Taoistische Reflektionen

31.12.2005 um 23:45 Uhr

Tao Te King 4 (11)

von: tao

Wir sind in solch einem Zustand, wo wir das Gefühl haben, die ganze Welt würde uns belästigen. Wir haben das Gefühl, wir seien unschuldig und der Rest der Welt ist voll von Bosheit – daß da eine große Verschwörung gegen uns im Gange ist; daß wir allein sind, allein gegen die ganze weite Welt ! Das ist unser Standpunkt. Und mit einem solchen Gesichtspunkt können wir niemals die Spitzen und Dornen sehen, die in uns selbst sind. Also werden wir uns immer verteidigen und wer immer versucht, sich selbst zu retten, wird sich niemals kennenlernen. Folglich kann er niemals selbst sicher sein, denn wie kann er sich selbst bewahren, wenn er sich selbst nicht kennt ?

Das erste ist also – Selbstbeobachtung. Wie viele Verletzungen fügen wir uns während des Tags zu – in dem, was wir sagen, wie wir sitzen, wie wir gehen, mit unserer Körpersprache, mit unserem Lächeln und mit unseren Augen oder unseren Lippen ! Wir achten auf die Wunden, die wir uns zufügen – manchmal sogar ohne jeden Grund. Dann werden wir zu der Erkenntnis kommen, daß das unsere Natur ist.

Mulla Nasruddin ging eine Straße entlang. Ein Mann rutschte auf einer Bananenschale aus und fiel hin. Nasruddin brach laut in Lachen aus. Wie er gerade noch lachte, trat er mit seinem Fuß auf ein anderes Stück der Bananenschale und auch er fiel hin. Wie er sich wieder vom Boden aufrappelte, faltete er seine Hände und sagte: "Ich danke dir, oh Herr ! Hätte ich nicht schon vorher gelacht, ich würde niemals überhaupt gelacht haben !" Nun war der andere Mann an der Reihe, er begann zu lachen.

Wenn wir über andere lachen, denken wir uns nichts dabei; wenn wir andere beschimpfen oder Anstoß an ihnen nehmen, denken wir nicht darüber nach, was wir da tun. Es ist möglich, daß wir im Nu uns selbst in der gleichen Situation vorfinden. Nasruddin spricht aus der wahren Tiefe des menschlichen Wesens. Er sagt: "Es ist nur gut, daß ich schon gelacht hatte, denn später wurde der Spieß umgedreht !" Nasruddin ist ein Symbol für die Ironie der ganzen Menschheit. Er ist sozusagen die Essenz, der eigentliche Extrakt aller menschlichen Psychologie.

Wir werden jede unserer Bewegungen zu inspizieren haben, ob sich da nicht eine scharfe Kante in ihr verbirgt. Durchbohren wir damit jemand anderen und haben wir vielleicht ganz zufällig unser Vergnügen daran ? Wir dominieren vielleicht jemand anderen, bringen unser Besitzrecht an jemand anderem zum Ausdruck, erteilen anderen Anordnungen – und machen uns ein Vergnügen daraus !

Eines Tages hatte Nasruddin Ärger mit seinem Sohn. Der Sohn machte eine Menge Krach. Er befiehlt ihm: "Setz dich hin, du Schlingel !" Aber der ist schließlich Nasruddins Sohn ! Er sagt: "Ich will nicht !" "Dann bleib stehen !", brüllte Nasruddin. "Ob du nun sitzt oder stehst, du wirst mir schon gehorchen müssen", sagt er zu seinem Sohn !

30.12.2005 um 23:59 Uhr

Tao 97

von: tao

Wenn wir Lao-tse verstehen, werden wir wissen, daß Aktivität an sich ein Fehler ist. Stehen zu bleiben, zu entspannen und in Nichttätigkeit zu versinken, ist das korrekte Vorgehen. Also ist kein Rennen das richtige Rennen – gemäß Lao-tse. Zu stoppen ist die richtige Sache. Kein Haltmachen kann falsch sein. Alle Aktivitäten sind falsch. Untätigkeit, Passivität ist unsere absolute Natur.

Wenn wir Lao-tse verstanden haben, werden wir wissen, daß gemäß Lao-tse kein Verlangen weltlich und kein Verlangen spirituell ist. Jegliches Verlangen ist weltlich; nur Wunschlosigkeit ist spirituell. Deswegen haben weltliche Wünsche und spirituelle Sehnsüchte keine Bedeutung. Die Sehnsucht an sich bedeutet die weltliche Welt. Solange wir uns nach etwas sehnen, sind wir in der weltlichen Welt. Sogar wenn wir uns wünschen, Befreiung zu erreichen, selbst dann sind wir immer noch ein weltlicher Mensch. Wenn wir keine Wünsche haben, sind wir in Seligkeit, sogar wenn wir innerhalb der Welt bleiben.

Wir können es auf diese Weise verstehen. Das Verlangen ist nicht auf das Objekt bezogen. Der Wunsch ist keine Frage, was wir wollen, der Wunsch ist die Tatsache, daß wir etwas wollen. Was wir wollen, ist irrelevant. Ob wir um Wohlstand bitten oder nach Prestige verlangen oder uns nach Religion oder Befreiung sehnen, solange wir uns etwas wünschen, sind wir in der Welt. Wenn wir aufhören, uns etwas zu wünschen, sind wir in der Befreiung.

Deswegen können wir nicht um Befreiung bitten. Man erreicht Befreiung, man fragt nicht danach. Befreiung kann nicht zu einem entsprechenden Verlangen gemacht werden. Seligkeit ist nicht das Resultat einer Sehnsucht, sie ist nicht das Ziel irgendeines Wettlaufs. Vielmehr besteht Befreiung darin, zu einem schlußendlichen Anhalten in unserem Rennen zu kommen. Befreiung ist nicht das Ende einer Reise. Wenn das Wettrennen nicht mehr ist, das ist Befreiung. Wenn das Denken das Herumwandern stoppt und stetig wird, ist Befreiung erreicht.

Das Denken kann in keinem Ersehnen stabil sein. Allein schon das Wort Sehnsucht bedeutet das Herumwandern des Denkens. Lao-tse differenziert also nicht zwischen weltlichen Wünschen und spirituellen Wünschen. Die sogenannten religiösen Menschen fühlen sich deswegen von Lao-tses Lehren beunruhigt, weil sie stolz darauf sind, daß sie höhere Wunschvorstellungen entwickelt haben und den niedrigeren Wünschen entsagt haben. Kein Verlangen ist ein hochstehendes Verlangen. Kein Gift ist größer, keine Sünde ist größer. Gift ist Gift, Verfehlung ist Verfehlung; Sehnsucht ist Sehnsucht. Es gibt jedoch einen Haken: Es besteht die Möglichkeit der Verfälschung. Wenn es keine Verfälschung gibt, ist es ein reines Verlangen. Das Verlangen nach weltlichen Dingen ist ein verfälschtes Verlangen; das Verlangen nach Befreiung ist ein unverfälschtes Verlangen.

