gewiß vorhanden, aber tief innen, wo ist da der Unterschied ?

Was vom Fenster aus gesehen wurde, war das Formlose und nichts anderes. Es lag nicht am Himmel, sondern am Fenster, daß dieser Irrtum entstehen konnte. Und wie kann ein Fenster dem Himmel eine Form geben ? Wenn so ein kleines Ding, wie es ein Fenster ist, dem weiten Himmel eine Form geben könnte, wäre es mächtiger als der Himmel. So ist das, was das Denken weiß durch Namensgebung dasselbe wie das, was die Weisen, indem sie über das Denken hinausgingen, als namenlos erkannt haben: Ohne Name und ohne Form !

Lao-tse sagt: "Du kannst dort nicht hinkommen, indem du auf diesem Pfad reist, du mußt anhalten." Wer anhält, kommt an, wohingegen der Reisende sich weiter abmüht. Und doch gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden, keine Distanz.

Lao-tse hat mit dieser kurzen Feststellung dem Dualismus einen schweren Schlag versetzt, einen Todesstoß, wodurch er versucht hat, die Gegensätze in eins zu fassen. Es sollte ein für allemal verstanden werden, daß alle Dualitäten eine Kreation des Denkens sind. Der Existenz ist dies fremd. Die Existenz hat niemals Dualitäten gekannt. Die gegensätzlichsten und konflikthaftesten Dinge sind in der Existenz vereint und verbunden. Nicht nur das, sie sind eins und dasselbe. Wir müssen die Begriffe verbunden und vereint verwenden, denn unser Denken hat die Angewohnheit, Dinge zu sehen, indem es sie aufspaltet. Anders kann das Denken nichts begreifen und erfassen.

Wir sehen die zwei Seiten einer Münze und beide Seiten sind zusammen und vereint. Können wir die zwei Seiten einer Münze trennen ? Können wir die eine Seite der Münze nehmen und die andere Seite wegwerfen ? Wir können tun, was wir wollen, die Münze wird immer zwei Seiten haben. Die eine Seite der Münze ist dieselbe Münze und die andere Seite ist auch ein Teil genau dieser selben Münze. Und doch, wenn wir auf eine Münze schaiuen, können wir nicht zur selben Zeit beide Seiten sehen. Wenn wir die eine Seite sehen, ist die andere Seite verborgen und umgekehrt.

22.06.2005 um 03:02 Uhr

Tao 15

von: tao

Sinnlich zu sein bedeutet, sich der Oberfläche bewußt zu werden, und spirituell zu sein bedeutet sich des Zentrums bewußt zu werden. Sinnlichkeit ist der Beginn von Spiritualität.

Indem wir immer sinnlicher werden sind wir auf dem Weg, lebendig zu werden.

Aber unsere alten Religionen haben uns schon immer genau das Gegenteil gelehrt: Sie lehren uns eine Art von körperlichem Tod, sie bringen uns bei, wie wir unseren Körper immer unsensibler machen können. Das ist ein billiger Trick: Mache deinen Körper kalt und kälter, so daß du eine Art von Entrücktheit vortäuschen kannst, so daß du sagen kannst: "Mich berührt nichts mehr". Weil wir einen abgestumpften und toten Körper mit uns herumtragen, rührt uns natürlich nichts mehr an, aber das ist doch kein Wachstum.

Wirkliches Wachstum ist: Wir sind offen, verletzlich, wir werden von allem berührt und doch beeinflußt uns doch wird die Mitte niemals vergessen.

Wir sind begnadet, wenn wir es zulassen, keine Angst bekommen und unsere alten Konditionierungen uns nicht in die Quere kommen lassen.

Das ist der Vorteil von Tanz, Musik, Singen. Dies alles kann uns dabei helfen, daß unser Körper bis zum Optimum vibriert, daß unser Körper ein pulsierendes, strömendes Phänomen wird; nicht ein abgestandener Teich, sondern ein fließender, strömender Fluß, unterwegs zum Ozean.

Wenn wir sinnlich sind, ist Tao zugänglich. All die Mysterien sind ganz nahe, denn dies ist der einzige Weg, das Mysteriöse kennenzulernen.

Sinnlichkeit bedeutet, wir sind offen, unsere Tore sind offen, wir sind bereit, mit der Existenz zu pulsieren. Wenn ein Vogel zu singen beginnt, spürt ein sinnlicher Mensch unmittelbar, wie das Lied des Vogels in seinem tiefsten Wesenskern widerhallt. Der nicht sinnliche Mensch hört es überhaupt nicht, oder vielleicht ist es für ihn bloß irgendwo ein Geräusch. Es dringt nicht in sein Herz. Ein Kuckuck beginnt zu rufen – ein sinnlicher Mensch bekommt das Gefühl, als wenn der Kuckuck nicht von irgendeinem Baum weit weg ruft, sondern von tief innen in seiner eigenen Seele. Es wird sein eigener Ruf, es wird sein eigenes Sehnen nach dem Göttlichen, sein eigenes Verlangen nach der Geliebten. In diesem Moment sind der Beobachter u nd das Beobachtete eins.

