Tao Te King 9 (4)
Ein verstehender Mensch kommt niemals zu irgendwelchen Schlußfolgerungen, er kann es nicht. Wenn das Leben selbst unschlüssig ist, wie kann ein weiser Mensch dann zu einem endgültigen Urteil kommen ? Wenn wir Lao-tse nach irgendeiner schlüssigen Antwort fragen würden, würde er lachen. Er würde sagen: Ihr seid töricht. Er lebt lebensgemäß, und das grundlegendste Merkmal, wenn wir in Entsprechung zum Leben leben, ist Gleichgewicht. Wenn wir ins Extrem gehen und uns an eine Polarität klammern, dann werden wir die Balance verlieren. Einmal geschah es, daß ein großer König eine Entscheidung treffen mußte, die ihm gegen sein Herz ging. Zwei seiner Minister hatten irgendein Verbrechen begangen und er liebte die Minister sehr. Sogar wenn sie das Verbrechen begangen hatten, wollte er ihnen doch vergeben, so sehr mochte er sie, aber das war gegen das Gesetz des Landes und es wäre kein guter Präzedenzfall gewesen. Sie mußten also bestraft werden. Das Gesetz des Landes besagte, daß die einzige Bestrafung für ein solches Verbrechen der Tod sei. Also was tun ? Es war schwierig, aber er fand einen Ausweg. Er sagte: Sie müssen zum Tode verurteilt werden, aber ich werde ihnen doch noch eine Chance zu Überleben geben. Zwischen zwei Hügeln wird ein Seil gespannt werden, und wenn sie auf ihm hinübergehen können und überleben, werde ich ihnen vergeben. Es war fast unmöglich. Es war unmöglich, denn sie waren noch nie auf irgendeinem Seil gegangen, ganz zu schweigen von einem Seil, das zwischen zwei Bergen über ein großes Tal gespannt ist, wo überall der Tod lauert. Auf einem gespannten Seil zu laufen ist eine große Kunst, man muß sie lernen, es ist eine großartige Disziplin, und sie hätten sich nie geträumt, daß sie in ihren Leben einmal Seilläufer werden würden. Der eine der beiden konnte nicht schlafen. Die ganze Nacht betete er zu Gott, er möge ihm helfen. Er konnte nicht einmal am Morgen seinen Tee zu sich nehmen. Als er zu dem Ort kam, wo die ganze Sache über die Bühne gehen sollte, hatte sich die ganze Hauptstadt schon eingefunden. Der andere, wohl wissend, daß er gar nichts über das Seillaufen wußte, daß nichts zu machen war, und es fast sicher war, daß er sterben würde, entschloß sich, gut zu schlafen. Er schlief. Am Morgen nahm er seinen gewohnten Tee und ging ganz lässig zu dem bewußten Platz. Der andere war am Zittern, ganz fiebrig, aber er war ruhig und gelassen, wohl wissend, daß ihm der Tod bevorstand – und wenn das sicher ist, warum sich verrückt machen ? Stirb ganz still. Er fing an, auf dem Seil zu gehen, und Wunder über Wunder, er ging ! Niemand konnte es fassen ! Seilartisten waren gekommen, um sich das anzuschauen, und selbst sie konnten es nicht glauben – es wäre sogar für sie schwierig gewesen. Die Distanz war zu groß und die Gefahr war zu groß. Ein falscher Schritt, ein wenig zu sehr nach links gelehnt, oder nach rechts ... und es ist vorbei mit dir; ein kleines Ungleichgewicht, und der Tod wartet bei jedem Schritt. Aber der Mann ging und er ging ganz gemächlich, genau so gelassen, als wenn er einen Morgenspaziergang machen würde. Er erreichte die andere Bergspitze. Der andere Mann zitterte immer noch und schwitzte und rief von seinem Standort aus zu ihm hinüber: Bitte sag mir, wie du das gemacht hast, so daß ich es auch tun kann. Der Mann rief zurück: Schwierig, denn ich weiß nicht wie. Ich weiß nur das eine – so bin ich schon mein ganzes Leben lang gegangen. Ich bin kein Seiltänzer, aber nun weiß ich, ich bin doch einer, denn dies ist die Art und Weise, in der ich mein ganzes Leben lang gelebt habe – ausgeglichen, niemals zum Extrem gehend, oder, wenn ich linkslastig werde, balanciere ich das augenblicklich aus, indem ich mich nach rechts lehne. Ich habe nichts anderes getan. Aber das wird dir nichts helfen, denn das ist nicht etwas, was man plötzlich lernen kann. Wenn du auf diese Weise lebst, dann kommst du auf den Dreh, oder besser noch, dann kommt der Dreh zu dir.