29.12.2005 um 23:59 Uhr

Ko Hsuan 1 (3)

von: tao

Ko Hsuans Klassiker über die Reinheit war die erste Abhandlung, die jemals geschrieben wurde; das ist seine Signifikanz. Es markiert eine gewisse Veränderung im menschlichen Bewußtsein, einen Wechsel, der sich später dann von großer Bedeutung erweisen sollte, denn obwohl es schon schön ist, sich direkt mitzuteilen, von Person zu Person, so kann die Botschaft doch nicht viele Leute erreichen; viele müssen es notgedrungen verpassen. Gut, es wird nicht in die falschen Hände fallen, aber viele richtige Hände werden auch leer bleiben. Und man sollte doch mehr an die richtigen Hände denken als an die falschen Hände. Die falschen Leute werden verkehrt sein, ob nun irgendeine profunde Einsicht in ihre Hände fällt oder nicht, aber den richtigen Leuten wird etwas entgehen, was ihr Sein transformieren kann. Ko Hsuan, der diese kleine Abhandlung schrieb, markiert einen Meilenstein in dem Bewußtsein der Menschheit. Er verstand die Bedeutsamkeit des geschriebenen Wortes, auch wenn er all seine Gefahren kannte. Im Vorwort schreibt er: "Bevor ich diese Worte niederschrieb, überlegte ich zehntausendmal, ob ich schreiben sollte oder nicht, denn ich war dabei, einen gefährlichen Schritt zu tun." Niemand hatte zuvor soviel Mut gehabt. Ko Hsuan waren Lao-tse, Dschuang Dsi und Liä Dsi vorausgegangen. Sogar sie hatten nichts geschrieben; ihre Botschaft wurde von ihren Schülern erinnert. Es wurde erst aufgeschrieben, nachdem Ko Hsuan den gefährlichen Schritt getan hatte. Aber auch er sagt: "Zehntausendmal überlegte ich hin und her", denn es ist keine gewöhnliche Angelegenheit. Bis zu diesem Moment in der Geschichte hatte kein Meister es jemals gewagt, irgendetwas aufzuschreiben, bloß um die falschen Leute zu vermeiden. Sogar ein Mensch wie Buddha überlegte sieben Tage lang, bevor er ein einziges Wort von sich gab. Als er zur Erleuchtung gelangte, blieb er sieben Tage lang ganz still, er schwankte hin und her, ob er irgendetwas sagen sollte oder nicht. Die Frage war: Da sind diejenigen, die nicht verstehen, was hat es für einen Sinn, ihnen solch tiefe Einsichten zu sagen ? Sie werden es mißverstehen, sie werden es fehlinterpretieren, sie werden der Botschaft schaden. Statt daß sie der Botschaft erlauben würden, sie zu heilen, werden sie die Botschaft selbst verwunden – sie werden die Botschaft manipulieren entsprechend ihrem Denken und ihren Vorurteilen. Ist es richtig, es zuzulassen, daß die Botschaft von törichten Leuten beschmutzt wird, von mittelmäßigen und dummen Leuten ? Buddha war sehr zögerlich, unschlüssig und zaudernd. Ja, er dachte auch an die paar Leute, die imstande sein würden, es zu verstehen, aber dann konnte er sehen, daß "diejenigen Leute , die meine Worte verstehen werden können, die werden auch fähig dazu sein, die Wahrheit von selbst zu finden, denn sie können keine gewöhnlichen Leute sein, sie werden superintelligente Leute sein, nur dann werden sie imstande sein, das zu verstehen, was ich zu ihnen sagen würde. Wenn sie meine Worte verstehen können, werden sie die Wahrheit auch von selbst erreichen können, warum sollte ich mich also um sie kümmern ? Vielleicht wird es ein wenig länger für sie dauern. Na und ? -- denn da ist Ewigkeit, an Zeit fehlt es nicht. Aber die Botschaft, kommt sie erst einmal in die falschen Hände, wird für immer korrumpiert sein." Er zögerte, auch nur überhaupt irgendetwas zu sagen.

28.12.2005 um 23:59 Uhr

Tao 96

von: tao

"Wert ist nicht der Name dafür", sagte Liä Dsi....

"Hör zu, Rolf, was für ein Schnäppchen ! Wenn du ins Radio City gehst, vormittags, kostet es nur einen Euro. Solch ein prachtvoller Platz. Kronleuchter, Teppiche, Plüschsessel, der Hauptfilm in voller Kinolänge, nur kurze Werbung, Wochenschau, Trickfilme, fünfzig schöne Mädchen, ein einhundertundzehnköpfiges Orchester..." "Alles für denselben Euro ?" "Alles für denselben Euro. Und darüber hinaus kannst du noch, wenn du das Kino verläßt, die Treppe hoch gehen und dir eine wirkliche Kunstausstellung ansehen." "Alles für denselben Euro ?" "Alles für denselben Euro. Und dann geben sie dir einen köstlichen Becher Kaffee." "Alles für denselben Euro ?" "Alles für denselben Euro." "Hmmm...muß eine furchtbar billige Kaffeesorte sein."

Die Kirchen, die Tempel, die Moscheen geben uns eine ganz billige Sorte Religion und es kostet uns überhaupt nichts. Wir brauchen wirklich nichts zu zahlen – es ist billig; natürlich höchstens eine Vertröstung, keine Revolution.. Taoismus ist eine Revolution, keine Vertröstung. Und der Mensch ist an einen Punkt gekommen, wo die Evolution stehen geblieben ist, nun kann nur Revolution helfen. Evolution bedeutet unbewußtes Wachsen – sie ist an einen Punkt gekommen, über den sie nicht hinausgehen kann. Können wir die Tatsache nicht nachvollziehen, daß der Mensch seit Jahrhunderten der gleiche geblieben ist ? Alles andere hat sich geändert: Der Ochsenkarren ist zum Jet geworden, aber der Mensch ? Der Mensch, der den Ochsenwagen fuhr und der Mensch, der das Düsenflugzeug fliegt, sind überhaupt nicht verschieden – genau dieselben. Ein Schwert ist zu einer Wasserstoffbombe geworden, aber der Mensch, der das Schwert führte, ist nicht anders als der Mensch, der im Besitz des Schlüssels für die Wasserstoffbombe ist. Alles hat sich geändert, nur der Mensch nicht. Wenn ein Mensch aus der Zeit der Veden wieder lebendig würde, er wäre nicht imstande, irgendetwas zu verstehen, abgesehen vom Menschen. Er würde nicht verstehen können, was diese Züge sind, was diese Autos sind, was diese Flugzeuge sind, das Radio, das Fernsehen, die Elektrizität, das Kino – nein, außer dem Menschen würde er nichts verstehen können. Der Mensch würde für ihn absolut verstehbar sein. Da gibt es gar keinen Unterschied: So eifersüchtig wie immer, so verrückt wie immer, so wütend wie immer, so gewalttätig wie immer. Wenn wir aufmerksam betrachten, was bedeutet dies dann ? Es bedeutet, daß der Mensch die letzte Stufe erreicht hat, die durch unbewußte Evolution erreicht werden kann. Nun ist alles festgefahren. Viele Leute fühlen sich persönlich in einer Sackgasse. Das ist kein individuelles Problem; die ganze Menschheit steckt fest, jeder ist stecken geblieben. Es ist zu einer Sackgasse geworden, Die Evolution wird nun nicht mehr weiterhelfen. Wir werden die Zügel in unsere eigenen Hände nehmen müssen – das ist Revolution. Und wenn wir damit anfangen, uns selbst weiterzuentwickeln, unsere eigene Evolution zu betreiben, nehmen wir natürlich große Risiken auf uns, es ist ein großes Abenteuer. Und es kostet uns etwas.

