Ein Zenmeister pflegte seinen Schülern die Geschichte eines Meisterdiebes zu erzählen, der erleuchtet wurde. Selbst ein Dieb kann erleuchtet werden. Es geht nicht darum, was wir tun, es geht darum, wie wir es tun. Es geht nicht um die Handlung, es geht um das Bewußtsein, aus dem heraus diese Handlung entsteht.
Dies ist eine der berühmtesten Zen-Geschichten:
Der Dieb war als ein Meisterdieb bekannt – kein gewöhnlicher Dieb. Sogar der König respektierte ihn, denn er wurde niemals gefaßt, solange er lebte. Und jeder wußte, daß er der größte Dieb im ganzen Land war. Tatsächlich war sein Ansehen so groß, daß Leute damit angaben und prahlten: "Letzte Nacht brach der Meisterdieb in unser Haus ein", oder "Unsere Wertsachen sind von dem Meisterdieb gestohlen worden". Das war eine Auszeichnung, denn ein Einbruch des Meisterdiebes bedeutete, man war wirklich reich, denn er brach bei keinem gewöhnlichen Bürger ein, nur Könige und sehr reiche Leute hatten das Privileg, vom Meisterdieb "besucht" zu werden.
Dieser Dieb wurde nun alt. Sein Sohn sagte zu ihm: "Du bist jetzt alt und wirst bald sterben. Lehre mich deine Kunst !"
Der Meisterdieb sagte: "Ich habe auch schon daran gedacht. Aber es ist keine Kunst, es ist vielmehr ein Kniff. Ich kann es dich nicht lehren, es kann nicht gelehrt werden, aber es kann erfaßt werden."
Das ist Religion: Sie kann nicht gelehrt werden, sie kann nur begriffen werden. Das ist der Unterschied zwischen einem Lehrer und einem Meister: Der Lehrer lehrt, der Meister macht sich nur zugänglich, damit er verstanden werden kann. Man muß seinen Geist auf sich wirken lassen. Wenn man nur seinen Worten zuhört, wird man ihn verfehlen; wenn man aber den Geist kostet, der hinter den Worten steht, nur dann wird man ihn verstehen.
Der Dieb sagte: "Es ist ein Trick; wenn du hinter diesen Dreh kommst, bin ich bereit, dir zu helfen, ich werde für dich da sein. Ich hatte mich selbst schon gefragt, aber es ist solch eine große Fertigkeit – wie bei Dichtern, wirkliche Diebe werden geboren, nicht gemacht. Aber man weiß es nie, bevor man es nicht versucht. Komm also heute nacht mit mir."
Der Sohn folgte. Der Sohn war jung, gesund und sehr stark. Der alte Mann war wirklich schon alt, über achtzig. Der alte Mann ging zu einem reichen Haus. Er durchbrach die Wand, er entfernte die Mauersteine – aber wie er das machte ! Und der junge Mann schaute bloß zu, stand da und zitterte. Es war eine kalte Nacht und der junge Mann schwitzte und zitterte. Und er hatte solche Angst: Er schaute sich immer um – jemand könnte doch kommen. "Und was für ein Mensch ist mein Vater ? Er macht alles so still, so elegant, so als ob dies unser eigenes Haus wäre ! Keine Eile, keine Beunruhigung."
Der Vater schaute sich nicht einmal auch nur ein einziges Mal um. Er betrat das Haus und bedeutete seinem Sohn schweigend, ihm zu folgen. Der folgte zitternd und schwitzend, sein ganzer Körper war in Schweiß gebadet; wie Wasser floß ihm der Schweiß herunter. So starke Schweißausbrüche hatte er noch nie erlebt, nicht einmal an heißen Sommertagen – und es war eine kalte Winternacht, eiskalt ! Und der alte Mann bewegte sich in dem Haus, in der Dunkelheit, als wenn er schon immer dort gelebt hätte. Nirgendwo stieß er an.
Er gelangte in das Innere des Hauses, er öffnete den innersten Raum. Dann machte er die Tür zu einem Abstellraum auf und sagte dem Sohn, er solle in das Abstellzimmer hineingehen. Der Sohn betrat den Abstellraum... und was der Vater dann tat, war unvorstellbar für den Sohn. Der Vater verschloß den Abstellraum - der Sohn war noch darinnen ! -- rief laut: "Dieb ! Dieb !" und machte sich aus dem Staub.
Das ganze Haus erwachte, die Nachbarschaft wurde wach. Die Leute rannten hierhin und dorthin; im Haus schauten sie überall nach. Man kann sich die Situation des Sohnes vorstellen ! Er dachte: "Das ist das Ende. Aus, vorbei ! Mein Vater ist verrückt geworden ! Ich hätte ihn gar nicht fragen sollen – das ist nichts für mich. Er hatte recht, wenn er sagte, Diebe werden geboren und nicht gemacht. Aber ist das eine Methode, mir das beizubringen? Falls ich das überlebe, werde ich diesen alten Mann umbringen ! Ich werde nach Hause gehen und ihm augenblicklich den Kopf abschneiden."
Er war richtig wütend – jeder wäre das in seiner Situation gewesen – aber es hatte keinen Sinn, wütend zu sein. Denn jetzt mußte etwas getan werden und gerade jetzt konnte an gar nichts denken. Das Denken blieb einfach stehen.
