Über die weichste Substanz:
"Das Weichste der Welt
durchdringt das Härteste.
Das-was-ohne-Form-ist
dringt ein ins Lückenlose;
Dadurch kenne ich den Vorteil von Nicht-Tun.
Das Lehren ohne Worte
und der Nutzen, nicht aktiv zu werden
sind im Universum unvergleichlich."
Dazu eine Sufi-Geschichte: (diese Sufis sparen nicht an Worten...)
Es geschah, daß ein Sufi-Derwisch auf der Suche nach Gott von einem Land ins andere wanderte. Er traf auf viele Lehrer, aber niemand konnte ihn zufriedenstellen; nirgendwo konnte er einen Platz finden, woran er sein Herz verlieren konnte. Enttäuscht und entmutigt beschloß er in den Wald zu gehen und dort allein zu sein; auf den inneren Meister zu hören und die äußeren Meister zu vergessen. Er fand einen schönen Eichenhain. Viele alte Bäume, uralte Eichen, hatten einen Hain gebildet – ihre Zweige waren so miteinander und ineinander verschlungen, daß sie einen natürlichen Schutzraum bildeten vor dem Regen, vor der Sonne und vor den Elementen der Natur. Und gleich in der Nähe war ein See. Der Hain war sehr still und er lag so tief im Wald, daß niemand je vorbeikam. Der Sufi ging in ihn hinein, er liebte ihn, der Platz hat seinen eigenen Reiz. Er begann dort zu meditieren. Einmal in der Woche verließ er ihn für ein paar Stunden und ging ins nächstgelegene Dorf, um sich etwas Nahrung zu besorgen, und dann war er wieder sieben Tage lang in seiner Meditation versunken. Sufis wiederholen kontinuierlich den Namen Gottes, "Allah". Das Mantra der Mohammedaner bedeutet: "Es gibt keinen Gott außer Gott", aber die Sufis haben dies auf ein einziges Wort komprimiert: "Allah" oder "Gott", denn sie sagen, es wäre ja möglich, daß wir eines Tages sterben, während wir uns gerade mitten in unserer Mantrawiederholung befinden. Wenn wir also gerade das Mantra wiederholen und genau mittendrin sterben, dann hätten wir gesagt: "Es gibt keinen Gott", und würden also als ein Atheist sterben. Im letzten Moment hätten wir kein Zeugnis abgelegt für das Göttliche; im Gegenteil, wir würden in einer Negativität sterben. Sie sagen also, dies ist gefährlich und wiederholen deswegen das mohammedanische Mantra nicht in seiner kompletten Version, sie wiederholen einfach: "Allah, Allah, Allah", mit der ständigen Erinnerung an ihn. Das ist es, was sie "ziqra" nennen. Der Sufi sagte also sein Mantra auf, man nennt das chanten, "Allah, Allah, Allah" - monatelang. Er fing an, sich sehr ruhig, still, gelassen und gesammelt zu fühlen. Es war so still um den Hain herum, so friedlich, und der gleiche Frieden begann ihn innerlich auszufüllen, er breitete sich in den innersten Teilen seines Wesens aus. Aber er war nicht glücklich. Es war nicht genug. Bewußtheit, Nirvana, war immer noch weit entfernt. Jahre gingen vorbei und der Hain wurde fast ein geheiligter Ort. Die Eichen reagierten darauf mit üppigem Wachstum, plötzlich wurden sie wieder jung, bekamen frische Blätter, und der ganze Hain war voll mit Schönheit – aber im Herzen des Sufi war Trauer. Doch er wartete, und er tat, was nur immer getan werden konnte: Er war ständig randvoll mit Gebet und Meditation. Achtzehn Jahre gingen vorbei, aber er war von der Transformation so weit weg wie immer schon. Natürlich war er nun friedevoll und still – aber noch nicht wonnevoll. Das Leersein war eine Leere geblieben und nun gab es nichts mehr zu tun. In einer dunklen Nacht, mitten in der Nacht, kam ihm plötzlich ein Verdacht, ein Zweifel stieg in seinem Denken auf – denn achtzehn Jahre sind eine sehr lange Zeit und er hatte seine ganze Anstrengung, sein ganzes Wesen, sein Herzblut da hineingesteckt, er hatte nichts zurückgehalten, wenn also bis jetzt noch nichts passiert war, dann, so schien es ihm, würde niemals irgendetwas passieren. Der Zweifel wurde stärker. Er begann, sich Gedanken zu machen: Ist es möglich, daß dieser Eichenhain meine Gebete nicht hinausgelangen läßt, so wie er ja auch den Regen und die Sonne nicht hineinkommen läßt ? Das Blätterdach ist so dick, vielleicht kommen meine Gebete nur bis zur Unterseite der Blätter und nicht darüber hinaus, so daß Gott mich gar nicht gehört hat. So wie die Sonnenstrahlen niemals in diesen Hain hineinkommen können, genauso sind meine Gebete vielleicht nicht in die Außenwelt gelangt. Dieser Hain ist ein