Taoistische Reflektionen

31.01.2006 um 23:59 Uhr

Tao Te King 9 (4)

von: tao

Ein verstehender Mensch kommt niemals zu irgendwelchen Schlußfolgerungen, er kann es nicht. Wenn das Leben selbst unschlüssig ist, wie kann ein weiser Mensch dann zu einem endgültigen Urteil kommen ? Wenn wir Lao-tse nach irgendeiner schlüssigen Antwort fragen würden, würde er lachen. Er würde sagen: Ihr seid töricht. Er lebt lebensgemäß, und das grundlegendste Merkmal, wenn wir in Entsprechung zum Leben leben, ist Gleichgewicht. Wenn wir ins Extrem gehen und uns an eine Polarität klammern, dann werden wir die Balance verlieren. Einmal geschah es, daß ein großer König eine Entscheidung treffen mußte, die ihm gegen sein Herz ging. Zwei seiner Minister hatten irgendein Verbrechen begangen und er liebte die Minister sehr. Sogar wenn sie das Verbrechen begangen hatten, wollte er ihnen doch vergeben, so sehr mochte er sie, aber das war gegen das Gesetz des Landes und es wäre kein guter Präzedenzfall gewesen. Sie mußten also bestraft werden. Das Gesetz des Landes besagte, daß die einzige Bestrafung für ein solches Verbrechen der Tod sei. Also was tun ? Es war schwierig, aber er fand einen Ausweg. Er sagte: Sie müssen zum Tode verurteilt werden, aber ich werde ihnen doch noch eine Chance zu Überleben geben. Zwischen zwei Hügeln wird ein Seil gespannt werden, und wenn sie auf ihm hinübergehen können und überleben, werde ich ihnen vergeben. Es war fast unmöglich. Es war unmöglich, denn sie waren noch nie auf irgendeinem Seil gegangen, ganz zu schweigen von einem Seil, das zwischen zwei Bergen über ein großes Tal gespannt ist, wo überall der Tod lauert. Auf einem gespannten Seil zu laufen ist eine große Kunst, man muß sie lernen, es ist eine großartige Disziplin, und sie hätten sich nie geträumt, daß sie in ihren Leben einmal Seilläufer werden würden. Der eine der beiden konnte nicht schlafen. Die ganze Nacht betete er zu Gott, er möge ihm helfen. Er konnte nicht einmal am Morgen seinen Tee zu sich nehmen. Als er zu dem Ort kam, wo die ganze Sache über die Bühne gehen sollte, hatte sich die ganze Hauptstadt schon eingefunden. Der andere, wohl wissend, daß er gar nichts über das Seillaufen wußte, daß nichts zu machen war, und es fast sicher war, daß er sterben würde, entschloß sich, gut zu schlafen. Er schlief. Am Morgen nahm er seinen gewohnten Tee und ging ganz lässig zu dem bewußten Platz. Der andere war am Zittern, ganz fiebrig, aber er war ruhig und gelassen, wohl wissend, daß ihm der Tod bevorstand – und wenn das sicher ist, warum sich verrückt machen ? Stirb ganz still. Er fing an, auf dem Seil zu gehen, und Wunder über Wunder, er ging ! Niemand konnte es fassen ! Seilartisten waren gekommen, um sich das anzuschauen, und selbst sie konnten es nicht glauben – es wäre sogar für sie schwierig gewesen. Die Distanz war zu groß und die Gefahr war zu groß. Ein falscher Schritt, ein wenig zu sehr nach links gelehnt, oder nach rechts ... und es ist vorbei mit dir; ein kleines Ungleichgewicht, und der Tod wartet bei jedem Schritt. Aber der Mann ging und er ging ganz gemächlich, genau so gelassen, als wenn er einen Morgenspaziergang machen würde. Er erreichte die andere Bergspitze. Der andere Mann zitterte immer noch und schwitzte und rief von seinem Standort aus zu ihm hinüber: Bitte sag mir, wie du das gemacht hast, so daß ich es auch tun kann. Der Mann rief zurück: Schwierig, denn ich weiß nicht wie. Ich weiß nur das eine – so bin ich schon mein ganzes Leben lang gegangen. Ich bin kein Seiltänzer, aber nun weiß ich, ich bin doch einer, denn dies ist die Art und Weise, in der ich mein ganzes Leben lang gelebt habe – ausgeglichen, niemals zum Extrem gehend, oder, wenn ich linkslastig werde, balanciere ich das augenblicklich aus, indem ich mich nach rechts lehne. Ich habe nichts anderes getan. Aber das wird dir nichts helfen, denn das ist nicht etwas, was man plötzlich lernen kann. Wenn du auf diese Weise lebst, dann kommst du auf den Dreh, oder besser noch, dann kommt der Dreh zu dir.

30.01.2006 um 13:19 Uhr

Goldene Blüte 5 (2)

von: tao

Wenn wir arm sind, können wir darauf hoffen, eines Tages reich zu sein, und dann wird Freude herrschen und es wird gefeiert werden; aber wenn wir die äußeren Reichtümer erreicht haben, verschwindet plötzlich die Hoffnung und eine große Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Wir sind von einer Verzweiflung umgeben: Nun gibt es keine Hoffnung und keine Zukunft mehr; nun ist die letzte Hoffnung entschwunden. Wir hatten mit dem Gedanken gelebt: "Eines Tages werde ich reich sein und dann wird alles in Ordnung sein." Nun sind wir reich und nichts hat sich verändert; das innere Unglück ist noch da, wie schon immer.

Tatsächlich können wir wegen der äußeren Reichtümer, im Kontrast zu dem äußerlichen Reichtum, unsere innere Armut klarer, genauer und eindringlicher sehen. Das äußere Reichsein sorgt nur für den Hintergrund, vor dem wir das innere Armsein fühlen. Äußere Besitztümer machen uns auf das innere Leersein aufmerksam. Daher ist es nicht erstaunlich, daß reiche Länder religiös sind. Indien war religiös, als Indien reich war, in den Tagen von Buddha und Mahavir. Indien war reich; wegen diesem Wohlstand war sich Indien der inneren Armut bewußt. Und wenn man sich seiner inneren Armut bewußt wird, dann beginnt man sich auf die Suche nach innen zu begeben. Wenn uns bewußt wird, daß kein äußeres Ding das innere Sehnen erfüllen kann, daß alles, was äußerlich ist, auch außen bleibt, daß wir es nicht nach innen nehmen können, wenn dies zu einer absoluten Gewißheit wird, dann beginnt eine neue Suche, ein neues Abenteuer. Dieses Abenteuer ist Religion.

Indien heute kann nicht religiös sein. Indien ist eines der ärmsten Länder in der Welt – wie kann es da religiös sein ? Es kann es sich nicht leisten, religiös zu sein. Religion ist die höchste Art des Luxus, das äußerste an Luxus. Es ist die ultimative Musik, die ultimative Poesie, der ultimative Tanz. Es ist das äußerste Trunkensein mit der Existenz an sich. Hungrig und durstig können wir nicht danach suchen. Wenn ein Mensch hungrig ist, braucht er Brot, er braucht keine Meditation. Wenn ein Mensch krank ist, braucht er Medizin, nicht Meditation. Nur ein gesunder Mensch kann darauf aufmerksam werden, daß etwas fehlt, was durch Meditation erfüllt werden kann und von nichts sonst.

