Taoistische Reflektionen

28.02.2006 um 12:01 Uhr

Tao 115

von: tao

Ein arabisches Sprichwort besagt, daß immer, wenn Gott eine Person erschafft, er ihr ins Ohr flüstert: "Du bist mein Liebling. Ich habe niemals zuvor solch eine schöne Person gemacht, und solch einen schönen Menschen werde ich auch nie wieder erschaffen. Du bist einfach einzigartig." Aber das hat er schon immer mit jedem gemacht und jeder denkt sich tief in seinem Herzen: "Was auch immer Gott gesagt hat, das glaubt man auch."

"Rationalisierung" ist ein klinisches Wort – ein Wort, gemacht, damit es von Professoren benutzt werden kann, "Mist" ist lebendiger. "Rationalisierung" ist blutleer, "Mist" ist sehr jung, gesund und munter. Aber die Bedeutung ist die gleiche, Rationalisierung bedeutet Mist.

Der Pantoffelheld und seine wortreiche Ehefrau gingen gerade die Landstraße entlang und hatten eine ihrer Auseinandersetzungen in der gewohnten Weise. Sie setzte sich durch. Plötzlich drehte sie sich um und sah, wie ein Stier die Straße herunter auf sie zu stürmte. Sie hatte keine Zeit mehr, ihren Ehemann zu warnen, also sprang sie in eine Hecke. Der Bulle nahm den Mann auf seine Hörner und warf ihn wirbelnd fünf Meter in die Höhe. Er landete in einem Straßengraben. Als er es schließlich wieder schaffte, von dort herauszukrabbeln, sah er seine Frau auf der Straße stehen. "Maria", sagte er, "wenn du mich so noch einmal schlägst, wie du es gerade getan hast, dann wirst du es wirklich soweit bringen, daß ich meine Geduld verliere."

Das ist nun Kuhmist. Wenn man einen Psychoanalytiker fragt, wird er es eine Rationalisierung nennen.

Die Kulturvereinigung organisierte eine Gruppe, die strikt nur aus Jungfrauen bestehen sollte, als eine junge Dame mit einem Baby auf dem Arm erschien. "Aber meine Dame", protestierte der Präsident, "das ist doch offensichtlich, daß Sie für diese Gesellschaft nicht in Frage kommen. Warum denken Sie denn, daß Sie dieser Vereinigung beitreten könnten ?" "Ich habe doch nur herumgeblödelt, als dies passierte", erklärte sie. "Also dachte ich, ich könnte als eine dieser törichten Jungfrauen hineinkommen."

Das ist Mist. "Rationalisierung" ist ein philosophischer Begriff. "Mist" kommt vom gewöhnlichen Menschen, von den Massen, Leuten, die auf der Erde leben, mit der Erde, die sich die Hände schmutzig machen.

27.02.2006 um 13:06 Uhr

Goldene Blüte 8/33-35 (4)

von: tao

Wenn jede Handlung den Duft von Bewußtheit trägt, dann kommen wir unserem Daheimsein näher. Ansonsten gehen wir immer noch weiter und weiter weg davon. Und das Leben gibt uns viele Gelegenheiten aufzuwachen. Aber statt daß wir aufwachen, statt daß wir diese Gelegenheiten nutzen, fangen wir an, nach noch stärkeren Betäubungsmitteln zu suchen, um uns in Unbewußtheit zu versenken. Wenn Leiden kommt, ist das ein Anlaß aufzuwachen, aber dann fangen wir an, nach einer Droge zu suchen. Die Droge mag Sex sein, es mag Alkohol sein, es  mag LSD sein; die Droge mag Geld sein, es  mag Machtpolitik sein; die Droge kann alles sein. Alles, was uns unbewußt hält, ist eine Droge. Alles, was uns mit dem Unwesentlichen beschäftigt hält, ist eine Droge. Betäubungsmittel werden nicht nur in der Apotheke verkauft, Betäubungsmittel sind überall erhältlich. Unsere Schulen, unsere Hochschulen, unsere Universitäten verkaufen Drogen, denn sie erzeugen Ehrgeiz, und Ehrgeiz hält die Leute unbewußt. Ehrgeiz hält sie am Laufen, er läßt sie Schatten, Illusionen und Träumen nachrennen. Unsere Politiker sind die größten Rauschgifthändler: Sie sind ständig dabei, in uns eine Machtlust zu erzeugen, einen Hunger, eine Gier nach Macht; das hält uns beschäftigt. Ehrgeizig zu sein, wettbewerbsorientiert zu sein, ist alkoholisch. Und das ist ein stärkerer Alkohol. Der gewöhnliche Alkohol kann verboten werden. Aber dieser Alkohol ist so extrem leicht erhältlich, von überall her, an jeder Ecke zu haben – von den Eltern, von den Priestern, von den Politikern, von den Professoren. Unsere ganze Gesellschaft lebt in diesem betäubten und trunkenen Zustand. Wenn wir etwas haben, dem wir hinterher laufen können, fühlen wir uns gut. In dem Moment, in dem wir nichts mehr haben, dem wir nachlaufen können, wonach wir hinterher sind, fühlen wir uns verloren. Wir erschaffen uns augenblicklich irgendeine neue Beschäftigung. Die Beobachtung der Buddhas zu allen Zeiten ist die, daß, wenn Leiden kommt, es ein Hinweis von Tao ist, daß es Zeit ist – "Wach auf". Aber wir ertränken dieses Leid in einer Droge, wir betäuben uns. Unsere Frau stirbt – dann fangen wir an, zuviel zu trinken, oder wir beginnen mit Glücksspiel. Es war eine Gelegenheit zu sehen, daß dieses Leben nicht ewig dauern wird. Dieses Haus ist auf Sand gebaut, dieses Leben ist ein Papierboot; es wird jeden Moment untergehen. Irgendeine Laune des Winds und das Leben wird gewesen sein. Wach auf ! Unsere Frau ist tot, wir werden tot sein, denn wir stehen in derselben Schlange, und diese Reihe, in der wir stehen, kommt immer näher zu dem Schalter, der Tod genannt wird.Aber wir wachen nicht auf; wir fangen an, nach einer anderen Frau zu suchen. Wir gehen bankrott, aber wir wachen nicht auf. Wir werden besiegt und geschlagen, aber wir wachen nicht auf; wir fangen nur an, mit noch mehr Nachdruck und Rachegelüsten zu suchen und zu streben.