Wenn er eine schöne Blume erblühen sieht, erblüht der sinnliche Mensch mit ihr, er wird mit ihr zur Blüte.

Der sinnliche Mensch ist fließend, flüssig, nicht fixiert. Irgendeine Erfahrung, ein Erlebnis, und er wird es. Er sieht einen Sonnenuntergang, er ist der Sonnenuntergang. Er sieht eine Nacht, eine dunkle Nacht, schöne stille Dunkelheit, und er wird die Dunkelheit. Am Morgen wird er das Licht.

21.06.2005 um 01:46 Uhr

Tao Te King 10 (4) Tao 14

von: tao

Wenn wir fragen: "Was ist der Sinn des Lebens ?", dann setzen wir voraus, daß nichts ohne einen Zweck sein kann. Das ist eine implizite Annahme, die wir innerlich schon akzeptiert haben. Aber wir gehen in die Irre, denn was für ein Ziel wir auch immer voraussetzen, es stellt sich wieder die gleiche Frage. Ein religiöser Mensch wird beispielsweise antworten: "Der Sinn des Lebens ist Gott zu erreichen." Aber dann kann gefragt werden: "Was ist das für ein Ziel, Gott zu erreichen ? Was werden wir damit erlangen ? Und wenn wir das geschafft haben, was kommt dann als nächstes ?". Die Frage bleibt unbeantwortet. Ein anderer mag antworten, daß der Sinn des Lebens darin besteht, Seligkeit zu erlangen, aber was ist dann das Ziel der Glückseligkeit ? Die Frage ist also bedeutungslos. Sie ist sinnlos, denn keine Antwort macht die Frage zunichte. Also bleibt es bei: Keine Antwort.

Wir denken vielleicht immer noch: Es muß doch irgendeine Antwort auf diese Fragen geben. Aber egal, welche Antwort wir diesen Fragen gegenüberstellen, es wird nutzlos sein. Die gleiche Frage kann wieder gefragt werden, ungeachtet der speziellen Antwort, die wir als die Lösung uns ausgedacht haben. Es ist nicht notwendig, zu wissen, was genau die jeweilige Antwrot auf diese Frage ist, denn was auch immer die Antwort, die Frage an sich ist bedeutungslos. Es kann keine sinnvolle Antwort gefunden werden.

Die Frage bleibt, trotz jeglicher Anstrengung, sie aufzuklären. Jedoch die Leute, die in dieser Welt als weise und nachdenklich angesehen werden, laufen herum und ermahnen ihre Mitmenschen, kein nutzloses Leben zu führen. Das Leben sollte einen Zweck haben: Leben um zu dienen, leben um der Wahrheit willen, leben für Gott. Sie warnen uns, nicht den Fehler zu machen, nur so dahinzuleben, zu leben, weil wir leben. So jemand kann nicht glauben, daß das Leben sein eigenes Ziel ist, daß das Leben sich selbst genügt und daß es nicht nötig ist, außerhalb des Lebens und jenseits davon Ziele zu suchen. Für ihn muß der Pfad des Lebens eine Bestimmung erreichen. Sein Intellekt kann die Tatsache nicht begreifen, daß die Reise selbst die Bestimmung sein kann, deswegen erschafft er sich selbst Ziele. Aber kein Ziel kann ein Endziel sein, denn wieder können wir fragen: "Was ist der Zweck dieses Zieles ? Was geschieht dann ?"

Leben mit einer Zweckbestimmung stellt das Denken und das Ego zufrieden. Das Ego kann sich ohne ein Ziel nicht aufbauen. Deswegen je wichtiger der Lebenszweck, desto großartiger das Ego. Wenn wir nur für die Familie leben, ist unser Ego nicht so großartig, wie es sein würde, wenn wir für unser Land leben würden. Und auch das ist nicht so großartig, wie es sein würde, wenn wir für die ganze Menschheit leben würden. Wir können unser Ego sogar noch weiter aufblasen, wenn wir so weit gehen würden, für das ganze Universum zu leben. Je höher das Ziel, desto größer das Ego; je geringer das Ziel, desto kleiner das Ego.

20.06.2005 um 02:11 Uhr

Tao 13

von: tao

Was ist der Sinn des Sokratischen Drängens: Erkenne dich selbst ?

Wenn wir uns selbst erkennen können, haben wir alles erkannt, was erkannt werden kann –

oder was es wert ist, erkannt zu werden.

Wenn wir uns selbst verfehlen, können wir viel wissen,

aber all dieses Wissen

ist bloß Unsinn.