Das ist Meditation: Das Denken hört einfach auf. Es kann sich nicht darüber klar werden, worum es jetzt geht, was es tun soll, denn alles, was es weiß, ist jetzt nutzlos; es ist niemals zuvor in einer solchen Situation gewesen. Und das Denken kann sich nur wieder und wieder in der Welt des Bekannten bewegen. Immer wenn man irgendetwas Unbekanntem begegnet, steht das Denken still. Es ist eine Maschine, ein Computer. Wenn du ihm nicht zuvor die richtige Information einprogrammiert hast, kann es nicht arbeiten, kann es nicht funktionieren.
Dies war jetzt nun eine solch neue Situation, der junge Mann konnte sich gar nicht vorstellen, was er tun sollte. Es gab nichts zu tun. Und dann kam eine Bedienstete mit eine Kerze in ihrer Hand auf der Suche nach dem Dieb. Ein Dieb war ja offensichtlich in das Haus eingebrochen: Die Hauswand war aufgebrochen, die Türe war geöffnet worden – alle Türen waren aufgemacht worden. Der Dieb hatte sogar den hintersten Raum betreten – er muß sich noch irgendwo versteckt halten.
Sie öffnete die Türe zu dem Abstellraum, um hineinzuschauen – vielleicht versteckte er sich ja dort. Sie würde die Türe zu diesem Raum gar nicht aufgemacht haben, aber innerhalb des Abstellraumes hatte sich etwas gerührt, das war der Grund, warum sie ihn öffnete. Sie hörte ein Geräusch, irgendso ein kratzendes Geräusch, als wenn eine Ratte an Kleidern nagen würde. Sie öffnete die Türe, um eigentlich sich nach der Ratte umzuschauen. Es war natürlich der junge Mann, der dieses kratzende Geräusch machte, er tat es. Und das war ihm spontan in den Sinn gekommen, es kam nicht aus dem Denken heraus. Als er sah, daß jemand mit einem Licht hereinkam... er konnte sehen, daß jemand in dem Vorraum war, er konnte die Fußschritte hören, er konnte das Licht im Vorraum sehen; plötzlich war es nicht mehr so dunkel. Der einzige Weg, daß ihm nun die Türe geöffnet wurde, war, etwas zu tun. Aber was sollte er tun ? Aus dem Nichts, intuitiv – das war nicht aus dem Intellekt, sondern aus der Intuition heraus – begann er wie eine Ratte zu kratzen und die Türe wurde aufgeschlossen. Die Frau leuchtete mit ihrer Kerze hinein. Wieder, aus dem Moment heraus, aus der Intuition, blies er die Kerze aus, schubste die Frau zur Seite und rannte weg.
Die Leute rannten ihm nach – fast ein Dutzend Leute folgten ihm mit Fackeln und Lampen – und es war sicher, daß er geschnappt werden würde. Plötzlich kam er an einem Brunnen vorbei. Er nahm einen großen Stein und warf den Stein in den Brunnen hinein, dann stellte er sich hinter einen Baum, um zu sehen, was passieren würde. Das alles war einfach passiert, er hatte es nicht getan. All die Leute umringten den Brunnen – sie dachten, der Dieb sei in den Brunnen hineingesprungen. "Nun macht es keinen Sinn mehr, sich um ihn zu kümmern in dieser kalten Nacht. Am Morgen werden wir weitersehen. Wenn er noch lebt, werden wir ihn ins Gefängnis stecken; wenn er tot ist, ist er schon bestraft." Sie gingen zurück.
Der junge Mann kam nach Hause. Der Vater schlief schon fest und schnarchte. Er zog ihm die Decke weg und sagte: "Spinnst du oder was ?"
Der Vater sah ihn an, lächelte und sagte: "Du bist also zurück – das reicht ! Gar nicht nötig, mir die ganze Geschichte zu erzählen. Du bist ein geborener Dieb ! Von morgen an machst du dich selbständig. Du hast begriffen, worum es geht. Ich bin nicht verrückt – ich bin ein Spieler. Ich hatte alles auf Spiel gesetzt. Entweder wäre es mit dir aus gewesen oder du würdest davonkommen und damit beweisen, daß du über intuitive Einsicht verfügst – und du bist wieder herausgekommen. Es ist also nicht nötig, mich jetzt mitten in der Nacht damit zu behelligen. Geh schlafen. Wenn dir am Morgen immer noch danach ist, mir davon zu erzählen, kannst du es mir dann erzählen. Aber ich weiß schon, was passiert ist – auch wenn ich die Details nicht kenne, kenne ich doch den entscheidenden Punkt, und das ist genug. Das ist meine ganze Kunst, mein Sohn; du hast sie erlernt. Und falls ich morgen sterben sollte, werde ich glücklich sterben, weil ich wissen werde, ich lasse jemanden hinter mir, der die Kunst kennt. So hat mein Vater es mir beigebracht – das ist der einzige Weg. Man muß es riskieren."
Sogar ein Dieb kann erleuchtet werden. Sogar ein Dieb kann im Moment leben, kann aus dem Denken aussteigen.