26.02.2006 um 13:53 Uhr

Quellender Urgrund 3/8 (4)

von: tao

Ein Mensch mit einer gewissen Klarheit trägt niemals die Vergangenheit mit sich herum. Er sieht einfach in die Realität hinein, ohne daß die Vergangenheit sich einmischen würde. Das ist die Bedeutung dieser Geschichte von Liä Dsi. Die Erinnerung loszulassen bedeutet das Denken aufzugeben. Das Denken loszulassen bedeutet die ganze Welt fallen zu lassen. Das Denken aufzugeben bedeutet das Ego fallen zu lassen – dann sind wir nicht mehr egozentrisch, dann haben wir gar kein Denken mehr, wie auch immer. Dann leben wir ein Leben ohne eigenes Denken – das ist die Bedeutung von Tao. Dann funktioniert das taologische Denken durch uns, wir haben kein eigenes Denken mehr. Wir funktionieren, aber nun funktionieren wir nicht mehr von unserem eigenen Zentrum aus. Nun wird das Zentrum der Ganzheit unser Zentrum. Wir handeln, aber wir sind nicht mehr der Handelnde, Tao agiert. Unsere Hingabe ist total. Dazu eine schöne chassidische Parabel: Ein junger Mann fragte einen alten Rabbi: "In der Vergangenheit, in den alten, goldenen Tagen, so haben wir gehört, pflegten die Leute noch Gott mir ihren eigenen Augen zu sehen, die Leute waren es gewohnt, Gott zu begegnen. Gott wandelte früher noch auf der Erde, Gott pflegte Leute bei ihrem Namen zu nennen. Gott war ganz nahe. Aber was ist heutzutage passiert ? Warum ist Gott nicht mehr so nahe ? Warum können wir ihn nicht direkt sehen ? Warum verbirgt er sich ? Wohin ist er gegangen ? Warum hat er die Erde vergessen ? Warum wandelt er nicht mehr auf der Erde ? Warum hält er die Leute, die in der Dunkelheit straucheln, nicht an der Hand ? Früher tat er das doch für gewöhnlich." Der alte Rabbi sah den Schüler an und sagte: "Mein Sohn, er ist immer noch da, wo er schon früher war, aber der Mensch hat vergessen, wie man sich tief genug nach unten neigt, um ihn zu sehen." Sich herabzulassen... Der Mensch hat vergessen, sich zu verneigen, der Mensch ist steht sehr hochmütig da, der Mensch steht sehr stolz da, der Mensch steht sehr aufrecht da, der Mensch steht getrennt von Gott, der Mensch ist eine Insel geworden, der Mensch ist nicht mehr ein Teil des Universalen, er ist kein Teil mehr der Ganzheit.Gott ist exakt da, wo er schon immer war – er versucht immer noch unsere Hand zu halten, aber wir sind nicht dazu bereit. Er konfrontiert uns immer noch, aber wir schauen zur Seite. Er ist immer noch da, ruft uns mit unserem eigenen Namen, aber wir sind voll mit unserem eigenen Lärm, dem inneren Gerede, dem ständigen Geschnatter – wir sind zur Plaudertasche geworden.

25.02.2006 um 19:55 Uhr

Tao 114

von: tao

Wenn wir erst einmal damit anfangen, uns beunruhigen zu lassen, wird ein Kümmernis eine weitere Beunruhigung erzeugen; es ist ein Teufelskreis. Es ist also wichtig, gleich von Anfang an achtsam zu sein.

Eine kleine ältere Dame betrat ein Haus in der Vorstadt und fand dort einzig und allein nur einen Burschen im Alter von vier Jahren vor, der mit seiner Spielzeugeisenbahn spielte. "Du kennst mich nicht", sagte die alte Dame, "aber ich bin deine Großmutter – das heißt auf deiner väterlichen Seite." Ohne von seiner Eisenbahn aufzuschauen, erwiderte der junge Kerl: "Nun, schon jetzt kann ich dir sagen – du bist auf der falschen Seite."

Wenn wir damit beginnen, Urteile zu fällen, sind wir von Anfang an auf der falschen Seite. Es ist besser, dies von vornherein sein zu lassen, es zu vergessen. Es ist besser, statt dessen sich zu freuen. Und ganz zu vergessen, was andere so machen. Und selbst das zu tun, was wir schon immer tun wollten und noch nicht getan haben. Wir wollten schon so lange tanzen ? Dann ist es jetzt Zeit, zu tanzen. Wir wollten endlich wieder singen ? Dann singen wir jetzt eben. Niemand sollte sich da einmischen; bevor wir nicht damit anfangen, uns in deren Leben einzumischen, sollte niemand irgendeine Notiz von uns nehmen. Wir machen unser Ding, die anderen machen ihr Ding. Dann wird allmählich Verstehen aufkeimen: Erkennen entsteht nur, wenn wir, ganz genau,unsere ureigene Sache tun.

Noch eine Anekdote dazu: Oma hatte ihren unangekündigten Besuch schon auf drei Wochen ausgedehnt, und ihre Schwiegertochter und ihr Sohn drehten langsam durch. Schließlich heckten sie einen Plan aus: Sie würden einen Streit vortäuschen und derjenige, zu dem sie halten würde, würde ihr dann sagen, die andere sei so verletzt, daß sie nun einfach abreisen müßte. Also kippte die Frau am gleichen Abend absichtlich das Tablett mit der heißen Suppe so, daß sie damit ihrem Ehemann die Suppe in den Kragen schüttete und ihm die Brühe das Hemd hinunterfloß. "Du bist der ungeschickteste, häßlichste und dümmste Trampel, den ich jemals gesehen habe", brüllte der Ehemann. "Und du", schoß die Frau zurück, "bist der faulste, anspruchvollste und gemeinste Furz in der Welt. Was sagst du dazu, Oma ?" "Ich sage kein einziges Wort dazu", erwiderte Oma quietschvergnügt, "ich werde noch zwei weitere Monate bleiben."

Das ist die richtige Einstellung, die wir beibehalten sollten. Wenn wir hier, mit diesen Leuten, bleiben wollen, sagen wir lieber gar nichts, und sind einfach fröhlich.

24.02.2006 um 13:00 Uhr

Tao 113

von: tao

Jesus sagt: Nur diejenigen, die wie Kinder sind

werden fähig sein, in mein Königreich Gottes hineinzukommen.

Er sagt wie Kinder, nicht Kinder.

Kinder würden nicht dazu imstande sein, in das Königreich Gott hineinzukommen

sondern nur diejenigen,die wie Kinder sind.

Was bedeutet das:

Die wie Kinder sind und nicht Kinder ?

Diejenigen, die durch die Welt hindurchgegangen sind,

die all die Korruption kennengelernt haben

und die ihre Ursprünglichkeit wiedergewonnen haben.

Wissen hat zwei Gegensätze:

Unschuld, die Unschuld des Weisen;

und Ignoranz, die Unwissenheit des Kindes.

Es wäre ein Mißverständnis, wollte man meinen,

der Taoismus würde auf Unwissenheit bestehen,

weil er nachdrücklich auf Unschuld Wert legt.

Der Taoismus sagt nicht: Sei ein Ignorant.

Wenn wir unwissend sind, dann verschieben wir damit einfach das Wissen;

auch wenn wir es hinausschieben, eines Tages,

früher oder später, werden wir in der Falle des Wissens sein.

Wir müssen da hindurchgehen.

Wir müssen es leben, es kennenlernen.

Wir müssen die bittere Frucht kosten.

Wir müssen aus dem Paradies hinausgeworfen werden

so daß wir zurückkommen und es wieder in Anspruch nehmen können;

und dann ist die Qualität total anders.

Denn als wir hinausgeworfen wurden, waren wir bloß unwissend.