Es mag unsere Unwissenheit verbergen,

es kann sie nicht vertreiben.

Es mag uns gebildet machen,

aber es wird uns nicht verständig machen,

es wird uns nicht das innere Auge des Wissens öffnen.

Wir werden ein Kopfmensch bleiben,

kopflastig,

in tiefer Angst und Beklemmung.

Darauf bestehen all die Buddhas:

Erkenne dich selbst und du wirst mich kennenlernen,

denn indem du dich selbst erkennst, hast du alles erkannt.

Aber was ist Millionen von Leuten passiert

überall auf der Erde in allen Jahrhunderten.

Ein Jesus kommt

und die Leute hängen sich an ihn.

Damit geht das verloren, worum es eigentlich gegangen wäre.

Aber es ist nicht seine Schuld;

es ist unser Fehler.

Die Nachfolge Christi wird eine neue Art Verhaftung sein.

Das wird uns nichts helfen,

das wird uns in Wirklichkeit schaden und behindern.

Dann wird Jesus keine Hilfe hin zur Transzendenz sein.

Vielmehr im Gegenteil

wird er ein Mühlstein sein, der uns am Hals hängt.

Wir werden dann durch ihn nichts erreichen,

wir werden untergehen und ertrinken.

19.06.2005 um 02:50 Uhr

Goldene Blüte 5 (1)

von: tao

Einst gingen ein paar Jäger tief in einen dunklen Wald hinein und fanden eine Hütte, in der ein Einsiedler gerade vor einem Holzkreuz betete. Sein Gesicht leuchtete vor Glück.

"Guten Nachmittag, Bruder. Möge Gott uns einen guten Nachmittag geben. Du sieht sehr glücklich aus."

"Ich bin immer glücklich."

"Du bist glücklich, in dieser einsamen Hütte zu leben und Buße zu tun ? Wir haben alles und sind nicht glücklich. Wo fandest du das Glück ?"

"Ich fand es hier in dieser Höhle. Schaut durch dieses Loch und du wirst einen Schimmer meines Glücklichseins erhaschen." Und er zeigte ihnen ein kleines Fenster.

"Du hast uns verarscht, denn alles, was wir sehen können, sind ein paar Zweige eines Baumes."

"Schaut noch mal hin."

"Alles, was wir sehen, sind einige Äste und ein kleines bißchen Himmel."

"Das", sagte der Einsiedler, "ist der Grund für mein Glücklichsein – bloß dieses kleine bißchen Himmel."

Glückseligkeit ist dem Menschen von Natur aus angeboren. Sie muß nicht erreicht werden, sie muß nur wieder entdeckt werden. Wir haben sie schon. Wir sind es. Das Glück irgendwo anders zu suchen ist ein sicherer Weg, es zu verfehlen. Wir täten gut daran, die Suche nach dem Glück zu beenden und nach innen zu schauen, und die größte Überraschung unseres Lebens erwartet uns dort, denn was auch immer wir durch alle Zeiten hindurch gesucht haben, während so vieler Leben, ist schon der Fall. Wir brauchen keine Bettler zu sein, wir sind als Herrscher geboren. Aber das Königreich Gottes ist in uns und unsere Augen suchen laufend im Außen, daher verfehlen wir es ständig. Es ist hinter den Augen, nicht vor den Augen.

Das Königreich Gottes ist kein Objekt, es ist unsere Subjektivität. Es ist nicht zum Suchen da, denn es ist die eigentliche Natur des Suchers. Und dann, selbst im tiefen Wald, ganz allein in einer Höhle, kann man glücklich sein. Andernfalls schaffen selbst Paläste nur Unglück.

Es gibt viele Möglichkeiten, in der Welt unglücklich zu sein: Der Arme erleidet die eine Art des Unglücks, der Reiche leidet an einer anderen Art, unglücklich zu sein, aber so weit wie es das Unglücklichsein betrifft, gibt es keinen Unterschied. Und manchmal kommt es vor, daß der Reiche mehr darunter leidet, demm er kann sich mehr leisten. Er hat mehr Möglichkeiten, mehr Alternativen, die ihm offenstehen. Der Arme kann sich nicht viel Unglück leisten, aber der Reiche kann sich alles mögliche kaufen. Daher fühlen sich die reichsten Leute am unglücklichsten in der Welt. So gesehen werden die reichsten Leute die armseligsten. Tatsächlich, wenn man reich wird, fühlt man zum ersten Mal die Armseligkeit des Lebens.

17.06.2005 um 17:01 Uhr

Tao 12

von: tao

Der Taoismus gibt uns eine Alchimie. Ja, Kochen kann zur Meditation werden, nur dann sind wir religiös. Wenn Kochen eine Andacht werden kann, nur dann... Wenn Fußbodenputzen Kontemplation werden kann, nur dann...

