Taoistische Reflektionen

31.05.2006 um 21:32 Uhr

Tao 152

von: tao

Diese Leere, von der der Taoismus spricht, ist nicht negativ.

Das wird leicht missverstanden,

denn allein schon das Wort „Leere“ sieht aus wie die Abwesenheit von etwas.

Nein, das ist sie nicht, sie ist nicht negativ, das ist nicht wie bei der Dunkelheit;

es ist ein positives Phänomen. Wir sind ein Nicht-Selbst.

Wenn diese Positivität nicht beachtet wird,

wird uns das Wort „Leere“ eine falsche Assoziation vermitteln,

dann denken wir vielleicht, es ist einfach leer.

Taoistische Leere ist keine Leere von etwas,

es ist damit auch nicht die Abwesenheit von etwas gemeint. Nein.

Es ist Leersein, es ist Leere an sich, es ist die Leere selbst.

Leere wird als ein positiver Begriff verwendet,

und wenn es positiv ist, ist es total anders.

Wir haben Leere nur auf negative Weise kennen gelernt.

Wenn wir in ein Zimmer gehen und da sind keine Möbel,

sagen wir, der Raum ist leer, da ist nichts.

Wir gehen wieder hinaus und wenn wir gefragt werden,

was wir in dem Zimmer gesehen haben,

werden wir sagen: Es ist leer.

Keine Möbel, keine Bilder an den Wänden, nichts – bloß leer.

Wir gingen in das Zimmer, aber wir sahen nur den negativen Teil.

Der Raum ist voll mit „Räumlichkeit“, die ist uns nicht begegnet;

ein Raum ist Leere, ein Zimmer bedeutet Raum.

Etwas kann hineingebracht werden, Möbel können hineingetragen werden,

denn da ist Freiraum, da ist Leere, da ist Platz.

So haben wir das nicht gesehen. Sonst wären wir herausgekommen

und hätten geantwortet, das Zimmer ist vollständig,

da ist nichts, da existiert nur Leere,

der Raum ist bereit dafür, irgendetwas in sich aufzunehmen – er hat Platz.

Dann haben wir die positive Leere zur Kenntnis genommen.

30.05.2006 um 22:11 Uhr

Tao 151

von: tao

Das Ziel ist in der Zukunft.

Und ein Denken, das zielorientiert ist,

ist zwangsläufig in der Zukunft.

Besser wäre es, auch schon den Gedanken daran aufzugeben,

irgendetwas, was auch immer, zu erreichen:

Erleuchtung, moksha, Nirvana, Gott miteingeschlossen.

Wenn wir dieses zielorientierte Denken loslassen –

und es gibt nur ein zielorientiertes Denken,

es gibt kein anderes Denken –

wenn wir das sein lassen, sind wir erwacht.

Erleuchtung ist keine Suche,

es ist eine Verwirklichung.

Es ist kein Ziel !

Es ist die eigentliche Natur des Lebens selbst.

So wie das Leben ist, ist es erleuchtet.

Ihm braucht nichts hinzugefügt werden,

um es zu verbessern.

Das Leben ist perfekt.

Es bewegt sich nicht von Unvollkommenheit zu Vollkommenheit,

es bewegt sich von Perfektion zu Perfektion.

Wenn wir etwas erreichen wollen,

funktioniert das als eine Barriere.

Besser wäre es, diese Barriere aufzugeben

und einfach zu sein !

Besser, auf jede Absicht zu vergessen, das Leben kann keinerlei Zweck haben.

Das Leben ist der Zweck,

wie kann es da irgendeinen anderen Zweck haben ?

29.05.2006 um 13:04 Uhr

Tao 150

von: tao

Beim Yoga gibt es den Pfad des Handelns (Karma-Yoga), den Pfad des Wissens (Jnana-Yoga) und den Pfad der Hingabe (Bhakti-Yoga). Im Taoismus folgt man allen drei Wegen: Handeln mit Liebe und Bewußtheit. Liebe mit Bewußtheit und Liebe, die kreativ gestaltet wird. Man braucht Bewußtheit nicht gegen Liebe zu stellen, sondern sie mit dem Saft der Liebe durchtränken. Und die Bewußtheit kann an der Existenz teilhaben, sie kann kreativ sein.

Diese drei sind Teil unseres Wesens. Dies ist die wirkliche Trinität. Und wenn wir eines davon vermeiden, dann wird etwas in uns verneint werden und wir werden stecken bleiben. Wir können nur als als ein ganzheitliches Wesen wachsen.

Ein Dorfbewohner ging zum ersten Mal in die Hauptstadt seines Landes und bat einen Taxifahrer, ihn zu einem bestimmten Platz zu fahren. Es handelte sich dabei nun um einen großen Platz. Der Taxifahrer fragte: "Welcher Teil ?" Und der Mann vom Land sagte: "Teil ? Ich möchte als ganzes dorthin."

Wir können nicht nur teilweise gehen. Wir können nur gehen, wenn wir ganz sind. Handlung ist ein Muß, Bewußtheit auch, und auch Liebe. Warum sollten wir auswählen ? -- das ist nicht nötig. Jede Auswahl käme einem Selbstmord gleich. Besser ist es, die drei zu vermischen und zu vermengen, sie sich treffen und eins werden zu lassen. Wir können diese Trinität sein, trimurti. Dies sind die drei Gesichter Gottes.

Mulla Nasrudins Schwiegermutter starb, weit weg in Brasilien. Telegrafisch wurde er gefragt, wie mit ihren sterblichen Überresten verfahren werden sollte. Er erwiderte: "Einbalsamieren, verbrennen, begraben. Geht kein Risiko ein."

Ein Mensch, der nicht ist, ist Tao. In dem Moment, in dem wir nicht sind, sind wir Tao. Tao ist nicht irgendetwas Spezielles; Tao ist unser eigentliches Sein, Tao ist unsere wahre Existenz. Tao zu sein bedeutet zu existieren. Existenz und Tao sind synonym. Auch die Bäume sind Tao, auch die Felsen, und wir sind es auch. Wir mögen uns unserer Göttlichkeit nicht bewußt sein, ein Mensch des Tao ist es. Und in dem Moment, in dem er sich seiner Göttlichkeit bewußt wird, wird er sich auch der Göttlichkeit jedes anderen bewußt.