Inder sind im allgemeinen nicht an Meditation interessiert. Ihr Interesse gilt materiellen Dingen, ihre ganze Besessenheit gilt der Materie. Natürlich reden sie über Spiritualität, aber das ist bloßes Gerede, ein Überbleibsel aus der Vergangenheit. Es gibt ihnen ein gutes Gefühl: Wenigstens sind sie spirituell. Wenn es ihnen schon an materiellen Dingen fehlt, dann können sie wenigstens mit ihrer Spiritualität angeben.

Aber Spiritualität ist eine höhere Stufe als Materialismus: Materialismus funktioniert als ein Springbrett.

29.01.2006 um 21:33 Uhr

Quellender Urgrund 1/9 (8)

von: tao

Lao-tse sagt seinen Schülern: Wenn ihr lange leben wollt, werdet nutzlos. Aber dabei gilt es zu bedenken, daß seine Verwendung des Wortes "nutzlos" folgendes bedeutet: Werde kein Gebrauchsgegenstand, werde nicht zu einem Ding. Wenn wir ein Ding werden, werden wir am Markt verkauft und gekauft werden, und wir werden ein Sklave werden. Wenn wir kein Ding sind, wer kann uns dann kaufen und wer kann uns verkaufen ?

Bleiben wir eine Kreation der Existenz. Wenn wir nicht zu einem menschlichen Gebrauchsgegenstand werden, dann wird uns niemand benutzen können. Und wenn uns niemand benutzen kann, werden wir ein schönes Leben für uns selbst haben, unabhängig, frei und fröhlich. Wenn uns niemand verwenden kann, kann uns niemand zu einem Mittel reduzieren. Wer werden niemals beleidigt werden, denn in diesem Leben gibt es keine größere Beleidigung als ein Mittel zum Zweck zu werden: Der eine oder die andere wird uns benutzen – unseren Körper, unser Denken, unser Wesen.

Lao-tse sagt: Werde eine Nichtwesenheit, so daß dich niemand anschaut und du dein Leben so leben kannst, wie du es leben willst. Dann kommt niemand, um sich bei dir einzumischen.

Es ereignete sich, daß Lao-tses Schüler, Dschuang Dsi, sehr berühmt wurde und der Kaiser seine Minister losschickte, um Dschuang Dsi die Einladung zu überbringen, sein Premierminister zu werden. Lao tse war sehr ärgerlich. Er sagte: "Du mußt etwas falsch gemacht haben, warum sonst sollte der Kaiser sich für dich interessieren ? Du mußt den Eindruck erweckt haben, daß du von einigem Nutzen seist. Du mußt meine Lehre verfehlt haben, wie hätte es sonst dazu kommen können, daß der Herrscher an dir interessiert ist ? Nun wirst du niemals mehr deine Ruhe haben."

Sei eine Unwesenheit, so kommt niemand auch nur auf den Gedanken, daß du von irgendeinem Nutzen sein könntest. Es gibt eine Nutzlosigkeit, die von gewaltigem Nutzen ist. Lao-tse nennt sie "den Nutzen der Nutzlosigkeit". Aber sicherlich liegt kein Wert in ihr, zumindest kein Marktwert. Normalerweise wollen wir von einem gewissen Wert sein, wir wollen wertvoll werden – ein Doktor, ein Ingenieur, ein Maler, ein Poet, ein Mahatma – wir wollen jemand werden, der so wertvoll ist, daß er für die Welt unersetzlich ist. Wir fühlen uns sehr glücklich, wenn Leute kommen und uns sagen: "Wenn du nicht mehr sein wirst, werden wir dich niemals ersetzen können." Wir fühlen uns ungeheuer glücklich, aber was sagen sie damit eigentlich ? Sie sagen damit: "Du bist ein Ding, das wir benutzen." Je unersetzlicher wir werden, desto mehr sind wir darauf reduziert, ein Ding zu sein, desto mehr ist unsere Freiheit verlorengegangen.

28.01.2006 um 00:00 Uhr

Tao 104

von: tao

Wenn wir über richtig oder falsch nachdenken, dann nur deswegen, weil wir die Angewohnheit haben, alles in zwei entgegengesetzte Faktoren auseinanderzubrechen. Es kommt uns niemals in den Sinn, daß es eine Verbindung gibt zwischen den Gegensätzen. Es ist diese Verbindung, von der Lao-tse spricht. Man könnte sagen: Die Gegensätzlichkeit der Gegenteile ist nur oberflächlich.

Lao-tse sagt: "Bringe die Lebensenergie aus dem Kopf hinunter zum Nabelzentrum. Sobald wie sie das Nabelzentrum erreicht, wird sie eins mit der Existenz." Yoga sagt: "Erhöhe die Lebensenergie über das Sexzentrum hinaus. Ziehe sie aus dem Muladhar und bringe sie hoch bis in den Kopf (das sahasrar). Sobald wie sie das Sahasrar erreicht, verschmilzt sie mit der ungeheuer weiten Existenz."

Dies sind zwei Extreme. Es ist möglich, den Sprung von beiden Richtungen her zu unternehmen. Wir können jedoch nicht vom Mittelpunkt aus springen. Es gibt also die zwei Punkte, von denen aus wir abheben können: Einmal vom Kopf zum Nabel oder zum anderen von dem Sexzentrum in den Kopf.

An einem Punkt stimmen Yoga und Lao-tse überein: Die Lebensenergie sollte nicht im Intellekt bleiben. Sie sollte nur den Intellekt benutzen als ein Mittel um entweder den Nabel zu erreichen oder um ins Sahasrar zu kommen. Also führt ein Sprung, von welchem der beiden äußersten Ausgangspunkte auch immer, zum gleichen Ziel.

Wir sehen eine Diskrepanz in allen Dingen, weil wir dabei versagen, die zugrundeliegende Gemeinsamkeit in all dem zu sehen, was uns konträr erscheint. Wenn wir wollen, daß Wasser nicht Wasser bleibt, können wir es entweder auf eine Temperatur unter O° abkühlen, so daß das Wasser sich in Eis verändert; oder wir können die Temperatur auf 100° erhöhen, so daß das Wasser sich in Dampf verwandelt. In beiden Fällen wird es kein Wasser mehr sein. In beiden Fällen werden wir die Veränderung bewirken können: Wasser wird kein Wasser mehr sein, aber es wird etwas anderes sein. In genau der gleichen Art und Weise wird der Sprung möglich, ob die Lebensenergie nun zum ersten Zentrum oder zum letzten Zentrum kommt.

Es gibt eine weitere Tatsache, die für uns schwierig zu verstehen ist: Die Energie bewegt sich in einem Kreis. Keine Kraft auf der Erde bewegt sich anders als in einer kreisförmigen Richtung. Tatsächlich ist die Bewegung von Energie immer kreisförmig. Und wenn wir uns in einem Kreis bewegen, stellen wir fest, daß der Endpunkt wieder der Ausgangspunkt ist. Nur dann kann der Kreis komplett sein. Deswegen erreichen wir den gleichen Punkt, ob wir vom Nabel oder vom Scheitelzentrum, dem sahasrar, aus springen. Der Kreis beginnt am Nabel und ist im sahasrar vollendet. Ein Mensch, ob er von da oder von dort springt, geht über den Kreis hinaus.