Dieses gewöhnliche Leben ist nur gewöhnlich, weil wir abgestumpft sind, weil wir schlafende Dickhäuter sind. Es ist nur so gewöhnlich, weil wir nicht das Wahrnehmungsvermögen haben, seine Tiefe zu sehen. Wir können die Farben des Lebens und die schönen Formen des Lebens nicht sehen, und schon gar nicht den immerwährenden Segen, der sich laufend auf dieses gewöhnliche Leben ergießt. Es ist ein Kontinuum. Weil wir die Schönheit der aufgehenden Sonne nicht sehen können, und weil wir die Schönheit der Sterne in der Nacht nicht sehen können, und weil wir die Schönheit menschlicher Augen nicht sehen können, daher entsteht aus dieser Armseligkeit heraus das Verlangen nach irgendeiner transzendentalen Erfahrung – Gott zu erfahren, den Himmel, das Paradies, das Erwachen der Schlangenkraft in unserer Wirbelsäule zu erleben. Diese Sachen zu erfahren oder das Verlangen, diese Dinge zu erleben, sind alles Kopfgeburten, Spiele, die unser Denken mit uns spielt. Die wahre Religion ist immer die des Hier und des Jetzt.

Ja, der Taoismus rät uns dazu, sinnlich zu werden, denn wenn wir nicht sinnlich sind, können wir niemals spirituell sein. Wenn wir nicht die kleinen Dinge des Lebens genießen können, wenn wir unseren Tee nicht in Feierlaune schlückchenweise trinken können, dann sind wir überhaupt nicht religiös. Dann können wir rund um die Kaaba pilgern, oder nach Jerusalem wallfahren, oder den Kailash umrunden, religiös werden wir nirgendwo sein, wenn wir unseren Tee nicht in äußerster Dankbarkeit genießerisch schlürfen können. Und das Aroma des Tees, und der schöne Geruch, der dann aufsteigt – wenn wir das nicht fühlen können, wenn wir nicht sinnlich genug sind, um das spüren zu können, werden wir Tao nicht fühlen können ...

...denn Tao ist das Zentrum von allem.

Tao ist nicht der ursprüngliche Wirkgrund und Tao ist nicht das letztendliche Ziel; Tao ist die Mitte jeder Beschaffenheit, jeder Bedingung, jedes "Sachzwangs", auf die wir in jedem Moment unseres Lebens stoßen. Tao ist im Zentrum jeder Frau, in die wir uns verliebt haben, Tao ist die Mitte jedes Mannes, mit dem wir uns angefreundet haben. Tao ist im Zentrum von allem, was uns begegnet. Tao bedeutet das Zentrum, die Mitte, und die Welt bedeutet die Peripherie, die Oberfläche. Und sie sind niemals getrennt voneinander. Und das Zentrum ist in dem Darumherum verborgen, die Mitte versteckt sich in der Oberfläche.

17.06.2005 um 02:25 Uhr

Tao 11

von: tao

Taoismus lehrt nicht das Transzendentale, Taoismus lehrt das Immanente – denn das Immanente ist das Transzendentale. Taoismus lehrt nicht das Letztendliche, Taoismus lehrt das Unmittelbare – denn das Unmittelbare ist der Körper des Letztendlichen. Wenn wir uns in das Unmittelbare hineinbegeben, werden wir feststellen, daß dort das Letztendliche pulsiert. Das Letztendliche ist der Herzschlag des Unmittelbaren.

Dies ist die taoistische Lehre: Es gibt keine Trennung zwischen diesem und jenem. Jenes ist in diesem enthalten, das andere Ufer ist in diesem Ufer enthalten. Wir brauchen nirgendwo hinzugehen. Wenn wir fröhlich sein können, fließend, lebendig, sensitiv, orgasmisch, dann wird genau dieses Ufer augenblicklich in das andere Ufer transformiert... genau diese Welt das Paradies, genau dieser Körper der Buddha.

Das ist deswegen wichtig, weil in allen Zeiten die Religionen eine Dichotomie gelehrt haben zwischen diesem und jenem. Die Religionen haben eine Art von Schizophrenie gelehrt, eine Spaltung, zwischen dem Körper und der Seele, zwischen dem niedrigeren und dem höheren, zwischen dem äußeren und dem inneren, und so weiter und so fort.

Alle Teilungen sind falsch; die Wirklichkeit ist eines. Da gibt es nichts niedrigeres und nichts höheres, und da gibt es nichts äußeres und nichts inneres. Da ist kein Körper, keine Seele. Es ist alles eins. Der Körper ist die sichtbare Seele, und die Seele ist der unsichtbare Körper. Es gibt keinen anderen Schöpfer als als eben diese Kreation. Der Schöpfer und die Schöpfung sind nicht getrennt, sie sind genauso eins wie der Tänzer und der Tanz. Sie können nicht getrennt voneinander existieren, sie können nur als eines existieren. Man kann den Tänzer nicht von seinem Tanz trennen, tut man dies, ist er kein Tänzer mehr. Man kann den Tanz nicht vom Tänzer trennen, das ist unmöglich. Sie sind völlig eins, Ausdruck derselben Energie, desselben Phänomens.

