Taoistische Reflektionen

30.09.2005 um 02:44 Uhr

Quellender Urgrund 2/12 (6)

von: tao

In Dartmouth überraschte ein Englisch-Professor plötzlich einen anderen Kollegen dabei, wie er etwas auf eine Klowand schrieb. "Elmer !", schnappte der Professor nach Luft. "Sag mir nicht, du bist so ein Kerl, der auf Klowände schreibt !"

"Das ist doch Quatsch", fuhr ihn der Professor wütend an. "Ich korrigiere bloß die Grammatik."

Bloß die alte Angewohnheit des Korrigierens – er muß dort wohl irgendwelche Grammatikfehler gefunden haben.

Ein Geizhals, ein sehr berühmter Geizhals...

Eine große Menge lief am Strand von Coney Island zusammen und schaute dem Mann zu, der soeben der Millionenerbin eine künstliche Beatmung verpaßte, die er gerade gerettet hatte. Ihre Eltern bahnten sich einen Weg durch die Menschenmassen und waren überglücklich, als sie ihre Tochter am Leben und wohlauf vorfanden. "Mama", sagte der alte Mann, "gib dem Burschen einen Dollar. Er hat ihr das Leben gerettet."

"Aber Papa", protestierte die Tochter, "ich war halbtot."

"Schon gut", sagte Papa, "gib ihm fünfzig Cents."

Wenn wir beobachten, was bei uns von innen kommt, wenn wir aufmerksamer dabei sind, dann zeigen sich uns tiefverwurzelte Angewohnheiten und wir werden uns all dieser Gewohnheiten bewußt werden. Nicht daß wir mit ihnen kämpfen sollten, nein. Nicht daß wir uns mit Anstrengung von ihnen lösen sollten, nein. Alles, was angestrengt abgestellt wird, wird zurückkommen und es wird nicht nur zurückkommen, es wird sich rächen. Wenn wir gegen irgendeine alte Angewohnheit den Kampf aufnehmen, wird dieser Kampf eine Spaltung erzeugen: Wir würden mit uns selbst kämpfen. Besser ist es einfach zu verstehen und achtsamer zu werden.

Auch wenn wir nun verstanden haben sollten, daß Wissen zwecklos ist, ist dies bloß ein Schimmer. Diesen flüchtigen Eindruck gilt es nun, tief in unser Unbewußtes hineinzutragen. Dann gilt es zu beobachten. Immer wenn wir damit anfangen, unser Wissen zu zeigen, dann wäre es angebracht, genau hinzuschauen, warum. Was sind die tieferen Motive ? Wenn wir soweit gekommen sind, daß wir all die Motive und all das, was wir da hineininvestiert haben, kennen, wenn wir überall in unserem Wesen herumgeforscht haben, dann werden wir plötzlich sehen, daß durch dieses Verstehen die Gewohnheiten verschwinden. Dafür ist kein Kampf nötig, dafür ist keinerlei Anstrengung nötig – täten wir das, würde dieser flüchtige Einblick, der manchmal zu uns kommt, niemals in unser Leben übersetzt und hinübergeführt werden.

29.09.2005 um 00:10 Uhr

Südliches Blütenland 6/4

von: tao

"Da waren drei Freunde, die diskutierten das Leben.

Einer sagte:

Können Menschen zusammen leben und nichts davon wissen,

zusammen arbeiten und nichts produzieren ?

Können sie im Weltraum herumfliegen

und vergessen zu existieren, Welt ohne Ende ?

Die drei Freunde schauten sich gegenseitig an

und brachen in Gelächter aus.

Sie hatten keine Erklärung,

folglich waren sie bessere Freunde als zuvor.

Dann starb ein Freund.

Konfuzius sandte einen Schüler

um den anderen beiden beim Absingen seiner Trauerrituale zu helfen.

Der Schüler stellte fest

daß der eine Freund ein Lied komponiert hatte

während der andere dazu Laute spielte.

Sie sangen:

Hallo Sung Hu,

wo gingst du hin ?

Hallo Sung Hu,

wohin gingst du ?

Du bist dorthin gegangen

wo du wirklich warst,

und wir sind hier –

verdammt, wir sind hier !

Da platzte der Schüler des Konfuzius herein,

unterbrach sie und rief:

Darf ich fragen, wo ihr das gefunden habt

in den liturgischen Vorschriften für Trauerfeierlichkeiten,

dieses frivole Liedersingen

in der Gegenwart des Verstorbenen ?

Die zwei Freunde schauten einander an

und lachten:

Armer Kerl,

er kennt nicht die neue Liturgie !"

28.09.2005 um 21:53 Uhr

Tao Te King 5 (3)

von: tao

Genau so wie ein Ballon, in den ein Kind hineinbläst, und er größer und größer wird, so expandiert auch das Universum kontinuierlich. Es dehnt sich aus mit einer Geschwindigkeit von Tausenden von Kilometern pro Sekunde. Sein äußerer Umfang wird nimmt stetig an Größe zu. Die Sterne entfernen sich laufend weiter von einander weg. Genau so, wie wenn wir einen kleinen Ballon aufpumpen und zwei Punkte aufmalen. So wie dann der Ballon immer größer wird, werden diese zwei Punkte immer weiter von einander entfernt sein. So entfernen sich auch die Sterne weiter weg voneinander. Die Peripherie geht immer weiter und weiter weg von dem Zentrum.

Aber Einstein hat die westliche Wissenschaft in große Schwierigkeit gebracht, und zwar: Was wird das Ende dieser Entwicklung sein ? Wo wird diese Expansion enden ? Und wenn und wo es stoppt, was wird dann der Grund dafür sein ? Der Westen hat darauf noch keine Antwort. Die Antwort ist jedoch erhältlich von Lao-Tzu, sie ist auch in den Upanishaden zu finden. Und die Antwort ist – die Expansion des Universums ist der aufblasende Atem. Aber Dinge, die aufblasen, lassen die Luft auch wieder ab – es wird einen entleerenden Atem geben. Der Westen ist zum Konzept des aufblasenden Atems gekommen, nun ist die Erkenntnis des Konzepts des entleerenden Atems in gleicher Weise nötig. Die Denker des Ostens sagen: "Diese sich ausbreitende Expansion nennen wir mit dem Namen der Schöpfung. Wenn diese Schöpfung beginnt, sich zusammenzuziehen (wenn der Atem auszugehen beginnt), nennen wir es die Vernichtung des Universums." Wenn das Universum sich bis zu seinem Maximum ausdehnt, beginnt es unausweichlich den Umkehrprozeß und fängt an, sich zusammenzuziehen. Das ist genau so, wie wenn wir einatmen und die Lungen sich maximal ausdehnen und dann sofort beginnen, sich wieder zusammenzuziehen. Die indischen Weisen haben eine ganz wundervolle Formulierung gefunden, sie haben eine Schöpfungsepoche mit einem Atemzug von Brahma verglichen. Wenn Brahma einatmet, expandiert die Welt, wenn er ausatmet, zieht sich das Universum zusammen und alles schrumpft ein bis auf seine Keimform.

Lao-tse sagt: "Zwischen Himmel und Erde läuft genau solch ein Blasebalgspiel ab. Auch ist alles zwischen Himmel und Erde von Dualität umringt. Wo Expansion ist, da ist auch Kontraktion." Warum sagt Lao-tse das ? Er sagt dies, damit wir, wenn wir uns ausdehnen wollen, auch auf das Zusammenziehen vorbereitet sind. Wenn wir ganz scharf darauf sind, Leben zu bekommen, dann müssen wir auch dazu bereit sein, zu sterben. Wenn wir ein großes Verlangen nach Schönheit haben, dann säen wir damit Samen der Häßlichkeit. Wenn wir uns Erfolg wünschen, bereiten wir den Weg, der zum Versagen führt.

27.09.2005 um 01:52 Uhr

Tao Te King 15 (4)

von: tao

"Die Weisen des Altertums hatten subtile Weisheit

und tiefes Verstehen.

So tiefgründig, daß sie nicht verstanden werden konnten.