27.12.2005 um 23:19 Uhr

Tao 93/2

von: tao

Baul Panchuchand sagt: Schlag deinen Meister hart – zerstöre die Dualität von Meister und Schüler. Lass den Meister komplett fallen, vergiß ihn. "Schlage deinen Meister hart und verehre ihn vertrauensvoll." Dies ist das Paradox. Und man kann seinen Meister nur dann hart schlagen, wenn man ihn wirklich vertrauensvoll verehrt hat. Wenn man wirklich verstanden hat, nur dann wird man sein Anklammern aufgeben. Wenn wir wirklich geliebt haben, werden wir nicht festhalten. Das haben Zenmeister schon immer zu ihren Schülern gesagt: Wenn du Buddha unterwegs antriffst – töte ihn augenblicklich ! Und sie liebten Buddha gewaltig. Es soll passiert sein: Ein Zenmeister, Ikkyu, hielt sich in einem Tempel auf. Die Nacht war sehr kalt und er hatte keine Decken – er war ein Bettler, und der ganze Tempel war so kalt – er war aus Stein gemacht worden: es war steinkalt. In der Nacht konnte er nicht schlafen, also ging er ins Innere, in den Tempelschrein, fand dort einen Buddha, einen hölzernen Buddha; machte sich ein Feuerchen mit diesem Buddha; und genoß es und freute sich an diesem Feuer. Das Knistern des Feuers, die Geräusche, die dieser Ikkyu machte – und der Priester wurde wach. Als er das Feuer im Innern des Tempels sah, kam er angerannt und als er sah, daß einer der Buddhas fehlte, (es waren drei Buddhas in dem Schrein gewesen) und er sah das Feuer – der Buddha war schon fast verbrannt – natürlich war er außer sich; und er sagte zu Ikkyu: Was tust du da ? Bist du wahnsinnig ? Du hast meinen Buddha verbrannt ! Du hast die größte Sünde begangen, die ein Mensch begehen kann, und wir dachten schon, daß du ein erleuchteter Mensch wärst ! Das Feuer war nun dabei auszugehen; Ikkyu fing an, in der Asche herumzustochern. Der Priester fragte: Was machst du denn jetzt ? Er sagte: Ich versuche, die Knochen des Buddha zu finden, so daß sie aufbewahrt werden können. Der Priester begann zu lachen, als er diese ganze Dummheit sah. Er sagte: Dies ist ein hölzerner Buddha, es gibt keine Knochen. Du bist wirklich verrückt ! Ikkyu sagte: Dann bring auch die anderen zwei Buddhas; die Nacht ist lang und sehr kalt. Und am Morgen – natürlich war er aus dem Tempel hinausgeworfen worden, denn er hätte ja den ganzen Tempel noch abbrennen können – am Morgen, als der Priester aus dem Tempel trat, saß Ikkyu einfach am Meilenstein auf der Straße, und hielt eine Andacht ab. Der Priester konnte seine Neugier nicht zurückhalten. Er fragte: Was tust du denn jetzt, du Wahnsinniger ? Ikkyu sagte: Ich verehre den Buddha und am Morgen eines jeden Tages ist dies das erste, was ich tue. Dies ist der Widerspruch. Aber wenn wir wirklich sehen können, ist es überhaupt kein Widerspruch, es ist eine einfache Tatsache. Ein Faktum, die tiefste Tatsache aller Mystik. "Schlag deinen Meister hart und verehre ihn voller Vertrauen." Liebe so tief, daß es kein Klammern gibt – du kannst töten, du kannst fallenlassen, der andere verschwindet, der andere ist absorbiert, nur du in deiner kristallklaren Reinheit bleibst. Aber dies ist nur möglich, wenn totales Vertrauen möglich ist. Natürlich muß dieser Ikkyu Buddha gewaltig geliebt haben, wie wäre es sonst möglich, Buddha zu verbrennen ? Wie ist das vorstellbar ? Er muß so total geliebt haben, daß dies für ihn kein Problem war. Er konnte den hölzernen Buddha verbrennen.

26.12.2005 um 02:02 Uhr

Tao 95

von: tao

In dem Moment, in dem wir "spirituell" sagen, haben wir etwas verurteilt

in dem Materiellen, im Körper, in der Welt.

Allein schon das Wort "spirituell" trägt eine Verdammung in sich, eine Teilung.

Wir können es den Leuten ansehen, wenn sie denken, daß sie spirituell sind,

denn in ihren Augen können wir die Aburteilung sehen.

Vorsicht vor zu großer Nähe zu ihnen, sie sind giftig;

allein schon in ihrem Atem ist Gefahr und Infektion enthalten.

Besser wäre es, vor ihnen die Flucht zu ergreifen !

Immer wenn wir einen spirituellen Menschen sehen, wie er auf uns zukommt,

wäre es besser, so schnell zu rennen, wie wir nur können.

Denn er ist krank, er ist tief neurotisch, er ist schizophren,

weil er das Leben in zwei Teile gespalten hat,

und das Leben ist ein ungeteiltes Ganzes, es kann nicht geteilt werden.

Das Leben ist nicht Seele, das Leben ist nicht Körper, das Leben ist beides.

Wir sind nicht Körper und Seele, wir sind "Körperseele".

Dieses "und" ist gefährlich, wir lassen es besser weg.

Es gibt schon Leute, die haben das "und" fallengelassen, doch trotzdem,

wenn die an "Körperseele" denken, können sie es doch nicht zu einem Wort machen,

sie platzieren einen kleinen Bindestrich statt des "und" zwischen die beiden.

Sogar dieser Bindestrich ist gefährlich, besser wäre es, ihn auch wegzulassen.

Besser wäre es, "Körperseele" zu einem Wort zu machen. Es ist eins.

Besser wäre es, "Materiedenken" und "Stoffgeist" zu einem Wort zu machen,

diese Welt und jene Welt zu einer zu machen,

euren Gott hier unten in der Materie sein zu lassen,

und eure Materie sich hoch erheben zu lassen und in euren Gott eingehen zu lassen.

Wie können wir dann noch über Spiritualität reden ?

In Indien ist diese Krankheit sehr alt, diese Krankheit der Spiritualität.

25.12.2005 um 13:40 Uhr

Tao 94

von: tao

Der Mensch ist kein Sein, der Mensch ist ein Werden. Dies ist eine der fundamentalsten Einsichten. Die Bäume, die Tiere, sie alle sind seiende Wesen. Der Mensch ist davon verschieden: Er ist ein Werden, er ist ein werdendes Sein, er ist ein Prozeß. Und mit dem Prozeß entsteht das Problem: Wir können tiefer als die Tiere fallen, wir können uns über die Götter erheben. Kein Hund kann unter seine Hund-heit fallen, und er kann auch kein Buddha werden; beides ist unmöglich. Er ist weder stupide noch ein Genie; er hat kein Wachstum. Wie er geboren worden ist, dazu ist er geboren worden; er wird als derselbe Hund leben als der er auch sterben wird – zwischen seiner Geburt und seinem Tod wird sich keine Evolution ereignen. Der Mensch ist anders. Das ist das Privileg des Menschen, sein Vorrecht, aber darin liegt auch eine große Gefahr. Der Mensch ist nicht ganz komplett geboren worden; er wird nicht zur Gänze geboren – die Geburt ist nur ein Beginn eines Prozesses. Nun kann der Prozeß jegliche Form annehmen: Er kann deformiert werden, er kann eine falsche Route einschlagen, er kann in die Irre gehen und sich abwegig gestalten. Der Mensch beginnt sein Leben als Freiheit, aber die Freiheit hat ihren Preis; wir können sie nicht umsonst haben. Außer dem Menschen hat kein anderes Tier hat irgendeine Freiheit. Daher haben seit Jahrhunderten Mystiker gesagt, daß der Mensch eine Brücke ist zwischen zwei Ewigkeiten: der Ewigkeit des Unbewußten und der Ewigkeit des Bewußten, und der Mensch ist immer in Bewegung zwischen diesen beiden Polaritäten. Er ist wie ein Seiltänzer. Jeder Moment ist voll Gefahren, aber auch voll an Möglichkeiten. Keine Möglichkeit kommt für sich alleine; sie beinhaltet ihre eigene Gefahr. Wir können fehlgehen – wir können vom Seil fallen in den Abgrund. Der Mensch ist von den Mystikern eine Leiter genannt worden. Nun kann die Leiter zwei Dinge bewirken: Wir können sie verwenden, um nach oben zu gehen, und dieselbe Leiter kann benutzt werden, um nach unten zu gehen. Wir verwenden dieselbe Leiter für diese beiden Zwecke, bloß unsere Richtung ändert sich. Wenn wir uns nach oben begeben, ist unsere Richtung verschieden; wenn wir uns nach unten begeben, ist unsere Richtung das genaue Gegenteil davon. Aber die Leiter ist dieselbe, das Resultat wird unterschiedlich sein. Der Mensch ist eine Leiter zwischen Himmel und Hölle. Das ist der Grund, warum es nur die menschlichen Wesen sind, die das natürliche Fließen in der Natur unterdrücken, manipulieren, abtöten, die es zu erobern versuchen, nur sie sind stupide – weil sie Buddhas sein können. Weil der Mensch Intelligenz hat, darum kann er so dumm sein. Stupidität bedeutet einfach, wir haben unsere Intelligenz nicht benutzt; es bedeutet nicht die Abwesenheit von Intelligenz. Wenn es keine Anwesenheit von Intelligenz gibt, kann man den Menschen nicht stupide nennen. Wir können keinen Felsen stupide nennen, ein Felsen ist ein Felsen – mit Dummheit hat das nichts zu tun.