23.02.2006 um 23:59 Uhr

Tao 112

von: tao

Ein Wissenschaftler, der schon einen Nobelpreis gewonnen hatte, hatte hinter seinem Stuhl in seinem Studienzimmer ein Hufeisen hängen. Ein anderer Wissenschaftler war zu Besuch gekommen; er konnte seinen Augen nicht glauben, denn die unwissenden Massen glauben, daß es sehr gut ist, wenn man immer ein Hufeisen in seinem Zimmer hängen hat. Es schützt dich; es ist eine Art von übernatürlichem Schutz. Der Freund auf Besuch fragte den Wissenschaftler: "Ich kann meinen Augen nicht trauen ! Daß du als ein Wissenschaftler, der einen Nobelpreis gewonnen hat... Glaubst du immer noch an diesen Unsinn, an diesen Aberglauben, daß ein Hufeisen Schutz gewährt ?"

Der Nobelpreisträger lachte. Er sagte: "Nein, überhaupt nicht – das ist alles Unsinn. Niemals glaube ich an so eine Stupidität."

Der Freund war sogar noch mehr durcheinander. "Warum hängst du dir denn dann dieses häßliche Hufeisen hinter deinen Sessel ?"

Der Wissenschaftler sagte: "Aber derjenige, der es mir gegeben hat, sagte, ob du daran glaubst oder nicht, es beschützt dich trotzdem ganz genauso !"

Wenn wir der Logik der Spezialisierung folgen, dann wird äußerste Wissenschaft sein, alles über nichts zu wissen; das wird die logische Schlußfolgerung sein. Wenn Wissenschaft bedeutet, mehr und mehr über weniger und weniger zu wissen, wo wird das dann enden ? Es wird darin enden, daß man alles über nichts weiß.

Wissenschaftler sind sehr leichtgläubige Leute, und die Priester und die sogenannten Heiligen beuten diese Gelegenheit sehr stark aus. Und dann geben sie damit noch an: "Seht nur, solch ein großartiger Wissenschaftler ist mein Schüler !" Tatsächlich ist es nicht der Wissenschaftler, der sein Anhänger ist, es ist der verbleibende Teil in ihm, der kein Wissenschaftler ist, und der ist weit größer als der Wissenschaftler. Nur ein kleines Fragment seines Wesens ist wissenschaftlich geworden – vielleicht bloß ein Prozent seines Wesens – neunundneunzig Prozent sind so dumm oder sogar noch mehr als die gewöhnlichen Leute, denn die gewöhnlichen Leute wissen nicht immer mehr über immer weniger, sie wissen etwas über alles. Man kann sie nicht so leicht ausbeuten.

22.02.2006 um 23:59 Uhr

Tao 111

von: tao

Durch Zufall mögen wir in Deutschland geboren worden sein, aber wir sind keine Deutschen. Zufällig mögen wir weiß oder schwarz sein, aber wir sind weder noch. Der Zufall kann nur über die Form entscheiden, nicht unser Wesen. Unser Wesen ist jenseits von Zufälligkeiten, jenseits der Klassenzugehörigkeit, jenseits der Religion, jenseits der Nation, jenseits der Hautfarbe.

"Es ist erstaunlich", sagte der Professor zu seiner Frau, "wie unwissend wir alle sind. Fast jeder Mensch ist ein Spezialist auf seinem speziellen Gebiet und als Folge davon so engstirnig und borniert, wie es nur möglich ist. Er weiß nichts darüber, was andere Menschen gerade tun." "Ja, Liebling", sagte seine Frau. "Ich, zum Beispiel", fuhr er fort,"schäme mich dafür, daß ich es nicht schaffe, mit der modernen Wissenschaft Schritt zu halten. Nimm zum Beispiel das elektrische Licht. Ich habe nicht die geringste Idee, wie das funktioniert." Seine Frau warf ihm einen herablassenden Blick zu und lächelte: "Also nein, Peter, ich schäme mich auch für dich. Es ist so einfach. Du drückst einen Schalter, das ist alles !"

Diese Frau denkt, daß sie, indem sie einen Schalter betätigt, alles über Elektrizität weiß.Das ist alles. Einfach. Und sie sagt, sie schämt sich für ihren Ehemann – daß er nicht einmal weiß, wie Elektrizität funktioniert. Wir wissen auch, wie Elektrizität funktioniert. Wir drücken auf den Knopf, das ist alles. So einfach. Aber hat irgendjemand wirklich schon eine Vorstellung davon, wie Elektrizität funktioniert ? Und das gilt nicht nur für uns und nicht nur für diesen Professor. Sogar der Mann, der mit Elektrizität Wunder bewirkte, Thomas Alva Edison, hatte keine Idee, wie sie funktionierte.

Es geschah einmal, daß er in einen Sommerurlaubsort reiste, wo die Leute gar nichts über ihn wußten – zumindest erkannte niemand sein Gesicht. Er war sehr glücklich – denn berühmte Leute werden es sehr müde, den ganzen Tag lang erkannt zu werden, sie sind niemals ungezwungen. Er war also sehr glücklich, rannte am Strand herum und sammelte Kieselsteine. Er war wieder zum Kind geworden. Jemand lud ihn ein, zu einer Ausstellung in einer Oberschule zu kommen. Wie er seine Kindlichkeit am Strand gesehen hatte, wie er herumrannte und mit der Gischt spielte und mit den Kieseln und den Muscheln, sagte jemand zu ihm: "Kommen Sie doch zu unserer Oberschule. Wir haben da gerade eine Ausstellung und die Kinder haben viele schöne Dinge gemacht." Also ging er hin. Sie hatten einen Ventilator gebastelt – Edison war der Erfinder des elektrischen Ventilators – und ein kleiner Junge erklärte gerade, wie er funktioniert. Edison war interessiert und er fragte: "Weißt du, wie Elektrizität funktioniert ? Was ist Elektrizität?" Und der Junge sagte: "Das weiß ich nicht. Ich werde meinen Lehrer holen." Also wurde der Lehrer gerufen, um die Erklärung zu geben – natürlich wußte er nicht, wer diese Frage aufgeworfen hatte. Er hatte einen Hochschulabschluß in Naturwissenschaften und versuchte den Mechanismus des Ventilators zu erklären. Aber die Elektrizität selbst ? Elektrizität an sich ist unausdrückbar. Niemand weißt es. Und Edison bohrte weiter: "Sagen Sie mir, was ist Elektrizität ? Sie erklären mir nun, wie der Ventilator funktioniert, wie der Schalter funktioniert, wie der Motor funktioniert, aber ich frage ja nicht nach dem Motor und nicht nach dem Ventilator und nicht nach dem Schalter, ich frage nach der Elektrizität, nach der Kraft, die dahinter steht. Was ist sie ?" Und der Mann sagte: "Sie stellen mir da eine schwierige Frage. Ich bin bloß ein Hochschulabsolvent. Ich werde meinen Vorgesetzten bitten, dazuzukommen – er hat seinen Doktor in Naturwissenschaften gemacht. Er wird es Ihnen erklären !" Der Direktor kam und er bemühte sich sehr, es zu erklären, aber Edison hakte nach. Der Direktor mit seinem Doktor in Naturwissenschaften war sehr irritiert über diesen Mann, der so eine signifikante Frage stellte, und er wurde sehr verlegen, weil er es nicht erklären konnte. Er sagte also: "Tut mir leid, ich werde bei einigen Fachleuten nachfragen, die noch mehr im Bilde sind und Bescheid wissen." Daraufhin sagte Edison: "Ich denke nicht, daß uns da irgendjemand weiterhelfen kann." Der Direktor sagte: "Wie meinen Sie das ?" "Ich bin Thomas Alva Edison und ich weiß selbst nicht, was Elektrizität ist, von wem wollen Sie das also erfragen ?" Er hatte tausend Dinge erfunden, die durch Elektrizität funktionierten – das Radio, das Grammophon, den Ventilator und jede Menge andere Sachen – er war einer der größten Erfinder der Welt, aber er sagte: "Ich selbst weiß nicht, was Elektrizität ist. Ich spiele mit ihr, ich kriege sie in den Griff, es funktioniert. Das ist alles, was wir wissen – wie es funktioniert. Aber was es ist, weiß niemand. Also zerbrecht euch nicht weiter den Kopf und laßt euch nicht in Verlegenheit bringen. Es muß euch nicht peinlich sein."