27.01.2006 um 14:25 Uhr

Tao Te King 10 (8)

von: tao

Jedes Kind muß aus seinem ziellosen Leben herausgezogen werden und dazu gebracht werden, ein Leben mit Zielen und Ambitionen zu betreten. All unsere Erziehungsmethoden tendieren in diese Richtung. Dies ist notwendig, das muß anerkannt werden; es ist eine Lebensnotwendigkeit. Wenn das Kind nicht da hineingezogen wird, kann es nicht ein Teil der Gesellschaft werden, in der es lebt. Vielleicht wird es dann schwierig für es werden, die verschiedenen Dinge zu überleben, denen es sich im Leben zu stellen hat. Es wird versagen im Kampf um das Überleben der Fähigsten, welches ein unausweichliches Lebensgesetz ist.

Jesus sagte zu seinen Schülern: "Warum sorgt ihr euch um euer tägliches Brot ? Seht die Blumen, schaut euch die Vögel an. Sie sind mittellos und sie sorgen sich nicht; und doch, sie werden gefüttert. Seht die Lilien auf dem Feld ! Sogar König Salomon in seinen majestätischen Roben kann ihnen in keiner Weise nahekommen, was Schönheit und Majestät betrifft. Sie verweben keine Fäden für ihre Kleider und sie bauen keine Baumwolle an; und obwohl sie nackt sind, sind sie unerreicht in ihrer Schönheit." Jesus sagt exakt das, was vor ihm Lao-tse sagte; und er hat Recht.

Und doch, wir sind hilflos ! Den Menschen kann man nicht so allein stehen lassen wie die Lilien auf dem Feld. Und er kann sich auch keine Körner zusammensammeln wie die Vögel. Der Mensch hat seine Beziehung zur Tierwelt abgeschnitten. Er hat die Eigenverantwortung auf sich genommen und deswegen muß er die Welt des Kampfes betreten. Obwohl es wahr ist, daß das Leben kein Ziel hat, müssen wir jedem Menschen die Ziele des Lebens lehren. Dies ist eine Unwahrheit, die notwendig ist, um zu überleben – ein notwendiges Übel.

Aber es ist möglich, aus diesem notwendigen Übel herauszukommen. Wenn ein Mensch dieses Übel transzendiert, stellt er fest, daß sein Leben sich auf eine sehr tiefgründige Weise bereichert hat. Noch einmal ein Kind zu werden, bedeutet, das Leben zu bereichern und es mit Überfluß zu füllen. Dann wird diese ganze sinnlose Hetze, dieses rücksichtslose Aufstiegsstreben und die ganze Prestigesucht zu einem bloßen Schauspiel, zu einem Bühnendrama.

Tief in uns wissen wir, daß das Leben kein Ziel hat; jeder Moment des Lebens ist in sich selbst ein Ziel. Wo wir sind, was wir sind – das ist die eigentliche Erfüllung und Vollkommenheit des Lebens. Wir sollten nicht für das Morgen leben, denn dann versäumen wir es, heute zu leben; und der Moment, der verloren ist, kehrt niemals wieder. Und außerdem, wer sich das angewöhnt hat, die Gegenwart zu verpassen, der versäumt auch seine Zukunft; denn wenn das Morgen zum Heute wird, verliert es seinen Charme.

26.01.2006 um 22:54 Uhr

Tao Te King 10 (7)

von: tao

Je erhabener das Ziel, desto großartiger das Ego; je geringer das Ziel, desto kleiner das Ego. Mit einem höheren Ziel ist ein umso größerer Bogen gemeint, den der betreffende Mensch um die Leute herum macht. Ein hehres Ziel bedeutet auch ein konkurrenzloses Ziel. Wenn wir auf der Suche nach Reichtum sind, wird es jede Menge Konkurrenz geben, denn viele andere sind auf der Suche nach Gold. Wenn wir den Dienst am Nächsten suchen, werden wir auf sehr wenig Wettbewerb stoßen, denn sehr wenige suchen den Dienst für den Mitmenschen. Wenn wir auf der Suche nach Prestige für uns selbst sind, werden wir mit harter Konkurrenz konfrontiert werden, denn jeder Mensch sucht für sich selbst Respekt und Ehre. Aber wenn wir auf der Suche nach Ehre für unser Land, unsere Religion, unseren Stand sind, wird es weniger Wettbewerb geben. Wir treffen vielleicht auf Konkurrenz von anderen Ländern, aber niemals innerhalb unseres eigenen.

Wir erschaffen unser Ego sehr leicht. Und je großartiger das Ziel ist, desto leichter ist es für das Ego, sich zu etablieren. Das Ego spricht immer in der Sprache von Ziel und Zweck. Dies ist der Grund, warum wir jedem Kind die Sprache des Ego lehren. Kinder sind grundlos; es gibt keinen Zweck für ihre Handlung. Wenn ein Kind spielt und wir es fragen, warum es spielt, wird ihm unsere Frage eigenartig erscheinen. Es wird nicht die Warums und Weswegens der Erwachsenen verstehen. Für das Kind ist das Spiel genug. Wenn wir spielen, ist ein Teil unserer Aufmerksamkeit immer auf den Grund gerichtet, der hinter dem Spiel liegt. Für ein Kind ist sein Spiel sich selbst genügend, und zwar so sehr, daß es auf nichts außerhalb des Spiels abzielt. Die Freude am Spiel liegt in dem Spielen selbst. Das Kind erwartet nicht, etwas aus seinem Spiel herauszubekommen. Allein schon die Handlung des Spielens ist die ganze Freude, die es daraus ableitet. Die Mittel und die Methoden sind nicht getrennt; sie sind ein und dasselbe.

Aber solch ein Kind ist nicht tauglich für die Konfrontation mit den Kämpfen des Lebens. Also entfernen wir es aus seiner Welt des Spiels und machen es mit Ehrgeiz und Leistung bekannt. Wir werden es erziehen müssen, so daß es sich in der Zukunft einen Job sichern kann, damit es Wohlstand anhäufen kann. Wir werden sein Leben nach diesen Richtlinien ausrichten müssen: Wo das Ziel immer in der Zukunft liegt und es um Arbeit geht, um Arbeit und nur um Arbeit. Das Ziel ist immer in der Zukunft und die Anstrengung immer in der Gegenwart. Das Kind wird Mathematik lernen, aber es wird nicht sagen, daß es lernt, weil es Spaß dabei hat. Es weiß, es unterzieht sich dem Streß und der Langeweile des Lernens, damit es vielleicht später dann einen Nutzen daraus ziehen wird. Es besteht die Prüfungen und ist dann bereit, sich den Kämpfen des Lebens zu stellen.

25.01.2006 um 14:42 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (5)

von: tao

Wie kann der Teil gehen, bevor das Ganze geht ?

Erklären bedeutet, daß wir das transzendieren müssen,

was wir gerade zu erklären versuchen –

wir müssen damit anfangen, bevor es existierte,

wir dürfen erst dann aufhören, wenn es aufgehört hat, zu existieren.

Wir müssen darum herumgehen, so daß wir es definieren können,

und wir müssen es auseinandernehmen, so können wir das Herz erreichen.

Ein Chirurg kann die Erklärung finden,

aber nicht für das Leben, sondern für einen toten Körper.

Alle medizinischen Definitionen des Lebens sind töricht,

denn der Chirurg seziert, und wenn er dann eine Schlußfolgerung trifft,

ist das Leben nicht mehr da, es ist nur ein Leichnam.

Alle Erklärungen sind post mortem, das Leben ist nicht mehr da.

Nun sind sogar die Wissenschaftler auf das Phänomen aufmerksam geworden,

daß, wenn sie menschliches Blut untersuchen,

das Blut nicht das selbe sein kann,

das es war, als es sich noch in den Venen der lebenden Person bewegte.