24.12.2005 um 10:50 Uhr

Ko Hsuan 3/7

von: tao

Jeder Mann und jede Frau sind auch ihr Gegenteil. Jeder Mann trägt, um lebendig sein zu können, im Unbewußten das weibliche Prinzip, ansonsten würde es keine Dynamik in seinem Wesen geben, es würde keine Spannung geben, nicht genug Spannung, um ihn am Leben zu halten. Er würde einfach sterben, es gäbe für ihn keinen Grund mehr, weiterzuleben. Eine gewisse Spannung ist für sein Dasein notwendig. Wenn die Spannung zuviel wird, wird er durchdrehen; wenn die Spannung zu wenig wird, wird er tot sein. Dazu gibt es eine schöne Geschichte aus Buddhas Leben: Ein Fürst wurde initiiert, wurde ein Sannyasin von Buddha. Er hatte sein ganzes Leben in großem Luxus gelebt, er war ein großartiger Sitarist gewesen, sein Name war überall im ganzen Land bekannt als der eines großartigen Musikers, der die Sitar zu spielen versteht. Aber ihn beeindruckte Buddhas innere Musik – vielleicht hatte ihm sein Einblick in die Musik geholfen, Buddha zu verstehen. Als Buddha seine Hauptstadt besuchte, hörte er ihn zum ersten Mal, es war Liebe auf den ersten Blick und er entsagte seinem Königreich. Sogar Buddha wollte nicht, daß er eine solch weitreichende Entscheidung so impulsiv treffen würde. Er sagte zu ihm: "Warte. Denk nach. Ich werde noch vier Monate hier sein" – denn während der gesamten Regenzeit pflegte Buddha niemals weiterzuziehen; in der Regenzeit blieb er er an einem Platz. "Ich werde also noch hier bleiben; es besteht keine Eile. Also denk darüber nach. Vier Monate Zeit und dann kannst du immer noch Sannyas nehmen, du kannst dann immer noch ein Eingeweihter werden." Aber der junge Mann sagte: "Die Entscheidung ist gefallen; da gibt es nichts mehr zu überdenken. Es heißt jetzt oder nie ! Und wer weiß schon, was morgen sein wird ? Und du hast doch schon immer gesagt: "Lebe in der Gegenwart", warum erzählst du mir dann, daß ich vier Monate warten sollte ? Ich könnte sterben, du könntest sterben, irgendetwas kann passieren und dazwischenkommen. Wer kennt schon die Zukunft ? Ich möchte nicht einmal einen einzigen Tag länger warten !" Er bestand so sehr darauf, daß Buddha nachgeben mußte; er wurde eingeweiht. Buddha war sich bei ihm ein wenig unsicher, ob er imstande sein würde, dieses Leben eines Bettlers zu leben. Buddha kannte dieses Problem ja aus eigener Erfahrung; er selbst war einst ein Prinz gewesen. Er wußte, was es hieß, im Luxus zu leben, was es bedeutete, komfortabel zu leben, und was es dann hieß, ein Bettler auf der Straße zu sein. Es war ein großartiges, aber mühsames Phänomen, aber Buddha hatte sich Zeit gelassen. Er brauchte sechs Jahre, um erleuchtet zu werden, und ganz langsam hatte er sich daran gewöhnt, ohne ein Dach über dem Kopf zu sein, manchmal ohne Essen, ohne Freunde, überall Feinde aus überhaupt keinem Grund, denn er tat doch niemandem etwas zuleide. Aber die Leute sind so stupide, sie leben in solchen Lügen, daß sie sich, immer wenn sie einen Menschen, der nach der Wahrheit sucht, sehen, sich ganz von selbst verwundet fühlen – sie fühlen sich verletzt und beleidigt. Buddha wußte, diese ganze Sache würde zuviel für diesen jungen Mann sein. Er tat ihm leid, aber er initiierte ihn. Und er war überrascht, und all die anderen Sannyasins waren überrascht, denn der Mann ging einfach ins andere Extrem. Alle buddhistischen Mönche pflegten nur einmal am Tag zu essen; dieser neue Mönch, der Ex-Fürst, fing an, nur einmal in zwei Tagen zu essen. Alle buddhistischen Mönche schliefen für gewöhnlich unter Bäumen, er schlief unter dem offenen Himmel. Die Mönche pflegten auf den Straßen zu gehen, er ging nicht auf den Straßen, sondern immer an der Seite neben der Straße, wo es Dornen gab und Steine. Er war ein schöner Mann; innerhalb von Monaten wurde sein Körper schwarz. Er war sehr gesund; er wurde krank, er wurde mager und dünn. Seine Füße waren verletzt. Viele Sannyasins kamen zu Buddha und sagten: "Etwas muß getan werden. Dieser Mann ist zum entgegengesetzten Extrem gegangen: Er foltert sich ! Er ist selbstzerstörerisch geworden." Buddha ging zu ihm eines Nachts und fragte ihn: "Shrona" – Shrona war sein Name – "kann ich dir eine Frage stellen ?" Er sagte: "Natürlich, mein Herr. Du kannst jede Frage stellen. Ich bin dein Schüler. Ich bin hier, um dir alles zu sagen, was auch immer du über mich wissen willst." Buddha sagte: "Ich habe gehört, daß du ein großartiger Musiker warst, als du noch ein Fürst warst, du pflegtest die Sitar zu spielen." Er sagte: "Ja, aber das ist zu Ende. Ich habe das alles komplett vergessen. Aber dies ist wahr, ich pflegte auf der Sitar zu spielen. Das war mein Hobby, mein einziges Hobby. Ich pflegte mindestens acht Stunden am Tag zu üben und ich war deswegen überall im ganzen Land berühmt geworden." Buddha sagte: "Ich muß dir eine Frage stellen. Wenn die Saiten deiner Sitar zu straff sind, zu sehr gespannt, was wird dann passieren ?" Er sagte: "Was geschehen wird ? Das ist einfach ! Du kannst nicht auf ihr spielen – sie werden reißen." Buddha sagte: "Eine weitere Frage: Wenn sie zu lasch sind, zu locker gespannt, was wird dann passieren ?" Shrona sagte: "Auch das ist einfach. Wenn sie zu locker sind, wird keine Musik auf ihnen gespielt werden können, denn sie haben keine Spannung mehr." Buddha sagte: "Du bist ein intelligenter Mensch – ich brauche dir nicht mehr zu sagen. Bedenke, das Leben ist auch ein Musikinstrument. Es benötigt eine gewisse Spannung, aber nur eine gewisse Spannung. Weniger als das und dein Leben ist zu lasch, hängt durch, und es entsteht keine Musik. Wenn die Spannung zu groß ist, fängst du an, zusammenzubrechen, du beginnst, verrückt zu werden. Bedenke das. Zuerst lebtest du eine sehr lockeres Leben und dir fehlte die innere Musik; nun lebst du ein sehr angespanntes, festgezurrtes Leben – dir fehlt die Musik immer noch. Gibt es denn keine Möglichkeit, die Saiten auf der Sitar in solcher einer Weise einzustellen, daß sie genau in der Mitte sind, weder zu locker noch zu straff, mit genau dem richtigen Maß an Spannung, so daß Musik entstehen kann ?" Er sagte: "Ja, die Möglichkeit besteht." Buddha sagte: "Das ist genau meine Lehre: Sei exakt in der Mitte zwischen den beiden Gegenpolen. Die Spannung darf nicht völlig verschwinden, sonst wirst du sterben; die Spannung darf nicht zu stark werden, sonst wirst du überschnappen." Und das ist es, was in der ganzen Welt passiert ist.