Und weil sie nicht verstanden werden konnten,

müssen sie notgedrungen so beschrieben werden:

Vorsichtig, wie bei der Überquerung eines zugefrorenen Stroms.

Unentschlossen, als ob man überall um sich herum Gefahr fürchten würde.

Gemessen, als ob man als Gast agieren würde,

unscheinbar und ausdruckslos, wie Eis, das zu schmelzen beginnt,

echt und aufrichtig, wie ein Stück unbehandeltes Holz,

aufgeschlossen, wie ein Tal,

und sich frei vermischend und vermengend, wie trübes Wasser.

Wer kann Ruhe finden in einer verworrenen Welt ?

Durch stilles Daliegen wird es klar.

Wer kann seine Ruhe lange beibehalten ?

Durch Aktivität kommt sie zurück ins Leben.

Wer dieses Tao in sich aufnimmt

hütet sich davor, übervoll zu sein,

er ist jenseits von Abnutzung und Erneuerung."

Sokrates sollte sterben. Ein Schüler fragte: Warum hast du keine Angst vor dem Tod ? Der Tod stand fest, innerhalb von Minuten würde er sterben, das Gift, das ihn töten sollte, wurde gerade vorbereitet. Aber Sokrates sagte: Wie kann ich Angst vor etwas haben, das unbekannt ist ? Ich werde selber sehen müssen. Wenn ich sterbe, nur dann kann ich sehen. Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine ist, daß ich komplett sterben werde, daß keine Spur von mir zurückbleiben wird, also wird niemand mehr übrig bleiben, der es kennenlernen kann, niemand der er erleiden wird. Wenn diese erste Alternative geschehen wird, dann stellt sich die Frage gar nicht mehr, ob ich mir Sorgen machen sollte. Und die zweite Möglichkeit ist die, daß ich weiterhin da sein werde, daß der Körper sterben wird, aber die Seele bleiben wird. Auch dann sehe ich keinen Sinn darin, mir Sorgen zu machen, wenn ich fortdauern sollte, denn dann ist der Tod irrelevant. Und nur diese zwei Möglichkeiten existieren, also kann ich jetzt noch gar nichts darüber sagen, was geschehen wird. Ich weiß es nicht. Ich weiß es noch nicht. Sokrates war ein weiser Mann, kein wissender Mann. Ein Mann des Wissens würde eine eindeutige bestimmte Antwort gegeben haben.

25.09.2005 um 18:58 Uhr

Tao 67

von: tao

Ein Buddha kommt

und die Leute machen sich auf den Weg, um den Buddha kennenzulernen,

und sie werden so sehr besessen davon,

daß sie vergessen, daß ihr eigener Buddha

ganz einfach in ihnen selbst ist.

Er ist nicht außen.

Und der Weg, den äußeren Buddha zu erkennen,

ist es, den inneren Buddha kennenzulernen.

Wenn wir ganz in uns selbst zuhause sind,

haben wir alle Christusse, alle Buddhas, all die Meister,

die jemals existiert haben, erkannt,

und auch all diejenigen, die jemals existieren werden,

denn wir werden eins mit der Ganzheit.

Sich selbst erkennend kennt man das Ganze.

Die Versuchung ist stark,

sich an einen Meister hinzuhängen,

sich an ihn zu klammern, zu seinem Schatten zu werden;

aber das würde nichts helfen,

das wäre selbstmörderisch.

An einen Menschen des Tao kann man sich nicht hinhängen,

er ist hier, um uns frei zu machen.

Taoismus ist dafür da,

uns zu helfen,

komplett und authentisch wir selbst zu sein.

25.09.2005 um 02:08 Uhr

Tao Te King 5 (2)

von: tao

Im Moment des Todes entleert sich das Gebläse des Sterbenden, also seine Lungenflügel. Nun kann das Leben wieder in Erscheinung treten. Der Atem in uns wurde zur Zeit des Todes herausgepreßt, nun, können wir wieder einmal den erfrischenden Atem des Lebens einatmen. Haben wir jemals daran gedacht, daß wir nur dann imstande sind, den lebengebenden Atem der Existenz einzusaugen, wenn wir vorher ausgeatmet haben ? Wenn wir ausatmen, sind wir kraftvoll und nicht leer. Wir sind nur leer, was den Atem betrifft, aber unsere Fähigkeit, das Leben einzusaugen, nimmt zu.

Lao-tse sagt: "Wenn der Blasebalg leer ist, denke nicht, daß er schwach ist. Er wird die Luft einsaugen und sie auch wieder ausstoßen. Das Leersein ist ein Schritt zum Vollsein." Aber wir sehen bloß Leere in der Leere und nur Fülle in der Fülle.

Lao-tse sagt: "Leersein ist ein Schritt hin zum Vollsein, und die Fülle ist die Vorbereitung darauf, wieder leer zu werden." Dies sind der rechte und der linke Fuß der Existenz. Das Leben kann nicht nur auf einem Fuß weitergehen. Der Atem, der hereinkommt, ist genau so ein Bein des Lebens, wie der Atem, der wieder herausgeht. Wenn wir unseren Atem beobachten, werden wir feststellen, daß das Ausatmen gleichbedeutend ist mit dem Tod und die Einatmung gleichbedeutend ist mit dem Leben. Wer die Wissenschaft der Atmung studiert hat, weiß, daß wir mit jedem Atemzug sterben und wieder wiedergeboren werden.

Tod jedoch bedeutet nicht, kraftlos zu werden. Es bedeutet nur dies: Wir werden wieder bereit dazu, kraftvoll zu werden. Wir haben das Alte weggeworfen und und unsere Kapazität sich das Neue wieder einzufüllen, ist geschärft und klar geworden.

Lao-tse sagt: "Die Existenz arbeitet wie ein Blasebalg zwischen dem Himmel und der Erde." Wir können das ganze Konzept des Universums durch das funktionierende Atmungssystem verstehen – durch das Einatmen und durch das Ausatmen. Wenn die aufgehende Sonne in der Morgendämmerung wie das Einatmen ist, dann ist die untergehende Sonne am Abend wie das Ausatmen. Das ganze Universum pulsiert mit diesem Phänomen der Atmung – wie ein Blasebalg.

Und nun ist der Physik als ein Resultat der unaufhörlichen Forschung von Einstein und anderen ein neues Konzept gegeben worden – ein Konzept, das Lao-tse noch nicht kannte – das des expandierenden Universums. Bis dahin standen wir unter dem Eindruck, daß das Universum eine feste Größe sei, aber nun sagen die Wissenschaftler, daß das Universum sich immer weiter ausdehnt.

24.09.2005 um 02:29 Uhr

Tao Te King 1 (8)