Alle Wesen sind Götter auf verschiedenen Stufen des Wiedererkennens, der Realisation, der Bewußtheit. Die Christenheit hat dem Westen eine sehr beschränkte Idee von Gott gegeben. Ihre Vorstellung von Gott ist ein sehr eingeschränktes Konzept. In Indien gibt es drei Wörter für Gott; keine andere Sprache hat solchen Reichtum. Und sicherlich kommt dies daher, daß man dort jahrhundertelang an der Innerlichkeit gearbeitet hat, daß man tausende von Jahren dem Weg nach Innen gewidmet hat, natürlicherweise ist man auch all den Möglichkeiten der Existenz Gottes nachgegangen.

28.05.2006 um 23:40 Uhr

Tao 149

von: tao

Ein Zen-Meister wurde gefragt: "Kannst du etwas über Gott sagen ?" Er blieb ganz still; er hörte der Frage mit offenen Augen zu und dann schloß er seine Augen. Es verstrichen einige Momente. Dem Fragesteller schienen diese wenigen Momente sehr lang zu sein. Er wartete und wurde unruhig, und der Meister hatte sich in irgendeinen anderen energetischen Zustand versetzt. Da war große Ekstase auf seinem Antlitz, aber keine Antwort. Diese Ekstase war die Antwort. Da war völliges Schweigen in seinem Sein, und die Stille vibrierte überall um ihn herum. Man hätte sie fast schon berühren können, sie war so gegenständlich. Aber der ruhelose Fragesteller hatte nichts von all dem mitgekriegt; er war zu beschäftigt mit seiner Frage und so wartete er immer noch auf die Antwort. Er schüttelte den Meister und sagte: "Was tust du da ? Ich habe eine Frage gestellt und du schließt deine Augen und sitzt schweigend da. Beantworte die Frage !"

Und der Meister sagt: "Aber das habe ich doch getan. Dies ist meine Antwort !"

Aber dieser Mann, der die Frage gestellt hatte, war damit nicht zufrieden. Er wollte etwas verbal vermittelt bekommen. Er bestand darauf und wollte vorher den Meister nicht in Ruhe lassen. Also sagte der Meister: "In Ordnung." Sie saßen am Ufer eines Flusses. Der Meister schrieb mit seinem Finger in den Sand: MEDITATION.

Nun, die Frage ist nach Gott, und die Antwort handelt von Meditation – das ist doch völlig bedeutungslos. Und der Fragesteller hatte Recht, als er daraufhin sagte: "Machst du Witze oder was ? Ich frage nach Gott und du schreibst "MEDITATION" in den Sand ?

Und der Meister sagte: "Das ist alles, was ich sagen kann, oder was ich sagen darf. Du fragst mich nach dem Ziel, ich rede über den Weg, denn das Ziel ist unbegreifbar – so mysteriös, darüber kann nichts gesagt werden: Ich kann einfach nur still dasitzen. Wenn du Augen hast, zu sehen, dann sieh ! Wenn du Ohren hast, zu hören, dann höre ! Höre mein Schweigen und das Lied, das meine Stille darstellt, und die Musik, die in ihr entsteht. Wenn du es nicht hören kannst, zeigt das einfach, daß du Meditation brauchst. Also meditiere."

Der Mann sagte: "Bloß so wenig – ein Wort, "Meditation" ? Willst du das nicht noch ein wenig ausarbeiten ?"

Er schrieb es noch einmal mit größeren Schriftzeichen auf: MEDITATION. Das war seine Ausarbeitung.

Dieser Mann war durcheinander und sagte: "Aber du wiederholst dich doch einfach. Es bloß in größerer Schrift zu schreiben, hilft mir nichts."

Daraufhin schrieb es noch einmal mit noch größeren Schriftzeichen auf: MEDITATION. Er sagte: "Darüber kann einfach nicht mehr gesagt werden. Du wirst es schon tun müssen. Du wirst es schon sein müssen."

27.05.2006 um 23:59 Uhr

Tao 148

von: tao

Der hebräische Name der Mutter von Jesus ist "mariam". Das bedeutet Rebellion. Er hat auch noch eine andere Bedeutung – beide Bedeutungen sind schön. Die eine ist "Rebellion", eine andere ist "mühsam, hart". Der Weg des Tao verläuft auf des Messers Schneide. Er ist hart und mühsam. Jesus kommt durch diesen mühsamen Pfad, durch Mariam – es ist rebellisch und mühsam. Die größte Schwierigkeit, mit der man konfrontiert wird, ist das Ego.

Während eines Hochwassers in einer kleinen Stadt, hockte ein kleines Mädchen oben auf dem Dach eines Hauses zusammen mit einem kleinen Jungen. Wie sie da so saßen, bemerkten sie, wie ein schwarzer Hut, eine Melone, vorbeitrieb. Bald darauf drehte der Hut um und kam zurück. Dann kehrte er wieder um und ging flußabwärts und einmal mehr drehte er um und kam wieder zurück. Das kleine Mädchen sagte: "Was hältst du von dieser Melone ? Erst treibt sie stromabwärts, dann kehrt sie um und kommt wieder zurück." Der Junge erwiderte: "Oh, das ist mein Vater. Er sagte: "Egal was passiert, und wenn die Hölle zufriert, ich werde heute das Gras mähen.""

Wer so eigensinnig auf seinem Weg beharren kann, für den besteht eine Möglichkeit, daß neues Licht in seiner Seele dämmern kann. Wer verstanden hat, in dessen Seele zieht der Duft ein. Es ist nicht eine Frage, ob man sich etwas merken kann. Das ist nicht wie an einer Universität. Niemand wird unser Gedächtnis examinieren, niemand wird uns fragen, wieviel wir uns merken konnten. Ein taoistisches Gleichnis verstehen heißt nicht, es zu wiederholen, es zu erinnern, es auswendig zu lernen – nein. Darüber zu meditieren heißt: Den Duft dieser Parabel in der eigenen Seele freigesetzt werden zu lassen. Buddha hat gesagt, daß es drei Schritte gibt, wie man einem Buddha zuhören kann – drei Stufen. Als erstes: Hören; zweitens: Darüber nachdenken; drittens: Es leben. Hören bedeutet, wenn wir zuhören, sollten wir einfach zuhören, nicht darüber nachdenken, nicht laufend innerlich alles kommentieren: Richtig, Falsch, gut, schlecht. Kein Kommentar ist nötig; jeglicher Kommentar wird eine Ablenkung sein. Und wir werden es verpassen. Zuhören bedeutet nicht Konzentration, denn wenn wir uns konzentrieren, werden wir sehr angespannt werden. Bei einem verspannten Bewußtseinszustand ist Meditation nicht möglich. Hören, der erste Schritt, bedeutet: Einfach entspannt sein, offen, zugänglich, erreichbar. Wie bei einem Lied, sollten wir uns dafür öffnen und es in uns vibrieren lassen. Wir sollten uns darüber keine Sorgen machen, ob wir es uns merken können oder nicht – darum geht es gar nicht. Haben wir uns erst einmal darauf eingeschwungen, wird etwas davon in unser Wesen eingedrungen sein, wird Teil von uns werden. Tatsächlich ist das, was Teil von uns wird, wirkliches Wissen und wir brauchen es uns nicht einzubläuen. Das unwirkliche Wissen ist das, was wir uns in den Kopf gestopft haben und was kein Teil von uns geworden ist.