21.02.2006 um 22:01 Uhr

Tao 110

von: tao

Der Unterschied zwischen Unschuld und Unwissenheit ist immens; er ist so weit wie möglich. Es ist der Unterschied zwischen Dunkelheit und Licht, der Unterschied zwischen Tod und Leben, der Unterschied zwischen Unbewußtem und Bewußtsein, der Unterschied zwischen Hölle und Himmel.

Unwissenheit ist Dunkelheit. Sie ist ein Zustand totaler Negativität; sie ist ein Zustand von Wissen – der niedrigste Zustand des Wissens, der Null-Zustand von Wissen. Aber sie ist nicht anders als das wissende Denken; sie gehören zur selben Kategorie. Der ignorante Mensch und der gebildete Mensch, sie qualitativ nicht unterschiedlich, nur quantitativ verschieden. Der Unterschied ist graduell: Der kenntnisreiche Mensch weiß mehr, der unwissende Mensch weiß weniger. Und wir können im Vergleich zu der einen Person gut informiert sein und ignorant verglichen mit einer anderen. Daher ist es eine Frage der Relativität. Sogar der unwissendste Mensch mag noch klug sein im Vergleich mit jemand anderem, oder sogar der best informierte Mensch mag außerhalb seiner Sachkenntnis ignorant sein. Der Mathematiker ist unwissend, soweit wie es die Physik betrifft, der Physiker ist unwissend, soweit es die Chemie angeht, der Chemiker ist unwissend, sofern es um Mathematik geht, und so weiter und so fort. Alle Experten sind nur in einer Richtung kenntnisreich und in allen anderen Richtungen sind sie äußerst ignorant.

Das ist auch der Grund für ein wohlbekanntes, sehr eigenartiges Phänomen, daß die Leute, die sehr logisch, sehr argumentativ und rational in ihrem speziellen Feld sind, sich auf anderen Gebieten als sehr leichtgläubig erweisen. Wir können einen großartigen Wissenschaftler finden, der an Satya Sai Baba glaubt. Das erscheint absurd, aber so absurd ist es nicht. Tief innen weiß dieser große Wissenschaftler nichts über Religion. Er ist so ignorant oder sogar noch ignoranter als ein gewöhnlicher Mensch. Der gewöhnliche Mensch weiß viel mehr über Religion als der große Wissenschaftler. Der große Wissenschaftler hat seine ganze Energie in ein konzentriertes Feld hineingesteckt, und alles andere dabei ausgeschlossen.

Man kann einen Wissenschaftler sehr leicht hintergehen, es wird nicht so leicht sein, einen Bauern zu betrügen. Der Landwirt ist kein großer Logiker, aber er weiß viele Dinge. Er ist ein Experte auf irgendeinem spezialisierten Gebiet, aber sein allgemeines Wissen ist weit größer, umfassender, als beim Experten. Viele große Wissenschaftler fallen allen Spielarten des Aberglaubens zum Opfer.

Es gibt die Definition, daß Wissenschaft eine Anstrengung ist, immer mehr über immer weniger zu wissen. Das ist exakt das, was Spezialisierung bedeutet.

20.02.2006 um 23:59 Uhr

Goldene Blüte 3/10 (6)

von: tao

"Wahrnehmen bringt einen zum Ziel."

Wahrnehmung, bloß wahrnehmen...was man in Indien darshan nennt. Das Sehen bringt einen zum Ziel, ohne daß man irgendwohin geht. Wir brauchen nicht irgendwo hingehen – bloß schauen ! Fangen wir erst einmal an, in die Intervalle hineinzuschauen, in die Lücken zu schauen, dann werden wir fähig sein, zu sehen, wer wir sind. Und wir sind das Ziel, wir sind der Ursprung und das Ziel, beides – der Anfang und das Ende, Alpha und Omega. Wir beinhalten all das, wonach wir uns immer gesehnt haben, wir haben all das, was wir uns jemals wünschten. Wir brauchen kein Bettler zu sein. Wenn wir uns dafür entscheiden, in die Zwischenräume zu schauen, werden wir ein Kaiser sein, wenn wir weiterhin in die Gedanken hineinsehen, werden wir ein Bettler bleiben.

"Wahrnehmen bringt einen ans Ziel."

Auch nicht ein einziger Schritt muß über uns selbst hinaus gemacht werden, denn Tao ist schon in uns, Tao ist schon Realität. Es ist unser innerster Kern. Auch Gott ist nicht irgendwo da oben, irgendwo im Himmel; Gott ist in uns, irgendwo, wo Gedanken uns nicht mehr stören, wo das Schweigen herrscht, wo völlig unbeschäftigtes Bewußtsein präsent ist, das nichts mehr reflektiert. Dann erleben wir unsere eigene Kostprobe zum ersten Mal, dann sind wir voll mit dem Duft unseres eigenen Wesens: die goldene Blüte erblüht.

"Was durch Reflektion umgedreht werden muß, ist das selbstbewußte

Herz, das sich selbst auf jenen Punkt ausrichten muß, wo

der gestaltende Geist noch nicht manifest ist."

Der Gedanke ist das Manifestierte, der Nicht-Gedanke ist das Unmanifestierte. Wenn unser Wahrnehmungsmodus nur aus Gedanken besteht, werden wir nur das Ego kennenlernen, und sonst nichts. Das Ego wird "das selbstbewußte Herz" genannt. Wir bleiben dann nichts als ein Bündel von Gedanken. Dieses Gedankenbündel gibt uns ein Bewußtsein des Selbst, dieses "Ich bin". Descartes, der Vater der modernen westlichen Philosophie, sagt: "Ich denke, also bin ich." Seine eigene Interpretation ist ganz anders, denn er war kein medititativer Mensch, aber das Statement ist schön; es ist schön in einem total anderen Kontext. Der Taoismus gibt ihm eine andere Bedeutung. Ja, ich bin – nur wenn ich denke. Wenn das Denken verschwindet, verschwindet das Ich auch. "Ich denke, deswegen bin ich" – dieses Ich-Bin-Sein, dieses selbstbewußte Herz, ist nichts als ein Kontinuum von Gedanken. Es ist nicht wirklich eine Wesenheit, es ist eine falsche Wesenheit, eine Illusion.