Wir sollten all diese transzendentalen Erfahrungen vergessen. All diese transzendentalen Erlebnisse sind nichts als Mist. Die wirklichen Erlebnisse und Erfahrungen sind dies: Die Sensitivität, die in uns wächst, die Rezeptivität, die jeden Moment immer tiefgehender wird, die Freude an der Existenz, am Leben, am Sein, an der Liebe.

Wir sollten nicht einmal daran denken, irgendwelche spirituellen Visionen zu sehen – Gott, wie er auf einem goldenen Thron sitzt. Das sind alles Fantasien eines ausgehungerten Denkens, eines mittelmäßigen Bewußtseins. Wir sollten gar nicht an irgendetwas Außergewöhnliches denken, denn das Außergewöhnliche wird nur von dem ganz Gewöhnlichen ersehnt. Das ist das Verlangen des Minderwertigen. Wenn wir intelligent sind, wenn wir achtsam sind, dann wird das Gewöhnliche das Außergewöhnliche. Und das ist die Magie, die Taoismus lehrt.

16.06.2005 um 02:22 Uhr

Tao 10

von: tao

Satan und Petrus beschlossen, ein Fußballspiel im Paradies abzuhalten. Es sollte die Hölle gegen den Himmel spielen. Als alles vorbereitet worden war, sagte Petrus zum Satan: "Schau mal, ich kann nicht unfair dir gegenüber sein. Es ist unmöglich, daß deine Mannschaft gewinnen kann. Alle Fußballspieler sind einfache, unschuldige Leute, und wenn sie sterben, kommen sie alle in den Himmel. Der Himmel ist voll mit Fußballspielern."

"Ich danke dir für deine Aufrichtigkeit", erwiderte Satan, "aber mach dir keine Sorgen, wir können uns schon wehren."

Als Petrus gegangen war, sagte Satans Assistent: "Petrus hat recht – wir werden das Spiel verlieren. Alle guten Fußballspieler kommen in den Himmel."

"Mach dir keine Sorgen", sagte Satan, "was meinst du wohl, wohin alle Schiedsrichter kommen ?"

Ein Doktor kam zur Himmelspforte. Petrus schaute sich den Kerl an, fragte nach seinem Beruf und sagte: "Falsche Türe, mein Sohn, bitte geh zur Hölle."

Der Arzt war durcheinander, schaute ganz verwirrt und sagte: "Aber da war ich zuerst hingegangen und sie sagten: "Geh zur anderen Türe".

"Ich weiß", sagte Petrus, "sie meinten die Hintertüre".

"Aber warum ?", fragte der Doktor.

Petrus sagte: "Das ist der Lieferanteneingang."

Himmel ist ein Zustand bedingungsloser Akzeptanz. Wenn wir unser Leben ganz und gar annehmen können, mit Freude und mit Dankbarkeit, wenn wir unser Leben als ein Geschenk sehen können, dann gibt es kein Problem, wo immer wir auch sind. Probleme entstehen nur, weil wir unser Leben nicht akzeptieren, wir lehnen es ab. Und wenn wir unser Leben zurückweisen, halten wir Ausschau nach irgendeinem anderen Leben und machen uns Sorgen darüber, ob es besser sein wird als dieses Leben oder vielleicht doch nicht. Es könnte ja auch schlimmer kommen. Das ist Hölle: Die Furcht vor einem Leben, das schlimmer ist als dieses Leben. Und das ist Himmel: Die Gier nach einem Leben, das besser ist als dieses Leben. Aber es gibt kein anderes Leben; es gibt keine Hölle, keinen Himmel. Nur Narren interessieren sich für solche Sachen.

15.06.2005 um 02:11 Uhr

Tao Te King 2 (3)

von: tao

Der unwissende Mensch denkt, daß er ißt. Dann gibt es noch andere unwissende Menschen, die denken, daß sie fasten. Lao-tse würde diese beiden Typen unwissend nennen, denn beide halten sich für den Handelnden – der eine, indem er etwas tut, der andere, indem er etwas nicht tut. Lao-tse würde sagen: "Der ist weise, der weder gegen das eine noch gegen das andere ist." Er hat nicht das Gefühl, er würde das Essen der Speise bewirken. Er schaut immer weiter zu – wenn er sich hungrig fühlt, ißt er; wenn nicht, ißt er nicht. Wenn kein Hunger da ist, fastet er, wenn er Hunger spürt, ißt er. Er verneint weder den Hunger noch weicht er von seinem Weg ab, um ihn zu stillen. Er treibt keinen Schabernack mit dem Hungergefühl. Er bleibt ein Zuschauer und beobachtet die Entwicklung des Hungergefühls.

