Taoistische Reflektionen

31.05.2006 um 21:32 Uhr

Tao 152

von: tao

Diese Leere, von der der Taoismus spricht, ist nicht negativ.

Das wird leicht missverstanden,

denn allein schon das Wort „Leere“ sieht aus wie die Abwesenheit von etwas.

Nein, das ist sie nicht, sie ist nicht negativ, das ist nicht wie bei der Dunkelheit;

es ist ein positives Phänomen. Wir sind ein Nicht-Selbst.

Wenn diese Positivität nicht beachtet wird,

wird uns das Wort „Leere“ eine falsche Assoziation vermitteln,

dann denken wir vielleicht, es ist einfach leer.

Taoistische Leere ist keine Leere von etwas,

es ist damit auch nicht die Abwesenheit von etwas gemeint. Nein.

Es ist Leersein, es ist Leere an sich, es ist die Leere selbst.

Leere wird als ein positiver Begriff verwendet,

und wenn es positiv ist, ist es total anders.

Wir haben Leere nur auf negative Weise kennen gelernt.

Wenn wir in ein Zimmer gehen und da sind keine Möbel,

sagen wir, der Raum ist leer, da ist nichts.

Wir gehen wieder hinaus und wenn wir gefragt werden,

was wir in dem Zimmer gesehen haben,

werden wir sagen: Es ist leer.

Keine Möbel, keine Bilder an den Wänden, nichts – bloß leer.

Wir gingen in das Zimmer, aber wir sahen nur den negativen Teil.

Der Raum ist voll mit „Räumlichkeit“, die ist uns nicht begegnet;

ein Raum ist Leere, ein Zimmer bedeutet Raum.

Etwas kann hineingebracht werden, Möbel können hineingetragen werden,

denn da ist Freiraum, da ist Leere, da ist Platz.

So haben wir das nicht gesehen. Sonst wären wir herausgekommen

und hätten geantwortet, das Zimmer ist vollständig,

da ist nichts, da existiert nur Leere,

der Raum ist bereit dafür, irgendetwas in sich aufzunehmen – er hat Platz.

Dann haben wir die positive Leere zur Kenntnis genommen.