19.02.2006 um 19:59 Uhr

Tao Te King 16 (2)

von: tao

Der Mensch hat den Tod für den Feind des Lebens gehalten,

als wenn der Tod da ist, um das Leben zu zerstören,

als wenn der Tod gegen das Leben ist.

Wenn dies die Konzeption ist, dann müssen wir natürlich den Tod bekämpfen,

und das Leben wird zu einer Anstrengung, den Tod zu überleben.

Dann kämpfen wir damit gegen unseren eigenen Ursprung,

wir kämpfen somit gegen unsere Bestimmung,

wir kämpfen gegen etwas, was sich ereignen wird.

Der ganze Kampf ist absurd, denn der Tod ist unvermeidlich.

Wenn es etwas außerhalb von uns wäre, könnte es vermieden werden,

aber es ist innen. Wir tragen es von dem Moment an in uns, in dem wir geboren werden.

Wir fangen wirklich dann zu sterben an, wenn wir zu atmen beginnen,

im selben Moment.

Es ist nicht richtig, zu sagen, daß der Tod am Ende kommt,

er ist immer bei uns gewesen, von Anfang an.

Er ist Teil von uns, er ist unser innerstes Zentrum, er wächst mit uns,

und eines Tages kommt es zu einer Kulmination,

eines Tages kommt er zur Blüte.

Der Tag des Todes ist nicht der Tag, an dem der Tod kommt,

er ist der Tag des Erblühens.

Der Tod ist schon diese ganze Zeit über in uns gewachsen,

nun hat er einen Gipfel erreicht;

und erreicht erst einmal der Tod einen Gipfel, dann verschwinden wir wieder, zurück in den Ursprung hinein.

Aber der Mensch hat eine falsche Einstellung eingenommen

und diese falsche Einstellung erzeugt Kampf, Streit und Gewalt.

Ein Mensch, der denkt, daß der Tod der Feind ist

kann niemals ungezwungen sein und sich daheim fühlen. Das ist unmöglich.

18.02.2006 um 23:59 Uhr

Tao 109

von: tao

Ein Taoist ist jemand, der ausbalanciert ist: Was auch immer er tut, er ist immer in der Mitte. Er geht niemals ins Extrem, denn alles Extreme wird Spannungen und Ängste erzeugen. Wenn wir zuviel essen, entsteht Beklemmung, denn der Körper ist überlastet. Wenn wir nicht genug essen, dann ist da Beklemmung, weil der Körper hungrig ist. Ein taoistischer Mensch ist jemand, der weiß, wo er haltmachen muß; und das sollte aus unserer Bewußtheit herauskommen und nicht wegen einer bestimmten Lehre sein.

Wenn gesagt wird, wieviel man essen soll, dann wird sich das als gefährlich erweisen, denn es wird bloß ein Durchschnittswert sein. Jemand ist sehr dünn und ein anderer ist sehr fett, und wenn nun festgelegt wird, wieviel man essen sollte, dann mag dies für den einen zuviel sein und für den anderen mag das gar nichts sein. Also sollten keine rigide Regeln gelehrt werden, stattdessen sollte ein Gefühl für Bewußtheit vermittelt werden. Jeder hat einen verschiedenen Körper, auf ihn sollte er hören. Und dann gibt es verschiedene energetische Typen, verschiedene Arten involviert zu sein. Jemand ist ein Professor in einer Universität; er verbraucht nicht soviel Energie, soweit es seinen Körper betrifft. Er wird nicht viel Nahrung brauchen, und er wird eine andere Art von Ernährung brauchen. Jemand ist ein Arbeiter; er wird viel Nahrung brauchen, und eine andere Art von Ernährung. Ein rigides Prinzip würde da zur Gefahr werden. Keine Regel kann als eine Universalregel gegeben werden.

George Bernard Shaw hat gesagt, es gibt nur eine goldene Regel, daß es keine goldene Regeln gibt. Es gibt also keine goldene Regel - es kann sie nicht geben, denn jedes Individuum ist so einzigartig, daß niemand etwas vorschreiben kann. Es geht also darum, einen Sinn dafür zu entwickeln... einen Sinn nicht für Prinzipien, nicht für Gesetze; einen Sinn für Bewußtheit, denn heute brauchen wir vielleicht mehr Essen und morgen brauchen wir vielleicht nicht soviel Nahrung. Es ist ja nicht nur eine Frage unserer Unterschiedlichkeit von anderen – jeder Tag unseres Lebens ist verschieden von jedem anderen Tag. Den ganzen Tag haben wir uns ausgeruht, dann brauchen wir vielleicht gar nicht viel Nahrung. Den ganzen Tag haben wir im Garten geschuftet und umgegraben, dann brauchen wir vielleicht viel Essen. Man sollte einfach aufmerksam sein und man sollte fähig sein, darauf zu hören, was der Körper gerade sagt, also körpergemäß vorgehen.

Weder ist der Körper der Meister noch ist der Körper der Sklave; der Körper ist unser Freund – schließen wir Freundschaft mit unserem Körper. Derjenige, der laufend zuviel ißt, und derjenige, der laufend Diät hält, sind beide in der gleichen Falle. Sie sind beide taub; sie hören nicht auf das, was der Körper gerade sagt. Wenn wir respektvoll essen, liebevoll, meditativ, ist das Essen eine Gottesgabe, eine Gabe für Gott, denn Gott ist ins uns.

17.02.2006 um 21:13 Uhr

Tao 93/7

von: tao

Baul Panchuchand singt:

"Hör nicht auf deinen Kopf,

der immer wieder in die Irre führt.

Denk nicht nur daran,

sondern fessle deines Meisters Hand und Fuß.

Schneide dir einen Stock aus Liebe

und prügel ihn, bis er grün und blau ist"

-- aber es ist ein Stock aus Liebe --

"Der Meister muß sich auf ewig verneigen

zu Füßen des Schülers..."

Absurde Sprüche, aber sehr schön.

Es geschah, daß Buddha, in einem früheren Leben,

als er noch kein Buddha war,

von einem Mann hörte, der erleuchtet geworden war.

Er ging hin, um ihn zu sehen.

Er berührte seine Füße.

Dann plötzlich war er erstaunt

denn dieser erleuchtete Mensch, dieser Buddha,

berührte Buddhas Füße.

Buddha sagte: Was tust du da ?

Ich bin ein unerleuchteter unwissender Mensch, ein Sünder –

und du, du berührst meine Füße ?

Ich sollte deine Füße berühren – das ist in Ordnung,

aber warum berührst du denn meine Füße ?

Dieser erleuchtete Mensch begann zu lachen und dann sagte er:

Du weißt es vielleicht noch nicht,

aber du bist auch ein Buddha.

Früher oder später wirst du ein Buddha werden.

Du magst nicht imstande sein, es zu sehen, aber ich kann es sehen.