26.05.2006 um 00:00 Uhr

Quellender Urgrund 3/8 (6)

von: tao

Dies ist das erste Satori: Wenn ein Mensch so gelöst ist aus dem Griff der Vergangenheit, wenn der Einfluß, den die Vergangenheit auf ihn hat, so verblaßt, als wenn eine Schlange aus ihrer alten Haut geschlüpft ist. Dann ist er absolut neu geworden, wie ein Baum, der, nachdem er seine alten Blätter im Herbst fallengelassen hatte, neue Blätter sprießen läßt. In dem Moment, in dem etwas alt wird, einen Moment alt, wird es augenblicklich losgelassen. So schlüpft man wieder und wieder in die Gegenwart hinein. Das ist ein total neuer Lebenssstil – der Weg des Tao, der Weg des Zen, der taoistische Weg.

Das können wir in unserem eigenen Leben beobachten. Wie leben wir ? Bringen wir immer wieder die Vergangenheit mit hinein ? Leben wir immer durch die Vergangenheit ? Ist unser Leben zu sehr durch unsere Erinnerung gefärbt ? Dann leben wir das weltliche Leben. In der Erinnerung zu leben heißt in der Welt zu leben, sansara; ohne Erinnerung zu leben heißt im Tao zu leben, ohne Gedächtnis zu leben heißt in Nirvana zu leben, wach zu sein.

Wenn es in dem Gleichnis heißt, daß Hua Dsi sein Gedächtnis verlor, ist damit nicht gemeint, daß er geistesabwesend geworden war. Das ist nicht der Sinn dieses Ausdrucks. Geistesabwesend zu werden ist etwas ganz anderes. Das ist eine Krankheit. Geistesabwesenheit bedeutet, daß das Gedächtnis weiterarbeitet, aber verdreht ist. Wir wissen es, aber wir wissen es nicht genau. Eine geistesabwesende Person ist kein Mensch des Tao. Ein geistesabwesender Mensch ist geistesabwesend. Der Mensch des Tao ist äußerst gegenwärtig, er ist nicht geistesabwesend. Tatsächlich ist er so sehr gegenwärtig, daß die Erinnerung nicht mehr dazwischenfunken kann. Seine Gegenwärtigkeit ist gewaltig; seine Gegenwart ist so intensiv, das Licht der Gegenwärtigkeit ist so intensiv, daß das Gedächtnis sich nicht mehr einmischen kann. Er funktioniert aus der Gegenwart heraus, wir funktionieren aus unserer Erinnerung heraus.

Wenn also jemand geistesabwesend wird, sieht es aus, als wenn er krank ist – natürlicherweise – denn er vergißt laufend. Aber es ist nicht so, daß er wirklich vergessen hat, er erinnert sich daran, daß er es vergessen hat – dieser Unterschied ist entscheidend. Er erinnert sich daran, daß er vergessen hat; er weiß, daß er es eigentlich weiß und doch kann er sich nicht daran erinnern. Das ist der Mensch, der geistesabwesend ist.

Geistesabwesenheit ist eine unförmige Vergangenheit, eine unbeholfene Erinnerung, ein lausiges Gedächtnis.

Aber ein Mensch, der sein Gedächtnis in dem Sinn verloren hat, in dem die Taoisten diesen Begriff verwenden, ist ein Mensch, der aus der Gegenwärtigkeit seines Denkens heraus funktioniert – der Geistesgegenwärtigkeit.

25.05.2006 um 17:27 Uhr

Tao 147

von: tao

Die Rebellion des Taoismus ist die Rebellion gegen den alten Menschen, ist die Rebellion für den neuen Menschen. Der alte Mensch ist jenseitsgerichtet, der alte Mensch ist gegen diese Welt. Der alte Mensch schaut immer gen Himmel. Der alte Mensch kümmert sich mehr um das Leben nach dem Tod als um das Leben vor dem Tod. Der neue Mensch kümmert sich um das Leben vor dem Tod. Der neue Mensch kümmert sich um dieses Leben, denn wenn man sich um dieses Leben kümmert, wird das andere ganz von selbst folgen. Man braucht sich darüber keine Sorgen zu machen, man braucht nicht einmal darüber nachzudenken.

Der alte Mensch war zu sehr mit Gott beschäftigt. Aus Furcht heraus war diese Fixierung entstanden. Der neue Mensch kümmert sich nicht um Gott, aber er wird leben und diese Welt lieben, und aus dieser Liebe heraus die Existenz Gottes erfahren. Der alte Mensch ist spekulativ, der neue Mensch ist existentiell.