23.12.2005 um 13:21 Uhr

Tao 93/1

von: tao

Baul Panchuchand singt:

"Schlage deinen Meister hart

und verehre ihn vertrauensvoll.

Wenn du Gott ergeben sein willst,

dann lebe ungebunden,

heimatlos, trotz einer Heimstatt

und deines Lebens mit einem Mädchen.

Hör nicht auf deinen Kopf, der für immer in die Irre führt.

Denke nicht nur

sondern fessle deines Meister Hand und Fuß.

Schneide dir einen Rohrstock der Liebe ab

und prügle ihn, bis er grün und blau ist...

Der Meister muß sich auf ewig verbeugen zu Füßen des Schülers..."

Bauls sind ganz außergewöhnliche Leute gewesen.

Das Wort baul bedeutet verrückt.

Bauls waren verrückte Mystiker.

Sie haben in allen möglichen Paradoxien gesprochen; aber sehr schön.

Sie sind keine Philosophen, sie sind verrückte Dichter.

Sie stellen keine logische Sache als Behauptung auf,

ganz im Gegenteil,

sie versuchen uns etwas zu zeigen durch das Paradox.

Dies Baul, Panchuchand, ist einer der großartigsten Bauls.

Er sagt: Schlag deinen Meister hart und verehre in vertrauensvoll.

Das ist genau das: Wenn du deinem Meister näher kommen willst,

komm dir selbst näher.

Vergiß ihn vollständig.

Erinnere dich nur deines eigenen Wesens – und du wirst deinem Meister näher sein.

22.12.2005 um 02:28 Uhr

Tao 92

von: tao

Wenn wir uns ans Außen klammern,

mag es ein Buddha sein, ein Jesus,

aber wir hängen uns an die Welt,

denn das Außen ist die Welt.

Unser eigenes innerstes Innenleben

ist das Transzendentale.

Wenn wir uns nach innen begeben,

kommen wir dem Tao näher.

Kommen wir einem Lao-tse näher,

gehen wir weit von uns selbst weg.

Dies ist ein Paradox, das es zu verstehen gilt:

Wenn wir versuchen, einem Menschen des Tao näher zu kommen, werden wir weiter weg von uns selbst gehen,

und wie können wir einem Lao-tse nahe kommen, wenn wir weiter weg von uns selbst gehen ?

Wenn wir uns selbst näher kommen, kommen wir jedem Menschen des Tao näher,

wie könnte es anders sein ?

Wenn wir uns selbst näher kommen,

kommen wir Lao-tse näher,

denn im innersten Wesen

ist das Zentrum eins.

An der Peripherie unterscheiden wir uns;

an der Oberfläche bin ich ein Individuum,

du bist ein Individuum;

die Bewegung nach innen

bringt diese peripheren Punkte näher und näher und näher –

und wenn wir exakt das Zentrum unseres Wesens erreichen, gibt es keine Dualität.

Die zwei sind verschwunden.

Die Zweiheit ist verschwunden, das Zweisein ist nicht mehr.

21.12.2005 um 12:23 Uhr

Tao 91

von: tao

Der einzige Weg für uns ist, uns selbst kennenzulernen,

Lao-tse zu vergessen und sich nach innen zu begeben.

Eines Tages, wenn wir in unserer eigenen totalen Herrlichkeit dastehen werden,

in der Pracht unseres eigenen Wesens, in dem inneren Licht

-- dort werden wir Tao finden.

Nicht als ein getrenntes Wesen, nicht als ein Objekt,

sondern als den allerinnersten Kern unseres eigenen Selbst.

Es wird berichtet: Buddha lag im Sterben, und Ananda begann zu weinen und zu schluchzen –

sein ältester Schüler, und derjenige, der sich am meisten an ihn gehängt hatte;

vierzig Jahre lang war er mit Buddha zusammen gewesen und er hatte nichts erreicht,

er hatte sich selbst noch nicht verwirklicht; er liebte Buddha zu sehr.

Wenn wir zu sehr lieben ... es ist immer so,

alles, was zu sehr ist, wird Teil des Denkens;

nur die Balance, das Gleichgewicht ist Transzendenz des Denkens;

alles, was zuviel ist, wird Teil des Denkens.

Ananda liebte Buddha zu sehr,

die Liebe war keine Freiheit, sie war zu einer Bindung geworden –

alles, was zu sehr ist oder zu viel, ist eine Bindung –

und nun, da Buddha im Sterben liegt, ist sein ganzes Leben ruiniert.

Ananda weint und schluchzt wie ein kleines Kind, dessen Mutter stirbt.

Und Buddha stoppt ihn und sagt: Was, Ananda, tust du da ?

Er schaut zu Buddha mit tränenvollen Augen und sagt: Wo werde ich dich nun noch sehen können ?

Wo werde ich dich suchen können ?

Und Buddha lachte und er sagte: Das ist meine ganze Lehre gewesen !

Vierzig Jahre lang ist es das gewesen, was ich dir immer wieder gesagt habe,

immer wenn du mich sehen möchtest, schau nach innen !

Appa deepo bhava; sei dir selbst ein Licht.

Dort, in dir, wirst du mich finden.

20.12.2005 um 14:04 Uhr

Tao Te King 4 (10)