Jemand kam zu Takwan und fragte ihn: "Was ist deine Disziplin ?" Takwan erwiderte: "Ich praktiziere keine Disziplin. Mein Lehrer hat mich angewiesen, zu schlafen, wenn ich mich schläfrig fühle und aufzustehen, wenn der Schlaf von mir gewichen ist. Wenn ich hungrig bin, esse ich, wenn nicht, esse ich nicht. Wenn mir nach Reden zumute ist, rede ich, ansonsten schweige ich still." Der Jugendliche fragte: "Nennt man das Disziplin ?"

Takwan erwiderte: "Ich weiß auch nicht, ob das Disziplin ist oder nicht, denn mein Guru sagt: "Das,was du praktizieren kannst, ist Unwissenheit". Also praktiziere ich gar nichts. Ich beobachte bloß, was sich so alles abspielt. Aber das kann ich sagen, daß seitdem ich Schlaf, Hunger usw. akzeptiert habe, bin ich glücklich; kein Unglück ist mir seitdem widerfahren, denn ich habe alles angenommen.. Wenn nun Schmerzen oder Befürchtungen kommen, dann ist das für mich kein Unglück, sondern ein Ereignis, das sich vollzieht."

Schmerz erscheint uns nur dann als Schmerz, wenn wir ihn ablehnen. Der Stachel des Schmerzes ist nicht der Schmerz als solcher, sondern unsere Weigerung, den Schmerz anzunehmen. Wir haben das Gefühl, dies sollte nicht so sein, der Schmerz sollte nicht da sein, aber da ist er – das ist der Stachel. Wenn wir verstehen könnten, daß das, was geschehen ist, unweigerlich geschehen mußte, und zwar genau so, wie es passiert ist, und daß es gar nicht anders hätte sein können, dann gäbe es keinen Stachel mehr in diesem Schmerz. Dann gibt es kein Leid, wenn dir dein Glücklichsein entrissen worden ist. Die Freude, die du hattest, hätte dir nicht weggenommen werden sollen, du konntest sie nicht retten – dieses Gefühl bringt dir das Leid. Wenn ich weiß, daß Schmerz und Vergnügen kommen und gehen, was immer kommt, auch geht, und wenn in mir keine Neigung ist, das eine wegzulassen und sich an das andere zu halten, dann sind Schmerz und Angst kein Problem mehr.

Takwan sagt: "Ich weiß nicht, was Disziplin ist. Alles, was ich weiß, ist, daß ich von dem Tag an, an dem ich erkannt habe, daß die Dinge von selbst geschehen und ich keine Rolle dabei spiele, kein Unglück mehr kenne."

14.06.2005 um 02:30 Uhr

Tao 9

von: tao

Das Problem ist, daß der Mensch kein Fluß ist, der Mensch ist tiefgefroren. Im Sein des Menschen gibt es keinen Fluß. Der Mensch ist wie Eis, nicht wie Wasser.

Wenn der Mensch ein Fluß ist, ist es nicht nötig, den Fluß anzutreiben, er wird letztendlich zum Ozean gelangen. Er hat ihn schon erreicht: allein schon dadurch, daß er fließt, ist er Teil des Ozeans geworden. Fließend zu sein heißt ozeanisch zu sein.

Aber der Mensch ist nicht fließend, daher der innere Drang. Das Eis möchte schmelzen, daher die Anstrengung. Ist das Eis erst einmal geschmolzen, dann ist es nicht mehr nötig, irgendetwas anzuschieben, dann passiert alles ganz von selbst.

Der Mensch ist ein Fels geworden. Und der Grund, warum der Mensch ein nichtfließender Felsen geworden ist, ist das Denken. Der Körper ist perfekt im Fluß, die Seele ebenso. Aber zwischen den beiden, das Verbindungsglied, das Denken, ist gefrorenes Eis. Geht das Denken erst einmal tiefer in Meditation hinein, beginnt es zu schmelzen. Das ist Meditation: Eine Bemühung, das Denken zu schmelzen.

Zuerst geht es darum, ein Fluß zu werden.

Zwischen dem Körper und der Seele ist das Denken, das hängt sich an uns, oder wir halten an ihm fest. Der Körper geht, aber wir werden nicht das Unbegrenzte, weil wir nicht nur von einem Körper umgeben sind – das ist unsere physische Begrenzung – es gibt darin noch eine psychische Begrenzung. Durch den Tod des Körpers wird das Denken nicht sterben, es wird eine Wiedergeburt vornehmen. Es wird sich in einen anderen Mutterschoß begeben, denn es wird so viele Sehnsüchte mit sich schleppen, die noch erfüllt werden müssen. Es wird wieder einen anderen Mutterleib suchen, einen anderen Körper, mit dem es sich diese Wünsche erfüllen kann. Das ist die eigentliche Grundlage der Theorie von der Reinkarnation.