Der alte Mensch kann durch das Statement der Upanishaden definiert werden: neti neti, nicht dies, nicht das. Der neue Mensch ist lebensbejahend: iti iti, dies und das. Der alte Mensch ist auf jenes gerichtet, der neue Mensch kümmert sich um dieses, denn aus diesem heraus wird jenes geboren, und wenn wir uns zu sehr um jenes kümmern, verfehlen wir beides. Das Morgen ist im Schoß des Heute: Wenn wir uns um das Heute kümmern, haben wir uns auch um das Morgen gekümmert. Es ist nicht nötig, in irgendeiner Weise um das Morgen bekümmert zu sein. Und wenn wir uns zuviel Sorgen um das Morgen machen, haben wir das Heute versäumt ! Und das Morgen wird wieder als Heute daherkommen – es kommt immer als Heute. Und wenn wir diese selbstmörderische Gewohnheit, das Heute zu versäumen, gelernt haben, werden wir auch das Morgen versäumen. Wir werden immerzu versäumen. Der alte Mensch verpaßt ständig etwas, ist unglücklich und traurig. Und weil er so traurig ist, ist er gegen die Welt, er macht die Welt dafür verantwortlich, er schiebt Samsara, dem Kreislauf der Geburten, die Schuld zu. Er sagt: "Wegen der Welt bin ich unglücklich." Das ist nicht so. Die Welt ist ungeheuer schön – sie ist ganz voll Schönheit, Wonnen und Segnungen. An der Welt ist nichts verkehrt. Mit dem alten Denken ist etwas verkehrt. Das alte Denken ist entweder vergangenheitsorientiert oder zukunftsorientiert – Orientierungen, die nicht wirklich verschieden voneinander sind. Das alte Denken beschäftigt sich mit dem, was nicht ist. Der neue Mensch ist ganz im Einklang mit dem, was ist, denn das ist Tao, das ist Realität: iti iti, das ist es. Dieser Moment kann in seiner Totalität gelebt werden. Dieser Moment kann in seiner Spontaneität gelebt werden, ohne jedes a priori, ohne gedankliche Vorgaben. Der alte Mensch trägt vorgefertigte Antworten mit sich herum. Er ist vollgestopft mit Philosophie, Religion und allen Arten von Unsinn.

24.05.2006 um 18:51 Uhr

Quellender Ursprung 1/5 (1)

von: tao

"Als Konfuzius das Taishangebirge durchstreifte, sah er Yung Ki Ki durch das Hochmoor von Tscheng gehen, in einem struppigen Pelzmantel mit einem Strick um seine Hüfte gegürtet. Er klimperte auf einer Laute und sang dazu.

"Meister, was ist der Grund für deine Freude ?", fragte Konfuzius.

"Meiner Freuden sind viele. Von den Myriaden von Dingen, die der Himmel erzeugte, ist die Menschheit das edelste – und ich habe das Glück, menschlich zu sein. Dies ist meine erste Freude.

Leute werden geboren, die keinen Tag lang leben oder gerade einen Monat, die niemals ihren Windeln entwachsen, aber ich habe schon an die neunzig Jahre lang gelebt. Dies ist meine Freude.

Für alle Menschen ist Armut die Regel und der Tod ist das Ende. Indem ich mich mit diesem Regelfall abfinde und mein Ende erwarte, was gibt es da noch, worum ich mich bekümmern müßte ?"

"Gut !", sagte Konfuzius, "hier ist ein Mensch, der weiß, wie er sich selbst Trost verschaffen kann."

Dies ist eine schöne Parabel, und sie ist nicht nur schön, sondern sehr subtil. Wenn wir sie nur oberflächlich betrachten, werden wir die Bedeutung verfehlen. Taoistische Gleichnisse sind nicht an der Oberfläche zu verstehen. Sie gehen sehr tief, und man muß schon tief hineingehen, sie betrachten und über sie meditieren, nur dann wird man ihre wahre Bedeutung kennenlernen. Oberflächlich gesehen erweckt diese Parabel den Anschein, als wenn sie zugunsten von Konfuzius wäre; an der Oberfläche scheint es so, daß dieses Gleichnis die Aussage hat, daß Konfuzius weise ist. Die Wirklichkeit ist genau das Gegenteil.

Es besteht ein großer diametraler Gegensatz zwischen der taoistischen Einstellung und der konfuzianischen Einstellung; Konfuzius ist so weit weg von der taoistischen Vision, wie es nur möglich ist. Konfuzius glaubt an das Gesetz, Konfuzius glaubt an die Tradition, Konfuzius glaubt an die Disziplin. Konfuzius glaubt an Charakter, Moral, Kultur, Gesellschaft und Erziehung. Taoismus glaubt an Spontaneität, Individualität und Freiheit. Taoismus ist rebellisch; Konfuzius ist sehr konformistisch.

Der Taoismus ist der profundeste Non-Konformismus, der jemals irgendwo auf der Welt entwickelt worden ist, zu irgendeiner Zeit in der Geschichte; er ist seinem Wesen nach Rebellion. Diese Rebellion hatte sich also ereignet und die taoistischen Mystiker, Lao-tse, Dschuang Dsi und Liä Dsi, machen sich laufend über die konfuzianische Einstellung lustig. Dies ist ein spöttisches Gleichnis. Ihr Spott ist auch sehr subtil, nicht derb. Man muß erst die oberflächliche Bedeutung verstehen, dann kann man auch hinter den tieferen Sinn kommen...

23.05.2006 um 17:27 Uhr

Tao 146

von: tao

Das Land, in dem wir geboren sind, ist ein ganz spezielles Land.

Wenn wir ein Inder sind, dann ist das Land heilig,

wenn wir US-Amerikaner sind, ist es Gottes eigenes Land.

Wenn wir Deutscher sind, dann wissen wir genau,

daß wir die Besten in der Welt sind.

Wenn wir Engländer oder Franzosen sind, genau das gleiche.

Das passiert;

und das ist solch eine schlaue Methode

daß uns gar nicht bewußt wird, was wir uns damit selbst antun:

Indem wir unsere Religion zu etwas ganz Speziellem machen, werden wir etwas ganz Besonderes.

Es ist nicht so, daß die Christenheit etwas Besonderes ist,

eigentlich sind wir es, die so ganz etwas Besonderes sind !

Wegen uns erscheint uns die Christenheit etwas Besonderes zu sein.

Es ist nicht Amerika, das god´s own country ist,

es ist nur wegen uns, denn wir sind so religiös !

So geheiligt ist unser Wesen !

Wegen uns

wird ganz Indien ein religiöses Land, ganz speziell.

Wo immer wir geboren worden wären, würde sich das gleiche ereignet haben.

Wenn wir in Holland oder in China geboren worden wären,

hätte sich das gleiche abgespielt.

Versuchen wir, Einsicht zu bekommen.

Die Welt ist immer entweder gewöhnlich oder außergewöhnlich,

also hat es keinen Sinn, zu sagen, daß sie immer außergewöhnlich ist, das macht keinen Unterschied.

Wenn es gewöhnliche Momente gibt,

nur dann können einige Momente außergewöhnlich sein.

Wir können also entweder sagen, daß die Welt immer gewöhnlich ist,

diese Zeit gewöhnlich, das Land, die Religion – alles,

oder wir können sagen, es ist immer außergewöhnlich – das ist das gleiche,

denn dann gibt es nichts, mit was wir es vergleichen können, was einen Kontrast dazu hergibt.