16.02.2006 um 14:43 Uhr

Tao 108

von: tao

Die Suche nach Erleuchtung ist eine selbstsüchtige Suche.

Die selbstsüchtigste noch dazu.

Es gibt nichts vergleichbares,

sie ist unvergleichlich selbstsüchtig.

Und man muß selbstbezogen sein,

man kann gar nicht anders sein.

Und all die Lehren,

die uns ständig erzählen, nicht selbstsüchtig zu sein

haben nichts geholfen;

im Gegenteil,

sie haben unser Wesen verwirrt,

sie haben uns verrückt und unnatürlich gemacht.

Das Selbst ist unser Zentrum,

und selbstbezogen zu sein ist die einzige Seinsweise, die es gibt.

Je mehr wir versuchen, nicht selbstsüchtig zu sein

desto exzentrischer werden wir.

Das Wort exzentrisch ist schön;

es bedeutet einfach: weg vom Zentrum.

Dann sind wir nicht mehr in uns selbst verwurzelt,

dann sind wir nicht mehr in unserem Wesen gegründet,

und ein Mensch, der nicht in seinem Sein gründet,

lebt ein falsches Leben, er lebt ein künstliches Leben.

Sein ganzes Leben

ist mehr wie ein Traum als wie eine Realität.

Und tief in uns sind wir hilflos.

Tief in uns bleiben wir selbstbezogen.

Wir können also höchstens Heuchler werden.

15.02.2006 um 11:29 Uhr

Tao 93 (6)

von: tao

Wir bringen ein Herz mit uns in die Welt,

den Kopf bringen wir nicht mit –

der wird von der Gesellschaft konditioniert und trainiert.

Ist uns schon jemals der Gedanke gekommen,

daß es irgendeine Möglichkeit für ein Herz gäbe,

ein Mohammedaner zu sein

oder ein Christ oder ein Parse oder ein Hindu ?

Das Herz ist einfach das Herz,

aber der Kopf ist ein Hindu,

der Kopf ist christlich,

der Kopf ist ein Islamist.

Das Herz ist weder deutsch noch chinesisch noch amerikanisch,

es ist einfach menschlich.

Aber der Kopf ist Deutscher, Chinese, Amerikaner ...

Der Kopf gehört zu der Welt,

das Herz gehört zu uns.

Der Kopf wird von der Welt trainiert,

er ist die Welt, in uns hineingesteckt.

Darum führt er in die Irre.

Er sagt ständig Dinge, die gegen das innerste Fließen gehen.

Er zieht ständig unsere Energien ab,

er lenkt die Energien ab,

gemäß der Gesellschaft, in der wir aufgezogen worden sind.

Das Herz ist natürlich,

der Kopf ist sozial.

Der Kopf kommt vom Kollektiv,

das Herz kommt vom Universum.

14.02.2006 um 13:22 Uhr

Ko Hsuan 1/7

von: tao

Immer wenn man Tao erlebt, ist es immer das gleiche, es ändert sich nicht; die Zeit macht keinen Unterschied. Aber was Ko Hsuan schreibt, war schon jahrhundertelang wortwörtlich mündlich überliefert worden, vielleicht schon seit tausenden von Jahren. Darum wissen wir nicht genau, wessen Worte das wirklich sind.

Ko Hsuan sagt einfach: "Der ehrwürdige Meister sagte..."

Wer ist dieser Meister ? Über ihn wird nichts gesagt. Vielleicht repräsentiert der Meister einfach all die Meister der Vergangenheit und all die Meister der Gegenwart und all die Meister der Zukunft. Vielleicht repräsentiert es einfach die essentielle Weisheit – nicht irgendeine spezielle Person, sondern einfach das Prinzip. Auch über Ko Hsuan ist nichts bekannt, überhaupt nichts. Daher hatte man mindestens einige Jahrhunderte lang gedacht, daß diese Worte zu Lao-tse gehörten. Aber Lao-tse hat eine andere Art zu sprechen, eine ganz andere Ausdrucksweise; diese Worte können nicht von Lao-tse kommen. Wir haben uns schon mit den Worten von Lao-tse beschäftigt; er ist sogar noch verrückter als Ko Hsuan, er ist sogar noch mystischer. Und es ist eine wohl bekannte Tatsache, daß er niemals irgendetwas anderes schrieb als das Tao Te King, und auch das schrieb er unter Druck, im letzten Moment, als er gerade dabei war, China zu verlassen, um im Himalaya zu sterben. Er hatte sich entschlossen, in den Bergen zu sterben, und man kann keinen schöneren Platz zum Sterben finden, als den Himalaya – das Schweigen des Himalaya, die unberührte Stille, die Schönheit, die Natur in ihrer tiefgründigsten Herrlichkeit. Als er also sehr alt wurde, sagte er zu seinen Schülern: "Ich mache mich auf den Weg in den Himalaya, um einen Platz zu finden, wo ich in die Natur verschwinden kann, wo niemand etwas über mich wissen wird, wo kein Monument zu meinen Ehren errichtet werden wird, kein Tempel, nicht einmal ein Grab. Ich möchte einfach verschwinden, als wenn ich niemals existiert hätte." Als er nun das Land durchreiste, wurde er an der Grenze gestoppt, denn der Kaiser hatte all die Grenzposten alarmieren lassen und angeordnet, daß "wenn Lao-tse durch irgendeinen Grenzübergang aus dem Land ausreisen möchte, sollte er daran gehindert werden, es sei denn, er schreibt das auf, was auch immer er erfahren hat". Sein ganzes Leben lang hatte er genau das vermieden. Am Ende, so wird gesagt, weil er an der Grenze gefangen genommen worden war und sie ihn nicht in den Himalaya gehen ließen, blieb er drei Tage lang in einer Hütte der Grenzwache und schrieb bloß die kleine Abhandlung Tao Te King. Es kann also nicht sein, daß der Klassiker der Reinheit zu Lao-tse gehört. Aber weil über Ko Hsuan nicht viel bekannt ist, dachten die Leute in der Regel, daß dies die Worte von Lao-tse sein müssen, und Ko Hsuan muß ein Schüler von Lao-tse sein, der sie einfach aufgeschrieben hat – die Notizen eines Schülers. Dem ist nicht so. Ko Hsuan ist selbst ein eigenständiger Meister.

13.02.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 15 (6)

von: tao

Je weiter eine Sache weg von uns ist, desto weiser sind wir diesbezüglich, je näher sie uns kommt, desto geringer wird unser Verständnis davon. Und wenn es dann um unser eigenes Selbst geht, sind wir absolut ignorant. Das ist der Grund, warum wir feststellen können: Wir sind so clever, wenn es darum geht, andere zu beraten, aber nicht, wenn es um uns selbst geht. Wenn wir einen Menschen sehen, der einem anderen gute Ratschläge gibt, erscheint er uns sehr weise, aber was er dann tut, wenn die gleiche Situation ihm passiert, ist sehr idiotisch. Was ist der Grund dafür, daß wir anderen raten können ? Der andere ist auf Entfernung, in einer gewissen Distanz zu uns. Unser Verstehen fokussiert sich in einer gewissen Entfernung, und dort können wir die Dinge klar sehen. Sowie unser Verstehen uns immer näher kommt, verlieren unsere Augen die Scharfeinstellung. Wenn unsere Augen versuchen, die Dinge immer noch zu sehen, auch wenn sie uns selbst immer näher kommen, dann wird alles zunehmend verschwommen, und wenn wir schließlich auf unser Zentrum, in die Mitte, schauen, dann wird alles dunkel. Eine andere Art zu verstehen ist erforderlich, ein Verstehen, das sich auf das Selbst ausrichten kann.