Das Denken sehnt sich, und wenn das Verlangen da ist, dann werden Gelegenheiten entstehen, in denen diese Sehnsüchte erfüllt werden. Die Existenz kooperiert mit uns. Wenn wir Wünsche haben wie ein Hund, werden wir ein Hund werden, werden wir den Körper eines Hundes haben. Unser Denken erzeugt die Vorlage, und der Körper richtet sich danach. Der Körper ist eine Projektion des Denkens, und nicht umgekehrt. Bevor das Denken nicht völlig verschwindet, werden wir immer wieder geboren werden. Ist das Denken erst einmal weg, dann ist es so: Der Körper verschwindet und wir sind das Unendliche. Tatsächlich sind wir, wenn das Denken nicht da ist, das Unbegrenzte, auch ohne das Verschwinden des Körpers, auch ohne daß er Körper erst sterben muß. Es ist nicht nötig, darauf zu warten.

13.06.2005 um 02:20 Uhr

Quellender Urgrund II 12 (4)

von: tao

Wenn das Denken nicht mehr projiziert, nicht mehr hofft, das ist das Kommen zu dem Ozean. Voraussetzung dafür ist, nicht mehr zu teilen, sondern das Leben als ein ungeteiltes Ganzes zu betrachten, als eine Ganzheit.

Doch bloß durch intellektuelles Verstehen wird uns das Wissen nicht verlassen. Nur intellektuelle Rezeption wird nicht helfen. Tatsächlich wird intellektuelles Verstehen zu weiterem Wissen werden – wird also das Wissen vermehren, das wir schon parat haben, es wird also noch mehr Wissen hochgestapelt.

Der törichte Mensch wird auf diese Weise noch kenntnisreicher werden. Der weise Mensch wird all seinen Wissensschatz loslassen und wird unwissend werden; und der unintelligente Mensch wird Wissen anhäufen und wird noch besser informiert sein – es hängt von uns ab. Natürlich, wenn wir etwas total verstanden haben, dann gibt es kein Problem, denn allein durch dieses Verstehen verschwindet das Problem. Wenn das Problem aber bleibt, dann zeigt dies, daß es nur ein intellektuelles Verstehen ist. Logischerweise haben wir das Gefühl "Ich weiß Bescheid, ich habe recht", aber wer lebt schon durch Logik ? Niemand lebt durch die Logik. Logischerweise wissen wir, daß Ärger falsch ist, aber wenn uns jemand beleidigt, dann ist alle Logik vergessen, dann kommt der Ärger hoch. Jedes mal, wenn wir uns verliebt haben, sind wir über die Logik hinausgegangen. Und immer wenn eine Liebe wieder verschwindet, entscheiden wir uns wieder dafür, daß es töricht war, es war Wahnsinn. Niemals wieder ! Diese Frustration, die es mit sich bringt, die Hölle, in die es uns zieht ! -- wir haben genug davon. Aber in nur wenigen Tagen haben wir schon wieder diese ganze Frustration und die Hölle, die uns unser Partner bereitet hatte, vergessen. Schon wieder lacht uns ein schönes Gesicht an, wieder schaut ein anderer Mensch einfach himmlisch aus, wieder sind wir in die Falle gegangen – die Logik ist vergessen. Wer lebt schon gemäß der Logik ?

Logisches Verstehen wird nicht helfen. Logik transformiert niemals irgendjemanden, denn wir werden vom Unbewußten dominiert, nicht vom Bewußten. Wenn wir verstehen, daß Wissen zwecklos ist, ist das bloß an der Oberfläche....Aber tief innen ist Wissen eine großartige Investition. Es ist wegen dem Wissen, daß wir bedeutend sind, daß wir uns wichtig vorkommen, es ist wegen des Wissens, daß wir jemand sind, es ist wegen Wissen, daß wir uns überlegen fühlen können – besser als all jene, die nichts wissen – durch das Wissen behalten wir die Oberhand. Dies sind all die Investitionen, die wir auf das Wissen gesetzt haben. Bevor wir nicht diese Investitionen loslassen, kann und wird Wissen nicht fallengelassen werden.