22.05.2006 um 00:00 Uhr

Quellender Urgrund 2/14

von: tao

"Liä Dsi war auf dem Weg nach Tsi, kehrte aber auf halbem Wege um. Unterwegs begegnete er Be Hun Wu Jen, der ihn fragte, warum er umgekehrt sei. Er sprach: "Mich hatte etwas alarmiert." "Was war es ?" "Ich aß in zehn Wirtshäusern und in fünf behandelten sie mich vorzugsweise." "Wenn das alles ist, warum solltest du dadurch alarmiert sein ?" Liä Dsi sprach: "Wenn die innere Integrität eines Menschen nicht gefestigt ist, dann sickert etwas aus seinem Körper aus und wird zu einer Aura, die, außerhalb von ihm, einen Druck auf die Herzen der anderen ausübt; das bringt andere Menschen dazu, ihn mehr zu ehren als ihre eigenen Eltern oder Menschen, die eigentlich besser sind, und das wird ihn in Schwierigkeiten bringen. Das einzige Motiv eines Gastwirts ist, seinen Reis und seine Suppe zu verkaufen, und seinen Verdienst zu vermehren. Seine Gewinne sind mager und die Überlegungen, die ihn umtreiben, haben wenig Gewicht. Wenn nun Menschen, die so wenig an mir verdienen können, mich als einen Kunden derart hochschätzen, würde es dann nicht sogar noch schlimmer werden bei dem Herrn der zehntausend Kriegswagen, der seinen Körper zugrunde gerichtet und sein Wissen erschöpft hat in und durch seine Staatsgeschäfte ? Der Fürst von Tsi würde mich zu einem Diener des Staates ernennen und mir irgendein Amt anhängen und darauf bestehen, daß ich es effizient ausübe und erfülle. Das ist es, was mich alarmiert hat." Be Hun Wu Jen sprach: "Eine exzellenter Weg, die Dinge zu betrachten ! Aber sogar wenn du zuhause bleibst, werden dir andere Menschen Verantwortlichkeiten auferlegen."

Nicht lange danach, als Be Hun Wu Jen kam, um ihn zu besuchen, war Liä Dsis Veranda voll mit den Schuhen seiner Besucher. Be Hun Wu Jen blieb vor der Türe stehen und stützte sein Kinn auf seinen Stab. Nachdem er so dort für eine Weile gestanden hatte, ging er wieder, ohne ein Wort zu sagen. Der Pförtner sagte es Liä Dsi. Liä Dsi rannte barfuß nach draußen, wobei er seine Schuhe in seinen Händen hielt, und holte ihn am Hoftor ein.

"Nun, da du gekommen bist, Meister", sagte er, "willst du mir nicht einmal deinen Rat spenden und mir so deine Medizin zukommen lassen ?"

"Genug ! Ich sagte dir im Vertrauen, daß andere dir Verantwortlichkeiten aufhalsen würden, und es stellt sich heraus, daß dies schon passiert ist. Es ist nicht nur so, daß du nicht fähig dazu bist, ihnen zu gestatten, so vorzugehen, du bist unfähig, sie davon abzuhalten. Welchen Nutzen hat es für dich, daß du diese Wirkung auf Menschen hast, die so ganz und gar nicht zu deinem eigenen elementaren Frieden paßt ? Wenn du darauf bestehst, eine Wirkung auf andere auszuüben, wird dies dein grundlegendes Selbst verunsichern, und das ganz vergeblich und umsonst. Denn es wird nicht nur dir schaden, es wird auch niemandem anderen nützen."

21.05.2006 um 19:23 Uhr

Goldene Blüte 3/1-6 (1)

von: tao

"Meister Lü sagte:

Wenn das Licht dazu gebracht wird, sich kreisförmig zu bewegen, werden all die Energien von Himmel und Erde, von Licht und Dunkelheit, kristallisiert. Wenn man beginnt, diese Magie anzuwenden, ist es, als wenn es in der Mitte des Seins Nichtsein gäbe. Wenn im Laufe der Zeit das Werk vollendet ist, und es nun jenseits des Körpers einen Körper gibt, ist es, als wenn es mitten im Nichtsein Sein gäbe. Nur nach hundert Tagen konzentrierter Arbeit wird das Licht authentisch sein, nur dann wird es Geist-Feuer werden. Nach hundert Tagen entwickelt sich von selbst inmitten des Lichts ein Punkt des wahren Licht-Gegenpols. Dann plötzlich entwickelt sich dort die Saat-Perle. Es ist, als wenn ein Mann und eine Frau sich vereinigen und eine Empfängnis stattfindet. Dann muß man ganz still sein und warten. Inmitten der ursprünglichen Transformation ist die Strahlung des Lichts die entscheidende Sache. In der physischen Welt ist es die Sonne; beim Menschen das Auge. Diese Energie ist nach außen gerichtet – fließt nach unten. Deswegen hängt der Weg der Goldenen Blüte ganz und gar von der Methode des Rückwärtsfließens ab.

Das Zirkulieren des Lichts ist nicht nur eine Fantasie.

Indem man die Gedanken konzentriert, kann man fliegen; durch die Konzentration der Wünsche fällt man. Wenn ein Schüler sich wenig um seine Gedanken kümmert und sehr auf seine Sehnsüchte achtet, gerät er auf den Pfad der Versumpfung. Nur durch Kontemplation und Ruhigsein entsteht wahre Intuition: Dafür ist die Methode des umgekehrten Fließens nötig."

Ein großer Meister wurde gefragt: Was ist der Buddha ? "Das Denken ist der Buddha", antwortete er.

Als ihm nach vielen Jahren dieselbe Frage wieder vom selben Schüler gestellt wurde, sagte er: "Kein Buddha, kein Denken." "Warum sagtest du dann früher "Das Denken ist der Buddha" ?" "Damit das Baby zu weinen aufhört ! Hat das Baby erst einmal aufgehört zu weinen, sage ich: "Kein Denken, kein Buddha" !"

Philosophie ist bloß ein Spielzeug – ein Spielzeug, damit das Baby zu weinen aufhört – und das gilt auch für die Theologie. Taoismus besteht aus Erfahrungen und Experimenten; er hat nichts mit Spekulation zu tun. In seiner wesentlichen Natur ist er die Wissenschaft des Inneren; er ist so wissenschaftlich wie jede andere Wissenschaft. Der Unterschied zwischen Taoismus und Wissenschaft besteht nicht in ihrer Methodologie, sondern nur in dem Gegenstand, mit dem sie sich befassen.