von: tao

Der Mensch steht in der Mitte – auf der einen Seite ist die Leere und auf der anderen die Fülle, die Vollkommenheit. Der Mensch ist unvollständig – eine Dinge hat er, einige Dinge hat er nicht. Nun gibt es zwei Wege: 1. Wenn er auch das erlangt, was er nicht hat, kann er vollkommen werden. 2. Wenn er all das losläßt, was er schon besitzt, wird er leer werden. Nun ist es nicht sicher, daß wir all das erreichen werden, was wir nicht haben, denn dies liegt nicht in unseren Händen; aber es liegt gänzlich in unseren Händen, das aufzugeben, was wir besitzen. Dafür brauchen wir niemandes Hilfe in Anspruch nehmen. Nun ist folgendes interessant: Wenn wir perfekt sein wollen, werden wir zu Gott beten müssen – und es mag trotzdem nicht möglich sein; aber wenn wir leer sein wollen, brauchen wir keine Hilfe von irgendeinem Gott ! Unser eigenes Selbst ist genug. Wir müssen nicht darum bitten. Das ist der Grund, warum Gebete keinen Platz in Religionen haben, die auf der Ordnung des Leerseins basieren. Leute wie Buddha und Lao-tse, deren Lehren auf der Leere gründen, haben Gebeten keinen Glauben geschenkt. Gebete haben für sie keine Bedeutung. Da ist nichts, wofür man bitten könnte, und dann wer ist der, zu dem man beten könnte, und wofür ? Wir werden all das aufgeben, was wir haben und frei davon sein. Um das zu erlangen, was wir nicht haben, werden wir an die Tür von jemand anderem klopfen müssen, wir werden unsere Hände demütig bittend ausstrecken müssen. Da ist noch etwas bedenkenswert: Um das zu erwerben, was wir nicht besitzen, ist Zeit erforderlich. Denn das, was wir nicht haben, werden wir wahrscheinlich nicht noch am gleichen Tag bekommen können. Es mag morgen oder übermorgen erreicht werden oder sogar erst im nächsten Leben. Aber das, was ich habe, kann augenblicklich zurückgelassen werden. Keine Zeit ist erforderlich. Ich kann es heute oder morgen hinter mir lassen, das liegt ganz bei mir und wenn ich es aufschiebe, dann bin nur ich allein dafür verantwortlich. Wenn ich das nicht erreiche, was ich nicht habe, bin ich nicht allein dafür verantwortlich, daß ich es nicht erreicht habe. Es kann sein, trotz all meiner Anstrengungen, daß ich es nicht erreiche. Wir mögen den Wunsch habe, daß die Himmel Teil unseres eingezäunten Geländes werden oder daß die Sonne in unserem Haus eingeschlossen sei, aber das würden bloß unsere Wunschvorstellungen bleiben. Es hängt von Tausenden von Faktoren ab, daß dies geschehen könnte und nicht von uns alleine. Deswegen müssen wir um Hilfe bitten. Bei Lao-tse ist kein Platz für Gebete. Er sagt, es geht nicht um Gebete – lass bloß das los, was du hast. Da ist noch ein anderer interessanter Faktor und die Mathematik, um die es da geht, ist bemerkenswert. Angenommen eine Million Euro ist das Ziel für Vollkommenheit. Wenn ich zehn Euro habe, wird meine Reise zum millionsten Euro sehr lange werden. Wenn du 90.000 Euro hast, wird deine Reise viel kürzer sein und wenn du nur 51 Euro brauchst, um die Million voll zu machen, bist du schon fast daran, es zu erreichen, wohingegen ich noch sehr weit weg vom Ziel bin. Die Reise zur Fülle macht uns nicht gleich, denn wir beginnen jeder mit unterschiedlichen Beträgen. Einige haben 10, einige 10.000, und wieder ein anderer hat 75.000 oder sogar 95.000. All dies erzeugt Unterschiede in der Distanz. Und wenn wir Unterschiede in der Perfektion erzeugen, dann betrachten wir nicht alle Menschen als gleich. Wenn du nun 99.999 Euro hast und ich einen Euro habe, und wenn wir beide zur Leere voranschreiten wollen, dann könen wir beide zusammen gehen. Wir sind gleich. Ich gebe meinen Euro auf und du gibst deine Euros auf. Ich werde leer sein, du wirst leer sein. Nur die Reise zum Leersein hat die Qualität der Gleichheit und keine andere. Also können perfektionsorientierte Gemeinschaften niemals gleich sein. Nur diejenigen, die zur Leere voranschreiten, können gleich sein. Vor der Leere sind ein Euro wie 95.000 Euro, beide sind gleich. Ich werde auf meine 51 Euro verzichten – und komme genau da an, wo du ankommen wirst, nachdem du auf deine 95.000 Euro verzichtet hast. Es ist nicht so, daß du eine größere Leere erreichen wirst und ich eine kleinere Leere bekommen werde. Unser Leersein wird dasselbe sein.

19.12.2005 um 15:01 Uhr

Tao 90

von: tao

Indem wir den anderen lieben, werden wir nach und nach immer wieder auf uns selbst zurückgeworfen. Eines Tages stellen wir fest, daß die Suche nach dem anderen im Außen sinnlos ist, von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Wenn wir den anderen lieben, dem anderen in die Augen schauen, spiegeln wir uns immer wieder in ihnen, werden wir wieder und wieder reflektiert. Durch den anderen geschieht Selbsterkenntnis: Der andere funktioniert wie ein Spiegel. Haben wir das erst einmal kennengelernt, beginnen wir, uns in unserem Alleinsein einzurichten. Und eine Genügsamkeit kann entstehen, die kein praktiziertes Zölibat darstellt, die keine Angst vor dem anderen Geschlecht hat, die überhaupt keine Angst hat, die so zuversichtlich ist, so stark, so gut verwurzelt –

tatsächlich wartet ein fest verwurzelter Baum darauf, daß der Sturm kommt, denn das wird eine Herausforderung sein, und wenn der Sturm kommt, dann weiß der tiefverwurzelte Baum, wie gut er verwurzelt ist und spürt die Stärke, die Vitalität. Der Sturm ist nicht der Feind, sondern eine Herausforderung, die allen Staub wegfegt, die alle Frustration wegnimmt, die alle Traurigkeit wegwischt. Und der Baum beginnt wieder zu feiern, fühlt sich lebendig bis an die Wurzelspitzen, wird wieder jung. Jeder Sturm macht den Baum jünger, immer wieder wird er jung. Eine Enthaltsamkeit, die aus Furcht heraus entsteht, ist eine Flucht vor der Wirklichkeit, wir werden schwach; wir werden so schwach, daß sogar ein Bild von einer Frau ... und wir kriegen Angst. Auch nur der Gedanke an eine Frau .. und wir beginnen zu zittern. Dies ist eine Dummheit, genug davon ! Die Menschheit hat schon genug darunter gelitten. Dieses Kapitel muß endlich komplett geschlossen werden. Durch die Jahrhunderte hindurch wurde uns beigebracht und immer wieder gesagt, wir sollten uns selbst einen Charakter aufzwingen. Nein, im Taoismus tun wir das nicht. Wir würden gerne einen Charakter in uns entstehen lassen, aber keine Struktur. Eine Struktur ist eine Rüstung, eine Struktur ist ein totes Gerüst um uns herum, ein Korsett – es tötet uns, es hält uns gefangen. Wir sind schon eingekerkert. Taoismus ist eine Hilfe, uns aus dem Gefängnis herauszubekommen.

Dazu folgende Geschichte:

Der Rechtsanwalt war ins Zuchthaus gekommen, um seinen Mandanten zu besuchen, der erst kurz vorher zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe vom Gericht verurteilt worden war. Er wurde in den Besucherraum an einen Tisch geführt, wo er sich gegenüber seinem inhaftierten Mandanten hinzusetzen hatte, um die verschiedenen gesetzlichen Prozeduren zu erklären, die er eingeschlagen und befolgt hatte. "Ich habe eine Berufung beim Obersten Landesgericht eingereicht, die zurückgewiesen wurde. Und als letzte Zuflucht habe ich einen Appell an das Bundesverfassungsgericht verfaßt – und der ist nun verworfen worden." "Aber es muß doch noch etwas anderes geben, das wir tun können. Es muß noch eine Instanz da sein, die wir bearbeiten können !", rief der verzweifelte Gefangene. "Da gibt es nur noch eines", raunte der Anwalt in vertraulichem Ton. Er nahm vorsichtig eine Feile aus seiner Aktentasche und schob sie dem Häftling zu. "Das einzige, was uns noch zur Bearbeitung übrig bleibt", sagte er, " sind die Gitterstäbe an deiner Gefängniszelle !"

Taoismus kann uns behilflich dabei sein, die Gitterstäbe durchzufeilen, und manchmal sind diese Gitterstäbe ganz genau das, was wir Charakter, Moral, gesunden Menschenverstand, Verantwortlichkeit und Pflicht nennen – Pflicht der Gesellschaft gegenüber, vor Gott, der Kirche gegenüber, der Nation gegenüber. Dies sind unsere Gitterstäbe, durch die wir eingesperrt sind wie ein Tier in seinem Käfig.

18.12.2005 um 02:16 Uhr

Tao 89

von: tao

Wenn wir wissen, wie man total lebt, werden wir auch den nächsten Moment total leben.

Dann werden wir jeden Moment immer totaler werden

und Wachstum wird von selbst geschehen.

Aber wenn wir uns zusehr um Wachstum kümmern, verpassen wir diesen Moment,

und das ist die einzige Zeit, in der man wachsen kann.

Lao-tse redet also nicht über Wachstum, denn er weiß,

allein schon das Reden über Wachstum wird sich aufschiebend auswirken.

Man denkt: Ich werde morgen wachsen. Heute habe ich keine Zeit.