Taoismus bedeutet die Kraft, sich auf das eigene Selbst zu zentrieren: Ein profundes, selbstzentriertes Verstehen, das die Macht verleiht, auf das eigene Selbst zu schauen, so wie wir die anderen sehen, so wie wir andere beraten. Die Fähigkeit, über sich selbst hinaus zu gehen, von sich selbst getrennt zu sein, unberührt und unbeeinflußt von sich selbst, neben sich zu stehen, gibt us die Stärke und Macht, in die tiefen Mysterien des Taoismus hineinzukommen. Wir sind sehr weise Leute, speziell da, wo es um nutzlose Dinge geht. Je nutzloser eine Sache ist, desto großartiger ist unser Verstehen. Je zweckmäßiger etwas ist, desto mehr streikt unser Intellekt. Wir sind Kunsthandwerksmeister in der sachkundigen Beurteilung von all dem Mist im Leben, aber wenn wir auf einen Diamanten stoßen, sind wir blind ! Sagt Lao-tse: "Viele sind in die Welt der Religion eingetreten, aber sie waren jenseits des Verständnisses des gewöhnlichen Menschen." Warum ? Er gibt uns auch Gründe an. Es gab viele Mißverständnisse in Bezug auf diese Menschen, weil sie sich jenseits der normalen Intelligenz befanden. Wir werden merken, wie tief unsere Mißverständnisse gehen, wenn Lao-tse die Attribute dieser Personen erklärt. Und weil sie jenseits unseres Verstehens sind, können ihre Eigenschaften nicht klar definiert werden. Wie können nur mühsam versuchen, ihr Verhalten zu verstehen. Warum ? Wir haben eine Sprache, die dafür da ist, das Leben, wie wir es leben, zu erfassen, aber wir haben keine Sprache, mit der wir das Leben begreifen könnten, das wir niemals gelebt haben. Wenn eine Nutzlosigkeit erklärt werden soll, haben wir clevere Wörter, um dies auszudrücken. Haben wir schon gemerkt, daß wir so gesprächig werden, wenn wir wütend sind, aber wenn es darum geht, Liebe auszudrücken, dann suchen wir nach Worten ? Und wenn es um meditative Zustände geht, können wir kaum Worte finden !

12.02.2006 um 12:27 Uhr

Tao Te King 15 (5)

von: tao

In der Wissenschaft haben wir nur die Sammlung von Wissen erweitert. Daher hängt unsere Erziehung weniger vom Verstehen ab und mehr von der Ansammlung von Informationen. Unsere Erziehung entwickelt die Kraft des Memorierens, die Fähigkeit, sich zu erinnern, anstatt unser Verstehen zu entwickeln. So kommt es, daß all unsere Prüfungen auf der Erinnerungsfähigkeit basieren, und nicht auf dem Intellekt. Aber in der Religion ist es anders herum. Die Religion wird niemals dadurch verstanden, daß man sich erinnern kann. Das Verständnis muß entwickelt werden. Je stärker das Verstehen, desto leichter ist es, Religion zu verstehen. Unser Durchschnittsalter, was die Intelligenz betrifft, liegt bei dreizehneinhalb Jahren. Es gibt eine schöne Geschichte über Lao-tse, daß er alt geboren wurde. Dies ist sehr symbolisch, denn von Kindheit an hatte Lao-tse schon den Intelligenzquotienten eines hundert Jahre alten Menschen, dessen Verstehen sich zusammen mit seinem Alter entwickelt hatte. Die Ansammlung von Informationen und Verstehen ist der Unterschied zwischen Wissen und Weisheit. Wissen kann anwachsen ohne daß sich Weisheit entwickelt, aber Weisheit ist nicht möglich, ohne daß sich Verstehen entwickelt. Der Taoismus spricht von einem ganz anderen Bereich, der nur in den Bereich unseres Verstehens eintritt, wenn unser Intellekt sich einer totalen Transformation unterzogen hat. Sagt Lao-tse: "Die kundigen Meister (des Tao) in den alten Zeiten, mit einem subtilen und exquisiten Einfühlungsvermögen, erfaßten seine Mysterien, die so tief waren, daß sie sich dem Wissen des Menschen entzogen." Sogar heute befindet sich der Taoismus jenseits des menschlichen Wissens. Vielleicht wird der Taoismus immer jenseits des menschlichen Verstehens sein, denn das Verstehen des Menschen reicht nur dafür aus, Objekte zu begreifen, aber ist nicht kompetent genug, um Erfahrungen zu verstehen. Es ist geeignet dafür, andere zu verstehen, aber nicht in der Lage, uns dabei zu helfen, uns selbst zu verstehen. Es ist sehr leicht für uns, andere zu verstehen, aber sehr schwierig, unser eigenes Selbst zu verstehen. Wir haben nicht das Verständnis dafür, uns selbst zu verstehen. Es ist ungefähr so, wie wenn mein Sehvermögen schwach wird, und ich nur noch Objekte in einiger Entfernung sehen kann und nicht nur aus der Nähe, was bedeutet, daß ich weitsichtig geworden bin und daß sich die Scharfeinstellung meiner Augen durch meinen Augenmuskel auf die weite Entfernung fixiert hat. Wenn ich Objekte sehen möchte, die in meiner Nähe sind, werde ich von einer Brille Gebrauch machen müssen. Also ist es leichter für mich, Objekte aus der Ferne als Objekte aus der Nähe zu sehen. In fast der gleichen Manier ist das Verstehen des Menschen auf die lange Sicht fixiert, auf die Weitsicht, so daß es leichter für uns ist, andere zu sehen und andere zu verstehen. Doch wenn es um uns selbst geht, dann müssen wir passen.

11.02.2006 um 12:50 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (14)

von: tao

Da war ein junger Wissenschaftler, dessen Vater war gegen seine wissenschaftliche Forschung. Der Vater hielt dies immer für nutzlos. Er sagte zu seinem Sohn: Verschwende doch nicht deine Zeit. Es ist besser, du wirst ein Arzt, das wird praktischer sein und hilfreicher für die Menschen. Bloße Theorien, abstrakte Theorien der Physik, helfen da nichts. Schließlich überzeugte er seinen Sohn und der wurde ein Arzt.

Der erste Mann, der zu ihm in die Sprechstunde kam, litt an akuter Lungenentzündung. Der Doktor konsultierte seine Bücher – denn er war ein Schriftgelehrter, ein abstrakter Denker. Er blätterte und blätterte. Der Patient wurde immer ungeduldiger, er sagte: Wie lange muß ich denn noch warten ? Der Wissenschaftler, der jetzt ein praktischer Arzt war, sagte: Ich denke nicht, daß es noch irgendeine Hoffnung gibt. Sie werden sterben müssen. Für diese Krankheit gibt es keine Behandlung, sie ist schon über das behandlungsfähige Stadium hinausgegangen. Der Patient war ein Schneider, er ging nach Hause.