20.05.2006 um 16:47 Uhr

Tao Te King 15 (8)

von: tao

Bei einem Lehrer werden wir Studenten sein,

dort existiert eine Beziehung, eine gegenseitige Beziehung;

bei einem Meister können wir nur ein Schüler sein, das ist einseitig –

wir müssen lernen.

Wenn wir nicht lernen, dann lernen wir eben nicht, wenn wir lernen, dann lernen wir,

aber ein Meister ist so glücklich mit seinem eigenen Sein, er kümmert sich nicht darum.

Wenn wir lernen, haben wir seinen Segen; wenn wir nicht lernen

haben wir ihn auch – er ist ein Segen, eine Wohltat.

Bei einem Meister gibt es keine Prüfungen

denn für das Leben sind keine Prüfungen möglich.

Es ist töricht, Lernen mit Prüfungen zu verbinden.

Das ist wohl der Grund dafür

warum Universitäten laufend stupide Leute hervorbringen –

Intelligenz kann nicht examiniert werden.

Es kann kein Kriterium geben, sie zu beurteilen.

Wir können höchstens das Gedächtnis beurteilen,

wir können höchstens die Erinnerungskapazität beurteilen,

aber nicht die Kapazität des Erkennens.

Ein Meister hat keine Examen. Man kommt zu ihm, man lernt, man hat teil.

Er ist ein sich Öffnen in das ungeheuer Weite und Unbegrenzte.

Ein Mensch mit Wissen wird ein Lehrer

und Millionen von Leuten fühlen sich zu ihm hingezogen,

denn wenn wir etwas lernen, fühlt sich unser Ego gestärkt.

Sehr wenige Seelen fühlen sich zu einem Meister hingezogen

denn bei einem Meister werden wir in der Tat verlernen müssen,

bei einem Meister werden wir sterben müssen.

Unser Ego wird komplett zerschmettert werden.

Nur dann können wir in den Tempel eintreten,

in den innersten Schrein des Wesens des Meisters.

19.05.2006 um 13:26 Uhr

Tao 145

von: tao

Gerade jetzt begegnen sich in uns der Narr und der Buddha,

in unserem Inneren schütteln sie sich die Hände.

Unsere Vergangenheit ist der Narr, unsere Zukunft ist der Buddha,

und in diesem Moment sind sie beide in uns.

Der Buddha ist unsere Bestimmung, der Narr ist unsere Realität;

etwas ist aktuell in uns und etwas ist potentiell.

Unsere Tatsächlichkeit ist der Narr,

unser Potential ist der Buddha –

sie sind nicht dasselbe, aber sie können in derselben Person existieren.

Tatsächlich ist der Narr nichts anderes als der konfuse Buddha,

und der Buddha ist nichts anderes als der integrierte Narr, verwurzelt und zentriert.

Der Narr kann der Buddha werden –

die Möglichkeit ist da, aber eine Neugestaltung ist nötig.

Wir haben alles, was nötig ist, in uns

aber es ist in einem tiefgehend in Unordnung gebrachten Zustand, in einem Chaos;

eine Unmenge an Lärm existiert.

Die Harmonie hat sich nicht ereignet.

Die Unmenge an Geräuschen ist der Narr;

aber wenn diese Lärmkulisse verschwunden ist

und die Klänge, unterschiedlich und sogar entgegengesetzt,

in ein tiefgehendes Muster hineingekommen sind,

das Chaos zu einem Kosmos wird, die Unordnung eine Ordnung,

dann ist die Vielzahl nicht mehr da, nur eines existiert.

Wenn sich die Harmonie ereignet hat, sind wir ein Buddha geworden.

Der Narr und der Buddha sind nicht dasselbe,

sie sind zwei Phasen unseres Wachstums.

Der Narr ist die niedrigste Sprosse der Leiter

und der Buddha ist die höchste Sprosse der Leiter.

Die Leiter ist dieselbe, aber die Dimensionen sind total verschieden,

und bevor wir uns nicht des Narren bewußt werden

werden wir niemals zu einem Buddha werden.

18.05.2006 um 14:33 Uhr

Tao 144

von: tao

Versuch es nur

selbstlos zu sein,

aber das ist eine Unmöglichkeit.

Selbst in unserer Anstrengung, selbstlos zu sein

werden wir selbstbezogen bleiben.

Wir erzeugen also eine Dualität, einen Konflikt,

und was wir auch immer an der Oberfläche sagen

verneinen wir laufend tief in unserem Innern –

und das wissen wir gut

denn wie können wir uns selbst betrügen ?

Die Oberfläche sagt das eine,

die Tiefe sendet laufend genau das Gegenteil aus.

Es war einmal,

da gab es einen Prozeß gegen Mulla Nasrudin vor Gericht

und der Richter fragte:

Hast du mit dieser Frau geschlafen, Nasrudin ?

Nasrudin sagte: Nein, Euer Ehren,

überhaupt nicht, ich kriegte nicht einmal ein Auge zu !

Das ist unsere Situation.

Wir sagen etwas

und augenblicklich widerspricht unsere innere Tiefe.

Wir werden zu einem Widerspruch.

Wir werden verspannt.

Unser Leben wird eine tiefe Beklemmung,

ein Leiden.

Der Taoismus lehrt, total selbstbezogen zu sein

denn er lehrt das, was natürlich ist.

17.05.2006 um 16:13 Uhr

Tao 143

von: tao

Unterdrückte Leute leben niemals wirklich, sie geben es nur vor. Leere Worte, leere Gesten. In ihrem Leben gibt es keine Substanz.