Damals war es lebendig, es hatte eine andere Qualität;

nun, wenn es im Reagenzglas ist, ist es tot.

Es ist nicht dasselbe Blut,

denn die grundlegende Eigenschaft – Leben – ist nicht mehr in ihm.

Aber alle Erklärungen sind von dieser Art.

Eine Blüte auf einem Baum ist anders,

solange das Leben, die Gestalt des Lebens, in ihr fließt.

Wenn wir sie vom Baum abschneiden, sie ins Laboratorium bringen und sie untersuchen,

ist sie eine andere Blüte.

Wir sollten uns nicht von der äußeren Erscheinungsform täuschen lassen.

Nun fließt kein Leben mehr in ihr.

Wir mögen zur Feststellung der chemischen Zusammensetzung der Blüte kommen,

aber das ist nicht die Erklärung.

24.01.2006 um 14:50 Uhr

Ko Hsuan 3/11

von: tao

Der Tänzer wird einige Dinge kennenlernen, die die Person, die still dasitzt, niemals kennenlernen wird. Sie wird den höchsten Gipfel erreichen, aber sie wird ein paar Dinge nicht kennenlernen, die auf dem Weg des Tanzens sich ereignen. Und das gleiche gilt für den Tänzer: Er wird ein paar Dinge nicht kennenlernen, die nur auf dem Weg des Stillseins geschehen.

Der taoistische Standpunkt ist folgender: Warum irgendeine Bereicherung auslassen, die möglich ist. Warum nicht multidimensional sein ? Warum nicht Tao auf so vielen Wegen wie nur möglich erfahren, so daß wir all die Aspekte von Tao kennenlernen ? Und gerade in diesem Kennenlernen werden wir erkennen, daß all die Religionen unnötigerweise gegeneinander argumentieren. Ihre Argumente sind absolut bedeutungslos – sie reden ja über den gleichen Gott. Aber weil sie verschiedene Aspekte kennen gelernt haben, bestehen sie auf ihrem eigenen Aspekt: "Dies ist die Wahrheit". Und die anderen sagen, daß genau das Gegenteil die Wahrheit sei.

Wenn wir einen Buddhisten fragten: "Kann einer durch Tanzen erleuchtet werden ?", würde er sofort sagen: "Nein", und sein "Nein" würde kategorisch sein. Er würde sagen: "Es ist unmöglich, denn wenn man durch Tanzen zur Erkenntnis kommen kann, warum saß dann Buddha jahrelang ? War er ein Narr ? Er würde getanzt haben !"

Wenn wir einen tanzenden Derwisch fragten, einen Nachfolger von Jalaluddin Rumi: "Kann man Gott finden, bloß indem man still dasitzt und nichts tut ?", würde er sagen: "Nein: Unmöglich – absolut nein. Warum hätte wohl Jalaluddin wohl sonst getanzt ? Warum hätte er sonst so hart gearbeitet und tagein, tagaus, getanzt ?"

Als das letztendliche Erblühen geschah, hatte er gerade sechsunddreißig Stunden ununterbrochen getanzt und hatte sich herumgewirbelt. Genau wie Buddha sieben Tage lang kontinuierlich gesessen war, ohne sich zu bewegen, ohne auch nur seine Augenlider zu bewegen, so hatte Jalaluddin getanzt, ohne auch nur einen einzigen Moment innezuhalten, ohne auch nur für einen einzigen Moment auszuruhen – ein verrückter Tanz, ein Wirbelsturm 36 Stunden lang, bis er auf den Boden fiel. Aber als er dann seine Augen öffnete, war der alte Mensch verschwunden, der neue Mensch war geboren. Der neue Mensch war schon da; er war eine total neue Person.

Der Sufi wird dem nicht zustimmen, daß man es finden kann, bloß indem man sitzt.

Aber die Taoisten sagen, daß man es auf beiderlei Weise finden kann: Sie haben es durch Bewegung gefunden und sie haben es durch Stillsein gefunden.

23.01.2006 um 14:15 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (13)

von: tao

Die Hindus kennen vier Menschentypen:

Den shudra, den Arbeiter,

den kshatriya, den Kämpfer,

dann den Managertypen, den Geschäftsmann, den Kaufmann,

und schließlich den brahmin.

Dieser Typus lebt immer in Worten, in den Schriften.

Im Deutschen ist wohl der Schriftgelehrte die Bezeichnung,

die dem brahmin entspricht,

aber der Name ist nicht wichtig,

der Brahmane existiert überall.

Unsere Wissenschaftler, unsere Professoren,

die Universitäten sind voll davon.

Sie arbeiten immerzu mit Worten und Symbolen,

sie kreieren Theorien, verteidigen sie oder argumentieren dagegen.

Das tun sie laufend

manchmal im Namen der Wissenschaft,

manchmal im Namen der Religion,

manchmal im Namen der Literatur.

Die Namen ändern sich, aber der Schriftgelehrte macht weiter.

Weil es diese vier Menschentypen gibt,

können wir keine klassenlose Gesellschaft errichten.

Diese vier werden überdauern,

und das Endergebnis wird das gleiche sein.

Fragmente können sich ändern.

Am Morgen können wir das eine tun,

am Abend etwas anderes,

aber der Tag als Ganzes wird der gleiche bleiben.

22.01.2006 um 22:55 Uhr

Tao 103

von: tao

Wenn wir unser ganzes Leben lang immer nur Ja gesagt haben, dann muß das falsch gewesen sein, es muß verlogen gewesen sein. Wir müssen uns dazu gezwungen haben, Ja zu sagen, wir müssen unser Nein kontinuierlich unterdrückt haben. Wird es erst einmal ausgedrückt, werden wir frei davon sein, und dann wird das wirkliche Ja kommen. Das Ja, das wir bis dato gekannt haben, war nicht real, es war pseudo. Wir haben dieses Ja kultiviert. Es war bloß oberflächlich. Unter der Oberfläche hat das Nein in uns immer schon existiert. Aber so sind wir aufgezogen worden, so sind wir konditioniert worden. Auf diese Weise sind die Leute durch und durch falsch und heuchlerisch geworden – gespalten: Ihr Gesicht sagt das eine, ihr Sein sagt genau das Entgegengesetzte. Auf diese Weise ist die ganze Menschheit in eine Art von Schizophrenie gebracht worden. Ja und Nein sind beide absolut notwendig, sind Teil des inneren Rhythmus. Der Mensch, der nicht Nein sagen kann, kann auch nicht Ja sagen; und wenn er Ja sagt, wird sein Ja impotent sein. Nur der Mensch, der vital "Nein" sagen kann, kann auch vital "Ja" sagen. Das hängt von einander ab – genau wie Leben und Tod auf einander angewiesen sind, genau wie Dunkelheit und Licht voneinander abhängig sind, genau wie Liebe und Haß auf einander beruhen. Dies ist die intrinsische Polarität des Lebens. In einer besseren Welt, mit mehr Freiheit, mit mehr Verständnis, wird einem Kind nicht beigebracht werden, Ja zu sagen, wenn es sich nach Nein-Sagen fühlt. Ihm wird Courage gelehrt werden. Immer wenn es sich danach fühlt, Nein zu sagen, muß es Nein sagen, und dann wird sein Ja bedeutungsvoll sein. Einem Kind wird keine religiöse Erziehung mehr erleiden müssen, ihm wird keine Religion mehr beigebracht werden, denn Religion ist Ja-Sagen. Es wird nicht dazu gezwungen werden, ein Theist zu werden – Hindu, Christ, Mohammedaner. Es wird von den Eltern, von der Schule, von der Universität, ermutigt werden, ehrlich zu sein, aufrichtig zu sein und darauf zu warten, daß das wirkliche Ja ganz von selbst kommt. Die Welt ist so falsch geworden – ist das nicht offensichtlich ? Von woher entsteht diese Falschheit ? Millionen Leute gehen in die Kirchen, in die Tempel, in die Moscheen, in die gurudwaras, und kein einziger Mensch ist religiös. Was ist das für eine Neurose ? Sie gehen bloß als Formalität, sie gehen hin, weil ihnen beigebracht worden ist, da hinzugehen, sie gehen hin, weil sie der Angewohnheit verfallen sind, dort hinzugehen. Es ist bloß eine Gewohnheit. Wenn sie nicht hingehen, fühlen sie sich schuldig, wenn sie nicht hingehen, haben sie das Gefühl, als ob sie ihre Eltern oder ihre Gemeinde betrogen hätten. Wenn sie hingehen, haben sie keine Freude daran, sie schleppen sich einfach so hinein. Dann warten sie dort einfach, bis das Ritual zu Ende ist und das Gebet beendet ist, so daß sie wieder aus dem Tempel oder aus der Kirche entkommen können. Das ist religiöser Schwindel. Und der Grund dafür ist, daß ihnen niemals erlaubt worden war, Nein zu sagen.