Zwei Wochen später kam der Doktor vorbei und er sah den Schneider bei der Arbeit, gesund und voll Energie. Also sagte er: Was denn, Sie leben immer noch ? Sie sollten schon seit langem tot sein. Ich habe meine Fachbücher konsultiert und dies ist unmöglich. Wie schaffen Sie es nur, immer noch lebendig zu sein ? Der Schneider sagte: Sie sagten mir, daß ich innerhalb einer Woche würde sterben müssen, also dachte ich: Warum dann nicht richtig leben ? Bloß noch eine Woche bleibt mir und Kartoffel-Pfannkuchen sind meine Schwäche. Also ging ich aus Ihrer Praxis raus und ging geradewegs in das Cafe, aß zweiunddreißig Kartoffel-Pfannkuchen und augenblicklich spürte ich eine große Welle an Energie. Und nun bin ich wieder absolut in Ordnung ! Kaum wieder daheim, notierte sich der Arzt in seinem Tagebuch, daß zweiunddreißig Kartoffel-Pfannkuchen ein sicheres Heilmittel sind für schwere Fälle von Pneumonie.

Der nächste Patient hatte nun zufällig auch Lungenentzündung. Er war ein Schuhmacher. Der Doktor sagte: Machen Sie sich keine Sorgen. Die Behandlung dafür ist entdeckt worden. Gehen Sie gleich los und essen Sie zweiunddreißig Kartoffel-Pfannkuchen. Nicht weniger als zweiunddreißig, und Sie werden wieder in Ordnung sein – ansonsten werden Sie innerhalb einer Woche sterben. Nach einer Woche klopfte der Arzt an die Tür des Schumachers. Sie war zugesperrt. Der Nachbar sagte: Er ist tot. Ihre Kartoffel-Pfannkuchen haben ihn umgebracht. Sofort notierte er sich in seinem Tagebuch: Zweiunddreißig Kartoffel-Pfannkuchen helfen Schneidern, sie töten aber Schuhmacher.

Das ist das abstrakte Denken. Der Schriftgelehrte kann nicht praktisch sein.

10.02.2006 um 12:55 Uhr

Tao 93 (5)

von: tao

Wenn wir hungrig sind, werden wir besessen vom Essen.

Wenn wir gerade fasten

denken wir nur an Essen und an nichts sonst.

Wenn wir versuchen, von unserer Frau loszukommen,

werden wir vom Sex besessen sein;

wir werden nur an Sex denken und an nichts sonst.

Wenn wir dem Tao ergeben sein wollen,

wenn wir wirklich die Wahrheit kennenlernen wollen,

sollten wir ungebunden leben, aber leben.

Ungebundenheit sollte eine Lebensweise sein, kein Verzicht.

Lebe ungebunden, aber die Betonung liegt auf dem in der Welt sein – lebe !

Versuche nicht einen langsamen Selbstmord zu begehen – lebe es

durch und durch !

Lebe bindungslos, heimatlos, trotz der Heimat, dem Zuhause;

lebe im Zuhause, aber heimatlos.

Lebe mit der Familie, aber als wenn du alleine wärst.

Geh mit der Menge

aber werde niemals Teil der Masse.

Sei auf dem Marktplatz

aber verliere niemals dein inneres Meditativsein.

"Höre nicht auf deinen Kopf

der dich für immer in die Irre führt."

Warum führt der Kopf immerwährend in die Irre ?

Tatsächlich gehört der Kopf nicht zu uns,

das ist der Grund, warum er in die Irre führt.

Der Kopf ist ein Trick, den die Gesellschaft mit uns spielt.

Der Kopf ist wie ein Mechanismus, von der Gesellschaft uns angehängt, von der Gesellschaft uns aufgezwungen.

09.02.2006 um 14:04 Uhr

Tao 107

von: tao

In dem Moment, in dem wir unser Gewöhnlichsein akzeptieren, werden wir außergewöhnlich. In dem Moment, in dem wir unsere Unwissenheit akzeptieren, ist der erste Lichtstrahl in unser Wesen eingetreten, die erste Blume ist erblüht. Der Frühling ist nicht weit weg.

Jesus sagt: Vergib deinen Feinden, liebe deine Feinde. Und er hat recht, denn wenn wir unseren Feinden vergeben können, werden wir frei von ihnen sein, ansonsten werden sie uns weiterhin beunruhigen. Feindschaft ist eine Art von Beziehung; sie geht tiefer als unsere sogenannte Liebe.

Eine harmonische Liebesaffäre scheint langweilig und zum Sterben verurteilt zu sein, aus dem einfachen Grund, weil sie harmonisch ist; sie verliert für das Ego alle Attraktion; es hat den Anschein, als wenn es sie gar nicht gibt. Wenn sie absolut harmonisch ist, werden wir sie völlig aus dem Sinn verlieren. Irgendein Konflikt ist nötig, irgendein Kampf ist nötig, irgendwelche Gewalt ist nötig, irgendein Haß ist nötig. Liebe – unsere sogenannte Liebe – geht nicht sehr tief; sie ist nur hauchdünn, sie geht nicht unter die Haut, vielleicht nicht einmal an die Haut. Aber unser Haß geht sehr tief; er geht so tief wie unser Ego.

Jesus hat recht, wenn er sagt: "Vergib", aber er ist jahrhundertelang mißverstanden worden. Buddha sagt die gleiche Sache – all die wachgewordenen Menschen sagen zwangsläufig das gleiche. Ihre Sprachen können unterschiedlich sein, ganz natürlich so – verschiedene Zeitalter, andere Zeiten, unterschiedliche Leute – sie müssen unterschiedliche Sprachen sprechen, aber der wesentliche Kern kann nicht anders sein. Wenn wir nicht vergeben können, bedeutet das, wir werden mit unseren Feinden leben müssen, mit unseren Verletzungen, mit unseren Schmerzen.

Auf der einen Seite wollen wir also vergeben und vergessen, denn der einzige Weg zu vergessen ist zu vergeben – wenn wir nicht vergeben, können wir nicht vergessen – aber auf der anderen Seite besteht noch eine tiefere Verwicklung. Bevor wir diese Verstrickung nicht sehen, werden Jesus und Buddha nicht helfen können. Ihre schönen Aussprüche werden von uns erinnert werden, aber sie werden nicht Teil unseres Lebensstils werden, sie werden nicht in unserem Blut zirkulieren, in unseren Knochen, in unserem Mark und Bein. Sie werden kein Teil unseres spirituellen Klimas sein; sie werden uns fremd bleiben, etwas, was von außen her aufgesetzt worden ist; schön, zumindest intellektuell findet es unseren Beifall, aber existentiell werden wir weiter in derselben alten Art und Weise leben. Also ist es wichtig, folgendes zu beachten: Das Ego ist das negativste Phänomen in der Existenz. Es ist wie Dunkelheit.