Dies ist dein Leben, lebe es – und lebe es in allen Schattierungen, versuche nicht, dich auf eine bestimmte Spielart zu fixieren. Jahr für Jahr können wir sehen, daß es manchmal regnet, manchmal ist es heiß, manchmal ist es Winter, manchmal scheint die Sonne und manchmal ist es sehr bewölkt. Darum ist die Erde so schön. Sie ist nicht monoton, sie ist so reichhaltig. Das Leben eines Menschen sollte ein Leben mit vielen Farben sein, mit vielen Wetterumschwüngen. Eines Menschen Leben sollte ein Regenbogen sein, ein Orchester. Es sollte nicht nur ein einziger Ton sein. Ein Mensch, der in seinem Leben nur einen einzigen Klang hat, ist ein monotoner Mensch, er ist ein armer Mensch, ein abgestumpfter Mensch. Er wird sein Leben nicht genießen – und er wird auch niemandem anderen gestatten, ihr Leben zu genießen. Wo immer er ist, er wird ein Klotz am Bein sein, ein Bremsklotz, er wird die Leute ernst werden lassen, düster und melancholisch, lieblos und voll Angst vor dem Leben. Wenn es im Taoismus einen Sünder gibt, dann ist es das, so zu werden, wäre eine Sünde.

Ein tugendhafter Mensch ist ein Mensch mit vielen Schattierungen. Ein tugendhafter Mensch ist ein Mensch mit gewaltiger Reichhaltigkeit. Er hat ein ganzes Orchester, alle möglichen Töne, in seinem Wesen. Und wir können nur einen Menschen lieben, der alle möglichen Klänge hat, in dem all die Potentialitäten erblühen. Er ist immer neu, niemals alt.

Solange Wut da ist, sei wütend. Gib nicht einfach nach. Wenn Liebe da ist, liebe; wenn Haß da ist, hasse. Sei einfach wahrhaftig, in Harmonie mit dir selbst – das ist Tao. Und dann geschieht ein Wunder: Wenn wir in Harmonie mit uns selbst sind, beginnen wir, in Harmonie mit anderen Leuten zu kommen, und sie fangen an, uns zu respektieren. Wir sind authentisch, wir sind ein solider Mensch. Wir sind nicht hohl, wir sind substantiell, wir haben ein Rückgrat.

Wie kann eine Frau einen Mann respektieren, der immer nachgibt ? Unmöglich. Keine Frau kann solch einen Ehemann respektieren. Wie kann man einen Menschen respektieren, der kein Rückgrat hat, der immer bereit ist, auf dem Boden zu kriechen, der immer Ja sagt ? Das ist unmöglich. Das ist kein wahrer Mensch.

Besser ist es, niemals nachzugeben. Gib nicht nach, lebe dein Leben, was auch immer es bringt ... Wenn es manchmal Konflikt mit sich bringt, dann ist das eben nötig. Dann ist auch ein Sturm nötig. Der Sturm ist genau so sehr nötig wie das Schweigen. Zorn ist so sehr vonnöten wie Mitleid. Das Leben braucht all die Polaritäten.

16.05.2006 um 13:27 Uhr

Tao 142

von: tao

Wenn Meditation zu Samadhi wird, ist sie zur Ekstase geworden,

aber das sollte eher Enstase als Ekstase genannt werden.

Das Wort Ekstase kommt vom griechischen ekstasis,

was bedeutet, außerhalb von etwas zu stehen,

außerhalb unserer Persönlichkeit oder unserer Haut so total zu stehen,

daß wir kein Teil mehr davon sind – das ist Ekstase.

Aber Samadhi ist mehr wie Enstase –

so tief in uns selbst zu stehen,

daß das Innen und das Außen verschwunden sind.

Wir sind zur Innerlichkeit geworden, zum eigentlichen In-Uns-Sein;

nicht daß wir in uns stehen,

wir sind das Im-Inneren-Sein.

Das ist Samadhi.

Das Wort samadhi kommt von zwei Wurzeln:

Die eine ist sam; sam bedeutet zusammen, absolut zusammen;

die andere ist adha; adha bedeutet gehen, erreichen, sein.

Also: Zusammen sein, in das Zusammensein hineinkommen,

zum Zusammensein werden;

Samadhi bedeutet, wir werden so zusammen,

so eins, so kristallisiert,

daß es in uns nichts Gegensätzliches zu uns mehr gibt.

Wir sind eine Einheit geworden, ein Einklang,

eine Harmonie all der Gegensätze.

Das Denken besteht aus Gegensätzen.

Wir denken eine Sache,

und plötzlich widerspricht ein anderer Teil des Denkens.

Wir wollen meditieren ?

Ein Teil des Denkens sagt Ja, ein anderer sagt augenblicklich Nein.

Auch bei kleinen Dingen:

Was sollen wir heute anziehen ?

Wir stehen vor dem Spiegel, und das Denken kann sich nicht entscheiden.

Das Denken ist nicht nur einer, das sind viele.

15.05.2006 um 13:38 Uhr

Tao Te King 3 (1)

von: tao

"Deswegen entleert der Weise, in Ausübung seiner Regierung, ihr Denken, füllt ihre Bäuche, schwächt ihren Willen und stärkt ihre Knochen."

Lao-tses Aussprüche scheinen auf dem Kopf zu stehen – jedenfalls erscheint es uns so. Der Grund dafür ist nicht, daß sie umgedreht sind, der Grund ist, daß wir auf dem Kopf stehen.

Ein Schüler von Lao-tse, Dschuang Dsi, lag im Sterben. Seine Freunde, die sich rund um ihn versammelt hatten, fragten: "Was ist dein letzter Wunsch, Dschuang Dsi ?" Er erwiderte: "Ich habe nur ein Verlangen. In dieser Welt stand ich auf meinen Füßen, in der nächsten möchte ich auf meinem Kopf stehen." Seine Schüler waren perplex. Sie sagten ihm, sie könnten dem nicht folgen, was er da sagte. "Möchtest du im Himmel auf dem Kopf stehen ?", fragten sie. "Was ihr richtig dastehen nennt", sagte er, "ist, das habe ich herausgefunden, so drunter und drüber, so diametral verkehrt, daß ich in meinem nächsten Leben damit experimentieren möchte, daß ich auf meinem Kopf stehe. Vielleicht werden die Dinge dann richtig herum sein."

Lao-tse sagt: "Die Erwachten füllen denjenigen, die sich in ihrer Regierungsgewalt befinden, die Mägen, richtig, und sie stillen ihren Hunger, gut, aber sie leeren ihnen die Köpfe aus." Sie sehen zu, daß dafür gesorgt wird, daß all ihre körperlichen Bedürfnisse befriedigt werden, aber sie arbeiten ständig dafür, daß ihr Denken frei vom Ehrgeiz gehalten wird. Was wir in der Regel tun, ist, daß wir den Körper bedingungslos dafür opfern, um den Ambitionen unseres Denkens Genüge zu tun und unsere Wünsche zu befriedigen. Immerzu sind wir bereit, den Körper auf dem Altar der Sehnsüchte unseres Denkens zu opfern.