Viele andere Dinge müssen erledigt werden, das Wachsen kann also ein wenig warten.

Es besteht keine Eile. Dann verzögern wir immer weiter

und wir leben immer fort diesen Moment auf eine fragmentarische, partielle Art und Weise.

Und der nächste Moment wird daraus hervorkommen, und mit jedem Moment

werden wir immer partieller, fragmentierter, geteilter und gespaltener werden.

Wer wird dann noch wachsen und wie wird man dann noch wachsen ?

Man muß das werden, was man schon ist. Man muß das erreichen, womit man schon geboren ist.

Wir müssen das werden, was unser eigentliches Sein ist,

die eigentliche Basis des Wesens – also ist gerade jetzt die Zeit, daran zu arbeiten.

Dieser flüchtige vergehende Moment muß genutzt werden, so intensiv benutzt werden,

so intensiv absorbiert werden... dann wird es Wachstum.

Wachstum ist im Taoismus kein Ideal, es ist ein Nebenprodukt.

Und über Spiritualität kümmert sich der Taoismus überhaupt nicht –

wenn wir Lao-tse fragen würden, würde er lachen.

Wenn wir über Spiritualität reden würden, würde er uns vielleicht ins Wort fallen,

er würde uns vielleicht hinauswerfen und und zu uns sagen:

Geh woanders hin. Komm nicht zu mir mit solch dummen Sachen.

Warum ? Weil wir in dem Moment, in dem wir "spirituell" sagen, das Leben geteilt haben

in das Materielle und das Spirituelle –

und er ist für das Totale, die Ganzheitlichkeit.

17.12.2005 um 11:53 Uhr

Tao 88

von: tao

Wachstum und Spiritualität haben im Taoismus keinerlei Bedeutung –

denn Tao ist das, was auch immer gerade jetzt der Fall ist.

Tao ist die Gegenwart. Das Wachstum bringt die Zukunft herein.

Allein schon der Gedanke an Wachstum bringt die Zukunft ins Spiel,

und dann ist alles verzerrt.

Nicht daß wir im Taoismus nicht wachsen würden, tatsächlich wachsen wir nur im Tao,

aber die Idee des Wachstums ist für die Welt des Tao etwas völlig fremdes.

Sie reden nicht über Wachstum:

sie sprechen nur darüber, wie man sein kann, nicht wie man wachsen kann.

Wenn wir wissen, wie wir sein können, ist das der einzigeWeg zu wachsen.

Wenn wir wissen, wie wir in diesem Moment sein können,

sind wir auf dem Pfad des Wachstums.

Wir brauchen nicht darüber nachzudenken, es kommt ganz von selbst.

Genau wie ein Fluß seinen Weg zum Meer findet

ohne irgendeinen Reiseführer zu konsultieren,

ohne irgendjemanden unterwegs zu fragen, wo der Ozean ist.

Er findet seinen Weg. Ohne daß er versucht, ihn zu finden, findet er ihn trotzdem.

Er bewegt sich immer weiter, lebt sein Leben von Moment zu Moment,

und erreicht schließlich den Ozean.

Wenn dieser Moment gut und total gelebt wird,

wird der nächste Moment aus diesem Moment herauskommen.

Von woher sonst kann er kommen ?

Er wird von selbst daraus herauswachsen, wir brauchen uns darüber keine Sorgen zu machen.

Wenn wir diesen Moment ganzheitlich leben,

wird der nächste Moment daraus geboren werden,

und wenn wir diesen Moment total gelebt haben,

dann wird die Möglichkeit für den nächsten Moment damit zugleich geboren werden –

er kann auch total gelebt werden.

16.12.2005 um 13:24 Uhr

Quellender Urgrund 3/8 (2)

von: tao

Wenn wir zurückschauen, müssen wir uns umdrehen, und während dieses Moments, in dem wir zurückschauen und unser Kopf der toten Vergangenheit zugewandt ist, verwandelt sich gerade die Zukunft in die Gegenwart. Wir werden diese Geburt verpassen, wir werden immer versäumen, wie die Zukunft zur Gegenwart wird – und das ist die einzige Realität, die es gibt.

Was läuft da ab ? Wenn wir zu sehr an der Vergangenheit interessiert sind, zu sehr unseren Erinnerungen verhaftet sind, dann beginnen wir auch eine unwirkliche Zukunft zu erschaffen – in der Imagination. Ein Mensch, der zu sehr an der Vergangenheit hängt, projiziert sich auch eine Zukunft. Er lebt in der Erinnerung und durch die Erinnerung erzeugt er eine imaginierte Zukunft. Beides ist unwirklich. Die Vergangenheit gibt es nicht mehr, wir können sie nicht noch einmal leben, das ist nicht möglich. Das, was vergangen ist, ist für immer vergangen, es ist unmöglich, es zurückzubringen. Weil es unmöglich ist, es zurückzubringen, fangen wir an, uns eine ähnliche Zukunft vorzustellen, etwas von der gleichen Sorte – ein wenig ausgeschmückter, ein bißchen süßer, ein wenig besser. Wir beginnen uns eine Zukunft zusammenzuträumen, aber diese Zukunft basiert auf unserer vergangenen Erfahrung. Auf was sonst kann sie gegründet sein ?

Wir liebten eine Frau. Fast alles war gut an dieser Frau außer ein paar Kleinigkeiten. Nun projizieren wir einen Traum: In der Zukunft werden wir eine Frau finden, die so gut sein wird wie die Frau aus der Vergangenheit, aber ohne diese falschen Angewohnheiten, diese verkehrten Eigenheiten werden gelöscht, die wird sie aufgegeben haben.In der Zukunft werden wir ein Haus haben, so schön wie in der Vergangenheit, schöner noch – aber wir werden es schaffen, noch ein paar Dinge zu haben, die in der Vergangenheit nicht da waren.

Unsere Imagination ist nichts als eine modifizierte Vergangenheit. So leben die Leute. Die Vergangenheit ist nicht mehr und die Zukunft ist nichts als ein Verlangen, die Vergangenheit zu wiederholen – natürlich in einer besseren Art und Weise, aber es ist die gleiche Vergangenheit. Wir haben gestern etwas gegessen, wir würden es morgen gerne wieder essen. Gestern liebten wir einen Mann oder eine Frau, morgen würden wir gerne wieder einen Mann oder eine Frau lieben. Wir wollen Wiederholungen.

Das Denken ist ein repetitiver Mechanismus; das Denken strebt ständig nach dem gleichen. Und die Realität ist jeden Moment neu; sie ist niemals dieselbe. Wir können nicht zweimal in den selben Fluß steigen. Das Leben ist konstant in Bewegung, es verändert sich laufend. Nur die Veränderung ist permanent, alles andere ist in Veränderung. Nur die Veränderung verändert sich nicht. Das ist Realität.

15.12.2005 um 13:09 Uhr

Quellender Urgrund 3/8 (1)

von: tao

Dies ist eine der großartigsten Parabeln von Liä Dsi, voll von tiefgründiger Signifikanz und profunder Einsicht.

Sie basiert auf einer großartigen Erfahrung der inneren Welt des Bewußtseins. Sie ist paradox, deutet aber etwas Absolutes an.

Sie hat uns viel zu geben, sie hat uns viel zu zeigen. Sie kann uns eine große Klarheit auf unserem Pfad geben. Für das Verständnis dieser Parabel werden einige Paradigmen des Taoismus hilfreich sein.

Als erstes glaubt der Taoismus, daß die Erinnerung das Problem ist. Wegen unserer Erinnerung sind wir nicht wirklich lebendig. Die Erinnerung hält uns zurück in der Vergangenheit, sie erlaubt uns niemals in der Gegenwart zu sein. Sie ist überflüssiger Ballast. Und jeden Tag wächst sie weiter an. Jeden Tag wird die Vergangenheit größer und größer und größer. Jeden Tag werden mehr und mehr Erfahrungen, mehr und mehr Erinnerungen, angehäuft. Und die halten uns zurück.