von: tao

Der Name konvertiert das Bewußtsein in ein Objekt. Wenn man die Namen wegläßt, verwandeln sich die Objekte wieder in lebendiges Bewußtsein. Lao-tse zerbricht die Existenz in zwei Teile, um sie zu erklären. Er teilt sie auf in Himmel und Erde. Mit der Erde meint er Materie; mit dem Himmel meint er Erfahrung, Wahrnehmung, Bewußtsein und Verstehen. Nach Lao-tse ist also der Schöpfer von aller Materie und allem Bewußtsein namenlos. Der Himmel ist eine Erfahrung, wohingegen die Erde ein Zustand von Ordnung ist, eine Vorbedingung. In den Tagen von Lao-tse war mit Erde gemeint, die Bedeutung von Matiere zu vermitteln, und der Himmel wurde benutzt, die Bedeutung des Bewußtseins zu vermitteln, denn die Erfahrung des Himmels wurde durch Verstehen gefühlt. Lao-tse hat diese zwei Begriffe in disem Kontext verwendet. Materie vermittelt die Bedeutung von Rigidität und Unbeweglichkeit; Himmel vermittelt den Sinn von Bewußtsein und Fühlen. Die Urquelle von aller Materie und allem Bewußtsein ist Namen-los und der Prozeß der Namensgebung ist die Mutter aller Objekte. Wir leben in der Welt der Objekte. Wir leben weder in der Welt der Materie noch in der Welt des Bewußtseins. Wir leben in einer Welt von Objekten. Wenn wir uns umschauen und genau hinschauen, werden wir klar erkennen können, daß wir in einer Welt von "Dingen" leben. Nicht weil wir zwischen Möbeln leben, leben wir in Dingen, oder weil wir in Häusern leben und in Wohlstand. Dies sind natürlich alles Objekte, aber diejenigen, die dabei bleiben, werden fast selbst zu Objekten. Wenn wir jemanden lieben, wünschen wir uns, daß unsere Liebe morgen dieselbe sein sollte, wie sie es heute ist. Wir erwarten auch, dieselbe Liebe von der Geliebten am nächsten Tag zu bekommen. Nun können wir aber unser Vertrauen nur auf Objekte setzen und nicht in Individuen. Meinen Stuhl werde ich morgen am selben Platz wiederfinden, an dem ich ihn heute verlassen habe. Er ist vorhersehbar und verläßlich, denn der Stuhl hat kein Bewußtsein und keine eigene Individualität. Aber das gleiche kann für ein lebendes Individuum nicht vorhergesagt werden – daß ich morgen dasselbe Ausmaß und dieselbe Qualität an Liebe bekommen werde, wie ich sie heute bekam. Es könnte sein, es könnte aber auch nicht sein. Aber ich sehne mich danach, daß es so sein sollte, daß ich das, was ich heute empfange, auch morgen wieder bekommen muß. Dann werde ich danach streben müssen, das Individuum zu zerstören und ein Objekt aus ihm zu machen. Nur dann kann ich mich auf ihn verlassen. Dann werde ich den Geliebten zu meinem Ehemann machen oder die Geliebte zu meiner Ehefrau, je nachdem. Dafür erhalte ich auch die Unterstützung von dem Gesetz und der Gesellschaft. Wenn ich dann morgen Liebe einfordere, kann die Ehefrau oder der Ehemann mir dies nicht verweigern, denn es sind Eide geschworen worden und es sind Versprechungen abgegeben worden – alles ist besiegelt. Sich jetzt mir zu verweigern, käme einem Betrug gleich; es wäre eine Pflichtverletzung.

22.09.2005 um 18:34 Uhr

Tao Te King 43 (1)

von: tao

Über die weichste Substanz:

"Das Weichste der Welt

durchdringt das Härteste.

Das-was-ohne-Form-ist

dringt ein ins Lückenlose;

Dadurch kenne ich den Vorteil von Nicht-Tun.

Das Lehren ohne Worte

und der Nutzen, nicht aktiv zu werden

sind im Universum unvergleichlich."

Dazu eine Sufi-Geschichte: (diese Sufis sparen nicht an Worten...)

Es geschah, daß ein Sufi-Derwisch auf der Suche nach Gott von einem Land ins andere wanderte. Er traf auf viele Lehrer, aber niemand konnte ihn zufriedenstellen; nirgendwo konnte er einen Platz finden, woran er sein Herz verlieren konnte. Enttäuscht und entmutigt beschloß er in den Wald zu gehen und dort allein zu sein; auf den inneren Meister zu hören und die äußeren Meister zu vergessen. Er fand einen schönen Eichenhain. Viele alte Bäume, uralte Eichen, hatten einen Hain gebildet – ihre Zweige waren so miteinander und ineinander verschlungen, daß sie einen natürlichen Schutzraum bildeten vor dem Regen, vor der Sonne und vor den Elementen der Natur. Und gleich in der Nähe war ein See. Der Hain war sehr still und er lag so tief im Wald, daß niemand je vorbeikam. Der Sufi ging in ihn hinein, er liebte ihn, der Platz hat seinen eigenen Reiz. Er begann dort zu meditieren. Einmal in der Woche verließ er ihn für ein paar Stunden und ging ins nächstgelegene Dorf, um sich etwas Nahrung zu besorgen, und dann war er wieder sieben Tage lang in seiner Meditation versunken. Sufis wiederholen kontinuierlich den Namen Gottes, "Allah". Das Mantra der Mohammedaner bedeutet: "Es gibt keinen Gott außer Gott", aber die Sufis haben dies auf ein einziges Wort komprimiert: "Allah" oder "Gott", denn sie sagen, es wäre ja möglich, daß wir eines Tages sterben, während wir uns gerade mitten in unserer Mantrawiederholung befinden. Wenn wir also gerade das Mantra wiederholen und genau mittendrin sterben, dann hätten wir gesagt: "Es gibt keinen Gott", und würden also als ein Atheist sterben. Im letzten Moment hätten wir kein Zeugnis abgelegt für das Göttliche; im Gegenteil, wir würden in einer Negativität sterben. Sie sagen also, dies ist gefährlich und wiederholen deswegen das mohammedanische Mantra nicht in seiner kompletten Version, sie wiederholen einfach: "Allah, Allah, Allah", mit der ständigen Erinnerung an ihn. Das ist es, was sie "ziqra" nennen. Der Sufi sagte also sein Mantra auf, man nennt das chanten, "Allah, Allah, Allah" - monatelang. Er fing an, sich sehr ruhig, still, gelassen und gesammelt zu fühlen. Es war so still um den Hain herum, so friedlich, und der gleiche Frieden begann ihn innerlich auszufüllen, er breitete sich in den innersten Teilen seines Wesens aus. Aber er war nicht glücklich. Es war nicht genug. Bewußtheit, Nirvana, war immer noch weit entfernt. Jahre gingen vorbei und der Hain wurde fast ein geheiligter Ort. Die Eichen reagierten darauf mit üppigem Wachstum, plötzlich wurden sie wieder jung, bekamen frische Blätter, und der ganze Hain war voll mit Schönheit – aber im Herzen des Sufi war Trauer. Doch er wartete, und er tat, was nur immer getan werden konnte: Er war ständig randvoll mit Gebet und Meditation. Achtzehn Jahre gingen vorbei, aber er war von der Transformation so weit weg wie immer schon. Natürlich war er nun friedevoll und still – aber noch nicht wonnevoll. Das Leersein war eine Leere geblieben und nun gab es nichts mehr zu tun. In einer dunklen Nacht, mitten in der Nacht, kam ihm plötzlich ein Verdacht, ein Zweifel stieg in seinem Denken auf – denn achtzehn Jahre sind eine sehr lange Zeit und er hatte seine ganze Anstrengung, sein ganzes Wesen, sein Herzblut da hineingesteckt, er hatte nichts zurückgehalten, wenn also bis jetzt noch nichts passiert war, dann, so schien es ihm, würde niemals irgendetwas passieren. Der Zweifel wurde stärker. Er begann, sich Gedanken zu machen: Ist es möglich, daß dieser Eichenhain meine Gebete nicht hinausgelangen läßt, so wie er ja auch den Regen und die Sonne nicht hineinkommen läßt ? Das Blätterdach ist so dick, vielleicht kommen meine Gebete nur bis zur Unterseite der Blätter und nicht darüber hinaus, so daß Gott mich gar nicht gehört hat. So wie die Sonnenstrahlen niemals in diesen Hain hineinkommen können, genauso sind meine Gebete vielleicht nicht in die Außenwelt gelangt. Dieser Hain ist ein Ausbeuter gewesen, ein Blutsauger. Er bekam solche Angst vor diesem Hain, daß er einfach mitten in dieser dunklen Nacht auf und davonlief, er ergriff die Flucht. Aber in genau diesem Moment, meilenweit entfernt von diesem Hain, ging auf der Landstraße ein Bettler vorbei, unterwegs von einer Stadt in die andere. Plötzlich, aus dem Nichts heraus, kam ihn ein unbändiges Verlangen an, in den Wald hineinzugehen. Er widersetzte sich diesem Bestreben, es war gefährlich, der Wald war voll mit wilden Tieren, und was sollte das überhaupt, jetzt in den Wald zu gehen, er mußte das andere Dorf doch am Morgen erreichen, und die Hälfte des Weges lag noch vor ihm. Weswegen sollte er jetzt in den Wald gehen ? Aber es war, als ob etwas ihn zu ziehen beginnen würde, er war hilflos, er konnte nichts dagegen tun. Er fing an wie verrückt in den Wald hineinzurennen und manchmal dachte er so bei sich: Was tue ich eigentlich ? Aber der Körper bewegte sich ganz von selbst, er war nicht mehr der Herr über seinen Körper. Er wollte davonlaufen, es war absolut gefährlich, er hatte Angst, er zitterte – aber er war hilflos. Aber als er in die Nähe des Hains kam, dann verstand er. Ein subtiles Rufen kam aus dem Hain heraus: Komm zu mir ! Es war nicht hörbar für die äußeren Ohren, aber etwas in ihm konnte es hören. Und der Hain war unglaublich ! Der ganze Wald war stockdunkel, aber der Hain erglühte in einem feinen blauen Licht. Es war fast, als wäre er von einer anderen Welt, als wenn ein Buddha unter den Bäumen sitzen würde, als wenn jemand unter ihnen erleuchtet worden wäre, und das Licht der Erleuchtung und der Friede und die Wonne des Nirwana sich überallhin ausbreiten würde. Er spürte subtile Schwingungen überall um den Hain herum – ein magnetisches Feld. Nun verschwand die Furcht. Er ging in den Hain hinein, und bloß dadurch, daß er eintrat, wurde er transformiert, er wurde ein total neuer Mensch. Er konnte es selbst nicht glauben: Er war doch bloß ein gewöhnlicher Mensch, weder besonders gut noch besonders schlecht, bloß ein ganz gewöhnlicher Mensch. Tief verstrickt in die Konfusionen des gewöhnlichen Lebens, tief in den Problemen des gewöhnlichen Lebens steckend, weder ein Theist noch ein Atheist ... eigentlich hatte er niemals speziell über Gott nachgedacht, er hatte niemals irgendeine Entscheidung in Bezug auf Religion getroffen, er war wirklich ganz indifferent demgegenüber gewesen. Das Leben hatte soviele Probleme und er war so sehr damit beschäftigt ... aber plötzlich, als er den Hain betrat, war wie gefangen in einem Wirbelwind. Er setzte sich unter einen Baum und er konnte es nicht glauben – nie zuvor hatte er diese Stellung eingenommen, er saß ja da wie ein Sufi Derwisch. Und dann begann ein Rumoren in seinem Wesen – der innerste Kern seines Wesens wurde aufgewirbelt, und ein Ton fing zu klingen an.Er konnte nicht glauben, was da geschah, es war unglaublich. Dann brach ein Klang über ihn herein, den er nicht identifizieren konnte, aber nach und nach, als sich alles wieder etwas legte und die Aufregung vorbei war, konnte er den Ton hören, der nebulöse Klang wurde klar; das Formlose nahm Form an und nun konnte er hören – es war nichts als "Allah, Allah", und er wiederholte es, auch gegen seinen eigenen Willen. Er war es nicht, der es tat, er war nicht der Handelnde, er konnte nur Zeuge sein für das, was da geschah – es geschah einfach von selbst. Es war, als wenn er bloß das Ufer eines kosmischen Ozeans wäre, und die Flutwellen kamen und stürzten klatschend über ihm zusammen – "Allah, Allah, Allah" – eine Flut rauschte vom Ozean an das Ufer; er war bloß der Strand. Wie gebadet, verwandelt, starb er millionenmal und wurde wiedergeboren in dieser Nacht. Achtzehn Jahre lang war der Derwisch dort geblieben und nichts war passiert, und in achtzehn Stunden wurde der Bettler ein Buddha – und er hatte gar nichts gemacht. Lao-tse hätte die Geschichte geliebt, Lao-tse würde sie verstanden haben. Was ist ihr Geheimnis ? Sie wirkt ein bißchen irrational: Der Mann, der achtzehn Jahre lang gebetet hatte, erreichte nichts, und der Mann, der niemals gebetet hatte, erreichte alles in achtzehn Stunden. Was ist der geheime Schlüssel zum Verstehen dieser Geschichte ? Lao-tse hat ein Wort dafür. Das Wort ist wu wei.