Unser ganzes Leben ist eine lange Geschichte des Mordes an dem Körper, um die Wünsche des Denkens zu befriedigen. Und dies nennen wir normalerweise Weisheit. Aber Lao-tse sagt: "Der Magen des Menschen sollte voll sein, aber sein Kopf sollte leer sein."

Was meint er mit einem leeren Kopf ? Was meint er mit einem vollen Magen ? Die Leute sollten gesund, stark und wohlgenährt sein, aber ihr Denken sollte leer sein und unausgefüllt bleiben ! Und das Kriterium für beste Gesundheit ist – ein wohlgefüllter Körper und ein leerer Kopf.

Aber wir sind mehr darauf versessen, den Kopf zu füllen. Das ist unsere lebenslange Anstrengung – das Denken vollzustopfen mit Gedanken, Wunschvorstellungen und Ambitionen ! Nach und nach bleibt der Körper klein zurück, aber das Denken wächst immer weiter an. Der Körper schleppt sich nur noch hinter dem Denken her. Aber Lao-tse sagt: "Das Denken sollte leer sein – wie ein leeres Gefäß."

14.05.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 63 (2)

von: tao

Was heute getan werden kann,

das, was heute getan werden sollte,

kann nicht morgen gemacht werden.

Was heute ein schönes Phänomen gewesen wäre,

ein Mysterium, das gelebt werden sollte,

wird morgen ein äußerst hartes und kaltes Problem werden, das gelöst werden muß.

Das Leben an sich, wenn es hier und jetzt gelebt wird,

ist kein Problem.

Die Verzögerung erzeugt Probleme,

und dann schieben wir immer weiter Probleme vor uns her und das häuft sich.

Dann sammelt sich so viel um uns herum an,

daß es fast unmöglich wird, zu leben – wir sind wie paralysiert,

verkrüppelt,

in einer Zwangsjacke, eingesperrt.

Wenn wir dies erst einmal verstehen,

wird es leicht sein, sich auf dieses Kapitel einzulassen.

Es ist besser, sich von Moment zu Moment mit den Dingen zu befassen,

und es so nicht soweit kommen zu lassen, daß sie sich in uns ansammeln.

Besser, wenn wir keine Akkumulation von Problemen betreiben.

Ds Leben ist in Wirklichkeit schön.

Es wird nur häßlich.

Es ist kein Problem.

Jedes Problem ist so klein,

daß es töricht ist, das Leben ein Problem zu nennen.

Es ist kein Problem für die Bäume,

es ist kein Problem für die Vögel,

es ist kein Problem für die Erde und für den Himmel.

13.05.2006 um 14:16 Uhr

Tao Te King 47 (10)

von: tao

Wenn wir einen Wassertropfen aus dem Ozean nehmen,

und diesen Tropfen analysieren,

haben wir den ganzen Ozean kennengelernt, wenn wir diesen Tropfen durch und durch kennen

denn in dem kleinen Tropfen ist der ganze Ozean verdichtet,

er ist ein Miniaturozean.

Wenn wir den Tropfen analysieren und zu der Erkenntnis kommen, daß er aus H2O besteht,

wissen wir, daß der ganze Ozean aus H2O besteht.

Dann ist es nicht mehr nötig, immer weiter zu machen,

ein Tropfen ist genug.

Wenn wir den Geschmack eines Tropfens kennen, daß er salzig ist,

wissen wir, daß der ganze Ozean salzig ist –

und dieser Tropfen sind wir.

"Ohne aus der eigenen Türe herauszutreten

kann man wissen, was sich in der Welt abspielt..."

Denn wir sind die Welt,

eine atomare Welt,

und alles spielt sich in uns ab.

Es mag sich auf einer viel größeren Skala in der Welt ereignen,

die Quantität mag größer sein, aber die Qualität ist die gleiche.

Indem man sich selbst versteht, versteht man alles.

Das ist unsere Innerlichkeit,

und die ganze weite Welt

ist nichts anderes als wir selbst

geschrieben auf eine riesige Leinwand.

Der Mensch ist die Menschheit.

Wir sind die Welt.

Diese Erkenntnis macht bescheiden.

12.05.2006 um 23:59 Uhr

Tao Te King 71 (6)

von: tao

Die Leute, die auf der ersten Ebene der sozialen Formalität leben, sind absolut krank

aber sie sind nicht sehr gefährlich.

Die Leute, die auf der zweiten Ebene der Rollenspiele leben, sind nicht so absolut krank,

aber sie sind gefährlicher,

denn die werden die Politiker, die Generäle, die Mächtigen, die Millionäre,

sie häufen Geld, Macht, Prestige und dies und das an,

und sie spielen Spiele im großen Stil.

Und wegen ihrer Spiele

wird Millionen von Leuten nicht einmal ein Schimmer an Leben zugestanden.

Millionen werden geopfert wegen ihrer Spiele.

Wenn wir auf der zweiten Ebene stecken geblieben sind, dann bedarf es einer Wachsamkeit.

Auf jeder Ebene gibt es immer zwei Möglichkeiten.

Die erste Ebene ist ein Gleitmittel für einen Menschen, der sie versteht;

daran ist nichts verkehrt, es hilft;

Es glättet und ebnet die Bewegung in die Welt hinein.

Da sind Millionen von Leuten, und es gibt viel Konflikte – die muß es geben,

und wenn wir mit den Leuten ein wenig formell sind, wissen, wie man sich benimmt,

hilft das – uns und auch den anderen; daran ist nichts verkehrt.

Aber wenn das alles wird, dann geht alles schief.

Dann wird die Medizin zum Gift.

Diese Unterscheidung ist ständig auf jeder Ebene zu beachten.

Auf der zweiten Ebene, wenn wir das Spiel bloß genießen,

wohl wissend, daß dies ein Spiel ist,

und wir nehmen diese Rollenspiele gar nicht ernst –

in dem Moment, in dem wir es ernst nehmen, ist es kein Spiel mehr,

es ist zur Wirklichkeit geworden, dann sind wir gefangen –

wenn es für uns ein Spaß ist, den wir genießen können: völlig in Ordnung !

Wir können es genießen und anderen helfen, sich auch daran zu freuen;

die ganze Welt ist eine große Bühne,

aber nur, wenn wir sie nicht ernst nehmen.