21.01.2006 um 20:54 Uhr

Goldene Blüte 3/10 (5)

von: tao

Das Denken ist wie eine verkehrsreiche Straße: Ein Wagen fährt vorbei, dann kommt ein anderes Auto vorbei, und wir sind so mit den Autos beschäftigt, daß wir die Lücke nicht sehen, die immer zwischen den beiden Autos existiert. Sonst würden sie ja zusammenstoßen. Sie kollidieren nicht; irgendetwas ist da zwischen ihnen, daß sie voneinander getrennt hält. Unsere Gedanken kollidieren nicht, sie überfahren sich nicht gegenseitig, sie fahren nicht ineinander rein. Sie überlappen sich nicht einmal auf irgendeine Weise. Jeder Gedanke hat seine eigene Grenze, jeder Gedanke ist bestimmbar. Aber die Prozession der Gedanken ist so schnell, so geschwind, daß wir die Lücke nicht sehen können, bevor wir nicht wirklich darauf warten und danach suchen.

Kontemplation bedeutet den Fokus der Wahrnehmung zu verändern. Gewöhnlich schauen wir auf die Gedanken: Ein Gedanke, ein anderer Gedanke, ein weiterer Gedanke. Wenn wir die Sichtweise ändern, dann sehen wir: Ein Intervall, ein weiterer Zwischenraum, noch eine Lücke. Unsere Betonung liegt nicht länger auf den Gedanken, sondern auf dem Zwischenraum.

Wenn wir zum Beispiel mit anderen Menschen zusammensitzen, können wir die anderen auf zweierlei Weise ansehen: Entweder eine Person, noch eine Person, eine weitere Person – oder wir können auf die Personen vergessen und wir können die Lücken zwischen den Personen zählen, wieviele Zwischenräume da sind. Dies ist ein Gestaltwechsel, ein Änderung der Sichtweise. Wenn wir die Zwischenräume zählen, werden wir überrascht sein: Die Personen werden vag, unbestimmt, verschwommen, wir sehen sie nicht mehr klar, denn wir schauen ja in die Lücken hinein, wir zählen die Zwischenräume. Wenn wir eines Tages am Rande einer Straßenseite stehen und einfach zählen, wieviele Lücken vorbeiziehen, werden wir überrascht sein, daß wir nicht die Farben der Autos sehen, daß wir nicht die Marke, den Typ des Autos sehen, daß wir nicht die Fahrer sehen und auch nicht die Mitfahrer in den Autos, aber wir sehen die Zwischenräume. Die eine Lücke ist vorbei, ein weiterer Zwischenraum zieht vorbei – wir zählen immer nur die Lücken. Unsere Wahrnehmung ist nun anders. Kontemplation ist ein Gestaltwechsel: Nicht von einem Gedanken zu einem anderen Gedanken zu springen, sondern von einem Zwischenraum zu dem anderen Zwischenraum zu springen. Ganz allmählich werden wir uns dieser Lücken ganz genau bewußt. Und das ist eines der größten Geheimnisse des Lebens, denn es geschieht durch diese Lücken, daß wir in unser eigenes Wesen, in unser eigenes Zentrum fallen werden.

"Meister Lü sagte:

Nichts ist möglich ohne Kontemplation."

20.01.2006 um 15:52 Uhr

Tao 102

von: tao

Das Ego existiert aufgrund von Unglücklichsein – je mehr Trübsal, desto mehr Nahrung für das Ego. In glückseligen Momenten verschwindet das Ego total, und umgekehrt: Wenn das Ego verschwindet, beginnt Glückseligkeit auf dich herabzuregnen. Wenn wir das Ego wollen, dann können wir nicht vergeben, wir können nicht vergessen – speziell die Verletzungen, die Wunden, die Beleidigungen, die Erniedrigungen, die Alpträume. Nicht nur, daß wir nicht vergessen können, wir werden all das auch noch immer weiter übertreiben, wir werden immer darauf herumreiten. Wir werden die Tendenz entwickeln, all das zu vergessen, was schön in unserem Leben gewesen ist, an die freudigen Momente werden wir uns nicht mehr erinnern; sie sind nutzlos, so weit, wie es das Ego betrifft. Freude ist wie Gift für das Ego, und Leid ist wie ein Vitaminstoß.

Es ist nötig, den ganzen Mechanismus des Ego zu verstehen. Wenn wir schon mal zu vergeben versuchen, dann ist das nicht wirkliche Vergebung. Mit Anstrengung werden wir nur unterdrücken. Wir können nur vergeben, wenn wir die Stupidität des ganzen Spiels verstehen, das da in unserem Denken abläuft. Die totale Absurdität von all dem muß gründlich durchschaut werden, ansonsten werden wir es auf der einen Seite unterdrücken und es wird von einer anderen Seite her wieder zu kommen beginnen. Wir werden es in der einen Form unterdrücken; es wird in einer anderen Form wieder zum Ausdruck kommen – manchmal so subtil, daß es fast unmöglich ist, es wiederzuerkennen, daß es die gleiche alte Struktur ist, so renoviert, neu möbliert, umdekoriert, daß es fast neu ausschaut.

Das Ego lebt vom Negativen, denn das Ego ist grundsätzlich ein negatives Phänomen; es existiert aufgrund des Nein-Sagens. Nein ist die Seele des Ego. Und wie können wir Nein zum Glück sagen ? Wir können Nein zum Unglück sagen, wir können Nein zur Agonie des Lebens sagen. Wie können wir Nein zu den Blumen sagen, zu den Sternen und Sonnenuntergängen und zu all dem, was schön und göttlich ist ? Und die ganze Existenz ist voll davon – sie ist voll von Rosen – aber wir stechen uns laufend an den Dornen; wir haben sehr viel in diese Dornen investiert. Auf der einen Seite sagen wir immer: "Nein, ich möchte dieses Unglücklichsein nicht," und auf der anderen Seite klammern wir uns weiterhin daran. Und seit Jahrhunderten ist uns schon gesagt worden, daß wir vergeben müssen. Aber das Ego kann durch das Vergeben leben, es kann sogar allmählich eine neue Nahrung bekommen durch die Idee: "Ich habe vergeben. Ich habe sogar meinen Feinden vergeben. Ich bin kein gewöhnlicher Mensch." Und, das ist wichtig, einer der Grundsätze des Lebens ist, daß der gewöhnliche Mensch jemand ist, der denkt, daß er es nicht ist; der Durchschnittsmensch ist einer, der denkt, daß er es nicht ist.