22.09.2005 um 12:38 Uhr

Tao 66

von: tao

Jeder ist einzigartig, jeder ist individuell; niemals zuvor hat es irgendjemanden gegeben, der so war, wie wir es sind, niemals wieder wird es irgendjemanden geben, der so sein wird, wie wir es sind. Wir sind einfach wir, es gibt uns nur einmal, es gibt niemanden sonst, der so ist, wie wir es sind.

Daraus folgt, sogar wenn wir dieselben Worte verwenden, meinen wir damit nicht dieselbe Sache. Der Sinn liegt nicht in den Worten, die Bedeutung ist in dem Denken, das sie benutzt.

Die genaue Wortwahl, die Sprache, die Formulierung ist überhaupt nicht wichtig – das, was wir sagen, entsteht aus unserem Bewußtsein heraus, aus unserem Denken heraus. Und wir haben ein unterschiedliches Denken und ein unterschiedliches Bewußtsein, einen verschiedenen Charakter, eine andere Vergangenheit. Es entsteht aus unserer Vergangenheit heraus.

Diese Anekdote könnte uns zu denken geben:

Dem Geschäftsführer wurde von seinem Arzt gesagt, er habe etwas am Herzen. Am selben Tag wurde er per Post darüber informiert, daß ihm sein Haus weggenommen werden würde, falls er nicht eine hohe Hypothekenzahlung leisten würde. Als er nervös die Autobahn hinunter raste, in einem neuen Wagen, für den noch fünf Ratenzahlungen fällig waren, rauschte er voll in das Luxusauto eines seiner besten Kunden und machte eine Sardinenbüchse aus dem Wagen. Als er dann seinen Weg ins Büro fortsetzte, erreichte er die Fabrik gerade dann, als die Feuerwehrleute die heiße glühende Asche noch mit ihrem Löschwasser herunterkühlten. Dort übergab ihm sein Buchhalter eine Aktennotiz, die ihn darüber informierte, daß all seine Versicherungspolicen verfallen und erloschen seien.

Angewidert nahm er sich ein Taxi nach Hause, schlenderte langsam in das Wohnzimmer und wurde fröhlich von seiner Frau begrüßt. "Liebling", sagte sie enthusiastisch, "ich hoffe, du wirst mir vergeben, aber ich muß mich sputen, ich bin schon auf dem Sprung zur Eröffnung der neuen Brücke heute abend."

"Gib mir bloß die Chance, mein Hemd zu wechseln", antwortete der Ehemann, "und ich werde mit dir springen !"

Sie ist schon auf dem Sprung. Aber wie kann es für ihren Mann dasselbe bedeuten ? In seinem Zustand kann es für ihn nicht dasselbe bedeuten. Wir sprechen dieselben Worte, aber trotzdem übermitteln wir verschiedene Bedeutungen. Der Sinn wird vom Denken gegeben. Die Welt ist eine äußerliche Sache, der Sinn ist eine innerliche Angelegenheit.

21.09.2005 um 14:43 Uhr

Tao 65

von: tao

Tantra ist sehr ritualistisch und besteht aus Prozeduren. Es ist ein großartiges Experiment in Hypnose, in Selbsthypnose.

Und es ist ein großartiges Experiment darin, sich die Idee an Sex aus dem Kopf zu schlagen. Es ist überhaupt nicht sexuell, ganz im Gegensatz dazu, wie es im allgemeinen mißverstanden wird. Es ist eine total andere Einstellung – ganz und gar nicht sexuell. Es ist sehr andächtig. Und wenn mann dann Liebe macht mit einer Frau, nachdem mann ein Adept in Tantra geworden ist und der Meister es einem erlaubt hat ... Es muß von der Zustimmung des Meisters abhängig gemacht werden, es hängt nicht von einem selbst ab. Wenn der Meister in den Augen sieht, daß aller Sex verschwunden ist, daß der Körper fast asexuell geworden ist, wenn er sieht, daß mann nun vor der Frau steht wie ein kleines Kind, ohne sich der Sexualität bewußt zu sein – er ist nackt, sie ist nackt, aber sie sind überhaupt nicht an Sexualität interessiert – wenn der Meister dies bekräftigt, bestätigt, wenn er euch ein Signal gibt, dann dürft ihr. Es hängt vom Meister ab. Er muß beobachten, sorgfältig in Augenschein nehmen. Es braucht Monate, manchmal Jahre, um sich darauf vorzubereiten.