Ausbeuter gewesen, ein Blutsauger. Er bekam solche Angst vor diesem Hain, daß er einfach mitten in dieser dunklen Nacht auf und davonlief, er ergriff die Flucht. Aber in genau diesem Moment, meilenweit entfernt von diesem Hain, ging auf der Landstraße ein Bettler vorbei, unterwegs von einer Stadt in die andere. Plötzlich, aus dem Nichts heraus, kam ihn ein unbändiges Verlangen an, in den Wald hineinzugehen. Er widersetzte sich diesem Bestreben, es war gefährlich, der Wald war voll mit wilden Tieren, und was sollte das überhaupt, jetzt in den Wald zu gehen, er mußte das andere Dorf doch am Morgen erreichen, und die Hälfte des Weges lag noch vor ihm. Weswegen sollte er jetzt in den Wald gehen ? Aber es war, als ob etwas ihn zu ziehen beginnen würde, er war hilflos, er konnte nichts dagegen tun. Er fing an wie verrückt in den Wald hineinzurennen und manchmal dachte er so bei sich: Was tue ich eigentlich ? Aber der Körper bewegte sich ganz von selbst, er war nicht mehr der Herr über seinen Körper. Er wollte davonlaufen, es war absolut gefährlich, er hatte Angst, er zitterte – aber er war hilflos. Aber als er in die Nähe des Hains kam, dann verstand er. Ein subtiles Rufen kam aus dem Hain heraus: Komm zu mir ! Es war nicht hörbar für die äußeren Ohren, aber etwas in ihm konnte es hören. Und der Hain war unglaublich ! Der ganze Wald war stockdunkel, aber der Hain erglühte in einem feinen blauen Licht. Es war fast, als wäre er von einer anderen Welt, als wenn ein Buddha unter den Bäumen sitzen würde, als wenn jemand unter ihnen erleuchtet worden wäre, und das Licht der Erleuchtung und der Friede und die Wonne des Nirwana sich überallhin ausbreiten würde. Er spürte subtile Schwingungen überall um den Hain herum – ein magnetisches Feld. Nun verschwand die Furcht. Er ging in den Hain hinein, und bloß dadurch, daß er eintrat, wurde er transformiert, er wurde ein total neuer Mensch. Er konnte es selbst nicht glauben: Er war doch bloß ein gewöhnlicher Mensch, weder besonders gut noch besonders schlecht, bloß ein ganz gewöhnlicher Mensch. Tief verstrickt in die Konfusionen des gewöhnlichen Lebens, tief in den Problemen des gewöhnlichen Lebens steckend, weder ein Theist noch ein Atheist ... eigentlich hatte er niemals speziell über Gott nachgedacht, er hatte niemals irgendeine Entscheidung in Bezug auf Religion getroffen, er war wirklich ganz indifferent demgegenüber gewesen. Das Leben hatte soviele Probleme und er war so sehr damit beschäftigt ... aber plötzlich, als er den Hain betrat, war wie gefangen in einem Wirbelwind. Er setzte sich unter einen Baum und er konnte es nicht glauben – nie zuvor hatte er diese Stellung eingenommen, er saß ja da wie ein Sufi Derwisch. Und dann begann ein Rumoren in seinem Wesen – der innerste Kern seines Wesens wurde aufgewirbelt, und ein Ton fing zu klingen an.Er konnte nicht glauben, was da geschah, es war unglaublich. Dann brach ein Klang über ihn herein, den er nicht identifizieren konnte, aber nach und nach, als sich alles wieder etwas legte und die Aufregung vorbei war, konnte er den Ton hören, der nebulöse Klang wurde klar; das Formlose nahm Form an und nun konnte er hören – es war nichts als "Allah, Allah", und er wiederholte es, auch gegen seinen eigenen Willen. Er war es nicht, der es tat, er war nicht der Handelnde, er konnte nur Zeuge sein für das, was da geschah – es geschah einfach von selbst. Es war, als wenn er bloß das Ufer eines kosmischen Ozeans wäre, und die Flutwellen kamen und stürzten klatschend über ihm zusammen – "Allah, Allah, Allah" – eine Flut rauschte vom Ozean an das Ufer; er war bloß der Strand. Wie gebadet, verwandelt, starb er millionenmal und wurde wiedergeboren in dieser Nacht. Achtzehn Jahre lang war der Derwisch dort geblieben und nichts war passiert, und in achtzehn Stunden wurde der Bettler ein Buddha – und er hatte gar nichts gemacht. Lao-tse hätte die Geschichte geliebt, Lao-tse würde sie verstanden haben. Was ist ihr Geheimnis ? Sie wirkt ein bißchen irrational: Der Mann, der achtzehn Jahre lang gebetet hatte, erreichte nichts, und der Mann, der niemals gebetet hatte, erreichte alles in achtzehn Stunden. Was ist der geheime Schlüssel zum Verstehen dieser Geschichte ? Lao-tse hat ein Wort dafür. Das Wort ist wu wei.