11.06.2005 um 18:15 Uhr

Tao Te King 10 (3)

von: tao

„Indem er die Leute liebt und den Staat regiert, kann er nicht vorgehen ohne irgendeinen Zweck in seinem Tun ? Indem er seine Himmelstorflügel öffnet und schließt, kann er nicht sein wie ein Vogelweibchen? Während seine Intelligenz in jede Richtung reicht, kann er nicht (scheinbar) ohne Wissen sein?" Ein nachdenklicher Mensch fragt immer: „Was ist das Ziel des Lebens ? Warum sollten wir leben und wofür ?" Nicht nur in diesem Jahrhundert, sondern schon zu allen Zeiten ist diese Frage von intelligenten Leuten gestellt worden. Alle Religionen und Philosophien sind in und um diese Frage herum geboren worden. Was ist das Ziel ? Was ist der Zweck ? Was ist das Ziel und als was endet dies alles ? Diejenigen, die diese Fragen nicht stellen, werden von den Weisen als ignorant und unintelligent betrachtet. Ihnen scheinen diese ein zielloses und zweckloses Leben zu führen. In diesem Zusammenhang gesehen ist Lao-tses Ausspruch schockierend. Lao-tse sagt: „Wer mit einem Zweck lebt, erreicht nicht nur nicht seine Ziele, sondern verliert auch sein Leben. Er erreicht niemals sein Endziel und zerstört dafür sein Leben. Nur der lebt, der sich auf die Kunst versteht, ein ehrgeizloses Leben zu führen. Nur der kann das Leben in seiner Fülle leben, dessen angestrebtes Ziel nicht über den gegenwärtigen Moment hinausgeht." Dies zu verstehen werden wir versuchen, Schritt für Schritt, denn für das Denken ist es sehr schwierig, das zu begreifen. Das Denken kann nicht einen Moment existieren ohne ein Ziel. Wir können ohne irgendeine Vision für die Zukunft existieren, aber für das Denken ist dies unmöglich. Wenn kein Ziel in Sicht ist, bröselt und zerbricht der Verstand. Deswegen wiwrd das Denken große Schwierigkeiten haben, wenn es diesen Vers verstehen will. Denn eigentlich steht das Denken im Gegensatz zum Leben. Dies muß in vielerlei Hinsicht verstanden werden. Alle Versuche, das Leben zu begreifen, sind sinnlos. Wenn eine Frage immer noch so offen bleibt, wie sie war, egal welche Lösung wir für sie finden, dann ist all unsere Anstrengung vergebens. Die Leute fragen zum Beispiel: „Wer erschuf die Erde ?" Dies ist eine bedeutungslose Frage, in dem Sinn, daß sogar wenn wir erwidern, daß „A" die Erde machte, die Frage immer noch so bleibt, wie sie war, denn dann entsteht die Frage: „Wer erschuf „A" ?" Egal, wieviele Antworten wir dafür finden, die Frage bleibt am Ende dieselbe, so offen wie sie war. Dies geschieht, weil wir es für selbstverständlich halten, daß nichts existieren kann, was nicht erzeugt wurde. Das ist ein Irrtum und dieser Irrtum hält sich hartnäckig in uns, für immer und ewig. Wenn jemand antwortet: „Gott erschuf die Erde", dann entsteht die Frage: „Wer erschuf Gott ?". Man kann nicht sagen, daß keiner Gott hervorbrachte, denn dann wäre deine anfängliche Frage falsch gewesen. In diesem Fall kann die Welt auch unerschaffen existieren. Diese Frage führt also zu einer unendlichen Regression, ein Zirkelschluß ohne Ende. Dieser gleiche Fehler wird begangen in Bezug auf den Zweck des Lebens.

11.06.2005 um 03:24 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (12)

von: tao

Viele Leute versuchen laufend Sachen aus Büchern, mit Büchern und durch Bücher.

Das Leben ist sehr komplex, Bücher können uns nur tote Regeln geben,

und wenn wir ihnen folgen, begeben wir uns in eine Gefahrenzone.

Es ist besser, gar nichts zu tun, als etwas falsches zu tun.

Es ist besser, normal zu bleiben – in einem gewöhnlichen Leben zu bleiben.

Wenn man keinen finden kann, der sich wirklich auskennt,

wenn man keinem vertrauen kann, dann sollte man es lieber nicht tun.

Zumindest werden wir geistig gesund bleiben; ansonsten können wir geisteskrank werden.

Das innere System unserer Bioenergie ist sehr komplex –

das ganze Universum ist nichts im Vergleich dazu.

Das ganze Universum bewegt sich nach sehr einfachen Richtlinien.

Der Mensch ist das komplexeste Wesen;

darum kann kein Löwe verrückt werden, aber der Mensch steht immer am Abgrund.

Fast jeden Moment können wir durchdrehen.

Es ist solch ein komplexes Phänomen

daß man diesbezüglich mit großer Achtsamkeit vorgehen sollte.

Und dafür ist eben Verstehen nötig, und keine Regeln.

Durch Bücher, Schriften, Regeln

können wir Wissen bekommen, aber kein Verstehen.

Jede Person ist anders:

Der Mann ist anders als die Frau,

jedes Individuum ist unterschiedlich und anders als jedes andere.

Und nicht nur das, an jedem Tag sind wird anders als am Tag zuvor.

Gestern waren wir die eine Person, heute sind wir jemand anderes,

morgen werden wir wieder ein anderer sein.