Tao hat sein eigenes Tantra. Tao unterscheidet niemals zwischen dem Niedrigeren und dem Höheren, das ist seine Schönheit. In dem Moment, in dem wir die Wirklichkeit trennen in das Niedrigere und das Höhere, sind wir dabei, schizophren zu werden. In dem Moment, in dem wir sagen, etwas ist geheiligt und etwas ist profan, haben wir aufgeteilt. In dem Moment, in dem wir sagen, etwas ist materiell und etwas ist spirituell, haben wir geteilt, wir haben die Realität gespalten. Die Wirklichkeit ist eins. Sie drückt sich in vielen Formen aus: auf der einen Ebene als Materie, auf einer anderen Ebene spirituell. Das Spirituelle ist nicht höher und das Materielle ist nicht niedriger – sie stehen auf der gleichen Ebene. Das ist die taoistische Einstellung. Das Leben ist eins. Die Existenz ist eins. Es ist ein ungeheures Einssein und da gibt es keine Evaluation, keine Aufteilung.

Im Tao geht es als als erstes darum, die Dualität fallen zu lassen. Sex ist nicht niedriger und Samadhi ist nicht höher. Samadhi und Sex sind beides Ausdrucksweisen derselben Energie. Es gibt nichts Lobenswertes am Samadhi und es gibt nichts Verwerfliches am Sex. Die Tao-Akzeptanz ist total und absolut. Am Körper ist nichts verkehrt und am Geist nichts speziell schön – sie sind beide schön. Teufel und Gott sind eins im Tao, Himmel und Hölle sind eins in Tao, Gut und Schlecht sind eins im Tao – es ist die großartigste nicht-duale Erkenntnis. Das gibt es keine Verurteilung und keine Vorbereitung. Vorbereitung auf was ? Man braucht sich bloß entspannen und sein.

19.09.2005 um 22:52 Uhr

Ko Hsuan 3 (1)

von: tao

"Der ehrenwerte Meister sagte:

Tao manifestiert sich sowohl als das Reine als auch als das Trübe, beides, als Bewegung und als Stille.

Der Himmel ist pur, die Erde ist getrübt.

Der Himmel bewegt sich, die Erde ist still.

Das Maskuline ist klar, das Feminine ist undurchschaubar.

Das Männliche ist aktiv, das Weibliche ist passiv.

Indem es sich von seiner Grundessenz her manifestiert, fließt Tao voran selbst bis zum allerletzten Ding,

wobei es Himmel und Erde hervorbringt und all das, was dazwischen ist.

Das Klare ist der Grund für das Durchmischte, und die Bewegung die Ursache des Stillseins."

Taoismus ist keine Religion in der gewöhnlichen Bedeutung dieses Begriffs, es ist keine sogenannte Religion; es ist authentisch religiös. Aber um authentisch religiös zu sein, muß es grundlegend wissenschaftlich sein. Wissenschaft und Religion sind nur getrennt, soweit es ihre jeweilige Ausrichtung betrifft, aber nicht in ihrer Herangehensweise. Religion kann wissenschaftlich sein, ohne eine Wissenschaft zu sein; Wissenschaft kann religiös sein, ohne eine Religion zu sein. Tao ist wissenschaftlich, ohne eine Wissenschaft zu sein.

Wissenschaft bedeutet den Versuch, die objektive Welt ohne irgendein Vorurteil, ohne irgendwelche vorgefaßten Schlußfolgerungen kennenzulernen. Dasselbe gilt auch für die innere Welt, die subjektive Welt. Man sollte sich ihr auch ohne irgendwelche Folgerungen annähern. Ein Wissenschaftler kann kein Hindu, Mohammedaner oder Christ sein; wenn er es doch ist, ist er nicht wissenschaftlich. Zumindest bei seiner wissenschaftlichen Bemühung sollte er all seine Vorurteile beiseite stellen.

Wenn Galileo ein Christ bleibt, dann kann er nicht die Wahrheit entdecken, daß die Sonne sich nicht um die Erde herum bewegt. Wenn Kopernikus ein Christ bleibt, sogar während er seine wissenschaftliche Forschungsarbeit betreibt, dann kann er nicht übe die Bibel hinausgehen. Und die Bibel ist Tausende von Jahren alt; sie enthält dieWissenschaft jener Tage. Sie ist sehr primitiv – sie muß so sein.

Alle religösen Schriften enthalten gewisse Fakten, die sie nicht enthalten sollten. Es sind keine religiösen Tatsachen; sie beschäftigen sich mit der objektiven Welt. Aber in den alten Tagen wurde alles in den religiösen Schriften zusammengetragen – sie waren die einzigen Schriften.

18.09.2005 um 20:24 Uhr

Tao 64

von: tao

Disziplin und Repression sind so verschieden wie die Erde und der Himmel. Die Distanz zwischen den beiden ist so groß, daß es unüberbrückbar ist. Unterdrückung ist genau das Gegenteil von Disziplin, aber seit Tausenden von Jahren ist Repression mißverstanden worden und man hielt Unterdrückung für Disziplin. Repression sieht scheinbar so aus wie Diszipliniertheit.

Doch dies ist ganz fundamental: Das Wirkliche wird niemals vom Unwirklichen in Gefahr gebracht; das Wirkliche ist immer in Gefahr durch das, was pseudo ist. Das Unwirkliche kann ihm nicht schaden, aber die Imitation kann ihm schaden, denn die Pseudowahrheit schaut so aus wie die Wahrheit. Sie ist es nicht und doch trägt sie ihre Maske und hat ihre Erscheinungsform.

Repression ist billig. Jeder dumme Mensch kann es tun – für Unterdrückung bedarf es keiner Intelligenz. Disziplin benötigt große Intelligenz. Disziplin bedeutet Bewußtheit. Disziplin kommt aus unserem innersten Kern; sie wird nicht von außen her auferlegt. Niemand kann uns disziplinieren.

Allein schon das Wort "Disziplin" ist schön: Es bedeutet die Kunst des Lernens. Daher ist der Schüler einer, der bereit ist, zu lernen, einer, der fähig ist, zu lernen. Lernen ist ein innerer Prozeß. Man kann nur lernen, wenn man immer achtsam ist. Man kann nur dann lernen, wenn man wach ist. Wenn man all das beobachtet, was ständig um uns herum geschieht und diese Aufmerksamkeit immer mehr vertieft, können wir sogar die inneren Prozesse unseres Körpers, unseres Denkens und unseres Herzens sehen. Dann werden wir ein Spiegel. Wenn wir alles in uns selbst zur Kenntnis nehmen, nur dann lernen wir daraus, und dieses Lernen führt zur Disziplin. Dann ensteht eine tiefe Harmonie in uns, denn was auch immer verkehrt ist, beginnt ganz von selbst von uns abzufallen. Wir brauchen es nicht fallenzulassen. Wenn wir uns durch Anstrengung davon lösen, dann ist es Repression; wenn es fällt wie welke Blätter, die vom Baum fallen, dann ist es Disziplin.

Disziplin muß anstrengungslos sein; sie muß aus reinem Verstehen heraus entstehen. Unterdrückung hat nichts mit Verstehen zu tun, oder gar mit Lernen. Andere sagen uns, was wir tun sollen und was wir nicht tun sollen; andere geben uns die zehn Gebote. Wir brauchen bloß zu folgen, wir müssen bloß gehorsam sein. Und wer sind diese anderen ? Es sind die Mächtigen – politisch mächtig und religiös mächtig. Es können die Reichen sein, die Leute, denen der Staat oder die Kirche gehört, die Leute, die das Sagen haben. Sie haben ihre alteingesessenen Interessen; um ihre traditionellen Interessen zu schützen, erzeugen sie eine bestimmte Art von Sklaverei, eine mentale Versklavung. Sie wollen, daß die Leute gehorsam sind, sie wollen nicht, daß die Menschen rebellisch sind; daher können sie keine Intelligenz zulassen.