19.01.2006 um 00:13 Uhr

Tao Te King 9 (3)

von: tao

"Spanne einen Bogen bis zum Äußersten,

und du wirst wünschen, du hättest rechtzeitig halt gemacht.

Härte ein Schwert, bis es extrem scharf ist.

Und die scharfe Schneide wird nicht lange halten.

Wenn Gold und Jade deine Halle füllen,

wirst du nicht fähig sein, all dies sicher aufzubewahren.

Stolz zu sein auf Wohlstand und Prestige

heißt, die Saat des eigenen Absturzes säen.

Zieh dich zurück, wenn dein Werk getan ist.

So ist der Weg des Himmels."

Die Logik geht bis zum äußersten Extrem – das Leben nie.

Auf diese Weise verpaßt die Logik das Leben.

Die Logik hat eine Tendenz, zu einer Konklusion zu kommen –

das Leben zieht niemals Schlüsse.

Das Leben hat keine Schlußfolgerung.

Es geht immer weiter ohne jeden Schluß:

Es ist ohne jeden Beginn und ohne jedes Ende,

es ist immer in der Mitte, es ist immer in der Gegenwart,

es ist ein laufender Prozeß.

So stirbt ein logisches Denken nach und nach ab;

so wird Logik zu seinem eigenen Niedergang.

Ziehe keine Schlüsse. Lebe ohne Schlußfolgerung.

Das ist der einzige Weg zu leben

denn nur dann lebst du in der Mitte

und die Mitte ist die Balance.

Das Leben ist eine Balance zwischen Gegensätzen, es kommt niemals zu einem Ende.

Das Gleichgewicht geht immer weiter, es ist ewig.

18.01.2006 um 16:01 Uhr

Quellender Urgrund 8/15 (2)

von: tao

Nehmen wir ein kleines Haiku von Basho, dem größten Meister der Haikus. Es ist ein sehr kleines Haiku, nur wenige Worte.

" Der uralte Teich..."

Ein Haiku muß visualisiert werden. Es ist ein Bildgedicht. Nur in der Visualisation wird man es verstehen.

"Der uralte Teich

Ein Frosch hüpft rein

Platsch."

Aus, fertig, Schluß. Wir können es visualisieren, wir können es mit unserem innersten Auge verbildlichen – den uralten Teich mit Moos auf den Felsen. Wir können sie fast berühren. Wir können ihre Struktur fühlen. Es ist ein ganz alter Tümpel. Trockene Blätter schwimmen auf seiner Oberfläche, trockene Blätter liegen am Ufer. Alte Kiefern stehen auf ihrem Posten. Wir können sie uns vorstellen. Wir können den Geruch der Kiefern riechen, den Duft, die Kühle. Vielleicht noch die Morgensonne... Und der Frosch. Wir können den Frosch quietschlebendig vor uns sehen. Der Frosch springt hinein. Im Japanischen würde die wörtliche Übersetzung sein: Ein Frosch-Hinein-Hüpfen – nicht springt hinein. Ein Frosch-Hinein-Springen. Der Frosch und der Sprung sind nicht zwei Dinge, wir können den Frosch nicht von seinem Hüpfer trennen. Er ist der Sprung. Im Hüpfen ist er. Im Japanischen und im Chinesischen ist die Sprache viel tiefgründiger als andere Sprachen. Aber um es korrekt zu formulieren, in richtigem Deutsch, wird man sagen: "Ein Frosch hüpft hinein" – als ob er etwas tun würde. Hineinzuspringen heißt für den Frosch nicht, irgendetwas zu tun, es ist keine Handlung. Es geschieht spontan.

"Ein Frosch-Hinein-Hüpfen

Platsch."

Der Ton, die Wellen auf der Oberfläche des alten Sees – und das Schweigen. Wenn wir nun dieses kleine Gedicht sezieren – es besteht nur aus zehn Silben – was werden wir dann bekommen ? Wir werden ein paar Worte kriegen. Dann zerteilen wir die Wörter und wir kriegen das Alphabet – linguistische Elemente. Alle Bedeutung ist verloren. Es ist, als wenn wir losziehen und ein schönes Gemälde sehen und wir zerlegen es in seine Farben. Das Gemälde ist verlorengegangen. Oder wenn wir eine schöne Lotusblüte geschenkt bekommen und sie dann in ihre chemischen Bestandteile auflösen, dann ist der Lotus verlorengegangen.

Auf diese Weise hat die Wissenschaft jeglichen Sinn im Leben zerstört.

17.01.2006 um 14:02 Uhr

Südliches Blütenland 27/20 (4)

von: tao

Liebe geschieht – man sollte mit ihr gehen.

Wo sie dann hinführt, das ist nicht der Punkt. Es geht nicht um das Ziel.

Allein die Bewegung unseres Bewußtseins in Liebe ist eine Offenbarung.

Der andere ist nicht der Punkt, es geht nicht um die Geliebte oder den Geliebten.

Der springende Punkt ist, daß wir lieben können, daß es sich für uns ereignen konnte,

daß unser Wesen sich vertrauensvoll öffnen konnte,

ohne irgendeinen Zweifel, ohne irgendein Fragezeichen.

Allein schon dieses sich Öffnen ist eine Erfüllung.

Aber das Denken wird sagen: Warte, laß mich erst darüber nachdenken und dann erst entscheiden,

man sollte keinen Schritt voreilig unternehmen.

Dann können wir warten und warten.

Auf diese Weise haben wir schon immer das Leben versäumt.

In jedem Moment klopft das Leben an unsere Türe, aber wir denken noch darüber nach.

Wir sagen zum Leben:

Warte, ich werde dir schon die Türe öffnen, aber zuerst muß ich zu einer Entscheidung kommen.

Soweit kommt es aber nicht. Die Entscheidung wird niemals gefällt.

Das ganze Leben wird kommen und wieder gehen,

und wir werden uns einfach dahinschleppen, weder lebendig noch tot.

Leben und Tod sind beide gut, denn der Tod hat sein eigenes Leben.

Was ist also vorrangig ?

Es ist wichtig, dem Denken keine Einmischung zu erlauben.

Dann können wir wie Bäume sein, sogar noch grüner.

Dann können wir wie Vögel im Flug sein,

und kein Vogel kann die Höhen erreichen, die wir berühren können.

Dann können wir wie Fische sein, die bis in die tiefste Tiefe der Tiefsee tauchen –

wir können zum tiefsten Grund des Ozeans vordringen,

nichts ist vergleichbar mit uns.

16.01.2006 um 13:39 Uhr

Südliches Blütenland 17/10

von: tao

Dschuang Dsi mit seinem Bambusstab

fischte einst am Fluß Pu.

Der Fürst von Dschu sandte

zwei Vizekanzler

mit einem offiziellen Dokument:

Wir ernennen dich hiermit

zum Premierminister.

Dschuang Dsi hielt seinen Bambusstock immer noch in der Hand.

Weiterhin schaute er dem Pu-Fluß zu,

dann sagte er:

"Mir hat man erzählt, daß es eine heilige Schildkröte gibt,

geopfert und heiliggesprochen

vor dreitausend Jahren,

vom Fürsten verehrt,

in Seide eingehüllt,

in einem kostbaren Schrein

auf einem Altar

im Tempel.