Das Kind ist frei. Es hat keine Vergangenheit. Der alte Mensch ist nicht frei. Er hat eine lange Vergangenheit. Das Kind hat nichts, auf das es zurückschauen kann, er hat alles, auf das es nach vorne sehen kann – es hat die Zukunft, die gerade dabei ist, sich ihm zu eröffnen, ein großes Abenteuer. Der alte Mensch hat nichts mehr in der Zukunft. Alles ist schon geschehen. Und alles, was passiert ist, verklebt ihm immer weiter sein Denken. Es ist ein Gewicht, das ihn nach unten zieht, nach rückwärts, es erlaubt ihm nicht, sich mit der Zeit zu bewegen. Er fällt immer mehr zurück, er bleibt zurück. Die Erinnerung ist das, was uns in der Vergangenheit verwurzelt. Bevor wir nicht so frei von der Erinnerung werden, daß wir es nicht mehr nötig haben, zurückzuschauen – die Erinnerung stört uns nicht mehr, die Erinnerung umwölkt uns nicht mehr – werden wir nicht fähig sein, in der Gegenwart zu leben. Und wenn wir nicht in der Gegenwart leben können, ist die Zukunft nicht unser – denn die Zukunft kann nur dadurch kontaktiert werden, daß wir in der Gegenwart leben, die Zukunft wird eine Realität nur durch das Leben in der Gegenwart. Die Gegenwart ist die Türe, durch die die Zukunft hereinkommt und die Vergangenheit hinausgeht. Wenn wir auf die Vergangenheit schauen, werden wir die Zukunft versäumen, denn während der Zeit, in der wir auf die Vergangenheit starren, kommt die Zukunft schon in die Gegenwart hinein, und wir können nicht gleichzeitig in beide Richtungen schauen. Wir haben Augen, um nach vorne zu schauen, wir haben keine Augen in unserem Hinterkopf. Die Natur beabsichtigte niemals, daß wir zurückschauen, ansonsten würden unsere Augen an unserem Hinterkopf gewesen sein. Die Natur wollte, daß wir nach vorne schauen sollten, die Natur hat uns kein Instrument in die Hand gegeben, mit dem wir nach hinten schauen könnten.

14.12.2005 um 02:52 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (4)

von: tao

Ein lachender Jesus würde gar nicht zu uns passen,

er würde zu einem Fremden für uns werden.

Aber im Osten ist das anders gewesen,

und im Zen, im Taoismus, erreichte das Lachen seinen Höhepunkt.

Es wurde zum Gegenpol der Philosophie.

Ein Philosoph ist ernsthaft,

denn er denkt, das Leben ist ein Rätsel und eine Lösung kann gefunden werden.

Er arbeitet am Leben mit seinem Denken,

und wird immer ernster dabei.

Je mehr er das Leben verfehlt, desto mehr wird er seriös und tot.

Die Taoisten, Lao-tse und Dschuang Dsi, sagen,

wenn wir lachen können, wenn wir ein Bauchlachen spüren können,

das vom innersten Kern unseres Wesens kommt,

das nicht bloß oberflächlich aufgemalt ist,

wenn wir Lachen fühlen können, das

von der tiefsten Mitte unseres Wesens kommt,

sich überall in uns ausbreitet, bis es in Universum überfließt,

wird dieses Lachen

uns die erste Ahnung darüber geben, was das Leben ist.

Es ist ein Mysterium.

Bei Dschuang Dsi ist solch ein Lachen andachtsvoll,

denn nun akzeptieren wir das Leben,

wir verlangen nicht mehr nach der Erklärung.

Wie kann man die Erklärung finden ? Wir sind ein Teil davon.

Wie kann der Teil die Erklärung für das Ganze finden ?

Wie kann der Teil die Ganzheit betrachten ?

Wie kann der Teil die Gesamtheit sezieren und zerteilen ?

13.12.2005 um 18:13 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (3)

von: tao

In Zenklöstern in Japan fragen Schüler immer noch den Meister:

Sag uns, Meister, warum lachte Mahakashyap ?

Und diejenigen, die schon etwas wacher sind, sagen:

Sag uns, Meister, warum lacht Mahakashyap immer noch ?

Sie reden in der Gegenwartsform, nicht in der Vergangenheitsform.

Und man sagt, daß der Meister antworten wird,

aber nur dann, wenn er das Gefühl hat,

daß wir das Lachen von Mahakashyap hören können.

Wenn wir es nicht hören können, kann uns auch nichts darüber gesagt werden.

Die Menschen des Tao haben schon immer gelacht.

Wir haben sie vielleicht noch nicht gehört, weil unsere Türen verschlossen sind.

Wir haben vielleicht schon auf einen Buddha geschaut

und wir mögen das Gefühl gehabt haben, daß er ernst ist,

aber dieses Ernstsein ist projiziert.

Es ist unsere eigene Ernsthaftigkeit – wir verwenden Buddha als eine Leinwand.

Daher sagen die Christen, Jesus habe niemals gelacht.

Dies scheint absolut töricht zu sein.

Jesus muß gelacht haben und er muß so total gelacht haben,

daß sein ganzes Wesen zum Lachen geworden sein muß –

aber die Schüler konnten es nicht hören, das ist wahr.

Sie müssen wohl verschlossen geblieben sein,

und haben ihre eigene Ernsthaftigkeit auf Jesus projiziert.

Sie konnten Jesus am Kreuz sehen,

denn wir alle leben mit so einem Leidensdruck,

daß wir nur Leiden und Schmerz sehen können.

Wenn sie gehört hätten, daß Jesus lachte, würden sie es ausgeblendet haben.

Es ist so widersprüchlich zu ihrem Leben, es paßt da einfach nicht hinein.

12.12.2005 um 22:44 Uhr

Tao Te King 15 (6)

von: tao

Ein Mensch mit Wissen ist ein gefrorenes Phänomen; er fließt nicht mehr mit dem Leben.

Er ist wie ein Eisberg, festgefroren und irgendwo steckengeblieben –

er steckt im Kopf fest.

Wenn das Bewußtsein zu Wissen wird, wird es gefroren;

wenn Bewußtsein Weisheit wird, wird es ein Fließen.

Ein weiser Mensch lebt, lebt total,

aber weiß nur das eine – daß er nicht weiß.

Von einem weisen Menschen zu lernen ist sehr schwierig,

von einem Menschen mit Wissen zu lernen ist sehr leicht.

Er kann uns alles geben, was er weiß, er kann es sehr leicht transferieren,

die Sprache genügt als Vehikel.

Alles, was er gesammelt hat, hat er durch das Denken gesammelt,

durch Sprache; es kann leicht kommuniziert werden.

Ein Mensch mit Wissen wird ein Lehrer. Er kann uns belehren,

und er kann wunderbar uns Dinge beibringen,

die er überhaupt nicht kennengelernt hat.

Vielleicht ist das der Grund, warum er nicht so zögerlich ist wie ein Mensch, der erkennt.

Denn wenn ein Mensch wirklich Wissen kennenlernt,

kennt er auch die gegensätzliche Polarität des Lebens.

Wenn ein Mensch wirklich versteht und weiß,

dann weiß er auch, daß alles mit seinem Gegensatz verbunden ist,

alles ist ein Zusammentreffen und Verschmelzen mit seinem jeweiligen Gegenpol.

Nichts kann bestimmt gesagt werden,

denn in dem Moment, in dem wir irgendetwas definitiv sagen,

haben wir seinen Fluß gestoppt, wir haben es zu einem gefrorenen Faktum gemacht,

es ist kein Teil des Flusses mehr. Es ist ein Eisberg.

Nun können wir es im Lagerhaus unseres Denkens abstellen und hochstapeln.