18.09.2005 um 01:57 Uhr

Tao Te King 1 (7)

von: tao

"Das Tao, über das man etwas sagen kann,

ist nicht das Absolute Tao."

Um diesen Vers zu verstehen, wird es hilfreich sein,

die Geschichte zu erzählen, wie es dazu kam, daß das Tao Te King

überhaupt niedergeschrieben wurde.

Neunzig Jahre lang lebte Lao-tse schon –

tatsächlich tat er nichts außer zu leben. Er lebte total.

Viele Male baten ihn seine Schüler, etwas aufzuschreiben,

aber er sagte dann immer:

Das Tao, das aufgeschrieben werden kann, ist nicht das wirkliche Tao.

Die Wahrheit, die gesagt werden kann, wird sogleich unwahr.

Also sagte er nichts und er schrieb auch nichts auf.

Was machten dann die Schüler überhaupt bei ihm ?

Sie waren nur mit ihm zusammen.

Das ist Satsang – mit ihm zusammen sein.

Sie lebten mit ihm zusammen, sie gingen mit ihm,

sie saugten einfach sein Wesen ein.

In seiner Nähe versuchten sie, offen für ihn zu sein;

in seiner Nähe versuchten sie, über gar nichts nachzudenken;

in seiner Nähe wurden sie immer stiller.

In diesem Schweigen erreichte er sie,

er kam zu ihnen und er klopfte an ihre Türen.

Neunzig Jahre lang weigerte er sich, irgendetwas zu schreiben oder irgendetwas zu sagen.

Sein Grundeinstellung war,

daß Wahrheit nicht gesagt werden kann und daß die Wahrheit nicht gelehrt werden kann.

17.09.2005 um 02:56 Uhr

Tao 63

von: tao

Warten ist wichtig, notwendig, aber nicht genug. Während man wartet, sollte man wissen, wie man am Ufer des Gedankenstroms sitzen kann. Wenn wir in der Strömung dieses Flusses sitzen und warten, wird es keine Resultate geben. Allein dadurch, daß wir im Fluß sind, wird Dreck aufgewirbelt werden. Die Kunst, abseits vom Fluß zu stehen, ist Meditation.

Warten ist ein notwendiger Teil von Meditation, aber es ist als solches nicht Meditation. Wer nicht warten kann, kann nicht meditieren; aber wer denkt, daß Warten Meditation ist, hat auch nicht recht. Meditation ist die Kunst, am Ufer zu sitzen.

Das Denken hat seinen eigenen Strom der Gedanken. Egal wie sehr wir versuchen, es mit geduldigem Warten zu beobachten, wir werden niemals imstande sein, aus dem Denken herauszusteigen. Und der Gedankenstrom wird auch nicht klar werden. Es genügt schon unsere Anwesenheit, um das Denken zu beschmutzen. Es ist also nötig, aus dem Denken auszusteigen, an seinem Rand zu sitzem und es aus der Entfernung zu beobachten, wie wenn wir die Vögel am Himmel beobachten würden, wie wenn wir zuschauen würden, wie ein Fluß vorbeifließt. Je weiter wir uns vom Denken entfernen, desto klarer und reiner wird es werden. Es wird still werden und ruhig.

Ewiges Warten...heißt nicht, wir sollten zahllose Jahre lang warten. Doch ist es nötig, auf unbestimmt lang warten vorbereitet zu sein. Es kann in einem Moment geschehen. Je mehr wir darauf vorbereitet sind, desto früher wird es geschehen.

Warum ist das so ? Das ist deswegen so, weil die Ungeduld das Denken aufregt. Die Radspuren der Umgebungen, Begleitumstände und Situationen wühlen den Schmutz des Gedankenstroms nicht so sehr auf, wie es unsere eigene Ungeduld tut. Warten bedeutet: Ich habe Geduld erlangt. Das Geschehen kann stattfinden, wann immer es möchte – jetzt oder nach zahllosen Geburten – ich werde geduldig warten. Ich habs nicht eilig. Ich hetze mich nicht. Je länger das Denken bereitwillig wartet, desto früher findet das, was geschehen kann, statt. Doch Warten alleine kann nicht genug sein. Dazu kommt noch mehr Konzentration auf das Sitzen am Ufer und das Wichtiger-Nehmen von Achtsam-Sein und Zeuge-Sein.

17.09.2005 um 00:50 Uhr

Quellender Urgrund 2/12 (5)

von: tao

Gewohnheiten sterben schwer. Und die Angewohnheit des Wissens ist die urälteste Gewohnheit, die der Mensch mit sich herumgetragen hat; sie ist die gefährlichste Angewohnheit. Rauchen, Trinken oder Glücksspiel sind nichts dagegen. Dies ist die gefährlichste Angewohnheit, denn sie hindert uns am Sehen, sie verhindert, daß wir in einen tiefen Kontakt mit der Realität haben. Sie ist die größte Barriere: Die chinesische Mauer. Und dann halten sich eben Gewohnheiten ganz hartnäckig, sie sind zäh, und dies ist die älteste und hartnäckigste Angewohnheit.

Ein alter Glücksspieler redete mit seinem Sohn, während er im Sterben lag. "Sohn, versprich mir, daß du niemals eine Spielkarte anrühren wirst. Und vor allem, spiel niemals Blackjack. Das ist ein Spiel, das dich dein Vermögen kosten wird, dir deine Zeit stiehlt, dir deine Gesundheit ruiniert und dir unsägliche Momente von Angst und Pein bringen wird. Versprichst du mir jetzt, hier auf meinem Sterbebett, während der barmherzige Todesengel über mir schwebt und mit dem allmächtigen Gott als meinem Zeugen, daß du niemals Blackjack spielen wirst, daß du niemals Spielkarten anrühren wirst ?"

"Ja, Vater", murmelte der pflichtbewußte Sohn. "Und denk daran", rief der alte Glücksspieler, "wenn du schon unbedingt spielen mußt, daß du immer darauf siehst, daß du die Bank hältst !"

Alte Gewohnheit: Ein Spieler ist ein Spieler. Was er sagt, spielt keine große Rolle, tief innen ist er der alte Glücksspieler. Diese ganze große Predigt gegen das Glücksspiel ist bloß oberflächlich. Tief unten, aus dem Unbewußten, entsteht dieses Statement: "Und denk daran", rief der alte Glücksspieler, "wenn du schon unbedingt spielen mußt, daß du immer darauf siehst, daß du die Bank hältst !" Wir hören auf dieses Rauschen und Wispern von Tao. Einen Moment lang brennt ein kleines Licht auf der Oberfläche unseres Bewußtseins, es leuchtet ein bißchen, aber es ist ein sehr flackerndes Licht – es kommt und geht. In diesem flackernden Licht scheinen wir einen Moment lang zu verstehen. Aber von unserem tiefen Unbewußten wird der große Sturm kommen und wird diese kleine Licht ganz leicht ausblasen.

Die Gegend war betroffen worden von einer Epidemie von Einbrüchen, alles durchgeführt von dem notorischen Gentleman-Einbrecher. Eines Nachts wachte Sadie auf und schüttelte Hymie. "Hymie, da ist ein Einbrecher im Haus", sagte sie. "Ist er nicht", sagte Hymie schläfrig. "Geh ins Bett und schlaf wieder, Dummchen." Genau dann sprang ein Mann aus dem Inneren des Badezimmers heraus. "Ist er doch", verkündete er. "Und nun entschuldigen Sie sich bei der Dame."

Ein Gentleman ist ein Gentleman – sogar wenn er ein Einbrecher wird ... Gewohnheiten sind langlebig. Tief innen führen sie ständig ihr Eigenleben.