Was denkt ihr ?

Ist es besser, das eigene Leben aufzugeben

und den Rückenpanzer als eine heilige Schale zurückzulassen

als ein Kultobjekt

in einer Weihrauchwolke

dreitausend Jahre lang,

oder ist es besser,

als eine einfache Schildkröte

den eigenen Schwanz im Schlamm hinter sich her zu ziehen ?"

"Für die Schildkröte", sagte ein Vizekanzler,

"ist es besser zu leben

und ihren Schwanz im Schlamm hinter sich her zu ziehen !"

"Geht nach Hause !", sagte Dschuang Dsi.

"Laßt mich hier,

damit ich meinen Schwanz im Schlamm hinter mir her ziehen kann."

15.01.2006 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 8/15 (1)

von: tao

Tao ist die Vision der Totalität, die Vision der Ganzheitlichkeit. Teile spielen keine Rolle; Teile haben an sich keine Bedeutung. Der Sinn gehört zum Ganzen, zur Einheit, zur organischen Einheit – wenn wir in den Teilen nach einem Sinn suchen, werden wir vergebens suchen. Nicht nur das, wenn wir darauf bestehen, in den Teilen nach dem Sinn zu suchen, werden wir denn Sinn eher zerstören, als daß wir ihn finden würden. Es würde eine destruktive Einstellung sein.

Zum Beispiel existiert ein Gedicht nicht in den Wörtern, die es konstituieren, es existiert irgendwo jenseits der Worte. Es ist transzendental. Wenn wir die Wörter auseinandernehmen, die Sätze, die sprachliche Form, was werden wir dann erhalten ? Wenn wir ein Gedicht sezieren, wenn wir ein Gedicht zerteilen, töten wir damit eine lebendige Einheit. Es ist, als wenn wir den Körper eines Menschen sezieren würden – in der Zeit, in der wir es geschafft haben, den Körper des Menschen aufzuschneiden, ist der Geist weg. Was auch immer wir finden, wird ein toter Leichnam sein. Der Mensch ist in der Einheit, genauso wie das Gedicht in der Einheit liegt.

Wenn wir Poesie zerstückeln, werden wir Sätze vorfinden; wenn wir die Sätze zergliedern, werden wir Haupt- und Nebensätze finden; wenn wir die Haupt- und Nebensätze zergliedern, werden wir Worte vorfinden; wenn wir die Worte zerstückeln, dann bleibt noch das Alphabet übrig. Aber wo ist die Poesie – die Lyrik, die unser Herz hat erbeben lassen ? Wo ist diese Schönheit, die unser Wesen berührt hat, das uns Flügel verliehen hat ? Wo ist diese Vision ? In dem Alphabet ist nichts.

Wie ist all das verschwunden ? Unsere Herangehensweise war grundlegend falsch. Unser Herangehen war fundamental destruktiv und gewaltsam. Wir haben es zerschnitten. Poesie muß in ihrer Totalität gesehen werden. Sie muß als ein Ganzes erfaßt werden. Wenn wir sie als eine Ganzheit begreifen können, dann steuert jedes Wort etwas dazu bei; wenn wir sie nicht als eine Gesamtheit verstehen können, dann setzen die Wörter sie auch nicht zusammen. Die Wörter machen nur den Körper eines Gedichts aus, aber nicht sein Herz. Ja, das Herz kann nicht ohne den Körper existieren, aber das Herz ist nicht der Körper. Der Mensch kann nicht ohne den Körper existieren, das ist klar, aber der Mensch ist nicht bloß der Körper. Der Mensch ist weit mehr. Der Mensch ist weit höher. Er ist angebunden an den Körper, er lebt im Körper, aber er ist nicht der Körper als ein Körper. Der Körper ist der Tempel und der Mensch ist der Gott, der in ihm wohnt. Ja, wenn wir den Tempel zerstören, wird der Gott keine Bleibe mehr haben; er wird verschwinden, sich verflüchtigen. So verschwindet auch ein Gedicht. Der Gedicht ist der Gott, der in den Worten residiert, der Rhythmus, der Sinn, die Bedeutung, die Schönheit.

14.01.2006 um 00:00 Uhr

Tao 101

von: tao

Der Sex des Mannes ist tatsächlich so aktiv, so momentan und stetig immer wiederkehrend, daß es ihn die ganze Zeit umtreibt und ihn in Not und Bedrängnis bringt, aber das sexuelle Verlangen einer Frau ist nicht momentan. Es ist sehr ruhig, stabil und gleichmäßg. Überraschenderweise ist der sexuelle Drang bei Tieren periodisch. In ganz wenigen Monaten im Jahr werden die Tiere von sexuellem Verlangen beunruhigt. Für den Rest des Jahres vergessen sie alles darüber – als wenn es das nicht geben würde. Der Mensch ist das einzige Tier, das kontinuierlich vom Drang nach Sex umgetrieben wird. Er hat keine Brunftzeit. Aber sogar bei menschlichen Wesen ist der Drang nach Sex bei einer Frau periodisch. Es gibt ein paar Momente, wo sie voll sexuellem Verlangen ist, aber in der restlichen Zeit ist sie davon nicht besessen. Und sogar in diesem Moment, in dem ihr nach Sex ist, kann eine Frau, wenn der Mann nicht ihr Verlangen nach Sex erweckt, ganz komfortabel ohne Sex leben. Ihre Existenz ist stabiler. Die Existenz eines Mannes ist ruhelos. Deswegen stellen wir fest, daß die Männer beständig den Frauen hinterhersteigen, egal wie sehr sie sich bemühen, dies sich nicht anmerken zu lassen. Es ist immer der Mann, der um die Frau herumstreicht; in der Kindheit ist er immer um seine Mutter herum und in der Jugend um seine Freundin. Seine Wanderungen verlaufen immer um Frauen herum. Ein Mann ist unvollständig ohne eine Frau, wohingegen es in der Frau eine Art von Vollständigkeit gibt. Dies kann als ein Beispiel dafür dienen, wie die weibliche Existenz verstanden werden kann. Die weibliche Existenz ist sehr vollkommen und symmetrisch. Der Kreis ist geschlossen. Lao-tse sagt: "Je größer die Vollkommenheit, desto stabiler ist sie." Je größer die Unvollkommenheit, desto unstabiler ist sie. "Deswegen", sagt Lao-tse, "geben wir dem höchsten Mysterium der Existenz den Namen des weiblichen Geheimnisses." So wie es einen fundamentalen Unterschied gibt zwischen dem Körper eines Mannes und dem einer Frau, so gibt es auch einen fundamentalen Unterschied in ihrer mentalen Aufmachung. Die Denkweise eines Mannes ist Vernunft und Logik. Die Denkweise einer Frau geschieht nicht durch die Logik. Sie ist unlogisch, wir nennen dies Intuition. Welchen Namen auch immer wir der weiblichen Art und Weise, zu denken, geben mögen, sie kann niemals logisch bezeichnet werden. Deswegen, wo immer ein Mann denkt, geht es immer um Kalkulation, Logik und Gesetz. Wo immer eine Frau denkt, kommt davon nichts vor. Stattdessen gibt es eine direkte und unmittelbare Schlußfolgerung. Deswegen gibt es keinen Dialog zwischen einem Mann und einer Frau. Alle Männer finden es schwierig, mit Frauen zu reden, denn sie finden sie unlogisch. Wenn er ein Argument vorbringt, gibt sie eine direkte Schlußfolgerung. Kaum hat er seinen Standpunkt dargelegt, ist sie schon zu einem Ergebnis gekommen, hat sie bereits ein Urteil gefällt !