14.09.2005 um 14:33 Uhr

Tao 62

von: tao

Taoistisches Tantra ist Spontaneität in der Sexualität und in der Liebe. Wenn wir dagegen beispielsweise ein Tantra-Handbuch lesen, ein indisches Tantra-Manual, sieht man sich einem großartigen Ritual gegenüber. Jeder Schritt ist ganz genau angegeben. Es ist nicht leicht, indisches Tantra zu praktizieren – wir würden schon erst in es eingeweiht werden müssen, bevor wir es meistern könnten. Es ist zwecklos, damit herumzustümpern, wie es im Westen in zahllosen Tantragruppen tagtäglich geschieht. Dort wird einem weisgemacht, man würde Tantra praktizieren, während man mit einer Frau Sex hat. Tantra ist schwierig. Es ist ein langer Prozeß. Und es braucht Jahre und nicht nur ein Wochenende, bis man darin geübt ist. Das größte Training, das es beinhaltet, und das schwierigste Problem, das entsteht, ist, daß Tantra einem Mann nur dann erlaubt, mit einer Frau Liebe zu machen, wenn der Mann keinerlei sexuelle Anziehung zu der Frau mehr empfindet. Jegliche sexuelle Anziehung ist verloren gegangen, sie ist überhaupt nicht mehr da. Das ist der ganze Prozeß. Die Frau wird fast zu einer Mutter für ihn oder wie eine Schwester für ihn, sie ist eine Göttin. Sie muß verehrt werden. Im Tantra-Ritual muß die Frau wie eine Göttin verehrt werden. Und monatelang hat man zusammen diese andächtige Verehrung zu praktizieren. Die Frau sitzt nackt vor dem Mann auf einem Thron und der Mann verehrt sie und verneigt sich und betet sie an und erzeugt so in sich bis in den tiefsten Kern des Bewußtseins die Vorstellung, daß sie bloß eine Repräsentantin der ganzen Weiblichkeit ist, eine Vertreterin der Mutterschaft. Sie ist eine Göttin. Tag für Tag verliert der Mann ganz langsam alles sexuelle Interesse an ihr. Er wird von seiner eigenen Vorstellung hypnotisiert. Die Autosuggestion beginnt zu wirken. An dem Tag, an dem er jegliches sexuelle Interesse an ihrem Körper verliert und er durch sie einfach hindurchschauen kann und ihr Körper keinen Kick, keinen Hormonschub, in ihm auslöst, ja, ihr Körper als Körper gar nicht mehr wahrgenommen wird, sie leuchtend für ihn wird, sie für ihn bloß noch eine Gegenwart darstellt, erst dann gestattet der Meister dem Mann, mit der Frau sexuell zu verkehren. Nun wird die Liebe eine total andere Qualität haben. Sex spielt dabei keine Rolle mehr, sexuelle Anziehungskraft ist ausgeschaltet, es geht nicht mehr um das Physische. Es ist absolut spirituell – eine Begegnung zweier Seelen. Aber das ist ein langer Prozeß. Viele Rituale, viele Gebete, viele Yantras, viele Meditationen sind nötig. Nach Jahren des Trainings kommt mann erst zu dem Punkt, wo die Frau für ihn keine Frau mehr ist, sie ist fast eine Mutter geworden – es ist die Verkörperung der Mutterschaft entstanden. Er hat auf sie dieses Ideal von Mütterlichkeit projiziert. Er sieht ihre Brüste, aber sie rufen ihn ihm keine Sexualität mehr hervor, nur die Idee von der Mutter. Er sieht ihren Körper und er beginnt, das Gefühl zu haben, daß er Teil ihres Körpers ist, genau wie er einmal Teil seiner Mutter war. Es ist die Wiedererschaffung der Mutter. Und es ist ein langer Prozeß.

14.09.2005 um 02:28 Uhr

Tao Te King 15 (3)

von: tao

Es hat viele in dieser Welt gegeben, die das höchste Mysterium erkannt haben, aber dieses Wissen war so profund und tief, daß wenn sie es lebten und darüber sprachen, die Leute es nicht verstehen konnten. Deswegen wurden diese großen Visionäre der Wahrheit vergessen- Wir haben die Worte von vielen von ihnen, aber die Namen sind verlorengegangen. Es gibt auch noch andere, deren Namen wir noch haben, aber deren Worte verlorengegangen sind. Und dann gibt es wieder andere, deren Worte und Namen, beides, verlorengegangen sind. Lao-tse redet von jenen Weisen, die in der Geschichte überhaupt nicht vorkommen; sie werden nicht erwähnt, denn sie waren so tief, daß jenseits des Verständnisses der gewöhnlichen Leute waren. Das menschliche Verstehen deckt einen sehr kleinen Kreis ab, und was es verstehen kann, ist sehr grob. Je großartiger der Menschm desto schwieriger ist es, ihn zu verstehen. Das ist genau so, wie sich bei sehr hellem Licht die Augen schließen. Wenn wir versuchen, in die Sonne zu schauen, schließen sich die Augen. In genau derselben Weise verschließt sich unser Verstehen vor denjenigen, die die höchste Wahrheit erfahren haben; wir können sie nicht verstehen. Was ist der Grund ? In diesem Zusammenhang müssen wir den Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion verstehen. Um die Wissenschaft zu verstehen, müssen wir unser Verständnis nicht erhöhen. Wir müssen einfach etwas mehr Information hinzufügen. Wenn ich bis zehn zählen kann, muß ich meine Verstehenskraft nicht erhöhen, um zu lernen, bis zwanzig zu zählen. Ich muß nur mit den Zahlen bis zwanzig mich vertraut machen. Mein Verstehen bleibt dasselbe. Ich kann bis 1.000 zählen. Ich muß nur lernen, wie man die Ziffern nebeneinanderstellt. Meine Informationssammlung wird wachsen, aber mein Verstehen bleibt das gleiche. Die Wissenschaftler sagen, daß das Verstehen eines Kindes nach dem Alter von achtzehn Jahren nicht mehr wächst. Das Verstehen hört nach achtzehn auf, sich weiterzuentwickeln, aber das Sammeln von Informationen geht weiter. Dies bedeutet nicht, daß es keinen Unterschied gibt zwischen einem achtzehnjährigen Jungen und einem alten Mann. Aber der Unterschied liegt nur in der Akkumulation von Wissen und nicht im Verstehen. Der alte Mann hat eine größere Ansammlung von Wissen, wohingegen der junge Mann weniger hat. Die Wissenschaftler sagen, daß das Verstehen in den meisten Fällen schon früher aufhört, sich weiterzuentwickeln. Als im letzten Weltkrieg der Intelligenzquotient der Rekruten in Amerika bei den Verteidigungskräften gemessen wurde, war das schockierende Resultat, daß der durchschnittliche Intelligenzquotient dem Intelligenzquotienten eines dreizehneinhalbjährigen Menschen entsprach. Dies bedeutet, daß der Intelligenzquotient eines dreizehneinhalbjährigen Jungen und der eines achtzig Jahre alten Mannes derselbe sein mag.

13.09.2005 um 12:39 Uhr

Tao Te King 4 (3)

von: tao

Jesus hat gesagt: "Was du willst, daß man dir tu, das tue auch den anderen." Aber dies ist ein weiter Weg. Zumindest wäre es angebracht, den Großmut zu haben, dieselbe Logik auf andere anzuwenden, die wir auch für uns selbst gebrauchen ! Wenn ich meine Beherrschung verliere, sage ich, es liegt an der Situation. Wenn der andere ausrastet, dann wäre es fair, wenn ich auch ihm zugestehen würde, daß es an der Situation lag ! Dafür ist es erforderlich, daß wir unsere Doppelmoral durchbrechen, unsere unaufrichtige Logik. Diese trügerische Logik – eine für uns selbst und eine ganz andere für den anderen ist hauptsächlich dafür da, um unsere Spitzen und Zacken zu bewahren. Und so kommen wir niemals zu der Erkenntnis, wer und was wir sind. Diese Doppelmoral, diese rationalisierende Logik verdirbt uns unser ganzes Leben.

Deswegen ist das Wesentliche aller Religionen in diesem Statement von Jesus enthalten: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg´auch keinem andren zu." Das ist die Essenz aller Religionen. Und dieses eine Statement ist genug. Alle Veden und Shastras und Puranas, und alles Bibeln und Korans sind in diesem kleinen Ausspruch enthalten.

Laß einen Menschen nur soviel tun und er braucht gar nichts anderes zu tun. Aber dies ist sehr schwierig, denn wir werden all die scharfen Kanten in uns entschärfen müssen – und wir haben in uns spitze Ecken.

Es ist also nötig, sich dieser Doppelmoral bewußt zu werden, auf die zweifache Logik aufmerksam zu werden. Dafür ist es wichtig, sich jeden Moment der Tatsache bewußt zu sein, daß ich dieselbe Logik anderen zugestehe, die ich mir selbst zugestehe. Dann erst werden wir beginnen, die Dornen in uns zu sehen. An dem Tag, an dem wir diese Doppelmoral aufgeben und den anderen all das durchgehen lassen, was wir uns selbst auch erlauben, ändern sich die Bedingungen und wir werden Zeuge einer einzigartigen Erfahrung. Dann finden wir heraus, daß unsere Natur so beschaffen war, daß wir wütend wurden und daß die Situation so beschaffen war, daß der andere wütend werden mußte !

An dem Tag, an dem uns klar wird, daß es an unserer Natur liegt, daß wir ärgerlich werden, daß wir es uns zur Gewohnheit gemacht haben, wütend zu werden und daß die Begleitumstände des anderen so waren, daß er gar nicht anders konnte, als wütend zu werden, dann werden wir einfach nicht mehr in der Lage sein, uns selbst zu verzeihen und dem anderen nicht zu vergeben. Wer sich so schnell entschuldigt und sich selbst alles verzeiht, der ist niemals imstande, sich die eigenen Dornen zu entfernen.

12.09.2005 um 02:25 Uhr

Quellender Urgrund 8/15

von: tao

"Herzog Mu von Tsin sagte zu Po-lo: "Du wirst schon alt, gibt es da irgendjemanden in deiner Familie, den ich losschicken kann, damit er für mich Pferde findet ?"

"Ein gutes Pferd kann an seinem Aussehen und seiner Gestalt erkannt werden, es kann durch seinen Knochenbau und seine Muskulatur identifiziert werden, aber die großartigen Pferde der Welt könnten schon ausgestorben sein, sie dürften schon verschwunden sein, untergegangen und verloren. Solche Pferde wirbeln keinen Staub auf und hinterlassen keine Spuren. Alle meine Söhne haben geringeres Talent – sie können ein gutes Pferd aufspüren, aber kein großartiges. Aber da gibt es einen Mann, den ich kenne, der trägt, transportiert und sammelt Feuerholz für mich, Giu Fang Kau. Als Gutachter für Pferde ist er mir ebenbürtig. Ich schlage vor, du schaust ihn dir an."

Herzog Mu sah den Mann und schickte ihn weg, damit er für ihn Pferde finde. Nach drei Monaten kehrte er wieder und berichtete dem Herzog: "Ich habe eins bekommen, es ist in Scha kiu."

"Was für ein Pferd ?"

"Eine Stute, gelb."

Der Herzog schickte jemanden, um es zu holen. Es stellte sich heraus, daß es ein Hengst war, und schwarz. Der Herzog war ungehalten und ließ Po-lo kommen: "Er ist nicht gut, der Bursche, den du mir gesandt hast, damit er für mich Pferde findet. Er kann nicht einmal eine Farbe von einer anderen unterscheiden, geschweige denn eine Stute von einem Hengst. Was kann der von Pferden verstehen ?"

Po-lo seufzte erstaunt auf: "Jetzt ist er also schon soweit vorangekommen ! Genau dies zeigt, daß er eintausend, zehntausend, ach was, jede Menge von Leuten wie mir wert ist. Was solch ein Mensch wie Kau beobachtet, ist der innerste angeborene Impuls, der hinter den Bewegungen des Pferdes steckt. Er erfaßt die Essenz und vergißt den ganzen anderen Mist, er v ersetzt sich geradewegs ins Innere des Pferdes und vergißt die Äußerlichkeiten. Er sucht und sieht das, was zu sehen nötig ist, und er ignoriert das, was er nicht zu sehen braucht. Bei der Beurteilung von Pferden, die ein Mensch wie Kau vornimmt, geht es um mehr als bloß um Pferde."

Als das Pferd eintraf, erwies es sich, daß es ein außergewöhnlich großartiges Pferd war."

11.09.2005 um 17:32 Uhr

Tao Te King 4 (2)

von: tao

Da wir uns der scharfen Ecken und Kanten in uns nicht bewußt sind, stärken wir weiterhin deren Wurzeln. Da wir uns der scharfen Ecken der anderen bewußt sind, sind wir immer darauf aus, die zu eliminieren.

Das interessanteste dabei ist, je mehr wir danach streben, die Ecken der anderen abzustumpfen, desto stärker müssen wir unsere eigenen Ecken machen; denn es gibt keinen anderen Weg, die Eckigkeit des Opponenten zu brechen. Also ist die Anstrengung, die Kanten des anderen zu entschärfen gleichzeitig eine Anstrengung, unsere eigene Kantigkeit zu verstärken und aufzupolieren ! Und wir sind alle in diesen Bestrebungen engagiert mit dem Resultat, daß ein Teufelskreis erzeugt wird. Jeder von uns ist damit beschäftigt, seine eigenen Ecken und Kanten zu verschärfen und giftiger zu machen, um denen der anderen zuwiderzuhandeln.

Dann entwickelt sich dies allmählich dahin, daß wir nur noch ein Bündel von Nadeln und Nägeln sind.

Nun wäre es wichtig, daß wir die Art und Weise verstehen, in der unsere scharfen Ecken auch uns stechen: Wenn unsere scharfen Kanten den anderen Wunden zuzufügen beginnen, werden all diese wiederum ganz versessen darauf, umgekehrt uns wiederum Wunden zuzufügen. So werden uns unsere eigenen Nadelstiche bewußt. Daraufhin verbergen wir höchstens unsere scharfen Ecken, indem wir sie mit einer Schicht überziehen. Aber diese Schutzschichten sind nur hautdünn. Wir bedecken uns mit dem Heftpflaster der Süßlichkeit, der Demut, der Verfeinerung und der vornehmen Bescheidenheit. Aber der kleinste Angriff und diese Schicht kommt weg und legt die scharfen Ecken in uns frei.

Lao-tse sagt: "Schleife all die scharfen Ecken ab." Was können wir da tun ?

Als erstes ist es nötig, diese scharfen Punkte genau lokalisieren zu können. Könnte es nicht sein, daß wir durch die lange Reihe unserer Geburten hindurch nur noch eine bloße Ansammlung von scharfen Spitzen geblieben sind ? Wir scheinen all die anderen Teile von uns losgeworden zu sein und nur diese Spitzen bewahrt haben ! Und wir können wir unsere eigenen Ecken kennenlernen ? Wenn wir uns in den anderen hineinversetzen, werden wir es wissen. Immer, wenn der andere von uns gepeinigt wird, sagt uns unser Denken, daß er an seinen eigenen Fehlern leidet. Immer wenn wir von einem anderen verletzt werden, sagen wir, der andere hat uns verletzt. Wenn jemand mit mir wütend ist, sage ich, er hat ein bemerkenswertes Temperament. Wenn ich wütend werde, sage ich: "Die Situation war so und so, da mußte ich wütend werden." Über den anderen sage ich: Er ist einfach schlecht drauf, die Situation war nicht so, daß er hätte wütend werden müssen. Er ist einfach mies!" So eine Argumentation hilft uns, all unsere scharfen Ecken und Kanten vor uns zu verbergen und niemals auf sie aufmerksam zu werden.