13.01.2006 um 22:54 Uhr

Tao Te King 1 (12)

von: tao

Es ist so, gib einen Namen und die Bestrafung folgt auf dem Fuß; denn so machen wir ein Objekt aus einer flexiblen, flüssigen Individualität. Wo eine fließende Strömung war, tendieren wir dazu, eine Staumauer direkt inmitten des Strömens zu errichten. Dann müssen sich daraus Probleme ergeben, es wird notwendigerweise weh tun. Das Leben wird weiterhin strömend dahinfließen wollen und die Planken und Bretter des Namens, die wir da hineinhämmern, müssen Hemmungen und Verstopfung verursachen. Das Leben, die Existenz, ist ungeheuer weit, alle Bohlen und Bretter der Benennung werden in dieser reißenden Strömung hinweggeschwemmt. Aber dann bleibt eine Spur zurück von quälendem Unglücklichsein, von Sorge, Bedauern und Gewissensbissen. Lao-tse sagt: "Gib keine Bestimmung." Gib einen Namen und ein Objekt ist geboren. Nehmen wir einen Moment lang an, daß wir alle jegliche Sprache vergessen würden – bloß eine Stunde lang. Wird das irgendeine Wirkung haben für die Erde oder den Weltraum ? Wird es irgendeinen Unterscheid machen für Licht und Dunkelheit ? Werden wir oder unser Nachbar dann irgendwie anders sein ? Würden Christen und Moslems voneinander unterschieden sein ? Würde es dann noch eine Distanz zwischen Mann und Frau geben ? Wenn wir auch nur für eine Stunde auf alles Sprechen vergessen würden, würden in solch einer Situation sofort alles Barrieren und Distanzen fallen. Es würde dann eine ungewöhnliche Welt sein – voll Ausdehnung, wo es keine Grenzen mehr geben würde; und wo die Dinge sich immer weiter ausbreiten würden – ohne irgendwo anzuhalten. Dann würden wir nicht das Gefühl haben, daß jemand neben uns sitzt, denn dafür ist Sprache notwendig. Dann würden wir nicht das Gefühl haben, daß jemand ein Freund ist oder jemand ein Feind ist, denn dies erfordert Sprache. Dann bleibt nur eine ungeheuer weite Existenz. Und in dieser Existenz würde es nur zwei Arten von Erfahrung geben (bedenke: Erfahrungen, nicht Namen), auf die sich Lao-tse Bezug nimmt als Himmel und Erde; oder es wäre bessern, sie als Materie und Bewußtsein zu benennen, entsprechend unserer heutigen Welt. Es würde nur zwei Domänen geben – die der Materie und die des Bewußtseins, und es ist das Wissen davon, und nicht die Benennung, die bleiben wird. Alle Namen gehören zu Objekten. Objekte können Materie sein, genauso wie sie Individuen sein können. Wenn wir einer Person einen Namen zuordnen, wird sie ein Objekt. Wenn wir Materie einen Namen verleihen, wird sie auch zu einem Objekt. Wenn ich sage: "Dies ist ein Stuhl", wird er ausschließlich ein Objekt. Ähnlich ist es, wenn ich sage: "Ehefrau, Ehemann oder Sohn", werden auch diese nur noch Objekte sein. Einen Sohn kann man genau so sehr besitzen wie einen Stuhl, aber die Existenz kann nicht in Besitz genommen werden und auch die Materie kann man nicht besitzen. Der Grund ist einfach: Der Stuhl existierte schon, als es uns noch nicht gab, und wird immer noch da sein, lange nachdem wir vergangen sind. Du sagst: "Dies ist mein Sohn", aber wenn er morgen stirbt, wirst du ihn ins Krematorium bringen und ihn verbrennen lassen. Und wenn er stirbt, kannst du nicht mit dem Schicksal argumentieren, daß er dein Sohn ist und wie kannst du es wagen, ihn ohne meine Erlaubnis mir wegzunehmen ! Und du kannst auch nicht deinem Sohn dafür Vorwürfe machen, daß er dich auf diese Weise verläßt, ohne deine Einwilligung dazu vorher eingeholt zu haben.

12.01.2006 um 03:13 Uhr

Ko Hsuan 1 (6)

von: tao

Die paradoxen Statements der Mystiker haben einen Zweck. Der Zweck ist: Die Gelehrten machen einen Bogen um sie. In dem Moment, in dem sie auf einen Mystiker stoßen, wissen sie insgeheim, dieser Mensch ist verrückt – mit solch einem Menschen ist kein Aufhebens zu machen. Zweitens: Das Paradox ist der einzige Weg, um etwas anzudeuten, was wirklich wahr ist. Die Logik ist immer halb, sie schließt niemals das Ganze mit ein, sie kann das Ganze nicht mitumfassen. Das Leben besteht aus Polaritäten: Genau wie die Elektrizität aus positiven und negativen Polen besteht, besteht das ganze Leben aus Polaritäten. Und Polaritäten sind nur scheinbar entgegengesetzt zueinander; tief unten sind nicht entgegengesetzt zueinander. Tief innen, für diejenigen, die verstehen, für diejenigen, die die Intelligenz haben, so tiefgründig zu sehen, sind sie keine Gegensätze, sie sind komplementär, sie ergänzen sich.

Aber dafür werden wir eine tiefe Meditationserfahrung benötigen; nur das Denken würde nicht helfen. Das Denken wird sagen: "Dies sind widersprüchliche Äußerungen. Dieser Mensch sagt das eine zu Beginn des Satzes und wenn er dann den Satz schließt, hat er genau das Gegenteil geäußert." Aber der Mystiker weiß, was er da tut: Er versucht damit, die ganze Wahrheit hineinzulegen. Aber die ganze Wahrheit kann nur von einer Person verstanden werden, die etwas von der Ganzheit gekostet hat.

Das Denken spaltet immer die Dinge: Es teilt auf, es trennt, es funktioniert wie ein Prisma. Wenn ein weißer Sonnenstrahl durch das Prisma hindurchgeht, wird es in sieben Farben aufgeteilt. Auf diese Weise wird ein Regenbogen erzeugt: Er wird von ganz kleinen Wassertropfen erschaffen, die sich in der Luft befinden; diese Wassertropfen funktionieren wie Prismen und die Sonnenstrahlen, die durch sie hindurchgehen, werden in sieben Farben aufgespalten. Das Denken ist ein Prisma: Es teilt alles in vieles. Die Wahrheit ist eines, aber wenn wir durch das Denken schauen, erscheint alles vieles zu sein. Und der Weg des Mystikers, die Dinge auszudrücken, ist so, daß er all die Farben des Regenbogens wieder zusammensetzen möchte, so wie sie ganz am Anfang waren, bevor sie durch das Prisma hindurchgingen.

Wegen dieser paradoxen Ausdrucksweise machen die Gelehrten einen Bogen um sie. Leute, die im Denken leben, können sie nicht begreifen; es ist ein Schutz. Auf diese Weise haben solch schöne Abhandlungen die Jahrhunderte überlebt.

Ko Hsuan schreibt es einfach auf, er ist nicht der Schöpfer der Abhandlung. Er hat auch die gleiche Wahrheit erfahren, weil die Wahrheit immer die gleiche ist, wer auch immer sie erlebt.